Star Wars VIII: Die letzten Jedi

EINE NEUE ORDNUNG

8,5/10

 

nullPhoto: Industrial Light & Magic / Lucasfilm ©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: RIAN JOHNSON

MIT MARK HAMILL, CARRIE FISHER, PETER MAYHEW, DAISY RIDLEY, ADAM DRIVER, JOHN BOYEGA U. A.

 

Ein guter Freund und bekennender Star Wars-Fan hat mir erst vor kurzem einmal gesagt: „Entweder dir gefällt Star Wars in seiner Gesamtheit, oder es gefällt dir eben nicht.“ Nun, da ist was dran. Denn hat man sich mal mit der schier endlos scheinenden Lucas-Galaxie angefreundet, und kennt man die Geschichte von Anfang an, gibt es meistens kein Zurück mehr. Solange die Gesetze in diesem exotischen Universum immer die selben sind, und all die Welten, Sterne und Planeten Gemeinsamkeiten aufweisen, die klar als diese eine Galaxie erkennbar sind, ist man als Star Wars-Fan auf der sicheren Seite. Da kommt der Nerd selbst von handgeschnitzten Fanfilmen nicht mehr los, vibriert in den heimischen Wäldern irgendwo ein Lichtschwert. Der Star Wars-Fan ist eine treue Seele, die Leidenschaft brennt, übertrieben gesagt, konstant wie die Zwillingssonnen auf Tatooine, und gibt erst in gefühlten Jahrmilliarden ihren Geist auf. Da kann selbst der wie ein Gummiball herumspringende Yoda oder das Liebesgeplänkel zwischen Anakin und Padme, beides aus der zweiten Trilogie, nichts daran ändern. Wenn diese Ausrutscher das Gemüt eines Freizeit-Jedi nicht zu erschüttern wissen, dann ist dieser mit dem Kino-Jour-fixe eines zweiten Weihnachten bis in die nächste Dekade hinein mehr als glücklich.

Glücklich war ich als Fan auch mit dem Start der neuen, aktuellen Trilogie 2015. Mit Star Wars VII: Das Erwachen der Macht hat der „neue“ Spielberg J. J. Abrams mit dem Wissen, worauf es bei Star Wars ankommt, gleichzeitig eine Retrospektive und einen Neuanfang kreiert. Eine Weltraumoper mit Wiedererkennungswert, einen „Gentle Reminder“ an eine phantastische Kindheit und an ein mögliches Weiterleben nach dem Tod Darth Vaders. Was aber sofort auffiel, mehr noch als die sichtlich vom Alter gezeichnete Urbesetzung von Krieg der Sterne, war die Wahl der Schauspieler und den Fokus auf die neuen Figuren, die das Fortleben des Universums von nun an leiten sollen. Mit Daisy Ridley, Oscar Isaac, Adam Driver und John Boyega war ein Ensemble entdeckt worden, welches das Gelingen der neuen Trilogie garantieren soll – und garantieren wird. Das war schon bei Episode IV – Eine neue Hoffnung so. Wären die smarten Charaktere nicht gewesen, hätte es weniger Identifikationsfiguren gegeben und hätte George Lucas nicht so viel Wert auf das Gefühlsleben seiner Figuren gelegt, wäre womöglich alles ganz anders gekommen. Der Wert von Star Wars liegt im Fühlen seiner Helden. Und dieses Empfinden, dieses Zweifeln und Wüten – das weiß auch Rian Johnson in Episode VIII: Die letzten Jedi zu transportieren.

Von Produzentin Kathleen Kennedy bis über das grüne Lichtschwert hinweg gelobt, hat das neue Lucasfilm-Wunderkind Johnson den bislang wohl ungewöhnlichsten Film der Franchise abgedreht. Und das, weil auch die Star Wars-Schmiede die neue Rezeptur für einen Erfolg wie Game of Thrones erkannt hat. Diese beiden Welten haben im gegenwärtigen Zustand zumindest in ihrem Aufbau mehr gemeinsam als man vermuten würde. Die Saga rund um Westeros folgt sowohl in den Büchern als auch in der Serie einer unorthodoxen Erzählweise. Sie bleibt stets unberechenbar, skizziert seine Helden wie Antihelden gleichermaßen in einem chargierenden Grau, es gibt kein reines Gut und kein reines Böse mehr. Und die Tragödien und sich zuspitzenden Höhepunkte bleiben längst nicht mehr an den Eckpunkten einer Storyline aus dem Lehrbuch sitzen. Mit Game of Thrones war es an der Zeit, das Publikum neu herauszufordern. Und Kennedy wie Johnson haben verstanden. Episode VIII: Die letzten Jedi ist unter der neuen Rezeptur genau das geworden – ein unberechenbares, galaktisches Stakkato voller Emotionen und einer inneren Zerrissenheit, die alle Menschen und Wesen der weit weit entfernten Galaxis zu durchdringen scheint. Ganz so wie die Macht, die alles zusammenhält. Scheinbar alles zusammenhält. Doch die Macht, das Credo, das Zeitalter der Jedi – sie scheint so, wie sie gewesen und fast bis auf den letzten Ritter vernichtet worden ist – vorbei zu sein. Da hat der einsame Grieskram Luke Skywalker, der sich in den Ruinen des ersten Jedi-Tempels verkrochen hat, fischen geht und die Milch von bizarren Seekühen melkt, gar nicht mal so Unrecht. So kann es nicht mehr weitergehen. Wenn, dann müssen die Parameter des Universums anders angelegt werden. Nicht die erste Ordnung, sondern eine neue Ordnung muss her.

Und so krempelt Episode VIII: Die letzten Jedi vieles um. Die scheinbare Endzeit des Guten wird zu einem Kräftemessen, einer Reise nach Rom, bei der immer wieder ein Stuhl weniger zur Verfügung steht. Kaum ein Star Wars-Film hat so viele Überraschungen parat. Kaum ein Star Wars-Film teilt so viele Finten aus. Stets passiert, womit man doch nicht rechnet. Die letzten Jedi ist eine atemlose Symphonie in galaktischem Zwielicht, ruhelos und wendungsreich wie ein Indiana Jones-Abenteuer. Knapp an der Tragödie und bühnenreif wie ein Shakespeare-Drama. Alleine schon der Thronsaal des obersten Führers Snoke ist Burgtheater pur. Johnson umgibt sich mit den Besten ihres Fachs. Die Vielfalt der Lebensformen macht den Phantastischen Tierwesen aus dem Harry Potter-Universum ernsthafte Konkurrenz und erweitert den Artenreichtum um eine weitere Potenz. Tatsächlich gibt es Szenen, die aus der Welt von J. K. Rowling hätten sein können. Hat man sie womöglich Hand anlegen lassen? Möglich wärs. Doch Harry Potter ist Warner Brothers. Also ist es reiner Zufall.

 

nullIndustrial Light & Magic / Lucasfilm ©2017 Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 

Die Handlung des wuchtigen, atemberaubend schön fotografierten und trick- wie ausstattungstechnisch höchst anspruchsvoll komponierten Intermezzos findet ihre Perfektion in der Verflechtung mehrerer Handlungsebenen, die anderswo vielleicht für Verwirrung sorgen würden – in Episode VIII: Die letzten Jedi gerät das parallel laufende Miteinander und zeitgleiches Geschehen zur erlesenen Perfektion. Auch hier finden wir das Know-How gelungener Fernsehserien wieder, die oftmals vieles gleichzeitig erzählen müssen. Niemals zuvor war die Helix-Spirale des Narrativen dichter, durchdrungener, spannender. Und ja – Episode VIII ist tatsächlich, so, als würde man Episode V: Das Imperium schlägt zurück spoilerfrei und zum ersten Mal sehen – spannend, intensiv und ungemein aufwühlend. Wer jetzt noch möchte, kann sich von Star Wars, so, wie wir es kennen, langsam aber doch verabschieden. War Das Erwachen der Macht noch die Übergabe des olympischen Feuers, so sehen wir nun dem Farewell einer Epoche entgegen. Doch keine Sorge, das Zeitalter von Leia, Luke und Han Solo ist eine Basis aus unverwüstlichem Granit, auf welcher die Next Generation in neue, unbekannte und unerwartbare Richtungen blickt. Wir befinden uns also immer noch – der Nostalgiker sei getröstet – tief in der Fandom-Galaxie, die ihre Strahlen immer weiter in den leeren Raum schickt. Die alten Jedi sind obsolet – die neuen werden neu erwachen, in der besagten neuen Ordnung, unter neuen Regeln.

Episode VIII: Die letzten Jedi ist die Erinnerung an das Vergangene und Vergängliche von Star Wars, die Seelenschau der Starken und Schwachen und die Erneuerung eines Bekenntnisses. Man darf lachen, man darf bangen, man darf den Kloß im Hals spüren. Auch wenn Episode VIII: Die letzten Jedi nicht unbedingt der beste Teil der Saga geworden ist – und das aufgrund des Charakters eines ruhelosen Zwischenspiels und der nun folgenden langen Wartezeit bis zu Episode IX – so ist das Vorspiel zum Phoenix aus der Asche der Macht zumindest der am meisten unangepasste Teil der Saga geworden. Ein unerwarteter und gleichzeitig erhoffter Paradigmenwechsel, der sich erfüllt hat und wie ein Funken das Feuer neu entfacht. Das ist nicht von mir, das hat Rey gesagt.

Und ja, es stimmt.

Star Wars VIII: Die letzten Jedi

Coco – Lebendiger als das Leben

MIT DEN AHNEN PLAUDERN

8/10

 

Coco©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: Lee Unkrich, Adrian Molina

MIT DEN STIMMEN VON Anthony Gonzalez, Benjamin Bratt, Gael García Bernal u. a.

 

 „Mach die Musik leiser!“ – Das wäre zumindest ein Imperativ gewesen, mit welchem der kleine mexikanische Junge Miguel zumindest irgendetwas hätte anfangen können. Aber gar keine Musik – das geht gar nicht. Miguel ist der einzige in seiner Familie, der Musik über alles liebt und seinem Idol, dem großen Ernesto de la Cruz nacheifern will. Aber Musik – Musik ist verpönt in Miguels Schusterfamilie, seit sein Ururgroßvater Karriere vor Familie gesetzt hat – und letzterer den Rücken kehrte. Also Schluss mit dem Geklimpere – Miguel hat gefälligst Schuster zu werden. Wie es aber bei zwölfjährigen Jungs so ist, darf mit Widerstand gerechnet werden. Der aufgeweckte, träumerische Bursche denkt gar nicht daran, sein Talent versauern zu lassen. Schon gar nicht am Tag der Toten, dem größten Fest Mexikos, an welchem es der Tradition nach wie alle Jahre einen Talentwettbewerb gibt. Nur blöd, dass seine Familie geschlossen dagegen ist. Widerstand überall. Nur seine Uroma Coco sagt nichts. Seine Uroma Coco kauert in ihrem Rollstuhl, dämmert vor sich hin und verliert allmählich all ihre Erinnerung. Vor allem die Erinnerung an ihren Papa, dem schwarzen Schaf der Familie. Und wie die alte Coco da so sitzt, nach vorne gebeugt und mit langen, weißen, geflochtenen Zöpfen – da sieht man wieder, dass die Pixar-Schmiede erneut wieder so etwas wie ein Wunder vollbracht hat. 

Denn die Filme von Pixar sind längst nicht mehr nur Kinderkram. In ihrer neuen Geschichte nach einem Originaldrehbuch beweisen die Kreativen hinter den Rechnern und Schreibtischen einmal mehr, dass ihr Mut zu Anspruch und weltbewegenden Themen keinesfalls familientaugliche Unterhaltung ausschließen muss. Denn Coco – lebendiger als das Leben ist ein zutiefst berührender Film über Familie für Familie. Interessant ist alleine schon die Tatsache, dass der titelgebende Charakter nicht der quirlige Miguel selber ist, sondern die steinalte Urgroßmutter, die mit so viel Liebe entworfen, modelliert und gezeichnet wurde wie selten eine Figur in einem animierten Film. Diese Oma schlägt alle, bis in jede Falte ihres Gesichts lässt sich das gelebte Leben nachfühlen, von welchem hier erzählt wird. Nämlich auch von denen, die nicht mehr sind. Man kann den Tag der Toten gleichsetzen mit dem Feiertag Allerheiligen hierzulande. Und wer den letzten James Bond: Spectre gesehen hat, kann ungefähr erahnen, was sich am Tag der Toten in Mexiko abspielt. Da kommen die Ahnen aus dem Jenseits in die Welt der Lebenden – aber nur, sofern man sich an sie erinnert und Gott behüte – nicht vergessen hat, ein Bild aufzustellen. Mit den Ahnen zu reden ist so eine Sache – das kann man mit Tischerücken probieren, oder mit einem Medium wie Lotte Ingrisch. Oder man erträumt sich die Verstorbenen einfach – allerdings ohne Echtheitsgarantie. Mal ehrlich, wer würde nicht gern seine Vorfahren kennenlernen, um sie aus dem Nähkästchen plaudern zu lassen. Da gibt es aus meiner Familie einige. Und selbst meinem Großvater würde ich gerne noch so einiges mitteilen. 

Miguel bekommt diese Chance – und es gelingt ihm irgendwie, ins Jenseits abzugleiten, ohne tot zu sein. Die Welt der Ahnen ist eine knallbunte, surreale Dimension, in der die Toten Skeletten gleich vor sich hin klappern, ihr Totsein vor dem endgültigen zweiten Tod fristen und eben die Dinge tun, die sie schon zu Lebzeiten immer getan haben. Auch hier haben die Animationskünstler und Designer eine Welt erschaffen, die so noch nie im Kino zu sehen war. Ein Jenseits, in welchem sich Hades für seine eigene Unterwelt fremdschämen würde. Die Gesichter der Verstorbenen sind auf eine Art entworfen, die zweifelsfrei als Totenköpfe zu identifizieren sind, andererseits aber auch so gestaltet sind, dass sie eine gewisse Gesichtsmimik zulassen – andernfalls würden sich Emotionen bei all den Ahnen nur erahnen lassen. Und Emotionen spielen eine wichtige Rolle. Emotionen und vor allem Erinnerungen. Spätestens ab diesem Punkt dringt die Geschichte um Miguel und die Toten in eine tiefere Bedeutungsebene vor. Coco wird zu einer Parabel über das Vergessen und Vergessen werden, über das ewige Leben in der Erinnerung der Lebenden. Dass der Wert der Familie bei Disney sowieso immer eine Rolle spielt, braucht gar nicht erst erwähnt zu werden. Das ist fast die Basis eines jeden Disney-Films. Doch dieser unerwartet ernste Kern der Geschichte, die nebenbei einfach wunderbar erzählt ist, gerät nie in stockende Betroffenheit oder gleitet ab in falsche Rührseligkeiten. Mit aufrichtigem Wagemut und unverschämter Leichtigkeit setzt sich die Ode an die Ahnen mit einem für gewöhnlich betroffen machenden Tabuthema auseinander, das längst kein solches sein muss. Mir fallen gerade die Riten der Madagassen ein – ihre Begräbnisse enden in ausgelassenen, bunten Festen, weit jenseits schwarz gewandeter Trauer. Auch ein Ansatz, der den letzten Meilenstein des Lebens als solchen besser wahrnimmt. Und Coco tut dies – die Gratwanderung zwischen Leben und Tod wird in Pixar´s neuem Film zum phantastischen, prächtigen Abenteuer in atemberaubender, erlesener Tricktechnik. Und zum erfolgreichstem Film aller Zeiten in Mexiko. Da kann man nur sagen; Viva La Vida. Und La Familia sowieso.

Coco – Lebendiger als das Leben

Thor: Tag der Entscheidung

WO DER HAMMER HÄNGT

8,5/10

 

thor3@ 2017 Marvel Studios

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAIKA WAITITI

MIT CHRIS HEMSWORTH, TOM HIDDLESTON, CATE BLANCHETT, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

„Also das… das hat mich schon sehr gestört. Hela ist doch nicht Odins Tochter, sondern Lokis!“, beschwert sich nach Betrachten des Filmes eine Mittelschülerin, die sich in der nordischen Mythologie ganz gut zurechtzufinden scheint und mit mir gemeinsam Thor: Tag der Entscheidung genießen durfte. Was folgt, ist eine stark gekürzte Abhandlung der Ereignisse rund um Odin´s Familiengeschichte, dem Fenriswolf, der im Film viel zu klein daherkommt, die Vernichtung Asgards und dem Ende Thors, der von der Midgardschlange vergiftet wird, übrigens auch eine Schwester Hela´s, aber das nur so am Rande. Das alles passiert dann beim Ragnarök, dem Weltenbrand, quasi der Apokalypse des Nordens, ziemlich Schlag auf Schlag. Nun, wo das Mädchen Recht hat, hat es Recht – Mythologen werden es bei Marvel´s Götterdämmerung garantiert mit der Angst zu tun bekommen. Sollen sie auch. Denn dafür geht man nicht in die Filme von Marvel, sondern besucht entweder eine Vorlesung oder schaltet daheim den History-Channel auf Durchzug. Irgendeine Doku über Mid-, Ut- und sonstige -gards gibt es dort bestimmt.  Für Thor: Tag der Entscheidung braucht man, wenn man I-Tüpferl-Reiter mit Anspruch ist, ein gehörig dickes Fell. So wie der Fenriswolf. Oder man legt sich eine Litho-Panzerung zu, wie sie der nach Revolution sinnende Steinmensch Bruce trägt, der davon träumt, dem Müllplaneten Sakaar eine neue Ordnung aufzuerlegen. Hat man Fell oder Panzerung, oder geht mit der nötigen Scheiß-drauf-Attitüde ins Kino, um zu sehen, ob neben den Guardians of the Galaxy noch andere Filme das Zeug haben, in rotzfrecher Manier einfach alle möglichen Versatzstücke des phantastischen Kinos durcheinander zu mixen, ganz so wie ein ausgebuffter DJ, dann wohnt man wahrscheinlich einem der griffigsten und launigsten Kunststücke aus dem Marvel Cinematic Universe bei, die je produziert worden. Denn Thor: Tag der Entscheidung ist mindestens genauso gut wie die Guardians of the Galaxy. Wenn nicht fast besser. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass der eingedeutschte Untertitel Tag der Entscheidung im Vergleich zum Original Ragnarok ziemlich nichtssagend daherkommt. Aber das nur, weil mit Ragnarok die wenigsten etwas anfangen können. Da muss ich nur das Mädchen fragen, das mit mir im Kino war.

Nach Kenneth Branagh´s durchwachsenem Thor-Einstand und Alan Taylor´s düsterer Dunkelelben-Episode Thor: The Dark Kingdom ist der vorerst finale dritte Teil der Solo-Helden-Abenteuer rund um den Donnergott mit Abstand der beste Wurf. Natürlich haben sich Marvel und Disney ihre Blockbuster-Referenzen hergenommen und den Erfolg analysiert – ohne Analyse geht bei so teuren Produktionen überhaupt nichts mehr. Bei einem Genre, das sich so sehr von der Realität verabschiedet wie die weit weit entfernte Galaxis von Star Wars von der Erde, zählt die Anforderung eines spannenden, ernstzunehmenden Abenteuers längst nicht mehr. Da zählt der Spaß, der Irrsinn, die Kaleidoskophaftigkeit einer furiosen Zirkusaufführung weit jenseits der Vorstellungen eines Andre Heller oder Luis Knie. Da zählen Trapez- und Zauberkünstler, Clowns in aberwitzigen Kostümen und atemberaubende Showeffekte. Und ganz obendrauf, und eigentlich zuallererst, bevor der visuelle Firlefanz die Leidenschaft der Zuschauer am Sehnerv packt: die Skizzierung der Leading Characters. Sind die Figuren schal und flach, hilft nicht mal perfektes 3D. Über einen gewissen Zeitraum hinweg ja – aber nicht den ganzen Film hindurch. Luc Besson hat sich bei seinem visuell pipifeinen Comicverschnitt Valerian – Die Stadt der tausend Planeten in der Wahl seiner Hauptdarsteller ordentlich vergriffen. Ebenso Suicide Squad. Biestig, dreckig, gut gemeint. Aber darstellerisch eher halbgar. Guardians of the Galaxy funktioniert, weil der wilde, zusammengewürfelte Haufen an zwangskaritativen, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlichen Weltraumpiraten enorm viel ungefällige Persönlichkeit besitzt. Dieses Phänomen der ausmodellierten Charakterzeichnung findet sich – Odin sei Dank – auch in der furioser Weltraumeskapade von Regisseur Taika Waititi, seines Zeichens verantwortlich für die Indie-Gruselsatire 5 Zimmer Küche Sarg. Der Cast liest sich wie die Gästeliste eines internationalen Filmfestivals. Größen wie Cate Blanchett, Idris Elba und Jeff Goldblum, um nur einige zu nennen, verleihen auch der kleinsten Nebenrolle sichtlich spielfreudiges Charisma. Ganz zu schweigen von Chris Hemsworth und Mark Ruffalo, die, wie es scheint, noch nie so viel Spaß an der Sache hatten.

Ist der Cast einmal unter Dach und Fach, und ausreichend beschäftigt, kann man den Film auch noch so abgehoben inszenieren – das Ensemble ist wie ein Fels in der Brandung, dass für die Entfesselung einer wirklich famos bebilderten, spektakulären Weltraumkomödie ganz im Sinne von Star Lord, Gamora und Co grünes Licht erteilt. Von Drachen, Skelettkriegern, Magiern, Robotern und Aliens aller Art, die aus George Lucas´ Cantina zu kommen scheinen, werden diverseste Versatzstücke aus der High Fantasy und der märchenhaften Science Fiction durch den filmischen Cocktailmixer gejagt, um letzten Endes ein enorm augenzwinkerndes, auf Zug inszeniertes, astreines Vergnügen Marke Terry Pratchett zu servieren, das bis zur letzten Sekunde – und bis über die zweite Post Credit Szene hinaus – vorzüglich schmeckt. Lange begleitet mich noch Led Zeppelin´s Immigrant Song, der in der Hitze des Gefechts der Götter so dermaßen punktgenau zum Einsatz kommt, dass man überlegt, schon allein deswegen den Film noch einmal zu sehen. Weil das Eintauchen in lebendig gewordene Comic-Panels einfach fetzt. Ganz ohne Reue und verlorene Lebenszeit. Und nicht zuletzt, weil Hulk einfach zu meinen Lieblingen zählt. Schon allein aufgrund seines Wesens 😉

Thor: Tag der Entscheidung

Elliot, der Drache

DER DRACHE IN MEINER GARAGE

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elliott

Drachen gibt es wirklich. Oder zumindest wünschte ich, es wäre so. Als bekennender Liebhaber der geflügelten, schier unbezwingbaren Wesen muss ich wohl daran glauben und zugeben: ja, in meiner Garage lebt ein Drache (wenn ich eine solche hätte). Unsichtbar, schwebend, sich jedem wissenschaftlichen Nachweis entziehend. Der Astrophysiker Carl Sagan hat sich in seinem Buch über Aber- und Gottesglaube erstmals dieses Gleichnisses bedient. Das für niemanden ersichtliche Wunderwesen steht für die Tatsache, dass etwas, dessen Existenz oder auch Nicht-Existenz nicht bewiesen werden kann, für die Forschung so gut wie nicht von Bedeutung ist, es aber auch nicht zu 100 % ausgeschlossen werden könne. Eine Restwahrscheinlichkeit gibt es immer noch, wenn auch tendenziös unmöglich. Achselzuckend können wir aber immerhin noch weiter in der Vorstellung schwelgen, dass Drachen existieren, ebenso wie Nessie, Bigfoot oder Mokele Mbembe, der sagenhafte Brachiosaurier aus dem Kongobecken. Oder eben Elliot.

Nein, Elliot existiert natürlich nicht wirklich – er ist eine Zeichentrickfigur aus dem Hause Disney, die erstmals 1977 auf der Kinoleinwand zu sehen war und als grüner, moppeliger Drache Merchandising-Artikel wie kindgerechtes Bettzeug zieren durfte. Ja, Elliot war ein gutmütiges, zeitloses Wesen aus Farbe und Pinsel, das jedes Kind gerne zu seinen Freunden gezählt hätte. Fast 40 Jahre später wurde aus Elliot, dem Schmunzelmonster mit der violetten Struppelfrisur ein mythisches Wesen, dass sich in den Wäldern Nordamerikas verbirgt, unsichtbar werden kann und sich mit einem verwaisten Jungen anfreundet, den er vom Kleinkindalter an hegt, pflegt und beschützt. Dieser Junge namens Pete ist eine an Kipling´s Mowgli angelehnte Figur, die allerdings, statt sich in ein Wolfsrudel einzugliedern, einfach mit einem grünen, felligen, enorm gutmütigen Drachen vorliebnimmt. Pete´s Dragon, wie David Lowery´s Film aus dem Jahr 2016 im Original betitelt wird, hat mit der Zeichentrick-Vorlage von damals nur mehr sehr wenig zu tun. In diesem berührenden Fantasyfilm für die ganze Familie bekommen mitunter nicht nur Kinder feuchte Augen, auch junggebliebene Eltern, die ihrem Nachwuchs seit dem Kleinkindalter an allerhand Sagen und Märchen vorgelesen haben und es auch heute noch tun, können derartige Szenarien durchaus zu schätzen wissen. Drachen, vor allem wohlig pelzige Moosmonster wie dieser perfekt animierte Charakter, erweichen sogar die Herzen zynischer Realisten. Wie schön wäre es, gäbe es so ein Wesen tatsächlich. Elliot, der Drache macht die Probe aufs Exempel und begeistert als straff inszeniertes, liebevoll gestaltetes und moderat dramatisches Abenteuer Jung und Alt. Der geheimnisvolle Lebensraum Wald als Rückzugsort seltener Arten lädt als Schauplatz des Ökomärchens dazu ein, den Zauber des Verborgenen und Unbekannten mit geradezu kindlicher Unbefangenheit zu erfahren. Irgendwie beruhigend, dass vielleicht noch nicht alles Magische auf unserem Planeten rationaler Nüchternheit zum Opfer gefallen ist. Und dass das Phantastische im Alltag manchmal immer noch zum Greifen nah sein kann.

Hier ist Disney eine Realverfilmung gelungen, die sich wirklich sehen lassen kann. Oder sagen wir lieber: die Neuinterpretation eines Kultcharakters. Der Autounfall zu Beginn des Filmes sowie die Szenen der Drachenjagd könnten ein allzu junges Publikum vielleicht etwas verstören – in seiner Gesamtheit aber ist diese rundum gelungene, spannende und herrlich bebilderte Fantasy ein positives Erlebnis, das den nächsten Familienausflug im Wald mit etwas anderen Augen sehen lässt. Mit den Augen des grenzenlos Vorstellbaren.

Elliot, der Drache

Vaiana

PARADIES NACH PLAN

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Vaiana

Sommer, Sonne, Strand und Meer – Begriffe, die zum Träumen einladen und das Fernweh nähren. Ein Film, der im ewigen Paradies spielt und mit Palmen, Korallen und Südseerhythmen punkten möchte, kann kein Ladenhüter sein. Zumindest geht Disney mal davon aus und setzt alles auf eine Insel. Eine Insel im Stillen Ozean, vielleicht Samoa, vielleicht Vanuatu oder Hawaii, jedenfalls ein Paradies voller Südeseegottheiten und Legenden. Paul Gauguin wäre entzückt gewesen. Wenn sich die perfekt animierte Inselwelt zu herrlich verklärenden Chören von ihrer Schokoladenseite präsentiert, feiern die Glücksbotenstoffe fröhliche Urständ und das Leben wird um einige Nuancen bunter, abenteuerlicher und farbenfroher. Ganz so präsentiert sich das warmwassergebadete, dramatisch-humorvolle Südseemärchen und hat nichts Anderes vor, als in den Fußstapfen der Eiskönigin einen ebensolchen Erfolg einzufahren wie die klirrend kalte Schwester im hohen Norden. Das Problem dabei ist – man merkt es dem Film Vaiana jede Minute an.

Wenn Disney seinen Erfolg so vehement durchkalkuliert, bleibt von der Spontaneität und Natürlichkeit einer filmischen Erzählung nichts mehr übrig. Die Produktionen werden austauschbar, schablonenhaft und klar erkennbar aus kommerziell erträglichen Versatzstücken zusammengeschustert. Das Mädchen Vaiana mag sich zwar anders verhalten als ihre aschblonde Schwester Prinzessin Elsa, in groben Zügen aber sind beide vom gleichen Schlag. Großäugige, ranke und schlanke Mädchen aus dem Computer, die sich als konstruiertes Alter Ego in den Köpfen kleiner Mädchen häuslich einrichten. Nutzt es nichts, so schadet es auch nichts. Das erste Idol im Leben beginnender Grundschüler ist geboren. Ob Vaiana das gleiche Zeug dazu hat, wird sich erst im Merchandising- und Retail-Sektor zeigen. Allerdings hat Disney zu Zeiten der Eiskönigin ein weitaus höheres Budget für bedruckten Krimskrams aller Art zur Seite gelegt. Von Vaiana bleibt vielleicht nur buntes Polyester-Bettzeug. Und auch das alles dominierende, zentrale Solo der zarten Südseeschönheit will um jeden Preis an Idina Menzels wunderbar gesungenem und allen Eltern bis zum Nimmerhören bekannten Let it Go anschließen. Zurecht oscarprämiert, hat die kraftvolle Selbstbekenntnis Elsas auch beim wiederholten Male das Zeug zum Gänsehautklassiker. Tatsächlich erzielt der Song Far I´ll go einen ähnlichen Effekt. Für romantisch-sehnsüchtige Balladenliebhaber eine Sternstunde des Schmachtens und Träumens. In der deutschen Synchronisation übrigens gesungen vom wohl am meisten polarisierenden Schlagerstar der letzten Jahre – Helene Fischer. Eine Dame mit guter Stimme, von der man nie weiß, ob sie das, was sie singt, selbst gerne hört. Jedenfalls muss ihr Ich bin bereit – so die deutsche Übersetzung – mit Sicherheit gefallen. Uns – oder mir – gefällt es. Und dann gibt’s da noch den schrulligen Helden voller lebhafter Tattoos, eine Karikatur aus IZ Kamakawiwo’ole und Dwayne „The Rock“ Johnson. Sympathisch, tapfer und – wie bei Disney üblich – von liebenswertem Charakter. Verwunderlich sogar, dass eine Hommage an den leider verstorbenen, schwergewichtigen Insulaner, der Judy Garland´s Over the Rainbow wieder salonfähig machte, gänzlich ausbleibt. Und die schielende Intelligenzbestie von Huhn sorgt auch bei Kindern jüngeren Alters, die sich mit den älteren Geschwistern ins Kino verirren, für Lacher. Somit ist die ganze Familie bedient und alles gut durchdacht. Schablonenhaft, wie ich schon sagte.

Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Und man ahnt natürlich schon von Anbeginn an, wie es enden wird. Spannend ist was Anderes – zumindest für Erwachsene. Dennoch, und allen kritischen Bemerkungen meinerseits zum Trotz, wissen die Macher von Vaiana haargenau, was das Publikum berührt, belustigt und Freude bereitet. Das Südseeabenteuer ist perfekt, und hat von allem etwas. Genauso wie es sein soll, und das aber ohne Überraschungen.

 

 

 

Vaiana

Zoomania

DEM FAULTIER EINEN WITZ ERZÄHLEN

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zoomania

Wollt ihr mehr über das liebe Federvieh und ihr ungeheuer neurotisches Verhalten wissen? Dann müsst ihr euch Angry Birds ansehen. Oder hättet ihr mehr Lust auf Filme über Chamäleons und ihre nicht minder eigenwillige schuppige Verwandtschaft? Dann wäre wohl Rango von Gore Verbinski die richtige Wahl. Wenn aber jene beiden Bereiche des kinematographischen Tiergartens immer noch nicht zufriedenstellen, wartet immerhin noch ein ganz besonderes Zoo-Erlebnis auf uns. Nämlich das Abenteuer Säugetiere. Und ehe wir uns versehen, finden wir uns in Zootopia wieder.

Ja, Zootopia, das ist kein Tippsler. Im Original heißt der Film nämlich so. Völlig unverständlich, wieso Zootopia in Zoomania umgetauft wurde, bezieht sich doch das Kürzel – topia – auf einen Platz bzw. auf eine Region, ursprünglich, wie so viele Wörter, aus dem Griechischen kommend. Das Attribut mania hingegen bezieht sich auf eine Manie, auf Wahnsinn oder Raserei – wie auch immer. Wir kennen das schon aus Starmania. Daher ist es relativ befremdlich, wenn in der deutschen Synchronisation von Zoomania die Rede ist, als Bezeichnung einer überdimensional großen Stadt voller Säugetiere. Und in diesem phänomenalen Paradies der Kuscheltiere, das wiederum unterteilt ist in unterschiedliche Klimazonen, damit sich sowohl Eisbär als auch Gürteltier wohlfühlen können, geschieht ein Verbrechen. Und wer von all den Nagern, Huftieren, Krallen- und Samtpfoten wird der Sache auf den Grund gehen? Das äußerst knuffige Karnickel- oder Hasenmädchen Judy. Im Schlepptau einen zwielichtigen Fuchs, ein charmanter Ganove, der unfreiwillig zum Handkuss kommt.

Diesmal ganz ohne Unterstützung der Trickmagier aus Pixar wuchten die Disney Animations Studios ganz im Alleingang eine mitreißende Fabel auf die Leinwand, die in Charakterzeichnung, Story und Ideen dem Studio mit der hüpfenden Schreibtischlampe um nichts nachsteht. Zoomania ist rundum gelungen – und vor allem eines: sehr witzig. Wohl jetzt schon eine Szene mit Kultpotenzial ist die Begegnung mit dem Faultier hinterm Schalter am Verkehrsamt. Für alle, die sich bislang immer schon gefragt haben, wie es wohl ist, einem Faultier einen Witz zu erzählen, hat jetzt die Gelegenheit dazu, sich schiefzulachen. Überhaupt lassen die Macher des Filmes kein tierisches Klischee unerwähnt, angefangen von den Spitzmäusen bis hin zu den Elefanten. Und wenn dann der Unterweltboss Zoomanias in Gestalt eines Opossums dem guten alten Don Corleone die Ehre erweist, weiß man, dass das Geld für die Kinokarte kein rausgeschmissenes war. Und dabei haben wir es nicht mal nur mit einem klamaukigen, turbulenten Abenteuer zu tun, dass lediglich den Nachwuchs erfreut, während die Erwachsenen im Dunkel des Kinosaales immerwährend auf die Uhr schielen. Nein – Zoomania bedient das gesamte Besucherspektrum, wobei die ganz Kleinen im Publikum angesichts der komplexen Krimihandlung sehr wahrscheinlich w.o. geben werden. Aber sei´s drum – das Rendezvous im Tierreich entschädigt für jeglichen inhaltlichen Blindgänger.

Das aufgeweckte urbane Abenteuer ist zugleich kurioser Krimi und Situationskomödie vom Feinsten. Eine ausgefuchste Fabel, die an die Disney-Klassiker Basil – der große Mäusedetektiv oder Bernard und Bianca erinnert. Mit einer Story, die tierisch menschelt, ungezwungen sympathisch daherkommt, pointiert parodiert und die Fauna unseres Planeten zu schätzen weiß. Die Stadt, in der sich Fuchs und Hase im wahrsten Sinne des Wortes Gute Nacht sagen, ist auf alle Fälle einen Besuch wert.

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Zoomania

Arlo & Spot

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN

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arlospot

Wovon ernährt sich eigentlich der Säbelzahntiger Diego aus Ice Age? Was frisst der Löwe aus König der Löwen? Und was hat eigentlich Bagheera aus dem Dschungelbuch auf seiner Speisekarte? Details, die Kinder nicht zu wissen brauchen – oder doch? Seit jeher haben Fleischfresser oder Karnivoren, wie der Fachmann sagt, in Disneys und anderen Animationsfilmen den schwarzen Peter gezogen. Entweder man sieht nie, wie sie sich ernähren und was sie fressen, oder sie werden völlig grundlos zum Vegetarier. Was andererseits wieder vollkommen widernatürlich ist. Dass sich  aber das Leben auf unserem Planeten in die berühmte Nahrungskette eingegliedert hat, wird meist tunlichst ignoriert. Und könnte ja den Nachwuchs verstören. Obwohl dieser mitunter gerne Fleisch ist. Und Fleisch braucht, um sich zu entwickeln.

Für das fiktive Dinomärchen haben es sich diesmal Disney und Pixar anders überlegt. Flugsaurier verspeisen mir nichts dir nichts knuffige Fellsäuger und der wortlose Spot, das Menschenbaby, das aus Jean Jaques Annaud´s Am Anfang war das Feuer herübergekrochen zu sein scheint, reißt einem hilflosen Käfer den Kopf ab. Auch die Natur schenkt den Figuren aus The Good Dinosaur – so der Originaltitel – nichts. Neben der Berücksichtigung dieser und ähnlicher Naturgesetze haben die Macher gleich noch ein Szenario entworfen, das eine mögliche prähistorische Parallelwelt zeigt, in welcher der Kelch des aufschlagenden Asteroiden 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit an den schrecklichen Echsen vorübergegangen ist. So ist auch die Einleitung des Filmes ein auf die Erde stürzender glühender Felsbrocken – der aber haarscharf an unserem blauen Planeten vorbeizieht. Knapp daneben ist auch vorbei bekommt hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Oder besser gesagt: Knapp daneben ist nicht vorbei – was die Existenz der Saurier betrifft. So spielt Arlo & Spot einen Ist-Zustand durch, in welchem die Nischen für den Siegeszug der Säuger leider nicht frei geworden sind. Die Dinos werden intelligenter, und übernehmen das, was des Steinzeitmenschen Aufgabe gewesen wäre – Ackerbau und Viehzucht. Auf den ersten Blick ist die What if-Überlegung absurd. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wahrscheinlich eine alberne Vision. Für den Film aber passt es und hat sogar einen gewissen Reiz. Er erinnert mitunter an die Gummipuppen-Serie Die Dinos, die in den 90ern im Fernsehen lief. Nur sind es keine Gummipuppen, sondern im Verhältnis zu ihrer Umgebung relativ stark abstrahierte Sauropoden, die so gar nicht wirklich in den naturalistischen Kontext der Landschaft passen. Natürlich, der Kontrast hat was Witziges, ziemlich Eigenes. Doch Arlo und seine Gefährten sind mir in diesem Fall etwas zu simpel geraten. Ihre Knubbelnasen passen eher ins Universum des Drachen Kokosnuss als in einen Pixar-Film, der neben ausgetretener Coming of Age-Philosophie abermals das Thema Familie variiert und sich auch in punkto Story wenig Neues einfallen lässt.

Somit ist Arlo & Spot zwar ungewöhnlich anzusehen und hat auch die eine oder andere unerwartete Szene in petto – unter Pixars Top Ten schafft er es aber nicht.

 

Arlo & Spot

Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln

WUNDERLAND IST ABGEBRANNT

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Der britische Schriftsteller Lewis Carroll erschuf in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine phantastische Kindergeschichte, die er auf Bitten von Alice Liddell, einem ihm bekannten und verehrten Mädchen, zu Papier brachte. Wobei nur der erste Band, Alice im Wunderland, eine durchgehende Geschichte war. Alice hinter den Spiegeln, der rund zehn Jahre später erschienene Folgeband, war nur mehr eine Sammlung aus Kurzgeschichten und Gedichten aus einer surrealen Wunderwelt, wo alles möglich zu sein scheint und jedes noch so bizarre Lebewesen existieren kann. Neben Michael Endes unendlicher Geschichte und Alfred Kubins Anti-Fantasy Die andere Seite ist Carrols Phantasmagorie wohl eine der psychologisch-phantastischsten und kreativsten Geschichten überhaupt. Aber wie wagt man sich an einen solch überbordenden Stoff heran, wie wird man so einer Fülle an Ideen und Bildern überhaupt gerecht? Die Zeichentrickserie aus den Achtzigern, die meine Generation im Kinderprogramm sehen durfte, hat uns Kleinen etwas mit dieser Welt vertraut gemacht. Nie wieder werden wir vergessen, wer Humpty Dumpty, der Märzhase oder der Hutmacher sind. Vor einigen Jahren aber hat sich niemand geringerer als Visionär Tim Burton an den Stoff herangewagt – allerdings hat er die Story etwas adaptiert und erwachsener gemacht. Und hat eine üppig bebildertes Widersehen mit all den schrägen alten Bekannten organisiert – in mäßigem 3D wohlgemerkt.

Der nachgeschossene zweite Teil, der sich aus dem Motivfundus von Carrolls zweitem Buch bedient, ist allerdings ein bemitleidenswerter Fehlgriff geworden, der alles Kreative und Lebendige in klinischem CGI ertränkt. Ich weiß nicht, wie anders Tim Burton seinen ersten Teil angelegt hat – No Name-Regisseur James Bobin jedenfalls hat es nicht richtig gemacht. Womöglich war er mit dem Stoff überfordert. Womöglich wollten die Studios unbedingt an der Erfolgsgeschichte des Erstlings anschließen. Doch auf Biegen und Brechen lässt sich keine Fortsetzung machen, das wissen wir. Da sind schon viele baden gegangen. Und so auch Alice, die zweite. Was wir hier sehen ist ein albernes Familiendrama rund um den Hutmacher. Natürlich reicht das nicht, da müssen noch die weiße und die Herzkönigin her, und deren Familiengeschichte erzählt werden. Haben die denn alle Carrolls Geschichte nicht verstanden? Der Zauber der Figuren, das Surreale, das Mystische – das liegt im Geheimnis um jede einzelne Figur in diesem metaphysischen Universum. Sie sind einfach da. Sie müssen keine Familie haben. Sie sind von unserer gewohnten Welt vollends entkoppelt. Daher ist es ja ein Wunderland. Wieso nun diese Ahnenforschung? Dieses Vermenscheln traumartiger Gestalten? Das ist ja so, als würde man den zerronnenen Taschenuhren Dalis eine physikalische Ursache für ihren Zustand unterschieben. Will das wer? Ich denke nicht.

Doch abgesehen davon ist Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln ein bestes Beispiel dafür, wie man CGI genau nicht einzusetzen hat. Es ist eine ungeschriebene Regel, dass das Verhältnis computeranimierter und realer Elemente zumindest halbe-halbe sein muss. Besser noch, die CGI ist so perfekt in die Bilderwelt integriert, dass man nicht genau trennen kann, was nach dem Dreh hinzugefügt wurde und von vornherein schon da war. Dieser Film zerstört sich aber selbst, indem er billige Welten auferstehen lässt, die so offensichtlich künstlich sind, dass jeder Charme und jeder Reiz verloren geht. Das Problem hatte bereits Star Wars – Angriff der Klonkrieger, das Problem hatte Gods of Egypt. CGI ist ein wunderbares Werkzeug, doch es sollte dem Zweck dienen, und nicht den Film dominieren. Vor allem, wenn es noch dazu schlecht gemacht ist.

Alice verliert im Sequel ihr Wunderland. Da kann nicht mal die Zeit in Gestalt von Sascha Baron Cohen alle Wunden heilen. Keine Ahnung wie Tim Burton zu diesem Film steht. Wäre zumindest der Plot gut gewesen, hätte ich noch ein Auge zugedrückt. Aber das, was hier hinter den Spiegeln verborgen liegt, lohnt sich nicht, erkundet zu werden.

 

 

 

Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln

Rogue One – A Star Wars Story

TWINKLE, TWINKLE LITTLE STAR

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Es ist nun endgültig bewiesen. Alle, die bislang daran gezweifelt haben, Disney und Lucasfilm würden ihre Fangemeinde ignorieren oder ihnen ihre Sicht der Dinge überstülpen – sie alle können jetzt getrost aufatmen. Disney liebt seine Fans. Und alle, die an der weiteren Ausführung des Star Wars-Universums mitarbeiten, sind entweder selber Fans oder schon immer Teil dieser Welt gewesen. Denn das Spin-Off Rogue One – A Star Wars Story ist seit der Originaltrilogie, die von 1977 bis 1983 über die Leinwand ging, das Beste, was über die weit, weit entfernte Galaxis jemals zu sehen war. Nicht nur ist das dramatische Abenteuer, dass die Beschaffung der Pläne des Todessterns erzählt, ein ganz großes Weihnachtsgeschenk für Freizeitjedis, Alltgaspadawans und Hobbyrebellen – es katapultiert das Star Wars-Universum in einen Bereich jenseits von Leia, Han und Luke und zeigt, was in diesem riesengroßen Potpourri an Welten, Sternen und Planeten überhaupt möglich sein kann. Und das Beste daran ist: es ist immer noch Star Wars in seiner Reinkultur. Ich möchte fast sagen, dass Rogue One seine Treue zum Original geschickter unter Beweis stellt als Star Wars VII – Das Erwachen der Macht.

Leseaffine Fans haben schon längst ihre Raumgleiter Richtung Expanded Universe vom Hauptstrang ausgeklinkt. Das Star Wars Universum bietet so viel mehr als die Kerngeschichte und hat scheinbar unendliches Potenzial. Vor allem Comics und Romane aller Art erzählen spannende Randgeschichten, Biografien einzelner Helden und Anti-Helden und tauchen tief ein in die Geschichte der Macht. So ist auch das neue Filmjuwel eine eigenständige, in sich abgeschlossene Erzählung, die den Weltraumkitsch von Episode I – III komplett über Bord wirft und Schauplätze heimsucht, die fast schon aus dem Herr der Ringe-Universum sein könnten. Ohnehin ist Star Wars längst kein reines Science Fiction mehr. Im Grunde ist es High Fantasy, das zufällig im Weltraum spielt. Gareth Edwards, Regisseur von beeindruckenden Filmen wie Monsters und dem Neuaufguss von Godzilla, weiß seine visuellen Stilmitteln fulminant einzusetzen und erschuf einen packenden, grandios gefilmten Mix aus Spionagethriller und Bürgerkriegsdrama. Das Kolorit des Filmes ist viel erdiger, wüster, verregneter. Wenn man so will, dann imitiert Gareth Edwards Teil V der Saga – Das Imperium schlägt zurück. Mit Abstand der beste Teil aller Filme zusammengenommen, allein aufgrund seiner kompromisslos packenden Story, seiner Tiefe und seiner Figurenzeichnung. Eben auch das gelingt Rogue One. Der Suicide Squad der Rebellen, dieser Haufen dreckiger Hunde, sind zusammengewürfelte Individualisten, die, nach anfänglichen Schwierigkeiten, letzten Endes gemeinsam für eine Sache stehen.

Felicity Jones als mittlerweile schon als Kultfigur zu bezeichnende Jyn Erso, die von Papa und Todesstern-Architekt Galen Erso alias Mads Mikkelsen liebevoll „Kleiner Stern“ genannt wird, changiert ihre Rolle von desillusionierter Teilnahmslosigkeit über schmerzenden Verlust bis zur Selbstlosigkeit. Sie macht ihre Sache gut, jedoch nicht ganz so enthusiastisch wie Daisy Ridley als Rey in Das Erwachen der Macht. Noch beeindruckender sind all die anderen Individuen, allen voran das Duo des blinden Halbjedi Chirrut Imwe und sein treuer, bis an die Zähne bewaffneter Begleiter Baze Malbus mit ultimativer Wumme. Der eine erinnert an einen zweifelnden Ben Kenobi, der den Zugang zur Macht nur mühsam findet, der andere ist wie ein Wookie, der für den besten Freund im ganzen Universum steht. „Idi Amin“ Forest Whitaker als fanatischer Extremist gegen das Imperium legt einen ebenso überzeugenden, geradezu faszinierenden Auftritt ab. Zwar eine Nebenrolle, aber dafür umso intensiver. Und was natürlich nicht in einem Star Wars-Film fehlen darf, sind Roboter. Künstliche Persönlichkeiten, die meistens exaltierter sind als ihre menschlichen Partner. Dieser K2SO ist so ein Blechjunge – unschlagbar zynisch, ehrlich und einfach sympathisch. Bei diesem Selbstmordkommando überlegt man es sich nicht zweimal, dabei sein zu wollen. Neben neuen Planeten und irren Raumschiffdesigns spart das gehaltvolle, raue Abenteuer nicht an Hinweisen und Anspielungen auf die unmittelbar an Rogue One anschließende Episode IV. Was es da zu entdecken gibt, erkennt nicht nur der Star Wars-Nerd. Edwards schafft es, zielsicher an Eine neue Hoffnung anzudocken. Und er schafft es, auf völlig neue Art den Krieg im Weltraum zu filmen. Bei ihm ist das Gefecht längst keine chaotische Materialschlacht. Bei ihm sitzt man scheinbar selbst im Flieger. Die Kamera heftet sich fast ruhend an die Außenhülle der Schiffe, um mitzufliegen. So wird aus dem Kampf um Scarif eine Sternensymphonie erster Sahne. Zwischen Zeitlupe, Stillstand und Beschleunigung orchestriert die Schlacht wie eine klassische Komposition, um in einem Finale zu gipfeln, das man so noch nicht gesehen hat. Die Szenen sind nie zu lang. Perfekt getimt wechselt der Film zwischen mehreren Schauplätzen, ohne die Übersicht zu verlieren. Das hatten wir schon bei Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Und auch da war der dramaturgische Aufbau an Dichte und Straffheit kaum zu überbieten. Genau an diesen Aufbau hat sich Visionär Edwards orientiert. Und er hat ihn ganz anders eingesetzt, nämlich ohne repetitiv zu werden.

Damit nicht genug. Ein unerwarteter Kniff des Filmes ist die Erweckung alter Charaktere, deren Auftauchen in der Geschichte über den Todesstern nicht ausgespart werden konnte. So erhält Grusel-Altstar Peter Cushing als Grand Moff Tarkin einen posthumen Auftritt. Ob das leicht künstliche Gesicht Cushings der Intensität der Szenen gerecht wird, darüber lässt sich streiten. Sowohl Jeff Bridges in Tron: Legacy als auch Brad Pitt in Benjamin Button hatten bereits das Vergnügen, vor- oder rückwärts zu altern. Im Kontext der Geschichte ein netter Effekt. Nur Vorsicht – allzu viel ist bei solch einer virtuellen Exhumierung ungesund. Allerdings kriegt Edwards die Kurve. Die Szenen mit Tarkin sind gezielt und kurz und  können sich ganz gut in den Film integrieren. Viel besser noch gelingt dies bei der letzten Szene des Filmes, die ich hier nicht verraten möchte und Star Wars Fans jubeln lassen wird. Denn das Ende ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein neuer Anfang. Filme, die Wünsche erfüllen, gibt es selten, sehr selten. Rogue One schafft es, vor allem in diesen letzten Minuten eine Sehnsucht wahr werden zu lassen. Und obwohl ich mich vorab über den Verzicht von John Williams´ Score ziemlich echauffiert habe – ich bin mehr als nur versöhnt, wenn man die Musik von Michael Ciacchino, die eindeutig nach Star Wars klingt, in seiner Gesamtheit im Kopf noch mal Revue passieren lässt. Dies gilt auch für den Anfang. Denn ein Spin Off so beginnen zu lassen, ist eine Lösung, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Am Besten nämlich ohne Musik. Wenn, dann nur in gezielten Tönen und reduziertem Score, um im Abspann aber noch mal aufzufahren und das Sahnehäubchen auf der Piemontkirsche genussvoll zu platzieren.

Die 80er-Generation, die mit Episode IV bis VI groß geworden ist – die ist erwachsen geworden. Und so ist es auch Star Wars. In einer Geschichte, die die Generationen vereint. Mit Rogue One ist ein Kino- und Weltraumerlebnis gelungen, das mich als Fan mehr als zufrieden stellt. Kritiker und Boykottierer, die den Inglourious Basterds aus dem Outer Rim feministische Propaganda oder Anti-Trump-Botschaften vorwerfen, sind nur kopfschüttelnd zu belächeln. Die Macht ist mit dem Film, und der Griff in die hauseigene Filmothek zu Episode IV nur eine Frage der Zeit.

Star Wars in seiner Quintessenz. Eigenständig, aber dennoch Teil des Kanons. Fetzig, martialisch und gleichzeitig voller Seele. Und wenn der dunkle Lord der Sith aus der unheilvollen Finsternis heraus sein Lichtschwert entzündet und seinen Zorn entfesselt, dann verzeichnet die Saga eine der stärksten, wuchtigsten und genialsten Szenen seit Anbeginn an. Der Weltraum, ein Fest.

Star Wars at it´s best.

 

Rogue One – A Star Wars Story