Vice – Der zweite Mann

DIE STAATEN BIN ICH

8,5/10

 

vice© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: ADAM MCKAY

CAST: CHRISTIAN BALE, AMY ADAMS, STEVE CARELL, SAM ROCKWELL, EDDIE MARSAN, JESSE PLEMONS U. A.

 

Fahrenheit 9/11, oder 11/9 – wie auch immer. Mit Adam McKays Rückblick auf die politischen Umstände in den USA von den 90ern bis nach der Jahrtausendwende wird es deutlich wärmer, wenn nicht gar so heiß, dass man sich sämtlicher Scheuklappen, die womöglich erschreckende Zusammenhänge verbergen, entledigen möchte. Vice – Der zweite Mann schlägt gefühlt alle scheinbar so launigen wie persönlich gefärbten Dokusoaps eines Michael Moore um Längen, schon alleine von der Konzeption her, und ist die deutlich bessere Wahl, wenn es darum geht, die Mechanismen politisch motivierter Egomanen zu entbeinen. Vice, das ist nicht unbedingt in erster Linie die dramaturgische Passform für erlesene Schauspielkunst. Das ist es auch, aber nicht vorrangig. Vice, das ist natürlich auch eine Meinung, so wie Michael Moores Filme Meinungen vertreten. Fakten auf eine reine Objektivität herunterzubrechen, damit tut sich das Genre des erhellenden Dokumentarfilms ohnehin schwer, obwohl der Anspruch auf Unbefangenheit ein erfüllter sein will. McKay gelingt es, die Chronik der Ereignisse rund um einen schattenhaften Regierungs-VIP zumindest auf solche Art in die teils frei interpretierte True Story einzustreuen, dass sie einem Modul gleich immer noch bei Bedarf entnehmbar bleibt, wie das Corpus delicti bei einem Prozess. Natürlich kann ich mich der Richtigkeit all der Fakten nicht versichern, dazu fehlt mir die Zeit, das überlasse ich Leuten, die so tun, als wären sie Journalisten vom Kaliber eines Bob Woodward oder Carl Bernstein, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das auch bei Adam McKay glauben. Aber Adam McKay ist ein Komiker, einer, der die erogenen Zonen der Macht ertasten kann und messerscharfe Satiren schreibt, der mit Tina Fey gemeinsam gearbeitet hat, der ähnlich unserer Staatskünstler im ORF reingewaschener Politik das Wilde herunterräumt und dabei fast schon investigativ wirkt. Diese als Semidokumentation getarnte Teilbiographie eines stillen Wüterichs ist keine reine Satire an sich, denn dann hätten wir eine Burleske wie The Death of Stalin. Eine reine Satire aus Vice zu machen wäre aber auch am Ziel vorbei, denn erschreckenderweise braucht McKay in seinem Film kaum wirklich Raum, um dramaturgischen Übertreibungen Luft zu machen. Wie schwer sich Satire tun kann, den unglaublichen Begebenheiten der realen Regierungsgeschichte Nordamerikas den Rang abzulaufen, in diesem Punkt lässt Vice ziemlich tief blicken.

Die Skandale ausgehend vom 11. September und George W. Bushs Machtdemonstration ist uns allen – eben auch spätestens seit Moores polemischem Fahrenheit 9/11 – weitestgehend bekannt. Dass der Irak vorrangig aus wirtschaftlichem Interesse okkupiert wurde und auch der Terrorist az-Zarqāwī erst durch die USA selbst erstarkte, wie zuvor schon Osama Bin Laden (der im Afghanistankrieg von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde), entlockt kaum mehr ein überraschtes Aha.  Dass Adam McKay seine Version des George W. aber keineswegs (wie auch all die anderen Persönlichkeiten) dem Gespött preisgibt und ihm sprichwörtlich die Hosen runterzieht, während er vor dem Volk predigt, kommt dann doch unerwartet. Der von Sam Rockwell erstaunlich gut imitierte Präsidenten-Cowboy bleibt maximal ein Naivling, eine Marionette, die glaubt, autark zu handeln, dabei aber von unsichtbaren Kräften geführt wird, deren Oberhaupt der scheinbar unscheinbare Dick Cheney sein könnte, ein lakonischer Kauz von Politiker, der sich, wäre nicht seine Frau Lynne gewesen, in jungen Jahren womöglich in den Notstand gesoffen hätte. Wir wissen, es ist anders ausgegangen, und Cheney wird sich mit dem harmlos scheinenden Äußeren eines bequemen Onkels an die Spitze der Macht aalen, wie einst und vor vielen hundert Jahren ein gewisser Thomas Cromwell, der König Heinrich VIII regieren hat lassen, allerdings nach seinem Gutdünken, und stets nah am Verrat an seinem Herren über selbigem hinwegentschieden hat, nur um sich dann wieder auf dessen angebliche Entscheidungen zu berufen. Cromwell war der Mann im Hintergrund, und gleichzeitig das Schreckgespenst einer sündenbockenden Henkerspolitik. Wir sehen: Geschichte wiederholt sich, und auch das finstere Erbe mittelalterlicher Machtgier war mit im Gepäck der ersten europäischen Siedler nach Übersee. Die Schemata sind also die gleichen, nur Cromwell wird selber Opfer seiner Politik, während Cheney scheinbar die Absolution von irgendwo oben erhält, um seine Interessen zu wahren. Mit höherer Gerechtigkeit hat das Ganze gar nichts mehr zu tun, die gibt es nicht in McKays sezierendem Drama, das die Absurdität der Tatsachen in galligen Sarkasmus kleidet, nur um nicht überzuschnappen in Anbetracht einer Paranoia auslösenden Willkür von wenigen, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten matt setzen. Bleibt nur noch ein Gott, der Blitze schleudert – aber das tut er nicht. Diese Ohnmacht hat schon Karl Kraus in seinem Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit bis zum Exzess beschrieben – und tatsächlich finden sich in Vice Szenen, die den Visionen des kritischen Denkers entnommen sein könnten. Wenn Cheney mit Rumsfeld, Wolfowitz und Powell fein diniert und das Menü, bestehend aus Angstmache, Folter und der Theorie der einheitlichen Exekutivmacht wählt, dann wähnt man sich in einer der bizarren Szenen von Kraus´ Tragödie in 5 Akten. Wenn Cheney und Ehefrau Lynn im ehelichen Bett plötzlich anfangen, in shakespeare’schen Floskeln zu sprechen, erreicht Vice satirische Spitzen von einprägsamer Wucht und schafft erst durch solche Übertreibungen, die unerhörte, scheinbar willkürliche Niedertracht wie das pochende Herz Dick Cheneys mit beiden Händen zu fassen. Das ist schon bitteres, intelligentes Kino mit Verstand und nagendem Gewissen, dazu noch ohne viel liberaler Gutmenschtümelei des Verfassers.

Was Christian Bale betrifft – der hat zum Glück nicht so viel Makeup benötigt wie letztes Jahr Gary Oldman in Die dunkelste Stunde. Bale ist ja bekannt für seine Bereitschaft zum Jojo-Schauspieler, breiter kann das Spektrum an Rollen kaum sein, wenn wir uns auf der einen Seite mal Filme wie The Machinist oder Rescue Dawn hernehmen, wo der gebürtige Waliser als Schatten seiner selbst dahinvegetiert – und auf der anderen Seite eben Filme wie Vice, wo Bale womöglich mit wenigen Kniffen bis zur Unkenntlichkeit adaptiert und mit Schmerbauch den feisten Polit-Kalifen gibt. Das ist schon eine Sensation, was da geht – und womit eigentlich das ganze Ensemble spielfreudig miteifert, wobei Sam Rockwell und Steve Carell als werteverachtender Rumsfeld Performance-Gigant Bale fast schon die Show stehlen.

Vice ist, obwohl er in der jüngeren Geschichte nach Schuldigen fischt, gerade mit dieser Vergangenheit, aus der wir lernen sollten, ein klug konstruiertes Meisterwerk, dass die Schuppen von den Augen friemelt, dass die eigene rosarote Brille putzt und mit Komplementärverstand die schmeichelnde Farbe der eigenen Verdrängung wegfiltert. Zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert, ist dieses großartige Stück Politkino im Gewand einer Art Lebensbeichte ein wichtiger, wenn auch peinlich berührender Knüppel zwischen den Beinen einer „Weltpolizei“, die eigentlich ihr Amt missbraucht hat.

Vice – Der zweite Mann

Arrival

AM ANFANG WAR DAS WORT

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arrival

Und das Wort war bei jenen, die von anderswo gekommen sind. Wobei man von Wort nicht wirklich sprechen kann, eher ein Rumoren, ein Dröhnen und Röhren. Doch die Definitionen davon, was ein Wort ist und was nicht, ist eine sehr kulturelle, völkerspezifische Sache. Und auch eine artenspezifische. Denn selbst in der terrestrischen Tierwelt finden wir Sprachen, allerdings welche ohne Schriftzeichen. Zum Beispiel die Sprache der Wale. Auch die Sprache unserer nächsten Verwandten, den Menschenaffen. Und natürlich die der Vögel. Sind sie deswegen weniger als Sprache zu werten, nur, weil sie nicht zu lesen sind? Sie zu verstehen wird uns niemals gelingen, eben vor allem deswegen, weil die Wörter der nicht ichbewussten Natur niemals als Alphabet erfasst werden können. Doch wenn wir das könnten – würde sich unsere Sicht der Dinge verändern? Wie sehr beeinflusst die Sprache unser Denken und unser Verständnis von der Welt? Hierzu fällt mir das Buch des Südamerikareisenden Daniel Everett ein, der sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern im Amazonas zugebracht hat, um deren Sprache zu lernen. Diese besondere Gruppe an Menschen kennt weder Farbbezeichnungen wie rot und gelb noch Zahlen, und folglich kann dieses Volk auch nicht rechnen. Sie sprechen nicht über Dinge, die sie nicht selbst erlebt haben – die ferne Vergangenheit also, Fantasieereignisse oder die Zukunft. Folglich gibt es auch all diese Wörter in ihrer Sprache nicht. Oder sie werden anders definiert.

Ähnlich wie diese Pirahã-Indianer wirken die extraterrestrischen Besucher in ihren gigantischen schwarzen Muschelschalen, die über der Erde schweben, In Denis Villeneuves Science-Fiction-Meditation sind diese seltsamen Wesen aus einem bestimmten Grund hier. Und sie beginnen zu kommunizieren. Und – welch ein Glück – sie haben obendrein noch so etwas wie ein Alphabet aus Zeichen, die aussehen wie der unliebsame Kaffeetassenrand auf einer Tischdecke. Kann man also aus diesen Zeichen lesen, sinnvolle Parameter daraus erkennen? Nun, ab hier wird es für jene, die Arrival noch nicht gesehen haben, gefährlich. Denn um über den außergewöhnlichen First-Contact-Film zu schreiben, muss man sein Geheimnis lüften – was ich hier aber nicht tun will. Vielmehr kann ich soviel sagen: So etwas wie Arrival hat es in seinem ganz eigenen Purismus vorher noch nicht gegeben. Es ist Science-Fiction für Denker. Für Gehirnakrobaten, Philosophen und Um die Ecke-Blicker. Für jene, die über den Tellerrand hinaussehen wollen. Unterlegt mit monströsen, sphärischen Klängen, die aus der Tiefsee zu kommen scheinen, und bebildert in poetischen, graublauen Kompositionen, die unglaublich viel triste, aber stimmige Atmosphäre erzeugen, gelingt Villeneuve ein weiteres Highlight des erwachsenen Science-Fiction-Films. Er bereichert sein Werk, für welches man mitunter viel Geduld benötigt, um sprachwissenschaftliche Gedankenspiele und kulturphilosophische Aha-Erlebnisse. Wie Nolans Meisterwerk Interstellar ist auch Arrival eine Frischzellenkur für Futuristen und trotz seiner schwermütigen Aura eine erquickende, diskussionsanregende, aber auch kalte Dusche. Tatsächlich erweist die stille, langsame, ungewöhnliche Utopie Klassikern wie Kubricks 2001 oder Tarkovsjkijs Solaris alle Ehre. Und hätte Terrence Malick den Auftrag für einen Science-Fiction Film bekommen, würde er so ähnlich aussehen wie jener von Villeneuve. Stark erinnert Arrival eben auch an Malicks Meditation Tree of Life, vor allem in den assoziativen Szenen aus den Erinnerungen Amy Adams. Die Schauspielerin selbst verkörpert ihre Rolle als Bindeglied zwischen Alien und Mensch auf sehr sensible Art und Weise. Berührender noch als Jodie Foster in Contact – auch ein ähnlicher Film wie Arrival, nur vorallem gegen Ende viel plumper und weniger geistreich.

Arrival ist keine leichte Kost. Es ist, basierend auf einer Kurzgeschichte des Schriftsteller Ted Chiang, ein großes, düsteres, aber in keinster Weise hoffnungsloses Fragezeichen, das über der Menschheit und seiner Zukunft schwebt. Ein filmisches Mysterium, dass unsere Allwissenheit und unsere Sicht der Dinge hinterfragt. Eine kraftvolle, betörende, Begegnung der dritten Art. Für all jene, die Gareth Edwards Monsters mochten und nicht aufgehört haben, nach dem Sinn des Monolithen aus 2001 zu fragen. 

Arrival