Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Club Zero (2023)

NEIN, MEINE SUPPE ESS‘ ICH NICHT!

5/10


clubzero2© 2023 Coop99


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK 2023

REGIE: JESSICA HAUSNER

DREHBUCH: GÉRALDINE BAJARD, JESSICA HAUSNER

CAST: MIA WASIKOWSKA, SIDSE BABETT KNUDSEN, ELSA ZYLBERSTEIN, MATHIEU DEMY, FLORENCE BAKER, KSENIA DEVRIENDT, LUKE BARKER, SAMUEL D. ANDERSON, GWEN CURRANT, AMIR EL-MASRY, AMANDA LAWRENCE, LUKAS TURTUR, CAMILLA RUTHERFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Wohl der einzige Filmemacher, der es wirklich schafft, trotz strenger Formalitäten, übertriebener Bühnenhaftigkeit und einer immensen Affinität für streng komponierte Tableaus seine Geschichten auch aus emotionaler Sicht zum Leben zu erwecken, ist Roy Andersson (meisterhaft: Songs from the Second Floor). Niemand ist vergleichbar mit ihm, nicht mal der bis zum Exzess gehypte andere Andersson, nämlich Wes, der seine Popup-Bühnen gerne bekannten Stars überlässt, die ihm die Tür zum Studio einrennen. Vielleicht ist bei Roy Andersson die Wahl des Mediums als Kurzgeschichte die Besonderheit, auf die es ankommt, um das Publikum auch enstprechend abzuholen. Bei Jessica Hausner, die ähnlich fixe Vorstellungen zu ihren Filmen hat und weit im Vorfeld genau weiß, wie wo wer zu stehen hat und wie wo was zu platzieren ist, überstrahlt die Liebe zum Dekor so gut wie alles. Die Themen sind dabei zweitrangig, in diesem Fall wäre es die dunkle Dimension der Essstörung, des Mitläufertums und des Gruppenzwangs. Ja, vielleicht auch des Glaubens und der damit verbundenen Radikalisierung für eine Sache, die nur dann stellvertretend für den Sinn des Lebens herangezogen werden kann, wenn die manipulative Agenda auseichend greift. Wir sind nicht weit entfernt von Sektentum und religiösem Fanatismus – Mechanismen wie diese, um seine Schäfchen zu rekrutieren, müssen natürlich im Rahmen der schulischen Weiterbildung auch an die zu Lernenden weitergegeben werden, mitunter gerne im Religions- oder Ethikunterricht. Ein Film wie Club Zero könnte dabei helfen. Im Grunde nämlich ist Hausners neues, im Wettbewerb um die Goldene Palme mitgeritterter Film, genau das: Schulfernsehen, leicht verständlich in seiner Grundstruktur, doch erschreckend oberflächlich in seiner Darstellung. Fürs Anschauungsbeispiel reicht’s womöglich. Für einen abendfüllenden Spielfilm, der auf gewisse Weise zum Nachdenken anregen hätte sollen, allerdings nicht.

Dabei hat Jessica Hausner, wie schon bei ihrem Vorgänger Little Joe, auf einen internationalen Star zurückgreifen können – auf Mia Wasikowska, die sich seit Tim Burtons Alice Im Wunderland einer gewissen globalen Bekanntheit erfreuen kann. Wasikowska, mit blonder Mireille Mathieu-Frisur, im monochromen Hosenrock und farblich abgestimmter Bluse, was alles zusammen selbst wie eine Uniform wirkt, schreitet sie hoch erhobenen Hauptes durchs Schulgebäude. Sie ist Ernährungsberaterin, vertreten mit einem Kurs für achtsame Ernährung – was ja prinzipiell nichts Schlechtes ist, ganz im Gegenteil. Doch Miss Nowak – wie sie sich nennt – will natürlich etwas ganz anderes. Wenn man so will, ist sie, nicht näher charakterisiert, der Guru einer nicht näher definierten Sekte, die, auch nicht näher definiert, keinen oder mehrere Anhänger hat, so ganz glauben will man ihr letztendlich keine ihrer Aussagen. Die Mädels und Jungs allerdings, die hängen sofort an ihren Lippen, wollen abnehmen oder Punkte sammeln fürs Stipendium; wollen was Gutes für sich oder die Umwelt tun. Alles sehr ambitioniert, doch Miss Novak treibt es bald zu weit. Denn nicht umsonst heisst dieser Film hier Club Zero. Nichts essen will gelernt sein. Das Licht steht dabei nicht auf der Speisekarte.

Und so lässt Hausner ihr Ensemble übers Set spazieren, setzt es an den Tisch oder huldigt einander im Sitzkreis. Lila Hosen, Kniestrümpfe, gelbe Hemden. Alles sehr ausgesucht, alles inmitten einer nüchternen, skandinavischen Architektur, ins Bild rückt nur, was auch vorher abgesprochen war. Dann allerdings heisst es Action und die Lehrkraft drückt auf die Taste ihrer akustischen Beispielsammlung, analog zum Lehrbuch eines Englischkurses. Die Listening Comprehension beginnt, Wasikowska und Co rezitieren in laienhafter Intonation ihre Skript-Zeilen, dazwischen genügend Zeit, um all die Wörter auch sickern zu lassen, damit der Content nicht verloren geht. Warum tut Hausner das? Warum lässt sie ihr Ensemble auftreten, als wären sie rekrutiert für den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag im Vormittagsprogramm – befangen, gestelzt und gekünstelt? Die daraus entstandenen Erkenntnisse stürzen durch offene Türen, wirklich weiter kommt man mit dieser Conclusio nicht.

Zugegeben, die von wuchtigen Percussion-Klängen untermalten Szenen haben ihre Unverwechselbarkeit gefunden – einmal hinsehen, und man weiß, es ist Hausner. Doch wie bei Anderson trägt eine übertriebene Künstlichkeit kaum dazu bei, den Figuren Tiefe, der Geschichte Strenge oder der zu vermittelnden Message die nötige Dringlichkeit zu verleihen.

Club Zero (2023)

Coup de Chance (2023)

DER ZUFALL GLÜCKLICHERWEISE

6/10


coupdechance© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: WOODY ALLEN

CAST: LOU DE LAÂGE, MELVIL POUPAUD, NIELS SCHNEIDER, VALÉRIE LEMERCIER, ELSA ZYLBERSTEIN, GRÈGORY GADEBOIS, GUILLAUME DE TONQUÉDEC, SARA MARTINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Den Jazz will Woody Allen einfach nicht loswerden, auch wenn diese Art von Musik so gar nicht zu seinem neuen Film passt. Der spielt nämlich in Paris, in der Stadt der liebe und des leichtfüßigen Chansons. Da hat Cantaloupe Island von Herbie Hancock so gut wie gar nichts verloren, wenngleich die Nummer natürlich weltbekannt und eingängig genug ist, um sie von der grundlegenden Story loszulösen. Und dennoch wollen die Klänge so niemals wirklich das aus Zufällen zusammenkonstruierte Geschehen unterstützend ergänzen. Aus Paris wird schließlich eine generische Großstadt im Herbst, Woody Allen erliegt nicht der Lust eines Städtebesuchers, auch nur irgendwelche Sehenswürdigkeiten dieser Metropole vor die Linse zu wuchten. Es ist irgendwann egal, ob Paris, London, Wien oder New York. Zumindest ist es Herbst – das passt zur tatsächlichen Jahreszeit wunderbar dazu. Und wie so oft beim Meister der Klarinette findet sich in Coup de Chance (was so viel heisst wie Glückstreffer) eine attraktive junge Frau, in diesem Fall Lou de Laâge (u. a. Die Tanzenden von Mélanie Laurent) in den Wirren eines glücklichen Zufalls wieder, indem sie einem alten Studienkollegen über den Weg läuft, der zugeben muss, seit damals, in den wilden Jahren, in denen die Zukunft noch alle Möglichkeiten offenhielt, schon in die schöne Fanny Fournier verliebt gewesen zu sein. Diese fühlt sich geschmeichelt, muss den leidenschaftlichen Schriftsteller aber in die Schranken weisen, ist sie doch glücklich, wie sie sagt, mit einem Finanzberater verheiratet, der die Reichen noch reicher macht und somit auch sie selbst. Doch ob teure Klunker, devote Haushälterin und verschwenderische Restaurantbesuche mit der Haute volée – im Grunde ihres Wesens hält Fanny nicht viel davon. Ganz im Gegenteil. Der Kollege von damals, Alain Aubert (Niels Schneider) weckt das freigeistige Studentenmädchen in ihr, die ungestüme Lust am Künstlerdasein, die Sehnsucht nach Freiheit und die bedingungslose Liebe ohne materielle Unterdrückung und Bindung. Aus der neuen alten Bekanntschaft wird, wir können es ahnen, bald deutlich mehr, und Ehemann Jean (Melvil Poupaud) im Zuge dessen deutlich misstrauischer. Kann es sein, dass Fanny, die ohnehin alles hat und alles bekommt, was ihr vorschwebt, ihm selbst Hörner aufsetzt? Ein Detektiv kommt in Spiel, und der gönnerhafte Machtmensch mit den lockeren Fingern fürs Zwielichtige zieht bald die nötigen Konsequenzen.

Woody Allen freut diese verzwickte Eskalation einer eloquenten, gar manchmal sehr redseligen Boulevardkomödie, die sich langsam, aber doch, zur Krimikomödie wandelt. Doch so vielschichtig und tragisch, wie in seinem Meisterwerk Matchpoint, wird es nie. Was Allen damals geritten hat, einen Film zu inszenieren, der seiner Mentalität so sehr zuwiderläuft, werden wir nie erfahren. Dieses Highlight seines Schaffens bleibt auch bis heute unerreicht, und auch Coup de Chance wird daran nichts ändern. Genau genommen ist sein jüngstes Werk lediglich eine souverän inszenierte Reminiszenz an sein eigenes Schaffen, an seinen gewohnten Themenkreis, an das flatterhafte Glück und den schicksalsschweren Umstand des Zufalls, der Gutes oder Schlechtes mit auf den Weg bringt. Ohne ihn wäre Coup de Chance auffallend banal, eine handwerklich versierte, aber grob geschnitzte Seitensprung-Romanze, wie sie rustikaler wohl kaum sein könnte. Mal gibt es dort ein paar komödiantische, fein zulaufende Spitzen kecker Ironie, anderswo vielleicht süffisanten Wortwitz mit einigen denkwürdigen Zitaten – doch im Grunde ist diese schwarzhumorige Herbstsonate nur eine weitere Fingerübung auf der Beziehungscouch, die diesmal als Parkbank genügen muss, auf die sich die Verliebten, im Dialog versunken, zu setzen haben – mit einem Sandwich in der Hand und das Mobiltelefon auf Laut, damit der Göttergatte keinen Verdacht schöpft.

Dieses Glück für Zwischendurch ist stellvertretend für einen Film, der nicht mehr sein will als er vorgibt. Woody Allens Lust, zu unterhalten und von sich selbst unterhalten zu werden, bringt eine Krimikomödie auf den Weg, die nur darauf wartet, das As im Ärmel des Übergangsmantels auszuspielen. Bis dahin macht das Ganze wirklich Spaß, es ist nicht so, dass man sich langweilt oder alles schon mal gesehen hat. Letzteres mag zwar der Fall sein, doch Allen arrangiert Bekanntes wiederum neu, das ist sein Können, sein großes Talent. Überraschend bleibt nur der Knalleffekt, alles andere war zu erwarten. Was dem Wesen des Zufalls dann doch widerspricht.

Coup de Chance (2023)

Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug