French Exit

MADAME EMPFIEHLT SICH

6,5/10


french-exit© 2021 Sony Picture Classics


LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: AZAZEL JACOBS

DREHBUCH: PATRICK DEWITT, NACH SEINEM ROMAN

CAST: MICHELLE PFEIFFER, LUCAS HEDGES, VALERIE MAHAFFEY, DANIELLE MACDONALD, IMOGEN POOTS, ISAACH DE BANKOLÈ, TRACY LETTS, SUSAN COYNE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Was Filmlegende Catherine Deneuve in ihrem späten Filmschaffen stets so schillernd vor die Kamera bringt – das können andere auch. Nicht viele zwar, doch die wenigen, die fallen auf. Eine davon ist Michelle Pfeiffer. Eigentlich wenig überraschend, denn diese damenhafte Grandezza, die kennen langjährige Filmliebhaber bereits seit Die fabelhaften Baker Boys. Da war die Schöne mit der markant-sinnlichen Lippenpartie für die Bridges-Brüder mehr als nur ein unruhiger Männertraum. Michelle Pfeiffer, die hatte stets Klasse. Jetzt, im reiferen Alter, gibt’s davon noch mehr. Sogar so viel, dass es für eine Diva reicht. Da müsste Catherine Deneuve anerkennend nicken. Und auch, was die Radikalität schicksalsträchtiger Entscheidungen betrifft. Da lässt auch Michelle Pfeiffer keine Gelegenheit außer Acht, das Ende eines eleganten Ritts auf dem goldenen Kalb zu zelebrieren. Im Damensattel selbstverständlich.

Denn Frances Price, die steht in French Exit nach dem Ableben ihres Gatten vor dem Bankrott. Das Erbe war stolz, doch noch stolzer schien es, mit dem Vermögen hausieren zu gehen, nichts zu arbeiten und lieber die schönen Scheinchen unter urbanen Dienstnehmern zu verteilen. Jetzt allerdings scheint alles aus. Also nimmt sie das Angebot einer guten Freundin an, in deren Wohnung nach Paris zu ziehen, um ihr Leben neu zu sortieren. Die Alternative wäre, selbiges schlichtweg auszuleben, mit dem letzten Rest an Kapital, dass für das feudale Etablissement in New York noch rausspringen mag. An ihrer Seite: Sohnemann Malcolm, kein Müttersöhnchen im klassischen Sinn, sondern ein Phlegmatiker ohne eigenen Willen, der möchte, aber nicht kann. In Paris angekommen, scharen sich alsbald die unterschiedlichsten Leute um die beiden, die alle genau eine Sache verbindet: den Drang, aus einer stagnierenden Einsamkeit zu entkommen. Mittendrin ein schwarzer Kater, der mehr zu sein scheint als ein domestiziertes kleines Raubtier.

Was macht so jemand, der Zeit seines Lebens nichts geschaffen oder gearbeitet hat – und plötzlich mit leeren Taschen dasteht? Es wäre fast so, als würde man Marie Antoinette ihren Reichtum von Arbeit abhängig machen. Das kann nichts werden. Wohin mit der etablierten Fassade des ewigen Wohlstands? Jemand wie Michelle Pfeiffers Figur der stets schicken Herrin behält die Grazie bis zum frei interpretierbaren Ende. Das Metaphysische spendet Trost in einer geselligen Phase des Abschieds. Azazel Jacobs gelingt nach dem Roman von Patrick DeWitt ein Psychogramm, dass erfolgreich so tut, als wäre es ein Stück französisches Kino. Verlorene Gestalten, die den Neuanfang abwägen, geistern um Michelle Pfeiffer herum – sie selbst bleibt dabei unnahbar und auf sich allein konzentriert. Entwertet den Mammon und lässt sich fallen, einfach so fallen. Das ist durchaus tragikomisch, ein bisschen märchenhaft, und tröstet sich niemals mit Selbstmitleid. Andere würden sagen: ein Abgang mit Stil.

French Exit

Maleficent: Mächte der Finsternis

BEI DEN HÖRNERN GEPACKT

6,5/10

 

maleficent2© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOACHIM RØNNING

CAST: ANGELINA JOLIE, ELLE FANNING, SAM RILEY, MICHELLE PFEIFFER, ED SKREIN, HARRIS DICKINSON, IMELDA STAUNTON, CHIWETEL EJIOFOR U. A.

 

Falls sich jemand beim Dacapo des Disney-Märchens aus dem Jahre 2014 die Challenge auferlegt hat, sämtliche Easter Eggs zum Oeuvre Grimm’scher Märchen ausfindig zu machen, wird sehr schnell die Freude daran verlieren. Denn bis auf Dornröschens obligater Spindel, die in den Kerkern hochgotischer Gemäuer samt Spinnrad als ausrangiertes Gut auf bessere Zeiten wartet, gelten die klassischen Elemente weitestgehend als vermisst. Macht aber nichts, Maleficent: Mächte der Finsternis (so finster sind die Mächte eigentlich gar nicht) orientiert sich ohnehin viel mehr am Fantasy- als am Märchenkino, obwohl der integre König mit Krone und Stracciatella-Pelzkragen unter rotem Samtmantel den Klischee-Königen schlechthin alle Ehre macht. Auch das kleine schlanke Perlenkrönchen darf nicht fehlen, welches das Haupt von Michelle Pfeiffer ziert, die in der epischen Fortsetzung als sinisteres Schwiegermonster nur das Beste für sich selbst will, und das auf süfisant aufspielende Art. So zwischen Fantasy- und Märchenkino mäanderte auch die italienisch-deutsche Koproduktion Prinzessin Fanthagiro dahin, damals in den 90ern, voll mit klassischen Märchenzitaten, aber auch jeder Menge finsterer Mächte, die allerlei beseelte Wald- und Wiesenwesen unter Kuratel stellten. Das passiert bei Maleficent auch – nur sind wir diesmal fast 30 Jahre später, und die tricktechnischen Skills im Vergleich zu Fantaghiro sind wie vom anderen Stern. Maleficent: Mächte der Finsternis erstaunt also in erster Linie durch ein phantastisch-lebendiges Ökosystem, da muss sich selbst die durch und durch organische Welt aus The Dark Crystal ab und an ein bisschen anstrengen, um mithalten zu können. Was da im Reich der Moore alles an Zauberwesen aufmarschieren, ist wieder mal ein Fest fürs Auge. Von Elfen so groß wie Pusteblumen bis zu Groot-ähnlichen Baumriesen, die schweren Schrittes durch den Sumpf waten, ist alles da, was das dem phantastischen Realismus hoffnungslos erlegene Herz alles begehrt. Szenenweise wähnt man sich in einem Potpourri aus Motiven der Maler Max Ernst oder Arik Brauer, es kreucht und fleucht, und das ist atemberaubend gut arrangiert. CGI also, wo es hingehört.

In zweiter Linie erstaunt Maleficent: Mächte der Finsternis durch das ikonische Spiel Angelina Jolies. Mit kantigen Wangen, leichenblasser Haut und blutroten Lippen sowie leuchtenden Augen ist die den Zeichentrickfilmen Disneys angelehnte Figur fast schon das Alter Ego der von Glamour und erhabener Unnahbarkeit umgebenen Schauspielerin, die dank ihrer PR-Taktik so auftritt, als wäre sie bereits eine Stufe weiter als all ihre FachkollegInnen, die immer noch einfach nur ihren Job machen. Jolies Auftritt als Dunkelfee mit Hörnern wie Hellboy und Flügeln wie Lucifer lässt sich auf ungenierte Weise genießen, denn alles zusammen ist das eine kongeniale Mischung, und wenn Brad Pitts Ex dann mit offenem Haar und deutlich entrüscht durch das an Alfred Kubins phantasmagorische Strichzeichnungen erinnernde Hideaway der Dunkelfeen schlendert, dann sind das enorm stilsichere, fast schon stilbildende Momente, die den relativ simplen Aufbau der Geschichte vergessen machen. Tatsächlich ist Maleficent: Mächte der Finsternis ein Schaufilm der ersten Liga, das sollte man tunlichst nicht am Fernsehschirm ansehen, sondern im Kino. Die wuchtige, üppige Optik kommt erst dann so richtig zur Geltung, wenn die Leinwand nicht groß genug sein kann.

Ein Film also wie ein Bilderbuch, fast schon für die ganze Familie, in herrlichen Farben und Formen. Darüber hinaus lassen Avatar, Barbarella oder gar der knallige Flash Gordon herzlich grüßen. Ihr seht also, da lässt sich so manch Gesehenes nochmal Revue passieren, und da stört auch der märchenhafte Kitsch nicht, der sich natürlich immer wieder breit macht. So will es Disney, und so will es womöglich auch das Genre des klassischen Märchenfilms, der seine Grenzen Richtung Fantasy mit Spaß an der Sache auslotet. Das viel verpönte CGI hingegen, das immer mehr in Verruf gerät, darf mit dieser Werkschau allerdings wieder sein State-of-the-Art präsentieren. Wer sich damit anfreunden kann, profitiert davon, alle anderen mögen es etwas zu geschniegelt finden. Das Make Up jedenfalls (der gehörnte Ed Skrein im Close Up!), das ist in jeder Hinsicht bereits schon jetzt konkurrenzlos preisverdächtig.

Maleficent: Mächte der Finsternis

Ant-Man and the Wasp

QUANTENWELT IM DAUERZOOM

6,5/10

 

antman_wasp© Marvel Studios 2018

 

LAND: USA 2018

REGIE: PEYTON REED

MIT PAUL RUDD, EVANGELINE LILY, MICHAEL DOUGLAS, LAURENCE FISHBURNE, MICHELLE PFEIFFER, HANNAH JOHN-KAMEN U. A.

 

Eine kleine Anekdote aus der Schule, die mir zu Ohren gekommen ist: Fragt die Lehrkraft in die paukende Runde, was sich wohl in einem Atom zwischen Atomkern und Elektronen befindet. „Und wehe es antwortet mir jemand, da befände sich Luft!“  Luft ist ein Gasgemisch, kann also unmöglich innerhalb eines Atoms sein, da ja selbst das Gas und alles, was wir kennen und begreifen können, eben aus Atomen besteht. Noch kleiner als Atome sind Quarks. Und irgendwo mit unserer fassbaren Wirklichkeit verschränkt, da liegt die Qantenwelt. Die zwanzigste Episode aus dem Marvel Cinematic Universe, das meiner Meinung nach gegenwärtig zu den besten Kinoserien der Filmgeschichte zählt, holt sich physikalisches Halbwissen aus dem Brockhaus, unter Q wie Quanten, und baut um diese philosophischen Unmöglichkeiten und Möglichkeiten herum ein relativ autarkes Abenteuer auf, das zwar nicht dramaturgisch, dafür aber in seiner dem Marvel- Universum inhärenten Schlüssigkeit den Erklärungsnotstand ausruft.

Natürlich, die Convenience-Technologie des Schrumpfens und Expandierens, wie sie Ant-Man and the Wasp an den Tag legt, und zwar auf Knopfdruck, widerspricht komplett allen erdenklichen Naturgesetzen – ist aber im Rahmen der freien Beweglichkeit spaßhalber ersonnener Kinowelten durchaus vertretbar, solange Hank Pym´s Versuchs-Aameisenmenschen ihren Anzug tragen. Im Rahmen des Anzugs selbst erlaubt mein logisches Verständnis, dass das wirre Herumskalieren organischer wie anorganischer Atomhaufen zur Verblüffung aller sehr gerne passieren darf. Wenn Regisseur Peyton Reed aber in die Quantenwelt reist, und dort seinen Stars auch ohne Helm die Luft zum Atmen lässt, dann stößt das schmerzlich an die Grenzen eines ungezügelten Schwachsinns, der sich einer gewissen universellen Logik nicht mal mehr durch Science-Fiction-Technologien widersetzt, oder mithilfe dessen Unmögliches erklärt. Ginge es nach dem Verständnis des Marvel Cinematic Universe, fährt zwar das Mikro-U-Boot zwischen Zellen und Teilchen dahin, müsste aber außerhalb dieser künstlich erschaffenen Anomalie spätestens im subatomaren Raum von den Molekülen der atembaren Luft erschlagen werden.

Sehe ich mal von dieser Drehbuchschwäche ab, lässt sich leicht feststellen, dass die Fortsetzung des verspielten Ant-Man aus dem Jahr 2015 zwar längst nicht mehr das Überraschngsmoment auf ihrer Seite hat, dafür aber nicht weniger launig bewährte Ideen in vollendeter Tricktechnik weitervariiert. Reed´s Sequel ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, wobei es sich allerdings empfiehlt, neben Ant-Man auch The First Avenger: Civil War gesehen zu haben. Der Rest erklärt sich aus dem Epilog vor dem Marvel-Intro. Und wie es meist bei Filmen aus diesem Hause so ist, hält der Cast, was er verspricht. Gäbe es keinen Ryan Reynolds, der die Rolle des Deadpool übernimmt, hätten wir immer noch Paul Rudd – der langgesichtige Pfeifdrauf ist genauso ein schelmischer Kindskopf wie der Untote in roter Montur, inszeniert sich aber im Gegensatz zu Reynolds selbst nicht immer als Dauerclown und hat eindeutig mehr Understatement. Ihm zur Seite eine so gewissenhafte wie toughe Evangeline Lilly als kommende Konkurrenz für Black Widow und eine physisch wie psychisch labile Gegenspielerin Hannah John-Kamen, die als Grenzgängerin Ghost zwischen Quanten- und atomarer Welt lediglich versucht, ihre fast schon ektoplasmische Haut zu retten. Ähnlich wie in Spider-Man: Homecoming haben wir hier eine Antagonistin, die eigentlich keine ist, und so nicht abgedroschenen Schwarzweiß-Mustern unterliegt. Hingegen hätte Peyton Reed den sinistren, aber austauschbaren Walton Goggins durchaus weglassen können. Allerdings hätten wir dann um die Hälfte weniger Actionszenen, die aber allesamt so kurios sind, dass ich bei Goggins doch noch ein Auge zudrücke. Was mir bei Michelle Pfeiffer als Neuzugang irgendwie nicht gelingen will.

Unterm Strich ist Ant-Man and the Wasp nicht das am strahlendsten leuchtende Gelbe vom Ei, auch wenn die Szene mit den unkaputtbaren Bärtierchen jetzt schon zu einer meiner Lieblingsseqenzen dieses Jahres gehört (diese mikroskopischen Superwesen mit dem Staubsaugerrüssel sind einfach wunderbar – und existieren tatsächlich!). Die erste Halbzeit hat so seine unmotivierten Längen, und manch ein Kalauer wirkt einfach zu gewollt und aufgewärmt, um aus dem Fluss der Story heraus entstanden zu sein. Enttäuschen mögen auch die fehlenden Referenzen zum roten Faden des Infinity-Überbaus, doch die bewährte Credit-Szene weiß in nur wenigen Sekunden so manches aufzuklären und anzudeuten. Mit Sicherheit hat Ant-Man im Finale des Infinity-Krieges noch Großes vor, bis dahin dürfen wir gespannt bleiben. Und das jüngste Abenteuer von Marvel als das zu nehmen, was es ist: ein vergnügliches Größen-Jo-Jo mit gut aufgelegtem Ensemble und pfiffiger Action-Akrobatik zwischen Matchbox-Autos und Formicula.

Ant-Man and the Wasp

Mord im Orient-Express

DIE GRAUZONEN DER GERECHTIGKEIT

6/10

 

orientexpress@ 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: KENNETH BRANAGH

MIT KENNETH BRANAGH, JOHNNY DEPP, MICHELLE PFEIFFER, DAISY RIDLEY, JUDI DENCH U. A.

 

Nein, gezwirbelt hat er das liebevoll arrangierte Bartkunstwerk nicht, so wie einst Sir Peter Ustinov als Hercule Poirot. Und auch ist Kenneth Branagh nicht so eine einnehmende, kernsympathische Wuchtbrumme wie der hochintelligente Brite, aber immerhin fast annähernd ein solcher Genussmensch. Die von Kultautorin Agatha Christie ersonnene Figur des belgischen Detektivs Poirot ist um Eckhäuser zugänglicher als der arrogante Sherlock Holmes, der nicht weiß wohin mit seiner Hochbegabung. Poirot ist vor allem in den Filmen von John Guillermin und Guy Hamilton kein Kostverächter, und gleichzeitig ein akribisch denkender und stets beobachtender Mensch mit fotografischem Gedächtnis und einer Kombinationsgabe, die uns im Vergleich dazu jubeln lässt, wenn wir einfache Schlussrechnungen auf die Reihe bekommen. Kombinieren und Mörder finden, das können wir getrost anderen überlassen. Am Liebsten auch Miss Marple, die von Grand Dame Margarete Rutherford mit ihren weißen Locken und dem kuscheligen Knautschgesicht bis in alle Ewigkeit wegweisend besetzt wurde. Peter Ustinov war in seine Rolle ebenso unverwechselbar – ein anderer sollte diese Figur gar nicht mehr spielen dürfen. Doch Ustinov weilt in den ewigen Jagdgründen, und also müssen andere ran – sofern man noch die Muße hat, das bereits dreimal verfilmte Meisterwerk Agatha Christie´s tatsächlich nochmal zu bebildern.

Die meisten Leser und Kinogeher wissen, was es mit dem Mord im Orient-Express auf sich hat. Es ist längst kein Geheimnis mehr, auf was für eine unglaubliche Wahrheit der zwangsrekrutierte Detektiv inmitten schneeverwehter Landschaft da stoßen wird. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die nun vierte Verfilmung unter der Regie des theateraffinen Briten Kenneth Branagh äußerst entbehrlich, und ganz ehrlich gesagt wollte ich mir das altbekannte Szenario nicht noch einmal geben. Fast muss ich zugeben, dass Christie´s berühmtestes Buch und all jene Verfilmungen, die es bereits gibt, Branagh Neuauflage ungefähr so notwendig machen wie Gus van Sant´s farblich durchwirktes Imitat von Psycho. Aber sei´s drum – die wirklich geniale, leicht klaustrophobische und tiefenpsychologische Mörderhatz ist längst nicht nur ein Krimi. Bei Mord im Orient-Express kann sich der Zuseher trotz der widrigen Umstände des Schauplatzes irgendwie geborgen fühlen. Was zu erwarten ist, passiert auch. Branagh´s Film ist wie ein Samstagnachmittag auf der Couch, wenn man beim Zappen zufällig auf einen Agatha-Christie-Krimi stößt und dabei hängen bleibt, weil einfach die Stimmung, das Setting und die Schauspieler vielleicht ein bisschen an die zweite Dekade der Kindheit erinnern. Oder eben Reize auslöst, auf welche sich enorm kribbelige Gemütlichkeit einstellt. Das ist die eine Sache, die die Story immer wieder sehenswert macht. Die andere ist die, das hier ausnahmsweise Quantität tatsächlich gleich Qualität ist – nämlich die illustre Besetzungsliste, die sich liest wie die Sitzordnung eines Tisches bei der Oscarverleihung. Publikumslieblinge wohin man blickt – sogar „Jedi“ Daisy Ridley zwängt sich ins Abteil, Willem Dafoe gibt den Österreicher und Judi Dench ist sowieso die angenehm versnobte Grand Dame, die eigentlich bei keiner Agatha-Christie-Verfilmung fehlen sollte. Der, von dem wir vielleicht am Ehesten noch die Nase voll hätten, wäre Johnny Depp, aber der ist ja bekanntlich das Opfer und segnet das Zeitliche nach rund einer halben Stunde. Dafür legt Michelle Pfeiffer einen ehrwürdigen Auftritt hin. Und der rote Kimono fehlt auch nicht – den kennen wir schon aus den Vorgängerfilmen.

Der ganze Film ist ein elegantes, kurzweiliges Déjà-vu in opulent-nostalgischen Bildern und keinerlei Innovation, aber einem penetrant schnauzbärtigen Kenneth Branagh in der Titelrolle, der seine Sache allerdings souverän hinbekommt und den Gehirnakrobaten Poirot tatsächlich wiederauferstehen lässt. Natürlich, Ustinov ist er keiner. Aber das muss er auch nicht. Worauf Branagh aber Wert legt, ist die psychologische Tiefe der Geschichte. Das Motiv ist, worum es hier geht, weniger der Weg der Wahrheitsfindung. Das Ensemble schlittert und entgleist fast so wie der Zug in eine diffuse Schneeverwehung der Gerechtigkeit – in eine Grauzone aus Recht, Rache und Genugtuung. Ein Aspekt, der in keinen Agatha-Christie-Romanen je wieder so ambivalent und diskussionsanregend zu Tage tritt. Hätte ich einen Mustache wie Poirot, hätte ich ihn mir beim Abspann des Filmes womöglich nachdenklich gezwirbelt.

Mord im Orient-Express