Renfield (2023)

DER DESCHEK DES GRAFEN

6/10


renfield© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: CHRIS MCKAY

DREHBUCH: RYAN RIDLEY

CAST: NICHOLAS HOULT, NICOLAS CAGE, AWKWAFINA, BEN SCHWARTZ, SHOHREH AGHDASHLOO, CAMILLE CHEN, CAROLINE WILLIAMS, BRANDON SCOTT JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Könnt Ihr euch noch an die eine, damals tricktechnisch bemerkenswerte Szene in Forrest Gump erinnern, in welcher Tom Hanks dem Altbundespräsidenten John F. Kennedy die Hand schüttelt? In Renfield, sehr frei nach Bram Stoker, gibt‘s zu Beginn eine ähnliche Szene. Und zwar eine aus dem guten alten (erschreckend unblutigen) Gruselklassiker von Universal – the one and only Dracula, Baujahr 1931. Statt Dwight Frye als der Immobilienmakler, der zum Handkuss kommt, steht im Schloss des Grafen Nicholas Hoult. Statt den eindringlichen Blicken Lugosis glupscht ihm diesmal Nicolas Cage entgegen, in edlem Zwirn und noch ganz charmant den neuen Besucher umgarnend, der natürlich noch nicht weiß, dass er alsbald in der Klapsmühle landen und Insekten fressen wird. Wie das Schicksal des armen, geistig umnachteten Mannes ausgeht, weiß man entweder aus der literarischen Vorlage – oder man sichtet auf Netflix den feinen Dreiteiler mit Claes Bang. Nur sind dort einige (Geschlechter)rollen vertauscht, und das in die Gegenwart verfrachtete Szenario hat ordentlich Pepp.

Renfield spielt genauso in der Jetztzeit. Hier ist der titelgebende Deschek zwar weder suizidgefährdet noch dem Wahnsinn verfallen, aber immer noch das Mädchen für Alles für den ewig lebenden Gierschlund und Möchtegern-Weltenherrscher, der es sich in einem alten, leerstehenden Krankenhauskomplex bequem gemacht hat und den junggebliebenen Gesellen dorthin und dahin dirigiert, um ihm Frischfleisch zu beschaffen. Am besten junge, unschuldiges Körper, und bitte keine Verbrecher, denn Blut mit Bad Karma erquickt nicht so richtig. Allerdings ist die Zeit gekommen, und der gute Renfield hat endgültig genug davon, sich herumkommandieren zu lassen. „Raus aus der Abhängigkeit“ lautet nun die neue Agenda des ewigen Lakaien. Eine Selbsthilfegruppe soll den Mut bringen, dem Grafen endlich mal zu sagen, was Sache ist. Bei einer Legende mit so strengem Charisma unterliegt die Praxis der Theorie – und schon wieder muss der dank Insektenverzehr mit Superkräften ausgestattete Mann fürs Grobe Ausschau nach Nonnen und Cheerleaderinnen halten. Dabei queren die Handlanger einer bösen Unterwelt-Lady seine To-do-Liste – und die verzweifelt für Recht und Ordnung sorgende Polizistin Rebecca (so richtig herzig, wenn sie wütend ist: Awkwafina) erhält Renfields Aufmerksamkeit.

Die Emanzipation und darauffolgende Image-Kur einer halbherzig bemitleideten Romanfigur sind die Grunddynamiken eines zugegeben wirren Mischmaschs aus Neuzeit-Vampirhorror, Actionkomödie und Splatterspaß. Das ruhende Auge inmitten des Getöses verkörpert Nicolas Cage – er ist Zentrum des Geschehens und so überzeugend in seinem Auftreten, so genussvoll aufspielend und auf einer ganzen Klaviatur diverser Gesichtsausdrücke spielend, dass sich der Vergleich mit Altmeister Christopher Lee mühelos auch mal für Cage ausgehen könnte. Mit nadelspitzer Kauleiste, süffisantem Gerede und gierigem Gelächter ist der Schauspieler, der sich für nichts in der Filmwelt zu schade ist, eine regelrechte Attraktion, als wäre er das Highlight einer Zirkusshow, ein immer wiederkehrender Conférencier, der all das übrige Ensemble stets daran erinnert, dass das Böse (nicht) nur untertags schläft.

Hat Cage die Kamera mal nicht für sich, dominiert dahingeschludertes Komödienkino mit Psycho-Touch, das sich auf die Metaebene aus Abhängigkeit und Lossagung viel zu wenig konzentrieren kann, da die recht banale Komponente rund um Verbrecherfürstin Shohreh Aghdashloo (bekannt aus The Expanse) das ganze Gefühl für eine urbane Gothic-Mär mit Lebenshilfe-Bonus immer wieder und recht plump an den Rand drängt. Aufgemotzt wird das Ganze mit deftigen Splatter-Einlagen, in denen das Kunstblut (und man sieht, es ist Kunstblut) literweise spritzt. Das passt zu ansatzweise fein geführtem, meist auch schwarzem Humor ganz und gar nicht. Doch wir haben nun mal einen mit abgerissenen Extremitäten um sich schlagenden Hoult, der sich nochmal an seine Rolle aus Warm Bodies erinnert, so leicht entrückt stellt er sich seinem Lebenssinn. Manchmal trifft der von Chris McKay (u. a. The Tomorrow War) inszenierte Universal-Streifen dabei direkt mit dem Pflock ins Herz, manchmal versäumt er dabei so einige Möglichkeiten, um der so saftigen wie versponnenen Blutoperette doch noch eine Runde vampirphilosophische, nihilistische Schwermut zu verleihen, die dieser Dämonologie doch so gut zum blassen Gesicht steht. Am Ende ist ihm die Konsequenz, die sich wohl ein jeder denkt, nicht mal eine Szene zwischen den Credits wert.

Renfield (2023)

Willy’s Wonderland (2021)

AUFWISCHEN UND AUFMISCHEN

5,5/10


willys-wonderland© 2021 Splendid Film


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: KEVIN LEWIS

BUCH: G. O. PARSONS

CAST: NICOLAS CAGE, EMILY TOSTA, BETH GRANT, RIC REITZ, CHRIS WARNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Wer ist wohl die coolste Socke auf Gottes Erde? Na, wer? Natürlich Nicolas „Nic“ Cage, der sich gar nicht mal bemüßigt fühlen muss, irgendetwas von dem, was er tut, argumentativ zu untermauern. Cage muss gar nichts sagen. Es versteht ihn auch so ein jeder. Und wer nicht hinhören will, muss eben fühlen. Erst seit Kurzem overactet der Neffe Francis Ford Coppolas als die Ikone des Phantastischen schlechthin über die Leinwand – als Graf Dracula in Renfield, mit spitzen Zähnen und einer Blutgier, die ihresgleichen sucht. Eine Zeit lang war der Mann verliebt in Dutzendware, deren Produzenten ihn als Aushängeschild geliehen hatten. Macht nichts, gutes Geld war das allemal. Und dann gab’s so einiges an der künstlerischen Independent-Front, was ihm dazu verhalf, wieder ganz oben mitzumischen. Wobei: Weg war er nie. Und gottergebener Trashfilm-Veredler, der sich dem Schicksal eines ausrangierten Schauspielers hingeben muss, auch nicht. Weil es vielleicht nur ihn geben kann, um Filme wie Willy’s Wonderland herauszubringen.

Ganz ehrlich: Wer hätte diesen Mann ohne Worte, der sich nicht zu gut dafür ist, die Hände schmutzig zu machen, sonst noch spielen können? Frank Grillo? Dolph Lundgren? Vielleicht „Sisu“ Jorma Tommila, der in seinem Nazi-Actioner auch keine großen Reden schwang. Aber Cage, der ist exaltiert und verrückt genug, um sich auch nicht zu gut dafür zu sein, mit den Puppen zu tanzen, die als mechatronisches Aushängeschild und reif für den Requisiten-Flohmarkt im längst geschlossenen Vergnügungspark namens Willy’s Wonderland vor sich hindämmern. Wer noch keine fünf Nächte bei Freddy’s war, kann für einmal Overnight zumindest hier vorbeischauen – und Cage beim Aufräumen zusehen. Mit welcher ehrgeizigen Konsequenz er das durchzieht, ist beeindruckend. Und die ganze, knapp 90minütige Fieberträumerei wäre eine Ode an den Putzmann geworden, gäbe es da eben nicht diese mordlüsternen, menschengroßen Fabelwesen, die dem wortlosen Mr. Saubermann ans Leder wollen. Der muss nämlich die Nacht hier verbringen, um die Reparatur seines Wagens zu finanzieren. Was er nicht weiß: Niemand rechnet damit, dass Cage hier noch lebend rauskommt. Und als dann noch eine Gruppe Jugendlicher die Bude abfackeln will, weil sie weiß, was da abgeht, wird’s so richtig haarig. Und man wundert sich, wie unfähig sich Young Adults anstellen können, wenn sie in einem Horrorfilm mitspielen, der nur dazu geeignet ist, einen Schlachtplatten-Countdown einzuläuten, bei dem weniger das Blut, sondern viel mehr das streng riechende Maschinenöl spritzt.

Warum Nicolas Cage immer zu einer gewissen Zeit seinen Energydrink hinunterkippen muss und ganz versessen darauf ist, den von ihm blankpolierten Flipper-Automaten zu besiegen, während ringsherum schreiend die Next Generation zu Boden geht, wissen wir nicht. Umso kurioser mutet das ganze Szenario an, welches aber, so sehr es auch zu seiner Mission steht, sinnbefreites Grunge-Entertainment zu sein, mit seiner beizeiten vorgetragenen Background-Story für Verwunderung sorgt. Im Laufe des Films „entpuppen“ sich die acht Roboter nämlich als gar nicht mal so widerstandsfähig. In Anbetracht dieser Tatsache erscheint die Prämisse des Plots nicht mal, wenn man beide Augen zudrückt, als haltbar. Kippt diese weg, gemeinsam mit der konstruierten Unterlegenheit der Opfer, bleibt nur ein sich selbst parodierender Nicolas Cage mit Understatement, der all dieses Drumherum gar nicht gebraucht hätte. Ob er schon mal überlegt hat, in einer Reality-Soap mitzuwirken, in welcher er einfach nur anderen hinterherräumt? Könnte was werden.

Willy’s Wonderland (2021)

Sisu (2022)

FAIRNESS AUF FINNISCH

6/10


sisu© 2023 Praesens Film


LAND / JAHR: FINNLAND 2022

REGIE / BUCH: JALMARI HELANDER

CAST: JORMA TOMMILA, AKSEL HENNIE, JACK DOOLAN, MIMOSA WILLAMO, ONNI TOMMILA U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Wenn ein Außenseiter, der mit unorthodoxen und zweifelhaften Methoden dennoch eine gewisse Moral vertritt, wirklich schlimmen Jungs den Garaus macht, sei es nun aus Rache oder um die Schutzlosen zu beschützen – wenn so ein Fremder ohne Namen und mit wenigen Worten auf den Lippen in diesem Streben gar nicht anders kann als nicht zu sterben, dann ist das ein gern interpretierter Mythos in der Welt des Kinos. Und längst nichts Neues mehr. Ob Clint Eastwood, Chuck Norris oder Arnold Schwarzenegger – sie alle sind überzeichnete und fern realer Umstände Kämpfe austragende Kultfiguren, die unsere Sehnsucht nach einer gerechteren Welt zumindest in diesen paar Stunden, in denen sie über den Screen flirren, stillen können. Quentin Tarantino geht sogar so weit und verändert die Geschichte, um zu bekommen, was einer Welt mit moralischem Ordnungs-Soll eigentlich zusteht. 

Dieser wortkarge Finne im Actionstreifen Sisu ist auch so einer. Sisu – das ist finnisch steht für eine schwer bis gar nicht übersetzbare Umschreibung eines hartnäckigen Überlebenswillens. Und ja, ich muss zugeben – hartnäckiger ums Überleben kämpft eigentlich nur noch John Wick, der als Stehaufmännchen im letzten Teil seines Franchise was weiß ich wie oft die Stufen zum Sacré–Cœur hat hochlaufen müssen.

Im Jahr 1944, während die Nationalsozialistische Armee bei ihrem Abzug aus Finnland nur verbrannte Erde hinterlässt, hat sich der Eigenbrötler Aatami Korpi, ehemals Kampfmaschine in den Diensten der finnischen Armee und rund 300 Russen am Gewissen, vom Krieg abgewandt und sucht in den weiten Ebenen Lapplands nach Gold. Seine Suche wird alsbald belohnt, und Fortuna schüttet in Form schwerer Edelmetallklumpen ihr Füllhorn aus. Auf dem Weg zurück in die Zivilisation queren marodierende Nazis seinen Weg – und zumindest einige von denen müssen sehr bald schon auf deftige Weise ins Gras beißen. Vom Gold wird dann auch noch Obersturmführer Helldorf (fast so garstig wie seinerzeit Lee van Cleef: Aksel Hennie) angelockt. Und es beginnt eine Hasenjagd per Panzer quer durchs Gelände, während Korpi sein Survival-Know How auspacken muss, um den Verbrechern immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

Bald aber stehen die Chancen für den Anti-Helden ziemlich schlecht. Und nach allen Parametern der Logik wäre Sisu ein Kurzfilm mit einer Länge von fünf, na sagen wir zehn Minuten. Doch nein – Nazis wie diese müssen – zumindest aus hier kolportierten sadistischen Gründen – dem groben Gutmenschen gegenüber Kulanz walten lassen. So verlangt es das Skript, so verlangt es nicht nur das Subgenre des längst aus der Zeit gefallenen Bahnhofs- oder Grindhouse-Kinos. Robert Rodriguez und Mastermind Tarantino – den beiden gelang es glatt,  das Vokabular der Exploitation-Filme mit Werken wie Death Proof, Planet Terror oder Machete neu erklingen zu lassen. Einflüsse des Italowesterns sind da kaum zu übersehen.

Sisu huldigt beiden Stilen. Und macht anhand üppiger Lettern, die, formschön eingeblendet, den Film in mehrere Kapitel unterteilen, überdeutlich, womit wir es zu tun haben. Mit einer stilsicheren Reminiszenz, dessen Macher Jalmari Helander (unbedingt ansehen: Rare Exports – der etwas andere Weihnachtsfilm) sein Handwerk versteht. Und der auch weiß, worauf es ankommt, um seinen archaischen Blut- und Beuschelreißer in einem überzeichneten und vielen, wenn nicht allen Gesetzen der Logik widerstrebendem Universum zu verankern. Ein satter, rauer Score und überhöhtes Sounddesign vor allem dann, wenn im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen fliegen, machen aus Sisu ein fast schon physisch greifbares Event. Im Grunde aber ist, so hingefetzt das Ganze inszeniert ist, nichts davon wirklich innovativ. Ein Mann-Armeen gibt‘s mittlerweile viele. Nazis fahren auch nicht zum ersten Mal zur Hölle, während ihnen ihre abgetrennten Extremitäten um die Ohren fliegen. Im Grunde mag Sisu recht dünn ausfallen. Was man aber zu schätzen weiß, ist der lakonische Zynismus, dieser schweigsame Zorn, die raue Gegend. Und die Liebe zur beinharten Trivialität, die die Grundemotionen von Rache und Genugtuung bedient.

Sisu (2022)

Cocaine Bear (2023)

TATZEN WEG VON DROGEN!

5/10


cocainebear© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ELIZABETH BANKS

BUCH: JIMMY WARDEN

CAST: KERI RUSSELL, O’SHEA JACKSON JR., ALDEN EHRENREICH, RAY LIOTTA, ISIAH WHITLOCK JR., CHRISTIAN CONVERY, BROOKLYNN PRINCE, MARGO MARTINDALE, JESSE TYLER FERGUSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Dieser Film hier beruht keinesfalls auf wahren Ereignissen. Doch wenn man unbedingt will: Einen wahren Kern hat er. Und zwar jenen Zeitungsbericht, der anno 1985 über einen tot aufgefundenen Schwarzbären berichtete, der eine Ladung Koks verschlang, die aus einem Flugzeug über Waldgebiet abgeworfen wurde. Natürlich hat das Tier keinen wilden Trip hingelegt wie in vorliegender Horrorkomödie, stattdessen hat es sich die Überdosis gleich beim ersten Mal gegeben, nichtsahnend, was für Folgen das nach sich ziehen würde. Hätte der Bär das nur besser gewusst. Doch Drogen sind nun mal nicht Teil seines Ökosystems. Sie sollten nicht mal Teil des Öko- und Sozialsystems von uns Menschen sein, doch die Gier ist nicht nur ein Hund, sondern ein Bär. Und so dachte sich Elizabeth Banks, die ohnehin wenig zimperlich ist, was ihre Regieprojekte betrifft, wie es wohl wäre, den Problemfall Drogenmissbrauch auf einen Outdoor-Slasher herunterzusimplifizieren. Die morbid-skurrile True Story mag da Motivation genug gewesen sein, um Keri Russel, Ex-Han Solo Alden Ehrenreich und Ray Liotta in seiner letzten Rolle durch den Forst zu schicken.

Wie sie da so über Wurzeln stolpern und den Farn niederrennen, trifft wohl den momentanen Zeitgeist wie die Akupunkturnadel den Nerv: Die Epoche der Rückeroberungen großer Wildtiere ist angebrochen. In den Wäldern Österreichs tummeln sich deutlich mehr Wölfe, und Italien hat gerade erst einen Todesfall verzeichnen müssen, der vom Angriff einer Bärin herrührte. Das Volk wettert um Gerechtigkeit, doch es ist ja nicht so, als hätte das Tier seinen Mord von langer Tatze geplant. Wie sehr sich der Mensch vom Koexistenzverständnis mit der Wildnis entfernt hat, mag fassungslos erstaunen. In absehbarer Zeit werden wieder Jäger durch diverse Reservate streunen, um den Bestand gerade mal von der roten Liste gesprungener Spezies zu reduzieren. Diese Panik wäre vielleicht nur gerechtfertigt, hätten sich all diese Tiere vorab zum Gruppenrausch eingefunden. Wie vorliegender Film beweist, reicht auch einer, um sich alle zu holen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind.

Elizabeth Banks schickt somit mehrere Protagonisten ins Rennen um den Survival-Pokal. Es sind dies zwei schulschwänzende Kinder, es sind dies jene, die ihre Drogen zurückwollen, und es sind dies jene, die als Ranger für Recht und Ordnung sorgen müssen. Jede und jeder wird seine ganz persönliche Begegnung mit Meisterin Petz verarbeiten müssen, sofern dafür noch Zeit bleibt. Cocaine Bear legt gleich zu Beginn ein verliebtes Trekking-Pärchen auf den Teller vom Killer-Bärchen, das Trauma ist garantiert. Weiter geht’s mit einem unentschlossenen Gepansche zwischen 80er Jahre-Tierhorror inklusive Gore-Feierlichkeiten und groteskem Trash, bei welchem nicht mehr viel fehlt und der Sharknado würde toben. Dabei nutzt der Film aber geschickt zahlreiche Momente unmittelbarer Situationskomik, die sich in einer gewissen Plausibilität übereinander türmen. Eine schräge Situation folgt der nächsten, die Kills haben es durchwegs in sich und fallen härter aus als gedacht.

Wer hemdsärmelige Tabula Rasa-Happenings dieser Art mag, mit Zombibern vertraut ist und sich irgendwie befriedigt fühlt, wenn Wildtiere mit ihrem Freibrief fürs (illegal motivierte) Partymachen wedeln, wird an Cocaine Bear sein Vergnügen finden. Abgesehen davon aber bleibt der Genrefilm – wie viele andere dieser Art – bestürzend flach, derb und letzten Endes weit vorhersehbarer als tierisches Verhalten.

Cocaine Bear (2023)

Violent Night

WEIHNACHTEN WIRD DER HAMMER

6,5/10


violentnight© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TOMMY WIRKOLA

BUCH: PAT CASEY, JOSH MILLER

CAST: DAVID HARBOUR, LEAH BRADY, JOHN LEGUIZAMO, BEVERLY D’ANGELO, ALEX HASSELL, ALEXIS LOUDER, EDI PATTERSON, CAM GIGANDET, ANDRÉ ERIKSEN, BRENDAN FLETCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wo Tommy Wirkola draufsteht, ist auch Tommy Wirkola drin. Das zumindest könnte man annehmen, und ja, genau diesen Stoff bekommt man auch, schön verpackt in rotweiß gestreiftem Geschenkpapier mit grüner Schleife. Wirkola hat schon Hänsel und Gretel als wehrhafte Hexenjäger in den dunklen Tann geschickt – warum nicht auch den von Coca-Cola so vehement distributierten, stämmigen Wohlfühl-Opa, der gar nichts mehr gemein hat mit dem guten Mann aus Smyrna, der ja trotz seiner guten Taten Zeit seines Lebens lieber unentdeckt geblieben wäre.

Den Weihnachtsmann oder Santa Clause, den sollte vor allem der Nachwuchs nicht zu Gesicht bekommen. Am Christtag dann, so bleibt zu hoffen, sind dann die Kekse gegessen und die Milch getrunken. Doch was, wenn der kauzige Typ mit den Rentieren gar keine Milch mag, sondern lieber auf den Hochprozentigen schielt, der im Regal der reichen Oma steht? Santa Claus bleibt also ein Mythos, und zu Beginn des Films Violent Night scheint es, als wäre dieser tatsächlich nur ein des Geldes wegen zelebrierter Auftritt, dessen Gelingen erst ein paar Bier als Basis braucht. Der Unwille erinnert an Billy Bob Thorntons Auftritt in Bad Santa. Nur „bad“ ist dieser Weihnachtsmann hier, verkörpert von Stranger Things-Star David Harbour, nur dann, wenn all die Unartigen dem Mann aus dem Norden auf die Nerven fallen. Einer dieser Finsterlinge ist ein Verbrecher namens Scrooge (John Leguizamo), der die gesamte Familie Lightstone mitsamt der kleinen Trudy in seiner Gewalt hat. Das schmucke Anwesen der eingangs erwähnten Oma (Beverly D’Angelo, bis zur Unkenntlichkeit umoperiert) birgt nämlich satte 300 Millionen Dollar im Keller, und die will Scrooge haben, koste es, was es wolle. Die Entourage des bösen Buben hat sich zeitgerecht als Catering-Service an Heiligabend eingeschleust, und so ist es ein leichtes, die Bude auf Stirb langsam umzukrempeln. Womit die Jungs (und zwei Damen) wohl nicht gerechnet haben, das ist der Knüppel zwischen ihren Beinen: besagter Santa Claus, der eigentlich keinen Ärger will, jedoch lang genug provoziert wird, um zum Hammer zu greifen. Diesen zu schwingen beherrscht er ganz gut, war er doch nicht immer der, für den man ihn heutzutage hält.

Violent Night (was sich genauso singen lässt wie Silent Night) gibt dem eher müden Konkurrenzprodukt Fatman aus dem Vorjahr mit Mel Gibson keinerlei Überlebenschancen – David Harbour hat’s besser drauf. Auch die kauzig-schrulligen Attitüden stehen dem desillusionierten Geschenkebringer aus Wirkolas Film deutlich besser als dem abgebrühten Gibson. Was noch hinzukommt: Diese Version hier greift das Konzept der ersten beiden Stirb Langsam-Filme auf, die ebenfalls beide an Heiligabend spielen und in denen Bruce Willis als unbekannte Variable die Pläne einer fiesen Entourage durchkreuzt. Genauso handhabt das ein von der Habgier der Kinder mürbe gewordenes, mythologisches Überwesen, an welches kaum mehr jemand glaubt, das aber in besagter Trudy seinen Kevin findet: Bruce Willis und Macaulay Culkin – heute sind es David Harbour und die kleine Leah Brady, die diesen Joint Venture begehen, dieses Crossover sozusagen. Was sich streckenweise auch ziemlich schmissig, herzlich und blutig anfühlt, denn Wirkola ist natürlich wenig zimperlich und agiert, was Gewalt angeht, mit ledernen Fäustlingen. Hier fliegen die Zähne und knacken die Knochen, hier klatscht das Blut in guter Tonqualität auf Parkett und Asphalt. Diese Mischung ist’s, worauf es ankommt, zwischen selbstironischer Fantasy und eindeutigen Reminiszenzen an zwei Weihnachtsklassikern, die alle Jahre wieder nicht fehlen dürfen. Will man sich beide Filme sparen, tut Violent Night ein gutes Werk.

Doch im Grunde sieht man Weihnachtsfilme lieber daheim im kerzenbeleuchteten Kämmerlein mit LED-Rentier auf dem Balkon – ist es nicht so? Selten, dass ich mich in diesem Genre zum Kinobesuch hinreißen lasse. Der letzte war wohl der mit Kevin. Als zweiter ist es nun dieser hier: eine Vermöbelungsfest ohne Tiefgang, einfach als Guilty Pleasure zum Abreagieren nach dem unsäglichen Gedränge am Weihnachtsmarkt. Auch wenn sich der Film ungern, aber doch den amerikanischen Moraltabus unterwirft und am Ende die Pflichtminuten an versöhnlichem Kitsch aussitzt, lässt Harbour dennoch den guten alten Tim Allen wissen, dass dieser sich schon bald wärmer anziehen kann. 

Violent Night

Ach du Scheiße!

VON WEGEN STILLES ÖRTCHEN

6,5/10


achduscheisse© 2022 Drop Out Cinema / Daniel Dornhoefer


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: LUKAS RINKER

CAST: THOMAS NIEHAUS, GEDEON BURKHARD, OLGA VON LUCKWALD, FRIEDERIKE KEMPTER, RODNEY CHARLES, UKE BOSSE, BJÖRN MEYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


So, jetzt mal ganz im Ernst: Widmen wir uns den wichtigen Dingen des Lebens. Den wirklich wirklich wichtigen. Denn alles im Leben steht und fällt mit einer gesunden Verdauung. Der Knüppel zwischen den Beinen auf dem Weg dorthin könnte unter Umständen eine besetzte Toilette sein. Nicht auszudenken, wenn die Natur ihr Recht einfordert, und man nirgendwo hinkann. Was aber, wenn die Natur gerade mal gar nichts zu sagen hat, der Kaiser längst zu Fuß dorthin gegangen ist und dieser von dort nicht mehr wegkommt? Das ist dem einen oder anderen vielleicht schon mal als Kind passiert. Da schließt man sich am Klo ein, bekommt die Tür aber nicht mehr auf. Ein Albtraum. Ungefähr so ergeht es einem Architekten namens Frank, der inmitten eines umgekippten blauen Dixie (oder Toi Toi)-Klos erwacht, gar nicht weiß, wie er hierhergekommen und zu allem Übel auch noch in einer Baugrube gelandet ist, aus welcher geriffelte Stahldrähte gen Himmel ragen und eine davor direkt durch Franks linken Unterarm geht. So ein Anblick fördert dann doch einen panischen Urschrei zutage, wie in Thomas Niehaus tätigt. Nur: Am Lokus hört dich niemand schreien. Zumindest nicht auf diesem.

Aber gut. Diese ganze verzwickte Situation würde sich irgendwann (und hoffentlich noch, bevor Frank verblutet) in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht eine ins „Häusl“ stehende geplante Sprengung, die in Kürze das ganze Areal einmal umkrempeln würde. Und zwar einschließlich unseres Alltagshelden, der jetzt schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, und es ist ja am Ende des Tages nicht so, als hätte Frank im Laufe des Films nicht alles versucht. Regisseur und Drehbuchautor Lukas Rinker schenkt ihm dafür satte 91 Minuten Laufzeit, was man von einem Film, der nur auf maximal zwei Quadratmetern spielt, vielleicht als allzu großzügig ansehen kann oder eben auch nicht, denn es gibt im Laufe der Filmgeschichte so einige Werke, die ihre Spannung trotz der eingeschränkten Parameter mühelos halten konnten. Buried– Lebendig begraben mit Ryan Reynolds zum Beispiel. Dann gibt es Joel Schumachers Telefonzellenpartie Nicht Auflegen! (heutzutage nicht mehr möglich, da sowieso jeder ein Handy hat – auch Frank) oder den Science-Fiction-Film Oxygen mit Mélanie Laurent. Alle diese Arbeiten funktionieren auf ihre Weise. Und tatsächlich schafft es Ach du Scheiße! ebenfalls, seinen Plot niemals nur aufs notdurftbedingte Zeitunglesen zu beschränken, sondern gefühlt alles in diesem versifften Plastiksarg zur Befreiung einzusetzen.

Dazu gehört auch das lautstarke Organ von Thomas Niehaus. Dieser Mann greift für sein Leben tief ins Klo, brüllt und schreit sich die Seele aus dem Leib. Spuckt, flucht, schwitzt und besudelt sich mit Blut. Der Stress steht ihm ins Gesicht geschrieben, Visionen von sprechenden Klobrillen dienen dazu, nicht oder doch komplett den Verstand zu verlieren. Wer als Hygieneverfechter stets sein Fläschchen Hochprozentigen für die Hände mithat und niemals auch nur in den Dunstkreis einer öffentlichen Toilette tritt, wird Ach du Scheiße! nur schwer aushalten können. Durch den Supergau aus Fäkalien, Handseife und übertrieben viel Blut muss man sich als Zuseher erstmal durcharbeiten wollen, um dann dazwischen auch sowas wie eine kleine, feine Romanze zu entdecken und die in groben Zügen verfasste Tragödie eines Verrats, ausgeübt von Gedeon Burkhard in seiner wohl schludrigsten Performance, die gegen die Qualität von Thomas Niehaus‘ expressivem Spiel erbarmungslos abstinkt. Durch Burkhardt, der ja sogar schon mal für Tarantino vor der Kamera stand, hievt sich Ach du Scheiße! gegen Ende auf die Bauernbühne, mit Unterstützung zweier Dorfgendarmen, entliehen aus irgendeinem der Eberhofer-Krimis.

Natürlich ist Ach du Scheiße! eine wilde Mischung aus Trash und Splatter, welche sich in den starken Momenten mit voller Konzentration auf Thomas Niehaus zu einem kuriosen Survival-Thriller auswächst, dem Ekel einfach fremd sein muss und der sich mit dem Siff verbrüdert, um seinen Protagonisten halbwegs heil aus der Scheiße zu ziehen. Da fallen die klamaukigen Elemente rund ums Klo vom Herzstück des Films ziemlich ab und wirken in ihrer Beliebigkeit wie hingeworfen. Wer da den Schließmuskel noch zudrücken kann, hat aber mit Sicherheit reuelosen Spaß dabei und es lohnt sich, diesem irrwitzigen Escape-Toilet-Reißer durch den Abfluss zu folgen.

Ach du Scheiße!

28 Weeks Later

DIE NÄCHSTE WELLE KOMMT BESTIMMT

6,5/10


28-weeks-later© 2007 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, SPANIEN 2007

REGIE: JUAN CARLOS FRESNADILLO

CAST: ROBERT CARLYLE, IMOGEN POOTS, MACKINTOSH MUGGLETON, JEREMY RENNER, ROSE BYRNE, IDRIS ELBA, CATHERINE MCCORMACK, EMILY BEECHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Vermutlich ist’s verlorene Liebesmüh, tatsächlich 28 Wochen zu warten, um die Fortsetzung von Danny Boyles 28 Days Later zu besprechen. Von dieser Anspielung hab womöglich nur ich was davon, also verliere ich keine Zeit, 28 Weeks Later gleich jetzt in den Filmgenuss-Pool zu werfen. 28 Wochen, da wäre noch eine lange Zeit bis dahin. Das wäre irgendwann Ende September und die Erinnerungen an das brachiale Sequel wohl nicht mehr so taufrisch wie gerade eben. Nach 28 Wochen könnte man aber meinen, eine Endemie durchgestanden zu haben. In diesem gottseidank fiktiven Fall hat sich das Virus vorbehaltlich selbst aufgezehrt. Sprich: die Befallenen sind verhungert. Und jene, die den Kelch an sich vorübergehen ließen, sind evakuiert worden, darunter womöglich auch Cillian Murphys Figur des Jim, von dem wir aber niemals wissen werden, was aus ihm geworden ist. Eigentlich hätte dieser, wenn es nach Alex Garland und Danny Boyle gegangen wäre, gar nicht mal überleben dürfen. Doch das war dem Publikum des Test-Screenings zu düster. Woraufhin jetzt, fünf Jahre danach, Regisseur Juan Carlos Fresnadillo womöglich gar niemanden mehr zu einer Vorabsichtung eingeladen hat. Anders lässt sich der vehemente Nihilismus in diesem knüppeldicken Zombie-Actioner nämlich gar nicht erklären. Vielleicht ist Twentieth Century Fox in den wenigen Jahren dazwischen mutiger geworden.

Beschert hat uns das Studio schlussendlich dieses Worst Case-Szenario, das ganz gut beschreibt, was passieren kann, wenn verhängte Restriktionen zur Eindämmung lebensbedrohlicher Seuchen einfach missachtet werden. Und ehrlich: Robert Carlyle’s Filmkinder könnte man durch Sonne und Mond schießen, in Anbetracht dessen, was sie angerichtet haben. Gut, das war keine Absicht – aber genau das ist das Problem: Mit Absicht verursachen wohl die wenigsten irgendeinen Kollateralschaden. Sie nehmen diesen aber in Kauf, wenn es um eigene Interessen geht. So auch diese Kids (was heisst Kids: Imogen Poots geht da schon als junge Frau durch), die gemeinsam mit dem wiedergefundenen Papa (eben Robert Carlyle aus Ganz oder gar nicht) das Zentrum Londons rückbesiedeln. Weil sie unbedingt in ihr altes Haus wollen, um persönliche Dinge abzuholen, umgehen sie die Sperrzone – und stoßen auf Mama, die wider Erwarten gar nicht tot ist, aber auch kein Zombie. Was denn dann? Ein superimmuner Zwischenwirt, weitestgehend symptomfrei (deswegen ist testen ab und an mal gar nicht schlecht), aber Hölle ansteckend.

Omikron braucht längst nicht so viel Bewegungsenergie wie diese Wutviren, verbreitet sich durch diese Ersparnis aber auch nicht effizienter. Dafür agieren jene, die zum Zivilschutz das virenfreie Gelände sichern, umso wütender. Die neue Welle schwappt über die Insel der Seligen wie ein alles vernichtender Tsunami. Gesunde und Infizierte sind in panischer und tobsüchtiger Raserei nicht mehr voneinander zu unterscheiden. 28 Weeks Later macht keine Gefangene mehr, und das bisschen Menschlichkeit schrumpft und schrumpft und schrumpft. Fresnadillo führt den Film kaum noch mit feiner Hand, sondern viel lieber mit Brecheisen und Schlagring: in schnellen Schnitten und hektischer, teilweise völlig orientierungsloser Kamera findet Kameramann Enrique Chediak bluttriefende Abbilder eines finsteren Infernos nah am Trash, dazwischen versuchen eine ganze Menge bekannter Gesichter wie Jeremy Renner, Rose Byrne oder Iris Elba den Überblick zu bewahren. Feingeistiges Horrorkino ist also etwas anderes, und wir haben hier auch keine psychosozialen Spannungen wie im Original. Dafür aber weicht das bislang ungute Gefühl im Bauch spätestens ganz am Ende einer garstig um den Latz geknallten Hoffnungslosigkeit.

28 Weeks Later

30 Days of Night

SCHNEEFREI NUR FÜR VAMPIRE

4/10


30-days-of-night© 2007 SND


LAND / JAHR: USA, NEUSEELAND 2007

REGIE: DAVID SLADE

CAST: JOSH HARTNETT, MELISSA GEORGE, DANNY HUSTON, BEN FOSTER, PUA MAGASIVA, MANU BENNETT, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Heute dürfte es hier in Wien so winterlich sein wie im nördlichsten Kaff der USA, in Barrow. Wenn wo der Arsch der Welt ist, dann unter Umständen dort. Im Sommer geht dort die Sonne zwar auch nicht unter, im Gegensatz dazu aber bleibt im Winter die Sonnenbrille zwei Monate lang im Handschuhfach, denn da reicht es gerade mal für eine Dämmerung. Untote Austauschstudenten, die das Sonnenlicht meiden müssen, würden Barrow vielleicht als Eldorado wähnen. Ein bisschen kalt vielleicht, aber kalt sind sie selber. Und so können sich die paar Bewohner dieses eigentlich am Meer gelegenen Städtchens über ungewöhnlich viel Fremdenverkehr freuen. Was sie weniger freut, ist der Blutzoll, den sie dafür zahlen müssen. Denn die Vampire, die per Schiff angereist sind, und einen seltsamen osteuropäisch anmutenden, für den Film erfundenen Kauderwelsch reden, sind dezidiert ausgehungert. Obendrein sind sie schnell, wendig und überhaupt nicht charmant wie vielleicht ihr transsilvanisches Vorbild. Wie sie da so mit der Tür ins Haus fallen – darauf ist niemand vorbereitet. Folglich wird ein Blutbad eingelassen, in welches Cop Josh Hartnett, seine Freundin Melissa George (ebenfalls Cop) und eine Handvoll integrer Gestalten überhaupt nicht hineinsteigen wollen. Blöd nur, dass es finster bleibt. Sowohl aus meteorologischer Sicht als auch in Sachen Erfolgschance.

Die erste Schwierigkeit in David Slades blutigem Spitzzahn-Slasher, der gerne auf Actionfilm tut (was ja nicht verkehrt ist), ist die Inkonsistenz in seinem Setting. Und darüber hinaus generell in der Zeit. Das Drehbuch verlangt, dass wir hier einem Zeitraum von 30 Tagen beiwohnen müssen, damit am Ende die Rechnung aufgeht. Warum auch immer, ist 30 Days of Night aber so konzipiert, dass es ganz klar nur an einer Nacht spielen kann. Verwunderung macht sich breit ob eines Inserts, dass darauf hinweist, bereits 18 Tage lang beim Versteckspiel unserer Helden zugesehen zu haben. Fragt sich, wie diese so lange in den gleichen Klamotten und ohne nennenswerte Nahrung überlebt haben konnten. Und warum die Vampire eigentlich nicht weitergezogen sind, wenn sie doch solchen Hunger haben und das Buffet nur mehr Krümel übrig hat. Was eben auch nicht funktioniert, ist die Sache mit dem Schnee. Es ist ja durchaus in Ordnung, temperaturunempfindlichen Kunstschnee zu verwenden, solange dieser die Szene adrett ausschmückt. Da lässt sich das völlig unsinnige Verhalten, wie der Schnee eben fällt, von mir aus ignorieren. Und den Vergleich zum tatsächlichen gefrorenen Wasser hätten wir auch nicht. Wenn man beides aber mixt, wird’s peinlich. Somit protzt Slade einerseits mit echtem Winter, andererseits ist ihm womöglich das Tauwetter dazwischengekommen. Sieht leider bescheuert aus.

Weniger bescheuert sind zumindest die Vampire mit ihren blutverschmierten Kauleisten und den dunklen Augen, ihrem enervierenden Geschrei und ihrer raubtierhaften Akrobatik. Das Make-up ist ein Hingucker – das übrige Szenario will sich aber leider nicht an gewisse Regeln halten, die die Basis für einen Actionfilm garantieren sollen, der in sich selbst logisch sein muss, um überhaupt zu packen.

30 Days of Night

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

PAARTHERAPIE DURCH DRITTE

6/10


thetrip© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: NORWEGEN 2021

REGIE: TOMMY WIRKOLA

CAST: NOOMI RAPACE, AKSEL HENNIE, ATLE ANTONSEN, CHRISTIAN RUBECK, ANDRÉ ERIKSEN, STIG FRODE HENRIKSEN, NILS OLE OFTEBRO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Am Wochenende sucht man Ruhe und Entspannung. Wenn’s ohnehin schon stressig zugeht, drängt sich die traute Zweisamkeit irgendwo abgelegen an einem See und umgeben von Wald und Wiese richtig auf. An so einem Wochenende kann gar nichts – oder alles passieren. Plüschige Aliens können kommen, wie in Save Yourselves!. Oder ein Psychokiller treibt sein Unwesen und lässt die Zerstreuungswütigen über die Klinge springen, wie Dan Stevens und Sheila Vand in Tod im Strandhaus das gemacht haben. Selbst Comedian Kevin James als bemüht bösartiger Knastbruder nervt in Becky eine Patchworkfamilie, die ohnehin genug Probleme hat. 

Ihr seht, es gibt jede Mange Zeug zum Thema Wochenende in Schieflage, und auch The Trip – Mörderisches Wochenende vom Norweger Tommy Wirkola hat da gar nicht den Anspruch, anders sein zu wollen als all die eben erwähnten genretypischen Produktionen. Wirkola, nicht sehr zimperlich, was seine Filme angeht (Händel & Gretel: Hexenjäger, Dead Snow) bringt in seiner Splatterkomödie die Ehekrise zum Bluten, da sind ihm alle Mittel recht. Und noch schöner ist es, wenn Noomi Rapace, die bereits in seinem originellen Science-Fiction-Thriller What Happened To Monday? in siebenfacher Ausführung ums Überleben gekämpft hat, den Nerv hat, um einer wie aus heiterem Himmel hereinbrechenden Home Invasion handfeste Argumente entgegenzusetzen. Bevor es aber so weit kommt, will „Headhunter“ Aksel Hennie seiner Göttergattin ans Leder – dahinter mag stecken was will, das ist für den Film nicht relevant. Ebenso hegt eine erblondete Rapace wohldurchdachte Pläne, um ebenfalls das Witwendasein zu forcieren. Wenn man doch nur miteinander reden könnte – doch dieser Zug ist abgefahren. Die beiden hätten sich wohl gegenseitig ins Aus manövriert, wären da nicht drei wirklich miese Gesellen, die ordentlich Stunk machen. Frei nach dem Sprichwort Der Feind meines Feindes ist mein Freund muss das Paar wieder ihr eheliches Gelübde ausgraben, welches für schlechte Tage den Zusammenhalt predigt.

Auch wenn The Trip – Mörderisches Wochenende vorzugsweise als respektlose, derbe Komödie zu bezeichnen ist, bleibt dennoch der größte Anteil einem gewalttätigen Thriller geschuldet, der den Hass auf die wirklich bösen Jungs gehörig schürt – um dann in aller Genugtuung dem Blut beim Herumspritzen zuzusehen. Da werden Arme geschreddert und Bäuche aufgeschlitzt, Köpfe weggeschossen und was weiß ich noch alles, natürlich ist das ganze Handgemenge mit Ironie zu genießen und das richtige Quantum an flapsigem Zynismus und lakonischem Humor verleihen der Hämoglobin-Groteske sogar noch sympathische Zwischentöne, vor allem Aksel Hennies Film-Vater könnte der grantige Bruder vom Mann namens Ove sein, so nordländisch geistert die schräge Nebenfigur durch das gar nicht jugendfreie Szenario.

Wirkola liebt den augenzwinkernden Trash, richtet sich ans weniger zartbesaitete Publikum und bietet genau das, was in so einem Genremix auch zu holen ist. Will man sich allerdings wirklichen Hirnideen widmen, die das Töten auf originelle Bahnen hebt, sollte man vielleicht lieber beim Saw-Franchise bleiben. Bei The Trip kommt zum Einsatz, was in einem Ferienhaus mit Garten eben so rumliegt, Rasenmäher inklusive. Doch den gab‘s auch schon bei Becky. Demnach ist der Splatterspaß zwar kurzweilig, aber nicht die eigentliche Attraktion: die findet sich in den kleinen, zwischenmenschlichen Verschnaufpausen, in denen nichts und niemand gewillt ist, die Hoffnung auf eine gute Ehe aufzugeben.

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

Don’t Breathe 2

(M)EINE TOCHTER GEHÖRT MIR

6/10


 

dontbreathe2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RODO SAYAGUES

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: STEPHEN LANG, MADELYN GRACE, BRENDAN SEXTON III, ADAM YOUNG, FIONA O’SHAUGHNESSY, STEPHANIE ARCILA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Wandertrophäe eines Actionhelden geht nun an den nächsten, damit müssen wir und letztendlich abfinden. Was ich damit meine? Das blutige Feinripp von Bruce Willis. Das trägt nun jemand anderer, und zwar jemand, der gut und gerne John McClanes älterer Mentor hätt sein können. Stephen Lang ist der neue Tunichtgut für alle, die noch finsterer sind als die ewige Nacht, die der brummige Seals-Veteran stets vor Augen hat. Dem alten, weißen und weißhaarigen Mann sind schon anno 2016 einige grünohrige Jungspunde in den eigenen Vier Wänden durchs akustisch wahrgenommene Bild gestiefelt – den nächsten Morgen haben nur wenige erlebt. McClane hatte da zwar auch stets einen Bodycount zu verzeichnen, doch alles unter dem hellen Licht des Guten. Bei Norman Nordstrom sieht der Steckbrief anders aus. Der lakonische Misanthrop hat so einiges auf dem Kerbholz, seit Fede Alvarez‘ erfolgreichem Erstling wissen wir auch, zu welch perfiden Scheußlichkeiten er fähig sein kann. Sympathieträger ist er keiner. Dabei treibt ihn nur ein einziges Gefühl an: manische Trauer, und zwar die über seine verblichene Tochter. Seither versucht er vehement, an einen Ersatz zu gelangen.

Wer den Erstling allerdings kennt, wird sich bei Teil 2 anfangs etwas wundern. Denn es scheint, als wäre Don’t Breathe 2 sowas wie ein Prequel. Töchterchen Nordstrom scheint quietschfidel, allerdings darf sie weder zur Schule noch kaum sonst wohin. Die Vater-Tochter-Idylle wird jedoch bald durch wenig zimperliche, finstere Gestalten getrübt, die den Schützling nach einigem Hickhack mitgehen lassen. Der alte Nordstrom, sichtlich lädiert, ist aber nicht totzukriegen. Noch nicht. Wie es der Zufall so will, scheinen alle Wege geebnet, um endlich ordentlich blinde Wut zu entfesseln.

Blinde Wut – das erinnert mich an den bereits schon betagten Rutger Hauer-Klassiker aus den 80ern. Auch dort, im Film von Philipp Noyce, gab der Niederländer einen blinden Veteranen, der lieber das Katana als das Feinripp blutig hält. Der Schutz eines Kindes war auch hier oberstes Ziel. Und gäbe es Stephen Lang nicht, dafür aber einen Rutger Hauer in den besten Jahren, würde man nicht viel herum überlegen, um ihn als Norman Nordstrom zu besetzen.

Natürlich kann das Sequel den Schauplatz des Katz- und Mausspiels nicht mehr nur auf Nordstroms Anwesen reduzieren – das wäre zu viel vom selben, obwohl es eine Zeit lang den Anschein hat, dass es so bleiben würde. Doch nein – das Drehbuch von Alvarez und Rodo Sayagues, der diesmal Regie führt, hebt den neuen Thrill auf ein ähnlich perfides, aber leicht abgeändertes und mehr actionlastiges Level. Dramaturgische Kniffe und kuriose Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, sind klug gesetzt und lassen zum Glück fragwürdig handelnde Vollpfosten außen vor. Der Plot funktioniert besser als im Original, ganz besonders irritiert die Diffusion von Gut und Böse, wobei man vergeblich nach ersterem sucht und dennoch – vielleicht, weil die Figur des Mädchens so sehr danach drängt – mit dem geringeren Übel sympathisiert, dessen Identität während des Films aber zügig die Seiten wechselt. Nordstrom  als verlustverarbeitende Nemesis entfesselt somit schmerzhafte und brutale Action, die hätte John McClane vielleicht ein bisschen verstört. Stirb langsam also, mit einem Antihelden ohne Rückendeckung, und einer Schmerztoleranz, die fast schon anästhetisch scheint.

Don’t Breathe 2