Pacific Rim: Uprising

KAPUTT MACHEN WAS KAPUTT MACHT

4/10

 

pacificrim2© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVEN S. DEKNIGHT

MIT JOHN BOYEGA, SCOTT EASTWOOD, RINKO KIKUCHI, CAILEE SPAENY, CHARLIE DAY U. A.

 

Warum nur? Warum hat Guillermo del Toro das gemacht? Warum hat der wohl geschickteste Monsterdompteur des modernen Kinozeitalters sein Spielzeug verborgt? Was heißt verborgt – er hat es weggegeben. Das hätte er nicht tun sollen. Wären wir bei Toy Story, würde das Spielzeug in tiefe Depressionen fallen. Also ich hätte es nicht verborgt. Bei mir hätten schon im Vorfeld die Alarmglocken geläutet. Womöglich schon, als der Vertrag der Produktionsfirma Legendary Pictures mit Warner Bros ausgelaufen war. Del Toro hatte so viel Freude mit seinem ersonnenen Konzept des Giganten-Wrestlings, dass ihn die unter den Erwartungen liegenden Einspielergebnisse nicht im mindesten verstört haben. Genaueres ist hier in der cinema-Ausgabe von März 2018 nachzulesen. Dort ist auch nachzulesen, dass Legendary Pictures ein Sequel von Pacific Rim ja eigentlich gar nicht mehr hätte stemmen können, wäre es nicht an einen chinesischen Konzern verkauft worden. Die Alarmglocken schrillen plötzlich noch lauter. Del Toro hört sie immer noch nicht. Jongliert jetzt plötzlich mit zwei Projekten. Auf der einen Seite The Shape of Water, auf der anderen seine Fortsetzung von Pacific Rim. Wem den Vorzug geben? Richtig, The Shape of Water. War auch eine gute Entscheidung, wie wir wissen. Allerdings kennen wir del Toro´s Version der zweiten Runde seines Ringkampfes nicht wirklich. Besser wäre, er hätte Pacific Rim zeitlich nach hinten verschoben. Aber vielleicht wollte er die Sache einfach abschließen, nach 3 Drehbuchversionen und dem Hin und Her der Studios. Manche Dinge muss man einfach ad acta legen, selbst wenn sie noch nicht dafür bereit sind. Aber filmische Herzensangelegenheiten sind wie persönliches Spielzeug. Man schenkt es nicht weiter. Aber wie das Sielzeug da so herrenlos am Kinderzimmerteppich liegt, zur freien Entnahme, macht Gelegenheit Diebe. Und Regisseur Steven S. DeKnight, der gerade in der Nähe war, konnte sich das potenzielle Franchise unbehelligt krallen. Das dann die Sachen kaputt gehen, war eigentlich nicht geplant. Del Toro kann aber sagen, dass er seine Hände in Unschuld wäscht. Er hat damit nur mehr wenig zu tun. Ich wünschte, dem wäre nicht so gewesen. Denn die nun vorliegende Fortsetzung eines Fantasyspektakels dieser Größenordnung kippt so rückhaltlos in den weichgespülten Gigantismus eines Michael Bay, dass man sich als Zuschauer für dumm verkauft vorkommt.

Viele Meter hinunter zur 3D-Rendering Gurke Transformers fehlt nicht mehr. Gut, Pacific Rim: Uprising ist immer noch besser als der letzte Aufguss der Alien-Autos, aber das ist eigentlich keine Kunst mehr. Dass Pacific Rim: Uprising besser ist, liegt womöglich am letzten verbleibenden Rest von del Toro´s visionärem Creature Design, aber ganz sicher nicht am Plot, und ganz sicher nicht an den Schauspielern – mit Ausnahme von Rinko Kikuchi, die vehement versucht, dem ganzen Szenario ein gewisses Maß an Würde zu verleihen. Am schlimmsten aber ist Scott Eastwood. Womöglich denkt er, einfach nur so verkniffen dreinblicken zu müssen wie sein Papa und die Sache groovt. Nun, Schauspieltalent gehört auch dazu. Das zeigt Scott Eastwood zumindest in diesem Film wirklich nicht. Im Übrigen weiß ich gar nicht mehr, wann zuletzt ein Schauspieler so dermaßen uninspiriert agiert hat. Des weiteren rezitiert John Boyega in einer augenverdrehenden Redundanz immer wieder leicht abgewandelte Litaneien, wie toll nicht sein Vater (Idris Elba als Stacker Pentecost aus Teil 1) gewesen sein muss und wie anders er selbst nicht ist. Das militärische Gehabe sämtlicher Jungspunde in der Kadettenschule für Jäger-Einsätze erinnert stark an Ender´s Game oder an den absichtlich satirischen Heroismus der Starship Troopers, meint sich aber tatsächlich ernst. Und der von den Aliens angezapfte Superbösling, der die Welt vernichten will, rein aus einer Ego-Kränkung heraus, ist dann auch schon wieder ein bisschen zu viel des Guten. Und unglaubwürdig obendrein. Also wie man sieht ist hier einiges schief gegangen.

Wirklich nichts gegen Monsterfilme, ich liebe Monster. Wäre selbst gerne ein Creature Designer unter der Obhut manch eines Regie-Phantasten, aber was die Chinesen aus einer Fortsetzung mit Potenzial angestellt haben, ist infantiles Gekloppe und Betonzermalmen, dem noch dazu eine Story zugrunde liegt, die vielleicht im Zeitalter von Top Gun mitreißend gewesen wäre, in Pacific Rim: Uprising aber so dermaßen substanzlos hin geschnalzt wird, dass ich das Gefühl nicht los werde, Cast und Crew wären nichts anderes übrig geblieben, als vor dem Fast Food-Konzept der neuen Geldgeber zu buckeln. John Boyega´s Mitspracherecht möchte ich sehen – sollte er dieses Drehbuch wirklich für gut befunden haben, muss ich an dem guten Mann anfangen zu zweifeln. Schade eigentlich, und gleichzeitig erstaunlich, wie sehr man Kino fernab jeglichen Esprits produzieren kann. Del Toro´s Original war vergleichsweise wirklich etwas Beeindruckendes. Gigantisch, atmosphärisch, formschön in der Bildsprache und angereichert mit ordentlich Mystery. Die Darsteller waren auch alle um ein Eckhaus engagierter, und auch wenn die 200 Tonnen schweren Kamproboter ihre Ohrfeigen nicht ganz so pirouettengleich verteilt haben, hatte das aber immerhin noch mehr Charme als die unter physikalischen Parametern betrachtete unmögliche Beweglichkeit exorbitant schwerer CGI-Ritter.

Pacific Rim: Uprising lässt sogar hartgesottene Nerds jenseits der 30 gelangweilt auf die Uhr schauen. Die Kaijus selbst, auf die man zwischen Hurra-Militarismus und Glaub-an-dich-Worthülsen geschlagene eineinhalb Stunden warten muss, sind das einzige Highlight, wofür es sich lohnt, dann doch noch sitzenzubleiben, obwohl auch diese nur mehr ein schaler Nachklang eines vormals spektakulären Kinoerlebnisses sind.

Pacific Rim: Uprising

Alien: Covenant

SKLAVE DES HIMMELS, HERR DER HÖLLE

6,5/10

 

aliencovenant

Regie: Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup

 

Auch wenn der Film zwar optisch alle Stücke spielt, dramaturgisch aber etwas hinkt, würde ich Fans der Alien-Reihe durchaus anraten, Ridleys Scotts Prequel-Erstling Prometheus nochmal zu Rate zu ziehen. Die Frischzellenkur für den 2012 veröffentlichten Auftakt einer den Alien-Mythos erklärenden Trilogie hat zumindest mir den Einstieg in Alien: Covenant leichter gemacht. Und auch der sehr wohl durchdachte Plot der Monstersaga erschließt sich nach nochmaliger Betrachtung fast naht- und fugenlos und macht darüber hinaus auch wirklich Sinn – sowohl für Prometheus als auch für Alien: Covenant. Was man vom Original und den danach folgenden drei Sequels nicht sagen kann. Sie zu kennen ist – wie auch cinema festgestellt hat – tatsächlich nicht vonnöten. Selbst Ridley Scott ignoriert sie. Mit Aliens – Die Rückkehr, Alien 3 und Alien –  Die Wiedergeburt will der Altmeister seinen Xenomorph-Kosmos nicht kontaminiert sehen und ignoriert sie daher auch völlig. Somit teilen sich die Storylines von Alien in mehrere Parallelen. Bei Cameron´s Fortsetzung haben die Monster – wie wir alle wissen – gleich einem Bienenstaat eine Königin, die all die Eier legt, aus denen die Facehugger schlüpfen. In Alien 3 hinterfragt David Fincher in keinster Weise irgendeine Storyline, sondern schafft im Rahmen eines dystopischen Thrillers die Variable einer biologischen Bedrohung. Und Jean-Pierre-Jeunet fabuliert überhaupt ein für sich alleine stehendes Kunstwerk, dass sich zur Zukunft der Genetik mit geradezu bösartigem Sarkasmus äußert. Allerdings hat Jeunet 1997 bereits Ridley Scotts inhaltliche Ambition vorweggenommen. In seiner sehr persönlichen und eigenen neuen Geschichte hat die Genetik einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie in Alien – Die Wiedergeburt. 

Also betrachten wir des Weiteren lediglich die ersten beiden neuen Kapitel Scotts unter der Lupe. In seiner düsteren, brillant bebilderten Planetenvision haben wir es mit einem viralen Pathogen zu tun, welches von den sogenannten Ingenieuren entwickelt wurde. Ob dieser Virus nun synthetisch oder natürlichen Ursprungs ist, bleibt auch nach Alien: Covenant ungeklärt. Wieso diese unglaublich anpassungsfähigen Mikrolebewesen in einem Raumschiff mit Kurs auf die Erde eingelagert wurden, verharrt ebenso als Akte X in den Annalen kosmisch-humaner Expansionsgeschichte. Was wir aber wissen, ist, dass es sich bei dem Pathogen um einen biologischen Allrounder handelt.

Dieses Virus, oder was immer es auch ist, kann alles. Alles zerstören und sich auf jede erdenkliche Art und Weise verändern, vermehren, anpassen und entstehen. Das egoistische Gen, das vor einiger Zeit der Darwinist Richard Dawkins als Ruler über uns Menschen theoretisiert hat, bleibt im Angesicht dieses höchst aggressiven Evolutionsbausteines so klein und arm wie eine Kirchenmaus. Beim Alien-Gen hat es die Menschheit mit einem Egoisten zu tun, der im Survival-Wettlauf of the Fittest die wohl effektivste Ellbogentaktik beherrscht., Dawkins, Charles Darwin oder Carl Sagan wären bei so einem Albtraum schweißgebadet in ihren Betten aufgewacht. So eine radikale Weiterführung ihrer entwicklungsbiologischen (Hypo)thesen hätten sie dann doch nicht haben wollen. Ridley Scott aber zeigt ihnen die kalte Schulter. Seine Biologie gewinnt Gold. Und macht aus Spezialisten, die wissen, wo in ihren evolutionären Nischen ihr Platz ist, Experten für globales Tabula Rasa. Das Alien in all seinen Auswüchsen – ob als Wurm, Pilzmyzel, Weichtier, Achtfüßer oder humanoider Drache – macht keine Gefangenen. Warum auch. Es ist ein egoistisches Gen, das bereit ist, alles zu vernichten. DAS ist natürliche Auslese. Alles andere ist Mumpitz. 

Ehrlich gesagt – anders wollen wir den Neomorph oder Xenomorph gar nicht sehen als etwas, das alles andere kaputt macht, bevor es selbst kaputt gemacht wird. Diesen Willen des Überlebens und Ausbreitens finden wir in so aggressiven Viren wie Ebola oder Malaria. Jetzt muss man sich folgendes vorstellen: Hätten irdische Viren das Zeug, sich zu Zellen zusammenzuschließen und sich körperlich zu manifestieren – dann, ja dann hätten wir ein Alien. Oder eines dieser Ausgeburten, je nachdem, womit wir diese Gene kreuzen. 

Die Vielfalt des Aliens könnte bereits ein kleines Lexikon füllen. Auch in Alien: Covenant haben wir es mit neuen Arten zu tun. Schön für die Wissenschaft. Schlecht für die unsäglich naiven Kolonisten, die aus Spaß an der Freude und eigentlich aus Bequemlichkeit heraus einen völlig unbekannten Planeten ansteuern und einem kryptischen Funkspruch nachstellen, der sie ins Verderben stürzt. Wie sehr man seinen Vertrag – seinen Covenant – missachten kann, dass zeigen Katherine Waterston (leider keine Sigourney Weaver), Billy Crudup und andere. Ihr Untergang ist hausgemacht, also hält sich mein Mitleid ziemlich in Grenzen. Leider hält sich auch die Monstershow in Grenzen. Wenn es hochkommt, dann zeigt sich das Vieh summa summarum aufregende 15 bis 20 Minuten. Eine Enttäuschung. Gut, diese Minuten sind das Kinoticket schon wert. Vor allem in den Bodyhorror-Szenen, in denen unter kaltem Neonlicht hysterische, bananenköpfige Babys mitsamt glitschiger Nachgeburt auf den Fliesenboden klatschen. So grausig es ist – da jubelt das Herz des Alien-Fans. Es jubelt auch, wenn Scott sein Original auf ehrerbietende Weise und mit Alien-Closeup genüsslich zitiert. Doch um das Alien geht es ernüchtenderweise nur sekundär. Alien: Covenant erzählt wider Erwarten eine andere Geschichte als bisher in diesem Kosmos. Das ist erfrischend, interessant und kurzweilig. Scott schafft es fast dreiviertel seines Filmes, sich nicht selbst zu kopieren. Alle Achtung. Was er sich ausgedacht hat, ist neu – und rückt den Focus auf die Schlüsselfigur des Androiden David aus dem Vorgänger Prometheus. Weniger auf die Kreatur selbst, die Mittel zum Zweck oder zufälliges Ergebnis wilder Experimente bleibt. Viel mehr konzentriert sich die Science-Fiction-Oper auf die Ambitionen eines Androiden, sich über seinen Schöpfer zu stellen – womit Scotts Themenradius um künstlich geschaffene Intelligenzen auch Richtung Blade Runner schielt. Der Weyland-Humanoiden träumt demnach zwar nicht unbedingt von elektronischen Schafen, aber immerhin von der Macht, Leben zu erschaffen. Sehr anthroposophisch, das Ganze. Aber gut durchdacht. 

Dennoch bleibt der Nachgeschmack nach Alien: Covenant zwar metallisch-blutig, aber durchwachsen. Ich will nicht sagen, dass die letzte halbe Stunde misslungen ist – doch dahingeschludert ist sie auf jeden Fall. Zum Showdown fällt den Drehbuchautoren nichts Neues mehr ein. Alles endet dort, wo das Original-Alien seine spannendsten Minuten hat. Und da wissen wir bereits, wie es endet. Schnell noch den Xenomorph erledigen, dann ab in die Kojen. Genauso fühlt es sich an – lieb- und ideenlos. Dabei hätte das nun perfekt getrickste Untier mehr Potenzial gehabt, um auch in anderem Kontext in Erscheinung zu treten. Vielleicht hebt sich Scott dies für Teil 3 auf – obwohl dieser zwischen Prometheus und Covenant angesiedelt sein soll. Wie auch immer – Alien-DNA hat der Film jede Menge, die Story ist stringent, die Crew nach wie vor undiszipliniert. Doch Angst vor seiner eigenen und Giger´s Kreatur sollte der Film keine haben.

Scheint aber leider so.

 

 

 

Alien: Covenant

The Great Wall

AUF DER MAUER, AUF DER MAUER…

6/10

 

greatwall

Regie: Zhang Yimou
Mit: Matt Damon, Pedro Pascal, Willem Dafoe

 

Alle Kenner der Game of Thrones-Saga wissen – die Mauer im Norden schützt Westeros vor den Wildlingen und den Weißen Wanderern. Wie gut und wichtig so eine Mauer sein kann, beweist der mönchartige Orden der Nachtwache, gewandet in ästhetisch-unbuntem Schwarz, spaßbefreit und grimmig. So eine Mauer gab und gibt es auch in unserer Welt. Zwar längst nicht so hoch, aber ich schätze mal viel länger. Und am Wehrgang tummeln sich ganz andere Leute, nämlich Krieger in atemberaubend kunstvollen, knallbunten Rüstungen. Blau, Grün und Rot, schillernd und blank poliert. Fast wie die extraterrestrischen Outfits aus dem neuen Power Rangers-Film. Nur mehr davon, viel mehr. Und wozu das Ganze? Wozu dieser Aufwand, diese gigantische Verteidigungsanlage auf einer Mauer, durch die der Illusionist David Copperfield bereits hindurchgegangen ist?

Dazu muss man wissen – wir befinden uns zeitlich gesehen im letzten Drittel des Mittelalters, wo das Wissen um das berüchtigte, in China boomende Schwarzpulver seine Runde macht. Und man muss auch wissen – bei Zhang Yimou´s Monstergemetzel handelt es sich angeblich um eine von vielen Legenden, die sich um die große Mauer ranken. An dem Oscarpreisträger und Regisseur von Meisterwerken wie Hero oder Rote Laterne ist das Blockbusterkino aus dem Westen jedenfalls seine Spuren hinterlassen. Womöglich hat Yimou an der Revival-Schwemme der Monstergiganten doch irgendwie Gefallen gefunden. Zumindest haben es fernöstliche Filmproduzenten geschafft, gemeinsam mit Universal Pictures den Regie-Altmeister ins Boot zu holen. Jemand, der weiß, wie man Schlachtengetümmel ähnlich einem Kostümballett in Szene setzt, Martial Arts zur überstilisierten Kunst erhebt und Pfeilregen in mathematischer Symmetrie perfekt choreographiert.

Dieses Know-How braucht man, denn in The Great Wall trifft Marco Polo auf Pacific Rim. Die unerschöpfliche Herde an Kreaturen, die die sagenumwobene Mauer erklimmen wollen, um ins altchinesische Königreich zu gelangen, ist in ihrer Biomasse mit Guillermo del Toro´s Giganten aus dem Meer fast gleichzusetzen. Das uralte Bauwerk stemmt sich wie Helms Klamm aus Tolkiens Herr der Ringe den blutgierigen Vierbeinern entgegen. Inmitten des zähnefletschenden Herdentriebs thront die Königin – ein formschönes wie grausames Wesen, bewacht von drachenartigen Leibwächtern, die das auf Vibra-Call kommunizierende Geschöpf mit ausfahrbaren Nackenschildern vor den brennenden Katapultgeschossen der Menschen schützt. Das Design der zahnbewehrten Kreaturen erinnert frappant an Del Toro´s Ideenfundus, und die Gefechte auf der Mauer sind bunt, blutig, bis zum Abwinken glorifiziert und mit eleganten Frozen Stills durchsetzt. Das haben wir schon bei Hero mit heruntergeklappter Kinnlade beobachten können, da zeigt uns der Film zwar nichts Neues, aber gern Gesehenes. Weta-Effekte sind es keine, doch die Ausstattung macht es wieder wett. Allerdings – Matt Damon und „Prinz Oberyn“ Pedro Pascal als zottelige Abenteurer, die dann noch auf einen sinisteren Willem Dafoe stoßen, wirken tatsächlich wie schlecht geschminkte Auslandsreisende ohne Ortsplan. Damons unterfordertes Spiel in diesem üppigen Monumental-Trash weicht nur gelegentlich einem Staunen, das der exotischen Extravaganz geschuldet ist. Warum der talentierte Mr. Ripley als Quotenamerikaner das asiatische Kino auch für den Westen zur Salonfähigkeit verhelfen muss, erklärt sich womöglich aus dem Revival der Kaiju-Fantasy und der immer enger werdenden, wirtschaftlichen Zusammenarbeit der amerikanischen mit den asiatischen Produktionsstudios. Geteilte Kosten sind halbe Kosten. Da können sich westliche Schauspieler wie Matt Damon oder Willem Dafoe durchaus erkenntlich zeigen. Was sie auch tun – halbherzig und als launige Groschenroman-Charaktere, eng verwandt mit den Filmfiguren der Karl May-Abenteuer.

Wen das nicht stört, und wer schon immer triviales Retro-Abenteuer im Popcornkino der frühen Sechziger mit einer Monster-Apokalypse kombiniert sehen wollte – der sollte sich The Great Wall nicht entgehen lassen. Dabei ist das Geheimnis um die Tao Ties, wie die Viecher genannt werden, ja gar nicht mal so unoriginell. Und sollte demnächst eine Besichtigung des achten Weltwunders anstehen, wäre der Film während des Fluges nach China nicht nur Zeitvertreib, sondern auch eine passende Einstimmung der pittoresken Art.

The Great Wall

Sieben Minuten nach Mitternacht

MEIN FREUND, DER BAUM

7/10

 

siebenminuten

Regie: Juan Antonio Bayona
Mit: Lewis McDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

 

Man muss nicht der emotionale Part seiner Beziehung sein – die Verfilmung des Jugendbuches von Patrick Ness war seit langer, langer Zeit (um genau zu sein seit Nanni Moretti´s Das Zimmer meines Sohnes) einer jener seltenen Kinomomente, in denen es ratsam gewesen wäre, Taschentücher mitzunehmen. Sieben Minuten nach Mitternacht geht tatsächlich enorm aufs Gemüt, vor allem ans Herz, und nicht zuletzt stimuliert der Film jenen Bereich des Gehirns, der Mitgefühl und Traurigkeit zu einem Kloß im Hals verbindet. Wenn Bruder Baum, das gigantische, uralte Monster in Gestalt einer tausende Jahre alten Eibe der Stunde des Todes beiwohnt, werden die Augen feucht. So ein Monster, und sei es auch noch so rätselhaft, würde auch ich mir vorstellen können. Momente gab und gibt es genug, an denen man sich etwas Magisches, Unzerstörbares an seine Seite wünscht. Etwas, das in der Lage ist, alle Widrigkeiten des Lebens erklären zu können. Etwas, das über den Dingen steht. Der namenlose Riesenbaum tut das. Allerdings leider nur in der Fantasie, aber wer weiß – vielleicht ist die Fantasie ja genauso real wie die oftmals gnadenlos unabänderliche Realität, die unverrückbaren Gesetzen folgt und kein Mitleid kennt? 

Regisseur Juan Antonio Bayona, der schon mit seinem Tsunami-Drama The Impossible seine Vorliebe für Emotionen größeren Formats gekonnt umgesetzt hat, beweist auch in dieser psychologisch-phantastischen Bewältigung weltbewegenden Schmerzes, dass die emotionalen Bande, die eine Familie zusammenhält, die größten und stärksten sind. Dabei verliert er sich kein Bisschen in plattem Pathos, sondern scheint zu wissen, wovon er erzählt. Denn der bevorstehende Tod eines geliebten Menschen verlangt den unmittelbar Betroffenen ein Übermaß an seelischer Belastung ab. Das Wechselspiel der Gefühle bewegt sich dabei zwischen der Hoffnung auf ein Wunder über den Selbstbetrug an der Wahrheit bis hin zum Willen, dass das Leiden ein schnelles Ende findet. Wie ein zwölfjähriger Junge damit wohl umgeht? Kann ein junger Mensch das überhaupt ertragen? Patrick Ness sagt: er kann. Doch dazu bedarf es laut seiner Vision drei Geschichten, oder besser gesagt vier. Die ersten drei erzählt der Baum, das Unterbewusstsein, der Inbegriff der Zeit und des Schicksals. Die letzte ist die Geschichte des Jungen. Sein Albtraum, seine Wahrheit. Bayona dringt tiefer in die Psyche eines Kindes vor als einst Guillermo del Toro in Pans Labyrinth. Dort sind es die Schrecken des Krieges, vor welchen die spanische Version einer Alice im Wunderland in einer magisch-bedrohlichen Parallelwelt Zuflucht und Heilung sucht. Diese Tiefe verdankt der Regisseur aber auch zum Großteil der geradezu opferbereiten Schauspielqualitäten von Lewis MacDougall, der vor Drehbeginn des Filmes gerade selbst einen Verlust in der Familie verarbeiten musste. Vielleicht gerade deswegen ist seine Darstellung eine greifbare Tour de Force. Ihm zur Seite stehen die Grand Dame Sigourney Weaver und die im Laufe des Filmes immer blasser und kränker werdende Felicity Jones als Conor´s Mutter. Beide würdige und starke Nebenrollen. 

Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein bildschönes, zutiefst berührendes Drama um Tod, Abschied und Loslassen. Aber auch um Zuversicht und Neuanfang. Wer mit dem Genre des Phantastischen nicht viel anzufangen weiß, muss aber trotzdem keinen weiten Bogen um diesen Film machen. Hier ist alles Übernatürliche Ausdruck emotionaler Zerrissenheit, die erzählten Allegorien lebendige Illustrationen aus Gouache. Und das Monster? Eine Metapher auf die Kraft und Unbeugsamkeit des Lebens, eine riesenhafte Grauzone der Existenz jenseits aller allgemeingültigen Normen. Ja, ich wünsche mir einen Baum, der mich trägt, wenn ich nicht mehr kann. Etwas Ewiges. Vielleicht muss man es nur zulassen. Und sieben Minuten nach Mitternacht bereit sein.  

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Sieben Minuten nach Mitternacht

Kong: Skull Island

MONSTER MAG MAN EBEN

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kong

2014 beschlossen die Warner Brothers, angesichts lukrativer Kinouniversen aus der Comic- und Spielzeug-Franchise seitens der Konkurrenz, das japanische Monsterfilm-Genre für sich zu entdecken. Unter der Regie von Gareth Edwards (Monsters, Rogue One – A Star Wars Story) haben die Macher im Frühsommer genannten Jahres das Parade-Untier vom Stapel gelassen – Godzilla. Edwards interpretierte das Subgenre des Fantasyfilms komplett neu und näherte sich dem plakativen Thema mit unorthodoxer Ernsthaftigkeit und einer zurückhaltenden, ungewohnten Bildsprache, was den Fans klassischer Kaiju-Filme mitunter sauer aufstieß. Kaiju – aus dem Japanischen entnommen, bedeutet so viel wie „seltsame, rätselhafte Bestie“ und bezeichnet ein spezielles Subgenre unter den Fantasy- und Science-Fiction-Filmen. Der neue Godzilla entsprach dem Aussehen nach viel mehr dem japanischen Man-Suit-Original als bei Roland Emmerich, der es gewagt hatte, sein Monster als Dinosaurier umzuinterpretieren. Bei mir kam der Film damals gut an, da ich Edwards´ Regie sehr schätze. Da Warner vorhat, ein Cinematic Universe im Stile von Marvel zu erschaffen, allerdings mit haushohen Kreaturen, hat es nach 3 Jahren nun das zweite gigantomanische Parademonster sein müssen, das die Leinwand neu erobern soll – und zwar niemand geringerer als der Riesengorilla King Kong.

Zugegeben, meine Skepsis war groß, vor allem nach Peter Jacksons missglückter Reanimation aus dem Jahr 2005. Dem Meister der Herr der Ringe-Filme gelang es nicht, das Kaiju-Thema neu zu interpretieren, stattdessen verließ er sich auf die CGI aus Jurassic Park und einer völlig fehlbesetzten Naomi Watts, die hanebüchen um sich schrie. Jackson´s King Kong war weder Affe noch Godzilla, sondern eine stillose Abenteuergurke, die nicht begriff, wann es genug war. Regiekollege Jordan Vogt-Roberts hingegen ließ sich weder von Gareth Edwards noch von Peter Jackson irritieren und besann sich auf die ureigenen Charakteristika pazifischen Monsterhorrors. Sein Kong: Skull Island ist respektloser, sauteurer Trash auf handwerklich höchstem Niveau. Um ehrlich zu sein – ein unglaublicher Schmarrn, der Logiklöcher wie seismische Bomben in die Oberfläche der Schädelinsel sprengt und für Unwahrscheinlichkeitsrechnungen absichtlich falsche Lösungen findet. Aber, um nochmal ehrlich zu sein – wie kann es denn bei so einem Schmarrn, der Primaten auf einen halben Kilometer Höhe anwachsen lässt, mit rechten Dinge zugehen? Wenn schon das Unmögliche möglich sein darf, dann können auch alle möglichen physikalischen Gesetze aus Natur und Technik außer Acht gelassen werden. Denn es würde ja schon fast an selbstbetrügerische Feigheit grenzen, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Wenn, dann predigt Vogt-Roberts auch den Wein, den er trinkt – und trägt die Konsequenzen seines Szenarios bis zum Ende. Und dieses Szenario bedient locker aus dem kleinen Finger heraus jenes Publikum, das Monster ganz einfach gern hat. Wer mit Riesenechsen, Megaspinnen, Kraken und brüllenden Affen nichts anzufangen weiß, sollte den Film meiden. Denn um nichts Anderes geht es hier – Monster, die sich und andere zum Fressen gerne haben, auch Menschen nicht verschmähen und zum heumärktlichen Fressepolieren antreten, dass die Palmen wackeln.

Den furchteinflößenden Kreaturen werden namhafte Schauspieler zur Seite gestellt, die sich, klar unterfordert, dem tobsüchtigen Spaß entweder anschließen, unterwerfen oder damit gar nichts anzufangen wissen. Brie Larson zum Beispiel, Oscarpreisträgerin 2016 für Raum, kommt erst gar nicht auf die Idee, großartig aufzuspielen, sondern wirkt die ganze Zeit über so, als wäre sie im falschen Film. Monsterfilme dürften nicht ihres sein, davon sollte sie zukünftig die Finger lassen. Ähnlich ergeht es Tom „Loki“ Hiddleston – sein Fährtenleser ist alles andere als ein Indiana Jones. In diesem endlos scheinenden Urwald wirkt er ziemlich verloren. John C. Reilly als Robinson Crusoe-Verschnitt und dem omnipräsenten Samuel L. Jackson als manischem Racheengel geht’s da schon etwas besser. Reilly hat sichtlich Freude. Und Jackson weiß, was er zu tun hat. Wahrscheinlich aber ist, dass in Kaiju-Filmen die menschliche Komponente hauptsächlich zur Staffage gereicht, und ihr Schauspiel nicht viel mehr abverlangt als plakative Showbühnenpräsenz. Genauso passiert es, und es scheint, als wäre das durchaus gewollt. Und genauso ächzen, ballern und schwitzen die Helden unter den fetzigen Klängen von Jefferson Airplane oder Black Sabbath durch einen tropischen Fiebertraum der Superlative, der sich zwischen Tropic Thunder, Platoon, Predator und Abenteuerromanen von Jules Verne selbst persifliert und gefundene Stilmittel wie pathetisch-reißerische Slow-Motions hemmungslos überzeichnet. Zu den absurdesten – und besten Szenen zählt Hiddleston´s Angriff mit dem Samurai-Schwert auf hässliche Flugsaurier inmitten giftgrüner Nebelschaden. Würde Tarantino einen Monsterfilm entwickeln, wären solche Szenen wohl mit von der Partie.

Spätestens da weiß der Zuseher, worauf er sich eingelassen hat. Auf eine dramaturgisch grottenschlechte Geisterbahnfahrt, bei der sich die Monster AG nochmal warm anziehen muss. Eine Geisterbahnfahrt, die ihrem speziellen Genre allerdings mehr als gerecht wird und die Erwartungen nerdiger Monsterfans mehr als erfüllt. Denn so wie sich die wahren Herrscher dieses Planeten prügeln – genauso hat man es gern. Die filmische sowie kameratechnische Brillanz von Kong: Skull Island und der dazugehörige rosarote 3D Effekt durch die Brille sorgt für reueloses Vergnügen beim Wrestling der Bestien in der ersten Reihe fußfrei. Menschen, die zufällig im Bild stehen, möchte man nur noch wegwinken. Kong: Skull Island ist phantastischer Fleischbeschau ohne Hirn und Verstand, aber unwiderstehlich gut bebildert und herrlich banal. 

 

 

Kong: Skull Island

Victor Frankenstein

DIE MONSTER AG

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frankenstein

Welch ein Glück, dass die Rechte des Romans von Mary Shelley bereits abgelaufen sind und das Werk als literarisches Freiwild für jedermann zur Verfügung steht. Sonst gäbe es eine einstweilige Verfügung. Man kann es aber drehen, wenden, zitieren und interpretieren wie man will. Mal abgesehen davon, dass Mary Shelley womöglich im Grab rotiert, wenn sie per Flaschenpost ins Jenseits von Machwerken wie I, Frankenstein oder eben dem neusten Budenzauber Victor Frankenstein erfährt. Dabei wirkt der opulente Film von Sherlock-Regisseur Paul McGuigan zumindest anfangs gar nicht mal so unbeholfen.

I, Frankenstein kann sich mal generell schleunigst verstecken – auf ein solch schlampiges Niveau begibt sich dieser Film dann doch nicht hinab. Dennoch hätte man einiges besser machen können. Das Mindeste wäre gewesen, sich vom Getöse eines Van Helsing von Stephen Sommers zu verabschieden. Diese Verfilmungen zeitloser Spukklassiker haben allesamt nicht gelernt, was es heißt, die Essenz der Geschichten zu erfassen. Dabei geht es weder bei Dracula, noch bei Frankenstein, noch bei anderen Gothic Horror-Novels nur um das plakativ Monströse, sondern um die Psychologie ihrer Figuren. „Harry Potter“ Daniel Radcliffe bemüht sich sichtlich, seine Rolle des gequälten Igor bravourös zu meistern. Nun, er bemüht sich. Zwischen all dem farbintensiven, viktorianischen Ausstattungskitsch schafft er es gerade noch, seine Darstellung nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein bisschen unfreiwillig komisch ist seine Figur schon, allerdings – grotesk darf sie ja sein. Und James McAvoy kann dem Anspruch, eine zerrissene, äußerst schwierige Person wie Dr. Frankenstein darzustellen, leider nicht genügen. Auch er verkommt in seinem Versuch, den wirren Wissenschaftler zu einer salonfähigen popkulturellen Ikone umzugestalten, zu einer bemitleidenswert lächerlichen Geisterbahnfigur ohne psycho-logischer Nachvollziehbarkeit in seinem Tun. Somit geistern beide durch ein von unheilvollen Gewittern und blubbernden Gefäßen angereicherten Comic-Strip, der noch dazu die falsche Geschichte erzählt. Wie jeder Kenner des Gruselklassikers weiß, endet das eindrucksvolle literarische Drama in den eisigen Welten der Arktis. Dr. Frankenstein, gejagt von seiner eigenen Kreatur, die nichts Anderes will als geliebt zu werden. Abgesehen davon, dass die Figur des Igor in der Buchvorlage ja gar nicht mal vorkommt. Aber Igor, bereits virtuos dargestellt von Glupschauge Marty Feldmann, sind wir bereits seit Mel Brooks´ Frankenstein junior gewohnt. Doch was macht McGuigan aus dem Rest, aus dem Kern der Geschichte? Seine Chronik des Gottspielens gebiert ein böswilliges Monster, das es zu vernichten gilt. Und damit hat es sich. Dabei wird nicht mal klar, ob es sich bei dem ganzen reißerischen Szenario um ein Prequel handelt oder nicht. Was ja letzten Endes auch egal ist. Victor Frankenstein ist ein anfangs schön anzuschauendes, im Stile des Gothic-Horrors kreiertes Monstermärchen, das später in völlig überzogenem Schauspiel am wirklich griffigen, tieferliegenden Kern der Thematik vorbeiächzt, um spätestens bei der Erschaffung des Monsters jeden Reiz zu verlieren. 

Misslungenes Gruselkino, das gegen Kenneth Branaghs Mary Shelley´s Frankenstein wie eine platte Praterattraktion daherkommt. 

Victor Frankenstein