The Running Man (2025)

WENN WUTBÜRGER HAKEN SCHLAGEN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: EDGAR WRIGHT

DREHBUCH: EDGAR WRIGHT, MICHAEL BACALL, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

KAMERA: CHUNG CHUNG-HOON

CAST: GLEN POWELL, JOSH BROLIN, COLMAN DOMINGO, LEE PACE, KATY O’BRIAN, DANIEL EZRA, KARL GLUSMAN, MICHAEL CERA, JAYME LAWSON, EMILIA JONES, WILLIAM H. MACY, DAVID ZAYAS U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Gewichtige 38 Jahre nach Arnold Schwarzenegger im Ganzkörper-Radleroutfit hechtet nun ein sichtlich weniger aufgepumpter, aber immer noch äußerst sportiver Publikumsliebling durch ein dystopisches Amerika, das sich den Leitsatz an die Fahnen geheftet hat: The Show must Go on. Wenn also alles andere schon den Bach runtergeht, und womöglich die dritte und wohl verheerendste Amtszeit eines Donald Trump mich Ach und Weh überstanden wurde, haben die Staaten so gut wie nichts, womit sie sich Zuversicht leisten können. Was bleibt, ist das liebe Fernsehen, das überraschend analog daherkommt und Live-Shows bietet, als wäre man immer noch in der Ära von Wetten dass…?.

Zerstreuung wie im alten Rom

Tatsächlich dürfte im neuen Aufguss von The Running Man in diesem wohlgestalteten gesellschaftspolitischen Nirgendwo das Programmfernsehen zurück sein, um wie schon seinerzeit als Straßenfeger das zerstreuungsgierige Volk vor die Flimmerkiste zu locken. Diesmal flimmern die Shows sogar auf ganzen Hauswänden, man bräuchte eigentlich nur den Blick heben und ist  mittendrin in diesem Show-Wahnsinn, der seine schönste Eskapade nicht in den Spielen von Panem findet, auch nicht im Inselkampf Battle Royale (der ja vorher da war, wie wir nicht erst seit Tarantino wissen) und auch nicht während eines Todesmarschs (The Long Walk), bis der letzte wegknickt. Hier gibt es Freiwild, und dieses wird gejagt. Von einer Killer-Elite, oder vielleicht auch von tötungshungrigen Zivilisten, die zu viel The Purge gesehen haben. Dieses Freiwild ist unter anderen Ben Richards – der in Sachen Show wohl lieber sanftere Töne anschlagen wollte und nun mittendrin in der Show aller Shows steckt, wo die mangelnde Aussicht auf Erfolg Richards Frau mit dem Gedanken spielen lässt, als alleinerziehende Mutter weiterzustrudeln. Doch Geldnot verlangt den Pakt mit dem Teufel, und so muss Richards hauptsächlich eines: Untertauchen, ab und an ein Lebenszeichen von sich geben. Davonlaufen, wenn‘s knapp wird. Oder aber den Gegner um die Ecke bringen.

Do the Wright Thing

Jahrzehnte ist es her, da hat Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachmann neben The Long Walk eine weitere TV-Show-Dystopie verfasst. Wer hätte gedacht, dass für den Reboot mit dem smarten Schönling Glen Powell nun einer wie Edgar Wright auf dem Regiestuhl Platz nimmt – womöglich handelt es sich hier weniger um ein Projekt auf dessen Wunschliste, sondern eine gut bezahlte Auftragsarbeit weit jenseits der Originalität, die man von der Cornetto-Trilogie gewohnt ist. The Running Man ist ja schließlich auch kein Autoren- oder Independentfilm, sondern eine stattliche Studioproduktion, wo viele VIPs mitzureden haben und dann auch ihren Senf dazugeben, weil künstlerische Freiheit ja nichts ist, was sich zwingend gut verkaufen lässt. Genau das ist mehr als nur bemerkbar. Wäre es nicht Edgar Wright, wäre es jemand anders gewesen, und den Unterschied hätte, bis auf einige Szenen britisch-sarkastischen Teatime-Humor, niemand bemerkt. Was aber alles nicht heisst, dass The Running Man ein schlechter Film ist. Immerhin gelingt ihm eines: Gut zu unterhalten.

Der nahbare Sozialheld

Weder hat das Remake repetitive Szenen noch zum Augenrollen verleitende Szenen, die nicht mehr sind als Lückenfüller. Wright hält die Zügel straff, Action und Thrill in gesunder Balance und den Rest erledigt Powell. Mit dem Zynismus eines Wutbürgers, der statt nichts eben viel zu verlieren hat und der wie ein Berserker manchesmal in völliger Todesverachtung wie einst Bruce Willis im Nakatomi Plaza vor den Schießeisen der Killerbrigade herumtanzt, um doch noch zu entwischen, lässt Powell den trockenen Achtziger-Helden im Feinripp fast schon wiederauferstehen. So gesehen wäre damals vielleicht sogar wirklich einer wie Willis die bessere Wahl gewesen, weil hemdärmeliger, nahbarer und geerdeter als Arnie. Mit solchen Typen solidarisieren sich Action-Afficionados durchaus gerne, der Typ hat Sympathie, das Herz am rechten Fleck, und hat auch die Dreistigkeit eines Revoluzzers, den Mächtigen voller Inbrunst die eine oder andere – wie sagt man so schön – Gosche anzuhängen. Mit „Ich bin noch hier, ihr Kackfressen“ schlägt diese Jetzt-erst-recht-Manier wie „Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke!“ auch aufs Publikum um, und schließlich will man wissen, zu welchen geradezu übermenschlichen Fähigkeiten der Knabe noch fähig sein wird.

Dass es am Ende stets zum obligaten Showdown kommen muss, nimmt dem ganzen etwas die Spontaneität, weil es dann doch so aussieht, als wäre vieles allzu konstruiert. The Running Man inhaltlich so aufzublasen, damit die Kritik an der Unterhaltungsindustrie nicht versandet, ist löblich, aber wäre im Endeffekt gar nicht notwendig gewesen. So haben wir wieder – im Gegensatz zum weitaus mutigeren The Long Walk – einen aufgestempelten Paradigmenwechsel, der aber mit gerechter Wut die mittlerweile auch im realen Leben existierende Konzern-Ohnmacht abwatscht.

The Running Man (2025)

Der phönizische Meisterstreich (2025)

GESCHÄFTSGESPRÄCHE IM PUPPENHAUS

4/10


© 2025 TPS Productions, LLC. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE PHOENICIAN SCHEME

LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: WES ANDERSON

DREHBUCH: WES ANDERSON, ROMAN COPPOLA

CAST: BENICIO DEL TORO, MIA THREAPLETON, MICHAEL CERA, SCARLETT JOHANSSON, TOM HANKS, BRYAN CRANSTON, MATHIEU AMALRIC, BENEDICT CUMBERBATCH, RUPERT FRIEND, RIZ AHMED, BILL MURRAY, CHARLOTTE GAINSBOURG, JOHANNES KRISCH, KARL MARKOVICS, IMAD MARDNLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Es kommt nicht oft vor, dass man abseits inszenierter Gala-Filmpremieren gemeinsam mit Schauspielern im Kino sitzt, die im gerade gezeigten Film vorkommen. Auch wenn der renommierte österreichische Schauspieler Johannes Krisch nur eine winzig kleine Nebenrolle bekleiden durfte, stach diese doch aufgrund ihres leuchtend roten Ornats aus mancher Szene heraus und zog die Blicke, die normalerweise Scarlett Johansson gegolten hätten, auf sich. Und nicht nur er stand auf der Ensembleliste von Wes Anderson, auch Karl Markovics war wieder mit dabei, versteckt in einer schwarzweißen Szene, die zwischen Leben und Tod einen Mann vorführt, der sich laut Andersons Drehbuch Zsa-Zsa Korda nennt und Zeit seines Lebens auf wüste Weise die Weltwirtschaft durcheinandergebracht hat, ungefähr so wie Donald Trump eben jetzt, nur vielleicht etwas charmanter, weniger Vorschlaghammer.

Dieser Zsa-Zsa steht in der Gunst der Schicksalsgötter, denn die lassen ihn auch nach zahlreichen Attentatsversuchen nicht und nicht über die Klinge springen. Was dieses Glück im Unglück aber bei diesem Mann von Welt ausgelöst hat, ist eine Art Besinnung, die ihn an seine wohl einzige Tochter denken lässt, eine Novizin namens Liesl, gespielt von Kate Winslets Tochter Mia Threapleton. Im Film darf sie das Erbe von Benicio del Toro antreten, allerdings nur probehalber. Was beide nicht wissen: Ein Vereinigung, die sich Excalibur nennt, will dem Geschäftsmann seinen wirtschaftlichen Erfolg madig machen, indem sie durch Preisabsprachen sämtliche Projekte in Phönizien sabotieren. Wer jetzt schon das müde Augen bekommt, kann sich gleich auch noch den Polster richten: Es wird noch viel unspannender.

Das Schwinden der Lust am Detail

Dabei geht es um ein Preisgefälle und eine gewaltige Finanzierungslücke. Investoren müssen umgestimmt und dazu bewogen werden, mehr zu zahlen. Und so weiter und sofort, alles natürlich in penibel arrangierten Puppenhaus-Settings, die auch im Hintergrund nichts dem Zufall überlassen. Diese Bildwelten kennen wir bereits zur Genüge, nur hier und da lässt sich Anderson zu einer bewegteren Bildsprache hinreissen. Anders als seine Kurzfilme (u. a. Ich sehe was, was du nicht siehst), die zu Pop-Up-Bilderbüchern erstarrt sind, ist Der phönizische Meisterstreich zumindest eine Arbeit, die an ihrem Anspruch zu ermüden scheint und längst nicht mehr so akkurat das Lineal durchs Bild zieht wie in anderen Werken. Asteroid City aus 2023 ist da noch pastelliges Manifest, da sehnt man sich mit Heißhunger nach harten Kontrasten. Dieser Film hier, so hat man den Eindruck, will aus seinem zur Genüge rezitierten Dogma ausbrechen, hin und wieder passiert das auch und rekapituliert frühere Filme wie Darjeeling Limited. Und dennoch: Worauf der Fankreis wartet, muss eintreten. Wes Anderson wird zu seinem eigenen, gefälligen Manieristen, der längst nicht so penibel alles einsortiert wie er selbst zu seinen besten Zeiten, als diese seine Welten ob des Vintage-Avantgardismus noch ein Staunen wert waren.

Immer noch stehen die Stars des Films alle Schlange wie an einem Sommertag vor dem hippen Bio-Eisladen mit fünf Euro pro Kugel. Von Tom Hanks über Bryan Cranston, Benedict Cumberbatch, Michael Cera, Matthieu Amalric und sogar Charlotte Gainsbourg sind sie alle da und geben sich die Klinke in die Hand für ulkige Kurzauftritte in einer Geschichte, die nicht viel mehr Reibung erzeugt als der frisierte Geschäftsbericht eines Superunternehmers. Wen interessieren schon Finanzierungsverhandlungen, auch, wenn sie bunt und schön und dekorativ ins Bild gesetzt werden? Mich jedenfalls nicht.

Der phönizische Meisterstreich (2025)

Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)

Barbie (2023)

AUF ZEHENSPITZEN INS LEBEN

7,5/10


barbie© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRETA GERWIG

DREHBUCH: GRETA GERWIG, NOAH BAUMBACH

CAST: MARGOT ROBBIE, RYAN GOSLING, AMERICA FERRARA, ARIANA GREENBLATT, KATE MCKINNON, WILL FERRELL, MICHAEL CERA, ISSA RAE, SIMU LIU, KINGSLEY BEN-ADIR, EMMA MACKEY, RHEA PERLMAN, ALEXANDRA SHIPP, HARI NEF, DUA LIPA U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Das, was diesen Sommer in der Welt des Kinos passiert ist, gleicht einem Paradigmenwechsel. Genauer betrachtet bleibt zu dieser Zeit kaum ein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist müde von dem, was es die längste Zeit vorgesetzt bekommt. Worin sich das äußert? Zuerst mal hängt der Megakonzern Disney ziemlich durch. Man könnte auch meinen, dass bei einer aufgeblähten Größe wie dieser irgendwann der Zusammenbruch kommen „muss“. Was politisch nicht funktioniert hat, kann auch wirtschaftlich nicht gutgehen. Die Maus frisst sich von innen auf, zersetzt sich, fährt Pleiten ein. Tilgt seine eigenen Produktionen aus dem Streamingportal, weint dem Ergebnis von Elemental, Indiana Jones und Geistervilla nach. Die Zeit der Superhelden scheint vorbei zu sein, all die langweiligen Real Life-Überzeichnungen bekannter Zeichentrickfilme mögen anöden, Verfilmungen von Themenpark-Attraktionen ebenso. Tom Cruise hat mit Mission: Impossible – Dead Reckoning zwar seinen qualitativen Höhepunkt erreicht, doch danach wird das ganze Franchise wohl auch sein Ende finden müssen. Was aus DC und Warner wird, liegt in den Händen von James Gunn – der mit The Flash allerdings auch nichts zu lachen hat, rein was das Einspiel betrifft.

Auf Basis dieser Umwälzungen ist allerdings letzten Monat etwas ganz Erstaunliches passiert. Das Phänomen Barbenheimer. Klingt ein bisschen nach Lindenstraße, ist aber die Verschmelzung von Barbie und Oppenheimer, von zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines gemeinsam haben: eine Vision. Christopher Nolan, der Retter des Covid-Kinos und Mindfuck-Ästhet, lässt dieses Jahr die Bombe platzen – und alle wollen hin. Warum nur? Weil eine True Story rund um den Weltfrieden alle angeht? Weil der jährliche Nolan fast schon etwas Vertrautes darstellt? Schließlich ist Oppenheimer kein gefälliger Film, und hat nichts, was einen Blockbuster letztlich ausmacht. Die Biographie des Physikers unter dem politischen Himmel Amerikas ist spannend, aber dialoglastig und experimentell. Liefert stilsichere Schauwerte, zieht sich aber auf drei Stunden Länge. Will die Masse tatsächlich mal etwas anderes? Etwas, dass sie fordert, triggert und zum Nachdenken anregt? Jedenfalls hat diese Tatsache einen lautstarken Aha-Effekt zur Folge, der bei Barbie widerhallt – einem Spielzeugfilm für Jung und Alt, ein wandelnder Katalog aus Puppen und Mode, Plastikhäusern in Pink und überall das Logo von Mattel. Wer genau will denn sowas sehen? Einen fast zweistündigen Werbespot zur Erweiterung der Gewinnmarge?

Ganz so ist es nicht. Natürlich verspricht sich der Konzern davon genug Profit, um auch die nächsten Jahre ruhig schlafen zu können. Ein Verbrechen ist das allerdings keines. Schon gar nicht, wenn Product-Placement wie dieses, so offensichtlich und ungeniert, einfach nur dazu da ist, um als Stilmittel zu fungieren, das Greta Gerwig und Noah Baumbach in ihrem metaphysischen Märchen so dermaßen geschickt einsetzt, dass man tatsächlich von einer Art Paradigmenwechsel sprechen kann, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz neu zu evaluieren. Ich denke dabei an Andy Warhol, dem Pop-Art-Künstler, der mit dem Product Design bekannter Marken der Kunst jene Möglichkeit zugesprochen hat, auch massentauglich sein zu dürfen, ohne an Qualität zu verlieren. Gerwig folgt einem ähnlichen Weg. Für sie ist Barbie Campbell’s Tomatensuppe – und spielt damit herum, als hätte Mattel über gar nichts mehr zu bestimmen, außer über die eigene Hoffnung, dass die Sicht der Mumblecore-Autorenfilmerin den Konzern schadlos hält. Denn was sind sie denn, diese stereotypen Puppen mit ihren unrealistischen Maßen und ihrer heilen Welt? Was ist sie denn, diese Barbie, benannt nach Ruth Handlers Tochter Barbara, die dieses Spielzeug auf dem Markt brachte?

Nicht zu vergessen, da gibt es noch diesen Ken, der den heterosexuellen Beziehungsidealismus, sprich: genug Romantik ins Kinderzimmer bringen sollte, auf dem Niveau Grimm’scher Prinzessinnenmärchen, vorzugsweise in der Lieblingsfarbe kleiner Mädchen, nämlich Rosa mit all ihren Nuancen. Mit diesen Figuren, so dachte sich Gerwig, lässt sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf eine für alle verständliche, augenzwinkernde Parabel herunterbrechen, die als behutsame Satire bestens funktioniert und überdies mit Margot Robbie und Ryan Gosling ein Paar gefunden hat, welches als Testimonial für soziale Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau die lustvoll simplifizierte Message für die breite Masse hoch erhobenen Hauptes in die reale Welt trägt. Ich hätte nicht erwartet, dass Greta Gerwig sich selbst und ihren Prinzipien so sehr treu bleiben kann. Gerade dadurch gelingt ihr die Fusion von Kommerz und Kunst so leichthändig, als wäre die Marktwirtschaft längst schon devotes Werkzeug für Intellektuelle, um darzustellen, wo im gesellschaftlichen Miteinander Defizite existieren.

Barbie, Jahrzehnte im Geschäft und längst nicht nur mehr blond, hellhäutig und langbeinig, erfährt nun ihre lägst überfällige Bestimmung. Gerwigs ironischer und niemals tadelnder Film lässt zwischen La La Land und Pixars Toy Story die Puppen tanzen, einen bestens aufgelegten Ryan Gosling, der nicht nur Beach kann, sondern auch Komödie, übers Männerdasein singen und das Matriarchat dem Patriarchat eins auswischen. Das ist knallbunt, dann wieder schräges Revuekino. Letzten Endes aber folgt Barbie der Tatsache, dass Frauen ohne Männer jederzeit können – Männer ohne Frauen zwar auch, dafür müssen sie sich aber erstmal selbst finden. Ganz ohne Macht und Aufplustern.

Barbie (2023)

Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game