Little Joe

PFLANZ IM GLÜCK

6/10


littlejoe© 2019 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2019

BUCH / REGIE: JESSICA HAUSNER

CAST: EMILY BEECHAM, BEN WISHAW, KERRY FOX, DAVID WILMOT, LEANNE BEST, LINDSAY DUNCAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Drei Dinge soll – angeblich laut Martin Luther – „ein Mann“ im Laufe seines Lebens tun: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. Oder eine Blume, meint Jessica Hausner. Blumen tun‘s nämlich auch. Vielleicht sogar so eine wie Little Joe. Ein aus dem Reagenzglas herangezüchtete, sterile, blattlose Pflanze, die aussieht, als wäre sie aus Plastik. Blumen also, die die Welt nicht braucht. Oder haben Rosen, Tulpen und Lilien ihren Reiz verloren? Nun ja, sie duften zwar gut (zumindest für manche), machen aber nur begrenzt glücklich, da sie irgendwann verwelken. Little Joe allerdings verwelkt scheinbar nicht und macht dazu noch auf Dauer glücklich. Nur aufs Gießen darf man nicht vergessen. Doch darüber braucht sich die Pflanze nicht sorgen. Warum – diese Frage lässt Hausner wohl lieber Emily Beecham beantworten, die als Botanikerin in einem britischen Labor für dieses Musterbeispiel an menschengemachter Natur die Verantwortung trägt, gemeinsam mit Ben Wishaw, der diesmal nicht an Parfüms, dafür aber an Blütenblättern schnüffeln darf. So gut wie in allem, was der Mensch je selbst geschaffen hat, schwelt außerdem ein Quäntchen Chaos. Eine kleine Unbekannte, vielleicht nur eine vernachlässigbare Fußnote, die aber, wie ein gehässiger Nachbar, ein sonst gutes Leben vergällen kann.

Dass die Blume, die hier im Glashaus langsam ihre blutroten Blätter teilt und Pollen versprüht, der darwin’schen Evolutionslehre Nachdruck verleiht, sollte den Expertinnen und Experten, welche die Zusammenhänge in der Natur verstehen wollen, relativ klar sein. Doch wie so oft ist der Mensch erfolgs- und profitorientiert. Das Ego steht im Weg und das große Ganze gerät außer Sicht. Jessica Hausner zeigt also in ihrem extravaganten Science-Fiction-Film, was passiert, wenn pervertierte Biologie Dinge, die längst schon einfach genug sind, noch einfacher macht. Ein lobenswerter Ansatz, ein bemerkenswertes Konzept für einen prinzipiell klugen und gewissenhaften Film – der allerdings nicht nur in die rote Blume, sondern in sich selbst auch sehr verliebt zu sein scheint.

Jessica Hausner dürfte damit, dass Emily Beecham sogar die Goldene Palme für ihre Performance in diesem Film gewonnen hat, längst international gefragt sein. Und ja, zugegeben – ihr Stil ist unverkennbar. Sehr geschmackvoll, sehr apart. Jedoch ernüchternd ereignislos. Diesen Eindruck konnte ich bereits in ihrem Glaubensbekenntnis Lourdes gewinnen. Wenig scheint zu passieren, emotionale Spitzen gibt es keine, alles bleibt stets sehr bedächtig. Von Pathos will Hausner nichts wissen. Sie zelebriert eine Neue Sachlichkeit, fast schon wie Jorgos Lanthimos. Unterkühlt, dafür aber artifiziell bis in Emily Beechams aufgeföhnte, rotorange Haarspitzen. Die wirken als auffallender Farbklecks souverän und komplementär zum kalten Weiß des Labors, zu den pastelligen, grünen Mänteln der Wissenschaftler. Die ganze Welt scheint bei Hausner in monochromen Flächen unterteilt zu sein, meist eben blass, gedeckt, niemals schreiend. Farbe ist auch hier, wie in der Welt der Blumen, das Lockmittel schlechthin, wenn schon Gerüche nicht über den Screen transportiert werden können. Am Liebsten hätte Hausner das wohl gehabt. Dann hätten Farbe und Geruch den Menschen als lediglich einen Teil des viel größeren Ökosystems erklärt, der übrigens nicht viel gewiefter zu sein scheint als eine Hummel auf dem Weg in den pollenbesetzten Schlund der Glückseligkeit.

Little Joe wird somit zu einem nüchternen, zögerlichen, unterm Strich aber durchaus zynischen Gleichnis vom Mensch und seinen verqueren Ambitionen, die Perfektion der Natur zu verschlimmbessern.

Little Joe

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Mary Poppins Rückkehr

DELOGIERUNG EINER NANNY

3/10

 

null© 2018 Walt Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROB MARSHALL

CAST: EMILY BLUNT, BEN WISHAW, EMILY MORTIMER, COLIN FIRTH, DICK VAN DYKE U. A.

 

Vom Schlachtschiffkonzern der Entertainmentindustrie, der sich wie eines der Raubtierstädte aus Mortal Engines alle möglichen Kreativschmieden einverleibt hat, lässt sich zumindest eines bemerken: Disney setzt vorwiegend auf das richtige Pferd. Und das betrifft nicht nur alle durchkonzipierten Universen wie Marvel oder Star Wars (zumindest aus meiner Sicht – da gibt es sicher viele Gegner), sondern auch die Live Act-Reboots unzähliger Disney-Animationsklassiker wie Cinderella, Das Dschungelbuch oder kürzlich Dumbo. Aber auch wenn oder trotzdem so vieles auf der Haben-Seite zu verzeichnen ist – manches hat Disney auch versenkt. Wie zum Beispiel Mary Poppins Rückkehr. Mit dem Sequel des charmanten Musicalklassikers aus den 60er Jahren hat der Mauskonzern bist dato sein größtes Eigentor fabriziert, ein astreiner Elfmeter ohne ambitionierte Gegenwehr. Wenn man so will einen Affront gegen den verspielten Hollywood-Geschmack eines familientauglichen Retro-Evergreens, wie Mary Poppins es seinerzeit gewesen ist.

Da zwirbeln die Karamell-Töne wie Chim Chim Cher-ee immer noch leise verhallend in den Ohren, oder das tänzelnde Gaudium Supercalifragilisticexpialigetisch wehrt sich immer noch verbissen der korrekten Artikulierung. Fast ganz vergessen: A Spoonfool of Sugar! So wird bittere Medizin direkt wohlschmeckend, und vor allem bei dem für Tropenreisen gesundheitlichen Gesundheitscheck ist die Würfelzucker-Schluckimpfung gegen Cholera immer noch die beliebteste. Bei Mary Poppins Rückkehr wäre die Arznei immer noch pobackenkneifend bitter, trotz Zufuhr an Süße. Die Lösung für Disney – noch mehr Zucker. Das wird den bitteren Geschmack schon übertünchen. Nun – das tut es, und da hätte ich lieber den bitteren Geschmack verkostet als das, was P. L. Travers womöglich im Grab rotieren lässt. Musicalexperte Rob Marshall (Chicago, Nine, Into the Woods) kann zwar auf eine ganze Werkschau musikalischer Revuen zurückblicken, und man möchte meinen, dass der Amerikaner ein sicheres Gespür für Libretto und musikalisches Timing hat – seine Auftragsarbeit zur Entstaubung des Disney-Archivs gerät aber zu einer aussichtslosen Wiederbelebung einer längst vergangenen Kinoepoche, die mehr als ein halbes Jahrhundert später der spukhaften Präsenz während einer Séance gleichkommt. Nicht alles lässt sich reanimieren, das wird bei Marshalls Film mehr als deutlich. Einziger Lichtblick vorneweg: Emily Blunt. Kult-Kindermädchen Julie Andrews wäre mit ihrer Wahl zufrieden gewesen – in ihrer Mischung aus leichter Enerviertheit, Strenge und verspielter Zuversicht ist Blunt aus Mary Poppins Rückkehr ziemlich fein raus. An ihr liegt es nicht, dass das seltsam zusammengefügte Konstrukt aus nichtssagenden Songs und bizarren Tagträumen so sehr über den herbstwindumtosten Kirschblütenweg irrt – ohne Dach über dem Kopf.

Tatsächlich handelt das Sequel gerade davon – Familie Banks steht kurz davor, ihr lieb gewonnenes Heim zu verlieren, in welchem Mary Poppins schon einmal den Haussegen gerade gerückt hat. Als profitgieriger Bankdirektor lässt Colin Firth die irgendwie konfuse Family an sich selbst verzweifeln – wäre eben nicht diese Super-Nanny, die den Nachwuchs mit Ausflügen in eine Porzellanschüssel oder zu Cousine Topsy für den Widerstand mobilisiert. Womit wir mit Cousine Topsy schon am Ende der Schadensbegrenzung für den Film wären. Meryl Streep ist nur eines von mehreren bis zur Unerträglichkeit kreischend überdrehten Intermezzi, die den Filmgenuss, sofern es einer wäre, nachhaltig stören. Und Ben Wishaw als leider nicht für die Goldene Himbeere nominierte Fehlbesetzung des letzten Jahres wirkt wie die ungelenke Parodie eines kümmerlichen Teilzeitbeamten aus einem Comic von Robert Crumb, der seltsam verstört. Und wenn dann am Ende alle an Luftballonen in den Himmel steigen, hat der zeitweilig groteske Kitsch seinen Höhepunkt erreicht.

Was das Grundproblem an Mary Poppins Rückkehr ist? Es lässt sich die Nostalgie des Kinos nur sehr schwer mit modernen Mitteln nachstellen. Das klappt einfach nicht, wenn technischer Zeitgeist versucht, analoges Retro-Tamtam nachzuempfinden. Da könnten vielleicht noch die Zeichentrickpassagen durchgehen, der Rest fliegt aus der Kurve. Denn der hat weder Grip noch eigene Ideen noch ein narratives Selbstbewusstsein, was ihn vielleicht vor dem Verdacht auf Abklatschversuche eines Klassikers bewahrt hätte. So aber ist Mary Poppins Rückkehr der langweilige Beweis, dass Disney auch längst nicht perfekt ist und sich Studios wie dieses vielleicht zweimal überlegen sollten, welches Standalone-Meisterwerk durch unsinnige und völlig verzichtbare Fortsetzungen eigentlich mehr kompromittiert als bereichert werden könnte.

Mary Poppins Rückkehr

Paddington 2

PRISON BREAK MIT BÄREN

7/10

 

PADDINGTON 2© 2017 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: PAUL KING

CAST: BEN WISHAW (Stimme), BRENDAN GLEESON, SALLY HAWKINS, HUGH GRANT, HUGH BONNEVILLE, JIM BROADBENT U. A.

 

Es muss nicht immer Winnie Puuh sein, der Honigbär im knappen, roten T-Shirt. Es könnte auch sein entfernter Verwandter sein, der im peruanischen Dschungel unter der Obhut von Tante und Onkel aufwuchs und später sein Glück tausende Kilometer weiter nordostwärts versucht. Der stets, oder sagen wir meistens, seinen blauen Dufflecoat und den roten Schlapphut trägt. Der aber Orangenmarmelade nicht weniger liebt als Christopher Robins lebendig gewordenes Stofftier den Honig. Allerdings ist der Paddington-Bär manchem Vorschul-Feedback zufolge seit 5 Jahren eher unerwünscht. Wieso das? Nun, 2014 hatte der pelzige Troubleshooter sein erstes Live Act-Kinoabenteuer, und war wohl für das Publikum jüngeren Alters relativ ungeeignet, und das, obwohl Paddington in den Medien durchaus als kindertauglich durchgegangen war. Natürlich lässt sich so eine Einschätzung nicht komplett über einen Kamm scheren. Da gibt es Kinder, die stecken thrillerartige Spannung augenscheinlich weg wie nichts. Und dann gibt es andere, denen geht eine giftspritzende Nicole Kidman doch etwas an die Nieren. Paddington 2 also, das durfte ich mir alleine ansehen, und zwar ganz freiwillig. Einfach, weil ich selbst Filme für jüngeres Publikum sehr schätze und das Sequel von Paul King durch die Kritikerbank lobend erwähnt wurde. Und nicht zuletzt deshalb, weil der von mir verehrte Brandon Gleeson die pikante Rolle eines Knastkochs übernommen hat. Das musste ich sehen – und auch Hugh Grant, der, mal abgesehen von Bridget Jones, in letzter Zeit nur mehr selten auf der Leinwand zu sehen war.

Und es stimmt – Paddington 2 ist gelungen. Ist noch dazu um Längen besser als der Erstling und verzichtet auch auf unbequemen Suspense, der nicht auf Biegen und Brechen auch den begleitenden Elternteil fesseln muss. Das geht auch anders. Das geht mit viel mehr komödiantischen Zutaten. Und mit einer pfiffigen Story rund um einen sorgsam gehüteten Goldschatz, dessen Aufenthaltsort in einem antiquarischen Pop-Up-Buch verzeichnet worden ist. Von diesem Kleinod und dessen verstecktem Mehrwert erfährt dann auch die abgehalfterte Ex-Theatergröße Phoenix Buchanan (Hugh Grant) – und so macht sich der Verwandlungskünstler in einer Nacht- und Nebelaktion auf, das bibliophile Werk, das eigentlich als Geschenk für Paddingtons Tante gedacht war, aus dem Antiquitätenladen zu entwenden. Wie es der unglücklich konstruierte Zufall will, darf der knuffige Paddington dafür belangt werden – und der wird trotz Unschuldsbeteuerung ins Gefängnis gesperrt.

Spätestens dann, wenn der arme Kuschel-Häftling im Streifenanzug den Knast-Wäschedienst mit roter Horror-Socke zu einem nachhaltig rosaroten Erlebnis werden lässt, hat Paddington 2 seine besten Momente gefunden. Die Gefängnisszenen alleine sind das Schrulligste an diesem kauzigen Fabelkrimi, der zwischen Miss Marple und buntem Disney-Realismus Marke Mary Poppins den kleinen Helden trotz aller Fettnäpfchen, in die er tritt, stets zum Gewinner werden lässt. Dem Waisenbären gelingt im Endeffekt alles, das müssen letzten Endes dann auch die jüngsten Seher überzuckern – und fürchten braucht sich hier wirklich keiner mehr. Das liegt aber auch an einem sagenhaft spielfreudigen Hugh Grant, den man so noch nicht gesehen hat. Der als so sinisterer wie durchgeknallter Theaterschnösel in slapstickhafter Überzeichnung Mimiken an den Tag legt, die alleine schon schmunzeln lassen. Dass der sonst relativ steife Brit-Darsteller wirklich so aus sich herausgehen kann, ist eine willkommene Überraschung. Und auch Brendan Gleeson, der, anfangs schlachtgelaunt und brummig, den Bären später als Küchenmuse akquiriert, zeigt treffsicheres komödiantisches Talent. Man muss also wissen, wie Filme wie diese zu besetzen sind. Das war bei Nicole Kidman leider ein Fehlgriff. Hier stimmt aber das gesamte Ensemble, genießt die Zusammenarbeit und hat Spaß an einer liebenswürdigen Diebeshatz, das sich niemals in plumpem Klamauk verliert, sondern situationskomischen Slapstick mit Understatement für Klischeeparodien erster Güte nutzt. Paddington, der mag etwas schlauer sein als Winnie Puuh, allerdings nicht weniger ungeschickt, naiv und herzensgut. Ein Film also, der ähnlichen Zugang zu seinem Publikum findet wie Christopher Robin, dabei aber noch mehr zu Scherzen aufgelegt ist als der oft ins Melancholische abgleitende Familienfilm aus dem Hause Disney. Familienkino mit Stil also, und ganz vielen Marmeladetoasts.

Paddington 2