Elliot, der Drache

DER DRACHE IN MEINER GARAGE

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elliott

Drachen gibt es wirklich. Oder zumindest wünschte ich, es wäre so. Als bekennender Liebhaber der geflügelten, schier unbezwingbaren Wesen muss ich wohl daran glauben und zugeben: ja, in meiner Garage lebt ein Drache (wenn ich eine solche hätte). Unsichtbar, schwebend, sich jedem wissenschaftlichen Nachweis entziehend. Der Astrophysiker Carl Sagan hat sich in seinem Buch über Aber- und Gottesglaube erstmals dieses Gleichnisses bedient. Das für niemanden ersichtliche Wunderwesen steht für die Tatsache, dass etwas, dessen Existenz oder auch Nicht-Existenz nicht bewiesen werden kann, für die Forschung so gut wie nicht von Bedeutung ist, es aber auch nicht zu 100 % ausgeschlossen werden könne. Eine Restwahrscheinlichkeit gibt es immer noch, wenn auch tendenziös unmöglich. Achselzuckend können wir aber immerhin noch weiter in der Vorstellung schwelgen, dass Drachen existieren, ebenso wie Nessie, Bigfoot oder Mokele Mbembe, der sagenhafte Brachiosaurier aus dem Kongobecken. Oder eben Elliot.

Nein, Elliot existiert natürlich nicht wirklich – er ist eine Zeichentrickfigur aus dem Hause Disney, die erstmals 1977 auf der Kinoleinwand zu sehen war und als grüner, moppeliger Drache Merchandising-Artikel wie kindgerechtes Bettzeug zieren durfte. Ja, Elliot war ein gutmütiges, zeitloses Wesen aus Farbe und Pinsel, das jedes Kind gerne zu seinen Freunden gezählt hätte. Fast 40 Jahre später wurde aus Elliot, dem Schmunzelmonster mit der violetten Struppelfrisur ein mythisches Wesen, dass sich in den Wäldern Nordamerikas verbirgt, unsichtbar werden kann und sich mit einem verwaisten Jungen anfreundet, den er vom Kleinkindalter an hegt, pflegt und beschützt. Dieser Junge namens Pete ist eine an Kipling´s Mowgli angelehnte Figur, die allerdings, statt sich in ein Wolfsrudel einzugliedern, einfach mit einem grünen, felligen, enorm gutmütigen Drachen vorliebnimmt. Pete´s Dragon, wie David Lowery´s Film aus dem Jahr 2016 im Original betitelt wird, hat mit der Zeichentrick-Vorlage von damals nur mehr sehr wenig zu tun. In diesem berührenden Fantasyfilm für die ganze Familie bekommen mitunter nicht nur Kinder feuchte Augen, auch junggebliebene Eltern, die ihrem Nachwuchs seit dem Kleinkindalter an allerhand Sagen und Märchen vorgelesen haben und es auch heute noch tun, können derartige Szenarien durchaus zu schätzen wissen. Drachen, vor allem wohlig pelzige Moosmonster wie dieser perfekt animierte Charakter, erweichen sogar die Herzen zynischer Realisten. Wie schön wäre es, gäbe es so ein Wesen tatsächlich. Elliot, der Drache macht die Probe aufs Exempel und begeistert als straff inszeniertes, liebevoll gestaltetes und moderat dramatisches Abenteuer Jung und Alt. Der geheimnisvolle Lebensraum Wald als Rückzugsort seltener Arten lädt als Schauplatz des Ökomärchens dazu ein, den Zauber des Verborgenen und Unbekannten mit geradezu kindlicher Unbefangenheit zu erfahren. Irgendwie beruhigend, dass vielleicht noch nicht alles Magische auf unserem Planeten rationaler Nüchternheit zum Opfer gefallen ist. Und dass das Phantastische im Alltag manchmal immer noch zum Greifen nah sein kann.

Hier ist Disney eine Realverfilmung gelungen, die sich wirklich sehen lassen kann. Oder sagen wir lieber: die Neuinterpretation eines Kultcharakters. Der Autounfall zu Beginn des Filmes sowie die Szenen der Drachenjagd könnten ein allzu junges Publikum vielleicht etwas verstören – in seiner Gesamtheit aber ist diese rundum gelungene, spannende und herrlich bebilderte Fantasy ein positives Erlebnis, das den nächsten Familienausflug im Wald mit etwas anderen Augen sehen lässt. Mit den Augen des grenzenlos Vorstellbaren.

Elliot, der Drache

Mein Leben als Zucchini

FENSTER ZUR KINDERSEELE

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zucchini

Ich liebe Stop-Motion. Das hat schon beim ostdeutschen Sandmann begonnen, den ich immer noch gerne gemeinsam mit meinem Sohn als Betthupferl genieße. Stop-Motion steht für Ausdauer, Kreativität und Leidenschaft an der Sache. Wäre dem nicht so, wären diese Unmengen an Stunden, die bei der Herstellung eines solchen Filmes verbraucht werden, sinnlose Zeitvergeudung. Die Ergebnisse allerdings werden meist dem Aufwand gerecht und können sich wirklich sehen lassen. Verständlich auch, dass diese Filme – seien sie nun Puppentrickfilme oder Plastilinabenteuer – jetzt nicht gerade die maximale Dauer eines abendfüllenden Spielfilmes sprengen. Hier ist nämlich jede Minute das Ergebnis tagelanger Arbeit.

Der Schweizer Beitrag zum diesjährigen Oscar für den besten Animationsfilm ist auch so ein kleines Wunder. Anders als die Meisterwerke aus den LAIKA-Studios, die uns vor allem mit Coraline oder ParaNorman Sternstunden der Stop-Motion-Kunst beschert haben, besticht das sensible Kindheitsdrama Mein Leben als Zucchini mit einer verblüffend unschuldigen, schlichten und naiven Bildsprache und erinnert dabei nicht nur ungefähr an die Peanuts von Charles M. Schulz. Die Peanuts, uns allen bekannt als tragikomischer Cartoon rund um eigenbrötlerische, schrullige und leicht neurotische Grundschüler, die sich um den sympathischen Loser Charly Brown scharen, dürften tatsächlich ein Vorbild gewesen sein für den kindlichen Roman Autobiografie einer Pflaume von Gilles Paris und Melanie Walz. Basierend auf diesem erfolgreichen literarischen Werk hat der Schweizer Regisseur Claude Barras einen zarten, verletzlichen, liebevollen Trickfilm gezaubert, der seinen gebrochenen kleinen Seelen auf Augenhöhe begegnet. Die Lebensgeschichte des 9jährigen Jungen Icare, der von seiner alkoholsüchtigen und verwahrlosten Mutter immer Zucchini genannt wurde, ist kein Kinderfilm. Es geht um Wahnsinn, Mord, Missbrauch, Drogen und Abschiebung. Fürchterliche Erlebnisse, die sich in den überdimensionalen, tieftraurigen Augen der kleinen, unbedarften Wesen widerspiegeln – und ihnen jegliche kindliche Geborgenheit genommen haben. Dafür sind sie aber im Heim für elternlose Kinder untereinander eine Familie. Und manch einer hat das Glück, ein neues Leben beginnen zu dürfen.

Das berührende, leise Psychodrama braucht keine Effekte, keine Action und auch sonst kein Pipapo, um zu beeindrucken. Der knapp 60minütige Film legt so viel Gefühl und Empfinden in seine bemitleidenswerten Geschöpfe, dass jegliche Attribute nur stören würden. Claude Barras lässt seine Figuren wissen, dass sie wertvoll sind und noch die Chance auf ein glückliches Leben haben können, trotz all der Widrigkeiten und Traumata des Anfangs. Wie bei den Peanuts bestimmt die Sicht der Kinder das Geschehen, und wird auch unterstützt durch die Einfachheit des Charakterdesigns. Denn je schlichter die visuellen Reize gehalten werden, desto mehr tritt die Geschichte in den Vordergrund, die zwar simpel gestrickt, sich aber auf Gefühlsebene umso stärker mitteilt. Der Kummer, die Sehnsucht, der Hass und die Trauer – sie sind allesamt spürbar, in einem tricktechnisch famosen, stilsicheren Kinderfilm, der nicht nur sein Herz, sondern auch seine aufrichtige Aufmerksamkeit den Kleinen schenkt – ganz so wie der Polizist, der beginnt, für den kleinen Zucchini Verantwortung zu übernehmen.

Kino aus der Schweiz ist selten – und wenn, dann können sich die Werke aus dem Land der Berge sehen lassen. Mein Leben als Zucchini ist eine behutsame Liebeserklärung an die Kinderseele und im wahrsten Sinne des Wortes bewegte wie bewegende Trickfilmkunst.

 

Mein Leben als Zucchini

Manchester by the Sea

LEBEN, ERBARME DICH MEINER

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manchester

Wieviel seelischen Schmerz verträgt der Mensch? Oder gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und die Psyche entweder dem Wahnsinn verfällt, Suizid als einziger Ausweg erscheint oder die gequälte Person als ausgebrannter, lebender Leichnam durch den Rest seines Lebens wandelt. In alle drei Fällen hat man im Grunde schon kapituliert, aufgegeben, resigniert. Keine erbaulichen einleitenden Worte, um einen Film zu beschreiben. Aber ich mache euch auch nichts vor.

Das, was in Manchester by the Sea dem jungen Familienvater Lee Chandler wiederfahren ist, lässt sich nie mehr, zumindest nicht in diesem Leben, überwinden. Eine Tragödie, die nicht nur ihn, sondern auch seine Ehefrau (unfassbar zerbrechlich: Michelle Williams) an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus geführt hat. Solche Menschen wie diese beiden finden entweder einen Neuanfang oder lassen sich im übertragenen Sinne begraben, ohne Chance, sich selbst zu verzeihen oder ein neues Leben zu beginnen.

Kenneth Lonergan´s selbst verfasstes und inszeniertes Drama ist wie ein Bühnenstück Ödön von Horvaths, in welchem sich die Poesie Nick Caves hineinstiehlt. Ein erschütterndes, tieftrauriges Requiem auf das Familien- und das Lebensglück. Eine in graublauen, winterkalten Bildern komponierte Ballade auf Vergebung, Erlösung und Trauer. Inmitten des elegischen, düsteren, aber niemals depressiven Reigens an Gefühlen und Begegnungen verweilt Ben´s Bruder Casey Affleck in einer Stasis der emotionalen Ausgebranntheit. Den Schmerz verschüttet, das Leben an den Rand der Wahrnehmbarkeit gedrängt und auf das Notwendigste heruntergefahren. Affleck gibt den gebrochenen, vom Schicksal verratenen Versehrten als auf seine Grundfunktionen reduzierten Schatten seiner selbst. Ausdruckslos, impulsiv aggressiv und verbittert. Zumindest muss das Leben weitergehen, der Tod wäre keine Lösung. Und auch kein befriedigender Ansatz. So hat sich Casey Affleck alias Lee Chandler dazu entschieden, sich selbst lebenslang in ein Freiluftgefägnis zu begeben, das ihm jegliche Erlösung verwehrt. Erst als sein herzkranker Bruder das Zeitliche segnet und dessen Sohn, großartig gespielt von Newcomer Lucas Hedges, laut testamentarischem Wunsch unter die Obhut seines Onkels soll, erwacht der zurückgezogen lebende, resignative Hausmeister aus Boston ein bisschen mehr zum Leben. Zaghaft, leise, fast unmerklich. doch irgendwie entdeckt Chandler in sich selbst sowas wie Verantwortung. Eine neue Sinnhaftigkeit. Etwas, wofür es sich zum Weiterleben lohnt, obwohl vieles nie mehr verheilen wird und die Welt zu einer guten wird.

Kenneth Lonergan fängt gar nicht erst an, seinem Film auch nur irgendwie jenes Pathos oder jene Gefühlsduselei zu verleihen, die wir aus vielen amerikanischen Melodramen gewohnt sind. Lonergan beobachtet seine Protagonisten mit den Augen eines Realisten. Mitunter auch mit den Augen eines zuhörenden Therapeuten, ohne sich auch nur in bemühten Erklärungen zu verlieren. Die Schauspieler sprechen für sich. Die Szenen erklären sich aus ihrer behutsamen Inszenierung heraus besser, als es jeder Effekt des Tränendrüsendrückens hinbekommen hätte. Und dabei ist die Traurigkeit des Filmes eine ganz andere. Eine kühle, nüchterne, in der Ganzheit eines menschlichen Lebens betrachtete Traurigkeit. Und ihr sitzt man bei Betrachtung des Filmes hilflos gegenüber wie Affleck vor den Trümmern seiner Existenz. Dazu noch fast schon beschämt. Denn wie es nun mit dem Umgang bei einem trauernden, verzweifelten Menschen so ist, gewinnt die Ratlosigkeit die Oberhand. Das Gefühl, helfen zu müssen, wäre fast schon anmaßend, wenn man das Ausmaß des Unglücks betrachtet. Jeder stirbt für sich allein, und jeder trauert für sich allein. Eine ernüchternde Erkenntnis, der sich auch Casey Affleck stellen muss. Und der Zuschauer ebenso, obwohl es äußerst unbefriedigend ist. Er-Lösungen lassen sich eben nicht so schnell finden. In Manchester by the sea bricht die persönliche Apokalypse nicht wie eine alles erzitternde Naturkatastrophe herein. Sie erscheint urplötzlich wie ein erbarmungslos konsequentes Naturgesetz. Und schafft einen neuen Status Quo des Lebens, ohne ihn zu bewerten. Der Mensch bewertet ihn selbst. Und lebt damit. Ganz Ödön von Horvath. Unweigerlich denke ich an sein Drama Der jüngste Tag – in ähnlichem Ausmaß, und in ähnlicher Intensität, schildert der österreichische Dramatiker die Geschichte eines fatalen Fehlers und dessen Auswirkung in Seele und Gesellschaft. Lonergan orientiert sich auch am skandinavischen Erzählkino und schafft es, Emotionen zuzulassen, deren Skalen nach oben offen sind, sich authentisch anfühlen und niemals falsche Hoffnungen wecken.

Das stille, sehr schwere, aber niemals schwermütige Drama ist kein Film, der Spaß macht. Kein Film, der erquickt, ausgleicht oder für gute Stimmung sorgt. Aber von Hoffnungslosigkeit und Resignation ist Manchester immer noch weit entfernt. Zugegeben, das Schauspielkino hat sogar einen gewissen leisen Witz. Und einen zaghaften Silberstreifen am Horizont. Den man aber allerdings nur vermutet. Doch auf den Mut, auf den kommt es an.

 

 

 

Manchester by the Sea

Frühstück bei Monsieur Henri

GRUMPY OLD MONSIEUR

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Walter Matthau und Jack Lemmon waren es. Clint Eastwood war es. Auch Bill Murray und Ein Mann namens Ove waren es. Grantige, alte Männer. Mitunter aggressiv, sekkant, eigensüchtig und genauso brötlerisch. Seltsam verschroben und unnahbar. Aber tief drin im Herzen, jenseits der harten Schale, fast schon Mutter Teresa. Genauso ein Grumpy old Man ist der französische Witwer Monsieur Henri, der eine junge, erfolglose Studentin zuerst widerwillig, dann mit unlauterem Hintergedanken, bei sich als Untermieterin einquartiert.

Warum aber werden alte Menschen so unleidlich, dass man es in ihrer Nähe einfach nicht mehr aushalten kann? Oft sind es Vorboten beginnender Demenz, doch meistens ist es Frust und Trauer, die nicht mehr oder nur schlecht abgebaut werden kann. Verzweiflung, dass nichts mehr so geschmeidig geht wie früher. Selbsthass und Minderwertigkeitskomplexe. Dann schützt man sich mit Zorn. Und Feindseligkeit seiner Umwelt gegenüber. Und da durchzudringen, ohne vorher selbst die Nerven zu verlieren, ist meist ein Ding der Unmöglichkeit.

Die junge Constance, mit aufreizender Koketterie dargeboten von der jungen Schauspielerin Noémie Schmidt, bietet dem alten, knurrigen Grantler, verkörpert von Altstar Claude Brasseur, so gut es geht die Stirn. Der Film von Ivan Calberac ist aber weniger eine Screwballkomödie oder ein ähnlicher verbaler Schlagabtausch, wie man es vielleicht gerne gewollt hätte, sondern eine leise, boulevardeske Tragikomödie rund um Lebensfrust, Überdruss und Neubeginn. Brasseur schafft es, sich schleichend und fast unmerklich zu verändern, und verleiht dadurch seiner Figur Glaubwürdigkeit. Auch dessen Sohn und Schwiegertochter komplettieren das Ensemble des kammerspielartigen Filmes auf stimmige Weise. Überrascht wird man in Frühstück bei Monsieur Henri allerdings nicht. Die Geschichten um die Läuterung eines lebensüberdrüssigen alten Menschen gibt es schon zu oft, um über die Tatsache wirklich erstaunt zu sein. Auch die Reibungsfläche zwischen junger und alter Generation ist zumindest in dieser Komödie zu glattpoliert, um der Thematik neue Facetten abzuringen.

Was bleibt, ist eine leichte, mitunter nachdenklich stimmende Familienunterhaltung im typisch französischen, charmanten Komödienstil, die zum Teil an die Coming of Age-Dramödie Verstehen Sie die Béliers? erinnert. Auch in diesem Film geht es um eine junge Frau, die beginnt, Verantwortung für sich selbst und ihr Leben zu übernehmen und ihre Zukunft mit Musik definiert. Allerdings sind die Béliers weitaus besser geglückt. Das mag vielleicht an der Figurenkonstellation und an der skurril anmutenden Geschichte liegen. Beides ist bei Monsieur Henri vorhersehbar und nicht neu. Trotzdem – sehenswert ist die Läuterung eines Griesgrams aber dennoch, vor allem dank der Darsteller und dem Wohlfühlfaktor, der zur Grundausstattung französischer Alltagskomödien gehört. Und wer die Atmosphäre von Pariser Altbauwohnungen liebt, kann sich hier zumindest für knappe zwei Stunden kostenlos einquartieren, ohne delogiert zu werden.

 

Frühstück bei Monsieur Henri

Birnenkuchen mit Lavendel

RAIN MAN IN LOVE

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birnenkuchen

Autismus? – Ja klar, da weiß ich Bescheid. Ich habe Rain Man gesehen…“ Dank Barry Levinsons Roadmovie aus den späteren Achtzigern mit Oscarpreisträger Dustin Hoffman ist die Diagnose des Autismus auch in jene Teile der aufgeschlossenen Bevölkerung vorgedrungen, die mit Neurologie bis dato nichts anzufangen wusste. Dass mit dieser popkulturellen Offenbarung eigentlich fast gar nichts über diese psychische Erkrankung verlautbart wurde, mag zwar der Tatsache entsprechen – ein Anfang war aber gemacht.

Ein weiterer Film zu diesem Thema ist Eric Besnard´s französische Tragikomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Auch hier bringt ein verhaltensauffälliger junger Mann das Leben einer bildschönen Witwe und deren Kinder durcheinander. Der Autismus des hier dargestellten Eremiten Pierre, der im Hinterzimmer einer Buchhandlung wohnt, ist mit dem Asperger-Syndrom gleichzusetzen. Dabei handelt es sich um eine schwächere Form dieser Entwicklungsstörung, die sich vor allem im sozialen Bereich und in der Strukturierung des Alltags widerspiegelt. Dass Autismus nicht zwingend mit einer außergewöhnlichen Intelligenz zu tun haben muss, wird vor allem im Film gerne außen vorgelassen. Film-Autisten werden gerne als hochbegabt dargestellt. Sheldon Cooper aus der Fernsehserie Big Bang Theory zum Beispiel weist ebenfalls Merkmale des Asperger-Syndroms auf. Könnte sein, dass da was dran ist.

Nun ist es unvorstellbar, dass sich ein Mensch mit einem derart sozialen Handicap als familientauglich erweist. Auf den ersten Blick, würde ich sagen. Birnenkuchen mit Lavendel belehrt uns aber eines Besseren. Auch Menschen wie Pierre können ihr Glück in einer Beziehung finden. Und das Leben „normaler“ Menschen durch ihren veränderten Blickwinkel auf die Welt durchaus bereichern. Vor allem, wenn deren Leben drauf und dran ist, zu entgleiten. Spätestens, wenn die Farmerin Louise die geliebten Birnenbäume ihres verstorbenen Gatten mit dem Traktor entwurzelt, kann es schlimmer nicht mehr werden. Und dann kommt Pierre. Und ordnet die Bruchstücke eines traurigen Alltags neu. Diesem Prozess zuzusehen macht Freude. Spendet Trost und Zuversicht. Und läuft in keiner Szene Gefahr, das Thema zu verkitschen, zu idealisieren oder allzu plump erscheinen zu lassen. Schon gar nicht auf Kosten des eigenwilligen Mathematik- und Hackergenies, der das Herz am rechten Fleck hat und im Grunde genauso fühlt wie jedes andere menschliche Wesen. Gespielt wird dieser von dem jungen, hageren Schauspieler Benjamin Lavernhe, der dem Charakter seiner Filmfigur und den besonderen Anforderungen, die diese Rolle mit sich bringt, mehr als gerecht wird. Ihm zur Seite der Inbegriff des Sommers in der Provence schlechthin: Virginie Efira, die sowohl im Arbeitsoverall als auch – und ganz besonders – im luftigen Kleidchen Lavernhe fast schon die Show stiehlt. Und das trotz dessen Bonus, ein verliebter Rain Man sein zu dürfen, der andere zwickt, um seine Zuneigung zu gestehen.

Birnenkuchen mit Lavendel ist ein sonnendurchfluteter, warmherziger Liebesfilm. So anmutig wie eine Blumenwiese, so wohltuend wie ein weißer Spritzer, so erdverbunden wie das Setzen von Sämlingen. Und so schräg, wie Menschen manchmal eben sind.

Birnenkuchen mit Lavendel

Maggie´s Plan

DER DRESSIERTE MANN

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maggiesplan

Wozu braucht Frau einen Mann? Maximal zum Kinderkriegen, aber auch hier lässt sich die Beteiligung des männlichen Geschlechts auf das Wesentliche reduzieren. Doch lässt Frau sich auf eine Beziehung ein, muss das Feuer brennen. Wenn das Feuer nicht brennt, braucht Frau keinen Mann. Ungefähr so lässt sich Rebecca Millers Uni-Romanze in wenigen Sätzen zusammenfassen. Und anfangs möchte man sogar meinen, dass Maggie´s Plan aus der Feder von Noah Baumbach, dem exzentrischen Experten für liebenswürdige Loser aller Art, entstanden ist. Dem ist aber – mitunter bedauerlicherweise – nicht so.

Regisseurin Miller, Tochter des berühmten Gegenwartsdramatiker Arthur Miller, der so sagenhafte Stücke wie Hexenjagd und Tod eines Handlungsreisenden auf ewig für die Nachwelt hinterlassen hat, erzählt die ziemlich ungekünstelte, beschwingt inszenierte Beziehungskomödie eindeutig und mit Leidenschaft aus der Sicht der ewig als Kunststudentin festgelegten Greta Gerwig, stets auffallend unattraktiv gekleidet wie derzeit Kultneurolgin Amy Farrah Fowler aus der Big Bang Theory. Ihr ist die Dreiecksdramödie auf den Leib geschrieben, und der blonde Independent-Star und Liebling von Noah Baumbach (auch diese Tatsache sorgt für Verwechslungsgefahr im Regie-Cast) erobert den Film mit Freude am Spiel und einer breiten Palette an emotionalen Hochs und Tiefs. Verantwortlich dafür ist neben Gerwigs Torschlusspanik der ehrgeizige Universitätsdozent und Möchtegern-Schriftsteller Ethan Hawke. Irgendwie unglaublich, dieser Mann wird statt älter irgendwie jünger, vor allem in diesem Film. Er verkörpert auch hier sehr souverän seine Paraderolle des Amerikaners Jesse, der seit Mitte der Neunziger mit Französin Julie Delpy die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf wortgewaltigste und bezauberndste Art und Weise noch längst nicht ausdiskutiert hat. Und soweit ich mich erinnern kann, war er auch in Before Sunrise, Before Sunset und wie sie alle heissen ein Handwerker der schreibenden Zunft. Insofern unterscheidet sich seine Rolle vom ehrgeizigen Intellektuellen, der das Leben von Maggie auf den Kopf stellt, um eigentlich gar nichts. Dennoch wird Hawke zum Spielball zwischen den Frauen, ist er doch zuerst mal mit einer resoluten Künstlerin verheiratet (famos verkörpert von Julianne Moore), um sich dann für Maggie von ihr zu trennen. Die will ihn aber nach Jahren des Zusammenlebens selbst nicht mehr haben und gibt ihn an Moore wieder zurück. Beide Damen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, schmieden einen Pakt, dem sich der ahnungslose und egozentrisch gewordene Hawke wie ein dressiertes Hündchen unterwirft. Kein Film also, um das Selbstbewusstsein des Mannes zu stärken. Aber auch kein Film, der die dauerhafte Zweisamkeit in Zeiten rapide wachsender, persönlicher Selbstverwirklichung schönredet. Dahin ist auch die Vorstellung der ewigen, leidenschaftlichen Liebe, dessen Realität manche immer noch für möglich halten. Letzten Endes variiert Rebecca Millers Film in ihrer Hommage an Esther Vilars Emanzipations-Weckrufen aus den 80ern auch wieder nur die ichbezogene Suche nach dem idealen Lifestyle, maßgeschneidert für den Bobo-Intellekt. Mit oder ohne Mann, oder mit einem ganz anderen Partner. Wie wär´s zum Beispiel mit Wikinger Travis Fimmel? Als Gurken verkaufender Samenspender auf dem Abstellgleis bietet er eine Ja Natürlich-Alternative, die ungenutzt zu bleiben scheint.

Maggie´s Plan ist eine gefällig erzählte Beziehungskiste auf rustikal-natürliche Art, die das männliche Geschlecht austauschbar sein lässt und auch ihre weiblichen Personen vor all den Möglichkeiten, die eine Ich-Gesellschaft bietet, ziellos bleiben lässt. Mal so, mal so. Wie man leben soll weiß man nach dem Abspann daher immer noch nicht.

 

 

 

Maggie´s Plan

Arlo & Spot

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN

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arlospot

Wovon ernährt sich eigentlich der Säbelzahntiger Diego aus Ice Age? Was frisst der Löwe aus König der Löwen? Und was hat eigentlich Bagheera aus dem Dschungelbuch auf seiner Speisekarte? Details, die Kinder nicht zu wissen brauchen – oder doch? Seit jeher haben Fleischfresser oder Karnivoren, wie der Fachmann sagt, in Disneys und anderen Animationsfilmen den schwarzen Peter gezogen. Entweder man sieht nie, wie sie sich ernähren und was sie fressen, oder sie werden völlig grundlos zum Vegetarier. Was andererseits wieder vollkommen widernatürlich ist. Dass sich  aber das Leben auf unserem Planeten in die berühmte Nahrungskette eingegliedert hat, wird meist tunlichst ignoriert. Und könnte ja den Nachwuchs verstören. Obwohl dieser mitunter gerne Fleisch ist. Und Fleisch braucht, um sich zu entwickeln.

Für das fiktive Dinomärchen haben es sich diesmal Disney und Pixar anders überlegt. Flugsaurier verspeisen mir nichts dir nichts knuffige Fellsäuger und der wortlose Spot, das Menschenbaby, das aus Jean Jaques Annaud´s Am Anfang war das Feuer herübergekrochen zu sein scheint, reißt einem hilflosen Käfer den Kopf ab. Auch die Natur schenkt den Figuren aus The Good Dinosaur – so der Originaltitel – nichts. Neben der Berücksichtigung dieser und ähnlicher Naturgesetze haben die Macher gleich noch ein Szenario entworfen, das eine mögliche prähistorische Parallelwelt zeigt, in welcher der Kelch des aufschlagenden Asteroiden 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit an den schrecklichen Echsen vorübergegangen ist. So ist auch die Einleitung des Filmes ein auf die Erde stürzender glühender Felsbrocken – der aber haarscharf an unserem blauen Planeten vorbeizieht. Knapp daneben ist auch vorbei bekommt hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Oder besser gesagt: Knapp daneben ist nicht vorbei – was die Existenz der Saurier betrifft. So spielt Arlo & Spot einen Ist-Zustand durch, in welchem die Nischen für den Siegeszug der Säuger leider nicht frei geworden sind. Die Dinos werden intelligenter, und übernehmen das, was des Steinzeitmenschen Aufgabe gewesen wäre – Ackerbau und Viehzucht. Auf den ersten Blick ist die What if-Überlegung absurd. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wahrscheinlich eine alberne Vision. Für den Film aber passt es und hat sogar einen gewissen Reiz. Er erinnert mitunter an die Gummipuppen-Serie Die Dinos, die in den 90ern im Fernsehen lief. Nur sind es keine Gummipuppen, sondern im Verhältnis zu ihrer Umgebung relativ stark abstrahierte Sauropoden, die so gar nicht wirklich in den naturalistischen Kontext der Landschaft passen. Natürlich, der Kontrast hat was Witziges, ziemlich Eigenes. Doch Arlo und seine Gefährten sind mir in diesem Fall etwas zu simpel geraten. Ihre Knubbelnasen passen eher ins Universum des Drachen Kokosnuss als in einen Pixar-Film, der neben ausgetretener Coming of Age-Philosophie abermals das Thema Familie variiert und sich auch in punkto Story wenig Neues einfallen lässt.

Somit ist Arlo & Spot zwar ungewöhnlich anzusehen und hat auch die eine oder andere unerwartete Szene in petto – unter Pixars Top Ten schafft er es aber nicht.

 

Arlo & Spot

Legend

SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN SICH

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legend

Eigentlich hätten sie das alle gar nicht verdient. Niemand von ihnen. Weder Al Capone, noch Jack the Ripper, noch Carlos der Schakal noch sonst irgendeiner dieser Brüder und Schwestern, die unter der Flagge des urbanen Terrors, der Korruption, des Machtmissbrauchs und des Mordes zu zweifelhaftem Ruhm gelangt sind. Ihnen allen mit Millionen an Produktionskosten, die unter anderem auch Steuergelder sind, ein filmisches Denkmal zu setzen – diese Ehre und diese Aufmerksamkeit sollte diesen Herrschaften niemals zu Teil werden. Rein theoretisch. Und vor allem moralisch. Doch wie wir bereits aus der Geschichte und auch aus der Popkultur gelernt haben – die bösen Buben und Mädchen, die Schurken und Unruhestifter, hatten immer schon viel mehr Showappeal, waren immer schon allein charakterlich interessanter, facettenreicher und fantasievoller. Eckiger, kantiger, emotionaler – vor allem furchteinflößender. Und Furcht muss man bannen. Böse Buben und Mädchen mag man sehen, diese Figuren lösen Gefühle aus, die die Guten niemals auszulösen imstande wären.

Zwei dieser Anti-Größen der britischen Unterwelt waren die berüchtigten Gebrüder Kray Ronnie und Reggie, die, ausgehend in den 50ern, bis in die frühen 70er Jahre hinein ihr Unwesen getrieben haben. Ihr unrühmliches Handwerk hat von Entführungen bis hin zu Mord alles beinhaltet, was man sich nur vorstellen kann. Dabei waren die Zwillinge unterschiedlicher wie Feuer und Wasser. Der eine, Reggie, war ein Frauenheld, charismatischer Finsterling und gewaltbereiter Wüstling. Der andere, Ronnie, ein psychisch kranker, unberechenbarer Gewalttäter, der das Geschäft und den Erfolg der beiden des Öfteren gefährdet hat. Sie waren zwar unzertrennlich, aber auch von gegenseitigem Hass getrieben. Mit anderen Worten: Familie kann man sich nicht aussuchen. Somit war der Klügere, bedächtigere der Beiden der ungewollte Aufpasser seines Bruders, was nicht selten in einer Keilerei endete. Dieses Kunststück, beiden bizarren Charakteren der Kray-Familie Leben einzuhauchen, gelingt dem neuen Mad Max Tom Hardy eigentlich mit Bravour. Der britische Schauspieler besitzt eine ganz eigene Art, abgründigen Persönlichkeiten eine Aura zu verleihen, die bis jenseits der Leinwand hinauswirkt. So gefiel er auch als einfältiger Krimineller in The Drop an der Seite von James Gandolfini – oder auch als Lederstrumpf-Bösewicht in Inarritu´s The Revenant – spätestens dafür hätte er bereits einen Oscar kassieren sollen, mehr noch als DiCaprio. Und mit Legend hat er zweifellos eine weitere Rolle gemeistert, noch dazu eine Doppelrolle.

Der Film selbst bleibt Durchschnitt. Die Chronik der Unterwelt erzählt sich wie ein klassisches, gediegenes Hollywoodmelodram mit einigen Gewaltspitzen und könnte auch aus den 50er Jahren stammen. Naheliegend, dass dies Absicht gewesen ist. Schon alleine, um dem verrauchten, Hüte- und Mäntel tragenden Setting gerecht zu werden. Sucker Punch-Girlie Emily Browning sehen wir hier in ihrer bislang stärksten Rolle, obwohl sie Schwierigkeiten hat, der verlangten Intensität ihrer Figur gerecht zu werden. So bleibt Legend ein biografisches Gangsterepos ohne Überraschungen, aber mit psychologisch durchdachtem, differenziertem Schauspiel. 

 

Legend

Trolls

EIN FALL FÜR DIE TROLLFAHNDUNG

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trolls

Glück kann man nicht essen. Und das gibt’s auch nicht in kleinen, pharmazeutischen Dosen, abgepackt in Form von farbenfrohen Wichteln, die sich Trolls nennen, und eine erstaunliche Vorliebe für Cupcakes, Singen und Kuscheln an den Tag legen. Tatsächlich handelt das allem Anschein nach superkitschige Märchen von ewig partyschmeißenden, knapp zehn Zentimeter großen Gnomen, die von griesgrämigen Riesen namens den Bergen unentwegt gejagt, gefangen und verputzt werden, um durch die orale Einnahme der sorgenfreien Radaubrüder den Rhythmus des immerfröhlichen Lebens zu verspüren. Wenn man sich den Placebo-Effekt lange genug einredet, so kann’s passieren, dass das Ergebnis wie erwartet eintritt. Ein bisschen erinnert die Vorgehensweise der ogerartigen Riesen das an jene kannibalischer Völker aus Neuguinea oder Borneo, die durch den Verzehr besiegter Feinde deren Seele in sich aufzunehmen glaubten. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Nicht aber in jenem Land, wohin uns diese zauberhafte, quirlige Animationsfantasy entführt.

Mädchen und Jungs dürften von Trolls gleichermaßen begeistert sein. Und auch wenn alles auf eine verkitschte Kommerzhysterie hindeutet – die Erwachsenen werden staunen, was alles zwischen Cupcakes und Regenbogen sonst noch Platz hat. Nämlich allen voran eine kluge Geschichte, die den Vergleich mit anspruchsvollen Kindergeschichten im Stile von Mira Lobe nicht zu scheuen brauchen. Freilich, Kitsch ist genug vorhanden. Die Farbe Rosarot verursacht genauso Augentränen wie farbexplodierende Feuerwerke, funkelnde Glitzertrolle und allerhand quietschbunter Fantasiewesen in einer Mischung aus Plastilin und Filzbastelei. Andererseits aber, und das hätte man kaum hinter diesem Film vermutet, finden sich die haarprächtigen Kerlchen in einem düster-bizarren Filmkosmos ähnlich eines Tim Burton wieder. Die Welt der Bergen erinnert stark an den Laika-Puppentrickfilm Die Boxtrolls. Vor allem die Optik erinnert zeitweise an Stop-Motion, auch dank der Beschaffenheit filz- und stoffartiger Landschaften. Manch eine Kreatur könnte aus Nightmare before Christmas in die kindliche Welt von Dreamworks hinübergerutscht sein. Der Mix des Filmes macht es aus, dass wir es hier tatsächlich mit einem gelungenen Stück Kinderkino zu tun haben, das zugleich spannend, weise und überaus komisch ist. Vor allem die Figur des unansehnlichen, aber drolligen Bergen-Zimmermädchens Bridget ist ein greifbarer, berührender Charakter geworden, voller Sehnsüchte und Selbstzweifel. Wenn das Mädchen dann unter ihrem wallenden Trolls-Haar und in Plateauschuhen ihrem geliebten Prinzen gegenübertritt (übrigens mein Favorit), werden Erinnerungen an John Waters Musical Hairspray wach. Dieses Switchen zwischen verspielter Lieblichkeit und einem bizarren Mut zur Hässlichkeit macht den Reiz des Filmes aus, weniger die neuinterpretierten Ohrwürmer aus den 80ern.

Trolls sprüht vor Elan und entführt die ganze Familie auf eine abenteuerliche Sinnsuche zwischen Gefressen werden und Glückshormonen. Und die magischen, enorm belastbaren Frisuren der kleinen Wesen lassen den Drei-Wetter-Daft von Schwarzkopf reichlich alt aussehen.

Trolls

Zweite Chance

WECHSELBALG

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zweitechance

Wieder einmal steht der Soziale Mikrokosmos namens Familie am Abgrund. Das Kino der Dänin Susanne Bier ist bekannt dafür, den Schicksalsschlägen, die Vater, Mutter und Kind widerfahren, nicht aus dem Weg zu gehen, sondern mit ausgebreiteten Armen entgegenzulaufen. Diese auszuleben. Den entstandenen Schmerz hinauszuschreien. Ganz in der Tradition theatralischen Naturalismus, wie ihn der schwedische Dramatiker Lars Norén zelebriert oder der Deutsche Frank Wedekind in seinem Frühlingserwachen ausgelebt hat, begibt sich auch Susanne Bier an die Grenzen expressiver Emotionen.

Weit jenseits alltäglicher Familienstreitigkeiten wühlt ihre Tragödie Zweite Chance im ekelhaften Sumpf drogenabhängiger Sozialfälle und in der Psyche nervenschmeißender, labiler Wohlstandsmütter. Aus dieser Kombination ergibt sich eine distanzlose, rein objektiv betrachtet furchtbar dramatische Chronik mehrerer erschütternder Schicksalsschläge, denen Game of Thrones-Star Nikolaj Coster-Waldau auf verzweifelte Art und Weise Paroli bieten möchte. Durch eine Aktion, die aus der puren Notsituation heraus erstmal durchaus seine Logik hat, moralisch betrachtet aber keinerlei Nachhaltigkeit aufweisen kann. Nämlich, das eigene tote Kind gegen ein anderes Baby aus verwahrlosten, sozialen Missverhältnissen einzutauschen. Unter der Prämisse, dass Menschen, die sozial gescheitert sind, ihr Anrecht auf eine glückliche Familie ohnehin verwirkt haben. Ein kruder Gedankengang, von Susanne Bier durchaus sehr menschlich betrachtet. Doch die dargestellte, intensive Tragödie über das menschliche Hadern zwischen Verlust und Neuanfang verspielt vor allem aufgrund seiner Schwere und dramatischer Größenordnung in vielen Momenten seine Wirkung. Natürlich, Schicksalsschläge im Hiob-Format lesen wir allwöchentlich in der Zeitung. Vielleicht versperrt diese Tatsache den Zugang zu unaushaltbaren zwischenmenschlichen Apokalypsen. Oder es ist vielleicht die eigene Distanz, die man wahrt, bevor einem die Vorstellung, selbst den Verlust von Familie erleben zu müssen, um den Verstand bringt.

Wobei Zweite Chance sehr wohl auch zu viel will. Und an der Grenze zum reißerischen Sozial-, Familien und Kriminaldrama entlangschrammt. Gefühl – ja. Drama – ja. Doch wenn das Drama durch sich selbst zu ersticken droht, erstickt auch das Mitgefühl des Zuschauers. In Nach der Hochzeit oder In einer besseren Welt hat Susanne Bier die Grundwerte der kleinsten Gesellschaftsform namens Familie ähnlichen Extremsituationen ausgesetzt. Doch das Luftholen zwischen den dramatischen Höhepunkten fiel bei diesen Filmen deutlich leichter.

 

Zweite Chance