Zweitland (2025)

EIN BRUDERZWIST IN SÜDTIROL

6/10


© 2025 Starhaus Filmproduktion


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN, ÖSTERREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL KOFLER

KAMERA: FELIX WIEDEMANN

CAST: THOMAS PRENN, AENNE SCHWARZ, LAURENCE RUPP, NICLAS CARLI, FRANCESCO ACQUAROLI, ANDREA FUORTO, ROLAND SELVA, FABIAN MAIR MITTERER, EVA KUEN, MICHAEL FUITH, LEO SEPPI, GABRIELE MAZZONI, JOSHUA BADER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Südtirol. Ja, das war mal Teil von Österreich-Ungarn, bis 1918, nach dem Waffenstillstand mit Italien, woraufhin das Gebiet von italienischen Truppen besetzt und somit auch Teil dieses Königreichs wurde. Bis heute, nur ist die Monarchie mittlerweile eine Republik. Dass es, angefangen von den 50er Jahren, bis in die späteren 60er Jahre hinein terroristische Bemühungen gab, hier einen Wandel zu vollziehen und Südtirol wieder Österreich einzuverleiben: diese Begebenheiten blieben bis zur Sichtung des Films eine wenig beachtete Randnotiz. Ich habe zwar selbst Vorfahren aus dieser Weltgegend – doch über separatistische Bewegungen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wusste ich wenig. Umso mehr erfüllt Zweitland einen gewissen Bildungsauftrag mit österreichischem Bezug, und präsentierte sich mir in seiner Logline als Pflichtfilm, den man gesehen haben muss, um zumindest mithilfe einer Kunstform, wenn auch nur oberflächlich, ein paar Lücken zu füllen, die in Sachen historisches Allgemeinwissen noch vorhanden sind.

Politisieren innerhalb der Familie

Regisseur und Drehbuchautor Michael Kofler legt seine Nachbetrachtung der Ereignisse rund um die beginnende Dekade der 60er in der Erzählform einer losen Dreiecksgeschichte an. Es leben hier Anna und Anton mit Blick aufs Tal als hofbetreibendes Ehepaar mitsamt juvenilem Nachwuchs, und es gibt Paul, Single und ganz anders ambitioniert als sein Bruder Anton. Der ist ein Haudrauf, ein Kämpfer und Streitsüchtiger. Einer von heißem Blut und voll von revolutionärem Gedankengut. Schließlich strebt er es auch an, Teil einer Terrorgruppe zu werden, die separatistische Ziele verfolgt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt – ganz im Gegenteil. Ihm gegenüber der blutsverwandte Künstler, der Denker und Zartbesaitete, deutlich Schwächere. Paul will Kunst studieren, und hat mit politischen Bedürfnissen nichts am Hut. Sein Ziel, nach München zu gehen, wird dieser allerdings nicht umsetzen können. Denn Anton muss fliehen, hat dieser doch nebst Sachbeschädigung bald auch durch sein Zutun einen Zivilisten und später gar eine Sicherheitskraft auf dem Gewissen. Bevor Anna also allein bleibt, muss Paul ihr Beistand leisten. Und sucht immer wieder den Dialog mit seinem Bruder, der, für längere Zeit immer wieder verschollen, von seinem Fanatismus nicht ablassen kann.

Ein starkes Gespann

Geschichte lässt sich, fernab jeglichen Dokumentationsformats, am besten anhand einiger beteiligter Charaktere erzählen, die gerne auch fiktiv sein können, so wie hier in Zweitland. Doch Michael Kofler legt es niemals darauf an, aus seiner Familientragik einen melancholisch-kitschigen Fast-Heimatfilm zu entwerfen, der konservative Gemüter bewegt und vielleicht gar, was der Intention zuwiderlaufen würde, sowas wie Nostalgie versprüht. Zweitland ist ein düsteres, entsättigtes, karges Unterfangen, ein Extrem-Ganghofer, wenn man so will. Frei von Pathos, frei von bauernstüblichen Schnulzigkeiten. Dabei sind nicht nur die erdfarbenen Bilder aus Tann und Trübsal ausschlaggebend, sondern vor allem das Spiel der drei Protagonisten: Aenne Schwarz, Laurence Rupp und Thomas Prenn. Schwarz als im Südtiroler Dialekt sprechende Anna trägt die Verletzlichkeit, die Enttäuschung ob ihres Partners und das Bewusstsein ihrer eigenen Pflicht stets in ihrem Spiel ernüchtert mit sich herum, Thomas Prenn als der eigenbrötlerische, der den Traum seines Lebens zusehends austräumt, gibt in Nuancen den Gegenpart zum hemdsärmeligen Laurence Rupp, der zur Zeit wohl als einer der vielversprechendsten Nachwuchsschauspieler seiner Generation gilt und längst schon in unzähligen, budgetintensiven Produktionen zu sehen war. Demnächst spielt er neben Léa Seydoux, den Arminius aus der Hermannsschlacht hat er, souverän dargeboten, bereits in seinem Repertoire.

Geschichte nur im Hintergrund

Der muskelbepackte Rupp ist die ungestüme Kraft, der Egomane unter den Politaktivisten, die glauben, nur mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen. In diesem Dreieck passieren die eigentlichen emotionalen Wechselwirkungen, und das auf eine fast schon intime Art und Weise, die so sehr bemüht ist, zu überzeugen, dass der politische Hintergrund eben genau dazu verkommt: zum Hintergrund, nicht zum eigentlichen Thema. Schließlich handelt Zweitland – und das mag jene etwas enttäuschen, die erwartet hätten, es gehe vorrangig um die Geschichte Südtirols – wohl eher um verschenkte Träume und unterdrückte Bedürfnisse, falschen Idealismus und den Stolperfallen eines Hurra-Separatismus. All das sind Empfindungen und Lebenssituationen, die universell erscheinen, während Michael Kofler sichtlich zögert, die tragenden Ereignisse von damals näher zu beleuchten. Ein bisschen mehr davon hätte Zweitland gutgetan. Auch weniger Trübsal und Anti-Heimatfilm-Tristesse, andererseits aber wäre eine allzu idealisierte Buntfärbung dieser Familiengeschichte einem kritischen Publikum wohl auch nicht recht. Kofler belässt sein Ensemble manchmal zu sehr in dem, was es tut, verharren, wodurch dem Werk letztlich seine potenzielle Energie entweder abhanden kommt oder es diese gar nicht erst ausspielt.

Als ungefälliger Realismus bleibt Zweitland somit zu träge, als Politthriller zu vage, als hybrides Drama aber vor allem schauspielerisch überzeugend genug.

Zweitland (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

Kind 44

TROUBLES IN PARADISE

5/10


kind44© 2015 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, TSCHECHIEN, RUMÄNIEN 2015

REGIE: DANIÉL ESPINOSA

CAST: TOM HARDY, NOOMI RAPACE, JOEL KINNAMAN, GARY OLDMAN, FARES FARES, NIKOLAJ LIE KAAS, PADDY CONSIDINE, VINCENT CASSEL, JASON CLARKE, CHARLES DANCE U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Es ist ein Kreuz mit der russischen Regierung. Und das seit Ende der Zarenherrschaft. Kommunismus, Diktatur, Oligarchie – alles variable Bezeichnungen für nur eine Sache: Machtgier. Einzige Ausnahme war vermutlich wohl Michail Gorbatschow. Wäre er nicht gewesen, und hätte Putin damals schon die erste Geige gespielt, müssten wir heute wahrscheinlich mit Rubel zahlen. Aber so ist es bis jetzt nicht gekommen und wird hoffentlich auch nicht passieren, obwohl der Allzeit-Regierungschef gerade die Ukraine quält. Dort beginnt auch der von Daniél Espinosa verfilmte Roman Kind 44 vom Bestseller-Briten Tom Rob Smith. Welcher, wie kann es anders sein, in Russland der Zensur zum Opfer fiel.

Wir schreiben das Jahr 1933. Der von Stalin veranlasste Holodomor – die Tötung durch Hunger – fordert Millionen Menschenleben. Inmitten dieser Apokalypse: ein Junge namens Leo, der später zu einem hochrangigen Vertreter der stalinistischen Militärpolizei in den 50ern aufsteigt. In einem Land, in dem es keine Morde gibt. Wie das? Ist Russland die Heimstatt des Humanismus, des Friedens und der Freude? Kommunistisch betrachtet: Ja. Im Kommunismus, dem Paradies auf Erden, gibt es sowas nicht. Ein erdachtes Dogma, das zwar in anderer Form, aber immer noch Aktualität besitzt, denn Russland lässt ja schließlich nur im Zeichen des Friedens die Bomben hageln, niemals als Aggressor. Dieses Verkennen, Vertuschen und Vernichten war unter Stalin gang und gäbe. Opposition war undenkbar, und wer die Welt auch nur ansatzweise anders sehen mochte, sah mit einer Kugel zwischen den Augen bald gar nichts mehr. In diesem Volksterror versucht Leo, gespielt von Tom Hardy, nicht nur Gerüchten bezüglich seiner Ehefrau nachzugehen, die mit dem britischen Geheimdienst paktieren soll, sondern auch einer Reihe von Unfällen, die seltsamerweise nur Kindern widerfahren. Alles keine Morde, alles nur blöde Zufälle oder gar Wolfsattacken. In dieser falschen politischen Realität verliert Leo bald den Überblick und den Glauben ans System. Beim Versuch, Gattin Raisa (Noomi Rapace) vor der Auslieferung zu beschützen, werden beide ins Exil nach Wolsk geschickt. Dort geht der Horror mit den Kindermorden allerdings weiter.

Und dort gesellt sich auch Gary Oldman zu einem wahrlich illustren Star-Ensemble, der eben von Tom Hardy über Joel Kinnaman, Fares Fares und Vincent Cassel bis zum britischen Charaktermimen reicht, der als Churchill des Oscar erhielt. Hier hat er allerdings nur eine Nebenrolle, wie alle anderen auch. Tragendes Gerüst des Films bleiben Hardy und Rapace, die so gut wie mit allem konfrontiert werden, was damals in Russland im Argen gelegen haben mochte. Ich hoffe, Tom Rob Smith hat hier gut recherchiert. Aus erster oder gar zweiter Hand scheint der Stoff aber nicht zu sein. Abgesehen davon ist kein einziger russischer Staatsbürger im Cast, was wiederum darauf schließen lässt, dass Kind 44 auf eine Weise über russische Geschichte referiert, wie der Westen sich das eben gerne vorstellt.

Diese Vorstellung aber ist ein Albtraum: Russland brodelt als zutiefst menschenverachtende Vorhölle vor sich hin. Das Wort Freiheit scheint aus dem Wortschatz behördlich verbannt worden zu sein, wie gegenwärtig das Wort „Krieg“ aus den russischen Medien. Der Totalitarismus in Farbe und stilsicherer Ausstattung reißt denunzierte Existenzen aus ihrem Alltag, lässt Kinder weinend zurück. Paranoia ist der neue Teamgeist. Als Zeit- und Gesamtbild eines kafkaesken Zustandes ist Espinosas sehr bildhaftes Politdrama durchaus solide. Indem, was Kind 44 aber alles zumindest narrativ unter Dach und Fach bringen will, enorm überfordert. Da gibt es den Kriminalfall, da gibt es den Twist zwischen Leo und seinen Amtskollegen (sehr blass und eindimensional: Joel Kinnaman), da gibt es die politische Verfolgung von Noomi Rapace – Espinosa will viel, gerät aber in eine dramaturgische Notlage, die ihn zwar dazu bringt, seinen Film auf über zwei Stunden auszudehnen, diese Länge allerdings für schleppende Passagen nutzt und einmal da, einmal dorthin irrt, um alle Schauplätze im Blick zu behalten. Folglich bleibt nur der Dunstkreis des politischen Horrors in seiner Erbarmungslosigkeit konsequent genug – das teils plakative Geschichtskino muss manches, was wohl mehr Zeit gebraucht hätte, um sich zu entwickeln, in einem actionlastigen Showdown über den Kamm scheren. Da büßt Espinosa viel an Authentizität ein, und der finstere Blick in den Osten ist ein Schielen auf ein Hollywood der geglätteten Gerechtigkeit.

Kind 44

Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer