Elevation (2024)

IN DIE BERG‘ BIN I GERN

6/10


© 2024 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: GEORGE NOLFI

DREHBUCH: KENNY RYAN, JACOB ROMAN

CAST: ANTHONY MACKIE, MORENA BACCARIN, MADDIE HASSON, SHAUNA EARP, DANNY BOYD JR., IAN HUMMEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Es lebe der technologische Fortschritt. Und es lebe auch jener der Wissenschaft, die mittlerweile wirklich für alles eine Erklärung hat. Außer vielleicht für die dunkle Materie. Oder Donald Trump. Oder für so manche UFO-Sichtung, die weiterhin als mysteriöse Anomalie betrachtet werden kann, ohne dass auch nur irgendjemand unruhig wird, weil es doch Mumpitz ist, was sonst?

Der Fortschritt schafft es allerdings in Filmen wie A Quiet Place oder eben Elevation nicht, einem gewissen Bio-Aggressor Herr zu werden, der selbst keinerlei technologische Raffinesse besitzt, sondern lediglich als radaumachendes Raubtier am Ende der Nahrungskette instinktgetrieben allem das Wilde runterräumt, was nur den kleinsten Mucks macht. Als intelligent ist so ein Lebewesen nicht zu bezeichnen – im Gegensatz zu Homo sapiens. Der könnte sich ja überlegen, was er gegen die Super-Lauscher nicht alles tun könnte. In Elevation sind es zwar keine Super-Lauscher, sondern büffel- bis nashornartige Dampfwalzen, die auf alles und jeden zubreschen, der nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Oder in den Bergen. Diese Wesen, die kamen seinerzeit aus dem Boden, als wären sie gekeimte Avocadokerne, die nun die Welt unterjocht haben und nur eines im Sinn haben: Die Menschheit auszulöschen. Klingt impulsiv, angesichts dieser Instinktgetriebenheit auch hier mit Intellekt relativ leicht zu managen. Doch nein: In diesen Filmen sind wir Zweibeiner wieder ganz klein, so hilflos wie Neandertaler, die sich von der Sapiens-Zweigform haben verdrängen lassen. Zum Glück aber wollen diese Biester hier keinerlei Bergluft atmen, obwohl sie doch so gesund sein soll. Aber einer Höhe von 2500 Metern ist Schluss, denn da dürfte die Luft schlagartig so dünn werden, dass es keinen Spaß mehr macht, zu jagen.

Gut für den Menschen der dystopischen Zukunft, denn der wird zum Almöhi und verbringt seine Zeit mit Weitblick über die Welt. Einer davon ist der alleinerziehende Will (Anthony Mackie), der wiederum auf seinen Sohn aufpassen muss, der gerne das Abenteuer sucht. Dummerweise leidet dieser aber auch an einer Erkrankung der Atemwege – benötigt also entsprechende Medizin, die irgendwann zur Neige geht. Im Flachland, da hortet so manches leerstehendes Krankenhaus jede Menge davon. Also ab ins Tal, den Rucksack geschultert, Deadpool-Love Interest Morena Baccarin im Schlepptau, die hier als wissenschaftlich versierte Forscherin den Ungetümen ihre Achilles-Ferse entlocken will, sofern sie welche haben. Eine dritte Dame zählt auch noch zu dieser Selbstmord-Clique, die von nun an im Schlinger-Kurs dem Schnauben der hart gepanzerten Schreckensgestalten ausweichen muss.

What you see is what you get: Nach dieser Devise offenbart uns George Nolfi (Regie bei Der Plan mit Matt Damon und The Banker, ebenso mit Anthony Mackie) einen sehr geradlinigen, zutiefst erwartbaren mehrtägigen Wandertag, und wir sind froh, nicht unsere Lungen beanspruchen zu müssen, sondern nur die Gelenke, die nach stundenlangem Downhill-Walk irgendwann zu schlackern beginnen. Diese Ausdauer, die diese drei dem Schrecken ins Auge sehenden Abenteurer an den Tag legen, ohne dabei Seitenstechen zu bekommen, ist beneidenswert. Während man, ohne viel nachdenken zu müssen, angesichts dieses exotischen Wildtier-Managements Zerstreuung findet, strengt der malträtierte Beute-Mensch dann doch noch seine Gehirnzellen an, um Marke McGyver so manche nicht verpasste Physikstunde Revue passieren zu lassen. Mit dieser Schlauheit macht der Film dann auch noch einige Drehbuch-Defizite wett in diesem Spiel auf Zeit und um Höhenmeter. Eine nette Idee übrigens, diesen Viechern gewisse Grenzen aufzuzeigen und auch das Mysterium um den Invasor mag gar nicht so recht gelüftet werden, was nicht zum Schaden gereicht. Durch diese Geheimniskrämerei sieht es fast so aus, als spekulierten die Macher auf eine Fortsetzung, die dann andere Töne anschlagen wird. Ob die Höhe dann immer noch den Ausschlag gibt, mag dahingestellt sein.

Elevation (2024)

The Primevals (2023)

GUT GEBRÜLLT, YETI!

6/10


Primevals© 2023 Full Moon Entertainment


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: DAVID ALLEN

DREHBUCH: DAVID ALLEN, RANDALL WILLIAM COOK

CAST: RICHARD JOSEPH PAUL, JULIET MILLS, LEON RUSSOM, TAI THAI, WALKER BRANDT, ROBERT CORNTHWAITE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Ich wusste es! Kraxlerkönig Reinhold Messer hat recht gehabt: Den Yeti oder Schneemenschen gibt es wirklich. Zwar nicht in eisbäriger Pracht, jedoch als Ungetüm von einem anthropomorphen Megagorilla, bisweilen aber wesentlich kleiner als der derzeit im Kino wütende CGI-King Kong. Dieser Yeti hier, der wirkt tatsächlich so, als wäre er weniger formatfüllend als er aussieht. Das liegt daran, dass im Stop-Motion-Verfahren bewegte Miniaturen in ein ebenfalls miniatürliches Diorama gesetzt werden. Die Live-Acts werden dann reinkopiert – oder umgekehrt: Der Yeti ist Projektion, die Abenteuerclique aus dem Retro-Streifen The Primevals tummeln sich im Pappmaché-Himalaya und lassen sich von Styroporschnee berieseln, während sie erhabenen Blickes zu einer kryptozoologischen Einzigartigkeit aufsehen, die hier um ihr Leben plärrt. Wer nun glaubt, ich habe hier einen Klassiker aus den frühen Jahren der Harryhausen-Animationskultur abgestaubt, der irrt: The Primevals hat erst letztes Jahr das Licht der Welt erblickt und nicht schon 60 Jahre zuvor. Das meiste davon wurde bereits 1994 umgesetzt, innerhalb der letzten dreißig Jahre starb Regisseur und Stop-Motion Virtuose David Allan und das unfertige Filmchen lag brach – bis sich dessen Protegé Chris Endicott des Projektes erbarmte und dieses fertigstellte. Siehe da: Dieses Abenteuer ist die Handarbeitsversion eines Indiana Jones-Abenteuers mit allerlei devoten Verbeugungen vor den Welten, die Jules Verne Ende des vorletzten Jahrhunderts erschuf. Wir wissen: Die französische SciFi-Ikone nahm bereits den Mondflug vorweg und tauchte 70.000 Meilen unter dem Meer dahin. Die Sache mit der Hohlwelt war auch seine Idee, doch was er vermutlich noch nicht hatte, war die Entdeckung eines Tals zwischen den höchsten Gipfeln der Erde, welches frappant an Shangri La erinnert und eine Tierwelt beherbergt, welche Charles Darwin mitsamt seiner Evolutionstheorie unter die Achsel geklemmt im Grab rotieren lassen würde.

Bevor es aber so weit kommt, wird erstmal dieser Yeti vor einem Fachpublikum präsentiert und ein junger, ehrgeiziger Wissenschaftler für eine Expedition gewonnen, die an den Fundort dieser Megafauna führen soll. Ziel ist es, einen zweiten, allerdings lebendigen Affen dieser Art gefangen zu nehmen, um ihn schließlich zu erforschen. Es wäre kein waschechtes Abenteuer, würde alles glatt gehen. Während das fünfköpfige Team – unser fescher Held, eine Uni-Dozentin, eine Yeti-Forscherin, ein Haudegen Marke John Wayne und ein nach Rache dürstender junger Tibeter, dessen Bruder beim Kampf mit der Bestie ums Leben kam – den Fels erklimmt, entdecken sie eine Höhle, die sie geradewegs in ein Paradies schickt, das nur so tut als ob und ein Geheimnis beherbergt, das nicht nur die Evolutionstheorie, sondern auch das gesamte Verständnis des Universums – ach herrje! – auf den Kopf stellen würde!

Beim Sichten dieser völlig aus der Zeit gefallenen Liebhaberei staunt man genauso wie all jene Protagonistinnen und Protagonisten, die sich einer Schauspieltechnik bedienen, die ungefähr so alt sein muss wie das Geheimnis hinter dem Berg. Denkwürdige Momente sind das allesamt keine. Von vor Pathos triefenden Textzeilen und simplen Dialogen kann man sich in diesem Film aber nicht verstecken. Worauf man sich einlässt, ist ein bieder-klassisches Abenteuer aus einem konservativen Damals, das es aber stets vermeidet, vorgestrige Werte auch noch mit in die Gegenwart zu retten. The Primevals liefert die Essenz kaminfeuertauglicher fantastischer Geschichten, die noch im Röhrenfernseher laufen, während man nebenher eine Tasse Kaffee mit Rum schlürft, weil Rondo Montana, so der verwegene Kerl der Truppe, dies womöglich auch so handhabt. Erstaunen, Geistesgegenwart und Heldentum feiern eine biedere, freiwillig unfreiwillig komische Wiederauferstehung vor Matte Painting-Kulissen, die manchmal verblüffend gut mit den real besuchten Locations verschmelzen. Das Creature Design ist herzallerliebst, wie ein Puppentrickfilm mutet das Ganze an, wobei Stop-Motion-Gott Phil Tippet (Mad God) wohl noch einige Luft nach oben sähe, was die Geschmeidigkeit der Bewegungen angeht. Dazu die paar Menschleins, die in einer besseren Welt leben, als alles noch in Ordnung war und auch seine Ordnung hatte.

Beschauliche Science-Fiction ist das geworden, vielleicht in ein paar Jahrzehnten genauso Kult wie Metaluna IV antwortet nicht. Doch während es zur Zeit der alten Filme wohl kaum einer besser wusste oder es besser konnte, mag man zum Ende des 20. Jahrhunderts bis in die 20er Jahre des neuen Jahrtausends hinein nichts dazugelernt haben. Somit bleibt The Primevals ein konserviertes, obskures Kleinod in einer Welt der Schnelllebigkeit, der KI und der aalglatten Perfektion. Eine Art reaktionäres Relikt, das ganz bewusst in der Nostalgie verharrt.

The Primevals (2023)

Borderlands (2024)

WELTRAUM-INDY AUS DEM DISKONTER

4/10


borderlands© 2024 Leonine


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ELI ROTH

DREHBUCH: ELI ROTH, JOE CROMBIE, NACH DEM GLEICHNAMIGEN COMPUTERSPIEL

CAST: CATE BLANCHETT, ARIANA GREENBLATT, KEVIN HART, JACK BLACK, FLORIAN MUNTEANU, JAMIE LEE CURTIS, ÉDGAR RAMIREZ, GINA GERSHON, JANINA GAVANKAR, HALEY BENNETT, CHEYENNE JACKSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Würden Oliver Kalkofe und Peter Rütten Eli Roths neuen Streifen in ihr mittlerweile legendäres SchleFaZ-Format aufnehmen? Ich bin der Meinung: Das würden sie nicht. Denn Borderlands fehlt die Attitüde, keinen müden Furz darauf zu lassen, ob er nun gefällt oder nicht. Dieser Charme eines Trashfilms, den Spaß an der Freude zu zelebrieren, indem man für nicht mal ein paar Drehtage vielleicht gar, wenn‘s hochkommt, charmant-naiven Müll produziert, lässt sich in Borderlands nicht finden. Denn Borderlands will prinzipiell mal funktionieren, an den Kinokassen klingeln, den Event-Kinosommer vielleicht gar mit ordentlichem Getöse beenden. Das unfreiwillige Scheitern an rudimentären filmischen und zu erfüllenden Parametern ist es dann, was aus einer ernstgemeinten und unbedingt spaßig sein wollenden Videospielverfilmung nicht mal einen kuriosen Mehrwert lukriert, sondern daraus eine über den Kamm geschorene Belanglosigkeit entfesselt, die man normalerweise nur in den Direct to Stream-Formaten eines Riesen wie Netflix findet, der Millionen an Dollar in Filme gepulvert hat, die in der sträflichen Vorhölle der Gleichförmigkeit verschwinden – zu nennen wären da Heart of Stone, Red Notice, The Adam Project oder The Gray Man. Etwas Schlimmeres kann einem Film nicht passieren, nämlich nicht mehr von anderen genreverwandten Formaten unterschieden werden zu können. Borderlands wird es genauso ergehen. Bald wird niemand mehr wissen, ob und wenn ja wodurch dieser Streifen ein Alleinstellungsmerkmal verdient hätte. Sehr bald wird sich niemand mehr daran erinnern, wie nichtssagend dieses Unterhaltungskino gewesen sein mag. Borderlands? Weiß ich nicht mehr. Angriff der Killertomaten? Oh ja, schrecklich schlecht und andererseits in seiner Konsequenz wieder genial. Nichts tut einem Film mehr an als ihn vergessen zu machen.

Dabei muss er prinzipiell gar nicht mal so schlecht sein. Borderlands bietet zumindest solide Optik, einen soliden Cast und reichlich Action, die, sitzt man im Kino zu weit vorne, etwas verschwimmt. Es gibt also schlechteres. Zum Beispiel Rebel Moon. Der übereifrige und ehrgeizige Zac Snyder hat sich mit seinem unendlich ambitionierten Science-Fiction-Epos noch viel mehr unfreiwillig lächerlich gemacht als es Borderlands tut. Denn Snyder hat seinem Epos keinerlei Leichtigkeit verpasst, stattdessen eine stirngerunzelte Ernsthaftigkeit mit noch weniger Humor als Eli Roths Versuch, an Größen wie Guardians of the Galaxy oder der leider abgesetzten Weltraumserie Firefly anzudocken. Wer Borderlands im Kino sieht, kann sich nach einem harten heißen Arbeitstag einlullen lassen und nebenbei Popcorn mampfen. Von einem wenig sinnstiftenden Chaos kann allerdings keine Rede sein, da gibt es Chaotischeres wie zum Beispiel den Oscar-Streifen Everything Everywhere all at Once. Mehr Chaos geht nicht. Dafür ist Borderlands erzählerisch viel zu bieder und eingleisig. Und auch gnadenlos gekürzt – das sieht und fühlt man. Sprunghafter Szenenwechsel lässt den Film in seinem Erzählfluss immer wieder stolpern. Eine Einführung der Charaktere fehlt, stattdessen muss sich ein illustres Ensemble eine Spielfilmlänge lang bemühen, sich interessant zu machen. Cate Blanchett hat da keinerlei Berührungsängste – eine der nervigsten Rollen der Geschichte des Eventkinos geht mit der Antagonistin Irina Spalko aus Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels auf ihr Konto. Womöglich tut ihr, so dachte sie sich vielleicht, anspruchsloses Kino wieder mal gut, nach verkopften Schergewichten wie Tár. Und dennoch hat ihre Figur die größte Aura. Der Rest bleibt flach, so flach wie der Cast in Rebel Moon.

Man muss dazusagen, dass Borderlands – im Gegenzug zu The Last of Us oder Fallout (zwei gelungene Videospielverfilmungen, als Serie wohlgemerkt) – als Videospielgrundlage eine zugegeben dürftige Lore bietet. Da gibt es wenig, woran man eine mit Metaebenen angereicherte Story entwickeln kann. Wohin also mit dieser potenziellen eierlegenden Wollmilchsau? Eli Roth und sein Team orientieren sich an Indiana Jones, Dungeons & Dragons, Mad Max – das ganz offensichtlich – und bereits erwähnten Kultserie Firefly. Dieser Mischmasch an Ansätzen macht es zwar nicht besser, bringt aber zumindest eine abgesteckte Geschichte zum Laufen, die sich dank ihrer simpel gestrickten Kapitel leicht verfolgen lässt, die sich am Ende aber heillos verschwurbelt und, versunken in völliger inszenatorischer Ratlosigkeit, lieber mit B-Movie-Effekten herumdonnert als sein Szenario den Witterungen des Planeten Pandora (echt jetzt? Pandora?) zu überlassen. Borderlands ist ideenlos, ganz klar, teuer und ideenlos, doch hätte die ganze Sache eben nicht einer wie Eli Roth zu verantworten, der wahrlich keine Koryphäe ist auf seinem Gebiet, wenn er mal nicht ahnungslose Studenten in slowakischen Kellern verwurstet, wäre zumindest das Skript eleganter ausgefallen. Im Vergleich zu Guardians of the Galaxy von jemandem wie James Gunn wirkt Borderlands wie das Diskonter-Schnäppchen für Möchtegern-Trittbrettfahrer. Zwischen beiden Welten liegt viel leerer Raum, die qualitative Diskrepanz tut fast weh – und dennoch hat Roths Konstrukt immerhin ein paar Schau- und Erquickungswerte, unter anderem die seltsame rote Perücke von Blanchett, das Pipi-Ungeheuer oder einen unkaputtbaren Minion-Roboter, der, wenn der Tag lang ist, alle vollquasselt wir Rocket Rakoon das tut. Jamie Lee Curtis, sonst ein Kapazunder im Komödienfach, scheint diesmal nichts mit ihrer Figur anfangen zu können.

Dass sich die Welt bereits mutwillig auf Borderlands eingeschossen hat, mag verwundern. Da gibt es unzählige andere Gurken, die noch krummer sind. Viele nichtssagende Geldverschlinger, über die sich keiner so lautstark echauffiert. Allerdings: Sich mit einer Videospiel-Fangemeinde anzulegen, ist eine Fifty-Fifty-Chance. Vermutlich wettern deswegen alle so sehr gegen dieses neue Kino-Feindbild. Ungerechtfertigt? Bis zu einem gewissen Grad schon. Ungerecht? Wohl eher. Gesehen und vergessen mag aber bei allen die Devise sein, deren Geldgeber versuchen müssen, angesichts qualitativer Mängel zu retten, was noch zu retten ist. Es wäre wegen dem Kleingeld.

Borderlands (2024)

Atlas (2024)

J.LO IM CGI-GEWITTER

6/10


atlas© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRAD PEYTON

DREHBUCH: LEO SARDARIAN, ARON ELI COLEITE

CAST: JENNIFER LOPEZ, SIMU LIU, STERLING K. BROWN, MARK STRONG, LANA PARRILLA, GREGORY JAMES COHAN, ABRAHAM POPOOLA, ZOE BOYLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eine Zeitenwende wie diese, in der wir uns gerade befinden, kommt niemals ohne Skepsis aus. Die Etablierung der KI ist dabei nur eine Frage der Zeit, und die Frage, ob gut oder schlecht für die Menschheit, eine offene. Vor Jahrzehnten schon hatte James Cameron diese seine Fiebervision von einem Killerroboter, der Menschen jagt, genannt der Terminator. Ausgebaut zu einem eigenen Filmuniversum mit wenig fruchtbaren Boden enthält dieses allerdings die Prämisse einer autarken, künstlichen Intelligenz, die sich gegen ihre Schöpfer auflehnt – genannt Skynet. Ja, so könnte es enden, dem Planeten an sich wäre es egal, weil Homo sapiens ohnehin am Ende der Nahrungskette steht oder irgendwo außerhalb selbiger. Uns selbst bereitet so ein Horrorszenario Kopfzerbrechen, und deswegen gibt es auch jenseits des Cameron-Franchise jede Menge Hightech-Grusel, die Roboter-Egomanen beinhalten, die sich nicht an Asimovs Regelwerk halten. Neuester Beitrag ist der auf Netflix erschienene Science-Fiction Film Atlas, wobei sich der Titel natürlich nicht auf die griechische Mythologie bezieht, sondern auf Jennifer Lopez, die im Film zwar nicht das ganze Firmement, aber immerhin genug Verantwortung tragen wird, was das Fortkommen der Menschheit betrifft. Atlas ist eine Koryphäe auf dem Gebiet Künstlicher Intelligenz, hält dieser aber weder für vertrauenswürdg noch berechenbar. Mit dieser Ablehnung dem Fortschritt gegenüber finden Jennifer Lopez und Regisseur Brad Peyton vor dem Bildschirm sicherlich jede Menge Gesinnungsgenossen, mehr noch als damals in den Achtzigern und frühen Neunziger. Skynet wurde damals noch belächelt, der neue Heerführer der Apokalypse, eine KI namens Harlan (Simu Liu), wird da schon anders betrachtet.

Dieser Schaltkreis-Schurke hat in einer nicht ganz so weit entfernten, aber doch in Anbetracht unseres tatsächlichen Status Quos völlig in den Sternen stehenden Zukunft einen globalen Vernichtungskrieg auf dem Gewissen. Nach dessen Niederlage zieht sich der Finsterling auf einen fremden Planeten zurück, um sich neu zu formieren. Wie er das bewerkstelligt hat, wird nicht näher erläutert, denn in dieser Zukunft ist selbst das Reisen in den Andromeda-Nebel, sprich in eine andere Galaxie, so einfach wie das Busfahren quer durch den Heimatbezirk. Die Ausgangssituation ist also alles andere als plausibel, da haben sich die Skriptautoren in kindlicher Fabulierlust allerlei Motive bedient, die ja ganz nett zusammenpassen und die vielleicht die angsterfüllte Skepsis jener aufgreifen, die in ganz anderen Dekaden hineingeboren wurden und schon beim Verlust des Wählscheibentelefons Wehmutsgefühle verspüren.

Zugegeben, es funktioniert. Trotz und vielleicht gerade wegen Superstar Jennifer Lopez, die ich wohl wirklich nicht als jemanden gesehen hätte, der sich in die Miniaturausgabe eines Pacific Rim-Kamproboters zwängt, um als Möchtegern-Actionheldin einem Overkill zu frönen, der sich von der Schwemme mäßig animierter Future-Action-Billigfilme mitreißen lässt. Es stellt sich die Frage, warum J.Lo diese Art Genrefilm denn nötig hat. Netflix und gutes Geld könnten die Antwort sein, auch, weil ihr Streaming-Eventfilm The Mother trotz durchwachsener Kritiken unschlagbar gute Zugriffszahlen aufwies. Ob Lopez in diesem Effektgewitter einen anderen Mehrwert sieht als nur den, als Superstar in der Spur zu bleiben? Dass die Sängerin, die gerne loud wird, auch schauspielern kann, hat sie vor Jahrzehnten schon in Steven Soderberghs Out of Sight bewiesen – immer noch ihre beste Rolle. Interessant ist, zu beobachten, wie sich die mittlerweile 54jährige Künstlerin bei einem Film ins Zeug legt, der in moralisch integrer Vorhersehbarkeit eigentlich jemanden wie sie nur als Lockvogel benötigt, um gut abzuschneiden.

Es scheint, als sähe J.Lo in ihrem Engagement mehr als nur das. Anfangs scheint es noch so, als wäre sie fehl am Platz. Mit verstrubbelter Montagmorgen-Frisur und asozialem, bisweilen als hölzern durchgehenden Gebaren ihren CO-Stars gegenüber könnte man gar einen Film vermuten, der irgendwann zu trivial wird. Als Expertin, die sich an einer Mission beteiligt, um Harlan dingfest zu machen, mag sie nur bedingt glaubwürdig sein. Wenn sie dann aber auf einem wilden Planeten landet und auf Gedeih und Verderb mit einer KI namens Smith paktieren muss, die vorgibt, dass das Vertrauen in diese keine verlorene Liebesmüh darstellt, überzeugt die Dame dann doch mit situationsadäquater Verzweiflung, mit Wut und Verlustangst.

Atlas (2024)

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

DIE STRASSE IST NICHT GENUG

6/10


furiosa© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2024

REGIE: GEORGE MILLER

DREHBUCH: GEORGE MILLER, NICO LATHOURIS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, ALYLA BROWNE, CHRIS HEMSWORTH, TOM BURKE, LACHY HULME, NATHAN JONES, ANGUS SAMPSON, JOSH HELMAN, JOHN HOWARD, DANIEL WEBBER, ELSA PATAKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Für diesen Film war ich in der D-Box. Was das ist? Ein Kinosaal, der immersives Erleben verspricht. Will heißen: Die Sitze, die man gebucht hat, werden dahingehend aktiviert, dass sie sich, abgestimmt aufs Filmerlebnis, entsprechend bewegen. Wenn also zum Beispiel ein Bolide startet, dann wummert auch der eigene Untersatz. Macht die Kamera einen Schwenk, schwenkt dieser dann auch gleich mit. Ist man anfällig für Schwindel, kann das zum Verhängnis werden. Ist aber der Gleichgewichtssinn einer, auf dem man sich verlassen kann, dürfte das erweiterte Einbeziehen der Sinne zumindest bei Furiosa: A Mad Max Saga durchaus Sinn machen. Denn dort brummen und heulen Motoren jede Menge, es explodieren und überschlagen sich Karosserien, es wird geschossen, gekämpft und Wüstenstaub aufgewirbelt – inmitten dieses nach gutem alten Handwerk inszenierten Spektakels das unverwechselbare, faszinierende Konterfei von Anya Taylor-Joy, die allerdings erst nach einer guten Stunde vor die Kamera tritt und vorher ihrer weitaus jüngeren Kollegin Alyla Browne den Vortritt lässt, um die gesamte fiktive Biographie von Furiosa zu erzählen, die Charlize Theron in dem 2015 erschienenen Mad Max: Fury Road schon verkörpert hat – mit geschwärzter Stirn und mechatronischem Arm. Diese Action-Ikone mischt nun also auch George Millers Spin Off auf, und auch wenn sich Taylor-Joy die meiste Zeit hinter Schutzbrillen, Staubtüchern und einer ganzen Schicht Ruß und Motoröl verbirgt – ihre Performance gibt Furiosa: A Mad Max Saga mitunter das, was Mad Max: Fury Road eben nicht hatte: Eine Identifikationsfigur, die einem nicht so gänzlich egal ist wie Tom Hardy, der, wortkarg und unnahbar, den langen, langen Wüstenhighway entlangfuhr, um eben von A nach B zu kommen und sonst nichts weiter.

Währenddessen hatte dieser sämtliche Banden am Hals, mitunter jene von Immortan Joe, einem schwer atmenden Freak mit Maske und transparenter Rüstung, der seine weiß getünchten Jünger gerne sinnlos in den Tod schickt. Alles keine Guten, schon gar nicht ein gewisser Dementus, der von Chris Hemsworth verkörpert wird. Mit dieser exaltierten Rolle, die Rockikonen wie Jim Morrisson, Gene Simmons oder Jon Bon Jovi auf eine Weise karikiert, die zur postapokalyptischen Parodie gereicht, hat Hemsworth sichtlich Spaß. Dass er dabei den Marvel’schen Donnergott zum marodierenden Biker-Cäsaren umkrempelt, noch dazu mit einem Pfrnak, der sein Antlitz grotesk verzerrt, ist reine Absicht. Hemsworth hat lausbübisches Vergnügen an seiner Figur, entsprechend ungestüm wütet er inmitten eines Szenarios, das allerdings nicht viel mehr hergibt als ohnehin schon aus dem Mad Max-Universum freigelegt wurde. Denn George Millers ersonnenes Franchise ist letzten Endes ähnlich karg und wenig fruchtbar wie die Welt, die für handgemachte Action und an die Substanz gehende Stunts die entsprechende Bühne schafft.

Es ist die Wüste, es sind diverse Festungen, es ist die Anarchie einer Endzeit voller Landpiraten, die sich unentwegt bekriegen und nicht imstande sind, sowas wie eine ernstzunehmende Zivilisation aufzubauen. Nach einem nicht näher definierten Ende einer Ordnung, wie wir sie kennen, beherbergt besagtes Wüstenland immer noch geheime grüne Orte, die Furiosa anfangs noch ihre Heimat nennt – bis sie von Rabauken des gottgleichen Dementus entführt wird. Mamas Versuch, die Kleine zurückzubringen, scheitert blutig. Das rothaarige Mädel ohne rechte Kindheit wird wenig später an diesen Immortan Joe verhökert und mausert sich zur Kriegerin, immer nur mit dem einen Ziel, Rache zu üben an den krummnasigen Größenwahnsinnigen, der drauf und dran ist, die absolute Herrschaft zu erlangen.

Bis dahin wird noch viel Sprit verbraucht werden und Karosserien ihre Knautschzonen beanspruchen, werden Tanklaster die Fury Road entlangrasen, Bagger ihre Schaufeln schwenken, sodass Bob, der Baumeister feuchte Augen kriegt und prächtig ausgestattetes Banditen-Gesocks ihre brandneuen Kollektionen vorführen. Mit dieser Liebe zum Detail spielt George Miller, dessen prinzipientreue Analogregie für handgemachtes Rambazamba aller Art auch hier sein Markenzeichen bleibt, seine Trümpfe aus. Vom Nippelzwicker über weißgetünchte Kamikaze-Indigene bis zu Masken und Helmen aller Art füllt Miller ein postapokalpytisches Volkskundemuseum. Dazwischen rattert der Sitz und rattern die Konvois, Treibstoff gibt’s genug, als gäbe es an jeder Ecke eine Tankstelle, doch sonst lässt das Szenario einen kalt. In ausgesuchter Plakativität geben sich flache Figuren einem Schicksal hin, das niemanden tangiert. Die Geschichte rund um Mad Max ist eine hohle Sache, nur immer und immer wieder lässt sich Ähnliches, aber niemals anderes aus dem Konzept herausholen. Diesen Spaß kann man das eine oder andre Mal noch variieren, doch die Aussicht, dass dieser sich totläuft, ist keine Schwarzmalerei. Wie beim Franchise rund um den Terminator, dessen Fortsetzungen immer die gleiche Geschichte aufwärmen, mag die Mad Max-Welt nicht viel mehr hergeben als wilde, handwerklich erlesene, aber kaltschnäuzige Action. Bis die hochtourige Endzeit einer niedertourigen Endzeit die Straßen überlässt.

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

DER MENSCH ALS DEM AFFEN UNTERTAN

7,5/10


KINGDOM OF THE PLANET OF THE APES© 2024 20th Century Fox. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: WES BALL

DREHBUCH: JOSH FRIEDMAN

CAST: OWEN TEAGUE, FREYA ALLAN, KEVIN DURAND, PETER MACON, WILLIAM H. MACY, TRAVIS JEFFERY, LYDIA PECKHAM, NEIL SANDILANDS, EKA DARVILLE, DICHEN LACHMAN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 25 MIN


Die Postapokalypse ist eine, die der Natur in die Hände spielt. Im Gegensatz zu einem verwüsteten Planeten wie in Mad Max, Terminator oder Fallout hat sich hier, hunderte Jahre nach dem Niedergang der Menschheit, die Botanik scheinbar alles zurückgeholt, was sie verloren hat. Das neue Zeitalter hat scheinbar wieder ein stabiles Klima, die Zivilisation des Homo sapiens wäre ein Fall für den Affen-Archäologen, sofern es welche gäbe. Lange Zeit nach dem Tod der Leitfigur Cesar leben Primaten nicht mehr auf Bäumen, sondern haben sich die nur langsam dahinbröckelnden Fragmente des Industriezeitalters zunutze gemacht, um darauf ihre Reiche zu errichten. Wie im Original Planet der Affen von Franklin J. Schaffner beherbergt der Planet der Affen zwar immer noch unsere Spezies, doch diese hat nun den Platz des instinktgesteuerten Tieres eingenommen, das von manchen Affenclans gerne gejagt und versklavt wird. Ein durch die Wolkendecke stürzender Astronaut namens Charlton Heston bleibt diesmal aber aus – dass der Planet nämlich unsere liebe Erde ist, die dank eines Virus den Affen das kognitive Denken brachte und uns die Verdummung, ist von vornherein klar, da braucht es keine Freiheitsstatue, die an den Ufern halb vergraben gen Himmel ragt. Ein Story Twist, den mittlerweile jeder kennt.

In dieser neuen Erzählwelt gibt es wie bei uns Menschen die Guten und die Bösen, zu den Guten zählt der Clan der Adler, allesamt Schimpansen, die es sich auf Strommasten gemütlich gemacht haben und alljährlich gewisse Rituale pflegen, welche die Jungspunde der Gemeinschaft aufeinander einschwören sollen. Leider Gottes führt der Ehrgeiz eines gewissen Noa (Owen Teague) dazu, dass marodierende Brutalos aus Gorillas und Bonobos Noas Clan dem Erdboden gleichmachen und viele davon entführen. Ihm selbst gelingt es, zu flüchten, dabei nimmt er sich vor, Familie und Freunde zu befreien.  Eine Menschenfrau folgt ihm dabei auf Schritt und Tritt, und es hat den Anschein, dass dieses Individuum zu höheren Denkleistungen fähig ist als alle anderen. Ein Orang-Utan macht das Trio komplett, doch der dubiose Proximus, der sich selbst als neuer Cesar hält, hat seine Leute überall. Ein Entkommen scheint aussichtslos.

So viel zur natürlich recht überschaubaren Geschichte, die all den Zeitreise-Firlefanz außen vorlässt und ein hemdsärmeliges, sehr griffiges Abenteuer ohne Längen erzählt, dessen Verlauf nicht immer ganz vorhersehbar bleibt. Diesmal hat Wes Ball, verantwortlich für die Maze Runner-Trilogie und erfahren, was postapokalpytische Szenarien betrifft, die Regie übernommen. Sein Fokus liegt dabei auf Charakterzeichnung, auf die akkurate Imitation äffischer Bewegungsmuster, Mimiken und Verhaltensweisen. Ball bringt mit dem Orang-Utan Raka eine derart liebenswerte Person ins Spiel, die schon in den ersten Minuten zum geheimen Star des ganzen Films wird, zum hoch geschätzten Humanisten unter den Primaten, zum Philosophen und Anwärter für den Friedensnobelpreis. Proximus, kongenial verkörpert von Kevin Durand (zuletzt gesehen in Abigail), lässt Planet der Affen: New Kingdom zum Shakespeare’schen Königsdrama werden, schicksalhaft und hochdramatisch. Dank dieser Vorzüge bewegt sich der vierte Teil des Reboots auf selbstbewussten narrativen Pfaden und schickt Bilder ins Gedächtnis der Zuseher, die durchaus als ikonisch bezeichnet werden können. Wenn auf Pferden reitende Gorillas gefesselte Menschen vorantreiben, im Hintergrund die rostzerfressenen Wracks ehemaliger Containerschiffe, dann triggern Retro-Flashbacks die Liebe des Dystopie-affinen Zusehers zu den Filmen aus den Sechzigern und Siebzigern, zu einer geradlinigen Art von globaler Wissenschaftsvision und Endzeit. Die Stimmung ist perfekt, die Tricktechnik sowieso. Immer wieder erstaunt es, was Motion Capture alles kann, wie Haut- und Felltexturen nachempfunden werden können, obwohl noch immer genug Luft nach oben ist und der Unterschied zum echten, lebenden Schimpansen im direkten Vergleich sicherlich noch frappant genug ist.

Planet der Affen: New Kingdom macht vieles richtig und setzt klug die Prioritäten. Was dem Film nicht ganz gelingt oder ihn davon abhält, als Meisterwerk durchzugehen, sind der Geschichte geschuldete Kompromisse in Sachen Plausibilität, Logik und der Physik der Gezeiten. Hätte sich das Skript in diesen Dingen nicht zu sehr bequemt, wäre die hochemotionale, wunderbar anzuschauende Charakter-Odyssee ein Science-fiction-Abenteuer allererster Güte geworden. Der beste Teil der ganzen neuen Reihe ist es aber immer noch.

Am Ende kann man nur hoffen, dass der gnadenlos besitzergreifende Homo sapiens (Freya Allan als Menschenfrau Mae lebt es vor) nicht wieder auf die Idee kommt, vermehrt sein Gehirn zu gebrauchen. Mit denkenden Affen ist es nämlich so viel schöner.

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

Godzilla x Kong: The New Empire (2024)

ES RÜTTELN DIE TITANEN AM WATSCHENBAUM

6,5/10


godzillaxkong© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ADAM WINGARD

DREHBUCH: SIMON BARRETT, TERRY ROSSIO, JEREMY SLATER

CAST: REBECCA HALL, DAN STEVENS, BRIAN TYREE HENRY, KAYLEE HOTTLE, ALEX FERNS, FALA CHEN, RACHEL HOUSE, RON SMYCK, CHANTELLE JAMIESON U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Je mehr Episoden es gibt, und je weiter diese von Gareth Edwards Neuinterpretation der Riesenechse aus dem Jahr 2014 entfernt sind, umso weniger ist die Story, die hinter allem steht, noch von Bedeutung. Ein Fehler? Wie man es nimmt. Es kommt vor allem darauf an, unter welchen Beweggründen man für Godzilla x Kong: The New Empire die Lichtspielsäle heimsucht. Wohl weniger, um zu erfahren, wie es nach Godzilla vs. Kong weitergeht.

Den Plot haben viele schon vergessen. Die auf AppleTV+ veröffentlichte Serie Monarch: Legacy of Monsters siedelt zeitlich zwischen Gareth Edwards Reboot und dem Sequel Godzilla II: King of Monsters, ist also für diesen neuen Streifen relativ irrelevant, mit einer Ausnahme: Die Organisation namens MONARCH rückt dabei in den Fokus – quasi das S.H.I.E.L.D. des MonsterVerse, deren kluge Köpfe in früheren Zeiten schon zur logischen Schlussfolgerung gekommen waren, dass diese Titanen nicht aus heiterem Himmel auf diese alternative Erde gefallen sein konnten. Als Zuseher von der Hohlwelt zu wissen mag kein Fehler sein – in Wahrheit ist es aber völlig egal. Wer hier obendrein als menschlicher Charakter mitmischt, hat auch längst keinen Wiedererkennungswert mehr. Rebecca Hall, Brian Tyree Henry – hatten wir die schon mal? All die Beteiligten sind Platzhalter, nichtssagende Figuren in einem großen Spiel, die nur beobachten können, weil sie machtlos sind, wenn die wuchtigen Riesen Marke Elefant im Porzellanladen nicht mal vor Weltwundern Halt machen und alles in Schutt und Asche legen. Sie tun das auch, wenn sie nichts Böses wollen.

Godzilla x Kong: The New Empire können auch jene genießen, die sich noch überhaupt kein bisschen in die Materie hineingearbeitet haben, die einfach nur zugeklotzt werden wollen mit üppigen Effekten und so donnernden wie markerschütternd brüllenden Kreaturen aller Art, die in einer Welt leben, die aus Jurassic Park, Avatar und unserer eigenen Welt zusammenmontiert ist und als Hohlwelt im Inneren der Erde existiert. Es ist der feuchte Traum eines Jules Verne oder H. G. Wells, es ist das Shangri La aller Monsterfans, weil dort wüten kann, was immer man sich auch in den Kopf setzt, was dort wüten soll. Es ist Rudyard Kiplings Dschungelbuch in der XL-Dirty-Version und ein Planet der Affen für Gourmands, die sich ohne Lätzchen ans tischebiegende Buffet begeben, das alle Leckereien bietet, auf die man Lust hat.

Wenn Godzilla, quasi das fleischgewordene Ende der Nahrungskette unter den Titanen, wie ein Hund in seinem Körbchen im römischen Kolosseum sein Nickerchen macht, ist das fast schon eine ungeahnte Zärtlichkeit, eine feine Klinge. Wenn Kong, unter Zahnweh leidend, zum Onkel Doktor aus der Hohlwelt in unsere Hemisphäre krabbelt, um sich von „Ace Venture“-Verschnitt Dan Stevens einer Wurzelbehandlung zu unterziehen, könnte man vermuten, der gemütliche Alltag ist auf Terra eingekehrt, eine durch evolutionären Weltlauf müde gelaufene Koexistenz, bis die nächste Katastrophe heranwalzt. Und das tut sie auch.

Bühne frei für eine Affenbande, die sich aufführt wie die streitlustigste Gang im Wiener Problembezirk Favoriten, fiese Gesellen mit schiefen Visagen und psychopathischen Blicken, so groß wie Kong, aber doppelt aggressiv, angeführt vom hässlichen – weil Boshaftigkeit muss sich in Hollywood immer auch äußerlich niederschlagen – Scar, der als schlaksiger Orang-Utan dem in der Hohlerde indigenen Volk der Iwi ordentlich mit dem Damoklesschwert droht. Die senden wiederum ein SOS an die Oberfläche – eben dort, wo Godzilla seine Schläfchen macht. So müssen die Echse und Kong gemeinsame Sachen machen, um diese aufmüpfigen Rabauken die Ohren langzuziehen, haben diese doch auch eine legendäre Kreatur im Schlepptau, die Scar gehorcht. Seit dem letzten Teil wissen wir noch (oder wir wissen es nicht mehr): Die Echse und der Affe sind nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen und dulden sich nur, wenn jeder seiner Wege geht. Noch ein Faktor, der Krawall verspricht.

Zum waschechten Guilty Pleasure wird Godzilla x Kong: The New Empire immer dann, wenn auch noch andere Titanen mitmischen – schuppiges Gewürm, tollwütige Riesenwölfe oder Giga-Seespinnen, die sich in der Tür geirrt haben. Tricktechnisch pulvern diverse Effektfirmen, allen voran Weta FX, den neuesten Stand der Zunft auf die Leinwand, somit wird Adam Wingards Biomasse-Gewitter zum fotorealistischen Animationsfilm, in welchem all die Menschlein, und sind sie auch noch so wiff im Denken und Handeln, gnadenlos erblassen. Mit ihnen geht auch der arg konstruierte Plot in die Defensive. Warum in Gottes Namen eine neu entdeckte Welt wie diese nicht sowieso schon längst jeden noch so ehrgeizigen Forscher auf den Plan gerufen hat, widerspricht auf obszöne Weise der Neugier des Menschen. Und ob die stämmige Echse mit Hang für allerlei Radioaktives nun Tausende Menschen in den Tod befördert, bleibt ein unbeachtetes Detail am Rande, weil Godzilla seit jeher die kataklysmische Katastrophe verkörpert, die unsere Spezies zu Ameisen degradiert.

Godzilla x Kong: The New Empire (2024)

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (2023)

BAUCHFLECK AUF KOSMISCHER URSUPPE

2/10


REBEL MOON© 2023 Netflix


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ZACK SNYDER

DREHBUCH: SHAY HATTEN, KURT JOHNSTAD & ZACK SNYDER

CAST: SOFIA BOUTELLA, CHARLIE HUNNAM, MICHEL HUISMAN, ED SKREIN, DJIMON HOUNSOU, JENA MALONE, RAY FISHER, COREY STOLL, FRA FEE, CLEOPATRA COLEMAN, STAZ NAIR U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


George Lucas wollte sie nicht: Zack Snyder und sein selbst verfasstes Drehbuch zu einer Star Wars- Episode, die einfach gedreht werden musste, weil das Skript so gut sei. Als Arbeitstitel könnte auf dessen Deckblatt auch Die Sieben Samurai im Weltraum gestanden haben, doch das Konzept der zusammengewürfelten Selbsthilfegruppe zur Verteidigung von was weiß ich was allem ist eine gefühlt tausende Male schon interpretierte und letztlich ausgelutschte Sache. Die Saat hätte unter Zack Snyder allerdings neu aufgehen können. Wir wissen, welch ein Visionär der Mann sein kann. Ich schätze seine Ausflüge ins DC-Universum – die Sprache, die er dabei zum Ausdruck brachte, klingt nach jener aus den Comics. Dem Director‘s Cut seiner Justice League räume ich an guten Tagen gar den Status eines Meisterwerks ein. Und 300 – der spartanische Widerstand gegen die Perser: Ein Stück Action-Avantgarde. Doch Snyder ist vermutlich einer, der, angeleitet, Großes vollbringen mag. Der aber, mit sich selbst alleingelassen, nicht so recht weiß, wo er ansetzen und wo er absetzen soll. Bestes Beispiel, nicht zu wissen, mit welchen Dosen er hantieren muss, ist Rebel Moon. Mit Abstand der schwächste Film des eben erst vergangenen Jahres.

Zack Snyder hat jede Menge Potenzial, darüber lässt sich meiner Ansicht nach gar nicht streiten. Was er allerdings nicht kann, zeigt der Auftakt eines Franchise, welches, ist der erste Teil mit einer Länge von knapp zweieinhalb Stunden mal durchgestreamt, zumindest bis zu diesem Punkt nichts und niemanden bereichert. Weder das Genre des Science-Fiction-Films noch die dem Phantastischen zugetane Zielgruppe. Dass da so einiges nicht rund läuft, lässt sich bereits in einer der ersten Einstellungen erkennen. Sofia Boutella, Ex-Mumie und Star Trek-Alien, beackert auf dem Mond Veldt auf vorsintflutliche Weise ein Feld, hinter ihr ein aubergineroter Sonnenuntergang. Irgendeine Bodenfrucht gräbt unsere spätere Heldin dabei aus, während sie Besuch aus dem Dorf bekommt, das eher einer Siedlung gleicht. Das alles hat den Touch einer schlecht beleuchteten Bühne. Sets wie diese ohne Tiefenwirkung unterliegen artifiziellen Effekten, die keine Stimmung vermitteln – nur eine von mehreren Unzulänglichkeiten, die der prognostizierten Epik von Snyders persönlichem Vorhaben im Wege stehen. Die Problematik beginnt zeitgleich mit der Wahl seiner Mittel auch mit dem zugrundeliegenden Plot.

Die ehemalige Elitesoldatin Kora dürfte vor einiger Zeit mit ihrem Raumschiff auf Veldt abgestürzt und von der Gemeinschaft der autarken Bauern aufgenommen worden sein. Ein besserer Weg, um aus einer tyrannischen Maschinerie wie jene des Regenten Basilarius auszusteigen, wird sich wohl kaum finden. Und dennoch reicht der Arm der Mutterwelt sogar so weit, um der archaischen und stark an Nordländer erinnernden Gemeinschaft ein Komitee zu schicken. Admiral Noble nämlich, gespielt von Ed Skrein und seiner Uniform sowie überhaupt dem ganzen Gehabe nach stark an einen gehirngewaschenen Psychopathen aus dem Nazi-Regime erinnernd, sucht wie seinerzeit im Star Wars-Universum der Großinquisitor und seine Handlanger nach Rebellen, die sich hier versteckt halten. Die Bösen verbreiten naturgemäß Angst und Schrecken, während Kora und Gunnar mithilfe des an Han Solo erinnernden Vagabunden Kai entwischen können, um quer durch die Galaxis zu fliegen und Leute zu rekrutieren, die sich später, Seite an Seite mit Zugpferd Boutella, dem Regime in den Weg stellen sollen.

Ein paar bemühte Story-Twists sollen der schalen Geschichte ein bisschen Würze verleihen – leider vergebens. Rebel Moon schmeckt nach nichts. Hat weder Atmosphäre noch Charme noch Wirkung. Eine verdünnte kosmische Ursuppe, die sich frei heraus und mit unverhohlener Dreistigkeit bei gefühlt allen Klassikern des Genres auf eine Weise bedient, die auffälliger nicht sein könnte. Natürlich mischt Star Wars ganz vorne mit, des weiteren Blade Runner, Snyders eigene DC-Filme und Matrix. Snyders gewählter Stil passt vorne und hinten nicht zusammen. Ackerbau und Viehzucht aus stromlosen Zeiten, Mittelalter gepaart mit Steampunk-Monarchismus, griechischen Heldensagen, Harry Potter und antiquarischem High-Tech. Was für ein Hybrid, ein filmisches Kuckuckskind, das überall mitnascht, um nur nichts Eigenes zu entwickeln. In diesem Stückwerk aus angerissenen Welten und mauen Effekten: ein ganzes Ensemble wenig interessanter, geradezu flacher Charaktere, deren Biographien man nicht kennen will, deren Schicksale einem egal sind; die so lieblos aufs Spielbrett gesetzt werden wie Bauernopfer beim Schach. Noch ein Seitenblick auf Star Wars gefällig? Da sind Luka, Leia, Han, Obi Wan und Chewbacca Seelen, die dank ihres Charismas ein ganzes galaktisches System aus ihren Angeln heben können. Blickt man wieder zurück auf Rebel Moon, bleibt nur Schmuck ohne Körper. Langweilig und generisch – fast so, als käme das Drehbuch aus dem Hexenkessel einer KI.

Spätestens, wenn sich Möchtegern-Waterloo Staz Nair mit nacktem Oberkörper allen Zweifeln erhaben auf einen pechschwarzen Greifen schwingt, übertüncht die unfreiwillige Komik letztlich all die halb ausgebackenen Versatzstücke. Die leicht erworbene Selbstgerechtigkeit einer jeden einzelnen Figur steht vielleicht Bat- oder Superman, aber keiner und keinem einzigen in dieser Truppe. Ed Skrein mag da noch wahren, was es zu wahren gibt, als verbissener, aber eindimensionaler Schurke. Dem Rest mag bei der Fahrt durch ein Asteroidenfeld der Parcour gelingen oder auch nicht – die Sorge darüber hält sich in Grenzen.

Rebel Moon – Teil 1: Kind des Feuers (2023)

Trolljäger: Das Erwachen der Titanen (2021)

KEIN MITTEL GEGEN TROLLWUT

6/10


Trollhunters: Rise Of The Titans© 2021 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANDREW L. SCHMIDT, JOHANE MATTE & FRANCISCO RUIZ VELASCO

DREHBUCH: MARC GUGGENHEIM, KEVIN HAGEMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): EMILE HIRSCH, LEXI MEDRANO, KELSEY GRAMMER, CHARLIE SAXTON, TATIANA MASLANY, DIEGO LUNA, NICK FROST, ALFRED MOLINA, STEVEN YEUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Ich behaupte jetzt einfach: Zu den besten Animationsserien für die ganze Familie zählt Trolljäger, das über mehrere Staffeln immer weiter ausgebaute Abenteuer rund um das Städtchen Arcadia und allem, was darunter und darüber existiert. Ähnlich wie in Joss Whedons Sunnydale aus Buffy – The Vampire Slayer, unter welchem das Tor zur Hölle immer mal wieder aufgerissen wurde und alle möglichen Kreaturen, vor allem Vampire, fröhliche Urständ feierten, gibt’s unter dieser beschaulichen Kleinstadt hier das Reich der Trolle. Klingt vielversprechend – und ist es auch. Da gibt es die Guten und die Bösen, Möchtegern-Alleinherrscher und jene, die sich die uns bekannte Erde unter den Nagel reißen wollen. Um das zu vereiteln, dafür gibt’s den Auserwählten, eben wie bei Buffy. Diese(r) Auserwählte, er (oder sie) nennt sich Trolljäger. Und erfunden hat das Ganze niemand geringerer als Monster-Mastermind Guillermo del Toro, der sein detailreiches Universum bereits in Jugendbüchern erzählt und hier als Produzent seiner eigenen Adaption fungiert hat.

Dass der Mexikaner da mitmischt, das erkennt man alleine schon am Design der Kreaturen, die alle irgendwie an seine Gestalten aus Hellboy oder Pans Labyrinth erinnern, nur noch verspielter, experimentierfreudiger, natürlich auch dem deutlich jüngeren Publikum angepasst, welches da vor dem Homescreen nägelkauend so manch spannender, mitunter mit der Jugendfreigabe von 12 Jahren versehener Episode dem Schicksal des jungen Jim und seinen Freunden Claire, Toby und Blinky folgt und sich gar zum Binge-Watching hinreißen lässt, denn immer wieder gibt es Cliffhanger, die man einfach nicht so im Raum stehen lassen kann.

Ergänzt wurde die von Dreamworks kreierte Trolljäger-Serie durch Spin-Offs wie 3 von Oben oder Die Zauberer, doch spätestens da bin ich selbst schon ausgestiegen, war die ganze Story dann doch zu ausufernd und vielleicht auch zu zerfahren, mitunter sowieso noch viel turbulenter als die eigentliche, durchaus aber als meisterhaft zu bezeichnenden Serie, die ihren ganz eigenen Look gefunden hat und sowieso alles bietet, was Del Toro-Fans so lieben. Selbst Ron Perlman, der sowieso beste Hellboy ever, darf einen gehörnten Fiesling synchronisieren. Nach drei Staffeln und einem weitgehend offenen Ende war dann Schluss. Was drei Jahre nach Abschluss der primären Storyline dann folgte, war 2021 Trolljäger: Das Erwachen der Titanen.

Kennt man die Geschichten aus Arcadia, aber nicht die beiden Spin-Offs, ist das weiter kein Problem. Kennt man die Spin-Offs, aber die Kernstory nicht, kann das schon mal für Verwirrung sorgen. Kennt man nichts von alledem und hat’s nicht so mit Animationsserien, braucht man dieses Grande Finale gar nicht auf dem Schirm zu haben. Eine Grundkenntnis dieser Welt ist also Voraussetzung. Und hat man die, geht die Post ab. Mit wuchtigen Giganten, die wie in Del Toros Pacific Rim mit donnernden Schritten die Erdkruste dünner machen, sind Schauwerte, wie es sich für ein Finale gehört. Es kämpfen Ungeheuer und Menschen Seite an Seite gegen magische Antagonistinnen in Gestalt personifizierter natürlicher Elemente. In all den bereits gesichteten Episoden haben sie irgendwo ihren Ursprung. Bezwungen müssen sie werden, im Rahmen eines augenzwinkernden Trickfilmgewitters, in denen altbekannte Charaktere ihre Hämmer und Schwerter schwingen; alles in schmuckem Design und einem Farbspektrum Marke Regenbogen. Das kann auf die Dauer recht ermüdend werden, wenn in Stakkato eine Wendung die andere herumreißt. Gut ist es, wenn das ganze Projekt sein Ende findet, und tatsächlich ist das Ende vom Ende fast schon schwermütig – wenn da nicht diese pfiffige Wendung wäre, die diesem epischen Treiben noch eine gewisse Mindfuck-Note verleiht.

Trolljäger: Das Erwachen der Titanen (2021)

The Marvels (2023)

DREI ENGEL FÜR MARVEL

7/10


THE MARVELS© 2023 Marvel


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: NIA DACOSTA, MEGAN MCDONNELL, ELISSA KARASIK

CAST: BRIE LARSON, IMAN VELLANI, TEYONAH PARRIS, SAMUEL L. JACKSON, ZAWE ASHTON, PARK SEO-JOON, GARY LEWIS, ZENOBIA SHROFF, MOHAN KAPUR, SAAGAR SHAIKH, TESSA THOMPSON, LASHANA LYNCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Die Filme des MCU sind mittlerweile alle gleich. Doch warum sind sie das? Ganz klar: Weil sie eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Oder zumindest versuchen, dem roten Faden zu folgen, der bis zur Phase 3 so wohlgesponnen war, das wohl keinem so recht auffiel, dass sich all die Filme schon damals nicht sonderlich voneinander unterschieden haben. Seit Wandavision ist der rote Faden ausgefranst, und keine Grundthematik passt da eher ins Bild als jene Problematik des unter anderem durch Loki und Doctor Strange hervorgerufenen Multiversums. Wer kann da noch den Überblick behalten? Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass jede Serie einen anderen Superhelden und damit auch ein anderes Narrativ enthielt. So scheint es, als hätten all diese Streaming-Shows und sündteuren Eventfilme jeweils etwas anderes zu erzählen – in Wahrheit aber sind sie alle nur die Nachwirkungen des Krieges gegen Thanos und dem in Avenger: Infinity War ausgeführten Blip des lilafarbenen Riesen mit dem Furchenkinn.

Der gemeinsame Nenner wäre geschaffen, tritt aber zu sehr in den Hintergrund. Die Shows um den neuen Captain America haben eine ganz andere Färbung, während Loki mit der Zeit spielt, She-Hulk einfach nur albern ist und Hawkeye sowie Secret Invasion in sich abgeschlossene Zwischenepisoden erzählen. Im Kino ist das Multiversum seltsamerweise nicht immer das Problem, manche Filme kümmern sich gar nicht darum. Währenddessen gibt’s intern unter Kevin Feige, der sich mit Comics wohl am besten auskennt, zwar nicht ganz so große Umwälzungen wie bei DC, aber dennoch Unruhe – beobachtet man die Box Office-Zahlen der letzten Projekte, die alle viel zu viel gekostet haben. The Marvels macht da keine Ausnahme. Laut cinema wurden 275 Millionen in den Film gebuttert, mit dem lange keiner zufrieden war und der gefühlt hunderte Male umgeschnitten und szenenweise nachgedreht werden musste, um die Kurve zu kriegen. Das Ergebnis ist einer der kürzesten Filme des Franchise – und das ist gut so. In ihr liegt schließlich die Würze, und The Marvels hat dabei die Chance, eben nicht zu ermüden, sondern auf knackige Weise wesentliche offene Enden aus Film und Serie zu bündeln und sie lustvoll über‘s Knie zu brechen. Wer hätte das gedacht, das The Marvels nach diesem holprigen Start noch Kurs hält?

Ich will nicht sagen, dass die Storyline wirklich durchdacht ist. Das ist sie nicht. Betrachtet man die Synopsis dieses Films, könnte man sich an den Kopf greifen, wie sehr verniedlicht die physikalischen Gesetze des Universums werden, obendrein noch jene der Quantenphysik und die immense Kraft der Sonne. Ja, das ist hanebüchen, völlig unrealistisch und vielleicht auch zu flapsig durcherzählt. Immerhin aber befinden wir uns in alternativen Comicwelten, wo sich so gut wie gar nichts der uns bekannten Physik unterwirft. Die in diesen Welten inhärente Logik sollte aber immerhin schlüssig sein. The Marvels steht kurz davor, diese Regel in den Wind zu schreiben. Und lenkt geschickt von seinem größten (und einzigen) Schwachpunkt mit einem Trio ab, das sich lange gesucht und endlich gefunden hat. Da könnten die 3 Engel für Charlie neidisch werden, bei so viel quantenverschränktem Teamwork. Zuerst ist es eine Not, doch auch dieser machen sie eine Tugend: Captain Marvel, Ms. Marvel und Monica Rambeau.

Wir wissen, Carol Denvers aka Captain Marvel, die wohl mächtigste, aber wohl auch überheblichste Superheldin des ganzen Franchise, ist quer durch die Galaxis unterwegs, um planetare Brennpunkte zu löschen. Wir wissen: Monica Rambeau hat durch ihren Einsatz in Wandavision Superkräfte erlangt. Und Ms. Marvel, eigentlich Kamala Khan, kann Licht in Materie umwandeln, dank eines Armreifs, dessen Pendant nicht auffindbar ist. Bis zu diesem Film. Denn eine Kree namens Dar Benn (Zawe Ashton) nennt dieses ihr Eigentum, mitunter auch den Hammer von Ronan (des Schurken aus The Guardians of the Galaxy). Das Unheil, das sie heraufbeschwört, bringt alle drei Damen zusammen. Und da hier einiges mit Zeit und Raum nicht ganz koscher verläuft, wechseln auch diese immer dann, wenn mindestens zwei gleichzeitig ihre Kräfte nutzen, ihre Plätze. Das sorgt für Turbulenzen, situationskomische Momente und macht daraus ein keckes Team-Incentive. Mit dieser Idee erlangt The Marvels auch seine launige Kurzweil. Der schauspielerische Enthusiasmus von Iman Vellani, die fast schon das Zeug hat zur Stand Up-Comedian, holt Captain Marvel endlich von ihrem hohen Ross und durchdringt mit ihrer kindlichen Neugier und ihrem kauzigen Nerd-Verhalten ein Nullachtfünfzehn-Szenario, wie es vielleicht beim Publikum hätte ankommen können. Keine Frage, Vellani veredelt den Film mehr noch als ihre eigene Serie. Teyonah Parris ist da vielleicht etwas blass, aber immer noch engagiert genug, um Brie Larsons Figur endlich wieder so weit zu bringen, sich ihrer Herkunft als Erdling zu besinnen. Das ist menschelnd genug, und mit dieser Natürlichkeit bleibt auch der Fokus auf das Miteinander vor einer lange schwelenden Krise konstant – eines Konflikts, der wiederum Hintergrundwissen erfordert. Ich sage nur: Kree und Skrulls.

Schließlich lässt The Marvels ganz viele James Gunn-Vibes erklingen. Der Gag mit den Flerken, die bizarre Reminiszenz an Cats und der Mut zu infantilen Albernheiten haben sichtbares Humor-Potenzial und nutzen dieses auch. Doch nicht nur. Wer glaubt, die bierernste Captain Marvel passt da nicht hinein: Sie tut es doch. Ungeachtet der gehetzt erzählten Story bleibt immer noch genug Entertainment, allerdings vorbehaltlich für Kenner der ganzen Materie. Und Materie ist in diesem Abenteuer relativ.

The Marvels (2023)