The Long Walk – Todesmarsch (2025)

DER WEG IST DAS ZIEL

6,5/10


© 2025 LEONINE Studios / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: FRANCIS LAWRENCE

DREHBUCH: J. T. MOLLNER

KAMERA: JO WILLEMS

CAST: COOPER HOFFMAN, DAVID JONSSON, MARK HAMILL, GARRETT WAREING, TUT NYUOT, CHARLIE PLUMMER, BEN WANG, JORDAN GONZALES, ROMAN GRIFFIN DAVIS, JUDY GREER, HOSH HAMILTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Waren Die Tribute von Panem – als Roman in drei Teilen und als Verfilmunge auf vier Teile ausgewalzt – noch dystopisches Spektakel mit allerlei Pomp, wo nichts dem Zufall überlassen wurde und das niemanden dazu bewog, sich selbst seinen Teil dazu zu denken, ist Francis Lawrences asketische Kehrtwende das genaue Gegenteil davon, wenngleich der Spaß an der Freude perfider Machtsysteme so ziemlich ähnlich bleibt. The Long Walk – Todesmarsch, Ende der Siebzigerjahre von Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachmann verfasst, ist zumindest in literarischer Form wohl die Geburtsstunde einer Art von Zukunftsvision, die sich mit der medialen Befriedigung einer Bevölkerung auf Kosten junger Menschen auseinandersetzt – und bereits schon damals die Entertainment-Übersättigung und folglich die Überkompensation gesellschaftlicher Schadenfreude zum Wohle des Selbst ins Hässliche und Bedrohliche verzerrt. Ein paar Jahre später schrieb King dann noch seinen Running Man, verfilmt mit Arnold Schwarzenegger – in Kürze folgt, wie kann es anders sein, die Neuauflage. Panem wiederum orientiert sich wohl mehr am blutrünstigen japanischen Insel-Wettkampf Battle Royale als an diesem von allem Schnickschnack befreiten Schrittedrama, nunmehr wagemutiges Experiment von Film, das sicher und zumindest auf den ersten Blick mehr an Spektakel verspricht als er letztlich bereithält. Das wiederum ist gut so. Den Mut zur Entrümpelung und zur Reduktion hätte ich Francis Lawrence und seinem Studio wohl nicht zugetraut, umso erstaunlicher trottet man, obwohl selbst im Kinositz verharrend, Minute für Minute einen landschaftlich kaum erwähnenswerten, spärlich besiedelten Weg entlang und hört jungen Männern zu, die aus existenzieller Not heraus mit sich selbst russisches Roulette spielen und alles, was sie haben, auf eine einzige Zahl setzen – auf jene, die man ihnen umgehängt, bevor der Todesmarsch begonnen hat.

Fünfzig Burschen wandern also in konstantem Tempo von nicht weniger als drei Kilometer die Stunde, versorgt mit ausreichend Wasser zwar, aber ohne Aussicht auf Pause, dem Ungewissen entgegen. Das Ende bringt die Erschöpfung des Vorletzten. Bleibt noch einer übrig, ist die Show zu Ende. Doch Apropos Show: Hier, in diesem düsteren, lustlosen Amerika, in diesen militärisch regierten Nachkriegsstaaten, die viel verloren haben, nur nicht die Lust am Exempel, das sie statuieren wollen, wird keiner interviewt, getrimmt für den Sieg, hofiert von Fans oder geladen zum opulenten Dinner, bevor der Ernst des Spiels beginnt. Hier moderiert kein Stanley Tucci den medial gepushten Kandidaten oder drängt sich die Presse am Straßenrand zur akkuraten Berichterstattung zusammen: The Long Walk – Todesmarsch ist eine Verhöhnung der Relevanz manipulativer Volksberieselung. Es ist, als würde niemand davon wissen, was die nächsten Tage für Opfer bringen. Und es werden scheußliche sein. Demütigende, blutige, traurige.

Musketiere im Selbstbetrug

Es wäre ja alles halb so wild, würden jene, die auf der Strecke bleiben, nicht auch noch niedergestreckt werden, auf so demütigend-kalte Weise, dass es wohl nicht die Absicht des Filmes gewesen sein mag, mit diesen Exekutionen seine Höhepunkte zu liefern. The Long Walk – Todesmarsch hat nämlich keine. Als Zuseher folgt man in drängender Erwartungshaltung einem erbarmungswürdigen Schauspiel, strotzend vor erbarmungslosen Regeln, und hofft auf eine Wende. Doch nichts dergleichen passiert. Das große Ideal, die bessere Welt, mag nur in den Köpfen konditionsstarker Männer existieren, die sich entweder selbst überschätzen oder die psychische Resilienz besitzen, am Ende erhobenen Hauptes anzukommen. Von den Musketieren ist die Rede, von Verbrüderung, Akzeptanz, Nächstenliebe. Dabei ist alles nur Konkurrenz, dabei billigt der Siegenwollende den Tod des neuen Freundes. Die Wahrheit will niemand wissen, jeder hofft auf einen anderen Ausgang, auf ein Miteinander danach. Doch Lawrence, der die Vorlage von King zwar adaptiert hat, aber dennoch dem Fatalismus treu bleibt, erklärt mit The Long Walk – Todesmarsch keine mögliche bessere Welt. Man wartet also vergebens auf den Twist, auf das Aufbegehren, während Mark Hamill als entmenschlichtes Abziehbild eines Warlords Phrasen drischt, die wohl die einzige mediale Manipulation darstellen.

Die leeren Kilometer, im wahrsten Sinne des Wortes verstanden, sind scheinbar nicht endenwollend – eine mutige Methode für eine Verfilmung, die lange Zeit als unverfilmbar galt, weil der Stoff nichts Erbauliches bietet, andererseits aber jede Menge existenzialistische Gedankengänge übernimmt, die das Leben an sich betreffen, und dieses laut King und Lawrence schließlich nur im momentanen Selbstbetrug Sinn ergibt.

The Long Walk – Todesmarsch (2025)

The Zone of Interest (2023)

VOR DEN PFORTEN DER HÖLLE

7,5/10


thezoneofinterest© 2024 LEONINE


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, POLEN 2023

REGIE: JONATHAN GLAZER

DREHBUCH: JONATHAN GLAZER, FREI NACH DEM ROMAN VON MARTIN AMIS

CAST: CHRISTIAN FRIEDEL, SANDRA HÜLLER, JOHANN KARTHAUS, LUIS NOAH WITTE, NELE AHRENSMEIER, LILLI FALK, IMOGEN KOGGE, STEPHANIE PETROWITZ, ZUZANNA KOBIELA, MARTYNA POZNAŃSKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Des Nazideutschen Paradies liegt vor den Pforten der Hölle. Dieser Umstand alleine spricht schon dafür, dass sich eine derartige Weltsicht so sehr ihren destruktiven Abnormen anbiedert, dass diese wie selbstverständlich hinnimmt, Mauer an Mauer mit Tod und Verderben zu leben und dabei noch den Wohlstand zu genießen, den sich diese Familie, namentlich Höß, auf Kosten der anderen angeeignet hat. Einer wie Jonathan Glazer macht daraus garantiert keinen herkömmlichen Film. Das weiß man spätestens, seit man Under the Skin gesehen hat. Glazer ist ein Künstler der suggestiven, indirekten Bildsprache, der Präzision und der audiovisuellen Synergien. Nicht zu vergessen: er ist ein Mann der Extreme. Extreme aber auf eine Art, die nicht darauf aus ist, entweder einen Drogenrausch auszuleben oder um des Effektes willen den Vorschlaghammer des Radikalen ins Gesicht des Zusehers zu schmettern. Extreme können allein schon dadurch entstehen, dass die Möglichkeit außen vorgelassen wird, Identifikationsfiguren zu finden. In diesem widerlichen, von krankhaften Ideologien durchdrungenen Diesseits, dass sich so anfühlt, als wäre man mit der großmütterlichen Liebe-Familie-Nostalgie längst vertraut und vereint, liegt der Albtraum in einer banalen Normalität, in der augenscheinlich alles seine perfekt Ordnung hat, in der aber, bei genauerem Hinsehen und im Beachten der Details, einiges nicht stimmt und ein Unwohlsein erzeugt, das man hat, wenn man einen Traum träumt, der in den letzten Sekunden seines Bestehens zum Schreckensbildnis mutiert, bevor man schweißgebadet hochschreckt.

Jonathan Glazer schafft in seinem Film im farbenstrahlenden Sommer rund um den Geburtstag des Lagerkommandanten des KZ Auschwitz, Rudolf Höß, penibel aufgeräumte Tableaus, in denen alles seine perfekte Ordnung hat und keines der Requisiten nur zufällig herumsteht. Oft sind es wortlose Beobachtungen eines Herumtreibens glattgebügelter Uniformträger und aufgeföhnter Kaffeetrinkerinnen, prachtvoller Kinderchen in Lederhosen und geblümten Sommerkleidchen. Ein Kitsch ist das, wie aus altbackenen Werbungen. Wie aus den Filmen eines Jaques Tati, der die bürgerliche Ordnung anders als hier im lakonischen Slapstick durch den Fleischwolf dreht. Und dann ist da dieses gewisse Etwas: Die Mauer, der Stacheldraht, der über allem aufragende Schlot, aus dem Feuer und Rauch quillt. Jeder weiß, was das bedeutet, ohne es beim Namen nennen zu müssen. Es ist das Schrecklichste, was Menschen anderen Menschen jemals angetan haben. Und dennoch wird es in The Zone of Interest zur erschütternden Beiläufigkeit, zur geduldeten Hinnahme einer Notwendigkeit, weil die Wahrheit erfunden werden kann.

Filme über die Gräuel des Holocaust gibt es viele, sogar im Genre der Komödie unter der Regie von Roberto Benigni fand der Schrecken seinen Ausdruck. Glazer hingegen entwickelt eine filmische Installation. Ein selbsterklärendes Understatement, bei dem nichts gesagt werden muss, in dem jedes zweite Wort überflüssig, jede Neugier auf die blanke Gewalt zu obszön wäre, um ihr nachzugeben. The Zone of Interest ist eine Anordnung aus assoziativen Bildern und unmissverständlichen Geräuschen – es ist das Grauen im Hintergrund, dass das Harmlose im Vordergrund ins Monströse verzerrt. Glazers Film könnte im Endlosloop auf einer KZ-Mauer projiziert werden, als eindrückliche Ergänzung durch einen Blickwinkel, mit dem sich unsere heutige Generation vielleicht näher fühlt als mit jenem der Leidenden. Wer die Filme des Schweden Roy Andersson kennt, findet in diesem Arrangement aus Alltagsszenen und Aphorismen so manche Ähnlichkeiten wieder, die Absurdität einer Koexistenz aus Horror und Komfortzonen-Arroganz, aus Verdrängung und schluchttiefer Diskrepanz. Diese Widernatürlichkeit bringt Glazer zusammen und möchte wie absurdes Theater erscheinen. In Wahrheit aber ist es die Realität, die uns aufgetischt wird, und die Blindheit vor der eigenen Mitschuld, die uns, so schnell können wir gar nicht schauen, in ein neues Desaster hineinreiten kann.

Hut ab vor Sandra Hüller, die sich mit einer Figur auseinandersetzen muss, die in so abartiger Selbstverständlichkeit den Pelz von Anne Franks Mutter trägt, Hut ab vor Christian Friedel, der in arbeitsmüder Nüchternheit viel mehr Leute vergast sehen möchte als ohnehin. Mit solchen Rollen muss man als Künstler erstmal klarkommen. Mit dieser Widerlichkeit, die sogar auf Pferd und Hund überschwappt, sieht man sich in The Zone of Interest konfrontiert, und man kann gar nicht anders, als sich in die Geborgenheit einer Beschaulichkeit zu flüchten. In eine Blase, in eine Zone des Eigeninteresses, um nicht Schaden zu nehmen, Denn den haben die anderen. Das Grollen aus der Tiefe des Tartaros, das Glazer ertönen lässt, macht uns aber letztlich bewusst, dabei vom Nachtmahr heimgesucht worden zu sein.

The Zone of Interest (2023)

Wir wollten aufs Meer

ZWISCHEN UNS DIE DIKTATUR

5,5/10


wirwolltenaufsmeer© 2012 The Wild Bunch

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: TOKE CONSTANTIN HEBBELN

CAST: AUGUST DIEHL, ALEXANDER FEHLING, RONALD ZEHRFELD, SYLVESTER GROTH, THAO VU, ROLF HOPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Da ist was faul im Spitzelstaat. Natürlich – das ganze Bespitzeln selbst und all die mittlerweile von Nordkorea abgepausten Regeln einer politischen Ordnung, in welcher voll Stolz zum Gehorsam gezwungen wird. Freiheit sieht ganz anders aus. Ein bisschen davon ließe sich ja sogar auf den Weltmeeren zurückholen. Immerhin gab es den Schiffsverkehr selbst in der kommunistischen DDR. Doch auf ein Schiff kommt nur, wer hinter den politischen Ideen steht, wer für die Stasi eine weiße Weste hat und auch sonst in keiner Weise in den Westen schielt. 

In diesem Dunstkreis aus Verrat, Versuchung und ideologischer Andacht versuchen die beiden Freunde Cornelis und Andreas immer und immer wieder, eine Lizenz für die Seefahrt zu erhalten. Allein: man traut ihnen nicht. Es sei denn, sie bewähren sich dabei, Regimegegner mit Fluchtgedanken auf frischer Tat zu ertappen. Das geht mit Abhörgeräten unter dem Jackett ganz gut, und das eigene Gewissen macht dem Willen zur Selbstverwirklichung großzügig Platz. Bis die ganze Sache ans Licht kommt – ein gute Bekannter ans Messer geliefert wird und Andreas beim Streit mit seinem Buddy unter die Räder gerät. Die Wut im Buch ist auch danach nicht verschwunden, der Blick aufs Meer allerdings schon. Und die beiden Brüder im Geiste finden sich an beiden Enden der Nahrungskette wieder. Der eine bespitzelt und denunziert, der andere plant die Flucht.

Toke Constantin Hebbeln hat hier ganz großes, historisches Kino vorgehabt. Mit allem, was die versunkene DDR-Diktatur an grotesker Dramatik so hergeben kann. Mit Freundschaft und Feindschaft, mit Flucht und Gefängnis. Mit Verrat und Wiedergutmachung. Es fühlt sich an wie das mehrere tausend Seiten starke Prosa-Werk eines Epenschreibers – eines ausdauernden Autors, der die Dichte und Brisanz eines Krieg und Frieden-Romans in die mausgraue Nüchternheit einer spaßbefreiten Normenhölle zwängt. Altbackene Tapetenfronten, olivgrüne Uniformen und zigarettengegerbte Visagen gönnerhaft-jovialer Schreckgespenster, die den systematischen Anstand exekutieren, erfüllen die Stereotypen einer verblichenen und gleichsam immer noch lebhaft im Gedächtnis gebliebenen Ära. In identem Abstand zueinander: das Schauspielerdreieck August Diehl, Alexander Fehling und Roland Zehrfeld. Drei differente Charaktere, so wie The Good, the Bad and the Ugly, nur viel aufgeräumter, viel norddeutscher.  Zusammengenommen bieten alle drei die Lösung ihrer Existenzprobleme auf ihre Weise, und zusammengenommen birgt Wir wollten aufs Meer so viel Stoff, dass es für drei Filme vollauf gereicht hätte. Regisseur Hebbeln, der mit seinem Spielfilm Nimmermeer den Studenten-Oscar der Academy erringen konnte, wollte für sein Regiedebüt alles – hat aber letzten Endes nur die Hälfte davon hochwuchten können. Sein Film ist stellenweise enorm überladen und verlässt sich dabei viel zu oft auf emotional recht plakative, allerdings wirksame Klischees, die das etwas konfuse Netzwerk aus Abhängigkeiten und Beziehungen richtungsmarkierend einfärben. Hat zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Drama Das Leben der Anderen durch geschickte Reduktion die infamen Praktiken des Geheimdienstes extrahiert, will Hebbeln allem zugleich hinterherjagen. In manchen Szenen holt er sein Soll auch ein, dank seiner drei engagierten Stars, die wirklich nichts anbrennen lassen, die aber manchmal aufgrund der dürftigen Akustik, gepaart mit deutschem Slang, schwer zu verstehen sind. Alles in allem also eine etwas mühsame, aber fraglos engagierte Angelegenheit.

Wir wollten aufs Meer

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer

Hacksaw Ridge

EINER GEHT NOCH!

7,5/10

 

hacksaw

REGIE: MEL GIBSON
MIT ANDREW GARFIELD, VINCE VAUGHN, SAM WORTHINGTON

 

Für all jene, die die letzten, allerdings vernachlässigbaren Ausflüge dieses Mannes ins Schauspielfach übersehen haben: Mel Gibson ist nun endgültig zurück. Spätestens jetzt kann man ihn nicht mehr übersehen. Zumindest, das, was er tut. Weniger sein Konterfei. Denn als Regisseur hat er eindeutig mehr zu sagen als in seinen pathetisch überzeichneten Filmrollen, die vorgeben, tiefgründiger zu sein als sie tatsächlich sind. Als Filmemacher hat Mel Gibson Visionen. Und meist Visionen von Schlachtfeldern und vor allem von Märtyrern, die bereit sind, sich selbst für eine bessere Sache zu opfern. Das war schon in Braveheart  und natürlich in Die Passion Christi so. Der Exil-Australier hat eine Schwäche für historische Persönlichkeiten, deren Tun über das Menschenmögliche hinausgeht. Vielleicht, weil Gibson selber diesem Anspruch nicht so gerecht werden kann. Und auch mal zu Aggressionen neigt, in Folge dieser das Kaputtmachen von Dingen seinen Höhepunkt findet.

Zu dieser Aggression neigt der Protagonist seines neuesten Filmes nicht. Seine ins sakrale Scheinwerferlicht gerückte Figur ist eine Person, die tatsächlich gelebt hat. Und als pazifistischer Held in die Kriegsgeschichte eingegangen ist. Dieser amerikanische Rekrut Desmond Doss war kein Soldat wie jeder andere. Er war ein Pazifist aus religiösen Gründen, ein Verweigerer der Waffe. Und hat doch mehr für seine Einheit geleistet wie kaum ein anderer während des zweiten Weltkrieges im kriegsgebeutelten Japan. Sein Tun war Besessenheit, ohne Zweifel. Beseelt von seinem Glauben an Gott und unter Aufbringung einer unmenschlichen Zähigkeit und Kraft ist er zu einem Menschenfischer der ganz anderen Art geworden.

Mel Gibson macht aus der unglaublichen Glaubensgeschichte inmitten des tobenden Krieges keinen Reißer, der zu befürchten gewesen wäre. Kein Steiner – Das eiserne Kreuz, vielmehr ein Im Westen nichts Neues oder Stalingrad von Joseph Vilsmaier. Seine Szenen auf dem Hacksaw Ridge sind von erschütternder Brutalität und Grausamkeit, auch manche Slow-Motion-Einstellungen erinnern an die Machart eines Sam Peckinpah. Gibson beschönigt und erspart dem Zuseher nichts, die Hölle auf Erden ist nun mal die Hölle auf Erden. Doch diese Bilder plakatieren den Film nie auch nur einmal jenseits ihrer Notwendigkeit. Vielmehr erschließt sich das Grauen im Vorbeigehen, wenn die Kamera über die Toten und Verwundeten des Massakers gleitet. Stets ist das Auge bei Andrew Garfield, so, als würde der Zuseher ihn begleiten, einem Kriegsreporter gleich, verstört vom Geschehen. Garfield übrigens, der an der Rolle des zweiten Spiderman leider kläglich scheitern musste, leistet Überzeugendes. Das verdankt der schmächtige Bursche auch der Achtung und Aufmerksamkeit, die Mel Gibson seiner fast schon geheiligten Figur entgegenbringt. Und sich mit seiner Überzeugung auseinandersetzt. Die erste Stunde des Filmes ist allein dem Konflikt gewidmet, dem Desmond Doss ausgesetzt war – ohne Waffe in den Krieg zu ziehen. Das Für und Wider eines gewaltlosen Widerstands, dass Hacksaw Ridge vom Zaun bricht, vermischt das akribisch gelebte Ideal eines Neuzeitapostels mit biblischer Exegese und der Frage nach Verantwortung. Das mag Atheisten oder Agnostiker sauer aufstoßen – da die True Story aber nun mal davon lebt, legitimiert sich dieses augenscheinliche Pathos. 

Hacksaw Ridge ist sowohl wuchtiges, klassisches Hollywoodkino geworden als auch die raue, empathische Biografie eines prinzipientreuen Forrest Gump, der sich und seine Ideale nicht verrät. Ein üppig bebildertes, naturalistisches Loblied auf die Stärke des Willens und den Glauben an das Selbst. Nach David Ayers „Herz aus Stahl“ der zweite Kriegsfilm jüngeren Datums, der über Stacheldraht, Blut und Bomben weit hinausgeht. 

Hacksaw Ridge