Schloss aus Glas

DIE REGELN DER ERZIEHUNG

6/10

 

SCHLOSS AUS GLAS© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

MIT WOODY HARRELSON, BRIE LARSON, NAOMI WATTS U. A.

 

Elternführerschein für alle! Nach der längst überfälligen Ehe für selbige in Österreich wäre dies der nächste Schritt zu einer besseren Welt, oder sagen wir: einer besser erzogenen. Die Eckpfeiler einer guten Erziehung finden sich maximal in guten Ratgebern. Aber wie viele der Eltern lesen schon Ratgeber. Einfach nur mit der Tatsache, erwachsen zu sein und seine eigene Kindheit mehr oder weniger durchgestanden zu haben, lässt sich noch kein Nachwuchs zielsicher durchs unruhige Gewässer der menschlichen Entwicklung steuern. Da gehört Feingefühl dazu, Vernunft, Selbstlosigkeit. Ja, vor allem Selbstlosigkeit. Und ein gesundes, in sich ruhendes Ego, mit zeitlosen Werten geprägt. Oft aber haben familiäre Leitfiguren ein zerrüttetes, beschädigtes, zerstörtes Ich, das bereits mit dem nicht zu vergessenden Trauma einer schallenden Ohrfeige beginnen kann. Oder mit der unkontrollierten Machtausübung des Stärkeren, womöglich auch selbst aus einer gewissen Fehlprägung heraus. Denn Kinder galten Anfang des vorigen Jahrhunderts noch nicht mal als vollwertige Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Da wundert einem eine teils neurotische wie psychotische Welt nicht mehr. 

Die Regeln der Erziehung – gibt es welche? Und können Eltern sie sinnvoll anwenden, wenn sie ihre eigene Erziehung erst noch verarbeiten müssen? Wie dem Nachwuchs eine Existenz schaffen, wenn Papa oder Mama selbst damit hadern? Nun, so viel Trost sei gespendet: der Mensch ist ein Wunderwerk der Evolution, allerdings ein Wunderwerk in progress. Dank der selektiven Radiation ist der Mensch immer noch stets im Wandel begriffen. Kann sich enorm gut anpassen und kann existenztechnisch improvisieren, dank seines Verstandes. Entbehrt das Umfeld des Heranwachsens jeglicher Geborgen- und Sicherheit, absorbiert der juvenile Verstand den Mangel und kurbelt den eigenen Denkapparat an. Der erste Schritt zur frühen Selbstständigkeit. Ein Kind, das, kaum geboren, verhätschelt und übermäßig beschützt wird, braucht selbst seinen eigenen Ist-Zustand nicht zu hinterfragen. Da alles in den Schoß gelegt wird, bleibt die Herausbildung des eigenen starken Ichs vielleicht auf der Strecke. Überspitzt formuliert, und ja, Grauzonen und Mittelwerte außer Acht gelassen. Die italienische Ärztin und Philantrophin Maria Montessori hat ihre Methodik der Pädagogik mit den Worten versehen: Hilf mir, es selbst zu tun. Aber auch dieser befreiende Leitsatz hängt sehr vom genetischen Erbe ab. Und von der Gesundheit eines jungen Menschen. Alles keine leichte Interpretation, alles nur mal angerissen. Aber es sind Gedanken, die sich mir aufdrängen, nachdem ich die Verfilmung der Biografie von Schriftstellerin Jeanette Walls gesehen habe. 

Darin spielt der unvergleichliche Woody Harrelson den asozialen Alltags-Abenteurer Rex Walls, der mit Künstlergattin und seinen vier Kindern dem seines Erachtens nach alles ruinierenden Systems der Gesellschaft zu entkommen versucht und mit vollbeladener Rostlaube von hier nach dort zieht. Dass der idealistisch denkende Über-Vater seinen Nachwuchs nicht in die Schule schickt, allerdings aber nicht mal selbst unterrichtet und das eigene Wissen in losen Anekdoten von sich gibt, ist für diesen Weg der Erziehung nur eine logische Folge. Obwohl – Erziehung ist es keine. Die drei Töchter und der eine Sohne bleiben sich selbst überlassen, müssen oftmals hungern, haben keine Freunde, der soziale Kontakt ist auf die Familie beschränkt. Der Vater selber lebt im Wunderland – sein Lebensstil ist Freiheit, sich niemanden unterwerfen zu müssen. Das Ziel: ein Schloss aus Glas. Für dieses zu bewohnende Kunstwerk werden Pläne gewälzt bis zum Gehtnichtmehr. Und die Begeisterung der Kinder an der Wurzel gepackt. Dumm nur, dass die Ideen des Vaters nur im Kopf passieren. Jeanette Walls und ihre Geschwister schauen durch die dürren Finger – die Tatsache, dass alles nur leere Versprechungen sind, zwingt die dem Ego-Trip der Eltern Unterworfenen zum Handeln. 

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton lässt Oscarpreisträgerin Brie Larson an ein entbehrliches Damals erinnern und zeichnet ein durchaus vielschichtiges, psychologisch komplexes Familiendrama, indem schwer zu fassende Themen wie Erziehung, Verantwortung und Selbstachtung im Mittelpunkt stehen. Dass sich der Lebensstil von Familie Walls so derart radikal manifestiert hat, erklärt sich nicht ohne schmerzliche Ursache. Auch das versucht der Film mithilfe seines souveränen Ensembles zu verstehen. Ein schwerer Brocken von Film, noch dazu in zwei Zeitebenen. Und um Einiges zu lang. Klar, um das alles unterzubringen, muss es auch ein Drama werden, das Sitzfleisch fordert. Das ähnlich gelagerte Aussteigerdrama Captain Fantastic von Matt Ross, mit Viggo Mortensen als Systemverweigerer mit Anhang, findet klarere Strukturen in der Geschichte. Konzentriert sich zeitgerecht auf einen Erzählfokus, bindet seine Fragen und Antworten besser an den roten Faden. Schloss aus Glas kann den Anspruch gar nicht ganz erfüllen, ohne sich mit einer konservativen Art des Erzählens auszuhelfen. Das wird dann irgendwann zu seifig, und aus dem spannenden Bild einer gestörten Familie wird ein Vater-Tochter-Melodrama, das letzten Endes allzu versöhnlich lächelt.

Schloss aus Glas

The Lego Ninjago Movie

ANOTHER BRICKS IN THE WALL

6,5/10

 

Ninjago© 2017 Warner Bros. Entertainment Inc.

 

LAND: USA 2017

REGIE: CHARLIE BEAN

MIT DEN STIMMEN VON Dave Franco, Zach Woods, Jackie Chan

 

Eine Kindheit ohne LEGO geht fast gar nicht. Und ich kann diese Review auch nicht wirklich schreiben, ohne zwangsläufig Werbung für LEGO zu machen. LEGO ist allgegenwärtig. Keine Ahnung, ob ich hier die Wortmarke LEGO überhaupt ohne ® oder TM-Vermerk hier mit einbeziehen darf. Allerdings denke ich – LEGO ist in seiner Art und Weise so konkurrenzlos, dass ich mit der im Folgenden dauerhaften Produktbenennung ohnehin offene Türen einrenne. Da kann Cobi oder wie sie alle heißen seit dem Ablauf der Lizenz für das Patent des Legosteins sowieso nicht mithalten – geschweige denn all die chinesischen Plagiate, die gern so qualitativ sein wollen wie das Original. LEGO – das ist unverwüstlich. Und motiviert auch den weltweiten Ideenreichtum im Kinderzimmer. Am besten sind ohnehin die puren Steine, Achter oder Vierer oder wie sie alle heißen. Von den Spezialsteinen rede ich gar nicht, die lizenztypischen Steine bremsen wiederum die Kreativität. Wie auch immer – es war ja nur eine Frage der Zeit, bis das Spielzeug seinen Weg auf die Leinwand findet. Mit LEGO können Filmemacher einiges anstellen – oder alles auf einmal, wie in The LEGO Movie. Eine wüste Bausteinorgie, schwindelerregend überdreht, hysterisch und knallbunt. Nach zwanzig Minuten kollabierender Reizverarbeitung kam dann bei mir das errettende selbstinitiierte Time-Out. Über The LEGO Batman Movie habe ich mir nur sagen lassen, dass dieser in seiner wüsten Chaosmanier sogar noch eines draufgelegt hat. Gut, das will ich lieber nicht so genau wissen. Viel lieber kauere ich mich im Schneidersitz ins Kinderzimmer und schlichte Steinchen für Steinchen und schaffe so eine gewisse Ordnung. Aber: Projekt incompleted. Das kann ich wohl erst machen, wenn ich in Pension oder arbeitslos bin. Es kann sich ja keiner vorstellen, wie zeit- und platzaufwändig das ist, das Projekt „Ordnung ist das halbe Lego“ durchzuziehen. Dann vielleicht doch lieber den nächsten LEGO-Film. Und wenn, dann gleich im Kino, volle Dröhnung. The Lego Ninjago Movie bietet sich an, weil LEGO Ninjago etwas ist, womit mein Sohn so einiges anfangen kann.

Also erwühlen wir uns einen der Ninjago-Helden aus der Steinchenschütte, denn die müssen neben uns auf der gepolsterten Sessellehne im Kinosaal sitzen, und ziehen los. Damit sich das Ganze gleich interaktiv anfühlen kann. Und siehe da – womit mich der dritte Lego-Film gleich zu Beginn abgeholt hat, das war die Illusion des Stop-Motion. Spielsteine täuschend echt zu animieren ist im Grunde keine Kunst, jedenfalls nicht für Professionisten. Es aber so aussehen zu lassen, als hätte Nick Park anstatt seiner Plastilin-Figuren Wallace & Gromit diesmal die knapp 4cm hohen Legofiguren in menschenverachtender, mühsamer Kleinarbeit Bild für Bild animiert, ist entweder eine feine Art des Hinters-Licht-Führens oder die große Kunst bildlastiger Fake-News. Wobei – die Katze, die Ninjago City heimsucht, muss aber ein Live-Act-Element gewesen sein! Oder doch nicht? Tatsächlich wandern meine Gedanken während des Betrachtens dieses launigen LEGO-Films in Richtung Quantenphilosophie. Ist die Katze echt, oder ist sie es nicht? Diese absichtlich kindlich-plumpe Art des Animierens und das Placebo von Schrödingers Katze, die sich anstatt in einer Kiste im zweidimensionalen Rechteck einer Leinwand befindet und mit der 3D-Brille sogar noch mit der dritten Dimension liebäugelt, ist aber allerdings nur ein Bonus, der den Spaß am Aufbauen und Umhauen von LEGO-Konstruktionen noch versüßt.

Denn die quirlige Brick-Action mit zahlreichen USP-Momenten ist längst nicht so ein Zudröhner wie erwartet. Ganz im Gegenteil – die augenzwinkernde Vater-Sohn-Geschichte zwischen dem grünen Ninjago Lloyd (das L ist bitte zweimal zu betonen) und dem vierarmigen, schwarzen Mutantenpapa Garmadon bietet schlagfertigen Witz, liebevoll überzeichnete Emotionen und pfiffige Action, die an Abenteuer wie Indiana Jones oder Tomb Raider erinnert. Dazwischen geizt man nicht mit allerlei ironischen Zitaten auf das Kaju-Filmgenre des Fernen Ostens. Aus The LEGO Ninjago Movie ist so etwas wie ein Merchandise-Eastern geworden, der unerwartet unterhält, Spaß macht und, daheim angekommen, die Ninjago-Sets wieder aus der Schublade holen lässt.

The Lego Ninjago Movie

Begabt

TROTZDEM KIND SEIN

7/10

 

begabt© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARC WEBB

MIT CHRIS EVANS, McKenna Grace, Octavia Spencer, Lindsay Duncan u. a.

 

Kann denn das wahr sein? Mit sprachlosem Staunen und heruntergeklappter Kinnlade starren Mama oder Papa auf den Befund der Psychologin, die den IQ des eigenen Kindes ausgetestet hat. Und da steht es schwarz auf weiß: Der Nachwuchs ist hochbegabt. Was kann es Schöneres und Stolzeres für die Elternschaft geben, als die Gewissheit, dass der Erbe es mal zu etwas Erstaunlichem bringen wird. Was Anderes kommt ja schließlich gar nicht infrage. Wenn schon hochintelligent, dann muss diese Gabe auch eingesetzt werden. Zum Wohle aller, zum Wohle der Menschheit. So ein Superhirn muss fortan nun Dinge verstehen und begreifen, die andere nicht mal ansatzweise verstehen. Und Probleme lösen, von deren Existenz wir alle keine Ahnung haben. Da kann man wirklich stolz sein. Da sind ja die Eltern sofort und quasi automatisch auch gleich mit hochintelligent, obwohl sie so gut wie gar nichts dazu beigetragen haben. Na gut, den Drill dahinter, damit der Status Quo nicht ungenutzt bleibt. Diese Gabe, die ist einfach da. Manche Kinder haben den Durchblick auf die Welt einfach mit im Programm, wie Haarfarbe, Augenfarbe oder das Muttermal hinter dem Ohr. Nur für Haar- und Augenfarbe muss das Kind nicht seine notwendige Kindheit verwirken, auf die es menschenrechtsmäßig einen Anspruch hat. Für seine Intelligenz mitunter schon. 

Hochbegabung ist beileibe keine Auszeichnung, sondern viel mehr eine Bürde. Denn nichts will ein Kind weniger, als nicht dazuzugehören, auch wenn es etwas Besonderes ist. Mit dem Attest der Hochbegabung bekommt man den Status des Außenseiters gleich mit. Ist schon seltsam, so viel Verstand. Damit kann vielleicht Sheldon Cooper umgehen – die Mehrheit dieser Kinder allerdings nicht. Oder nur schlecht, wenn sie nicht behutsam begleitet werden und Kind sein dürfen, wir alle anderen auch.  

Spätestens da stellt sich Captain America Chris Evans quer. Seine Nichte und Ziehtochter, die Lehrerin und Mitschüler mit ihrer exorbitanten Auffassungsgabe beeindruckt, hat zuallererst mal das Recht auf eine normale Kindheit. Sonderschule nein danke. Ein Leben, so natürlich wie möglich. Ohne allzu viel Druck, ohne Angst, zu versagen. Damit hat der Onkel, der selbst in einer Wohnwagensiedlung lebt und seine Schwester, die allerdings ebenfalls hochbegabt war, zu Grabe tragen musste, durchaus recht. Doch ein Extrem muss das andere Extrem nicht ersetzen. Oder ausschließen. Ist ein sich entwickelnder Geist unterfordert, kann das durchaus weniger liebsame psychologische Folgen haben. Daher: ab zur Elite. So wünscht es sich wiederum die Oma. Was folgt ist ein Diskurs über Sorgerecht, Verantwortung und die Sicht aufs Leben. Da sieht es fast so aus, als würde der Onkel, der es nur gut meint, den Kürzeren ziehen.

Spiderman-Regisseur Marc Webb fügt dem Genre des pädagogischen Films mit dem behutsamen Familiendrama Begabt neue, ergänzende Aspekte hinzu. Seine Jungdarstellerin McKenna Grace ist wiedermal das Ergebnis eines geglückten Castings. Das blonde Mädchen balanciert ihre Rolle geschickt und glaubwürdig zwischen kindlich-altkluger Überheblichkeit und der Sehnsucht, Kind sein zu dürfen, und das mit ganz viel Freispiel. Die Erkenntnis, mehr zu begreifen als andere, kann und wird das Leben ändern. Wie sehr, und in welchen Bereichen des Lebens dies betreffen soll – darüber lässt sich streiten. Begabt ist ein Film über die Grauzonen der richtigen Erziehung, dem Ideal einer Kindheit unter extremen Bedingungen und dem Bedürfnis, für das Kind die beste aller Welten zu wollen. Kluges Kino, dass zum Über- und Nachdenken anregt.

Begabt

Liebe möglicherweise

DIE (UN)MÖGLICHKEIT DER NÄHE

5/10

 

liebemoeglicherweise10© WEGA-Film

 

LAND: Österreich 2016

Regie: Michael Kreihsl

Mit Devid Striesow, Silke Bodenbender, Edita Malovčić, Gerti Drassl, Otto Schenk u. a.

 

Ich kann mich noch ganz genau an meine Volksschulzeit erinnern – da bin ich in der hintersten Reihe neben Edita Malovčić gesessen. Tatsächlich haben wir sogar gemeinsam im Rahmen einer Weihnachtsveranstaltung ein Theaterstück gespielt. Sie und ich, wir waren Indianer. Und ja, es gibt Fotos. Und jetzt – jetzt sehe ich meine ehemalige Klassenkollegin auf großer Leinwand oder auf dem Bildschirm. Auf Du und Du mit namhaften Stars. Schauspielerisch in Topform und wahrlich nicht mit Reizen geizend. Edita Malovčić hat im neuen Film von Michael Kreihsl allerdings nur eine verschwindende Nebenrolle. Eine auffällige zwar, aber eine von vielen kleinen Rollen, die mit Gerti Drassl, Devid Striesow und – haltet euch fest – Otto Schenk besetzt sind. Entstehen hätte dann so etwas wie ein episodenhafter Beziehungsreigen mit dem für Episodenfilme üblichen Handlungs-Crossover entstehen sollen. Der Episodenfilm an sich – und zwar der Beziehungs-Episodenfilm – hat in der österreichischen Filmwelt doch irgendwie eine lange Tradition. Das beginnt ja eigentlich schon bei Arthur Schnitzler´s Reigen, dem frivolen Bühnenstück aus dem frühen 20ten Jahrhundert, der nur zu gut und zu gerne in skandalheischender Inszenierung dem entrüsteten Publikum vor den Latz geknallt wird. Wobei – Reigen war schon länger nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Dafür aber im Kino – der Film hieß 360°, wurde teilweise in Wien gedreht und hatte neben internationalen Schauspielern wie Jude Law auch solche wie Alexander Krisch im Repertoire. Viel früher noch hat Petra Morze für das stimmig-düstere Liebeskarussell Antares die Hüllen fallen lassen. 

In Liebe möglicherweise fallen zwar nicht wirklich die Hüllen – zu wahren Erkenntnissen kommt man aber in dem ausschließlich in der Wienerstadt gedrehten Ensemblefilm aber auch nicht. Schon klar – Beziehungen sind nicht immer leicht, sei es nun die Beziehung zum Nachwuchs, zu den eigenen Eltern oder zum Lebenspartner. Ja, vielleicht auch die Beziehung zum platonischen Freund oder Freundin. Oftmals ist Nähe da ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein immerwährendes Scheitern, Entfremden und Versöhnen, was uns Regisseur Kreihsl da auftischt. Konstellationen, die uns allen nur allzu bekannt vorkommen – und daher für vorhersehbare Langeweile sorgen. Um wirklich mitzufühlen – dafür werden die einzelnen Protagonisten nur allzu sehr von außen betrachtet. Gefühlswelten bleiben auf augenscheinliche Symptome reduziert. Einzig die Problembehandlung Striesow-Bodenbender hat mehr Gewicht, obwohl sich auch hier neue Erkenntnisse rarmachen. Ich frage mich, wieso sich Liebe möglicherweise nicht nur auf die eine Geschichte konzentriert hat. Alle anderen Nebenschauplätze sind so grob skizziert und daher so entbehrlich, dass keiner sie vermisst hätte. Na gut, Otto Schenk vielleicht schon, den sieht man immer wieder gerne. Aber das legendäre Bühnen-Urgestein wäre drehbuchtechnisch auch anders unterzubringen gewesen. 

Ein Episodenfilm also – möglicherweise. Doch um diese dramaturgische Mechanik zu rechtfertigen, dazu mangelt es einfach an psychologischen Details.

Liebe möglicherweise

Mein Fleisch und Blut

RETTET DAS KIND!

6/10

 

fleischblut© 2016 Allegro Film / Quelle: flimmit.com

 

LAND: ÖSTERREICH 2016

REGIE: MICHAEL RAMSAUER

MIT ANDREAS KIENDL, URSULA STRAUSS, LILY EPPLY, HARRY PRINZ

 

Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Nachbarn, die können angenehm hilfsbereit und unauffällig sein. Oder aber andauernd querulieren, ihren Müll nicht wegräumen oder frühmorgens gar nicht mal grüßen. Nachbarn eignen sich gut für Ausflüge und gemeinsames Grillen im Vorgarten. Aber auch wahnsinnig gut dafür, Konflikte vor dem Bezirksgericht auszutragen. Und dann gibt es noch die Sorte der psychopathischen Belagerer, die nichts Anderes wollen als die Destruktion deiner Familie. Ungefähr von dieser Sorte könnte das junge Liebespaar sein, dass da so urplötzlich in der zum Verkauf stehenden, benachbarten Immobilie eingezogen ist, direkt neben dem neu geschniegelten Swimmingpool eines in Zwangsurlaub befindlichen Journalisten und Familienvaters, der sich um seinen Sohn zu kümmern hat. Dieser Sohn allerdings trägt autistische Züge, spricht kaum und sucht auch sonst eigentlich keinerlei Nähe zu seinen Eltern. Allerdings – die junge Blondine von nebenan scheint es dem Buben angetan zu haben. Ihr offenes, unbekümmertes Wesen weckt im verhaltensgestörten Nachwuchs tatsächlich sowas wie für andere sichtbare Gefühlsregungen. Eigenartig – das finden nicht nur Ursula Strauss und Andreas Kiendl. Es dauert nicht lange, und immer mehr Indizien weisen darauf hin, dass die Nachbarn nicht das sind, was sie vorgeben zu sein.

Der Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur Michael Ramsauer hat für sein Regiedebüt zwei Publikumslieblinge gewinnen können, die wir bereits aus anderen TV-Reihenkrimis kennen – Schnell ermittelt und Soko Kitzbühel. Diesmal aber stehen die beiden auf der anderen Seite der kriminologischen Nahrungskette und haben ihre darzustellenden Charaktere fest im Griff – im Gegensatz zum Drehbuch. Nichts gegen die grundlegende Story – das bedrohliche Szenario eines Eingriffs in den hochheiligen Mikrokosmos Familie hat schon seine geschickt konstruierten Momente. Sein Ensemble mit der richtigen Dosis Verzweiflung, Wut und Panik zu versehen, gelingt ihm zweifelsohne. Das nachvollziehbare Handeln einzelner Figuren bleibt aber außen vor und misslingt vor allem an einer wichtigen Schlüsselszene, die Andreas Kiendl ganz alleine auszubaden hat. Nicht, dass er der Ambivalenz seiner Rolle zu wenig Nachdruck verleiht – nein, das ist es nicht. Wie er damit aber in völliger Alleinverantwortung die Geschichte vorantreiben muss, ist verwunderlich. Dass ein Mann so sehr so schnell seine Prinzipien über Bord wirft, und das einzig und allein, um sich an seiner Libido schadlos zu halten, ist unglaubwürdig.

Die Invasion von vorgetäuscht Vertrautem in die Intimität einer Familie ist Joel Edgerton in seinem fiesen Psychothriller The Gift deutlich raffinierter gelungen. In Mein Fleisch und Blut orientiert sich Ramsauer zu sehr an amerikanischen Vorbildern aus dem Thriller-Genre, ohne das Handeln seines Hauptdarstellers zu hinterfragen. Muss er nicht, denkt er sich, für Effektivität reicht es allemal. Und natürlich, effektiv ist der Film. Spannend, zügig inszeniert, da gibt es nichts zu meckern. Ein Fernsehkrimi, der allerdings schon ins Kino darf. Warum dieser und nicht andere, die Antwort darauf bleibt der kurzweilige Krieg der Eltern nach bekanntem Genre-Muster dann doch schuldig.

Mein Fleisch und Blut

The Book of Henry

ÜBER DEN TOD HINAUS

7/10

 

bookhenry@ 2017 Universal Pictures / Quelle: upig.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: COLIN TREVORROW

MIT JAEDEN LIEBERHER, JACOB TREMBLAY, NAOMI WATTS, DEAN NORRIS

 

Zivilcourage beginnt bei einem selber. Die kann man nicht auf andere abladen oder andere dafür verantworten. Bevor nichts getan wird, muss etwas getan werden. Schon klar, warum Verbrechen, die in aller Öffentlichkeit passieren, meist ignoriert werden. Es ist die Angst davor, selber draufzuzahlen. Der Selbstschutz ist nun mal stärker als der Altruismus. Verbrechen können auch totgeschwiegen werden, wenn es um Bürger geht, die Macht besitzen. Mit Macht in den Händen darf man so ziemlich alles. Blöd nur, dass es immer Dumme gibt, die dieser Macht folgen. Denn ohne Anhänger wäre der Mächtige auch selbst ziemlich schutzlos. Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist es, anderen zu helfen und notfalls aus ihrer Misere zu befreien. Genau das überlegt sich Henry, ein hochbegabter, überdurchschnittlich intelligenter zwölfjähriger Junge, der mit ansehen muss, wie die Tochter des Nachbarn missbraucht wird. Was kann er schon dagegen tun? Zumindest mal allererst einen Plan verfassen. Einen Plan zur Rettung des Mädchens, das noch dazu in sie selbe Klasse geht wie der schulpflichtige Geistesriese mit ausgeprägtem Familiensinn und der bis obenhin angefüllt ist mit Liebe für seine Mutter und vor allem für seinen kleinen Bruder. Dumm nur, dass Henry im Krankenhaus landet. Diagnose: Hirntumor.

Colin Trevorrow, Regisseur des wunderbar verschrobenen, absolut sehenswerten Indiedramas Journey of Love (auch bekannt als Der Zeitreisende), aber auch Regisseur des sagenhaft missglückten Dino-Sequels Jurassic World, hat anscheinend wieder zu den Wurzeln budgetär überschaubarer, kleiner aber feiner Dramen zurückgefunden. Vom Set des kommenden Star Wars Spin-Offs Solo: A Star Wars Story hat sich der Filmemacher aufgrund angeblicher Drehbuch-Differenzen entfernt. The Book of Henry dürfte zwischen Dem Dino-Erfolg und Star Wars entstanden sein. Der vereitelte Idealist wird sich in Zukunft wohl mit niedriger dimensionierten Filmprojekten abfinden müssen – was aber kein Schaden für das Kinopublikum sein muss. The Book of Henry ist nämlich, genauso wie Journey of Love, ein ungewöhnlicher Genre-Mix, diesmal aber einer zwischen Jugend-, Familien- und Selbstjustizdrama. Was in erster Linie ins Auge sticht, sind die Darbietungen der beiden Brüder. Jaeden Lieberher als Mastermind, der es schafft, auch über seinen Tod hinaus Botschaften zu vermitteln, beweist gemeinsam mit seinem Co-Filmpartner Jacob Tremblay, den wir bereits aus Raum kennen, dass beim Casting von heranwachsenden Supertalenten in Hollywood stets ins Schwarze getroffen wird. Beide stehlen Naomi Watts den ganzen Film hindurch die Show, einzig abgelöst vom grimmig dreinblickenden Stiefvater der Nachbarstochter, dargestellt von Breaking Bad-Star Dean Norris. Die Jungs dominieren den Film, und die Zuneigung der beiden füreinander ist in jeder Spielminute spürbar. Was The Book of Henry auch noch auszeichnet, oder sagen wir zumindest in Erinnerung bleiben lässt, ist eine der wohl schmerzlichsten und intensivsten Sterbeszenen, die ich jemals in einem Filmdrama miterleben durfte. Das reduzierte, fesselnde Spiel des 14jährigen Lieberher geht an die Nieren, der Moment des Todes ist fast so, als wäre man Teil der Familie. Wenn man selber Kinder hat, so ist die Szene fast schon unerträglich und verursacht einen Kropf im Hals, der nur sehr langsam oder bis zum Ende des Films gar nicht mehr verschwindet. Denn die Trauer des hinterbliebenen Bruders ist nicht weniger berührend als der alles verändernde Schicksalschlag innerhalb der Familie.
Der Tod, so zeigt uns The Book of Henry, ist längst kein Grund, unerledigte Dinge unerledigt zu lassen. Schon gar nicht, wenn es um Zivilcourage geht. Da gibt es immer noch dieses Mädchen, das befreit werden muss. Und plötzlich ist Henry wieder allgegenwärtig, dank seiner vorausschauenden Geistesgegenwart, seines Scharfsinns und seiner Opferbereitschaft im wahrsten Sinne.

Auch wenn einige Kritiker The Book of Henry verrissen haben, ist der Film aus meiner Sicht in keiner Weise ein wild fabulierendes, konfuses Kitschdrama. Ganz im Gegenteil. Taschentücher und Hollywood-Schmalz sucht man in der Erzählung über Mut und Verantwortung vergebens. Tränendrüsen werden zwar gedrückt, aber irgendwie anders. So wie der ganze Film auch irgendwie anders ist. Wie der wache Geist eines hochbegabten Kindes.

The Book of Henry

Die Croods

ICE AGE WAR GESTERN

8/10

 

croods@ 2013 Dreamworks / Quelle: indiwire.com

 

LAND: USA 2013

REGIE: Chris Sanders, Kirk De Micco

MIT DEN STIMMEN VON Nicolas Cage, Ryan Reynolds, Emma Stone (original) U. A.

 

Von wegen früher war alles besser. Gar nicht wahr. Die humanoiden Wesen der präzivilisatorischen Frühgeschichte hatten überhaupt nichts zu lachen. Das Leben war hart, es gab anfangs nicht mal Feuer, und geschlafen wurde auf Stein in Höhlen, die nur bedingt vor gefräßigen Räubern bewacht wurden. Das Leben der Steinzeit, das war kein Honiglecken. Sondern ein permanentes Zittern. Und auch im Familienverband wurde es nicht besser, ganz im Gegenteil. Da hatte Mann auch noch Verantwortung zu übernehmen für den neugierigen Nachwuchs, der jeden Sonnenuntergang die letzten Strahlen der Sonne einfangen will. So eine Familie sind Die Croods. Eine fünfköpfige, stets hungrige Familie inklusive Oma, die die Nacht im Schlafhaufen verbringt und für das Frühstück noch schnell einem Elefantenvögel das Nest ausräumen muss, um satt zu werden. Gar nicht leicht. Nein. Wenn da nicht plötzlich ein Jüngling Marke Homo sapiens auftauchen würde, der die Familie Croods ins gelobte Land führen will – jenseits vulkanischen Sperrgebiets. Denn die Tektonik feiert fröhliche Urständ und ruckelt und zuckelt, was das Zeug hält. Eruptionen und Pyroklastische Ströme inklusive. Die muss keiner von den Croods live erleben.

Was folgt, kennen wir aus Ice Age. Ein Roadmovie ohne fahrbaren Untersatz, quer durchs Gelände. Aber obwohl uns die Geschichte in Ansätzen bekannt vorkommt, ist sie in Chris Sander´s Animationskomödie unvergleichlich besser erzählt. Die Steinzeit von Dreamworks Pictures ist eine fabelhafte, bunte Welt, die sich aber so was von überhaupt nichts auf prähistorische Authentizität gibt. Die Steinzeit des Cartoon-Kinos, die ist so zauberhaft, surreal und abgehoben, als hätte Kinderbuchautor Erwin Moser, leider erst kürzlich verstorben, einen Schwank aus der Frühzeit des Menschen erzählt. Auch bei Erwin Moser ist die Welt, die er beschreibt, bei Weitem nicht die unsere, sondern eine phantastische Verschmelzung aus Erdachtem und Bekanntem. Was in der Welt der Croods so kreucht, fleucht und den Boden erzittern lässt, sprüht vor Einfallsreichtum und ist obendrein noch unglaublich schön anzusehen. Inmitten dieses kreativen Szenarios frei nach naturhistorischen Fakten stolpert und bricht die eigenwillige Familie durchs Unterholz. Die Flintstones wären nicht so weit gekommen, trotz fahrbaren Untersatzes. Auch bei Fred Feuerstein und Co spielt Geschichtsbezug keine Rolle. Da leben Dinos mit Menschen unter einem Dach. Dinos gibt’s bei den Croods aber nicht. Das geht dort noch besser. Über Land schreitende Wale, Piranhavögel und bunt befellte Säbelzahntiger.

Schnappschüsse vor Erfindung der Fotografie? Klar geht das. Wer nach all dem märchenhaften Zoobesuch langsam müde wird, darf sich an einer für Animationsfilme ungewohnt niveauvollen wie selbstironischen Situationskomik erfreuen. An überraschend gelungenen Slapstick, der brüllen lässt vor Lachen. Und auch skeptische Familienfilm-Muffel vom Zwerchfell-Bann befreit. Ice Age war gestern, und obwohl The Croods bereits schon vier Jahre auf dem Buckel haben, lässt die zwar inhaltlich nicht sehr originelle, aber in den Details wunderbar erdachte andere Familien-Comedy Scrat, Sid und Co etwas alt aussehen. Und ja, den kuschelweichen, bunten Tiger würde ich lieber kraulen als Diego.

Die Croods

Amerikanisches Idyll

WENN DER APFEL WEIT VOM STAMM FÄLLT

7/10

 

amerikanischesidyll© 2016 Splendid Film / Quelle: rollingstone.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: EWAN MCGREGOR

MIT EWAN MCGREGOR, JENNIFER CONNELLY, DAKOTA FANNING U. A.

 

Der amerikanische Autor Philip Roth ist längst einer der bekanntesten und beliebtesten Romanautoren der Gegenwart. Wann der Nobelpreis für Literatur an ihn verliehen wird, ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit. Seine Geschichten sind meist autobiografisch geprägt und sezieren in stilsicherer Erzählkunst gesellschaftliche Paradoxien, Anomalien und Abgründe. So richtig tief im selbstzerstörerischen Schlamm unter dem Fundament einer augenscheinlich heilen Familienwelt wühlt sein Roman Amerikanisches Idyll, im Original American Pastoral. Ein bleischwerer Stoff, eine wuchtige, niederschmetternde Geschichte. Und noch dazu eine, die sich Schauspieler Ewan McGregor für sein Regiedebüt hergenommen hat. Natürlich, zu aller Anfang mal etwas Leichtes, Eingängiges. Eine Fingerübung. Denn Schauspieler sein heißt nicht automatisch auch gleich Regie führen zu können. Da wäre eine kleine, bescheidene Romanze vielleicht besser gewesen? Wie stemmt jemand wie Ewan McGregor regietechnisch so einen filmischen Brocken?

Nun, Fakt ist – er stemmt es. Er stemmt es geradezu bravourös. Und obendrein gibt er schauspielerisch seine bisher beste Performance ab. Vergessen sind da unsägliche Eskapaden wie die des Möchtegern-Sängers in Moulin Rouge oder als teilnahmsloser Spielball ost-westlichen Agentenpokers in Verräter wie wir. Für McGregor dürfte Amerikanisches Idyll eine fast schon persönliche Sache gewesen sein. Etwas, das er unbedingt selber angehen wollte. Und tatsächlich ist der ehemalige Jedi-Ritter und Drogenjunkie in der Rolle des verzweifelten, manischen und aufopferungsvollen Familienvaters wirklich bestens besetzt. Ihm zur Seite die bildschöne Jennifer Connelly als Ehefrau, Ex-Model und Neo-Farmerin mit Mut zur abgeschminkten Hässlichkeit. Beide haben ein riesiges Problem: ihre Tochter. Das stotternde, wenig selbstbewusste Mädchen mutiert fast schon über Nacht zur linksradikalen Terroristin und verschwindet spurlos. Erschütternd für die Eltern, ganz klar. Keiner kann sagen, warum das passiert. Der Schönheits- und Geltungswahn der Mutter kann es längst nicht mehr sein. Mangelnde Fürsorge auch nicht wirklich, zumindest nicht von Seiten des Vaters. Die Mutter, sie ist das Objekt des Widerstands. Des todbringenden Widerstands. Was als traumatisches TV-Erlebnis für das heranwachsende Kind beginnt, artet aus in Tod und Verderben. Der Sinn hinter den terroristischen Akten ist unklar. Wettern gegen den Vietnamkrieg, der zu der Zeit, in welcher der Film spielt, in vollem Gang gewesen war, kann unmöglich im Töten von Menschen seine Berechtigung finden. Wieso Menschen zu Attentätern werden, und welche Erlebnisse in der Kindheit als Auslöser womöglich verborgen liegen, das hat uns schon vor einigen Jahren der Österreicher Michael Haneke in Das weiße Band vor Augen geführt. In Amerikanisches Idyll verschwindet die Ursache zumeist hinter der Wirkung. Die Symptome allerdings, die aus einem gewissen unbehüteten Wohlstand heraus einer Krankheit ähnlich aus dem jungen Mädchen ausbrechen, können auch für den Zustand einer Zeit stehen, die global mit Unruhen, Angst und Schrecken verbunden war. Interventionskriege, Palästina-Terror und die RAF. Dakota Fanning, längst erwachsen, verliert als schwarzes Schaf der Familie jegliche Selbstachtung und interpretiert ihre Rolle als sozial verwahrlostes Faktotum mit viel Gespür und Empathie für die sicherlich schwierig zu handhabende literarische Figur.

Amerikanisches Idyll erinnert mich an Geschichten aus der Feder des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Vor allem die Rolle des „Swede“ Levov ist eine dürrenmatt´sche Figur. Ein ewig Wartender und Hoffender, ganz so wie sein Kommissar Matthäi aus dem grandiosen Kriminalroman Das Versprechen. Das bizarre Schicksal, dass sowohl ihn als auch den Vater ereilt, ist ebenfalls eine Binnenhandlung im Rahmen einer Ich-Erzählung. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten. Und beides ist lesens- bzw. sehenswert. McGregor´s Debüt ist intensives, überraschend gelungenes Erzählkino. Schwermütig, uramerikanisch und expressiv gespielt.

Amerikanisches Idyll

Logan Lucky

DEN GLÜCKLICHEN GEHÖRT DAS GELD

7,5/10

 

loganlucky
© 2017 StudioCanal / Quelle: indiewire.com

 

LAND: USA 2017

REGIE: STEVEN SODERBERGH

MIT CHANNING TATUM, ADAM DRIVER, DANIEL CRAIG, RILEY KEOUGH U.A.

 

John Denver hat´s einfach drauf. Wenn ein Film schon mit den Klängen des guten alten Country-Titanen beginnt, kann er ja fast nicht schlecht sein. Und wenn dann noch dazu Country Roads blechern aus dem Autoradio scheppert und von einer blutjungen Schönheitskönigin geträllert wird, dann bleibt ja fast kein Auge trocken. West Virgina, Mountain Mama…

Steven Soderbergh´s Rückkehr auf die Leinwand spielt tatsächlich in West Virginia. Seine Familie Logan, die er hier liebevoll ins Rennen um gebunkerte Millionen schickt, ist anfangs mal so was von überhaupt nicht glücklich. Ein Fluch liegt auf dieser Familie. Vom Pech verfolgt, hat der eine Bruder bei einem Militäreinsatz im Irak seinen linken Unterarm verloren, der andere wird aufgrund von Kniebeschwerden fristlos entlassen. Und die Schwester – die macht als Friseuse älteren und jüngeren Damen die Haare schick. Was sie noch dazu alle nicht haben, ist natürlich der schnöde Mammon. Und wie es der Zufall so will, macht Gelegenheit Diebe.

Logan Lucky ist ein waschechter Soderbergh. Seine Dramaturgie, die Art seiner Szenenfolgen, die Kamera. Vor allem die Diskrepanz zwischen einem Regisseur, der weiß was passieren wird und einem Publikum, dass die Dinge erst viel später kombiniert, als ihm lieb ist. Das hatten wir schon bei Ocean´s 11 so. Und das ist hier nicht anders. Nur seine Figuren – die sind diesmal wirklich schräger. Und liebevoller. Was sich so anfühlt wie eine Mischung aus Little Miss Sunshine und einem Heist-Movie, das aus der Feder der Coen-Brüder hätte stammen können, ist wahrlich ein schelmischer Leckerbissen mit ganz viel Understatement. Und vielen kleinen Seitenhieben auf Moral, Mittelstand und Game of Thrones. Was sich die Jungs und Mädels hier einfallen haben lassen, um an das große Geld zu kommen, und auf welche Art und Weise der Knacki Daniel Craig alias Joe Bang hier genötigt wird, mitzuwirken, ist Gaunerkino der wortgewandten, situationskomischen Art. Wobei vor allem Daniel Craig mit sichtlicher Spielfreude wohl eine seiner besten Performances liefert. Mit wasserstoffblondem Bürstenschnitt und ein Faible für Chemie darf er in tiefer Dankbarkeit seine Lizenz zum Töten in die Schublade räumen und mal so richtig ungeniert aufspielen. Dass der Mann mehr kann als nur geschüttelten Martini schlürfen, lässt sich spätestens in Logan Lucky beweisen. Sein auftritt amüsiert, und auch „Kylo Ren“ Adam Driver als etwas einsilbiger Barkeeper hat nicht weniger skurrile Momente.

Ocean´s 11 ist was für die Großen und Reichen. Logan Lucky für den Underdog in uns. Zwar wird der Film erst in der zweiten Spielzeit so richtig gut, nachdem er einige entbehrliche und für die Handlung nicht wirklich notwendigen Szenen hinter sich gelassen hat, doch im Ganzen betrachtet ist der unverwechselbare Cineast Soderbergh erfolgreich zurück im Leinwandbusiness.

Logan Lucky

Willkommen bei den Hartmanns

ASYL IN VILLA KUNTERBUNT

5/10

 

hartmanns © 2016 Warner Bros. / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016
REGIE: SIMON VERHOEVEN
MIT SENTA BERGER, HEINER LAUTERBACH, FLORIAN DAVID FITZ U.A.

 

Die Überlegung, ein weiteres Kind könnte eine bereits ins Wanken geratene Ehe kitten, ist meistens keine gute Lösung. Die Idee aber, ein Flüchtling könnte eine neureiche Familie vor dem Auseinanderfallen bewahren, wohl schon eher. Das zumindest denkt sich Simon Verhoeven, Sohn von Senta Berger. Sein Versuch, eine Familiengroteske wie Wes Anderson´s The Royal Tenenbaums zu inszenieren, scheitert aber leider daran, dass zu viele Publikumslieblinge publikumswirksam sein wollen. Und den eigentlichen Film verdrängen. Obwohl die Grundidee der gewollt schrillen Satire durchaus zeitgemäßen Bezug hat, und auch zeitgemäß sein will. Die Flüchtlingsproblematik in ein verwandtschaftliches Rambazamba zu integrieren, ist ein Ansatz, welcher der Asylkrise zumindest einen Spielfilm lang den Schrecken nehmen soll.

Merkel´s vielkritisierte Willkommenskultur schlägt sich nun auch zaghaft im deutschen Kino nieder. Die unter anderem von Senta Berger und Heiner Lauterbach dargestellte intellektuelle Spießerfamilie nimmt einen afrikanischen Flüchtling auf. In erster Linie, damit die Dame des Hauses ihrem so stagnierenden wie ereignislosen Pensionszeitalter wieder zu etwas Sinn verhilft. Alle anderen Familienmitglieder müssen damit klarkommen. Auch der ewig jung bleiben wollende Patriarch, der gern mal fremdgeht. Die Kinder sind sowieso Problemfälle. Also reicht vielleicht sogar nur ein objektiver Blick von aussen, um das Problem dieses Mikrokosmos Familie an der Wurzel zu packen. Der Blick von außen ist der eines Flüchtlings. Der sich wundert, wie schwer man es sich machen kann, trotzdem man alles hat. Und der relativ wenig zu sagen hat. Was er aber sagt, klingt weise.

Diese Weisheit scheint aufgrund ihrer Banalität indoktriniert zu sein. So wie der ganze Film. Da bleiben die Auffanglager für Flüchtlinge kolportagehafte Darstellungen, der Anspruch der Satire geht sehr bald flöten und löst sich unter wohlwollendem Klamauk in Wohlgefallen auf. Wenig unterscheidet Willkommen bei den Hartmanns von einem Fernsehspiel. Da tut sich das deutsche Kino ziemlich schwer. Das liegt vor allem daran, dass die TV-Landschaft seine bewährten Stärken hat, und auch mehr Publikum verzeichnet als das Kino. Das mediale Deutschland ist ein Land des Fernsehens. Dort ist neben viel Schmarrn auch sehr viel Qualität zu Hause. Und die läuft Kinokomödien den Rang ab. Willkommen bei den Hartmanns stürzt sich in das Genre einer ambitionierten Satire, traut sich aber zu wenig und bleibt daher nur ein schöngeredetes Lustspiel.

Willkommen bei den Hartmanns