Supernova (2021)

BEVOR ICH ES VERGESSE

6/10


supernova© 2021 Weltkino


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: HARRY MACQUEEN

CAST: COLIN FIRTH, STANLEY TUCCI, JAMES DREYFUS, PIPPA HAYWOOD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erzählen. Aber auch nur, so lange er sich daran erinnern kann. Das homosexuelle Liebespaar Sam und Tusker tun das, bevor es zu spät ist. Denn Tusker hat beginnende frühe Demenz – ein Schicksal, dass, wenn es hart auf hart kommt, dem Erkrankten alle Erinnerungen nimmt, ungefähr so wie bei Anthony Hopkins in dem genialen Psychodrama The Father. Sam könnte damit leben – Tusker womöglich nicht. Denn dieser ist Schriftsteller und möchte zumindest noch, bevor es so weit kommt und gar nichts mehr geht, seinen neuen Roman zu Ende bringen. Jetzt allerdings heißt es Urlaub machen, und so sind beide mit dem Wohnwagen unterwegs quer durch England, damit Sam am Ziel ihrer Reise – er ist schließlich bekannter Pianist – nochmal ein Konzert geben kann. Zwischendurch machen sie Halt bei den Verwandten, laden alle möglichen Freunde und Bekannten ein, um nochmal so richtig Party zu machen. Womöglich die letzte. Denn Sam wird sich um den bereits jetzt schon feinmotorisch stark beeinträchtigten Partner kümmern müssen. Soll ihm recht sein – solange beide zusammenbleiben können.

Autorenfilmer Harry McQueen hat für sein eigens konzipiertes Roadmovie, das sehr auf leise Töne und sachte Gesten setzt, scheinbar das absolut richtige Duo gecastet: Stanley Tucci und Colin Firth. Beide ergänzen sich und harmonieren prächtig. Firth, der schon in Tom Fords A Single Man einen Homosexuellen verkörpert hat, empfindet auch hier, in Supernova, keinerlei Berührungsängste davor, für das eigene Geschlecht in völliger Natürlichkeit Zuneigung zu imitieren. Sein Spiel ist authentisch und enthält keinerlei Scham davor, Schwäche zu zeigen. Damit gemeint sind Gefühle, die Männern angesichts gesellschaftlicher Erwartungshaltungen vielleicht nicht so gut zu Gesicht stehen. Firth steht zu diesem Gefühlsspektrum mit Würde. Stanley Tucci tut es ihm gleich. Der sonst und viel zu oft nur in recht dankbaren, aber einfach gezeichneten Nebenrollen zu sehende Charakterkopf ist nun endlich mal ganz vorne mit dabei: als ein stolzer Poet, der nicht vergessen will, und weiß, zu welchen Schritten er fähig sein muss, um seine Würde zu bewahren. Supernova konzentriert sich ganz auf das Miteinander seiner beiden hochsensiblen Figuren, ohne sich allerdings aus dem in Reichweite befindlichen Füllhorn an tragischer Romantik zu bedienen. MacQueen ist dieses Tränenspiel weitestgehend fremd. Hier zählt die beruhigende Nähe, die Schulter zum Ausruhen oder die tröstende Hand des anderen.

Auch wenn Supernova als Roadmovie konzipiert ist, mutet es dennoch an wie ein Kammerspiel, das in seinen leisen Tönen und indirekten Andeutungen zu sehr auf Reduktion setzt. Meist gelingt MacQueen, aus weniger mehr zu machen. Manchmal aber auch, und vielleicht auch vermehrt gegen Ende des Films, bleiben die vagen Gefühlsregungen und das stille Miteinander etwas zu betulich, um die Wucht des letztendlich eintretenden Dramas auch selbst nachempfinden zu können.

Supernova (2021)

The Father

IM LABYRINTH DES ALTERNS

8/10


thefather© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: FLORIAN ZELLER

DREHBUCH: FLORIAN ZELLER, CHRISTOPHER HAMPTON

CAST: ANTHONY HOPKINS, OLIVIA COLMAN, IMOGEN POOTS, OLIVIA WILLIAMS, MARK GATISS, RUFUS SEWELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Da hat der Grand Seigneur der britischen Schauspielkunst wohl große Augen gemacht: Anthony Hopkins hat seinen zweiten Oscar gewonnen, und zwar für eine Rolle, die von einem kannibalischen Akademiker namens Hannibal Lecter kaum weiter entfernt sein kann. In The Father ist er nur das, was das ganz normale Leben aus einem macht, irgendwann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist. Irgendwann, da ist die Gegenwart gleich Vergangenheit, und das Vergessen von Dingen, die erst passiert sind, ein treuer, aber lästiger Gefährte. Florian Zeller (u. a. Nur eine Stunde Ruhe!), bislang mehr Schreiberling als Regisseur, hat sein eigenes Theaterstück adaptiert und verfilmt – und damit eine Kehrtwende in der Darstellung dramatischer Umstände eingeleitet.

Dabei beginnt alles so normal, wie man es selbst kennt, wenn man seine Großeltern oder Eltern besucht, und diese schon, hochbetagt und in der eigenen fernen Vergangenheit verweilend, über die Pflegekraft wettern und am Liebsten in Ruhe gelassen werden wollen, weil sie sowieso alles besser wissen oder durchaus alles alleine machen können. Der Nachwuchs, voller Sorgen, sieht das natürlich anders. So wie Tochter Anne, gespielt von „Queen Anne“ Olivia Colman. Sie ist einziger Bezugspunkt des alten Mannes, der damit klarkommen muss, dass seine Tochter nach Paris ziehen wird. Oder doch nicht? Am nächsten Tag behauptet sie nämlich etwas ganz anderes. Und plötzlich ist da ein fremder Mann, der meint, dass er hier wohne und Annes Gatte sei, ist sie doch schon seit fünf Jahren geschieden. Und dann die verflixte Sache mit der Uhr. Die Heimhilfe scheint sie gestohlen zu haben, deshalb habe er sie rausgeekelt. Eine neue soll kommen, die so aussieht wie seine andere Tochter, die sich aber seltsamerweise nie blicken lässt. Was genau geht hier vor, denkt sich Anthony Hopkins zwischen resoluter Gesinnung und verlorenen Blicken, während er am Bettrand sitzt und die Welt nicht mehr versteht.

Es ist, als tauche man in ein Mysterydrama, in dem nichts so ist, wie es scheint – und umgekehrt. Das ist höchst irritierend, hochgradig verwirrend, und man versucht als Zuseher selbst, diese obskure Wahrnehmung zu entwirren und eine Ordnung hineinzubringen in ein zeitweiliges Durcheinander aus permanent wechselnden Gestalten und Gesichtern. Was Florian Zeller aber tut, ist, uns zu ermöglichen, genau das wahrzunehmen, was ein alternder Mensch wahrnimmt, wenn er anfängt, dement zu werden. Filme darüber gibt es viele, stets aus der Sicht der betroffenen Restfamilie, die sich sorgenvoll berät. Dieses Werk hier ist anders. Es lässt zwar die nahen Verwandten und Beteiligten ebenfalls zu Wort kommen, doch das wahre Kunststück dieser Odyssee durch den Geist ist jenes, dass man selbst, genau wie Hopkins, die Kontrolle verliert. Um dann, aus dieser Konfusion heraus, einen Geisteszustand wie diesen besser verstehen zu können. The Father ist ein Labyrinth, dessen Muster im Laufe des Films klarer werden und den eigenen Horizont erweitern. Wie Zeller seine sich stets wiederholenden, kurzen Szenen, die immer wieder in anderem Kontext erscheinen, koordiniert, zeugt von dramaturgischer Raffinesse. Dabei stellt er sich diesem akkurat entworfenen Chaos mit gewissenhafter Neugier und zeichnet mit einem nuanciert aufspielenden und niemals in pathetischen Manierismen abdriftenden Hopkins den Prozess eines zerbröckelnden Geistes, dem die Gegenwart abhanden kommt und dem inmitten all des Verlustes nur die eigene Erinnerung ans Jungsein bleibt.

The Father

Du hast das Leben vor dir

LERNEN VON DER DIVA

5/10


lebennochvordir© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: EDOARDO PONTI

CAST: SOPHIA LOREN, IBRAHIMA GUEYE, RENATO CARPENTIERI, ABRIL ZAMORA, IOSIF DIEGO PURVU, BABAK KARIMI, MASSIMILIANO ROSSI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Da haben wohl die Wände der Cinecitta-Studios in Rom gewackeltt, wenn Sophia Loren mit ihrem unvergleichlichen Stimmorgan durch die Gegend wetterte. Nach Sandalenfilmen noch und nöcher – darunter auch Quo Vadis – brillierte sie in Filmen von Vittorio de Sica, spielte mit allen nur erdenklichen Größen des Films, war sogar – Celebrity-Kenner aus Österreich wissen – mit Baumeister Lugner am Opernball. Die Loren – das ist schon mehr eine Institution als nur eine Künstlerin. Jetzt, im Alter von stolzen 86 Jahren, ist die resolute Römerin nach fast elfjähriger Kinopause zwar nicht wieder auf der Leinwand zu sehen, dafür aber im Repertoire von Netflix zu finden. Wer, wenn nicht ihr eigener Sohn Edoardo Ponti (Papa ist der große, 2007 verstorbene Produzent Carlo Ponti) konnte die Grande Dame wohl am ehesten davon überzeugen, nochmal vorzutreten. Mit stattlicher, steingrauer Haarpracht, immer noch energisch im Auftreten, immer noch lautstark, aber letzten Endes ein Schatten dessen, was die Loren einmal war. Und es ist immer noch genug geblieben. Als ehemaliges Mädchen von der Straße ist die Monsignorina nun Aufpasserin diverser Bälger noch im Dienst befindlicher Arbeitskolleginnen. Eine Gemeinschaftspflicht, der Madame Rosa, wie sie sich nennt, durchaus nachkommen kann. Zeit und Muße sind ja vorhanden, was hat Frau sonst noch zu tun. Nicht ganz in den Kram passt ihr dann natürlich die Bitte einer ihrer Bekannten, den zwölfjährigen senegalesischen Jungen namens Momo bei sich aufzunehmen. Warum gerade dieser Bengel, hat der doch am Markt ihre Einkaufstasche geklaut? Der Junge entschuldigt sich, mehr dazu gezwungen als einsichtig. Mit Murren nimmt Rosa ihn auf, nichts ahnend, dass dieser noch ein ganz anderes Süppchen am Kochen hat, nämlich das Dealen von Drogen auf der Straße. Aus der Sicht des Jungen bleibt seine Unterkunftgeberin aber auch einige Erklärungen schuldig: Erstens die seltsamen, eintätowierten Zahlen auf ihrem Handgelenk, zweitens ihr immer wiederkehrendes Verschwinden im Keller des Hauses, und drittens ihre gespenstischen Blackouts.

Du hast das Leben vor dir beruht auf dem Roman des Franzosen Romain Gary. Eine erste Verfilmung in den Siebzigerjahren hatte damals gar den Oscar als besten fremdsprachigen Film gewonnen, Simone Signoret erhielt obendrein noch den Cesar. Madame Rosa muss für Sophia Loren eine Traumrolle gewesen sein. Die körperlichen und geistigen Tücken des Alters, kombiniert mit traumatischen Erinnerungen an den Holocaust und das ganze wieder verknüpft mit der aktuellen und akuten Problematik verwaister Flüchtlingskinder – eine Menge Stoff, um sich schauspielerisch ordentlich austoben zu können. Das tut die Loren dann auch. Lässt es teils ironisch derb, teils melancholisch, teils wahrhaftig werden. Edoardo Ponti muss begeistert gewesen sein von seiner immer noch stolzen Mama. So begeistert, dass er den Rest des Films irgendwie nebenher mitgedreht hat. Denn so richtig großes Kino ist sein Film nicht geworden. Immer dann, wenn Sophia Loren mal nicht im Bild ist, ruht der Streifen in konventioneller Problemwälzung, die nicht sonderlich engagiert wirkt. Die eben sein muss, denn sonst gäbe es keine Story rund um die sympathische Diva, die noch einmal zeigen will, was sie kann. Zu oberflächlich überfliegt Ponti seine existenzialistischen Themen, zu wenig verstehen will er das große Politikum zum Thema Immigration. Jungschauspieler Ibrahima Gueye macht auch nicht den Eindruck, irgendetwas an seinem Ist-Zustand verändern zu wollen. Erst ganz am Schluss brodeln lange erwartete Synergien zwischen Jung und Alt an die Oberfläche, ab dann wird’s tatsächlich packend, rührselig vielleicht auch, ja – allerdings nur kurz, weil Ponti sich viel zu viel Zeit gelassen hat, um den Plot voranzubringen, und um dort hinzukommen, wo die Essenz der Geschichte angezapft werden kann. Zu wichtig war ihm die Inszenierung seines ganz persönlichen Stars, um dramaturgische Prioritäten gerne außer Acht zu lassen.

Du hast das Leben vor dir