The Love That Remains (2025)

ALLE SIND EINE INSEL

7,5/10

 

Grímur und Þorgils Hlynsson im Film The Love that Remains von Hlynur Pálmason
© 2025 Hlynur Pálmason

 

ORIGINALTITEL: ÁSTIN SEM EFTIR ER

LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON

KAMERA: HLYNUR PÁLMASON

CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.

Intakte Systeme haben auch mal ein Ende

Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.

Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.

Papa im Sog des Meeres

Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.

In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.

Familie bei jeder Witterung

Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.

Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.

Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.

Die ganz eigene Insel-Realität

In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.

Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.

Ein nicht planbarer Zugang

Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.

The Love That Remains (2025)

Anemone (2025)

EIN FILM ÜBER WOLKEN

6/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: RONAN DAY-LEWIS

DREHBUCH: RONAN DAY-LEWIS, DANIEL DAY-LEWIS

KAMERA: BEN FORDESMAN

CAST: DANIEL DAY-LEWIS, SEAN BEAN, SAMANTHA MORTON, SAMUEL BOTTOMLEY, SAFIA OAKLEY-GREEN, ADAM FOGERTY, KARL CAM, MATTY LUMSDEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Der König des Method Actings ist zurück: Daniel Day-Lewis. Was ihn wohl bewogen hat, wieder vor die Kamera zu treten? Natürlich der eigene Sohnemann, Ronan Day-Lewis, der angesichts dieses vielfach oscarprämierten Einflusses gar nicht anders kann, als nicht im Filmbiz seine berufliche Zukunft zu verorten. Nach Kurzfilmen und einem Musikvideo geht der Mittdreißiger nun seinen ersten abendfüllenden Spielfilm an, in den er alles mögliche hineinsteckt, was auch nur irgendwie dramatisches Gewicht hat. Wer könnte das alles nicht besser stemmen als der eigene erfahrene Schauspielvater, der sich vielleicht sogar hat lange bitten lassen, sogar vom Nachwuchs. Doch nun ist es geschafft, die Hürde genommen, Day-Lewis ist wieder da, mit grauem Haar, partiellem Vollbart und argwöhnischem Blick. Der Vater spielt einen Vater, doch einen, der den eigenen Sohn gar nicht mal kennt. Day-Lewis Senior und Junior haben dieses Projekt gemeinsam durchgezogen, zumindest das Drehbuch, während Freund Brad Pitt mit seiner Firma Plan B das Ganze produziert hat. Anemone nennt sich dieses düstere Wetterpanorama von Psychodrama, in dem sich die Wolken türmen und alles andere erdrücken.

Der Papa wird’s schon richten?

Zugegeben, einem Wetter wie diesem hier im Film kann ich einiges abgewinnen, ist gefühlt zehntausendmal besser als blauer Himmel. Der Sturm knechtet den düsteren, feuchtnassen Wald irgendwo im Norden Englands, regenschwere Drohkulissen schieben sich übers Meer, die Witterung nimmt die gepeinigte Seele eines Aussteigers in die Mangel, der, fernab der Zivilisation in der Wildnis sein restliches Dasein fristet. Dieser knorrige und grimmige Mann ist Ray – eine dankbare Rolle für Day-Lewis, mit der er improvisieren kann wie es ihm gefällt. Alles hat er hinter sich gelassen: den nordirischen Krieg gegen die IRA, ein ihm angelastetes Kriegsverbrechen, die Desertierung aus dem Militär, die Partnerin, den Sohn, das ganze bisherige Leben. Als ob die Verfolgung durch all die Dämonen nicht reicht, steht eines natürlich düsteren Tages Bruder Jem (Sean Bean) vor der Tür. Ebenso wortkarg, ebenso skeptisch, und vielleicht gar viel zu viel fordernd. Denn Rays unbekannter Sohn steckt in einer Krise. Niemanden dringender würde er nun an seiner Seite brauchen als den eigenen Vater. Tja, warum auch immer. Doch womöglich sind es ähnliche Dämonen, die Stoker Junior verfolgen wie die, die dem Senior Albträume bescheren.

Reden wir nicht übers Wetter

Betrachtet man Anemone aus einiger Entfernung, schrumpft das auf Spielfilmlänge gedehnte, bitterernste und kantige Superdrama, das sich mit dunklen, schweren, gesättigten Bildern schmückt, von denen man am liebsten kosten möchte und jeden Moment darauf wartet, dass der Regen von der Leinwand tröpfelt, auf eine Momentaufnahme zusammen. Viel Handlung hat Ronan Day-Lewis‘ Film daher keine. Wettgemacht wird der Umstand durch Kontemplation und Entschleunigung – und Wolken. Ganz vielen Wolken. Das Wetter ist in Anemone das Um und Auf, entspricht es doch den Gefühlszuständen eines ganze seitenlange Textblöcke rezitierenden Daniel Day-Lewis, der sowas womöglich schon immer machen wollte: Reden, reden, reden. Und er redet, redet, redet, anfangs zwar nicht, aber dann sprudelt es aus ihm heraus. Was man so hört, sind keine schönen Sachen, sie handeln von Missbrauch und Gnadenschüssen, von ewiger Reue und einem gequälten Gewissen. Sean Bean hört zu, bekümmert und mitfühlend. Beide halten ihre Gesichter in das Zwielicht des Tages, zerfurcht, verbraucht, versteinert.

Entspannung durch Niederschlag

Ronan Day-Lewis hatte für seinen ersten Langfilm ganz sicherlich eine Vision. Sein Handwerk versteht er, vor allem dann, wenn die schwer vom Fleck kommende Story mit dem Mysteriösen, Metaphysischen, Allegorischen kokettiert. Schöne Bilder sind da, abgelöst von einem irren Naturschauspiel, in dem es zum Glück keine Frösche regnet wie in Magnolia. Dann endlich entlädt sich die ganze aufgestaute, gravitative Energie, um einen wie ein Tornado um sich selbst kreisenden reumutigen Daniel Day-Lewis zurück auf den Boden eines kollektiven Neuanfangs zu bringen. Anemone ist wagnerische Katharsis und Schauspielvehikel für einen gern gesehenen Wiederkehrer, sich selbst aber immer wieder erdrückend und manchmal scheint es, als würde man keine Luft holen können.

Anemone (2025)

Mortal

SOWAS VON GELADEN

6,5/10


mortal© 2021 Ascot Elite Entertainment


LAND / JAHR: NORWEGEN, USA, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: NAT WOLFF, IBEN AKERLIE, PRIYANKA POSE, ARTHUR HAKALAHTI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In Skandinavien geht man Hand in Hand mit den Mythen, so ist das dort einfach. Egal ob Trolle, Feen oder überhaupt gleich Walhalla – für jede und jeden scheint da was dabei zu sein. Auf alle Fälle hält Regisseur André Øvredal ziemlich viel davon – er scheint von all dem Metaphysischen um ihn herum richtiggehend verzückt zu sein. Das hat schon sein Erstling Trollhunter bewiesen – eine findige wie originelle und vor allem auch stimmige Mockumentary über einen Mythenjäger und zwei Journalisten, die sich mit haushohen Kreaturen anlegen. Einen Ausflug ins Hollywoodkino hat Øvredal auch schon hinter sich – auf Einladung von Guillermo del Toro. Scary Stories to Tell in the Dark hat als Halloween-Mitternachtseinlage ziemlich gut funktioniert. Jetzt ist der Mann wieder retour und wühlt an den Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil herum. Dabei ist ihm aber nicht danach, die alten Zeiten von Wikinger und Co wieder aufleben zu lassen. Er bleibt schön brav im 21. Jahrhundert und sichtet in seinem selbst verfassten Abenteuer einen jungen Mann, der gut und gerne Mitglied in Professor Xaviers Schule für Menschen mit besonderer Begabung sein könnte.

Dieser junge Mann namens Eric, gespielt von Nat Wolff (u.a. Margos Spuren), hat die gängige Physik aus dem Lehrbuch nicht ganz so im Griff wie er es gerne hätte. Da ist die Sache mit dem Feuer, mit der Hitze, mit den vielen Blitzen. Eric weiß nicht, wohin mit sich und seinem leuchtenden Arsenal, streunt durch Norwegens Wälder und bemüht sich, den Menschen fernzubleiben. Das klappt nicht – und bald liegt der erste Tote im Gras. Von der Polizei verhaftet, findet Eric in Psychologin Christine eine Person auf Augenhöhe, die ihm auch zuhört. Und die das Rätsel um all diese körperliche Energie zu ergründen versucht.

Mortal fühlt sich an wie die Origin-Story eines Superheldenfilms. Nur europäischer, nordischer. Weniger weltenrettend und für höhere Ziele kämpfend oder gar einen Finsterling die Stirn bietend. Protagonist Eric ist voll und ganz mit seinen Anomalien beschäftigt, die immerhin formschön, wie sich das für Wetterphänomene gehört, in Szene gesetzt sind. X-Mens Storm müsste sich langsam was überziehen. Mortal ist daher ein abenteuerlicher Trip in Richtung Familien- und Kulturgeschichte mit ansehnlichen Make-up- und Brandeffekten, den Øvredal aber fast ein bisschen zu brav erzählt. Weniger brav gebärdet sich das gängigen oder gewohnten Kinoerwartungen zuwiderlaufende Finale des Films. Hier zeigt Øvredal plötzlich mit aller finsterer Konsequenz, was er kann und wohin ihn seine phantastischen Spinnereien eigentlich führen können: in ein Ende, das eigentlich keines ist, sondern der Auftakt zu noch viel mehr. Auserzählt mag Nat Wolffs Genese aus meiner Sicht noch nicht sein. Oder doch? Dann wäre das ein mutiger, dramaturgischer Schachzug. Den sich zum Beispiel Hollywood im Mainstreamkino des Phantastischen sehr selten zutraut.

Mortal

The Aeronauts

LUFT NACH OBEN

6,5/10

 

aeronauts© 2019 Amazon

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: TOM HARPER

CAST: FELICITY JONES, EDDIE REDMAYNE, TOM COURTENAY, VINCENT PEREZ U. A. 

 

Der Online-Riese amazon hat seinen ersten direct to stream-Blockbuster geradewegs zur Weihnachtszeit in seinen bunten Bauchladen getan, zwischen all den unzähligen Serien, mit denen der Konzern uns Abonnenten längst schon verwöhnt. Weiß man es nicht im Vorfeld aus einschlägigen Medien, müsste man genau hinsehen, um The Areonauts zu entdecken. Es ist ein Film, der zur richtigen Zeit kommt – zu jener der Eventfilme und knappen Mehrteiler, die über Historisches berichten und die ordentlich pathetisch sind, ins vorige Jahrhundert eintauchen oder auf anderen Kontinenten weilen. The Aeronauts bleibt zwar in Europa (um genau zu sein in Großbritannien), aber Regisseur Tom Harper dreht die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert. Dort treffen wir den Meteorologen James Glaisher, gespielt von Eddie Redmayne. Glashier ist eine historische Figur, und war tatsächlich ein Wissenschaftler, der im Gasballon die sagenhafte, noch nie zuvor von Menschen erreichte Höhe von 8.8oom erreicht hat. Die fiktive Komponente der abenteuerlichen Biografie ist die Rolle von Amelia Wren. Die Ballonpilotin hat es nie gegeben, Felicity Jones Rolle ist komplett frei erfunden. In Wahrheit befand sich ein gewisser Henry Coxwell an Glashiers Seite – aber warum nicht Tatsache mit Fiktion zu einer griffigeren Geschichte verbinden. In Zeiten von Female Empowerment ein notwendiger narrativer Kniff.. Pilotin Wren hat obendrein noch ein sattes Trauma zu verarbeiten, welches die Ballonfahrt obendrein auch noch psychologisch zur Zerreißprobe macht – und tatsächlich liefert The Aeronauts vor allem in der zweiten Hälfte atemberaubend gefilmte Sequenzen, die an das Astronauten-Meisterwerk Gravity erinnern. Felicity Jones erlebt hier Ähnliches wie Sandra Bullock, nur nicht im Orbit. Aber das macht nichts. Auch in knapp 9000 Metern gibt’s so allerlei, was der Physis des Menschen nicht ganz so zuträglich ist. Mangelnder Sauerstoff, Kälte, Sonne, Geschwindigkeit und die Tücke des Materials, das dann auch nicht mehr so will, wie es sollte. Interessant, dass der Film mit zwei Kameraformaten gefilmt wurde. Während die Geschehnisse auf der Erde in gewohntem Cinemascope arrangiert sind, bekommen die Luftaufnahmen mehr Raum. Mag sein, dass der Wechsel manchen gar nicht bewusst wird, aber die Panoramaaufnahmen der Wolkendecke und die Weite des Himmels erreichen hier selbst auf Fernsehformat eine greifbare Tiefe.

Greifbar gut agiert auch Felicity Jones. Die Rolle hat ihr sichtlich Spaß gemacht, und das Herumhantieren am Ballon und der Kampf gegen die Physik des Himmels lässt sie mal so ordentlich aus sich herausgehen. Dabei war, so wie es scheint, nicht alles nur gespielt – anstrengend war es vermutlich tatsächlich. Die Balance zwischen CGI und analoger Spielszenen in einem tatsächlich fahrenden Ballon gelingt. Fragwürdig bleibt allerdings angesichts der Tatsache, dass es sich hier um eine erfahrene Pilotin und einen sattelfesten Experten auf dem Gebiet der Meteorologie handelt, dass das Equipment der dargestellten Expedition zu wünschen übrig lässt. Keine Handschuhe, kein Kälteschutz? Als Pilotin und verantwortlich für die Fahrt müsste jene Ausrüstung vorhanden sein, die einen Erfolg garantiert. Warum dies nicht der Fall war, erschließt sich mir nicht. Und macht manche Not in luftiger Höhe seltsam unnötig.

So richtig viel Vorfahrt hat The Aeronauts im Genre der Abenteuer- und Survivalfilme zwar nicht, dafür aber ist Harper eine liebevoll ausgestattete Jules Verne-Hommage mit staunenswerter Optik gelungen, die im Kampf mit den Witterungen Größe zeigt. Könnte sein, dass Felicity Jones, die Eddie Redmayne mit Leichtigkeit an die Korbwand spielt, mit diesem Film Abenteuerluft geschnuppert hat – und vielleicht bald in einem nächsten Nature-Fight zu sehen ist. Zu wünschen wäre es uns, denn der Wille zur Verausgabung, der steht ihr.

The Aeronauts

Geostorm

…UND NUN ZUM WETTER

3/10

 

GEOSTORM© 2017 Warner Bros.

 

LAND: USA 2017

REGIE: DEAN DEVLIN

MIT GERARD BUTLER, JIM STURGESS, ABBIE CORNISH, ED HARRIS, ALEXANDRA MARIA LARA U. A.

 

Da hilft nicht mal mehr warm anziehen: Möchte ich dem mir hier vorliegenden Katastrophenszenario Glauben schenken, kann es in wenigen Jahren tatsächlich schon so weit sein – der Zusammenbruch des globalen Wetters. Moderatorinnen und Moderatoren desselbigen wären entweder arbeitslos oder unter Dauerstress. Vorhersagen ließen sich keine mehr machen. Und die aufgrund des viel zitierten, vom Menschen verschuldeten Klimawandels zubereitete Suppe müssten wir angesichts dieser verheerenden Wetterküche dann folglich auch im Alleingang auslöffeln. Helfen wird uns da niemand – wer denn auch? Aliens haben uns bis heute nicht unter die Arme gegriffen. Also was tun? Ein Zusammenschluss vieler Staaten hat die Steißgeburt einer Idee geboren, die in ihrem finalen Look im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie beklemmend wirkt: Ein den Planeten umspannendes Netz aus Wettersatelliten sollen Ordnungshütern gleich radaumachende Wetterkapriolen im Keim ersticken. Wie das gehen soll, erfahren wir aus dieser Geschichte nicht wirklich. Was bewirken Satelliten, die im Orbit stationiert sind, wenn der Hurrikan Dutzende Kilometer weiter unten zu toben beginnt? Aber sei´s drum, die Idee ist weit hergeholt, aber es ist zumindest eine Idee. Oder ein Anfang. Mit dem kann man noch ganz gut leben. Auch mit der Tatsache, dass die USA und China hier als Masterminds hervorgehen. Zum Glück nicht Nordkorea. Es gibt also immer noch Schlimmeres.

Das denkt sich Gerard Butler auch, wenn er auf Du und Du mit der überraschend für diesen Film besetzten Alexandra Maria Lara an Bord der generalüberholten ISS eine Verschwörung aufzudecken hat, die jedes noch so wüste James Bond-Abenteuer als realitätsnahen Tatsachenbericht in den Schatten stellt. Moonraker ist im Vergleich zu Geostorm tatsächlich schon als seriös zu bezeichnen. Und Roland Emmerich sieht angesichts dieses fast schon an den schütteren Nasenhaaren herbeigezogenen Unding von High-Tech-Wetterthriller sein Desaster-Movie 2012 in wohlwollenderem Licht. Was ich zugegebenermaßen auch bestätigen kann. 2012 ist Spaß an der Filmstars verschonenden Zerstörung. Geostorm ist weder virtuos getrickster Weltuntergang noch ernstzunehmende Hard-SciFi. Das wäre der Film wohl gerne, man sieht es ihm an. Vor allem in den Szenen, die so sein wollen wie Interstellar oder Gravity. Das sind sie aber nicht. Was wiederum am durchwachsenen Spiel der Darsteller liegt, die im Grunde nichts für ihre Rolle übrighaben. Alexandra Maria Lara weiß sich in all dem Chaos überhaupt nicht zu helfen, und womöglich wird sie es sich zweimal überlegen, nochmal in so einem kalkulierten Blockbuster mitzuspielen. Und Butler genauso wie der sonst famose Ed Harris haben ihren Rollen nichts hinzuzufügen. Es sind Rollen, die Geld bringen. Das weiß die Zunft seit Flammendes Inferno. Und ist niemals wieder so bewusstgeworden wie bei The Core oder Armageddon. Filme ähnlichen Fahrwassers, wofür sich Hollywood wirklich nicht zu rühmen braucht.

Ohne viel verraten zu wollen – was aber in diesem Fall ohnehin schon egal ist – kann sich der aufopferungsvolle Zuseher letzten Endes einerseits ziemlich ärgern, andererseits aber auch ziemlich wundern. Denn niemals zuvor sind die wenig überraschend entlarvten bösen Buben so dermaßen sinnlos mit der Kirche ums Kreuz gezogen, um ihre Ziele zu erreichen. Sowas schafft nicht mal Blofeld. Kann man nur sagen: Hut aber oder Hut drauf. Je nach Wetterlage.

Geostorm