Die Croods – Alles auf Anfang

STEINZEIT AUF LSD

8/10


thecroods2© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JOEL CRAWFORD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): NICHOLAS CAGE, RYAN REYNOLDS, EMMA STONE, CATHERINE KEENER, CLORIS LEACHMAN, CLARK DUKE, LESLIE MANN, PETER DINKLAGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Kennt man ihn nicht schon aus der eigenen Kindheit, so kennt man ihn aus der Vorlesestunde mit dem Nachwuchs. Kaum eine solche gestaltet sich dabei schöner als mit den bebilderten Werken des Österreichers Erwin Moser, seines Zeichens Autor und Zeichner mit Hang zu einem ganz eigenen, phantastischen Realismus, der sich gerade für Kinder enorm zugänglich gibt, und das nicht nur aufgrund seiner entschleunigten, entspannten Erzählweise, sondern auch und vor allem aufgrund seiner obskuren Tierwelt, die auf den ersten Blick als Teil einer uns bekannten Fauna scheint, auf den zweiten Blick aber einer surrealen Physis frönt. Es ist, als hätten sich die Macher von Die Croods an genau diesem Herrn orientiert. Für wahrscheinlich halte ich das zwar nicht, aber egal – die Assoziation ist da. Und umso mehr kann ich mit dem irren Bestiarium in der Welt der Croods was anfangen. Das war schon beim Erstling der Fall, wo Landwale, bunte Säbelzahntiger und kreischende Vogelbäume eine Steinzeit bevölkern, die fast so scheint, als sähe sie jemand, der reichlich komisches Zeug intus hat.

Selten passiert es, dass ein Sequel die selben Qualitäten entwickelt, sich dabei aber auch nicht selbst kopiert. Ab und an kommt das vor. Wie eben in Die Croods – Alles auf Anfang. Und es ist vielleicht ganz gut, hierbei auch den Vorgänger zu kennen, da Teil 2 unmittelbar nach den Geschehnissen aus 2013 anschließt. Papa Grug ist also mit seiner fünfköpfigen Sippschaft und dem nonkonformen Neuzugang, Jungspund Guy, durchs Land unterwegs, um ein neues und vor allem sicheres Zuhause zu finden. Töchterchen Eep schmiedet allerdings mit Herzblatt Guy ganz andere Pläne, nämlich, die Sippe zu verlassen, um irgendwo neu anzufangen. Bevor es aber so weit kommt, stoßen unsere prähistorischen Helden auf eine paradiesische, mit Palisaden geschützte Enklave, in der eine ganz andere Familie wohnt – nämlich jene der Bessermanns. Ich möchte fast sagen: neureiche, trendige Bobos mit reichlich Essbarem im Vorgarten und einem Baumhaus, dass inklusive Lift und Fernseh-Fenster alle Stückchen spielt. Da bleibt den Croods der Mund offen stehen. Umso mehr, da Guy plötzlich als einer der ihren erkannt wird. Doch sei’s drum, die Croods machen sich in ihrer neuen Welt mehr ungefragt als gefragt breit, was den Bessermanns gar nicht gefällt. Es lässt sich erahnen, dass es da bald zum Nachbarschaftsstreit kommt, und das ganz ohne Volksanwalt.

Was sich die Drehbuchautoren Dan und Kevin Hageman (u.a. Trolljäger, Scary Stories to Tell in the Dark) für diese knallbunte Fortsetzung an Details alles haben einfallen lassen, geht auf keine gegerbte Mammuthaut. Sich sowas auszudenken, muss Riesenspaß gemacht haben. Und Riesenspaß, auch all das zu entwerfen und am Computer umzusetzen. Jedes noch so verrückte Tierchen scheint mit Lust und Laune geformt worden zu sein, von den geflochtenen Flipflops bis zum Angora-Mammut ist The Croods – Alles auf Anfang ein einziges Kuriosum. Hätte ja sein können, dass Regisseur Joel Crawford von all seinem Farbzirkus zu sehr abgelenkt worden wäre, doch die Familienkomödie, die ja fast schon den Kult um die Flintstones an Ideenreichtum in den Schatten stellt, hat sehr wohl was zu erzählen, hat sehr wohl auch seine Figuren in ihrer charakterlichen Weiterentwicklung zu betreuen und natürlich auch sehr viele Pointen unterzubringen. Alles zusammen passt wie der Funke zum Feuerstein. Darüber hinaus ist der Film ein einziger Schenkelklopfer, der mit einer komischen Situation nach der anderen zum lauten Lachen reizt. Absolutes Highlight: die versteckten Qualitäten von Oma Crood.

Betrachtet man die Konkurrenz mit Pixar, gibt es sehr wohl etwas, das DreamWorks neben seinem deutlich schrillerem Grundtonus dann doch noch besser gelingt: der oftmals treffsichere, nicht unbedingt geistreiche, aber reuelos plakative Witz, über den man sich gut und gerne amüsiert und der es auch nach dem Abenteuer wie auch immer gearteten Spaßbremsern schwer macht, die Laune zu verderben.

Die Croods – Alles auf Anfang

Knights of Badassdom

EIN DÄMON FÜRS WOCHENENDE

6/10


knights-of-badassdom© 2013 Pandastorm Pictures


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE: JOE LYNCH

CAST: RYAN KWANTEN, STEVE ZAHN, PETER DINKLAGE, SUMMER GLAU, DANNY PUDI, JIMMI SIMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Jeder, der sich schon mal das bunte Treiben auf einer Comic-Con gegeben hat, wird wissen, was LARP bedeutet. Für jene, die das nicht wissen: LARP ist die Abkürzung für Live Action Role Playing – das Verb dazu lautet „larpen“. Was tut man da? Man wirft sich – vom Samtmieder bis zur chromschillernden Rüstung – in das vorzugsweise selbst genähte Outfit einer Epoche oder eines fiktiven Universums und schlüpft dabei physisch in die Rolle seines erwählten Charakters. Als Waffen gelten vorzugs- und rücksichtsvollerweise liebevoll ausgearbeitete Schmiedewaren aus Schaumstoff, mit welchen man den Gegner schadlos halten kann. Es gibt ein Thema, ein Come Together, mitunter epische Schlachten. Auch hierzulande in Österreich gibt’s LARP-Events, allerdings nicht so breit gefächert wie in Deutschland. Sowohl Historisches als auch High Fantasy wird hier nachgespielt, natürlich gibts auch komplette Eigenkreationen. Am Beeindruckendsten dabei sind allerdings nicht die aus dem Boden gestampften alternativen Welten, sondern die aufrichtige Leidenschaft, mit der die LARPer zur Sache gehen. Letzten Endes bleibt die Frage offen, wann denn endlich mal diese ganz besondere Art der Freizeitgestaltung auch filmtechnisch gewürdigt werden könnte. Das ist bereits geschehen – nämlich vor rund 8 Jahren. Mit dem so denkwürdig betitelten Streifen Knights of Badassdom.

Dieses Guilty Pleasure für selbstbewusste Nerds eignet sich auch bestens für solche, die sich nicht zwingend als Nerds oder Geeks deklarieren wollen, die sich allerdings in den Kreisen fachsimpelnder großer Kinder am wohlsten fühlen. Diesen Feel Good-Effekt nutzen Rollenspieler Hung und Eric ebenso, als sie den von Liebeskummer gepeinigten Joe für ein Wochenende und anfangs gegen seinen Willen in die idyllische Waldeinkehr für ein bevorstehendes LARP-Gefecht verschleppen. Eric, der Vorzeigemagier mit Level 15, kommt sich dabei ganz wichtig vor, hat er doch von irgendwoher einen uralten Schmöker mitgehen lassen, aus dem er eifrig magisch klingenden Kauderwelsch rezitiert. Was er dabei nicht weiß: ein waschechter Dämon hat sich durch diese Worte direkt angesprochen gefühlt – und wandelt alsbald mordend durch den Hain. Authentisch ist ja gut genug – übertreiben sollte man es trotzdem nicht, finden die Buddies und versuchen ihr Bestes, ihre heile Welt vor dem Übel der Bestie zu befreien, die obendrein noch wenig zimperlich vorgeht, wenn es heißt, sich am Blut unschuldiger Schildmaiden und ritterlicher Recken zu laben.

Da spritzt der grellrote Körpersaft und werden Torsi entherzt – natürlich auf einem handwerklich recht überschaubaren Level, sagen wir auf Augenhöhe mit günstig produzierten B-Movies, die das Gaudium eines Trashfilm-Publikums schüren. Für diesen derben Spaß hat sich neben Steve Zahn und Firefly-Ikone Summer Glau im nietenbesetzten Mini auch „Tyrion Lannister“ Peter Dinklage eingefunden, der in Kettenhemd und mit Gummischwertern allen die Show stiehlt und seine Rolle aus Game of Thrones persifliert. Wenn am Ende dann der ungelenke Bodysuit einer Höllenkreatur über die Ebene stapft und Gedärme verstreut, sind fast schon die Jack Arnold-Fifties zurückgekehrt.

Knights of Badassdom eignet sich perfekt dafür, einen Themenabend rund um realitätsferne und im Phantastischen verortete Leidenschaften feuchtfröhlich ausklingen zu lassen. Ein Spaß also, der Feinschmecker keinesfalls abholt, der verspielten Frohnaturen auch am Ende eines Tages voller kraftraubender Mittelalter-Celebrations noch Laune macht.

Knights of Badassdom

Three Christs

GESPRÄCHE MIT DER DREIFALTIGKEIT

6/10


ThreeChrists© 2020 IFC Films


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: JON AVNET

CAST: RICHARD GERE, PETER DINKLAGE, WALTON GOGGINS, BRADLEY WITHFORD, CHARLOTTE HOPE, KEVIN POLLACK, JOHANNA MARGULIES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Um Richard Gere ist es in letzter Zeit relativ still geworden. Was aber nicht heißt, dass der wohl bekannteste Wahlbuddhist der Filmbranche nicht künstlerisch aktiv gewesen wäre. Zum Beispiel gibt es da das völlig unbekannte und in der Versenkung verschwundene Psychodrama Three Christs, in welchem eben nicht nur Richard Gere als Doktor der Psychiatrie fungiert, sondern auch Ex-Tyrion und eben erst fulminanter Erzfeind von Rosamunde Pike in I Care a Lot, nämlich Peter Dinklage, sein Können im Rahmen psychisch kranker Persönlichkeiten erprobt.  Der Charakterkopf spielt einen Schizophrenen, der fest davon überzeugt ist, Jesus Christus zu sein. Die Schwierigkeit dabei: Er ist nicht der Einzige, der sich als Messias sieht – genauso geht es auch Walton Goggins, der überhaupt gleich glaubt er sei Gott, und Bradley Withford, der Jesus sein will, allerdings ein Jesus, der nicht aus Nazareth stammt. Diese drei Schizophrenen haben ausnahmsweise mal etwas gemeinsam – und diese Gemeinsamkeit will Dr. Alan Stone nutzen, um dieser facettenreichen Psychose anhand von Gesprächen auf den Grund zu gehen. Was bei den alteingesessenen Fachkollegen oder gar beim Leiter der Anstalt nicht so gut ankommt, denn die setzen allesamt auf Elektroschocks – und als letzte Instanz winkt die Lobotomie.

Die ganze Geschichte ist tatsächlich passiert. Dr. Alan Stone, die drei Christusse – all das hat sich Ende der Fünfzigerjahre ungefähr so oder ähnlich zugetragen, natürlich hier im Film von Jon Avnet (u. a. Grüne Tomaten) dramaturgisch unterspickt. Da fällt mir ein: In den Siebzigern gab es da einen ähnlichen Film: Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen. Auch dort bemüht sich die behandelnde Ärztin (Bibi Andersson), beim Therapieren eines 17jährigen schizophrenen Mädchens mehr über dieses Mysterium herauszufinden. Ein Film typisch Siebziger – die dort angesprochene Scheinwelt Yr wird mit psychedelischen Elementen visualisiert. Wie anders lässt sich so eine Wahrnehmung auch sonst darstellen? Mit LSD zum Beispiel – dazu rät Dr. Stone seiner Assistentin, um mithilfe dieser (wohldosierten) Droge den Geisteszustand der drei Erkrankten vielleicht besser zu verstehen.

In Three Christs – oder auch unter dem Alternativtitel State of Mind – Der Kampf des Dr. Stone recherchierbar – geht’s in keinster Weise um den spirituellen Aspekt der Christus-Identität. Dieser Status Quo wird mehr oder weniger außen vorgelassen. Der Konflikt, der, wie Dr. Stone vermutet, aus dem dreimaligen Anspruch des Erlösertitels hervorgehen sollte, findet auch nicht statt. Die Zusammenkunft der drei ist letzten Endes ein zaghaftes Herantasten an ein Gespräch mit zutiefst verwirrten Individuen, denen die Begegnung auf Augenhöhe deutlich besser tut als die Gummizellen- und Schockmethoden jener, die der Meinung scheinen, es mit Menschen zu tun zu haben, die aufgrund ihres Defizits weniger wert sind oder weniger Rechte haben.

Dennoch, und obwohl Peter Dinklage und ganz besonders auch der für Antagonistenrollen stets bestens geeignete Walton Goggins als psychisch Kranke sehr behutsam und stets bei der Sache alle Stückchen spielen, geht Avnets Inszenierung ganz besonders Meister Biedermann zur Hand. Kein Wunder, dass Three Christs nicht wirklich von sich reden machte: die Fakten des medizinischen Tagebuchs sprechen Bände, die filmische Aufbereitung bleibt aber recht routiniert, wenngleich die Auseinandersetzungen mit dem Wahn, die wie Szenen auf einer Theaterbühne wirken, auf alle Fälle faszinierend sind. Langeweile kommt also keine auf. Dafür aber bleibt das unbefriedigende Gefühl, dieses ganze menschliche Drama von vornherein nicht zwingend für die große Leinwand produziert zu haben.

Three Christs

I Care a Lot

DAS GELD ÄLTERER LEUTE

8/10


icarealot© 2021 Photo Cr. Seacia Pavao / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: J BLAKESON

CAST: ROSAMUNDE PIKE, EIZA GONZÁLES, PETER DINKLAGE, DIANNE WIEST, CHRIS MESSINA, ISIAH WHITLOCK JR. U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


In Österreich ist der Pflegeregress – das Finanzieren von Pflege aus privatem Vermögen – seit Anfang 2018 abgeschafft. Na, Gott sei Dank für die Angehörigen und Nachkommen. Und Gott sei Dank natürlich für die Betroffenen. Etwas zu besitzen macht schon auch etwas mit dem Selbstbewusstsein. Vom Ende des Pflegeregress hat die toughe Marla Grayson allerdings noch nichts vernommen. Keine Ahnung wie das in anderen Ländern gehandhabt wird. Bei Marla Grayson jedenfalls bläht sich die Brieftasche dank sozialer Scheinliebe bis zum Äußersten. Denn sobald gerichtlich verfügt wird, dass hilfsbedürftige Senioren unter Graysons Kuratel gestellt werden müssen, sie noch dazu Heim und Hof verlieren und nicht mehr als zu melkendes Gemüse sind, wird der ganze Besitz veräußert. Nachlass für andere zu Lebzeiten sozusagen. Ein Vorgehen, fern jeder Ethik. Aber wer braucht schon Ethik in Zeiten von Konzerndenken und dem lukrativen Gewinn aus dem Schaden anderer? Du musst ein Schwein sein in dieser Welt, das sangen schon die Prinzen. Und recht haben sie damit. Allerdings übersehen sie, dass ein Leben auf Kosten anderer irgendwann auf holprigen Pfaden endet. Denn mit der Enteignung und Einweisung der betagten, aber geistig noch völlig fitten Jennifer Peterson (Dianne Wiest) tritt sich Marla Grayson einen Haufen Schwierigkeiten ein, mitunter den finsteren Burschen Peter Dinklage, der, was keiner weiß, Jennifer Petersens Sohnemann ist und sich ernsthaft fragt, warum Mutti sich nicht meldet.

Regisseur und Autor J. Blakeson (u. a. Die Entführung der Alice Creed, Die 5. Welle) hat mit seiner schwarzen Thrillersatire I Care a Lot verdammt vieles richtig gemacht und Netflix zu einem sehenswerten Stück Zeit- und Gesellschaftskritik verholfen, das sich überdies streckenweise zu einem sauspannenden Schachspiel zwischen Rosamunde Pike und dem alten Tyrion Lennister mit Rauschebart und Hipster-Scheitel aufbäumt, den man auch spätnachts ansehen kann, ohne dabei müde zu werden. I Care a Lot ist ein Film, der fesselt, und nicht nur zynisch sein will, weil medialer Zynismus den intellektuellen Kritiker hofiert. In diesem Zynismus liegt eine komödiantisch verzerrte Wahrheit, was die Gier einiger weniger betrifft, die sich zur fröhlichen Oligarchie zusammenschließen, um das Fußvolk, das gar nicht weiß, wie ihm geschieht, auszunehmen. Man möchte diese eiskalte, berechnende und scharfsinnige Figur der Marla Grayson, die das Kaliber einer mörderischen Sharon Stone in ihren besten Zeiten erreicht, ohne dabei mit plumpen Kapitalverbrechen anzugeben, am liebsten hassen. Doch das kann man nicht, weil Rosamunde Pike einfach zu begnadet agiert, um sich von ihr abzuwenden. Pike, längst eine meiner großen Favoriten im Filmbiz, ist eine strahlende, makellose Erscheinung und gleichsam so perfide wie eine Renaissance-Regentin, die ihre Widersacher beseitigt, nämlich so, dass es keiner merkt. Pike gibt sich die Frauenpower auf der Schattenseite, da geht selbst einem ebenso versierten Peter Dinklage irgendwann die Eloquenz aus. Und man selbst bleibt sprachlos bei so viel Kälte und Gleichgültigkeit dem Humanismus gegenüber, und man könnte sich auch denken, manch ein Mensch ist ein tigerartiger Einzelgänger, der soziales Miteinander als schier überbewertet empfindet.

J Blakeson folgt seinem erdachten Konzept des amoralischen Duells mit einigen Kompromissen, um zum notwendigen Ziel zu gelangen. Das merkt man leider, da sind in Sachen Plausibilität manchmal schwächelnde Wendungen drin, die aber das Gesamtbild nur geringfügig durcheinanderbringen. Doch vielleicht ist dieses Schwächeln auch Teil des Plans, um den Konkurrenten zu umschleichen, ohne ihn ernsthaft um die Ecke bringen zu wollen? Löwen und Lämmer werden hier des Öfteren als Gleichnis bemüht – zu welcher Fraktion Rosamunde Pike gehört, wird wenig überraschend schnell klar. Wenig klar bleibt, wohin sich dieses toughe Lust- und Frustspiel wohl hinentwickeln wird, was den Film angenehm unberechenbar macht. Und der so sagenhaft gut unterhält wie den Erbschleicher das notarielle Verlesen eines üppigen Testaments. Zu Lebzeiten, versteht sich.

I Care a Lot

Angry Birds 2

SCHWEINE LASSEN FEDERN

6/10

 

angrybirds2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: THUROP VAN ORMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SUDEIKIS, JOSH GAD, BILL HADER, AWKWAFINA, LESLIE JONES, PETER DINKLAGE U. A.

DEUTSCHE SYNCHRO: CRISTOPH MARIA HERBST, ANKE ENGELKE, AXEL STEIN, CHRISTIANE PAUL U. A.

 

Das Gemüt des rotfedrigen Vogels mit den Theo Weigel-Gedächtnisaugenbrauen ist auch schon etwas abgekühlt. Ganz so angry ist Red nämlich nicht mehr, er ist, wie wir aus Teil 1 wissen, mittlerweile zum Helden geworden. Ein gaches Häferl, wie man in Wien so schön sagt, ist maximal noch die brenzlige Flauschkugel Bombe, die bei innerer Anspannung gerne mal explodiert. Sonst aber haben wir es im Sequel des auf kinotauglich getrimmten Online-Spiels gleichen Namens weniger mit der Coming of Calm-Genese eines Außenseiters zu tun, sondern mit dem Plot eines handelsüblichen Abenteuerklamauks, der in Sequels bekannter Animationsfilme gerne zu Rate gezogen wird. Letztendlich müssen sich die schleimgrünen Schweine der Schweineinseln mit den Federbällen der Vogelinsel zusammenschließen, um auf Expedition zu gehen – nämlich zu einer sagenumwobenen dritten Insel, von welcher überdimensionale Eiskugeln geflogen kommen und ein knallbuntes Armageddon für alle Hohlknochen und Saumägen einläuten, würde Red nicht mitsamt den üblichen Verdächtigen der wahnsinnigen Adlerdame Zeta, die sich dorrt ausspinnt, das Handwerk legen wollen.

Schräge Vögel haben Schwein oder Schweine können fliegen – je nachdem, wie man es anstellt oder wie man es nimmt: die Fortsetzung der schrillen Zotenparade hat zwar weniger Pfeffer als das irrwitzige Filmoriginal, lässt aber dennoch all die durchgeknallten Charaktere wieder über ihr eigenes Fehlverhalten und auch über ihre eigene Überheblichkeit stolpern – bis irgendwie und unter turbulenten Umwegen alles wieder gut wird. Der Storyboardzeichner und Cartoonist Mark Thurop van Orman setzt, ohne sich erzwungernermaßen anderes zu überlegen, auf den gleichen Humor wie damals – und landet mitunter wirkliche Volltreffer. Saukomisch zum Beispiel der Versuch unserer knallbunten Freunde, gemeinsam einen Adler zu imitieren, um in die Festung von Zeta überhaupt erst einzudringen. Oder die Anorakparade, leicht overdressed, in kühlen Gefilden vielleicht notwendig. Natürlich sind die Kalauer relativ derb, Schenkelklopfer wohlgemerkt. Witzkistenschlafen im Schichtdienst. Aber warum nicht auch mal auf diese Art, vor allem, wenn sie unterhält? Und je runder all diese Figuren sind, um so witziger kann es werden, siehe Minions, da funktioniert es doch auch. In genau diesem Stil ist auch Angry Birds 2 ein Overkill an kreischiger Turbulenz, aber mit dem Slapstickherzen am rechten Fleck.

Angry Birds 2

Three Billboards outside Ebbing, Missouri

DEN TEUFEL AN DIE PLAKATWAND MALEN

7/10

 

threebillboards© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: MARTIN MCDONAGH

MIT FRANCES MCDORMAND, SAM ROCKWELL, WOODY HARRELSON, ABBIE CORNISH, PETER DINKLAGE U. A.

 

Das erste Mal, als ich mit dem Dramatiker Martin McDonagh in Berührung kam, war die Aufführung seines Theaterstücks Der Leutnant von Inishmore im Wiener Akademietheater. Raues, blutiges Theater aus der irischen Unterwelt. Kein angenehmes Stück Bühnenspiel. Aber intensiv und einprägsam. Aber das ist schon Jahre her. Dass McDonagh auch auf Kino macht, bewies er dann mit Brügge sehen…und sterben?. Ein schwarzhumoriger Krachten-Thriller vor malerischen Fachwerkbauten. Sehenswert ja, aber nicht weltbewegend. Mit dem im Vorfeld hochgelobten Oscar-Kandidaten Three Billboards outside Ebbing, Missouri hat der Ire wohl sein inhaltlich komplexestes und vielschichtigstes Werk auf die Leinwand gewuchtet. Doch wie viel davon ist wirklich von Martin McDonagh? Viel eher lässt sich dieses Werk als Teil der Arbeiten seines älteren Bruders John Michael McDonagh sehen. Der hat sich im Gegensatz zu Martin immer wieder mal mit weitaus schwierigeren, vor allem ethischen Themen auseinandergesetzt. Ganz besonders in seinem letzten Film Calvary – Am Sonntag bist du tot. Ein Film um Glaube und Kirche, Vergebung und Verantwortung. Beeindruckend, bleischwer und metaphorisch. Three Billboards outside Ebbing, Missouri kippt in ein ähnliches Fahrwasser. Kann sein, dass das Kleinstadtdrama durchaus von John Michael´s Herangehensweise an gesellschaftskritische Stoffe beeinflusst worden ist. Wenn ja, war das mit Sicherheit kein Fehler.


Three Billboards otside Ebbing, Missouri könnte an einem Ort spielen, den sich Stephen King ausgedacht hat. Dieses fiktive Ebbing ist eine bigotte, spießige Kleinstadt – erzkonservativ und hinterwäldlerisch. Eine Keimzelle für Mord und Totschlag, für Rassenhass und sozialem Mobbing. Nichts für ungut, aber in Ebbing ist so ziemlich alles irgendwie mit Vorsicht zu genießen. Und dann ist da ein Mord passiert, die Vergewaltigung und Verbrennung eines Mädchens, direkt unter den Billboards, welche die Abzweigung nach Ebbing säumen – und zum Streitfall werden. Denn die trauernde Mutter des Teenies, die verschafft sich mit diesen drei Plakatwänden sowohl mediales Gehör als auch genug Feinde. Und entfacht eine Spirale der Gewalt und der Gegengewalt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

McDonagh der Jüngere liefert eine fulminante Geschichte, das Zerrbild eines schwelenden Mikrokosmos aus Hass und Wut, aus Genugtuung und Trauer. Und sie klingt so bizarr, dass es tatsächlich so passieren hätte können, was ich anfangs sogar noch gedacht habe. Doch 
Three Billboards otside Ebbing, Missouri ist eine fiktive, rabenschwarze Farce, die vor allem darstellerisch in noch tiefere Schwärze trifft als es die Story ohnehin schon tut. Und damit meine ich in erster Linie nicht mal Frances McDormand, von der man sowieso keine schlechte Arbeit erwartet. Nein – es ist das Schauspiel des Sam Rockwell, die nachhaltig beeindruckt und im Gedächtnis bleibt. Seine Wandlung vom niederträchtigen, hasserfüllten Saulus zum Paulus ist ein grandioser künstlerischer Kraftakt. Die veranschaulichte Kleinkariertheit, Impulshaftigkeit und Verletzlichkeit des latent rassistischen Polizisten Dixon und seine stete Metamorphose erinnert flüchtig an die Paraderolle Harvey Keitel´s in Bad Lieutenant. Ihm zur Seite natürlich der von mir sehr geschätzte Woody Harrelson als Mentor und Dixon´s Vaterersatz. All diese Figuren geben McDonagh´s Parabel der Vergebung eine raue, derbe, knochenharte Intensität, die den Wunsch nach dem inneren Frieden eines jeden einzelnen oder jeder einzelne zu einem zynischen Kreuzweg werden lässt. Das abrupte Ende aber wird den gierenden Gerechtigkeitssinn des Publikums erstmal wenig befriedigen. Später jedoch entfalten die letzten Worte seinen ganzen entlarvenden Zweck. Fast schon als Selbsttest für das Publikum, wie bei Helmut Qualtinger´s Die Hinrichtung.

Die Spirale der Gewalt zu durchbrechen verlangt unendliche, fast schon übermenschliche Größe. Im Angesicht emotionaler Belastung einen Schritt zurück zu treten, damit die Faust ins Leere fährt. Nur, um zu einer für alle erträglichen Ordnung zurückzufinden – das ist die Essenz dieser kraftvollen Ballade, die sich manchmal so traurig anfühlt wie Manchester by the Sea, und manchmal so absichtlich dick aufträgt wie ein Film der Coen´s. Selbstjustiz ist auch keine Lösung, die Hilfe des Feindes vielleicht. Ein Impuls, der neu ist – und Three Billboards outside Ebbing, Missouri zu einer faszinierend trotzigen Odyssee ins Innere verschütterter Menschlichkeit werden lässt.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri