Der Fall Collini

DER ADVOKAT DES ERINNERNS

7,5/10

 

fallcollini© 2019 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: MARCO KREUZPAINTNER

CAST: ELYAS M’BAREK, FRANCO NERO, HEINER LAUTERBACH, ALEXANDRA MARIA LARA, JANNIS NIEWÖHNER U. A.

 

Vom Gott der Literatur zur Göttin der Justiz: unlängst noch als flapsiger Schulchaot in Fack ju Göthe zu sehen, jetzt als Yuppie-Anwalt in einer Literaturverfilmung, die ganz andere Töne anschlägt als die mit ihm gewohnten Komödien. Elyas M’Barek, spätestens auch in Österreich durchwegs bekannt als Pay-TV-Testimonial, auf der Streaming-Couch chillend und durch das großzügige Angebot zappend, will also endlich mal wirklich ernst genommen werden. Weg vom schmachtanfälligen Jungromanzen, weg von Screwball-Blödeleien unterhalb der Gürtellinie. Die Probe aufs Exempel war es wert – M’Barek spielt, als ging es um die zukünftige schauspielerische Existenz und dem Vereiteln einer deterministischen Genre-Zuordnung. Der fesche Publikumsliebling lässt alle Späße außen vor und gibt sich gewissenhaft. Das gelingt ihm. Tatsächlich ist seine Verkörperung des Anwalts Caspar Leinen eine glaubwürdige Interpretation. Allerdings ist der Talarträger so knochentrocken wie manche seiner Gesetzbücher, die er zitiert. Und manchmal auch päpstlicher als der Papst. Das ist ja mal per se nicht schlecht in diesem Job. Alles genau unter die Lupe zu nehmen zeichnet einen guten Rechtsvertreter doch wohl aus, oder nicht? Was stört da schon ein möglicher Verdacht auf Befangenheit, der sich in der Kanzlei des Newcomers breit macht – denn der Mörder, den Leinen zu vertreten gedenkt, hat den Opa seines besten Freundes auf dem Gewissen, ein Krösus unter den Wirtschaftern, fast so was wie Hans Peter Haselsteiner oder Frank Stronach. Einer, der viel Geld und Macht gehabt hat. Und der Leinen in jungen Jahren immer sehr gern mochte. Schwierig, hier trotzdem die Gegenseite zu vertreten. Aber Anwalt ist Anwalt, und Fall ist Fall, das will professionell sein. Also stürzt sich Leinen ins rechtliche Getümmel – und beißt bei seinem Mandanten vorerst auf Granit.

Der wiederum ist mit internationaler Prominenz besetzt. Niemand geringerer als Good Old Django Franco Nero, der schon John McLane in Stirb Langsam 2 zum Wahnsinn trieb. Selbst Quentin Tarantino ehrte ihn in Django Unchained mit einem süffisanten Cameo. Franco Nero zieht diesmal zwar nicht einen Sarg samt Maschinengewehr hinter sich her, darf aber trotzdem mit vorgestrigen Schießeisen hantieren. Und lakonisch sein wie immer, passend für eine Kultfigur des Italowesterns. Der, dessen Alter unter seiner wilden Gesichtsbehaarung kaum mehr zu schätzen ist, hat in Marco Kreuzpaintners Justizdrama eine würdige und beachtliche Altersrolle gefunden, auf die er wirklich stolz sein kann. Einen für ihn typischen Haudegen gibt er trotzdem nicht. Dafür eine traumatisierte Seele, die darauf wartet, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt.

Der Fall Collini, nach einem Roman des Autors Ferdinand von Schirach, ist nach Das schweigende Klassenzimmer, Ballon und Nur Gott kann mich richten ein weiterer Beweis dafür, dass der deutsche Film, seit Wolfgang Petersen Das Boot zu Wasser gelassen hat, kaum mehr so stark war wie in den letzten zwei Jahren. Es scheint mir, als wäre das Kino unseres Nachbarn im Gegensatz zu selbigem in Österreich viel eher bereit, alternative Mechanismen für einen guten Film genauer zu beobachten – um daraus zu lernen und Geschichten einfach besser zu erzählen. Kreuzpaintner hat das gemacht, und sich deutlich an der kühl-ästhetischen Krimi-Erzählkunst eines David Fincher orientiert. Und ich meine orientiert, nicht etwa abgekupfert. Die Bildsprache ist, anders als von anderen kritischen Stimmen behauptet, längst nicht mehr nur Fernseh-Niveau. Da ist schon mehr drin. Der Fall Collini spricht schon die Sprache des Kinos, dafür ist ihm die Wahl seiner technischen Mittel zu wichtig. Geschickt verwebt die Verfilmung Vergangenes mit dem gegenwärtigen roten Faden. Lässt dort aufwühlende Einblicke in ein grauenhaftes Damals aufpoppen, wo die richtige Emotion im Gerichtssaal gerade gefragt ist. Und tatsächlich erleben wir eine ähnliche Situation wie seinerzeit Tom Cruise mit Jack Nicholson eine erlebt hat. Die Frage nach dem Code Red in Eine Frage der Ehre wird in Der Fall Collini zur Frage nach der Sinnhaftigkeit zweifelhafter Paragraphen. Nun, Heiner Lauterbach mit seltsam eingepflanztem Haaransatz und schmierigem Verhalten ist längst nicht Jack Nicholson, dafür verlässt sich der deutsche Schauspieler zu sehr auf seine Routine. Auch lässt uns Elias M’Barek  oft nicht an seiner Gefühlswelt teilhaben, was ihn unnahbar macht, ist er doch der Protagonist, der uns durch den Film führt. Doch abgesehen von diesen leicht unbalancierten Dingen hat das aufwühlende Gerichtsspektakel einiges zu bieten, vor allem, wenn der Kern der Wahrheit ans Licht kommt und elterliche Emotionen getriggert werden. Das ist packend, mitunter etwas pathetisch, aber das darf Kino natürlich sein, und in der richtigen Dosis kann es zu einem dichten, dramatischen Erlebnis werden, bei dem man nicht nur daneben steht.

Der Fall Collini

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance