Encanto

DAS MÄDCHEN OHNE EIGENSCHAFTEN

6,5/10


encanto© 2021 Disney. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: BYRON HOWARD & JARED BUSH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEPHANIE BEATRIZ, JOHN LEGUIZAMO, MARIA CECILIA BOTERO, DIANE GUERRERO, JESSICA DARROW, ANGIE CEPEDA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Blut ist bei Disney immer dicker als Wasser. Kein Film, der nicht die eingeschworene Glückseligkeit der Familie zum Ziel hat, und wäre sie auch nur zu zweit. Es geht immer und rund um die Uhr um Familie, um dessen Wert, dessen Bedeutung, dessen Herrlichkeit. Dafür ist Disney gemacht – für Familien und dem Wunsch der Kleinen, mit der Elternschaft bald wieder ins Kino zu hirschen. Seit es Disney+ gibt, braucht es aber nicht mal mehr einen gemeinsamen Ausflug. Es reicht die häusliche Couch und ein ausreichend großes Fernsehgerät, um keines der liebevoll arrangierten Details aus der Animationsschmiede Disney (nicht Pixar!) zu verpassen. Mit Encanto, dem richtigen Familienfilm zur richtigen Familienzeit, präsentiert der Mauskonzern wieder in aller Farbenpracht ein metaphysisches Abenteuer, dass sich aber viel stärker an psychosoziale Inhalte der Pixar-Macher orientiert. Diesmal ist es keine Reise, keine Queste, kein Bestehen von Gefahren, währenddessen man ganz fest an sich selber glauben muss und schon haut alles hin. Encanto ist ein Film, der inhaltlich mitunter schwer greifbar ist, und der die ganz jungen wohl nicht tangieren wird, hätten die doch lieber wieder so einen knuffigen Pelzdrachen, der coole Sprüche schiebt.

Das gibt es heuer nicht, stattdessen eine Villa Kunterbunt in Kolumbien, zwischen Dörfern und grünen Bergen. Dieser magische Ort verdankt seine Exklusivität einer wundersamen Kerze, die seinerzeit der auf der Flucht befindlichen Familie Madrigal von wem auch immer zum Geschenk gemacht wurde. Alle Nachkommen haben von nun an außergewöhnliche Gaben, ganz so wie Die Unglaublichen, nur lokal verortet und ohne Superheldendress. Das reicht von Bärenstarke bis zum Blumenregen, und jedes der Kinder hat ihr eigenes Reich, in dem es tun und lassen kann, was es will. Nur Mirabel nicht. Die hat kein paradiesisches Zimmer, und auch keine Fähigkeit. Niemand weiß warum. Man könnte meinen: das hässliche Entlein. Doch hässlich ist sie auch nicht, sondern recht knuffig und klug und etwas nerdig. Sympathisch, ganz einfach. Und mit Erschaffung dieser natürlichen, burschikosen Figur haben die Character-Designer wieder ganze Arbeit geleistet. Mirabel dämmert bald, dass diese Superfähigkeiten ihren Preis haben. Und dass der Haussegen eigentlich schiefer hängt als gedacht, wobei sie selbst, wie andere behaupten, nicht unbedingt schuld dran sein muss. Sie forscht also nach – und stößt auf beunruhigende Geheimnisse, deren Ursprünge zwei Generationen zurückliegt.

Ein Familienfilm? Wohl eher eine therapeutische Familienaufstellung. Da ist Oma, ihre Kinder (eines davon verstoßen) und die Enkelinnen. Gemäß der heutigen Zeit ist ein Kind wohl nichts, wenn es nicht in ihren Begabungen gefördert wird. Da wollen die Eltern nichts verpassen und dem Nachwuchs das ermöglichen, was sie womöglich selber nie hatten. Das ist ein Leistungsdruck, der nach hinten losgehen kann. Ungefähr so wie in Encanto. Magie hin oder her – diesmal können die Esel, Tapire und Capybaras noch so witzig dreinschauen; diesmal kann das kunterbunte Häuschen noch so mit den Kacheln klappern – was Encanto anstrebt, ist die Suche nach dem Besonderen im Charakter des einzelnen, und die Abkehr von dem, was man leisten muss, nur weil man es vielleicht gut kann. Ein Ansatz, der überraschend ernsthaft und ehrlich daherkommt, den die zum besten gegebenen Musiknummern auch gebührend unterstreichen, ohne zum Selbstzweck zu verkommen. Disney schaut also von Pixar ab? Natürlich, warum nicht. Ein bisschen mehr Konsequenz vor allem in der finalen Szene hätte aber nicht geschadet, doch da hat Disney dann doch nicht weniger als mehr gelten lassen. Die Magie hat wie immer das letzte Wort. Wäre das aber nicht passiert, hätten wir ein kleines Meisterwerk gehabt.

Encanto

Wunder

MIT CHEWIE IN DIE SCHULE

5/10

 

wunder© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: STEPHEN CHBOSKY

MIT JACOB TREMBLAY, JULIA ROBERTS, OWEN WILSON, MANDY PATINKIN U. A.

 

Als Kind braucht man schon sehr viel Selbstbewusstsein und Mut, als einziger Neuzugang in einer bereits bestehenden Klassengemeinschaft nicht die Nerven zu verlieren und blindlings wegzulaufen. Da muss man sich schon sehr zusammenreißen. Noch dazu, wenn man keinen kennt und nicht weiß, wo es am Klügsten ist, anzuknüpfen. Zusätzlich erschwerend wird es, wenn der Neuzugang nicht den Schönheitsidealen entspricht, die wir Menschen gewohnt sind, anzunehmen.

In Wunder ist der Neuzugang ein 10jähriger Junge namens August, genannt Auggie. Ein blitzgescheiter, aufgeweckter Knabe mit ordentlich Know-How in Sachen Naturwissenschaften und einer Vorliebe für Star Wars. Nur – Auggie hat ein physikalisches Problem. Das hat ihn schon mehrere Dutzend Operationen gekostet. Dementsprechend vernarbt ist sein Gesicht. In einer an Äußerlichkeiten orientierten Gesellschaft kommt sowas erstmal gar nicht so gut an. Der kleine Junge von allen Seiten beäugt und quer durch die Bank abgelehnt – bis einer der Mitschüler die eigentliche Person hinter dem entstellten Gesicht wahrnimmt.

Auch dazu gehört Mut. Mut, sich nicht so zu verhalten wie alle anderen. Mut, den ersten Schritt zu tun in eine andere, bessere Richtung. Auch dieser Mitschüler namens Jack wird beäugt, Aber das schert ihn nicht. Und bald schert es Auggie auch nicht mehr, denn es sieht so aus, als hätte dieser einen Freund gewonnen. Zum Glück allerdings wird unser Nachwuchs meist auf eine Weise erzogen, die Toleranz und Solidarität hochhält. Auf eine Weise, die auch lehrt, den Menschen hinter all dem Äußeren wahrzunehmen, sich so wenig wie möglich Vorurteile zu bilden und zweimal hinzusehen. Es ist – vor allem für die gegenwärtige Generation an Schülern – eine Zeit der bewusst gelebten Ethik, des Verstandes und der Bildung. Doch so wie wir Erwachsenen selbst manchmal erzogen worden sind, so können wir es manchmal auch nicht besser wissen für unsere Folgegeneration. Und dann entsteht sowas wie Mobbing. Aus Unsicherheit, Minderwertigkeitskomplexen und Geltungsdrang heraus. Solche erniedrigenden Auswüchse wird es immer geben. Das bekommt auch Auggie zu spüren. Der sich mehr als jemals zuvor treu bleiben muss und nicht verzweifeln darf.

Owen Wilson und Julia Robert, die ich, je länger sie im Filmbiz arbeitet, immer mehr zu schätzen weiß und richtiggehend gerne sehe, erfüllen die Rolle als Supporting Actor auf den Buchstaben genau. Die beiden Stars räumen so gut es geht das Feld für das begnadete Kinowunderkind Jacob Tremblay (Raum, The Book of Henry), der mit seinen Jung-Co-Stars den Film fast schon im Alleingang stemmt. Und ja, Wunder ist ein Jugendfilm. Pädagogisch wertvoll, mit allerlei (be)merkenswerten Zitaten und hilfreichem Wertebewusstsein. Und irgendwann erreicht Wunder einen Moment, in dem alles vollkommen wirkt. Ind welchem Auggie zu sich selbst und den anderen gefunden hat. Ein Moment, der sich mehr mit Gesten und Blicken erklärt als mit Worten. Doch dann kommt es, wie es kommen muss – und der Film erliegt einem völlig redundanten Nachspann, der sich rund eine halbe Stunde lang dahinzieht und Begebenheiten erklärt, die im Kopf des gewieften Zusehers ohnehin schon Gestalt angenommen haben. Dinge, die sich jeder denken kann. Oder niemand so genau vorgekaut haben möchte. Das tut Stephen Chbosky allerdings leider. Er kaut uns vor, wie wir die nahe, übertrieben triumphale Zukunft von Auggie zu sehen haben. Zuletzt hatte ich bei The Green Mile derart leiden müssen. Auch in diesem Film hat Frank Darabont nicht gewusst, wann Schluss ist. Wunder weiß das leider auch nicht. Und platziert glatt gebügelten Zuckerguss, wo keiner hinsoll.

Wunder