Dhepaan – Dämonen und Wunder

NIRGENDWO MEHR SICHER

7,5/10

 

dheepan© 2015 Why Not Productions–Page 114–France 2 Cinéma

 

LAND: FRANKREICH 2015

REGIE: JACQUES AUDIARD

MIT ANTONYTHASAN JESUTHASAN, KALIEASWARI SRINIVASAN, CLAUDINE VINASITHAMBY U. A.

 

Die paradiesische Insel Sri Lanka war noch bis vor knapp einem Jahrzehnt ein vom übellaunigen Schicksal gebeuteltes Eiland südlich des indischen Subkontinents. Bereisen konnte man das Land dennoch, nur eben nicht an Orte, die von den tamilischen Separatisten besetzt waren. Da herrschten ähnliche Zustände wie im Norden Sumatras. Dort kämpften ebenfalls bis vor kurzem noch die muslimischen Aceh um die Unabhängigkeit. Dann kam 2004 der Tsunami – irgendwie der Anfang vom Ende. In diese Zeit hinein – wann genau ist aus dem Film nicht zu erfahren – gelingt drei zu einer falschen Familie zusammengewürfelten Personen die Flucht nach Paris. Dhepaan, der tamilische Krieger, eine wildfremde junge Frau und ein Waisenkind. Alle drei wollen anfangs nichts voneinander wissen. Das Konzept Familie kommt ihnen aber relativ gelegen – die Chance, auf diese Weise irgendwo neu anzufangen ist so deutlich größer. Familien haben Vorzug. Familien muss geholfen werden. Yalini, die junge Frau, will aber nach London, zu ihrer Cousine. Das Mädchen selbst, das bald in Frankreich auf die Schule muss, will nirgendwo hin, nur bei ihren neuen Eltern bleiben. Zu sagen, dass dies Menschen sind, die nichts mehr zu verlieren haben, erscheint zumindest bei der Reservemama und der Ziehtochter unangebracht. Den Frieden wollen sie finden und bewahren. Das Glück und die Geborgenheit eines beständigen Neuanfangs.

Das wollte Rambo auch. Heimgekehrt aus dem Vietnamkrieg, war die Visage des schlaksigen Stallone nirgendwo mehr willkommen. Zuflucht in der Heimat? Keine Chance. Aber, anders gefragt, wie komme ich jetzt auf Rambo? Beide Filme haben natürlich nicht viel, aber Wesentliches gemeinsam. Dazu muss man die Figur des Dheepan näher betrachten. Der bärtige Tamile ist der einzige, der nichts mehr zu verlieren hat – Familie tot, Land verwüstet. Traumatisiert durch Bomben, Granaten und dem Gräuel, den der Krieg mit sich bringt. Aber Dheepan reißt sich zusammen. Macht seinen Job als Hausmeister besser als gut, geht den Dealerbanden im Pariser Banlieue so ziemlich aus dem Weg, will sich also integrieren. Und mit der Zeit folgt so etwas ähnliches wie Respekt. So ein Problemviertel heißt aber nicht umsonst Problemviertel – es dauert nicht lange, dann erbeben die Wohnblocks irgendwo am Rande der Staat unter den Schüssen übervorteilter Gangsterbanden. Dheepan stolpert also weg vom Krieg in einen neuen hinein. Die Trigger sind aktiv, der Horror übermannt ihn. Der Krieger kehrt zurück. Wie bei Rambo. Beide finden sich in einem Gefecht wieder, der in ihren Köpfen tobt. Proben den Ausfall, wo Rückzug durchaus möglich wäre. Doch das Trauma gestattet kein Winseln um Gnade. Plötzlich geht es um Überleben oder Auslöschung.

Jacques Audiard meistert wieder mal einen Film, der seinen Figuren so genau zusieht, dass es fast schon zu distanzlos wird. Nur sehr langsam kommt Dheepan – Dämonen und Wunder in die Gänge, verliert sich aber niemals in Periphärem. Akribisch beobachtet Audiard die Integration in eine fremde Welt. Die Anpassung wird zur Zerreißprobe mit Höhen und Tiefen, das Wunder eines Neuanfangs hadert mit den Dämonen der Entbehrung. Interessant, wie der Film das Wirrwarr an Sprachen löst. Übersetzt wird das Tamilisch der drei Darsteller, bei Französisch und Englisch liest man die Untertitel. Die Gliederung zwischen Vertrautheit und Fremde wird damit fabelhaft vollzogen. Und wenn man glaubt, dass die Lüge, welche die Familie vorerst zusammenhält, dem Druck der Bewährung nicht mehr standhält, fällt die bereits angekündigte Bedrohung eines neuen Krieges, und sei es nur ein Kleinkrieg, über die Schutzsuchenden her. Nirgendwo ist es mehr sicher. Audiard kennt wenig Trost, nur den Wert des Zusammenhalts. Und die zweite Chance, die eigene Familie vor dem Untergang zu bewahren.

Dheepan – Dämonen und Wunder ist nicht umsonst ausgezeichnet worden. Auch wenn der Film vom Dasein als Flüchtling erzählt, ist er dennoch mehr als nur das – sondern eben auch eine Art des Antikriegsfilms, die nicht sofort als solche zu erkennen ist. Doch meist liegt in den Posttraumata, wie sie Dheepan mit sich herumträgt und womöglich niemals loswerden wird, die ganze Anklage an den Krieg verborgen. Dheepan ist so distanzlos wie kraftvoll, so poetisch wie radikal. Ein Film, der den Flüchtenden als hadernden Menschen besser verstehen lässt.

Dhepaan – Dämonen und Wunder

Colossal

MONSTERMÄSSIG DANEBEN BENOMMEN

7/10

 

colossal© 2017 Universum Film

 

LAND: SPANIEN, KANADA, USA, SÜDKOREA 2017

REGIE: NACHO VIGALONDO

MIT ANNE HATHAWAY, JASON SUDEIKIS, DAN STEVENS, TIM BLAKE NELSON U. A.

 

Wirklich mal so richtig die Sau rauslassen. Sich einfach gehen lassen. Wer würde das nicht gern? Vor allem dann, wenn vieles einfach nur stinkt. Und sich das Leben gerade von seiner abstoßendsten Seite zeigt. Da würde man gerne mal so wie Michael Douglas als D-Fens in Falling Down den Alltag einer Großstadt unsicher machen. Aber bei den meisten von uns sind das lediglich zollfreie Gedanken, die sich davor hüten, Wirklichkeit zu werden. Ausnahmen gibt es leider. Amok an Schulen, Amok auf Brücken, Weihnachtsmärkten, bevorzugt zu touristischen Stoßzeiten. Diese Individuen, sie kotzen sich aus, auf Kosten der anderen. In vollem irrationalen Bewusstsein entfesseln sie ein Monster, das alles zerstört, was ihm in den Weg kommt. Wie ein Golem, ein Frankenstein, der ausbricht und eine Spur der Verwüstung durch die urbane Landschaft zieht. Und dann gibt es aber Leute, deren Leben sich zwar auch auf Talfahrt befindet, die aber nicht merken, dass ihr entfesseltes Monster nicht weniger gebärdungsfreudig durch die Straßen strolcht und das Leben anderer beeinflusst. Man kann sich also nicht so einfach gehen lassen. Nicht, wenn es die Freiheit des anderen einschränkt. Und genau das wäre meine Prämisse für eines der kuriosesten Filmerlebnisse der letzten Zeit.

Der spanische Regisseur Nacho Vigalondo muss womöglich Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, die in ihrer egomanischen Ignoranz nicht nur sich selbst, sondern auch andere ruiniert haben. Die in ihrem andauernden Kreisen um ihre eigene Person vergessen, dass das Menschsein vor allem eines ist – Leben in der Gemeinschaft. Das beginnt bei der Partnerschaft und reicht bis zum Miteinander aus Sicht der Weltbevölkerung. Es wäre wirklich wünschenswert, die Selbstreflexion bei all diesen Mitmenschen, die uns umgeben, als selbstverständlich zu erachten. Doch was nicht ist, wird zumindest nicht in absehbarer Zeit besser. Besser wird’s auch nicht im Leben von Anne Hathaway, die sich als arbeitslose Mittdreißigerin so ziemlich hängen und das Chaos walten lässt. Geregeltes Leben – Können vor Lachen. Und weil sie die Geduld ihres Lebenspartners über die Maßen strapaziert, fliegt sie auch in hohem Bogen aus der Wohnung – und kehrt ins verlassene Familienheim ihrer Kindheit zurück. Der Rezession nicht genug, trifft sie auch noch ihren alten Schulfreund, mit dem sie fortan abhängt und maximal als Teilzeitkraft in dessen Bar zu kellnern beginnt. Von da an wird’s skurril. Und es wäre zu vermuten, Drehbuch-Extremist Charlie Kaufman hätte wiedermal ordentlich in die Tastatur gehauen. Denn ein gigantisches Monster, ein Kaiju quasi, erscheint wie aus dem Nichts in der südkoreanischen Stadt Seoul. Das Phänomen ist weltweites Tagesthema Nr. 1 und dominiert die Schlagzeilen rauf und runter. Unglaublich, das sowas passiert, denkt sich Hathaway. Denken sich alle. Bis die verantwortungslose Dame erkennt, dass zwischen ihr und dem gigantischen Wesen eine Verbindung besteht.

Das klingt schrecklich bizarr, fast so abstrus wie Being John Malkovich. Jedenfalls gelingt es diesem Werk, zwei Filmgattungen zu kombinieren, die im Grunde überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Ein gewagter Mix, muss man schon sagen. Als würde die Monsterschau Pacific Rim die Verträglichkeitsprüfung für ein Young Adult-Psychodrama bestehen. Zugegeben, Action-Nerds werden sich ziemlich wundern – und enttäuscht von dannen ziehen. Der Pacific-Rim-Part hat schon seine Wucht, dient aber nur dazu, die Irrationalität menschlichen Verhaltens und der Bezwingung kenternder Lebensumstände Gestalt zu verleihen. Jason Sudeikis als unberechenbarer Sonderling fernab jeglichen Brachialhumors bietet einer entzückend konfusen Hathaway ordentlich Paroli – und auf welchem Wege und wie unerwartet sich die Sache weiterspinnt, ist faszinierend, wenn auch teilweise genauso konfus wie die Welt der beiden Freunde aus Kindertagen.

Colossal ist dennoch so versponnen wie erlebenswert. Nichts, was man schon gesehen hat. So einzigartig wie die Filme von Spike Jonze und so irritierend wie ein lebhafter Traum, dessen Stimmung man in den nächsten Tag mit hineinnimmt. Mag sein, dass meine Prämisse gar nicht das ist, was Vilagondo bezwecken wollte. Doch wie bei surrealen Gemälden oder dem Kino von David Lynch und ähnlich gelagerten Konsorten kann keine Interpretation wirklich falsch sein, vorausgesetzt man findet eine.

Colossal

Empörung

AM KUCKUCKSNEST VORBEI

7,5/10

 

empoerung© X-Verleih 2016

 

ORIGINAL: INDIGNATION

LAND: USA 2016

REGIE: JAMES SCHAMUS

MIT LOGAN LERMAN, SARAH GADON, TRACY LETTS, TIJUANA RICKS U. A.

 

Die Bücher von Philip Roth sollte ich wirklich mal lesen. Derweil kenne ich den wohl bekanntesten amerikanischen Romancier der Gegenwart eigentlich nur aus dem Kino – wo er in erster Linie eigentlich nicht hingehört. Roth sollte gelesen werden, keine Frage. Und spätestens nach Sichtung der jüngsten Verfilmung eines seiner Bücher kann das garantiert kein Fehler sein. Alleine 2016 haben sich gleich zwei Celluloid-Künstler den gesellschaftskritischen Stoffen des Literaten angenommen. Niemand geringerer als Ewan McGregor wollte bei seinem Regiedebüt ohne Umschweife gleich ans Eingemachte gehen. Den Roman Amerikanisches Idyll zu verfilmen ist gleich mal eine schauspielerische wie dramaturgische Herausforderung. Spannende Geschichte, aufwühlend und tiefgründig. Und siehe da – für einen Erstling überraschend stilsicher umgesetzt. Dankenderweise auch aufgrund der empathischen Schauspieler.

Die Blöße, mit etwas Gefälligerem als Philip Roth sein Regiedebüt zu zementieren, wollte sich Filmproduzent James Schamus aber dann auch nicht geben. Wenn schon McGregor sich nach Höherem streckt, wäre es blamabel, hier hinten anzustehen. Also welche Bücher haben wir noch, von Philip Roth? Empörung, Originaltitel Indignation. Wie in den meisten Büchern Roth´s – auch wenn ich sie nicht gelesen habe, aber soviel weiß ich – spielt die Handlung auch hier im amerikanischen Osten, wir haben eine in den 50er Jahren etablierte jüdische Familie, die sich im Schweiße ihres Angesichts alles aus eigener Hand aufgebaut hat. Und wir haben, was Philip Roths Werke so aufwühlend dicht gestaltet – die Auflehnung des Nonkonformismus. Die Schwierigkeit des selbstständigen Denkens in einem gesellschaftlichen System der geordneten Gleichheit und Hörigkeit. Empörung erzählt von einer unorthodoxen Liebesbeziehung an einer konservativen Universität im Ohio der Nachkriegszeit. Eine Zeit, in der Agnostizismus undenkbar, psychosoziale Auffälligkeit untragbar war. Sprichwörtliches Ertrinken war die Folge davon, wenn man gegen den Strom schwimmen wollte. Im Angesicht untergeordneten Ehrgeizes und christlich-konservativer Kuratel sind Querdenker und Individualisten die „Judasse“ einer gleichförmigen Gemeinschaft, sie sich im Gruppenzwang zum Erfolg hindurchaalt, dabei aber das eigene, selbstständig denkende Ich verrät. So ein „Judas“ ist der Student Marcus.

Die eremitische Tendenz des Freigeistes und die Ablehnung der Kirchenpflicht wäre ja schon unbequem genug – die Beziehung zur psychisch labilen Olivia, die ihrem Liebhaber nach Monika Lewinski den wohl folgenschwersten Fellatio Amerikas gönnt, setzt der Empörung wohl die Krone der Verschwörung aufs Haupt. Was anders ist, gehört ausgesondert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei die Definition von Schlecht wohl im Auge des alleinherrschenden Rektors liegt. Fast möchte man meinen, der verfilmten Prosa eines Ödön von Horvath zu folgen. In seinem Roman Jugend ohne Gott sind es auch die Andersdenker, die dem Widerstand folgen. Die ausbrechen aus der diktierten Gehirnwäsche. Auch Erich Kästner lässt in seinem Ich-Roman Fabian seine Figur gegen den Sturm breschen. Horvath, sowieso ein Pessimist in Reinkultur, kann seine Querdenker niemals gewinnen lassen. Auch Kästner tut das nicht. Und Philip Roth, der mit Empörung einen Roman wie aus einer anderen Epoche vorlegt, ebenso wenig. Wer hätte da gedacht, dass sich „Percy Jackson“ Logan Lerman mit der tragischen Figur des ideologisch und geistig unterjochten Marcus so sehr identifiziert. Lerman verkörpert das strebsame Genie in unnahbarer, ablehnender Intensität. Fast schon sichtbar, wie diese unbequeme, entnervte, widerspenstige Seele in einem Schraubstock unduldsamer Intoleranz steckt. Und sich letztendlich beugen, verbiegen, brechen muss. Der junge Schauspieler ist beeindruckend. Empörung ist aber durchaus auch abgesehen von seinem Spiel und die von Sarah Gadon verkörperte undurchschaubare Olivia in seiner ganzen erzählerischen Dichte und Schwermut nicht minder sehenswert. Alleine das Psychoduell zwischen dem Universitätsdirektor und dem aufbrausenden Marcus ist das Herzstück des Films – vielleicht auch des Buches – und wird zu einem verstörend fesselnden, analytischen Schlachtfeld von vernichtend manipulativer Polemik. Empörung ist großes Erzählkino, ernüchternd, leidenschaftlich und schmerzhaft.

Empörung

Mein Leben als Zucchini

FENSTER ZUR KINDERSEELE

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zucchini

Ich liebe Stop-Motion. Das hat schon beim ostdeutschen Sandmann begonnen, den ich immer noch gerne gemeinsam mit meinem Sohn als Betthupferl genieße. Stop-Motion steht für Ausdauer, Kreativität und Leidenschaft an der Sache. Wäre dem nicht so, wären diese Unmengen an Stunden, die bei der Herstellung eines solchen Filmes verbraucht werden, sinnlose Zeitvergeudung. Die Ergebnisse allerdings werden meist dem Aufwand gerecht und können sich wirklich sehen lassen. Verständlich auch, dass diese Filme – seien sie nun Puppentrickfilme oder Plastilinabenteuer – jetzt nicht gerade die maximale Dauer eines abendfüllenden Spielfilmes sprengen. Hier ist nämlich jede Minute das Ergebnis tagelanger Arbeit.

Der Schweizer Beitrag zum diesjährigen Oscar für den besten Animationsfilm ist auch so ein kleines Wunder. Anders als die Meisterwerke aus den LAIKA-Studios, die uns vor allem mit Coraline oder ParaNorman Sternstunden der Stop-Motion-Kunst beschert haben, besticht das sensible Kindheitsdrama Mein Leben als Zucchini mit einer verblüffend unschuldigen, schlichten und naiven Bildsprache und erinnert dabei nicht nur ungefähr an die Peanuts von Charles M. Schulz. Die Peanuts, uns allen bekannt als tragikomischer Cartoon rund um eigenbrötlerische, schrullige und leicht neurotische Grundschüler, die sich um den sympathischen Loser Charly Brown scharen, dürften tatsächlich ein Vorbild gewesen sein für den kindlichen Roman Autobiografie einer Pflaume von Gilles Paris und Melanie Walz. Basierend auf diesem erfolgreichen literarischen Werk hat der Schweizer Regisseur Claude Barras einen zarten, verletzlichen, liebevollen Trickfilm gezaubert, der seinen gebrochenen kleinen Seelen auf Augenhöhe begegnet. Die Lebensgeschichte des 9jährigen Jungen Icare, der von seiner alkoholsüchtigen und verwahrlosten Mutter immer Zucchini genannt wurde, ist kein Kinderfilm. Es geht um Wahnsinn, Mord, Missbrauch, Drogen und Abschiebung. Fürchterliche Erlebnisse, die sich in den überdimensionalen, tieftraurigen Augen der kleinen, unbedarften Wesen widerspiegeln – und ihnen jegliche kindliche Geborgenheit genommen haben. Dafür sind sie aber im Heim für elternlose Kinder untereinander eine Familie. Und manch einer hat das Glück, ein neues Leben beginnen zu dürfen.

Das berührende, leise Psychodrama braucht keine Effekte, keine Action und auch sonst kein Pipapo, um zu beeindrucken. Der knapp 60minütige Film legt so viel Gefühl und Empfinden in seine bemitleidenswerten Geschöpfe, dass jegliche Attribute nur stören würden. Claude Barras lässt seine Figuren wissen, dass sie wertvoll sind und noch die Chance auf ein glückliches Leben haben können, trotz all der Widrigkeiten und Traumata des Anfangs. Wie bei den Peanuts bestimmt die Sicht der Kinder das Geschehen, und wird auch unterstützt durch die Einfachheit des Charakterdesigns. Denn je schlichter die visuellen Reize gehalten werden, desto mehr tritt die Geschichte in den Vordergrund, die zwar simpel gestrickt, sich aber auf Gefühlsebene umso stärker mitteilt. Der Kummer, die Sehnsucht, der Hass und die Trauer – sie sind allesamt spürbar, in einem tricktechnisch famosen, stilsicheren Kinderfilm, der nicht nur sein Herz, sondern auch seine aufrichtige Aufmerksamkeit den Kleinen schenkt – ganz so wie der Polizist, der beginnt, für den kleinen Zucchini Verantwortung zu übernehmen.

Kino aus der Schweiz ist selten – und wenn, dann können sich die Werke aus dem Land der Berge sehen lassen. Mein Leben als Zucchini ist eine behutsame Liebeserklärung an die Kinderseele und im wahrsten Sinne des Wortes bewegte wie bewegende Trickfilmkunst.

 

Mein Leben als Zucchini