Freud – Jenseits des Glaubens (2023)

ÜBER GOTT UND DIE WELT

4/10


Freud© 2024 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: FREUD’S LAST SESSION

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2023

REGIE: MATTHEW BROWN

DREHBUCH: MATTHEW BROWN, MARK ST. GERMAIN, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: ANTHONY HOPKINS, MATTHEW GOODE, LIV LISA FRIES, JODI BALFOUR, JEREMY NORTHAM, ORLA BRADY, STEPHEN CAMPBELL MOORE, PÁDRAIC DELANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist Besuchszeit beim wohl berühmtesten Psychoanalytiker der Welt. Auch jetzt noch kennt ihn ein jeder, der Freud’sche Versprecher ist in den praktizierten Wortschatz eingegangen, Vater-, Mutter-, Ödipuskomplex und Penisneid nur wenige Dinge, die das menschliche Verhalten auf eine den Trieben unterworfenes zurechtstutzen. Der Sex ist bei Sigmund Freud allgegenwärtig, nichts passiert ohne ihn, alles mag Phallus oder Vulva sein, und so weiter und so fort. Dieser Freud wurde schon von vielen Schauspielern interpretiert, vor nicht allzu langer Zeit hat Regisseur Marvin Kren aus dem Doktor der Psychiatrie in der Serie Freud einen Kriminologen gemacht, der Altwiener Verschwörungen auf der Spur war. Viggo Mortensen hat Freud in Cronenbergs Eine dunkle Begierde gegeben, dort diskutierte er mit dem Psychiater Carl Gustav Jung. Nun ist Anthony Hopkins dran. Nach seinem Oscar für The Father ist die Lust des Jahrzehnte im Dienste der Filmwelt stehenden Charakterdarstellers am Verkörpern diverser historischer Figuren stärker denn je. Sogar in Roland Emmerichs Gladiatorenserie Those About to Die mischt er als Vespasian mit. Im Netflix-Biopic Maria als Herodes der Ältere, der später wohl den Kindsmord von Betlehem anordnen wird.

Hopkins ist in jedem Fall eine sichere Bank. Keine Rolle, an der er scheitert. Schon gar nicht an einem wie Sigmund Freud. Im Film steht dieser kurz davor, sein Leben zu beenden. Er wird dies einige Tage später auch tun, denn die körperliche Gesundheit spielt schon längst nicht mehr mit. Aufgrund von schmerzhaften Krebsgeschwüren in der Mundhöhle verbringt Freud die Tage vorallem mit Morphium, eingerührt in einen Drink. Tochter Anna gibt Halt, schmeißt für ihren alten Herren gar ihre Lesungen als Jugendpsychiaterin an der Uni. Anna scheint dem Übermenschen Freud unterworfen. Sie ist es, die der Vater duldet. Doch tanzen soll sie nach seiner Pfeife. Erschwerend kommt hinzu, dass Freud ein unabhängiges Leben seiner Tochter mit Freundin Dorothy (Jodi Balfour, For All Mankind) nur schwerlich akzeptiert. Doch Anna muss sich behaupten lernen.

Die Vater-Tochter-Problematik ist der eine Aspekt, die eine Seite dieses Films von Matthew Brown, der auf dem Theaterstück Freud’s Last Session von Mark St. Germain beruht. Die andere Seite ist der Besuch des Schriftstellers C. S. Lewis, der später berühmt und bekannt werden wird durch sein mehrteiliges Fantasyepos Die Chroniken von Narnia. Weswegen der Mann eigentlich bei Freud aufschlägt, wird nie ganz klar. Sucht man dabei nach den Fakten, wird Lewis als Gast in den biografischen Notizen Freuds nie namentlich erwähnt. Doch seis drum, schließlich ist es ein Film, der gerne mutmaßen und zugunsten der Dramaturgie verändern darf. So steht also der hochgewachsene Matthew Goode im mit allerlei Skulpturen diverser Gottheiten aus der Weltgeschichte angeräumten Arbeitszimmer des famos aufspielenden Anthony Hopkins und schickt sich an, mit dem Alten über die Existenz des einen wahren Gottes zu diskutieren. Das Problem: Das Gespräch kommt nie in die Gänge. Würde ich über Gott philosophieren, und ja, das tue ich leidenschaftlich gerne, so ist es damit wirklich nicht getan, lediglich die Frage aufzuwerfen, warum der Allmächtige alles zulässt, und mit dieser scheinbaren Fahrlässigkeit desjenigen seine Abwesenheit zu begründen. Das alles ist lediglich Smalltalk. In die Materie dringen beide niemals ein, dabei hätte ich gehofft, sie würden die Essenz dieses Disputs berühren und darin herumwühlen. Ich hätte gehofft, sie würden, stets an der Kippe zum ausgewachsenen Streit, ihr jeweils eigenes Weltbild wanken sehen. Dann hätte Freud – Jenseits des Glaubens zum Thriller werden können. Zum existenzialistischen Kammerspiel. Wird er aber nicht. Das Gequatsche bleibt oberflächlich, und die meiste Zeit ist Freud ohnehin damit beschäftigt, seine Schmerzen zu lindern. Zwischendurch schielt der Film in die Vergangenheit von ihm und Lewis, doch auch das sind nur Momente, die nur dazu da sind, die Trockenheit eines Dialogfilms zu erfrischen.

Überraschend ist in diesem Film Liv Lisa Fries Auftritt als Tochter Anna. Doch anders als in Babylon Berlin oder In Liebe, Eure Hilde bleibt die deutsche Schauspielerin unerwartet blass, so, als wüsste sie, neben einem Schauspielgiganten wie Hopkins sowieso nicht zu bestehen. Der mächtige Schatten des Stars verschluckt sie förmlich, die Nebenhandlung rund um ihre lesbische Liaison wäre Stoff genug für einen eigenen Film. Doch Freud – Jenseits des Glaubens will weder das eine Dilemma noch das andere vertiefen. Der Diskurs über Gott und Anna Freuds Vatertrauma werden beide zur Randnotiz. Ein Film also, der an den Themen vorbeieilt, keine Essenz findet und lediglich Anthony Hopkins in Erinnerung belässt. Als einen, der immer noch alles spielen kann.

Freud – Jenseits des Glaubens (2023)

Die Fotografin (2023)

DAS MODEL IN HITLERS BADEWANNE

6/10


diefotografin© 2024 Constantin Filmverleih


ORIGINALTITEL: LEE

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: ELLEN KURAS

DREHBUCH: LEM DOBBS, LIZ HANNAH, JOHN COLLEE & MARION HUME

CAST: KATE WINSLET, ANDY SAMBERG, ALEXANDER SKARSGÅRD, MARION COTILLARD, JOSH O’CONNOR, ANDREA RISEBOROUGH, NOÉMIE MERLANT, VINCENT COLOMBE, SAMUEL BARNETT, ZITA HANROT U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Als Charakterdarstellerin und als jemand, der biografischen Figuren Seele verleiht, ist Kate Winslet wohl nach wie vor und ungebrochen an der Spitze weiblicher Schauspielgrößen vorzufinden, die ihren Charakteren wie aus dem Ärmel geschüttelt eine ganze Biografie verleihen, ohne sie darstellen zu müssen. Da reichen Auszüge im Rahmen eines zweistündigen Dramas, die wissen lassen, dass davor schon eine ganze Menge passiert sein muss. Komplette Lebensgeschichten sind das geworden, eine komplette Lebensgeschichte wird auch die Chronik des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht von Model, Künstlerin und Kriegsreporterin Lee Miller, die als eine der ersten und an der Seite der Alliierten die ganze grausame, himmelschreiende Wahrheit hinter dem Hitler-Regime dokumentieren konnte. Als Berufene und im Auftrag der Allgemeinheit ihre Pflicht erfüllende Reporterin leistete Miller ganze Pionierarbeit. Schließlich waren Frauen an der Front etwas Undenkbares, waren Frauen abseits des Lazaretts aus der Sicht der Männer entweder eine Gefahr für sich selbst oder eine Gefahr für andere. Miller setzte neue Maßstäbe, etablierte wohl einen ganzen weiblichen Berufszweig. Zeigte überdies Mut, Selbstbewusstsein und Leidensfähigkeit. Vor allem die der Psyche. Schließlich muss ein Mensch, reich an Werten und progressiv-humanistischen Idealen das unangekündigt Grausame, das hinter den Mauern der Konzentrationslager von Buchenwald und Dachau zum Vorschein kam, erstmal verarbeiten. Miller konnte das niemals so richtig, all diese Bilder begleiten sie bis ins hohe Alter. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie in ihrer Wohnung einem Journalisten gegenüber, der über ihr Leben so einiges wissen will. Auf einem Couchtisch ausgebreitet sämtliche Fotografien, ihm gegenüber Kate Winslet hinter missglückten Latexfalten, aber immer noch greifbar erfahren und müde von einem Leben voller menschlicher Dramen zwischen Kunst, Egomanie und höheren Aufgaben im Dienste der ganzen Menschheit.

Im Original betitelt Regisseurin Ellen Kuras, die als Kamerafrau wohl am Set von Eternal Sunshine of the Spotless Mind auf Kate Winslet traf und seither immer wieder mit ihr zusammenarbeitet, ihren Film schlicht als Lee. Die Art der Betrachtung einer Künstlerin wie Miller eine war, mag weder huldigend noch deutlich kritisch ausfallen. Die Selbstinszenierung in Hitlers Badewanne war, und das steht außer Frage, eine Aktion, die gemischte Gefühle hervorruft. Geschmacklos oder nicht: das Foto ist wohl als Triumph über das diktatorische Böse zu sehen. Körperpflege an Hitlers statt zu vollziehen, könnte aber auch als unbeabsichtigte Anbiederung durchgehen, sofern man Miller nicht auf diese Weise kennenlernt, wie Kuras es sich vorgenommen hat: Kettenrauchend, nonkonform und zäh genug für den Job, die Wahrheit im wahrsten Sinne des Wortes ans Licht zu bringen. Winslet portraitiert die Ikone souverän.

Wirklich nahe kommt man der Person aber dennoch nicht. Wenig greifbar bleiben auch all die anderen Nebenfiguren wie Alexander Skarsgård als Künstler Roland Penrose oder Andy Samberg als Millers Arbeitskollege David E. Scherman. Sie sind Gaststars im Laufe eines erfüllten Lebens, das dicht mit den Ereignissen um den Zweiten Weltkrieg verwoben ist und auch mit dazu beigetragen hat, das Schwarzbuch der Menschheit zu illustrieren. Als informativer biografischer Spielfilm macht Die Fotografin augenscheinlich nichts verkehrt. Vor allem jene Szenen, die das Entdecken der Konzentrationslager schildern, gehen unter die Haut, ertappt man sich doch dabei, unter furchterfüllter Neugier Miller auf dem Fuß zu folgen und über deren Schulter zu blicken, als wäre man selbst dabei. Darüber hinaus aber berührt der Film wohl weniger, als dass er Aufschluss gibt. Miller bleibt auf Distanz, es bleibt weitestgehend unklar, was sie bewegt oder antreibt. So gesehen fehlt die Lust an der Interpretation, letztlich sind es nur biographische Notizen eines Lebens, das in Filmform und mit weniger Fokus auf die Psyche nur schwer zu fassen ist.

Die Fotografin (2023)

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

MAN MUSS EIN SCHWEIN SEIN IN DIESER WELT

7/10


theapprentice© 2024 Filmladen


LAND / JAHR: USA, KANADA 2024

REGIE: ALI ABBASI

DREHBUCH: GABRIEL SHERMAN, ALI ABBASI

CAST: SEBASTIAN STAN, JEREMY STRONG, MARIJA BAKALOWA, MARTIN DONOVAN, CHARLIE CARRICK, EMILY MITCHELL, PATCH DARRAGH, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Ebenezer Scrooge hatte immerhin noch den Anstand, seine Abneigung vor den Menschen zuzugeben. Der Misanthrop wird eines Besseren belehrt werden, und zwar von drei Geistern, die Scrooge dazu bringen, über sein Tun zu reflektieren. Diese weisen Wesen wünscht man sich sehnlichst angesichts eines Wahltriumphes, der sich wie Realsatire anfühlt und von welchem man am liebsten glauben möchte, dass alles wäre nur ein sehr verspäteter Aprilscherz. Angesichts der bisherigen Menschheitsgeschichte folgt die Ernüchterung auf dem Fuß, denn so viel Fantasie lässt sich maximal bei den Simpsons als bizarre Zukunftsvision erleben. Tatsächlich aber ist der Mensch ein wahnsinnig leicht manipulierbares Herdentier, welches sich wie Wollvieh gerne in ein Geviert sperren lässt, damit man ihm das Blaue vom Himmel lügen kann. Passt die Verarsche schließlich in die eigene Convenience-Blase, sind alle glücklich.

Um so eine Vorgehensweise als Politiker an den Tag zu legen, muss einer wie Donald Trump damit kein Problem haben, wider besseren Wissens falsche Fakten zu verbreiten. Und das nur, um Macht zu gewinnen oder besser gesagt: diese zu erhalten. Denn gewonnen hat dieser alte weiße Mann schon alles. Dass den Niederträchtigen die Welt gehört, war schon immer so. Man muss ein Schwein sein in der Gesellschaft, man darf sich nichts gefallen lassen. Und man muss mit unlauteren, illegalen Mitteln arbeiten, um auf schnellstem Wege das zu bekommen, was man will. Rechtschaffenheit ist dabei ein Fremdwort, das in Ali Abbasis The Apprentice (bezugnehmend auf Trumps ehemals eigene Casting-Show) ein einziges mal fällt. Rechtschaffenheit, Werte, Aufrichtigkeit. Dabei hat Donald Trump im alles verschluckenden Schatten seines Vaters Fred den Eifer eines gewissenhaften Wirtschafters vor sich hergetragen. Von Tür zu Tür ist er gegangen, um die Mieten der familieneigenen Immobilien zu kassieren. Doch für etwas Besseres hat sich der Blondschopf schon immer gehalten. Und landete so in elitären Clubs für ausgewähltes Klientel. Einer dieser Stammgäste war Roy Cohn. Des Teufels Advokat oder der Teufel als Advokat – wie man es nimmt. Der solariumgebräunte Tunichtgut, der mit Sicherheit als Vorbild für den Breaking Bad-Alleskönner Saul Goodman hergehalten hat, findet in Trump einen Schüler, den er zur mächtigen und unerschütterlichen Nemesis für das liberale Amerika formen kann.

Überraschenderweise verhält es sich bei The Apprentice so, dass Ali Abbasi (u. a. Border, Holy Spider) gar nicht vor hat, ein propagandistisches Schmähwerk zu errichten, angespornt durch linke Lager. Sein Donald Trump ist keine Parodie, keine Monstrosität, kein plakativer Finsterling. Seinem Weltmann begegnet der Film ohne Vorbehalte, vertraulich und offen genug, sich auch manchmal vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Eine finstere Farce ist das biographische Drama auch nicht, vielleicht eher eine Parabel, ein moralisches Gleichnis und eine kritische Abhandlung toxischer Methoden und Lehrsätze, die Verheerendes anrichten können. Mit Sebastian Stan und Jeremy Strong hat Abbasi ein ausgesucht ambivalentes Duo gefunden, das zur Gänze hinter ihren biographischen Figuren verschwindet. Stan ist im Übrigen kaum mehr wiederzuerkennen. Auch er will seinen zu spielenden Charakter nicht durch den Dreck ziehen. Er will ihn läutern, indem er die Wandlung vom nichtsahnenden Greenhorn zum ausgefuchsten Lügenbaron mit dem Riesenego an chronologischen Eckpunkten festmacht. Die Entwicklung stimmt, stolpert nur am Ende über sich selbst oder will gar zu sehr die Korrumpierung eines Charakters in deftigen Verhaltensabnormen seinem Publikum noch einprägsamer vor Augen führen als notwendig. Ja schon gut, wir erkennen ohnehin, welche Richtung Trump letztlich einschlagen wird. Da bleibt Cohn als schmächtige Schreckensgestalt noch die unberechenbarere Bedrohung. Der Dynamik von Meister und Schüler aber folgend, wird letzterer sein Vorbild irgendwann stürzen.

Alles bekämpfen, nur nichts zugeben, und stets gewinnen, auch wenn alles verloren scheint: Die Dreifaltigkeit des Machtkalküls dringt der Trump’schen Figur aus jeder Pore. Mit zunehmender Verkommenheit leidet auch die Bildqualität von Abbasis Versuchsanordnung, und das selbstverständlich absichtlich. Diese manchmal beängstigende Biografie macht einerseits Lust, sich mit der neu gewonnenen Ordnung in Übersee auseinanderzusetzen, andererseits weckt der beklemmende Werdegang den Widerstand, eine Welt wie diese unter dem Befehl eines Mannes wie diesen als gegeben zu akzeptieren. Zumindest zu diesem Werk hätte Trump ausnahmsweise mal stehen können. Womöglich schmeichelt es ihm mehr als uns lieb ist.

The Apprentice – Die Trump Story (2024)

The Outrun (2024)

EIN SELKIE AM TROCKENEN

6,5/10


theoutrun© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

DREHBUCH: NORA FINGSCHEIDT, AMY LIPTROT, NACH IHREN MEMOIREN

CAST: SAOIRSE RONAN, PAAPA ESSIEDU, STEPHEN DILLANE, SASKIA REEVES, NABIL ELOUAHABI, IZUKA HOYLE, LAUREN LYLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Weibliche Charaktere, die aus dem sozialen Raster fallen oder am System vorbeiexistieren, liegen stets im Fokus der Filmemacherin Nora Fingscheidt, die mit ihrem radikalen Problemkind-Drama Systemsprenger weltweit auf sich aufmerksam machte. Netflix klopfte an und gab ihr die Regie für den Sandra Bullock-Streifen The Unforgivable, indem der Star eine ehemalige Straftäterin gibt, die im Alltag nicht mehr Fuß fassen kann. Ähnlich geht es nun in ihrem neuesten Werk The Outrun zu. Statt anarchischem Schreihals oder einer zutiefst depressiven Bullock färbt sich diesmal Saoirse Ronan die Haare blau. Wobei die Farbe Blau zumindest in unseren Kreisen hier gerne mit einem Zustand des völligen Kontrollverlusts einhergeht, der dann einsetzt, wenn man zu tief ins Glas geblickt hat. In diesem Film ist Filmcharakter Rona genau so jemand: Eine Alkoholikerin. Als wäre sie eine Kneipenkumpanin von Amy Winehouse gewesen, nur ohne deren Ruhm, war das Gift im Glas auch das Gift für ihre Beziehung, ihre Zukunft, ihr Studium. The Outrun zeigt aber nicht den Verfallsprozess einer jungen Frau, sondern knüpft eigentlich dort an, wo diese das Ruder herumreisst. Den Entzug bereits überstanden, macht sich Rona auf in Richtung Heimat ihrer Kindheit. Und die ist nicht im Londoner Umland, sondern viel weiter weg. Ganz weit draußen im Nordosten der Insel Großbritannien, zu Schottland gehörend und am Ende der Welt: Auf dem Orkney-Archipel.

Felsen, Strände, ganz viel Küste und sturmgepeitschte See. Wiesen, vereinzelte Steinhäuser und unter Mühsal betriebene Viehbetriebe, wie Ronas Eltern welche führen. Die sind wiederum getrennt, denn Papa ist aufgrund einer bipolaren Störung nicht unwesentlich daran beteiligt, dass seine Tochter so manches aus ihrer Kindheit mitnehmen musste, worauf sie lieber verzichtet hätte. Dennoch ist das Nirgendwo im Takt der Gezeiten genau jene Form von Reduktion, die jemanden wie Rona auch psychisch wieder rebooten kann. Einen Neuanfang unter extremen Witterungen und unter den Blicken der Kegelrobben, von denen manche tatsächlich Selkies sein könnten – Mischwesen aus Mensch und Tier, Gestalten aus der schottischen Mythologie. Wesen, die zwischen den Elementen wandeln, sich jedoch stets nach dem Meer sehnen.

Saoirse Ronan könnte so jemand sein, natürlich im übertragenen Sinn. Fingscheidt spielt mit dieser Mythologie und mit Ronans Haarfarbe, flechtet sie ein, nimmt sie als Metaebene in die Verfilmung eines autobiografischen Romans auf, den Autorin Amy Liptrot verfasst hat, um über ihre Sucht und die Überwindung selbiger zu schreiben. Mit Ronan mag da die richtige Besetzung gefunden worden sein – ihre Begeisterung für die ungebändigte Natur kann sie transportieren. Die Rolle der Süchtigen allerdings weniger. Dafür umschifft Fingscheidt den Absturz großräumig, streift auch deren Beziehung nur flüchtig. Im Trend liegt derzeit, und das merkt man auch hier, eine gegen die eigentliche Chronologie der Handlung gerichtete Abfolge an Rückblenden zu streuen. Bei The Outrun kommen diese entweder zu früh oder zu spät ins Spiel. Dass Ronans Figur und deren Entwicklung bei gezielterem Timing an Griffigkeit gewonnen hätte, bleibt zu vermuten.

Anfangs ist es auch so, dass Fingscheidts Drama Mühe hat, zu diesem Thema eine neue Perspektive zu finden. Erst sehr viel später, wenn sich auch die Familiengeschichte offenbart oder Ronan langsam, aber doch, das Trauma des Alkoholkonsums hinter sich lässt, um neue Horizonte zu erschließen, mag der Funke überspringen, mag die Selbstfindung dann auch mitreißen. Im Tosen der Wellen wird der Neuanfang schließlich zur Metapher in Form einer unbegrenzten, naturgebundenen Superkraft, die jeder mobilisieren kann. Vorausgesetzt, die Parameter des Umfelds stimmen.

The Outrun (2024)

In Liebe, Eure Hilde (2024)

AUS LIEBE IM WIDERSTAND

6/10


in-liebe-eure-hilde© 2024 Pandora Film / Frederic Batier


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE: ANDREAS DRESEN

DREHBUCH: LAILA STIELER

CAST: LIV LISA FRIES, JOHANNES HEGEMANN, LISA WAGNER, ALEXANDER SCHEER, EMMA BADING, SINA MARTENS, LISA HRDINA, LENA URZENDOWSKY, NICO EHRENTEIT, FRITZI HABERLANDT, FLORIAN LUKAS U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN


Schluchzen, Tränen, Betroffenheit im Kinosaal. Emotionale, mitunter verstörte Missstimmung. Wohin mit den eigenen Emotionen nach einem Film wie diesem?

In Liebe, Eure Hilde von Andreas Dresen fordert und überfordert. Das biographische Drama als schwermütig zu bezeichnen, wäre fast schon banal. Schwer verdaulich trifft es eher, nur: Schwer verdaulich muss auch nicht zwingend bedeuten, dass sich dahinter ein guter Film versteckt. Die Schwere eines Films liegt dabei weniger an den Themen. Es lassen sich diese auch ganz anders erzählen, ohne dabei die Relevanz zu verlieren. Einen Film über den Holocaust zu erzählen in Form einer Tragikomödie wie Das Leben ist schön, mag ein innovativer Ansatz gewesen sein. Sexueller Missbrauch und Demenz im Doppelpack zu bearbeiten, ohne dabei das Publikum danach zum Therapeuten schicken zu müssen, mag Michel Franco in Memory gelungen sein. Andreas Dresen nimmt sich nach Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush erneut einer True Story an, gebettet in den biographischen Auszug über eine historische Person. Sein neuer Film handelt vom Schicksal der Widerstandskämpferin Hilde Coppi, die im August 1943 wegen Hochverrats und Spionage hingerichtet wurde. Dieser Fall erinnert unweigerlich an Sophie Scholl. Marc Rothemund hat im Jahr 2005 der weißen Rose ein erschütterndes und stark auf ihr Tun und Wirken fokussiertes Denkmal gesetzt, Julia Jentsch absolvierte dabei wohl eine ihrer besten Acts. Nun folgt ihr Liv Lisa Fries, bekannt aus der fulminanten zeitgeschichtlichen Krimiserie Babylon Berlin, und erhält dabei von Andreas Dresen reichlich Spielzeit, um jene noch so erdenkliche Emotion, die eine junge Frau mit diesen Ambitionen zu dieser Zeit und unter diesen Umständen gehabt haben kann, in ihre Rolle zu legen. Niemals ist das zu dick aufgetragen, denn Fries legt in all ihren Auftritten stets eine grundlegende Natürlichkeit an den Tag, die kein Regisseur der Welt ihr austreiben kann. Mit diesem schauspielerischen As im Ärmel hätte In Liebe, Eure Hilde ein wegweisendes Politdrama werden können. Doch Dresen hatte etwas andere im Sinn: Das Tun und Wirken Hilde Coppis außen vorzulassen und stattdessen den Menschen dahinter zu präsentieren. Leider ein Trugschluss. Denn Menschen wie Coppi definieren sich vorallem durch ihre Ideale, ihre Ideen und hehren Ziele. Dresen macht aus dieser historischen Person etwas, womit diese, würde sie den Film sehen, vielleicht selbst nicht glücklich gewesen wäre.

Was bleibt, ist die Rolle der Frau als bedingungslos Liebende, als fürsorgliche Mutter und hinnehmende Ehefrau. Wieviel davon ist tatsächlich so gewesen? Ihr Sohn Hans Coppi, der am Ende des Filmes dann auch noch zu Wort kommt, kann darüber keinen Aufschluss geben. Briefe aus dem Gefängnis allerdings schon. Drehbuchautorin Laila Stieler ersinnt daraus eine viel zu bescheidene Betrachtung einer austauschbaren, universellen Frauenrolle, die, so wie es scheint, in den Widerstand hineingerutscht zu sein scheint, unreflektiert und aus bedingungsloser Liebe im Rollenbild der Vierziger. Fast schon erscheint diese Prämisse seltsam trivial, um es sich leisten zu können, den Aspekt des Widerstandes nur peripher zu behandeln. Dieses Periphere betrifft allerdings auch all die anderen Personen, die Hilde umgeben. Sie bleiben schemenhaft und grob umrissen, Johannes Hegemann gibt Hans Coppi auffallend wenig Charakter, geschweige denn Charisma. All das wird von Liv Lisa Fries überblendet, die den Film so schmerzlich macht.

Der dargestellte Schmerz aber ist das nächste Problem nebst dem verpeilten Fokus, den Dresen gesetzt hat: Sein Hinhalten genau dorthin, wo es wehtut, mag dem Film Authentizität geben und das Publikum auch die Chance geben, allerhand nachzuspüren, was man nicht erleben will. Die Zuseher müssen sensibilisiert werden. Des Öfteren jedoch ertappt sich Dresen dabei, dieses Schmerzempfinden zum Selbstzweck werden zu lassen. Ob minutenlanges Wehen-Management bei der Geburt des kleinen Hans oder die Hinrichtung selbst: Für In Liebe, Eure Hilde hat das kaum einen Nutzen. Es sei denn, die Qualität eines Films misst sich an seiner Schwere.

In Liebe, Eure Hilde (2024)

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

KAFKA, EINMAL UNVERKITSCHT

7,5/10


herrlichkeitdeslebens© 2024 Majestic/Christian Schulz


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: JUDITH KAUFMANN & GEORG MAAS

CAST: SABIN TAMBREA, HENRIETTE CONFURIUS, MANUEL RUBEY, DANIELA GOLPASHIN, ALMA HASUN, PETER MOLTZEN, LEO ALTARAS, LUISE ASCHENBRENNER, FRIEDERIKE TIEFENBACHER, MICHAELA CASPAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 99 MIN


Als kafkaesk bezeichnet man groteske gesellschaftspolitische Umstände, Überwachungsstaaten und Albtraumbürokratien. Morphologische Veränderungen, Paranoia und die Angst vor einer körperlosen Übermacht. Will man Franz Kafka darstellen, lässt man ihn gerne so sein wie eine seiner Figuren, orientierungslos, verfolgt und nicht Herr seiner Sinne. Der Autor Michael Kumpfmüller hat über das letzte Lebensjahr des großen deutschsprachigen Schriftstellers einen Roman verfasst und ihn so dargestellt als jemand, der zwar krank war, jedoch keinesfalls so verschroben, wie man ihn gerne hätte. Kafka hatte Stil und war redegewandt wie kein Zweiter. War charmant zu den Damen, nur leider keiner, der, so sagt er selbst, für Langzeitbeziehungen wirklich geeignet ist. Das letzte Jahr seines Lebens gewährt ihm aber dann doch den Schein einer ewigen Beziehung, eine Lebensgemeinschaft bis in den Tod. Dieser jemand an seiner Seite war Dora Diamant – schöner kann ein Name, der kein Künstlername ist, wahrlich nicht klingen. Mit Dora findet Franz Kafka seine ideale Partnerin – und schließlich auch jemanden, der die Leiden einer Lungentuberkulose bedingungslos mitträgt. Alles beginnt in einem idyllischen Nordseesommer beim Spazierengehen am Strand, den Sprösslingen im nahegelegenen jüdischen Kinderheim erzählt er, kauernd im Strandkorb, allegorische Geschichten über Mäuse und Katzen. Dora Diamant lauscht mit – und gerät ins Blickfeld des edlen Herren, den von da an nichts mehr daran hindert, ihr den Hof zu machen. Das Interesse beruht auf Gegenseitigkeit, beide sind klug, beide ticken ähnlich, nur die Krankheit bremst so manche Pläne. Der darauffolgende Winter in Berlin wird zur Belastungsprobe, die Eltern, insbesondere Kafkas Vater, wird auf ewig ein Schreckgespenst bleiben. Bald kann Kafka nicht mehr sprechen, die Tuberkulose breitet sich aus. Doch Dora weicht nicht von seiner Seite.

Melodramatisch ist Die Herrlichkeit des Lebens sehr wohl, doch auf eine gute Art. Auf die einzig richtige Weise, wie man Melodramatisches nur auf die Leinwand bringen kann und dabei genau darauf achtet, jedweden sentimentalen Kitsch zu vermeiden. Denn Melodrama muss niemals sentimental sein. Das Regieduo Judith Kaufmann und Georg Maas finden am Anfang des Films sommerliche norddeutsche Bilder, die an die impressionistischen Malereien Renoirs oder Monets erinnern. Wir sehen eine Holzbank auf einem Aussichtsplatz hoch über dem Strand, um die Rückenlehne ist ein seidenes, auberginerotes Band gewickelt, welches in der Sommerbrise weht. Klingt nach Rosamunde Pilcher? Ist es aber nicht. Diese Romantik verdient es kompromisslos, sich dieser Bildsprache zu bedienen. Inszeniert wird sie voller Respekt vor dem Genre und den historischen Figuren, die sich begegnen. Sabin Tambrea verleiht der literarischen Legende Charisma und Charakter, und vor allem versucht er nicht, sich an dieser bedeutenden Rolle, seinem Geltungsdrang verpflichtet, zu ereifern. Tambrea macht einen Schritt zurück, bleibt besonnen und unaufgeregt. Das gibt der Figur jede Menge Raum. Ebenso Henriette Confurius als Dora: Auch sie authentisch und natürlich, kein bisschen zu viel, niemals zu wenig. Diese beiden schaffen eine immersive Atmosphäre, in die man als Zuseher unweigerlich hineingleitet. Trotz der leisen, fast ereignislosen Chronik eines Abschieds ist es allen voran diese konstante, stilsichere Gefühlswelt, die Kaufmann und Maas hier errichtet haben, die den Zugang zu diesem Film so frappant erleichtern. Keine Regie-Allüren, keine Schauspiel-Allüren, kein bizarres Gemotze wie bei David Schalko. Menschlich und warmherzig gibt dieses Drama einen fast schon intimen Einblick in eine Künstlerseele und seinen Dämonen, in eine späte Liebe und in die Kunst, das Unausweichliche zu akzeptieren.

Die Herrlichkeit des Lebens ist ein strahlend schöner Film, wohltuend und berührend, ohne darauf aus sein zu müssen, dieses Ziel zu erreichen. Das Werk genügt sich selbst, es ist Melancholie mit Understatement.

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

Golda – Israels eiserne Lady (2023)

DIE ALTE DAME UND DAS HEER

6/10


golda© 2023 Aidem Media Ltd / Foto: SeanGleeson


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: GUY NATTIV

DREHBUCH: NICHOLAS MARTIN

CAST: HELEN MIRREN, CAMILLE COTTIN, RAMI HEUBERGER, LIEV SCHREIBER, LIOR ASHKENAZI, DOMINIC MAFHAM, ED STOPPARD, MARK FLEISCHMANN, OHAD KNOLLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wie schon bei Die dunkelste Stunde – dem Portrait über Winston Churchill im Schatten des Zweiten Weltkrieges, für welches der unkenntliche Gary Oldman seinen Oscar gewonnen hatte – ist auch Golda – Israels eiserne Lady vor allem eins: Ein Triumph der Maskenbildner. Denn Helen Mirren ist im Gegensatz zu Oldman zumindest gerade noch zu erkennen, kennt man die Akteurin nicht nur flüchtig. Tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht, die Nase ist klobig, die Backen hängend, der Schritt aufgrund von zu viel Wasser in den Beinen schleppend und schlurfig. In den nikotingelben Fingern ihrer linken Hand klimmt pausenlos eine Zigarette, den Gesundheitszustand von Israels Grand Dame will ich gar nicht so genau wissen. Es ist schon genug gesagt, wenn Golda Meir, damals bereits stolze 75 Jahre alt, in regelmäßigen Abständen zur Strahlenbehandlung ins Spital muss. Dazwischen rennen ihr sozusagen über Nacht wutentbrannte Nachbarstaaten die Türen ein, in diesem Falle Ägypten und Syrien – letztere rücken aus dem Norden vor, die anderen überqueren unter dem Befehl des Präsidenten Sadat den Suezkanal, um die Rückeroberung der Halbinsel Sinai über die Bühne zu bringen, ungünstigerweise am Feiertag Jom Kippur, womit sich dieser Krieg auch namentlich in den Geschichtsbüchern eintragen wird. Bedrängt also von allen Seiten, muss Golda Meir die richtigen Entscheidungen treffen. Und, mehr noch als ihr Verteidigungsminister, die Nerven bewahren. Zum Glück war Israel auch damals schon mit den USA verbrüdert – so kommt es, dass Henry Kissinger wie gegenwärtig Anthony Blinken als Vermittler tut, was er kann, um das Schlimmste abzuwenden.

Letztendlich, und das ist Geschichte, werden die Israelis tough genug sein, um Ägypten in ihre Schranken zu weisen. Sadat wird klein beigeben und Israel als Staat anerkennen. Sinai wandert zu Teilen wieder an Ägypten zurück. Der Frieden scheint beschlossen. Golda Meir wird den Frieden noch erleben, bevor sie 1978 stirbt. Und wäre nicht einer wie Guy Nattiv, der, wie schon Joe Wright mit dem ebenfalls kettenrauchenden Churchill, einer Größe der Weltpolitik ein Denkmal gesetzt hätte, hätte ich in Sachen Jom-Kippur-Krieg wohl nicht viel dazugelernt. Angelegt als Kammerspiel und selten bis gar nicht auf dem offenen Schlachtfeld unterwegs, sehen wir Helen Mirren mit tränenden Augen und der zähen Umtriebigkeit einer „Miss Marple“ die Geschicke ihres Landes lenken, ob am Telefon, im Konferenzraum oder daheim im Bett mit sich selbst, die inneren Dämonen der Verantwortung bekämpfend. Nattiv rückt der Person durchaus nahe, trotz Maske findet Mirren Mittel und Wege, ausdrucksstark zu bleiben. Doch was wäre gewesen, hätte dieses Politdrama einer wie Ridley Scott oder Steven Spielberg verfilmt, Sam Mendes oder der Deutsche Edward Berger? Es wären nachhaltig intensive Szenen des Leidens und des Krieges gewesen. Der Charakterstudie einer kettenrauchenden Pragmatikerin, die sich stets die Gefallenen notiert, als wären sie die Zahlen einer Lottoshow, wäre man mit der anderen Seite der Medaille begegnet; mit dem kritischen Blick, der jenem der Rechtfertigung begegnet wäre. Beides zusammen hätte erlebte Geschichte auf die Leinwand gebracht – doch Nattivs Fokus bleibt beharrlich auf Golda Meir, die alte Dame und ihr Heer, das zähe Ringen um die bessere Taktik.

Die viele Theorie, das Umschreiben der militärischen Wendepunkte anhand von Funkberichten von der Front, das Herankarren politischer Eckdaten – alles hat Sinn, und dennoch bleibt es trocken, manchmal schwerfällig im Erzählen, wie Meir selbst. Wichtig ist die Maske, die verblüffende Ähnlichkeit, die genialen Close ups. Dann der Rauch vieler Zigaretten, ein bisschen halbherzige Symbolik für nichts Konkretes – hinter dem Rauch die erfahrenswerte Vorgeschichte eines Zustandes, der aktuell unentwegt Schlagzeilen macht.

Golda – Israels eiserne Lady (2023)

Mit einem Tiger schlafen (2024)

DAS INNERE NACH AUSSEN KEHREN

8/10


miteinemtigerschlafen© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: ANJA SALOMONOWITZ

CAST: BIRGIT MINICHMAYR, JOHANNA ORSINI, LUKAS WATZL, OSKAR HAAG, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, SALADIN DELLERS, CARL ACHLEITNER, GRISCHKA VOSS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN 


Die meiste Zeit ihres Lebens stand sie im Schatten ihrer männlichen Künstlerkollegen zu einer Zeit, in der die Kunst von Frauen eher belächelt als ernstgenommen wurde: Maria Lassnig, stets unverstanden und unnahbar zugleich, die Personifizierung der Einsamkeit einer Nonkonformistin. So, wie Anja Salomonowitz die Kärtner Ikone der feministischen Body-Art und des surrealen Aktionismus skizziert, möchte man meinen, es mit einer Ausgestoßenen zu tun zu haben, die stets vergeblich, und ähnlich wie Vincent van Gogh, darum bemüht war, ihren ganz persönlichen Zugang zu ihrer Kunst für andere verständlich zu machen. All die Versuche scheiterten, bis die Dame alt und gebrechlich wurde und ihre Kunstwerke längst als Teil einer Familie ansah, die sie nie gehabt hatte. Zweisamkeit, Vertrautheit, das Teilen von Ansichten und Empfindungen – Lassnig blieb stets allein auf weiter Flur, in großräumigen, lichtdurchfluteten Atelierräumen, meist am Boden liegend, verkrümmt und seltsam verrenkt, um so ihr Innerstes nach außen kehren zu können und dieses Etwas auf großformatige Leinwände zu applizieren, die, sobald sie fertiggestellt waren, nicht selten an Francis Bacon erinnern, nur heller, strahlender, getaucht in pastellige Farben, die neben dunklen, körperlichen Details existieren. Das Körperliche, allerdings das subjektiv Körperliche, war Lassnig stets das Wichtigste. Ihre Werke sind zahlreich, surreal und phantastisch. Selbstportraits, die mit Träumen und Albträumen kokettieren. Selbstportraits, die Lassnig mit gesellschaftlichen Agenden und einer abstrakten Gefühlswelt verband wie keine andere.

Ihre Werke gingen mir lange Zeit nie besonders nah. Womöglich, weil ich nicht gut genug hingesehen hatte. Ein Umstand, der sich geändert hat, und nicht erst sein diesem Film, der es tatsächlich schafft, dem Subgenre des Künstlerbiopics völlig neue Vibes zu verpassen. Mit einem Tiger schlafen – so auch der Titel eines ihrer Gemälde – ist alles, nur kein normaler Spielfilm mit klassischer Chronologie. Lassnigs Leben liegt scheinbar in Bruchstücken vor dem Publikum, Salomonowitz schlendert, über all die Scherben gebeugt, von einer zur anderen, hebt sie auf, dramatisiert sie, in völlig ungeordneter Reihenfolge; die Lust am Chaotischen, am Assoziativen befeuert den ganzen Film. Von der Kindheit im ländlichen Kärnten springt Salomonowitz gleich weiter in die späten Jahre, von dort wieder zu ihren Anfängen während der Nazizeit, um dann wieder als Erwachsene die Rolle ihres kindlichen Alter Egos einzunehmen, das der Willkür einer Mutter ausgesetzt war, die eine Hassliebe zu ihrer Tochter gehabt zu haben schien. Da man in den ersten Jahren des Heranwachsens für den Rest des Daseins geprägt wird, ist es auch nicht verwunderlich, dass Lassnig immer wieder abtaucht in die Dunkelheit der Mädchendaseins. Wie die geniale Eremitin dann ihre Seele zur Schau stellt, ist das mitfühlende, schmerzliche und berührende Drama einer Einzelgängerin, die immer berühmt sein wollte, so wie Arnulf Rainer, Ernst Fuchs oder Joseph Beuys, in den späten Jahren aber ihre Bilder als die Chronik ihres Lebens betrachtet, längst nicht mehr notwendig, sie irgendwem zu vermachen.

Mit einem Tiger schlafen gelingt es auf erfrischende Weise, das Geflecht an Szenen dennoch in einer verblüffenden Akkuratesse zu ordnen. Ein Widersprich in sich, der sowohl als Werkschau, als dokumentarische Betrachtung und als analytisches Portrait funktioniert, ohne die Zuneigung für die dargestellte Person vermissen zu lassen. Zu danken ist dieses Gefühl der Verbundenheit natürlich Birgit Minichmayr (Andrea lässt sich scheiden), die, um viel freier zu agieren, nicht altern braucht, nur um eine äußerliche Authentizität zu wahren. So einfach scheint es, diesen Anspruch wegzulassen. Dafür gibt sich die Burgschauspielerin in ihrer Performance einem biographische Akzente setzenden Naturalismus hin – intuitiv, ernsthaft und im Einklang mit einer, die wohl, hätte sie diesen Film noch gesehen, vielleicht gar zugeben würde, endlich verstanden worden zu sein.

Mit einem Tiger schlafen (2024)

Back to Black (2024)

VOM WERT DES WELTRUHMS

6,5/10


backtoblack2© 2024 Dean Rogers, STUDIOCANAL SAS


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: SAM TAYLOR-JOHNSON

DREHBUCH: MATT GREENHALGH

CAST: MARISA ABELA, LESLEY MANVILLE, EDDIE MARSAN, JACK O’CONNELL, JULIET COWAN, BRONSON WEBB, ANSU KABIA, SAM BUCHANAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Janis Joplin, Jim Morrisson, Jimi Hendrix – und Amy Winehouse. Sie alle gehören, mit einem gewissen Zynismus betrachtet, zum Klub 27. Sie haben ein Leben gelebt, das nicht mal drei Dekaden gedauert hat. Sie wurden weltberühmt, Fans lagen ihnen zu Füßen, Türen und Tore waren geöffnet, und dennoch scheiterten sie daran, das, worauf es ankam, halten zu können. Im Juni 2011 starb Amy Winehouse aufgrund einer Alkoholvergiftung nach einer längeren Phase der Enthaltsamkeit, wie uns am Ende des nun in den Kinos angelaufenen Biopics letzte Zeilen informieren. Eine große Stimme, unverwechselbare Musik, und dennoch ist das, was Menschen wie Winehouse in die Geschichte eingehen lässt, eben nicht das, was ein gutes Leben wohl ausmachen würde. Ein gutes Leben, das wäre Beständigkeit, Geborgenheit und Zusammenhalt, Liebe und Treue. Back to Black sieht sich als Künstlerinnendrama weniger in der Pflicht, eine Chronik des jähen Erfolgs abzuliefern als vielmehr, den Alltagsmenschen Amy Winehouse losgelöst von all diesem Tamtam rund um ihre Person darzustellen, in der Erzählform einer Charakterstudie, die ankommt.

Back to Black setzt da an, wo alle Welt beginnt, die Stimme von Amy Winehouse zu bewundern. Manager werden hellhörig und handeln Deals mit dem Label Island Records aus, es dauert nicht lange, da schwappt der Erfolg nach dem ersten Albums Frank mit titelgebendem Meisterwerk auch nach Übersee in die Staaten über. Und wer mal, das wissen wir seit Falco, dort die Nummer Eins in den Charts erklommen hat, kann höher nicht mehr steigen. Die Talfahrt muss irgendwann folgen, denn Wundernummern, die auf der ganzen Welt gleichermaßen ins Ohr gehen, lassen sich auch nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln. Was Amy Winehouse aber an diesem Punkt von allen anderen Künstlern unterscheidet, die am Leistungsdruck, den Erwartungen und all der Öffentlichkeit letztlich scheiterten, sind die gänzlich anderen Prioritäten, die Winehouse gesetzt hat. So platt und pseudoromantisch es auch klingen mag, hinter all dem Tun und den Treiben von Winehouse stand am Ende nur noch ein einziger Motor. Und dieser hieß: Lover Blake Fielder-Civil (Jack O’Connell). Diese nicht gerade hellste Kerze auf der Torte und ein Freund aller Substanzen, die man illegal inhalieren kann, sollte zur großen und einzig wahren Liebe des stimmmächtigen Soulstars werden. Und auch zu dessen größter Prüfung. Mit einem wie Blake lassen sich genussvoll toxische Beziehungen leben, und es ist ja nicht so, als wäre Winehouse ein einfacher Mensch gewesen. Newcomerin Marisa Abela scheint dafür bestens geeignet, dieser komplexen, stark nach Perfektion im Lebensglück fixierten jungen Frau mit all ihren Stärken und Schwächen gerecht zu werden. Und nicht nur das: Alle Musikstücke von Amy Winehouse hat Abela selbst eingesungen, und bewundernswerterweise kommt ihre Interpretation der Lieder der Originalstimme deutlich nah.

Sam Taylor-Johnson, die mit Nowhere Boy über die Anfänge der Kultband The Beatles bereits Musikgeschichte adaptiert hat, beißt sich zum Glück nicht daran fest, Winehouses Biographie klar zu strukturieren. Die Jahre ihres Erfolges und ihres privaten Unglücks fließen ineinander, niemals ist klar, wann was wo gerade stattfindet, es sind Szenen aus einem Leben, von welchem es Bilderalben voll von Paparazzi-Fotografien geben muss, so sehr rückte die Presse Winehouse auf die Pelle. Doch selbst das, und gerade das – Ruhm, Erfolg, Geld – blieb ihr zeit ihres kurzen Lebens egal. Stand by your Woman könnte man sagen, und dazu gehört auch, sich nicht mal in für andere womöglich peinlichen Situationen aus Suff und impulsivem Verhalten zu verstellen. So gesehen war diese Musikerin, wenn man Johnsons Portrait Glauben schenken will, ein Mensch der Extreme, der lieber Pech im Spiel und dafür Glück in der Liebe gehabt hätte.

Back to Black setzt Marisa Abela, mit Turmfrisur und Augenschminke, bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit ikonisch in Szene, es ist eine Hommage an eine Jahrhundertstimme, die Lieder für die Ewigkeit intonierte und noch so viel zustande hätte bringen können, wäre die Liebe ihres Lebens jemand anderer gewesen, jemand mit Beständigkeit. Vielleicht mag man dem Film vorhalten, sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin verlassen zu haben, und wenn nicht auf die Hauptdarstellerin, dann auf die Musik. Rechnet man diese Faktoren weg, bleibt eine handwerklich routinierte Regie übrig, und ein Film, über den man nicht reden wird, denn worüber man einzig und allein reden wird, ist Amy Winehouse – so, als hätte man einen Nachruf gelesen, dessen sprachliche Wucht vor dem emotional aufgeladenen biografischen Notizen wohl niemals verlangt werden wird.

Back to Black (2024)

Bob Marley: One Love (2024)

REGGAE ALS KATALYSATOR DER ZUVERSICHT

6/10


bobmarley© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: REINALDO MARCUS GREEN

DREHBUCH: REINALDO MARCUS GREEN, TERENCE WINTER, FRANK E. FLOWERS & ZACH BAYLIN

CAST: KINGSLEY BEN-ADIR, LASHANA LYNCH, JAMES NORTON, ANTHONY WELSH, ASTON BARRETT JR., TOSIN COLE, HECTOR DONALD LEWIS, DAVID MARVIN KERR JR., STEFAN WADE, SEVANA, NAOMI COWAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Ich hätte schwören können, über Reggae-Gott Bob Marley gäbe es bereits ein Biopic, doch der Eindruck täuschte mich. Was mir so vorkam wie Marley, war womöglich Miles Davis oder James Brown – jedenfalls wundert es mich doch ein bisschen, dass Bob Marley: One Love zum allerersten Mal den Rastafari aus Jamaika auf die große Leinwand bringt. Rastafari – wer sind diese Leute überhaupt? Man kennt Dreadlocks, die gestrickten Mützen in den Nationalfarben Jamaikas, man kennt Haile Selassie, den äthiopischen Monarchen, man kennt den Löwen als Symbol und jede Menge Cannabis, das natürlich geraucht werden muss. Doch was genau hinter dieser Glaubensrichtung steht, spart Reinaldo Marcus Green, seines Zeichens Regisseur von King Richard, insofern aus, da er sein Publikum dazu motiviert, sich selbst auf Recherche zu begeben. Macht aber nichts, wozu gibt es Wikipedia, denn dort lässt sich herausfinden, dass dieser Haile Selassie als prophezeiter schwarzer Kaiser die Reinkarnation des Messias darstellt und die Befreiung Afrikas und all seine Kinder, die über den Erdball verstreut sind, bringen wird. Jah heisst deren Gott, und Bob Marley wird des Öfteren zu ihm beten und ihm huldigen, auch in seinen Liedern.

Rastafari sind friedliebend, vorwiegend gechillt und äußerst rhythmisch veranlagt. Nicht umsonst ist Reggae deren Musik, und dieser Reggae, der schafft es, auch all jene mitzureißen, die noch nie auf Jamaika waren und einen Joint geraucht haben. Reggae, das ist wie guter Stoff in Musikform, da fällt der Stress ab, da entspannt sich der ganze Körper, da bewegt man sich mit dem Flow der prägnanten Klänge, der Trommeln und der Gitarren. Es ist, als wäre man irgendwo am Strand am Meer und könnte die Seele baumeln lassen. Man bräuchte nur die Augen zu schließen und da ist er: Bob Marley, wild gestikulierend und dabei hüpfend wie ein Häschen, seine unverkennbare, einmalige Stimme ins Mikro jaulend und der dabei positiv, beschwichtigend und die Wogen glättend in die Zukunft blickt. Every little thing gonna be alright. Oh ja, so fühlt es sich an, wenn man Marley hört. Mit den Songs, angefangen von No Woman No Cry bis zu seinem Hit-Album Exodus, ist Reinaldo Greens Film ein Best of des Feelgood.

Dabei erweckt ihn Kingsley Ben-Adir tatsächlich zum Leben. Unter der Rasta-Mähne und dem Dreitagebart, mit den richtigen Moves und dem ganzen, womöglich akribisch abgeguckten Gehabe, vermag Adir zu überzeugen. An der Darstellung des VIPs gibt es nichts zu meckern, allerdings gibt es auch keinerlei Versuche, den Künstler umzuinterpretieren. Adir ist Bob Marley – dieser wäre glücklich darüber. Er wäre auch glücklich darüber, wie sorgfältig trapiert seine Hits einer nach dem anderen in diesem Biopic verteilt sind, als hätten wir ein One-Performer-Musical wie Rocketman, das die Kassen dank zahlreicher Evergreens, ausschließlich gesungen von Taron Egerton als Elton John, klingen lassen konnte. Bob Marley: One Love hätte etwas ähnliches werden können, ein Bob Marley-Musical, in welchem der Skipper höchstselbst anhand seiner Nummern über sein Leben sinniert. Da der Glamour eines Elton John einer eingerauchten, wohlwollenden Erdung weichen muss, ist die Form eines Musikfilms wie dieser immer noch am geeignetsten, verknüpft mit biographischen Eckpunkten, die rund um das legendäre Friedenskonzert 1978 in Jamaika angesiedelt sind.

Lässt sich da eine verdichtete Chronik eines Ruhms im Abendrot spinnen? Seltsamerweise wäre Bob Marley: One Love, hätte es all die wunderbaren Lieder nicht, die der mit 36 Jahren an Krebs verstorbene Künstler als ewiges Vermächtnis hinterlassen hat, eine müde Angelegenheit. Weniger straff, dafür etwas unentschlossen, geben szenische Einsprengseln manches aus der Jugend Marleys preis, manches beschäftigt sich wiederum mit der Entstehung des Albums Exodus und manches mit Jamaikas wüster Politik. Doch all diese Facetten wollen sich nur schwer bis gar nicht miteinander verbinden. Das dramaturgische Grundgerüst fällt auseinander, hat aber immer noch Ben-Adir in petto, der stets aufs Neue unbedingt zeigen muss, wie verblüffend gut er das Vorbild imitieren kann. Jedes Mal aufs Neue hängt man an seinen Lippen, wenn er so klingt, wie er klingen soll. Wenn er singt, was er singen soll und wir hören wollen. Die Musik ist letztlich der eigentliche Superkleber in diesem Film, der das Stückwerk notgedrungen zusammenhalten muss. Das ist kein Fehler, dafür gibt’s schließlich jede Menge Benefit: Die gechillten Rhythmen zeitlosen Reggae-Sounds, den richtigen Ohrenschmaus als Antidepressiva.

Bob Marley: One Love (2024)