Systemsprenger

WENN NICHT MAMA, WER DANN?

6,5/10

 

SYSTEMSPRENGER© 2019 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: HELENA ZENGEL, ALBRECHT SCHUCH, LISA HAGMEISTER, GABRIELA MARIA SCHMEIDE U. A. 

 

„Mir ist das Mädchen richtig ans Herz gewachsen“, sagt an einer Stelle des Films die temporäre Pflegemutter, die das neunjährige Mädchen Benni in ihrer Obhut hat. Nora Fingscheidt, Regisseurin ihres Spielfilmerstlings, geht es da ganz ähnlich. Die kleine Benni kann einem einfach nicht egal sein, das Kind lässt verzweifeln und am liebsten will Fingscheidt ihr alle Liebe angedeihen, die es nur gibt. Nur: Da System sieht sowas nicht vor. Das klingt jetzt krass, das klingt wie dystopische Science-Fiction, in der Emotionen am Index stehen. In Systemsprenger allerdings sind Emotionen die Ruler überhaupt, ungefiltert führen sie zum Chaos. Gut das die meisten von uns ihre Impulse kontrollieren können. Die kleine Benni kann das nicht. Die Wut im Bauch wird zur Wut auf die Welt – entfesselt, ohrenbetäubend laut, brutal. Ein Kind muss sowieso erst lernen, Gefühle zu kontrollieren und sich ihnen nicht gleich hinzugeben, da spielt natürlich auch Gewalt eine große Rolle. Bennis Verhalten ist dahingehend gestört. Aber auch ihr Verhältnis zur Familie. Keine Ahnung, was da passiert ist, welchen Ursprung diese Störung erst auf Schiene gebracht hat, nur einmal wird am Rande erwähnt, warum man Benni um alles in der Welt nicht ins Gesicht greifen soll. Da müssen schlimme Dinge vorgefallen sein. Der Vater ist verschwunden und die arbeitslose Mutter sitzt sowieso schon mit zwei Kindern daheim – klarer Fall von sozialem Notstand. Eine nähere Analyse der Ursachen lässt Fingscheidt aber außen vor. Denn worum es geht, das sind die Symptome eines gewaltigen Defizits. Und die sind schwer auszugleichen.

Benni sprengt das System, weil sie keinen Halt findet. Benni legt sich – fast schon vorsätzlich – mit einem Umfeld an, das ihr keine Zuflucht bietet. Wie McMurphy fliegt sie übers Kuckucksnest, legt sich quer, widersetzt sich einer Ordnung, die sie nicht mitbestimmen kann. Die liebende Mutter, Zentrum kindlicher Geborgenheit, bleibt dabei Verräterin und Sehnsuchtsort zugleich. Der stetige Kreislauf aus Ablehnung – Kinderheim, Sonderschule, Pflegemama und wieder retour an den Anfang – treibt das rabiate Verhalten auf die Spitze. Die Folge: Bennis soziale Begleiter verlieren, was sie nicht sollten, die emotionale Distanz. Und Fingscheidt kann auch nicht anders, als lediglich versuchen, über dieses Dilemma objektiv zu berichten.

Dabei stellt sie dem System kein gutes Zeugnis aus. In ihrem Film ist die Inkompetenz der Erwachsenen unübersehbar. Deren teils unbedachtes, teils fahrlässiges Fehlverhalten schürt nur das archaische Aufbegehren eines in seiner Entwicklung gehemmten jungen Menschen, der nichts anders möchte als nach Hause kommen. Dabei verzichtet Fingscheidt aber auch, den Alltag in den Jugendheimen wirklich näher zu beobachten. Laut Systemsprenger hat das alles keinerlei pädagogischen Wert, weil nichts die Institution Familie, schon gar nicht eine Mutter, ersetzen kann. Dort, in dieser trostlosen Enge aus Spitalsgängen und latexfarbenen Anstaltsräumen, ist emotionale Bindung Grund für ein Weiterreichen an den nächsten Ort. So oder so ist das Kind der Verlierer. Systemsprenger ist illusionslos, aber nicht desillusionierend. Ein Film, der aufwühlt und  Meinungen kreuzt. Weil Benni einem nicht egal sein kann. Weil die Wut vor der Unzulänglichkeit des Systems langsam auch mich befällt.

Diese Tour de Force, die heuer im Rahmen der Berlinale den silbernen Bären gewonnen hat, unterliegt keinem Voyeurismus, wobei Hannah Zengels irres Spiel dazu verleitet, immer wieder Beispiele mangelnder Impulskontrolle zu dokumentieren. Das schauspielerische Wunderkind ist aber vor allem auch in seinen leisen Momenten ergreifend gut, und vor allem eigentlich dann, wenn es versucht, Nähe zuzulassen. Wenn die Kamera das blasse Gesicht Zengels aus nächster Nähe einfängt, ihren suchenden Blick oder ihr befreites Lachen, dann hat das nichts Objektives mehr, dann kämpft Fingscheidt genauso für das Kind wie es für sich selbst. Dabei passiert es, dass der Film mitunter ziemlich auf der Stelle tritt, enorm repetitiv und dadurch deutlich zu lang wird. Seine Szenen wiederum sind knapp, sind wie Seitenblicke auf einen Alltag, sparen viel aus und enden oft abrupt. Klar, bei so einem komplexen Thema für einen Film lässt sich nur streichen, was geht. Inhaltlich ist es immer wieder das gleiche, es ist ein zermürbendes Auf und Ab, etwas orientierungslos, wie das ganze Dilemma, um das es geht. gefunden wurde ein Rhythmus, der jener von Bennis jungem Leben entspricht: fahrig, schmerzhaft, fragmentiert, zwischendurch unendlich erschöpft. Und das Ganze, wenns hochkommt, in Pink.

Systemsprenger

Three Billboards outside Ebbing, Missouri

DEN TEUFEL AN DIE PLAKATWAND MALEN

7/10

 

threebillboards© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: MARTIN MCDONAGH

MIT FRANCES MCDORMAND, SAM ROCKWELL, WOODY HARRELSON, ABBIE CORNISH, PETER DINKLAGE U. A.

 

Das erste Mal, als ich mit dem Dramatiker Martin McDonagh in Berührung kam, war die Aufführung seines Theaterstücks Der Leutnant von Inishmore im Wiener Akademietheater. Raues, blutiges Theater aus der irischen Unterwelt. Kein angenehmes Stück Bühnenspiel. Aber intensiv und einprägsam. Aber das ist schon Jahre her. Dass McDonagh auch auf Kino macht, bewies er dann mit Brügge sehen…und sterben?. Ein schwarzhumoriger Krachten-Thriller vor malerischen Fachwerkbauten. Sehenswert ja, aber nicht weltbewegend. Mit dem im Vorfeld hochgelobten Oscar-Kandidaten Three Billboards outside Ebbing, Missouri hat der Ire wohl sein inhaltlich komplexestes und vielschichtigstes Werk auf die Leinwand gewuchtet. Doch wie viel davon ist wirklich von Martin McDonagh? Viel eher lässt sich dieses Werk als Teil der Arbeiten seines älteren Bruders John Michael McDonagh sehen. Der hat sich im Gegensatz zu Martin immer wieder mal mit weitaus schwierigeren, vor allem ethischen Themen auseinandergesetzt. Ganz besonders in seinem letzten Film Calvary – Am Sonntag bist du tot. Ein Film um Glaube und Kirche, Vergebung und Verantwortung. Beeindruckend, bleischwer und metaphorisch. Three Billboards outside Ebbing, Missouri kippt in ein ähnliches Fahrwasser. Kann sein, dass das Kleinstadtdrama durchaus von John Michael´s Herangehensweise an gesellschaftskritische Stoffe beeinflusst worden ist. Wenn ja, war das mit Sicherheit kein Fehler.


Three Billboards otside Ebbing, Missouri könnte an einem Ort spielen, den sich Stephen King ausgedacht hat. Dieses fiktive Ebbing ist eine bigotte, spießige Kleinstadt – erzkonservativ und hinterwäldlerisch. Eine Keimzelle für Mord und Totschlag, für Rassenhass und sozialem Mobbing. Nichts für ungut, aber in Ebbing ist so ziemlich alles irgendwie mit Vorsicht zu genießen. Und dann ist da ein Mord passiert, die Vergewaltigung und Verbrennung eines Mädchens, direkt unter den Billboards, welche die Abzweigung nach Ebbing säumen – und zum Streitfall werden. Denn die trauernde Mutter des Teenies, die verschafft sich mit diesen drei Plakatwänden sowohl mediales Gehör als auch genug Feinde. Und entfacht eine Spirale der Gewalt und der Gegengewalt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

McDonagh der Jüngere liefert eine fulminante Geschichte, das Zerrbild eines schwelenden Mikrokosmos aus Hass und Wut, aus Genugtuung und Trauer. Und sie klingt so bizarr, dass es tatsächlich so passieren hätte können, was ich anfangs sogar noch gedacht habe. Doch 
Three Billboards otside Ebbing, Missouri ist eine fiktive, rabenschwarze Farce, die vor allem darstellerisch in noch tiefere Schwärze trifft als es die Story ohnehin schon tut. Und damit meine ich in erster Linie nicht mal Frances McDormand, von der man sowieso keine schlechte Arbeit erwartet. Nein – es ist das Schauspiel des Sam Rockwell, die nachhaltig beeindruckt und im Gedächtnis bleibt. Seine Wandlung vom niederträchtigen, hasserfüllten Saulus zum Paulus ist ein grandioser künstlerischer Kraftakt. Die veranschaulichte Kleinkariertheit, Impulshaftigkeit und Verletzlichkeit des latent rassistischen Polizisten Dixon und seine stete Metamorphose erinnert flüchtig an die Paraderolle Harvey Keitel´s in Bad Lieutenant. Ihm zur Seite natürlich der von mir sehr geschätzte Woody Harrelson als Mentor und Dixon´s Vaterersatz. All diese Figuren geben McDonagh´s Parabel der Vergebung eine raue, derbe, knochenharte Intensität, die den Wunsch nach dem inneren Frieden eines jeden einzelnen oder jeder einzelne zu einem zynischen Kreuzweg werden lässt. Das abrupte Ende aber wird den gierenden Gerechtigkeitssinn des Publikums erstmal wenig befriedigen. Später jedoch entfalten die letzten Worte seinen ganzen entlarvenden Zweck. Fast schon als Selbsttest für das Publikum, wie bei Helmut Qualtinger´s Die Hinrichtung.

Die Spirale der Gewalt zu durchbrechen verlangt unendliche, fast schon übermenschliche Größe. Im Angesicht emotionaler Belastung einen Schritt zurück zu treten, damit die Faust ins Leere fährt. Nur, um zu einer für alle erträglichen Ordnung zurückzufinden – das ist die Essenz dieser kraftvollen Ballade, die sich manchmal so traurig anfühlt wie Manchester by the Sea, und manchmal so absichtlich dick aufträgt wie ein Film der Coen´s. Selbstjustiz ist auch keine Lösung, die Hilfe des Feindes vielleicht. Ein Impuls, der neu ist – und Three Billboards outside Ebbing, Missouri zu einer faszinierend trotzigen Odyssee ins Innere verschütterter Menschlichkeit werden lässt.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri