The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Border

ES IST NICHT LEICHT, EIN MENSCH ZU SEIN

6/10

 

border© 2019 Meta Spark – Kärnfilm

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: ALI ABASSI

CAST: EVA MELANDER, EORO MILONOFF, JÖRGEN THORSSON, STEN LJUNGGREN U. A. 

 

Im Meisterwerk von David Lynch, Der Elefantenmensch, ist das Andersartige Grund genug, um eine Attraktion zu sein, die Geld einbringt. Auch bei Tod Brownings Freaks ist das so. Diese Filme berichten aus einer Zeit, in welcher der Begriff Evolution gleichsam Blasphemie und das Abheben von der Masse nichts Gutes sein konnte. Aus dieser Unerkärlichkeit sichtbarer genetischer Mutationen entstanden allerlei Geschichten, Mutmaßungen, Ängste – zusammengefasst als Wunder, und diese Wunder, verpackt in Geschichten, die von Generation zu Generation wuchsen: Mythen. Dort, wo die Nächte lang und die Unwirtlichkeit der Natur unabänderlich sind, gediehen Mythen am Besten. So zum Beispiel in Schweden. Da sind die Wälder unendlich, die Tage seltsam hell oder in scheinbar ewig finster. In Schweden ereignen sich auch jene seltsamen Dinge, die Regisseur Ali Abassi zu einem modernen Märchen zusammengefasst hat, einem Märchen für Erwachsene und Aufgeschlossene wohlgemerkt, und nicht für Anhänger bekannter Versatzstücke und Schablonen, die wir von Grimm, Bechstein oder Andersen kennen. Border schweißt die Mythen des Märchen- und Legendenhaften in die industrialisierte und organisierte Nüchternheit einer Plastiktüte, verwahrt in einem Kühlschrank oder zwischen den kahlen Wänden einer nüchternen Zollstation mit Zimmern für Leibesvisitation. Dass es möglich ist, das Märchenhafte so dermaßen von folkloristischem Zauber zu entrümpeln, ist wiederum sagenhaft. Aber auch erschreckend.

Es ist schwierig, Border zu analysieren, ohne zu viel zu verraten. Meine Review sollte, so mein Ziel, sowohl von Kennern als auch von Nichtkennern des Films gelesen werden können. Klar ist, dass sich Border schwer einordnen lässt, allerdings aber weniger schwer in ein Genre als in ein Spektrum der Wertigkeit. Ist Border nun ein guter oder ein schlechter Film? Mag man ihn oder findet man ihn abstoßend? Abassis Adaption einer phantastischen Kurzgeschichte von John A. Lindqvist, der auch die erste Drehbuchfassung hierzu schrieb, und auf dessen Konto auch der Vampirklassiker So finster die Nacht geht, ist in jedem Fall eine feuchtkalte Ode an das Hässliche. Was schon mal damit beginnt, dass Zollbeamtin Tina nicht so ist wie alle anderen. Also nicht normal. Das sieht man schon, ihr Gesicht ist deformiert, grobknochig und derb wie das eines Neanderthalers. Ein genetisches Überbleibsel? Nein, womöglich nicht, denn Tina kann Gefühle riechen, oder besser gesagt: wittern. Fast wie ein Tier. Ein Tier ist sie aber auch nicht, dafür benimmt sie sich zu sehr wie ein Mensch, wie ein normaler Mensch. Und trifft irgendwann auf einen, der genauso aussieht wie sie, immer öfter ihren Weg kreuzt oder gar aufkreuzt und in die Hütte hinter ihrem Haus zieht. Vertrauen weckt der finstere Hüne aber nicht. Eher Furcht. Oder Verlangen. Und irgendwann lichtet sich der Wald des Unbekannten, und das, was man vor lauter Bäumen nicht gesehen hat, wird klar erkennbar.

Dabei hat Border die Natur weniger im Blick, als es zu vermuten gewesen wäre. Auch wenn Tina Füchse, Elche und andere Tiere des Waldes mit ins Vertrauen zieht, ist hier nur die zutrauliche Natur eine Reaktion auf etwas anderes. Abassi beschäftigt sich in seinem eigenwilligen Bildnis nicht nur mit der möglichen Subjektivität von Hässlichkeit, sondern auch mit Grenzen im weiteren Sinne. Mit Grenzen nämlich, die die Sicht auf gewohnte Dinge einschränken. Sind diese mal überschritten, ändert sich der Blickwinkel, und das Fremde, Abstoßende, völlig gegen die Norm Gebürstete wird zur logischen Konsequenz. Wann ist das Hässliche normal, und wann das Normale hässlich? Border bringt es auf den Punkt, weil er das Gewohnte pervertiert, das scheinbar Perverse aber nicht schönzeichnet, sondern in einen anders vertrauten Kontext stellt. Das kann zu einer durchaus unliebsamen, mitunter irritierenden Erfahrung werden, weil sich in Border Unerwartetes auftut und wir als Zuseher nicht so schnell schalten können, um das Sonderbare anzunehmen. Doch zum Glück für jene, die aufgeschlossen genug sind: Tinas Schicksal kokettiert ganz eindeutig mit dem uralten Phantastischen, mit den Mythen eben. Dieses Schicksal lässt am modernen Menschen kein gutes Haar und sehnt sich nach einer verschwundenen Vergangenheit. So bizarr Abassis Film aber auch sein mag, so urwütig und misanthrop – zwischendurch lässt sich im Hässlichen etwas Magisches entdecken. Ehe man sich’s versieht, ist es auch schon wieder verschwunden, und das Mythische bleibt entzaubert. Ob ich das will, weiß ich nicht. Ich glaube, eher nicht. In Border wird mir das Phantastische zu real. Und das Gewohnte zu unschön. Doch immerhin überlegt der Film mal ganz was anderes, hebt die Grenzen auch zwischen den Genres auf, und das ist unbequem. Und auch nicht notwendig. Immerhin aber ein Werk, auf das man sich einlassen muss, gerne kann und von mir aus auch soll, das vor allem ambivalent bleibt, das Kryptische in unserer Welt aber dennoch zu wenig wertschätzt.

Border

Professor Marston and the Wonder Women

MIT DEM LASSO DER WAHRHEIT

7/10

 

PROFESSOR MARSTON AND THE WONDER WOMEN© 2017 Claire Folger / Annapurna Pictures

 

LAND: USA 2017

REGIE: ANGELA ROBINSON

CAST: LUKE EVANS, REBECCA HALL, BELLA HEATHCOTE, JJ FEILD U. A.

 

Letztes Jahr hat sich Stan Lee, unter anderem Vater von Hulk, Spider- und Iron Man, verabschiedet. Das ist kaum jemandem entgangen. Und kaum jemand kennt sie nicht, die nach Magnum wohl berühmteste Rotzbremse jenseits des Atlantiks. Die Understatements des kreativen Cameo-Crashers in allen Marvel-Filmen werde ich schmerzhaft vermissen. Das war so etwas wie der gute Ton, und auch sowas wie ein künstlerischer Rembrandt-Effekt – hat sich der niederländische Maler doch selbst auch das eine oder andere Mal in seinen Gemälden verewigt. Lee wird wohl auf Bob Kane, den Schöpfer von Batman treffen, auf Jack Kirby, Jerry Siegel und Joe Shuster. Und vielleicht auch auf William Marston.

Marston – Wer bitte soll das gewesen sein? Nun, der Psychologe und ehemalige Universitätsdozent aus Massachusetts schuf Anfang der 40er Jahre niemand geringeren als Wonder Woman. Die Superheldin griechischen Ursprungs hatte bei Erscheinen noch ein Faible für schlüpfrige Bondage-Praktiken – mittlerweile aber ist aus der knapp bekleideten Amazone die Gallionsfigur des filmischen DC Universums geworden. Zu verdanken ist dieser Erfolg der unvergleichlichen Ausstrahlung von Gal Gadot, die besetzungsmäßig keinerlei Alternativen mehr zulässt. Umso mehr hoffe ich, dass ihr Vertrag mit Warner noch lange genug andauert. Blickt Diana Prince nun also zurück auf ihre Herkunft, und vielleicht sogar noch ein gutes Jahrzehnt darüber hinaus, so finden wir uns im Vorlesungssaal einer Universität wieder, in der Professor William Marston, gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth, die Verhaltensgrundmuster des Menschen erörtert. Der kleine Wissensbonus am Rande: Das von Marston sogenannte DISG-Modell, das unser Verhalten auf vier Grundmuster herunterreicht – Dominanz, Veranlassung, Unterwerfung und Einhaltung – wurde von Kollegen des Fachgebietes weiterentwickelt und ist bis heute gebräuchlich. Auf der Suche nach einer Assistentin sticht also dem intellektuellen Freigeist sofort die junge Olive Byrne ins Auge. Die Frischverlobte kann sich dem unorthodoxen Liebeskarussel, zu welchem die beiden Gelehrten sie einladen, nicht wirklich lange verwehren. Sie löst ihre Bindung und begibt sich in eine für damalige Verhältnisse sündhafte Dreiecksbeziehung. Verlangen wird ausgelebt, Intimitäten werden geteilt, auf homo- wie auch auf heterosexueller Ebene. Und Unterwerfung spielt von allen vier Grundmustern des Verhaltens hierbei die größte Rolle. Wobei es nicht nur mehr die Frau ist, die dominiert wird – sondern auch der unterwürfige Mann. Mit diesem Paradigmenwechsel sind wir bei Wonder Woman angekommen. Bald schon werden die provozierenden Panels, verlegt von DC-Herausgeber Max Gaines, zu einem Skandal der Unterhaltungskultur. Eine Hetzjagd auf die gedruckten Schundblätter beginnt, und nicht selten enden diese in dessen massenhafter Verbrennung.

Hochinteressant, was Filmemacherin Angela Robinson hier recherchiert hat. Längst ist Professor Marston & The Wonder Women nicht nur für Comic-Fans und Freunde der Popkultur ein Muss – das biographische Dreiecksdrama setzt seinen Schwerpunkt zwei Drittel seiner Laufzeit auf das Hinterfragen und Brechen gesellschaftlicher wie sexueller Konventionen, stiftet Chaos innerhalb „erlaubter“ Dogmen und plädiert für die Emanzipation der freien Liebe. Geschickt webt Robinson in das Geflecht von Sex, Lügen und Unterwerfung die Entwicklung des Lügendetektors und einen dezenten Mix der Zeitebenen, ohne das Tableau ihres filmischen Contents in Schieflage zu bringen. Kann sein, dass man irgendwann fragt, was denn diese polyamore Lebensgeschichte mit der Geburt der anfangs noch Suprema genannten Superfrau im Fetisch-Trikot zu tun hat – doch auch hier fließt der eine rote Faden in den anderen. Und dann ist sie da, die fast schon sakrale Erscheinung mit Diadem, Lederstiefel und Lasso, wie sie im Hinterzimmer eines Dessousladens in Gestalt von Olive Byrne das Querdenken von Autor Marston neu entfacht. Wonder Woman ist also anfangs ein Testimonial für das Recht, zu lieben wie man will, Tendenz Sadomaso. Erst Jahrzehnte später entfällt die sexuelle Attitüde der gerne fesselnden und gefesselten Kriegerin, die Justice League dankt. Wie es aber so weit kommt, das ist eine Geschichtsstunde der Psychologie und der gezeichneten Panels. Darüber hinaus liefert Rebecca Hall in der Rolle der eigensinnigen Mrs. Marston ihre bislang beste schauspielerische Leistung ab, ihr emotionales Wechselbad zwischen Trotz, Wagemut und Sensibilität ist im wahrsten Sinne des Wortes dominierend, und die Australierin Bella Heathcote setzt Erotik, Begehren und Scham in eine elektrisierende Wechselwirkung. Bis sie sich als inkarnierte Idee hinter Wonder Woman in der Rolle der Unterwerfenden wiederfindet.

Fast schon ist Professor Marston & The Wonder Women ein Stoff, aus dem Roman Polanski womöglich auch gerne einen Film gemacht hätte. Erinnerungen an seine Werke Bitter Moon oder Venus im Pelz werden wach. Beides mit ähnlichen Themen, doch Robinson´s Dreiecksdrama ist auf eine andere Art vielseitiger, weil es sich in der Chronik uns bekannter Ikonen verankert. Wonder Woman sieht man nach diesem Film vielleicht sogar mit anderen Augen, und das ist bereichernd, erhält sie dadurch noch eine Metaebene, an die sie sich vielleicht selbst nicht mehr erinnern kann.

Professor Marston and the Wonder Women