Abteil Nr. 6

ZWEI FREMDE IM ZUG

8/10


ebteilnr6©2021 Sami Kuokkanen / Aamu Film Company


LAND / JAHR: FINNLAND, ESTLAND, DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2021

BUCH / REGIE: JUHO KUOSMANEN

CAST: SEIDI HAARLA, YURIY BORISOV, DINARA DRUKAROVA, LIDIA KOSTINA, JULIJA AUG, TOMI ATALO, POLINA AUG U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Eine „symmetrische“ Reaktion will der Kreml darauf geben, wenn Finnland tatsächlich der NATO beitreten sollte. Wie jetzt – will Russland den Beitritt ebenfalls beantragen? Wohl eher weniger. Das Säbelschwingen und – rasseln Putins lässt keinen Staat kalt, und sei er auch noch so mit Understatement gesegnet wie Finnland. Dass der Alleinherrscher plötzlich auf die Idee kommt, Finnland als urrussischen Boden anzusehen – es ist alles möglich, nichts mehr auszuschließen. Und dennoch: In Zeiten der Distanz ist man gut damit beraten, den Blick vom Eisernen Thron zu nehmen und ein bisschen zu senken. Ins Spektrum rückt das gemeine Volk, das mehr oder weniger ohnmächtig angesichts der politischen Willkür versucht, über die Runden zu kommen. Und da kann es passieren, dass trotz der politischen Eiszeit unter dessen wärmeren Fittichen sowas wie Annäherungen passieren, die ganz klein und im Verborgenen beginnen. Vielleicht bei einer Zugfahrt in den hohen, wirklich hohen Norden, nämlich nach Murmansk.

In einem Abteil sitzen die finnische Archäologiestudentin Laura und der russische Bauarbeiter Ljoha. Beide haben nichts gemeinsam, und Laura versucht vergeblich, den scheinbar sexuell gefärbten Avancen ihres angetrunkenen Gegenübers zu entgehen. Ein Konsens muss her, denn die Zugfahrt ist keine von A nach B während eines halben Tages, sondern besagte Reise mit der Murmanbahn zieht sich über mehrere Nächte. Die Transsibirische für Anfänger könnte man es nennen. Und dennoch: eine Nächtigung im Zug ist meistens genug, um sich verfilzt und unausgeschlafen zu fühlen. Noch dazu in Gegenwart einer Person, der man nicht trauen kann. Nur: der erste Eindruck täuscht meistens. Auch bei Ljoha. Der junge Mann scheint dann doch schwer in Ordnung, und irgendwie kommen Laura und er ins Gespräch, erzählen von ihren Zielen und was sie umtreibt. Beide stellen fest, dass sie vieles verbindet, darunter auch eine gewisse Verlorenheit – aber auch die Vergangenheit, die Urgeschichte dieser Weltregion. Und vielleicht gar etwas mehr als nur Sympathie füreinander.

Voyage Voyage – den Klassiker von Desireless – greift Juho Kuosmanen (Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki) immer wieder auf, vertont der Song doch ganz schön das Gefühl des Abnabelns, ins Unbekannte-Reisens, Neu-Findens. Abteil Nr. 6, absolut zu Recht auf der Shortlist für den Auslandsoscar 2022 gewesen und für Palme sowie Golden Globe nominiert, beschäftigt sich genau damit. Dem Film gelingt es, das Überbrücken schwieriger Umstände zu illustrieren, die notwendig sind, um gemeinsam zu den Wurzeln einer grenzenlosen Geschichte zu gelangen. Metapher dafür sind die Petroglyphen am Kanosero-See auf der Halbinsel Kola, wofür Laura die ganze Reise auf sich nimmt. Es ist kein Geheimnis, dass letzten Endes beide dorthin unterwegs sein werden, und zwar zu einer Jahreszeit, die es scheinbar unmöglich macht, an diesen Ort zu gelangen. Projizieren lässt sich dieses soziale Gefüge sehr gut auf die aktuelle Schräglage zwischen beiden Ländern, und der Impuls, der von Abteil Nr. 6 ausgeht, ist ein notwendiger, herbeigesehnter, vor allem positiver.

So richtig fasziniert Abteil Nr. 6, abgesehen von dem famosen wie preisverdächtigen Schauspielpaar Seidi Haarla und Yuriy Borisov, aufgrund seines aufmerksamen, sich an allerhand Details erfreuendem Blick, der sein Publikum in völlig entlegene Ecken des russischen Nordens führt. Kousmanens Film ist enorm authentisch, angreifbar und offenherzig. An der Stimmung einer Reise durch Tag und Nacht, voller bezaubernder, aber auch entbehrlicher Begegnungen, lässt das Rail- und Buddymovie all jene teilhaben, die Russland nicht mit Haut und Haaren auf die Schwarze Liste setzen wollen und durchaus im Stande sind, zu differenzieren. Beeindruckend, schrullig und auf kreative Weise liebenswert ist dieses Land, und irgendwie fließen gerade dort  – wie überall auf der Welt – Kulturen, Lebensweisen und Weltbilder stetig ineinander.

Abteil Nr. 6

Train to Busan

WEGEN ERKRANKUNG EINES FAHRGASTES …

7,5/10

 

train_to_busan© 2016 Splendid

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: YEON SANG-HO 

MIT GONG YOO, KIM SOO-AN, YUMI JUNG U. A.

 

Wenn Chris Lohner, die Stimme der Österreichischen Bundesbahnen, nur mehr schwer zu verstehen ist, die Schnellbahn an geplanten Stationen nicht mehr hält und Fahrgäste wie vom wilden Affen gebissen gezielt in eine Richtung strömen, dann hat das weniger etwas mit defekten Türen zu tun, sondern vielmehr mit einer Zombie-Epidemie. Meist erklingt dann noch die Meldung, dass den unregelmäßigen Zugsfolgen die Erkrankung eines Fahrgastes zugrunde liegt. Das ist natürlich ein ausschweifender Euphemismus. Was heißt ein Fahrgast – viele! Außerdem: Seuchen wie diese hier im koreanischen Katastrophenhorror breiten sich rasend schnell aus. Da braucht ein Besessener nur mit dem langen Fingernagel zu kratzen – schon verfällt der nächste Mensch dem Wahnsinn. Wobei so ein Szenario im Kino ausgetretenen Pfaden folgt. Zombie-Filme wiederholen sich. Längst sind es keine Friedhofsflüchtlinge mehr, sondern anlässlich biochemischer Experimentierfreudigkeit in den hochfinanzierten Laboren dieser Welt darf der tumbe Untote nun als Opfer nachhaltiger Fehlzündungen fungieren. Die Symptome sind meist dieselben – milchige Augen, dunkle Adern, unstillbare Gier nicht mal nach Blut, sondern viel mehr danach, den Nächstbesten zu beißen. Das zeugt von einem intelligenten, aggressiven Biostoff, der den Menschen als Wirt benutzt, um sich auszubreiten.

Auch nichts Neues, das habe ich unlängst ebenso in dem Netflix-Zombiedrama Cargo gesehen. Da streunt Martin Freeman mit Tochter im Schlepptau durch den Busch. Der Südkoreaner Yeon Sang-ho setzt seine Protagonisten ebenfalls in Bewegung, allerdings setzt er sie in einen Zug von Seoul nach Busan. Kurz vor der Abfahrt aus der Hauptstadt torkelt ein infiziertes Mädchen in eine der Waggons – und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Ein Zombie-Szenario in die Enge eines Zuges zu verfrachten – das hat was. Und Sang-ho nimmt sich der Neuordnung des Szenarios in blutdrucksteigerndem Timing dankbar an. Dabei erinnert Train to Busan an Marc Forster´s Film-Pandemie World War Z und könnte sogar zur selben Zeit im selben Universum spielen. Da ich die Vorlage zum Film mit Brad Pitt nicht kenne, kann ich getrost sagen, dass mir die verfilmte Chronik der Apokalypse ziemlich gut gefallen hat. Vor allem deswegen, weil World War Z genauso wie Train to Busan sich nur mehr bedingt auf den plakativen Effekt blutverschmierten Zähnefletschens verlässt. Vielmehr ist der koreanische Film großes, emotionales Kino, gleichzeitig natürlich auch ein Nägelbeißer von einem Thriller, weil sich Papa Seok-woo und Tochter Su-an immer wieder in scheinbar ausweglosen Situationen wiederfinden, gemeinsam mit anderen überlebenswilligen Individuen, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen und von einer Sekunde auf die andere neu improvisieren müssen.

Das liebe ich am Kino Südkoreas – das es andere Sichtweisen auf altbekannte Genres zulässt, dass es Stile mixt und sich keinen vorgefertigten Dogmen unterwirft. Train to Busan ist sowohl fesselnd als auch unglaublich traurig. Die Melancholie des Abschieds, die Erkenntnis, gebissen und verdammt worden zu sein, die instinktgesteuerte Leere der verlorenen Kreaturen – all diese Wehmut vor dem Untergang entfesselt ein berührendes, spannendes Drama weit jenseits des nackten Horrors. Als würde der Zug, dem man verzweifelt hinterherläuft, auf ewig der letzte sein.

Train to Busan