James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

DIE EINSAMKEIT DER DOPPELNULL

5/10


notimetodie© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM.  ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

CAST: DANIEL CRAIG, LÉA SEYDOUX, LASHANA LYNCH, RAMI MALEK, BEN WISHAW, RALPH FIENNES, NAOMI HARRIS, ANA DE ARMAS, JEFFREY WRIGHT, CHRISTOPH WALTZ, BILLY MAGNUSSEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 43 MIN


Es ist ja fast so, als könnte man anhand lange verschobener Filmpremieren die globale Lage in Sachen Corona ablesen. Wenn Filme wie Dune oder eben James Bond 007 – No Time to Die in den Kinos starten, fühlt sich das an wie ein in der Economy-Class händeringend erwarteter Take Off ins Urlaubsland. Von da an kann es nur noch bergauf gehen. Und es ist auch fast so, als wäre der Rückstau im Kinoprogramm damit endlich durch. Von nun an könnte man vielleicht doch eher stressfrei durch die Kino-Agenda gleiten.

Was auch lange braucht, oder sagen wir: dort, wo die Nachfrage am größten ist, könnte auch wirklich Großes verborgen sein. Natürlich, schließlich geht es um nichts anderes als das James Bond-Franchise, das sein Kinopublikum seit den Sechzigerjahren bei der Stange hält. Bond ist Kult, wandelnder Zeitgeist und gleichzeitig hartgesottener Held im maßgeschneiderten Anzug und im Rahmen seiner Missionen über dem Gesetz.

Mit diesem lukrativen Garanten für volle Kinosäle kommt sich eine wie Barbara Broccoli natürlich mächtig vor. Allerdings ist sie das auch. Wie Kathleen Kennedy bei Disney ist auch Broccoli eine toughe Macherin, der man sicherlich kein X für ein U vormachen kann. Entsprechend geschäftstüchtig denkt sie auch – und legt den letzten Bond mit Daniel Craig in die Hände von Cary Joji Fukunaga, der sich längst mit anspruchsvollen Filmen wie Beasts of No Nation bewährt hat. Den Künstlern ihre Arbeit, den Wirtschafterin die ihre, möchte man meinen. Nur – so einfach ist das nicht. Wer zahlt, schafft an – und pocht auf seine Ideen im Drehbuch. Dieses wird längst nicht mehr von einem wie Dalton Trumbo geschrieben, sondern da sind viele, die das Script für eine filmische Wollmilchsau dahingehend optimieren und mit den Entwürfen anderer Besserwisser vermengen, sodass ein verhobenes Konstrukt aus Reminiszenzen, Charakterentwicklungen und bodenhaftender Standard-Action entsteht. Im Finale soll alles vorhanden sein, was Bond ausmacht.

Der Kreis schließt sich also, so wie bei Star Wars. Statt „Ich bin alle Jedi“ heißt es diesmal „Ich bin alle Bonds“. Und es scheint gar, als würde No Time to Die dieses Versprechen erfüllen. Wir sehen und hören anfangs subtile Anspielungen auf frühe Klassiker, im Aston Martin rauschen Craig und Léa Seydoux über Italiens Landstraßen. Vor dem obligatorischen und diesmal im Stil etwas unentschlossenen Intro, gesungen von Billie Eilish, die ein gehaltvolles Flüstern entfacht, allerdings keine Shirley Bassey ist, atmet der Bond-Kult aus allen Poren, verlässt sich auf sein nostalgisches Repertoire, wirkt aber dennoch zeitgemäß. Womöglich stammt der Anfang gar von Autor Fukunaga selbst. Oder aber von Purvis & Wade? Oder Phoebe Waller-Bridge? Wie auch immer, viele Köche eben.

Was so schneidig und stilsicher beginnt, verliert sich in einem unter sichtbarem Bemühen in die richtige Richtung gelotsten Kompromiss aus wenig schlüssigen Handlungsfäden, frappanten logischen Fehlern und fragwürdigen Entscheidungen. Bond selbst versinkt in Trauer und Liebeskummer, hat aber dennoch so manche an Roger Moore erinnernde, verschmitzte Bonmots auf Lager. Craig versucht dabei, seiner legendären Rolle so gut es geht treu zu bleiben. Wäre da nicht das Hineinzwängen seiner Person in ein gnadenlos in die Länge gezogenes Patchwork-Abenteuer, das mit Rami Malek wohl eine der lächerlichsten Bösewichte auf dem Ian Fleming-Planeten aus der Mottenkiste holt. Viel Geschwurbel füllt leere Minuten, aus knackig wird gedehnt, und so gut wie alles, was in diesem Eventkino zum Einsatz kommt – sei es Setting oder Action – war im eigenen Franchise einfach schon mal dagewesen, und zwar viel besser. Selbst so integre und in ihrer Rolle fast schon autark agierende Nebenrollen wie Christoph Waltz oder Lashana Lynch ziehen sich irgendwann zurück, um beim Finale fassungslos zuzusehen, was an pathetischem Kitsch eigentlich alles möglich ist.

Nachher braucht man einen Martini. Geschüttelt oder gerührt ist auch schon egal.

James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

Die Wüstensöhne

LACHEN ÜBER KAPUTTE TELLER

7/10

 

wuestensoehne© 1933 Hal Roach Studios / später MGM

 

LAND: USA 1933

REGIE: WILLIAM A. SEITER

CAST: STAN LAUREL, OLIVER HARDY, CHARLEY CHASE, MAE BUSCH, DOROTHY CHRISTY U. A.

 

Zwischen all den aktuellen und gerade mal noch aktuellen Filmerscheinungen versuche ich zumindest gelegentlich, die Geschichte des Kinos an sich nicht zu vernachlässigen. In Anbetracht meiner Watchlist eigentlich kaum erfüllbar – aber es geht dann doch, und so manches themenspezifische TV-Sonderprogramm erinnert an kinematographische Bildungslücken, die zu schließen eigentlich fast schon Pflicht wären. Wie zum Beispiel Filme aus den 30er Jahren, aus der Ära der Urväter des Buddy-Kinos. Und zwar aus der Erfolgsstory von niemand Geringerem als Stan Laurel & Oliver Hardy.

Jetzt ehrlich – schon mal wirklich zur Gänze einen abendfüllenden Spielfilm der beiden Spaßmacher gesehen? Ein guter Freund von mir und ausgesprochener Fan der beiden Knallerbsen würde sagen: Ja. Ehrlich gesagt habe ich im Gegensatz dazu diese Chance noch nicht ergriffen, obwohl die über hundert Jahre alten Breitenseer Lichtspiele relativ regelmäßig Filme von Stan und Ollie im Programm haben. Aber egal, es ist nun mal so, dass ich die beiden, die gefühlt andauernd irgendein Klavier von A nach B schleppen müssen oder Torten ins Gesicht bekommen, maximal in Herbert Prikopa´s Kinder-Anthologie Auch Spaß muss sein (ORF-Nachmittagskonsumierer aus den 80ern werden sich erinnern) schadenfroh bemitleiden konnte. Die andauernden Missgeschicke in verwaschenem Schwarzweiß waren für mich damals sogar etwas spooky. Zeitgemäß war anders. Und lustig auch. Eine gewisse Faszination konnte ich dem andauernden Stolpern und Scheitern aber schon damals nicht ganz absprechen.

Also gut, die Lücke muss gefüllt werden. Womit am besten? Die beiden Komiker können ja posthum auf ein unglaubliches Oeuvre zurückblicken. Einer Fernsehzeitschrift und diversen Kritikern nach zu urteilen wäre die Komödie Die Wüstensöhne wohl einer ihrer besten Werke. Na dann: her damit, das Wohnzimmerlicht gedimmt und die Kiste angeworfen. Mal sehen, wie Laurel & Hardy in über 60 Minuten am Stück auf mich wirken. Und verfehlt diese Art von Humor in Zeiten wie diesen, wo das Publikum schon alles hundertfach gesehen hat, nicht ohnehin schon seine Wirkung? Wie sehr kann zerbrochenes Porzellan auf den Köpfen anderer, wie sehr kann das Abrutschen in wassergefüllte Bottiche oder Schläge mit den Balken auf Hinterteile überhaupt noch das Zwerchfell erschüttern?

Nun, da muss ich mal festhalten – diese Art Slapstick-Komik, die gibt es schon lange nicht mehr. Der Klamauk der letzten Dekaden bezog sich eher auf Fäkalhumor und Sex, hysterischem Gelaber und debilen Zoten. Das ist aber nicht die Art des Unterhaltens, die der Dicke und der Doofe wohl als vergnüglich empfanden. Die Darbietungen der beiden entsprechen clowneskem, erfrischend analogem Zirkus-Entertainment aus einer Zeit, in der sich Medien jenseits von Live-Auftritten auf Bücher, Schellacks und knatterndem Kino beschränkten. Zu dieser Zeit  war Charlie Chaplin längst Teil von United Artists und hatte seine Klassiker wie Moderne Zeiten und Der große Diktator noch gar nicht abgedreht. Die Marx Brothers mit ihren gelenkigen Eskapaden befanden sich gerade im Krieg (Duck Soup) und Buster Keaton war als deren Drehbuchschreiber unterwegs. Eine Epoche also der expressiven Komik, in der Understatement wenig gefragt war und der plakative Witz Zerstreuung suchende Gemüter kurze Auszeiten gönnte.

Tatsächlich wohnt in der straff inszenierten Boulevardkomödie von Produzent Hal Roach – zur damaligen Zeit quasi „die“ Institution der leichten Unterhaltung – eine Situationskomik inne, die damals oft zitierte und aufs Korn genommene Beziehungs- und Gesellschaftsmuster in burlesker Anarchie ausschlachtet. Die Ehe als duldsames oder unduldsames Matriarchat degradiert die beiden devoten Maulhelden, die Laurel & Hardy fernab ihrer Liebsten natürlich sind, zu Günstlingen eines weiblichen Selbstbewusstseins, welches zum Gebaren eines Hausdrachens verzerrt wird, der zwar schimpft und tadelt, bei Schwäche des Ehegatten allerdings aufopferungsvolle Mutterinstinkte freilegt. Das ist schon eine reichlich obsolete und natürlich völlig polemische Karikatur von Mann und Frau, bietet aber eine Fülle an komödiantischen Fettnäpfchen, in welche die beiden Kindsköpfe schlittern, sich dabei verplaudern, vieles verspielen und am Versuch, den Verboten der Liebsten zu trotzen, grandios scheitern.

Das ist einerseits völlig verstaubt, seltsam bizarr und aus der Zeit – andererseits aber aufgrund dieser langen Stil-Abstinenz ein Kuriosum aus vergangenen Tagen, ein filmisches Museumsstück, das unbedingt und empfehlenswerter Weise aus diesem Blickwinkel betrachtet werden sollte. Die Wüstensöhne als Stichprobe aus einer ganzen Werkschau, das ist bühnenhafter, mal brachialer, mal detailverliebter Retro-Spaß, auf den man sich gut einlassen kann – und Oliver Hardy´s verzweifelt-resignative Mimik sowie Stan Laurel´s Köpfchenkratzen dann umso mehr genießt. Das ist Kult, der schon so alt ist, dass er fasst schon wieder innovativ wirkt.

Die Wüstensöhne