WIE BORGT MAN SICH ECHTE GEFÜHLE?
7/10
© 2025 Searchlight Pictures
LAND / JAHR: JAPAN, USA 2025
REGIE: HIKARI
DREHBUCH: HIKARI, STEPHEN BLAHUT
KAMERA: TAKURÔ ISHIZAKA
CAST: BRENDAN FRASER, TAKEHIRO HIRA, MARI YAMAMOTO, AKIRA EMOTO, SHANNON MAHINA GORMAN U. A.
LÄNGE: 1 STD 43 MIN
Oscarpreisträger Brendan Fraser ist der neue Gutmensch Hollywoods, der legitime Nachfolger eines James Stewart – liebenswürdig, auf charmante Weise unsicher, niemals irgendjemandem etwas Böses wollend. Einer wie er würde sich wohl nie dazu verleiten lassen, sich so zu verhalten, dass andere die Nachsicht hätten. Und doch ist dieser Fremde in einer fremden Welt; dieser mittlerweile brotlos gewordene Schauspieler Phillip, bald in einer Situation, in der es nahezu keinen Ausweg dafür gibt, diese anderen schadlos zu halten.
Ein Land mit sieben Siegeln
Während seinerzeit Bill Murray zwar Lost in Translation war, aber zumindest Scarlett Johansson an seiner Seite hatte, muss Frasers Figur ganz alleine mit den Eigentümlichkeiten einer fernöstlichen, urbanen Kultur zurechtkommen. Dabei fließen hier jede Menge Mystizismus, uralte Philosophie und so dermaßen viele Traditionen ein, dass man zwangsläufig irgendwann in ein Fettnäpfchen treten muss, wenn man nicht hier, in Japan, aufgewachsen ist. Dieser Phillip ist ein Zugereister – einer, der wohl die Liebe zu Japan entdeckt haben muss – und der auch die Sprache fließend beherrscht. Ein Vorteil, den Murray nicht genossen hat, deswegen auch der Titel von Sofia Coppolas Film. Seit Phillips Zahnpastawerbung ist einige Zeit verstrichen, einige Castings später findet er sich im Büro für Leihfamilienmitglieder wieder, die gebucht werden können, falls bei den Japanern im wahrsten Sinne des Wortes Not am Mann ist. Das geht vom falschen Bräutigam bis zum eingekauften Zockerkumpel. Problematisch wird es, wenn Menschen daran beteiligt sind, die nichts von Phillips wahrer Identität wissen. Das geht sogar so weit, dass dieser sich als der verschollene Vater eines jungen Mädchens verkaufen muss, um die Ausbildung eines kleinen Mädchens zu sichern. Moral, wo darf man dich verorten? Ist es rechtens, dem Mädchen falsche Hoffnungen zu machen, falsche Gefühle zu vermitteln? Und wie steht es mit dem alternden Schauspieler, dessen Tochter Angst hat, dass man ihn vergisst? Für ihn macht das Leih-Chamäleon den interessierten Reporter, der jedes Detail aus dessen Leben wissen will.
Wandelnder Glückskeks
Regisseurin Hikari unterlegt ihr lebensweises Panoptikum der Zwischenmenschlichkeiten mit einer wohligen, versöhnlichen, gemächlichen Grundstimmung. In Rental Family kann, so scheint es, niemandem etwas Böses passieren. Das Werk strebt nach Verständigung, nach dem Schließen von Freundschaften, nach dem Glück eines Lebens, das man tunlichst nicht alleine verbringen möchte – ein Problem, dass Japan ohnehin umtreibt – ist die Einsamkeit, diese anonyme Isolation eine bittere Folge des Leistungsdrucks. Fraser Figur schafft ihr Abhilfe. Er ist der Glückskeks, der zufällig der eigenen Sehnsucht entspricht; der Zuhörer, der Achtsame, der sein Gegenüber vor der Unsichtbarkeit bewahrt. Schon in The Whale fiel Brendan Fraser als übergewichtiger Trauerkloß vorrangig mit seiner entwaffnenden Gutmütigkeit auf. In Rental Family ist der Fatsuit gottseidank verschwunden, zum Vorschein kommt Fraser ganz in Natur, ohne Klamauk-Attitüde, ohne Mumie – ein Typ für Wim Wenders (Perfect Days). Fraser tut gut, sein Handeln tut gut, seine selbstkritischen Überlegungen, sein geplagtes Gewissen. Als Verräter für die gute Sache könnte man ihn bezeichnen – als einen, dem man nicht übel nimmt, was er tut, weil es ihm gelingt, das eigene Ego zu überwinden.
Was soll dieses warme Gefühl?
Anders verhält sich Albrecht Schuch im österreichischen Film Pfau – Bin ich echt? von Bernhard Wenger, den ich hier noch abschließend erwähnen muss. Von der Grundidee sind sich beide Filme ähnlich, in beiden Filmen muss ein Mann andere Rollen spielen. Während Schuch aber nur um sich selbst kreist und sein Umfeld zynisch betrachtet, kreist Brendan Fraser um das Umfeld und packt dabei erst spät die Gelegenheit am Schopf, sich dabei selbst auch zu betrachten. Rental Family ist genau deshalb deutlich gehaltvoller.
Mit diesem guten Menschen von Tokyo betrachtet man eine besondere Figur in einer zarten, schmerzlos-berührenden tragikomischen Wärmflasche von Film, dessen bereichernde Energie man in kalten Tagen wie diesen gerne mitnimmt.





