Der Palast des Postboten (2018)

LEBEN IM MONUMENT

7,5/10


palastdespostboten© 2023 Polyfilm


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

REGIE: NILS TAVERNIER

DREHBUCH: LAURENT BERTONI, FANNY DESMARES, NILS TAVERNIER

CAST: JACQUES GAMBLIN, LAETITIA CASTA, BERNARD LE COQ, ZÉLIE RIXHON, NATACHA LINDINGER, LOUKA PETIT-TABORELLI, FLORENCE THOMASSIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Die einen bauen Luftschlösser, die anderen legen wirklich Hand an. Kaum zu glauben, dass sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat. Ein einfacher Postbote vom Land, der sich ohnehin schon sichtlich schwertut, sozial zu interagieren, setzt sich eines Tages in den Kopf, für seine Tochter einen Palast zu bauen. Natürlich, werden viele dieses Vorhaben nicht ohne Sarkasmus kommentieren. Gerne in der Sandkiste, werden andere sagen. So viel Schnapsidee kann nicht gut gehen, mit praktisch null Ahnung von der Materie lässt sich wohl kaum zur Tat schreiten. Joseph Ferdinand Cheval tut es trotzdem. Weil Schnapsideen die wahren Ideen sind. Weil das völlig Absurde, von welchem alle anderen, die meinen, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen und sich nach der Decke strecken zu müssen, tunlichst abraten, genau das ist, worauf es im Leben ankommt. Wäre Cheval bereits beim ersten Versuch seiner Liebsten, ihn davon abzubringen, tatsächlich ihrem Rat gefolgt, wäre die Welt um das einzige naive Baukunstwerk ärmer.

Wie hat Michelangelo noch gleich so treffend formuliert? Die Figur war schon in dem rohen Stein drin. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen. Und Steine, die gibt es überall und kosten nichts. Auch Kalk und Wasser ist überall zu finden. Somit konnte es losgehen. Wir schreiben das Jahr 1873, und Cheval – der Inbegriff eines Postboten mit dichtem Schnauzer, korrektem Gang und einer Gewissenhaftigkeit, die ihresgleichen sucht – trifft auf seine zukünftige Geliebte Philomène, nachdem seine erste Frau gestorben und sein Sohn in die Obhut von Verwandten gebracht worden war. Mit Cheval warm zu werden, das würde sicherlich niemandem leichtfallen: Der Mann ist verschlossen, scheint autistisch veranlagt. Gefühle zu vermitteln scheint für ihn unmöglich, doch Philomène nimmt ihn, wie er ist. Auf Cheval ist schließlich Verlass. Und als Töchterchen Alice zur Welt kommt, kann der Postbote gar nicht anders, als seinen Triumph, Vater zu sein, in Form eines Bauwerks auszudrücken. Dabei entsteht etwas absolut Einmaliges: ein fantastisches, surreal anmutendes Schloss, inspiriert aus fünf verschiedenen Baustilen – ein Palast voller Fabelwesen, Zapfen, Tropfen, Figuren und Mosaiken. Mit verschlungenen Gängen, kleinen und großen Toren, Türmen, auf denen Türme sitzen. Ein Konstrukt, das so aussieht, als wäre es stetig in Bewegung, als wäre es amorph und würde neue Gestalten gebären, so viel lässt sich beim ersten Mal übersehen, was Cheval in den Sinn kommt, darzustellen. Es wird 33 Jahre brauchen, bis das Kunstwerk seine Vollendung findet. Jahrzehnte und die ganze Brutalität eines Lebens, das nicht bereit ist, Cheval mehr zu geben als die Möglichkeit, das Unmögliche zu realisieren.

So staunend und respektvoll wie jeder Besucher, der sich diesem in Hauterives im südlichen Frankreich gelegenen und immer noch zu besichtigenden Kunstwerks nähert, will auch Nils Tavernier über Cheval und sein Leben berichten. Biografien wie diese, die noch dazu zur Entstehungsgeschichte einer denkwürdigen Arbeit werden, haben es nicht notwendig, die kreativen Eskapaden eines Filmemachers auch noch mittragen zu müssen. Tavernier nimmt sich zurück und wird zu einem Fotografen des 19. Jahrhunderts, der sein Werk genauso gut in Schwarzweiß hätte drehen können. Seine Bilder sind unprätentiös und schlicht, die Dramaturgie folgt einer konventionellen Chronologie der Ereignisse und wagt dabei auch des Öfteren große Zeitsprünge, die für die Essenz der Geschichte legitim scheinen. Ein ganzes Leben in einen Film zu packen ist sowieso unmöglich. Und so hat Tavernier Mut, Dinge wegzulassen, seinen Film zu entschleunigen und Bilder zu vermitteln, die neben der verblüffenden Architektur einer Galerie historischer Aufnahmen gleichkommt, in welcher Jacques Gamblin als liebenswerter Sonderling mit Bravour zwischen Rain Man, Jaques Tati und der Verbissenheit legendärer Renaissancekünstler oszilliert.

Der Palast des Postboten ist aber nicht nur erfrischend klassisch in seiner Erzählweise, sondern auch, fernab jeglicher Sentimentalitäten oder gar des Kitsches, enorm berührend. Was Cheval ertragen muss, und womit er gleichzeitig beschenkt wird, lässt sich als beeindruckendes Plädoyer für die heilsame Kraft der Kreativität und des Schaffens verstehen.

Der Palast des Postboten (2018)

Der Passfälscher (2022)

FELIX KRULL FÜR DIE VERTRIEBENEN

4/10


derpassfaelscher© 2022 Dreifililm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2022

DREHBUCH / REGIE: MAGGIE PEREN

CAST: LOUIS HOFMANN, LUNA WEDLER, JONATHAN BERLIN, NINA GUMMICH, ANDRÉ JUNG, MARC LIMPACH, YOTAM ISHAY, ADRIEN PAPRITZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es ist die Geschichte eines wahren Helden. Und hat sich vermutlich so zugetragen. Die deutsche Filmemacherin Maggie Peren hat sich dem Leben des Verwandlungskünstlers und begabten Grafikers Cioma Schönhaus angenommen und wollte damit ein Tatsachendrama schaffen, das diesen Namen auch all jenen, die bis dato nichts damit anfangen konnten, zu einer ähnlichen Bekanntheit verhelfen sollte wie es seinerzeit Steven Spielberg für Oskar Schindler getan hat.

Die breite Wucht eines Weltkinos bedarf es dafür nicht zwingend. Es würde auch ein kleinerer, weniger epischer Film genügen, der als Biopic in seiner Intensität jener von Sophie Scholl – Die letzten Tage entspräche. Die Chronik einer Selbstaufopferung für eine bessere Welt liegt allerdings schwer im Magen, die Härte dieser True Story liegt in dem für alle Beteiligten letalen Ausgang begründet, der sich einfach nicht schönreden lässt. Cioma Schönhaus hingegen hat es geschafft – das kann man schließlich vorwegnehmen und ist auch kein Geheimnis mehr. Dieser Mann mag betrogen und gelogen haben, und das ist gut so. Er war ein Felix Krull der Vertriebenen, Entrechteten und Enteigneten – und auch ein Retter seiner selbst, hat doch seine Tarnung mit der eines Marineoffiziers bestens funktioniert. Neben dessen Tätigkeit in einer Waffenfabrik, zu welcher er verdonnert wurde, um nicht deportiert zu werden, oblag ihm unter Auftrag des Anwalts Kaufmann die Verantwortung dafür, verfolgten Staatsfeinden und Juden die Flucht aus Deutschland zu garantieren – mit akkurat gefälschten Ausweisen, die mit Tinte, Feder und Pinsel zum Fälschungswunder wurden. Der Passfälscher beschreibt das spätere Leben und Wirken eines Mannes, dem die eloquente Dreistigkeit im Blut lag; der sein Talent zur Täuschung wie kein anderer nutzen konnte – und der das Glück angeblich zu pachten schien. Denn nicht nur einmal wäre es fast passiert, und alles wäre aufgeflogen.

Stoff wie dieser ist prädestiniert dafür, verfilmt zu werden. Stellt sich die Frage, warum das so lange gedauert hat. Doch hier ist er: Louis Hofmann, aller Welt bekannt durch seine Performance als Leitfigur und (Anti)Held in der aus drei Staffeln bestehenden und abgeschlossenen Zeitreise-Dystopie Dark. Als Schönhaus hat er all den Gram, diese Traurigkeit und Verbissenheit mal außen vorgelassen. Hier ist er meist lächelnd, charmant und eloquent. Ein Manipulator mit Einfluss, ein grandioser Künstler. Und doch gelingt Maggie Peren genau das nicht, was dazu beigetragen hätte, an der ganzen Sache auch emotional teilzuhaben. Was wiederum daran liegt, dem Charakter dieses Mannes nie wirklich auf den Grund zu kommen. Ihr Film offenbart sich als eine Aneinanderreihung boulevardesker Schlagzeilen. Weder berührt noch bewegt Hofmanns Darstellung in einem nennenswerten Ausmaß. Vielleicht ist sein Spiel zu verspielt. Seine Last der Verantwortung zu leicht getragen. Auch wenn es solche Leute ja geben soll, dann wäre es zumindest ratsam gewesen, nicht so unstet zwischen den Szenen herumzuspringen. All das erlittene Drama durch das dritte Reich, all die Gefahr, die davon ausging und das Ausmaß dieser Verbrechen haben kaum Relevanz. Ein nachvollziehbares Zeitbild gelingt damit nicht. Und wenn es schon so schwerfällt, die Welt von damals zu erfassen, geschweige denn das Gefühl einer konstanten Bedrohung zu vermitteln, geht das darin verankerte Wirken des Schreibtischhelden an seiner Dringlichkeit vorbei.

Beiläufig und viel zu volatil setzt Peren dem Passfälscher ein Denkmal, das in seiner Umsetzung keinerlei Wagemut eingeht. Was im Widerspruch zu seinem Helden steht.

Der Passfälscher (2022)

Irati (2022)

NICHT DIE GÖTTER, DIE MENSCHEN MÜSSEN VERRÜCKT SEIN

7,5/10


irati© 2022 Filmax


LAND / JAHR: SPANIEN 2022

BUCH / REGIE: PAUL URKIJO ALIJO

CAST: EDURNE AZKARATE, ENEKO SAGARDOY, ITZIAR ITUÑO, ELENA URIZ, KEPA ERRASTI, RAMÓN AGIRRE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Lokale Mythen als großes Kino – eine Mission, die nun in die zweite Runde geht. Wie es Paul Urkijo Alijo abermals geschafft hat, mit wenigen Mitteln die Legenden seines Landes lebendig werden zu lassen, ist erstaunlich. Dabei ist schon sein Erstling eine Wucht. Und Netflix-Abonnenten können sich glücklich schätzen, denn dieser ist fürs Streaming abrufbar: Errementari: Der Schmied und der Teufel. Was so aussieht, als hätte Guillermo del Toro nach Pans Labyrinth abermals kreative Opulenz auf spanischem Boden zum Sprießen gebracht, ist die Saat eines ganz anderen. Eines Autorenfilmers, dessen Namen wohl die wenigsten kennen, dessen Filmschaffen aber eine große Zukunft hat und gegenwärtig längst schon viel mehr Aufmerksamkeit verdient als es bisher der Fall scheint. In Errementari lässt Alijo einen Boten des Teufels in einen Käfig sperren, der die Seele des Schmieds einfordern will, ist dieser doch im Krieg einen Deal mit dem Leibhaftigen eingegangen. Was ein kleines Mädchen mit dieser ganzen verzwickten Situation zu tun hat, lohnt sich in dieser prächtigen Gothic-Fantasy, die auch irgendwie an Neil Gaiman erinnert, herauszufinden.

War schon dieser so hintersinnige wie düstere Streifen die filmische Interpretation folklorer Mythen, ist es Irati ebenso. Kenner des Baskenlandes wissen: Irati ist die Bezeichnung eines Waldes im Norden der Provinz Navarra an der Grenze zu Frankreich und inmitten der Pyrenäen. Wie dieser zu seinem Namen kam, erzählt vorliegende Geschichte: Wir schreiben die letzten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts. Die Franken fallen in die nordspanischen Königreiche ein – auch in das des Herrschers Ximeno, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als die Hilfe einer mythologischen Gottheit namens Mari zu erbitten. Die ist bei den Basken die oberste Entität, die Urmutter aller Nebengötter – der weibliche Odin, wenn man so will. Sie ist liiert mit ihrem eigenen Sohn, einem monströsen Schlangenwesen. König Ximeno dringt also in die heiligen Hallen der mächtigen Dame ein und verspricht ihr sein eigenes Leben, sollte sie die wilden Horden Karls des Großen vernichten. Gesagt, getan – Blut für Blut: Mari lässt es hageln und Felsen regnen – in archaischen Schlachtenszenen und im tosenden Unwetter lassen beiden Parteien die Schwerter klirren, bevor der König sich selbst opfert, um den Deal zu erfüllen. Eineinhalb Jahrzehnte später kehrt dessen Sohn Eneko nach seinen Lehrjahren ins Königreich zurück, um die Gebeine seines Vaters zurückzuholen und die Gegend von heidnischem Glauben zu befreien. Er macht sich mit der im Wald lebenden Irati, Enkelin einer Magierin, auf den Weg, weiß sie doch genau, wo Mari am Spinnrad des Lebens spinnt. Mit dieser Mission entfesselt die Saga ein Abenteuer aus Verrat, Liebe und mächtigen Gegnern aus unsichtbaren Welten sowie mit ganz viel Know-How, was traditionelle, überlieferte Legenden betrifft.

Dabei ist der vom Filmportal Cineuropa getätigte Vergleich mit Herr der Ringe einer, der deutlich hinkt. Damit hat das ganze nichts zu tun. Nicht jede High Fantasy holt sich Inspiration von Tolkiens erdachten Welten. Irati ist etwas ganz und gar Selbstständiges, maximal vielleicht noch mit den deutschen Heldensagen rund um Siegfried vergleichbar, obwohl es in diesem Märchen weder Drachen noch Zwerge gibt – dafür aber einen Schatz, der an das Nibelungengold erinnert. Allein schon der Zugang zu all diesen Gottheiten hebt Irati auf ein gänzlich anderes inhaltliches Niveau, die mit den griechischen oder nordischen Sagen viel mehr verwandt ist.

In satten Bildern, pittoresken Waldlandschaften und stattlichen Kriegern erfüllt diese Queste alle möglichen Anforderungen, die geschmeidige Fantasy ausmachen. Weder erlaubt sich Alijo irgendwelchen Leerlauf, noch läuft er Gefahr, dem aus klassischen Elementen errichtete Abenteuer unfreiwillige Komik zu verleihen. Eneko Sardagoy als der seiner Bestimmung folgende Held mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, sein Konterpart Edurne Azkarate als Irati hingegen ist eine Naturgewalt, die die Welt der Götter mit jener des Menschen souverän verbindet. Der Einsatz von Licht und Farbe, die Bedeutung der Natur und akzentuiert eingesetzte Spezialeffekte, die einen gewissen Retro-Charme versprühen, ohne aber kurios zu wirken, beweisen Alijos aufrichtiges Interesse für den Stoff, aus dem die alten Helden sind.

Irati (2022)

Seneca (2023)

MIT DEM LATEIN AM ENDE

6/10


seneca© 2023 Filmgalerie 451


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, MAROKKO 2023

REGIE: ROBERT SCHWENTKE

BUCH: ROBERT SCHWENTKE, MATTHEW WILDER

CAST: JOHN MALKOVICH, GERALDINE CHAPLIN, TOM XANDER, LILITH STANGENBERG, MARY-LOUISE PARKER, SAMUEL FINZI, LOUIS HOFMANN, ANDREW KOJI, ALEXANDER FEHLING, WOLFRAM KOCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Es ist wieder mal an der Zeit, sämtliche Phrasen aus den Asterix-Comics durchzugehen, die sich längst auf ewig ins Langzeitgedächtnis gebrannt haben. Dabei könnte folgender Ausspruch den beiden Galliern gar nicht mal untergekommen sein. Er lautet: Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben. Auf Latein: Si tacuisses, philosophus mansisses. Keine posthume Predigt für den Philosophen Seneca würde sich – wortwörtlich gesehen – besser eignen als dieser Oneliner aus der Feder des spätantiken römischen Politikers Boethius. Denn der ehemalige Host des jugendlichen Tyrannen Nero und leidenschaftlicher Theatermacher hat sich, will man Robert Schwentkes biographischem Gleichnis Glauben schenken, selbst gerne reden gehört, wie der Tag lang war, inklusive der darauffolgenden Nacht.

Seneca bekommt nun seinen eigenen Film und sein eigenes Vermächtnis. Es hätte ihm gefallen, würde er sehen, wie wenig er knapp zwei Jahrtausende später in Vergessenheit geraten war, wie sehr man über sein selbstinszeniertes Schicksal nochmal drüber inszeniert, als wäre es das Theater eines Theaters. Er hätte den Film nicht nur gemocht, sondern auch geliebt. Wer sich in diesem Streifen wohl auch zitiert gesehen hätte, wäre vielleicht Federico Fellini gewesen. Sein Klassiker Satyricon nach dem Romanfragment eines gewissen Titus Petronius Arbiter frönt ebenso wie Schwentkes Lustspiel den Eskapaden elitärer Unterhaltung, doch wohl weniger mit dem Hintergedanken, menschliche Verhaltensmuster unter gewissen Voraussetzungen als unveränderbar zu deklarieren. Wie einst im alten Rom die Opportunisten am Erfolg, dem Reichtum und der Macht einiger weniger mitnaschen wollten, so tut das die Menschheit des 21. Jahrhunderts immer noch. Wie einst im alten Rom die Mächtigen an ihrer Macht dem Wahn verfallen waren, so tun sie es auch heute. Die Weisheit haben sie alle nicht mit dem Löffel gefressen, denn die flüsterte ihnen so mancher Gelehrter in deren Ohr – mitunter so vertraute Berater wie Seneca, der zumindest anfangs noch darauf aus ist, den verhaltensauffälligen Kaiser humanistisches Denken zu lehren.

Wir wissen aus der Geschichte: es wird alles nichts helfen. Nero wird als familienmordender Verrückter in die Geschichte eingehen. Und ja, er wird jene aristokratische Verschwörung aufdecken, die ihn hätte tot sehen wollen. In seinem Wahn und seiner Wut wirft er Seneca mit all den anderen Aufrührern in denselben Topf mit der Aufschrift Hochverrat, ist er dieses zum Speichellecker verwöhnten Geistesriesen längst überdrüssig geworden. Er schickt einen Soldaten aus, um Seneca in seinem Wohnsitz über sein Schicksal zu unterrichten. Das aus dem Ärmel geschüttelte Urteil lautet: Tod. Doch lässt er dem Stoiker die Wahl, entweder durch das fremde Schwert getötet zu werden oder eben durch sich selbst – wie seinerzeit Sokrates. Natürlich wählt der weise Mann letzteres, und hat auch gleich vor, Gattin Pauline (Lilith Stangenberg) mit ins Grab zu nehmen. Alles soll so aussehen wie der letzte Akt eines finalen, im Stegreif inszenierten antiken Dramas vor den Augen seiner kunstsinnigen Partygäste.

Man wird selbst zum auf den Steinquadern kauernden Zuhörer in Toga, Schminke und Sandalen, denn wenn einer wie John Malkovich, endlich wieder zurück auf der großen Leinwand und in einem Film, der künstlerisch etwas anders gerät als die Norm, so richtig aufdreht, um seiner historischen Figur gerecht zu werden, dann vergeht die Zeit wie im Fluge, dann hängt man an seinen Lippen und staunt über seine bemitleidenswerten Versuche, sich selbst das Leben zu nehmen. Der routinierte Star ist diesmal wieder richtig gut, die Biografie gelingt. Als tiefgehende Parabel auf die Gesellschaft bleibt das Werk aber zu flach.

Um Malkovich scharen sich sämtliche Größen des deutschen Films, die an seiner wuchtigen Performance mitnaschen wollen. Manchmal hat man den Eindruck, in einem Film von Terry Gilliam gelandet zu sein. Das nordafrikanische Marokko bietet dafür exponierte Locations en masse, zwischen antiken Ruinen spielen sich groteske Szenen ab, vor allem, wenn Seneca seine Tragödie Thyestes zum Besten gibt. Und noch einer hätte wohl Gefallen daran: Paulus Manker, jenes Enfant Terrible Österreichs, das mit seinem Polydrama zum Leben Alma Mahlers weltweit Furore macht. Seneca wirkt wie eben so eine Inszenierung: wie ein mitgefilmtes Theater, eine Bühnenshow mit gutem Cast, doch letztlich doch nur Bühne, an der man lieber live würde stehen wollen, mit Aussicht auf ein anschließendes lukullisches Bankett vielleicht.

Anders als in seinem erschütternden Kriegs- und Entmenschlichungsdrama Der Hauptmann legt Schwentke hier kaum Wert auf einer raffinierten Bildsprache. Wenngleich all das Setting an Extravaganz genug hergibt: Das Gesehene verknüpft sich selten mit dem Auge der Kamera. Durch diese vielleicht unbewusste Distanz wird das schrille Drama zur Fernsehübertragung eines beeindruckenden Events, das, wie es scheinen mag, immer wieder neu aufgeführt wird und für gutes Geld besucht werden kann. Malkovich würde es spielen, immer und immer wieder. Es wäre sein Vermächtnis, würde er das wollen.

Seneca (2023)

Emancipation (2022)

DER MEUTE EINS AUSGEWISCHT

6,5/10


emancipation© 2022 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANTOINE FUQUA

BUCH: WILLIAM N. COLLAGE

CAST: WILL SMITH, BEN FOSTER, STEVEN OGG, CHARMAINE BINGWA, GILBERT OWUOR, MUSTAFA SHAKIR, GRANT HARVEY, RONNIE GENE BLEVINS, TIMOTHY HUTTON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Nach dem Watschen-Eklat bei der letzten Oscar-Verleihung 2022 (ob er wohl heuer tatsächlich nicht eingeladen wird, trotz sichtbarer Reue?) präsentiert sich Will Smith erstmals wieder in einem Film aus dem Sortiment des Streamingdienstes AppleTV+ – weit, weit entfernt von seiner exaltierten Kunstfigur des Prinzen von Bel Air, dem Buddy aus Bad Boys oder dem Date Doctor, der Kevin James das richtige Werkzeug fürs Anbaggern in die Hände gelegt hat. Seit seinem Oscar-Triumph für King Richard – und auch schon längst davor – sieht der impulsive Charaktermime nur in wirklich ernsten, tieftragischen und verzweifelten Rollen die wahre und einzige Wiege guter Schauspielkunst. So wird auch das von Antoine Fuqua inszenierte Abenteuer- und Historienepos für Will Smith eine Rolle vorgesehen haben, die durch die Hölle gegangen sein muss und immer noch geht, die sich aber dadurch auszeichnet, dass sie wirklich allen Gräueln dieser Welt, allen Zumutungen und Entbehrungen letztlich widerstehen kann, einzig und allein durch den unerschütterlichen Glauben an einen gnadenvollen Gott der Christenheit.

Das klingt pathetisch, das klingt nach Märtyrer zur Zeit der Christenverfolgung, und in gewisser Weise scheint Emancipation auch so ein Film zu sein, der für die historische Figur des Whipped Peter, der aufgrund einer 1863 entstandenen Fotografie seines von Peitschenhieben vernarbten Rückens zu weltweiter Bekanntheit gelangte, eine Art Seligsprechung auszurufen gedenkt. Ein Vorhaben, dem Will Smith, womöglich selbst strenggläubig, nur zu gerne zum Ziel verhelfen mochte. Diesem Peter also, welchem die Flucht aus dem Arbeitslager tatsächlich gelang, folgt Emancipation auf historisch akkurate Weise, ohne scheinbar viel zu verfälschen. Um die Schrecken der Sklaverei auch zu übermitteln, wie es seinerzeit schon Steve McQueen mit Twelve Years A Slave getan hat, legt Fuqua enorm viel Wert auf Opulenz und Ausstattung, gönnt seinem Publikum großzügige Panoramabilder und elegante Drohnenfahrten über den Sumpf. Alles in so stark entsättigten Bildern, dass die Frage aufkommt, warum nicht von vornherein in Schwarzweiß gedreht wurde, wenn schon das bisschen Farbe überhaupt keine Notwendigkeit mehr hat. Das Grün der Vegetation des Sumpfes oder die Gesichter des Sklaven im Schein der Lagerfeuer erscheinen dann doch wie handkoloriert – ein Effekt, den man selten sieht, der für die Wahl der Optik aber ein Grund sein kann. Durch das Weglassen der Farbe bekommt aber auch die dargestellte Gewalt der weißen Herren den Farbigen gegenüber eine andere Dimension. Es entsteht ein Eindruck, als wäre man nicht in den USA, sondern in einem Konzentrationslager der Nazis – Assoziationen mit Schindlers Liste drängen sich auf, und Co-Star Ben Foster, der als wortkarger und gefährlich ruhiger Chefaufseher die bösartige Selbstverständlichkeit eines Amon Göth widerspiegelt, der als Morgensport mit dem Gewehr auf Häftlinge zielt, pfeift seine Hunde zum Halali. Doch hier, in dieser Hölle auf Erden, ist ein Schindler leider fünf Tagesmärsche durch den Sumpf entfernt – nämlich dort, wo Lincoln seine Armeen hat: in Baton Rouge. Peter gelingt es zu fliehen, mit ihm ein paar andere. Ihnen nach: eine vierpfotige Meute, die mit erstaunlicher Genauigkeit die Positionen der Flüchtlinge erschnüffeln kann. Oben im Sattel: Ben Foster, ebenfalls hinterher. Alle treibt es durch die Wildnis, und so sehr sich Peter auch bemüht, seine Verfolger abzuhängen – immer wieder kreuzen sich deren Wege.     

Ja, Will Smith ächzt und stöhnt wie Leonardo DiCaprio in Iñárritus The Revenant. Seine Gesichtszüge verraten Panik, Angst, Stress und Wut. Das Entsetzen und der Irrsinn des nackten Überlebens trägt Smith in dezentem Overacting zur Schau. Eine geschundene, aber willensstarke Seele, doch immer wie eine, die sich in einer Challenge mit der Wildnis messen mag. Fuqua will mit diesem Denkmal für eine Ikone der Emanzipation und dem Ende der Sklaverei aber nicht nur dessen Schicksal zelebrieren, sondern auch den Sezessionskrieg in prächtiger Ausstattung heraufbeschwören – was ihm gelingt. Zwar nicht spiefilmlang, sondern als letztes Kapitel, und von einem martialischen Naturalismus, welcher in der aktuellen deutschen Oscar-Hoffnung Im Westen nichts Neues seinen stilistischen Meister gefunden hat. Emancipation hat also alles, was es für ein Drama aus der finstersten Epoche der USA eigentlich braucht. Und tatsächlich gelingt es Fuqua, eine packende Geschichtslektion zu erteilen, wenn auch das christliche Pathos zu viel dem lieben Gott verdanken will.

Emancipation (2022)

Dead for a Dollar (2022)

IM WESTERN NICHTS NEUES

3,5/10


deadforadollar© 2022 Splendid Film


LAND / JAHR: USA, KANADA 2022

REGIE: WALTER HILL

BUCH: WALTER HILL, MATT HARRIS

CAST: CHRISTOPH WALTZ, WILLEM DAFOE, RACHEL BROSNAHAN, WARREN BURKE, BRANDON SCOTT, HAMISH LINKLATER, BENJAMIN BRATT U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Walter Hill ist zurück! Der Grand Signeur des wenig zimperlichen Actionkinos hatte letztes Jahr zu den Filmfestspielen in Venedig seinen brandneuen Western mitgebracht, und zwar einen mit niemand geringerem als dem mittlerweile etwas überschätzten Christoph Waltz in der Titelrolle. Co-Star ist Allrounder Willem Dafoe, und der Titel des Streifens kann sich gerne an den Italowestern eines Sergio Leone anlehnen, wenn es heißt: Dead for a Dollar. Klingt gut, spricht sich auch gut, könnte sich gut verkaufen. Gerissen hat das Werk beim Festival aber nichts. Es kann auch gut sein, dass sich nach dem Abspann die Hälfte der Kinobesucher nicht sofort aus ihren Stühlen erhoben hat, da diese einem Schlummer anheimgefallen sein könnten, dessen Ursprung wohl die schleppende Erzählweise des Films war. Trotz des knackigen Titels und eines lethargischen Waltz, dessen süffisantes Grinsen Willem Dafoe die meiste Zeit übernehmen wird, will Dead for a Dollar niemals so recht in Schwung kommen.

Dabei wäre der Plot zwar verschwurbelt, aber gar nicht mal so einfallslos. Im Zentrum steht der Kopfgeldjäger Max Borlund, der nach Abliefern seiner aktuellen Beute im Provinzknast auf den Gauner Joe Cribbens stößt, den er damals hinter Gitter gebracht hat. Der schwört ihm: sollte ihm Borlund demnächst nochmal über den Weg laufen, wäre noch eine Rechnung offen. Der phlegmatische Borlund grinst nur warnend und nimmt wenig später den Auftrag eines reichen Schnösels namens Kidd an, dessen Frau womöglich entführt worden ist, und zwar von einem desertierten Soldaten der Armee. Beide haben die Grenze nach Mexiko passiert, also muss Borlund ihnen nach. Was dieser nicht weiß: Das Gebiet obliegt der Oberhoheit eines arroganten Gangsters namens Tiberio Vargas (Benjamin Bratt), der mit dem Deserteur einen Dollar-Deal abgeschlossen hat, um ihnen freies Geleit zu gewähren. Es stellt sich heraus, dass die Entführung mit Lösegeld gar keine war und Lady Kidd, die angeblich Entführte, mit ihrem Lover lediglich durchbrennen wollte. Geld gibt es also keines, und das macht nicht nur Vargas, sondern auch Borlund unrund. Letzten Endes treffen sich alle in einer staubigen Kleinstadt, um miteinander abzurechnen und den bestmöglichen Vorteil aus der verfahrenen Situation herauszuholen.

Was Christoph Waltz mit seiner Filmfigur allerdings nicht macht. Zumindest haucht er ihr nicht mehr Leben ein als notwendig. Sein Spiel ist gelangweilt und lustlos – so missglückt war noch keine seiner Arbeiten. Kann auch sein, dass sich Waltz immer noch zu sehr auf seinen Oscar-Lorbeeren ausruht, denn wirklich wendelbar sind seine Rollen seit damals allesamt kaum. Noch dazu wählt er als sein eigener Synchronsprecher ab und an die falsche Intonation, was nicht gerade dazu beiträgt, seine Rollen besser zu erden. Dahingegen weiß Dafoe viel besser zu improvisieren – doch auch bei ihm scheint der Funke und die Leidenschaft für einen Western wie diesen nicht überzuspringen. Einzig die bierernste Rachel Brosnahan zeigt etwas mehr Engagement, doch nur im Vergleich zu ihren Kollegen. Walter Hill scheint das alles nicht sonderlich zu tangieren. Er lässt seinen Cast einfach machen und wählt wohl, wie es den Anschein hat, für jede Szene die erste Klappe. Dead for a Dollar ist ein Western, der so viel besser hätte sein können. Doch so fahlbraun und entsättigt wie die Bildwelten des Films sind nicht nur Schauspiel und Setting, sondern auch der kraftlose Inszenierungsstil, der noch dazu mit regressiv wirkenden Fade Outs verwundert.

Mit einem Western, der so seine Versprechungen macht, aber nicht hält, fügt Walter Hill, der in den Neunzigern für Genrewerke wie Geronimo oder Wild Bill verantwortlich zeichnete, kein wirklich krönendes Highlight seinem Schaffen hinzu. Und es ist, als wäre dieser Umstand allen Beteiligten schon vorab seltsam bewusst gewesen. Wofür das endenwollende Engagement letztlich sprechen würde.

Dead for a Dollar (2022)

Devotion (2022)

BLACK LIVE MATTERS AM FLUGZEUGTRÄGER

6,5/10


devotion© 2023 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: J. D. DILLARD

BUCH: JAKE CRANE, JONATHAN A. STEWART, NACH DEM ROMAN VON ADAM MAKOS

CAST: JONATHAN MAJORS, GLEN POWELL, CHRISTINA JACKSON, THOMAS SADOSKI, DAREN KAGASOFF, JOE JONAS, SPENCER NEVILLE, JOSEPH CROSS, NICK HARGROVE, SERINDA SWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich, gerade mal Teenager, im Modellbaufachgeschäft meines Vertrauens Wurzeln schlug und dort all die Bausätze bekannter Kampfflugzeuge bewunderte, die es zu kaufen gab. Ganz besonders angetan hatte es mir die elegante wie typische Form des Vought F4U, auch genannt Corsair mit seiner nachtblauen Lackierung und den geschwungenen Tragflächen. Und Propeller geht sowieso immer, da können die Tomcats und F-18 Hornets noch so schallgeschwind übers Firmament düsen – den rustikalen Retro-Charme eines Corsair-Fliegers besitzen sie nicht. Und für all jene, die für den im zweiten Weltkrieg erstmals zum Einsatz gekommenen Flugmaschinen ebenso eine Portion Bewunderung abringen konnten – vielleicht in ihrer Kindheit oder auch als Airforce-Afficionado in späteren Jahren – dem sei nun die 50ties-Antwort auf Top Gun: Maverick ans Herz gelegt. Zu sehen ist dieses in den USA bereits im Kino gestartete Actiondrama hierzulande exklusiv auf Netflix. Devotion von J. D. Dillard mag zwar nicht die Akkuratesse des Tom Cruise-Vehicles besitzen, dass letztjährlich die Einspielkonkurrenz geradezu wegfegen konnte, bis Avatar 2 kam – hat dafür aber einen realen Bezug. Erzählt wird die Geschichte des schwarzen Corsair-Piloten Jesse Brown, des ersten afro-amerikanischen Fliegers der United States Navy – dessen Aufstieg, dessen Hadern mit sich selbst und einer rassistisch geprägten Gesellschaft, dessen Erfolg und letztendlich sein tragischer Tod.

In diesem mehr als Drama statt als Popcornkino angelegten Geschichtsfilm schreiben wir die beginnende Dekade der Fünfziger, und Kampfpilot Tom Hudner (Glen Powell, ebenfalls Co-Star von Tom Cruise im neuen Top Gun) trifft am Luftwaffenstützpunkt auf Rhode Island den eher kaltschnäuzigen und zurückgezogenen Kollegen Jesse Brown, dessen Verhalten sich nach näherer Betrachtung als nachvollziehbar herausstellt, war dieser doch Zeit seines bisherigen Lebens ständigen Erniedrigungen ob seiner Hautfarbe ausgesetzt, die er, sofern sie verbaler Natur waren, alle in einem Notizbuch zusammengefasst hat. Um mit der gesellschaftlichen Ablehnung besser klarzukommen, sagt er sich diese vor dem Spiegel immer wieder vor. Denn nur wer abhärtet, hat als Schwarzer vielleicht das Zeug zum Erfolg. Hudner allerdings kann den schroffen, aber verlässlichen jungen Mann ganz gut leiden – und rein zufällig wird dieser zu seinem Wingman. Statt den herkömmlichen Übungsfliegern müssen beide bald mit der Corsair klarkommen – und auf einem Flugzeugträger landen können, denn ein Konflikt im Osten lässt das Damoklesschwert des Kommunismus zittern: der Koreakrieg bahnt sich an. Und da sind die USA die ersten, die dem Einhalt gebieten wollen, mitsamt ihrer Luftstreitkraft.

Devotion ist keine trockene Chronik der Ereignisse, aufgepeppt mit einigen großartig choreographierten Flugszenen wie Roland Emmerichs Midway, bedient aber auch nicht die geschmeidigen Versatzstücke gängiger Flugzeugfilme wie eben Top Gun, und da schließe ich beide Teile mit ein. Devotion ist Biografie und Rassismusdrama, aber auch Psychogramm und erst zuallerletzt wirklich Actionfilm, wobei die Tendenz Richtung Kriegsfilm deutlicher zu sehen ist. Jonathan Majors, den wir in Kürze im Auftakt der neuen Marvel-Phase, und zwar in Quantumania als Kang zu Gesicht bekommen werden (den ersten Auftritt hatte er in der Serie Loki), verleiht der historischen Figur des Jessie Brown genug ohnmächtige Wut, Verbissenheit und Misstrauen – bei Familie und seinem Buddy Hudner macht er da eine Ausnahme, und genau dieses Changieren zwischen Selbstschutz und Offenheit lindert das obligate Pathos gern gezeigter, heldenhafter Piloten. Bei Brown steckt mehr dahinter. Bei einem wie Maverick – naja, das Übliche.

Mit dieser Tendenz zum historischen Gesellschaftsdrama mag der Film eingefleischte Aviator-Fans vielleicht ein bisschen am Gängelband halten. Devotion, basierend auf dem Buch Devotion: An Epic Story of Heroism, Friendship, and Sacrifice, will Militärgeschichte erzählen, und zwar mit Fokus auf ein Einzelschicksal. Das gelingt durchwegs wirklich gut, und selbst Details wie dem Stopover in Cannes inklusive der verbürgten Begegnung mit Liz Taylor findet seinen Eingang. Dadurch erhält Dillards Film einen Spin in Richtung einer melodramatischen, doch konventionell erzählten True History, die in seinen wenigen, aber beeindruckenden Kampfszenen Emmerichs Film oder gar Top Gun: Maverick um nichts nachsteht, sich dabei aber wie der schweigsamere und bedächtigere Bruder so mancher Lederjacken-Haudraufs gibt, die ihren Flieger bis ans Limit bringen wollen.

Devotion (2022)

RRR (2022)

SUPERHELDEN DES SUBKONTINENTS

7/10


rrr© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: INDIEN 2022

BUCH / REGIE: S. S. RAJAMOULI

CAST: N. T. RAMA RAO JR., RAM CHARAN, ALIA BHATT, OLIVIA MORRIS, RAY STEVENSON, ALISON DOODY U. A. 

LÄNGE: 3 STD 7 MIN


Wie viel Pathos verträgt ein Film? Nach indischen Maßstäben scheint es da keine Grenzen zu geben. Überhöht wird, was Emotionen weckt. Ins Gottgleiche überstilisiert wird, wer das Zeug hat, als Identifikationsfigur einer ganzen Nation zu gelten. Da muss man vielleicht selbst irgendeinen höheren Bezug zur Mentalität des gigantischen Subkontinents haben, der über die mitgebrachten Erfahrungen aus einer Fernreise hinausgeht. Indisch essen reicht da auch nicht, einen Tanzkurs belegen ebenso wenig. Um die authentische Filmsprache eines Landes, die sich nicht den Stereotypen des Westens anbiedert, schätzen zu wissen, muss man Kajol, Salman Khan oder Shah Rukh Khan bereits mit der Muttermilch verabreicht bekommen haben. Muss man allwöchentlich mit der Familie oder später mit Freunden ins Kino gegangen sein, um sich mindestens drei oder vier Stunden lang der bunten, überbordenden Fülle an Rhythmen, Gefühlen und Action-Akrobatik hingegeben haben, alles knallbunt und expressiv bis zur Erschöpfung. Überzeichnet, exaltiert, so richtig melodramatisch.

Dass diese Art, Filme zu machen, nicht ins Groteske ausschlägt, ist einem Lebensgefühl zu verdanken, das all diesen Werken zugrunde liegt. Für das westliche Publikum, zu welchem ich mich zähle, und das mit amerikanischen Narrativen aufgewachsen ist, enthält die indische Erzählweise zumindest jene Exotik, die uns Fernweh verursacht und uns deswegen so sehr fasziniert, weil wir in Europa relativ wenig davon besitzen. Ein Walzer wirkt geradezu statisch im Vergleich zu einem Bollywood-Tanz. Dieser gehört ins indische Kino wie der Koriander ins Chicken Masala. In RRR – was für die Imperative Rise Roar Revolt steht (doch ursprünglich nur als Arbeitstitel galt, der sich aus den Anfangsbuchstaben des Regisseurs und seiner beiden Stars zusammensetzen ließ) – wird Desi Naach erwähnt, und auf den fragenden Blick des fiesen Kolonialisten hin beginnen die beiden Actionstars Rama Rao Jr. und Ram Charan nicht nur ihre Hüften zu schwingen, sondern auch, in akkurater Choreographie aufeinander abgestimmt, mit den Füßen zu stampfen, die Arme im rechten Winkel hin und herschiebend. Bald tanzen alle mit, und das eigentliche Drama, das da abgeht, gerät in den Hintergrund, denn im indischen Kino lässt sich die Pause-Taste drücken, so oft man will, kann man Rückblenden einbinden und das Ensemble Sachen machen lassen, die der Folklore huldigen. In überschaubaren Dosen genossen ist dieser Stil verblüffend anders. Und auch was Regisseur S. S. Rajamouli hier so an aalglatter Action von der Leine lässt, sprengt längst die Grenzen des Möglichen.

Dabei ist der Plot des für den Golden Globe als besten fremdsprachigen Film nominierten Drei-Stunden-Epos im Grunde alles andere als realitätsfern. Wir schreiben das Zeitalter des Britischen Empire, und bis auf wenige Ausnahmen ist die dominierende weiße Rasse aus arroganten und gnadenlosen Gouverneuren, Generälen und ordnungshütenden Brigaden das überhöhte Abziehbild eines nuancenlos verzerrten Aggressors, den ganz Indien loswerden will. Bevor es aber so weit kommt und der Rest zur Geschichte des Subkontinents wird, eröffnet Rajamouli das schmachtende Drama im Kleinen: Im Wald von Adilabad entführen ein superfieser Gouverneur und seine ebenfalls superfiese Gattin ein junges Mädchen, der durchtrainierte Waldläufer Komaram Bheem, der es sogar mit wilden Tigern aufnimmt, macht sich auf die Suche nach ihr. Zeitgleich schafft es der Inder Alluri Sitarama Raju, in der englischen Armee zu gewissem Ansehen zu gelangen, was sich noch steigern würde, könnte er seine Mission, Bheem auszuschalten oder dingfest zu machen, erfüllen. Wie es das Kismet will, treffen die beiden aufeinander, ohne zu wissen, mit wem sie es genau zu tun haben und dass der eine für den anderen der Schlüssel für den jeweiligen Erfolg wäre. Beide werden dicke Freunde, tanzen eben zu Naatu Naatu und geraten dann später auch mit Händen und Füßen aneinander – in heillos überhöhter, die Gesetze der Physik aushebelnder Bewegungskunst.

Würde man alle Slow Motion-Passagen dieses Films in normaler Geschwindigkeit abspielen, wäre RRR womöglich nur zwei Stunden lang. Die beiden Haudegen springen, kreisen, kämpfen, rennen und reiten, erdulden Schmerzen und entrinnen dem Tod, der sich fragen muss, ob er nun komplett versagt, so einige Male. Natürlich ist der getragene Irrsinn zutiefst antikolonialistisch und beweint dabei tränenreich alle möglichen familiären Schicksale; dann wieder gewinnt die Wut, der Enthusiasmus und die Ekstase die Oberhand. Gefeiert werden dabei in ihrer Apotheose zwei historische Persönlichkeiten gleichen Namens, die als Rebellenführer gegen Britannien zum Mythos geworden sind. Ähnlich wie in der Schwerelosigkeit des asiatischen Wuxia-Genres können sie sich als Duracell-Superhelden auch alle Freiheiten leisten, um der finsteren Historie einen phantastischen Anstrich zu geben, der sein Publikum glatt zur Welle animiert.

Auf Filme wie diesen sollte man sich ganz und gar einlassen, und ihnen nicht mit rationaler Skepsis begegnen. Einfach reinkippen, nicht unbedingt mitdenken, sondern diese andere Art des Kinos genießen und sich von den Grundemotionen triggern lassen, auch wenn vieles über unfreiwillige Komik hinausgeht und so bizarr erscheint, dass man das Sichten des Films mitunter als vergeudete Zeit betrachten könnte. Das mag alles sein, und vielleicht wird das auch passieren – im Ganzen aber ist das heißblütige Potpourri aus Freundschaft, Leidenschaft und Selbstlosigkeit eine einzige folkloristische Zirkusnummer, die, säße man im Rundzelt, auch nicht hinterfragen würde. Was zählt, ist die Erfahrung einer ganz anderen Mentalität.

RRR (2022)

Emily

KUNST, DIE AUS KUMMER ENTSTEHT

6,5/10


emily© 2022 Filmladen / Michael Wharley


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

BUCH / REGIE: FRANCES O’CONNOR

CAST: EMMA MACKEY, OLIVER JACKSON-COHEN, FIONN WHITEHEAD, ALEXANDRA DOWLING, ADRIAN DUNBAR, GEMMA JONES, AMELIA GETHING U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Hört man den Namen Brontë, so sind es meist zwei Künstlerinnen, die man damit in Verbindung bringt: Emily und Charlotte, beide natürlich Geschwister. Und beide Schriftstellerinnen. Charlotte hatte da Zeit ihres Lebens mehr zu Papier gebracht als Emily, doch letztere war jene, die den in der Literaturgeschichte fest verankerten Generationenroman Wuthering Heights, auf Deutsch Sturmhöhe, verfasst hat. Es sollte auch ihr einziger bleiben, starb die junge Frau doch mit nur 30 Jahren vermutlich an einer Lungenentzündung. Posthum betrachtet macht so ein literarischer Monolith wie Sturmhöhe schon auch etwas Besonderes aus einem Menschen, der Zeit seines Lebens aufgrund seines Verhaltens vielen ein Rätsel blieb. Da wird das Lesen des Buches selbst zu einer ganz individuell gestalteten Annäherung an die Gedankenwelt einer schwer zu fassenden Persönlichkeit. Emily Brontë war so jemand: ein nonkonformer Freigeist, andererseits aber auch ein durch den gesellschaftlichen Druck in die eigenen Gemächer zurückgedrängtes, verschrecktes Problemkind, welches in der sozialen Interaktion nur schwer seine Erfüllung fand. Mit diesem wechselwirkenden Zustand aus Einzelgängertum und Individualismus setzt sich die britisch-australische Schauspielerin Frances O’Connor in ihrer Regiearbeit auseinander, die Sex-Education-Star Emma Mackey dazu brachte, einer über Wiesen laufenden, mit sich selbst plaudernden und unglücklich verliebten Emily Brontë zumindest für etwas mehr als zwei Stunden neues Leben einzuhauchen.

Diese Emily also, als seltsames Mädchen längst verschrien und in den Augen ihres Vaters ein hoffnungsloser Fall, mit welchem dieser wirklich nichts Sinnvolles anzufangen weiß, bleibt hin und hergerissen zwischen dem Willen, es ihrer älteren Schwester Charlotte gleichzutun und Lehrerin zu werden und der Verlockung, komplett gegen alle Erwartungen zu agieren und in den Tag hineinzuleben, wohl behütet im Landsitz der Familie, um den Gedanken nachzuspinnen und mit Bruder Branwell gegen die Norm zu rebellieren. Der schmeißt schließlich alles hin und will Schriftsteller werden, doch der Durchbruch wird ihm niemals gelingen. Als sich ein attraktiver junger Vikar in der Gemeinde niederlässt und später unter anderem auch Emily in Französisch unterrichtet, bahnt sich schön langsam auch so etwas wie eine romantische Beziehung an, die immer intensiver wird und im Unglück endet, was Emily des Weiteren dazu bringen wird, ihren zeitlosen viktorianischen Roman Sturmhöhe zu schreiben.

Und da haben wir es wieder: Kunst entsteht sehr oft aus dem Leid und dem Kummer, den man verspürt. Aus Sehnsucht und unerfüllter Liebe. Da ist Schreiben wohl das beste Ventil, vermengt mit reichlich Talent entsteht rasch etwas Großes. Bis es so weit kommt, nimmt sich O’Connor in ihrem Film viel, sehr viel Zeit. Und macht, bevor sich all die historischen Figuren aneinander aufreiben, lieber einen auf viktorianisch-romantisches Sittenbild, das eine Querdenkerin inkludiert, die wohl eher unserem gegenwärtigen Zeitgeist entspricht und so das Publikum einlädt, sich in einer vornehmen Welt voller Damenhauben, Spitzen und Anstand zurechtzufinden. So richtig straff hält O’Connor ihre inszenatorischen Zügel dabei nicht. Mit der Vorstellungsrunde aller Protagonisten verliert Emily mitunter die Aufmerksamkeit des Zusehers, die Gedanken schweifen ab, während Emma Mackey zaghaft, aber doch, ihre Bestimmung evaluiert. Das sind biographische Elemente, die finden sich in den Verfilmungen von Jane Austen immer mal wieder. Und man ist zwar fasziniert davon, wie sehr Mackey ihrer Schauspielkollegin Margot Robbie ähnelt, doch so richtig involviert ist man lange Zeit nicht.

Das ändert sich ab der Halbzeit. Da wissen wir mittlerweile ganz gut, wer nun wer ist, und als dann noch die glücklich- unglückliche Liebe mitmischt, die für romantische Historienfilme so essenziell ist, glaubt man fast gar nicht mehr, einem biographischen Drama beizuwohnen, so sehr nach Literaturverfilmung fühlt sich das an. Doch es ist immer noch diese seltsame Nonkonformistin, die sich ganz plötzlich ganz klassischen Gefühlen hingeben muss und gar nicht anders kann, als sich selbst dabei zuzusehen, wie ihr geschieht. O’Connor kommt dabei so richtig in Fahrt, und bleibt dabei nicht nur auf Emily fixiert, sondern auch auf ihr aus Geschwistern, Familie und besagtem Geistlichen bestehendes Umfeld, das letztendlich jene Persönlichkeit mitkreiert, die Emily Brontë in der Literaturgeschichte darstellt. Dabei greift die Regie auf willkommene, dem Konventionellen zuwiderlaufende Stilmittel zurück wie unhörbare, von Musik überlagerte Dialoge, absoluter Stille und sich wiederholender Sequenzen, welche die Verbundenheit der Geschwister Emily und Charlotte unterstreichen sollen. Unterm Strich ist dabei eine sehenswerte und alles andere als verstaubt anmutende Biografie gelungen, die zwar seine Anfangsschwierigkeiten hat, am Ende aber alles richtig macht.

Emily

Das Wunder

DAS MYSTERIUM DES SUPPENKASPERS

5/10


daswunder© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, IRLAND 2022

REGIE: SEBASTIÁN LELIO

BUCH: ALICE BIRCH, SEBASTIÀN LELIO & EMMA DONOGHUE, NACH IHREM ROMAN

CAST: FLORENCE PUGH, TOM BURKE, KILA LORD CASSIDY, NIAMH ALGAR, ELAINE CASSIDY, TOBY JONES, CIARÀN HINDS, DERMOT CROWLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Heilige Katharina von Siena, bitte für uns! Die italienische Mystikerin aus dem 15. Jahrhundert war eine jener Lichtgestalten der katholischen Kirche, die sich dadurch auszeichneten, ohne Nahrung auszukommen. Wer also heilig sein oder sich näher zu Gott sehen wollte, der brauchte nur nichts mehr zu essen. Das Manna kommt ohnedies vom Himmel, wie schon für die Israeliten beim Auszug aus Ägypten. Interessanterweise kam das Phänomen der Nahrungsverweigerung aber erst so richtig im viktorianischen Zeitalter in Mode – sowohl in den USA als auch in Europa, und zwar ausschließlich bei Mädchen, vermutlich in Verbindung mit Anorexia nervosa, der sogenannten Magersucht. Einem solchen wundersamen Phänomen widmet sich der jüngste Spielfilm des gebürtigen Argentiniers Sebastián Lelio, der mit Werken wie Gloria oder Eine fantastische Frau in der Filmwelt für Aufsehen gesorgt hat. Basierend auf dem Roman von Emma Donoghue lässt er nun die aktuell sehr angesagte und auch wirklich talentierte Florence Pugh auf ein in ärmlichen Verhältnissen dahinvegetierendes Mädchen los, das Nährstoffe aller Art außen vor lässt.

Im Laufe des Dramas schaufelt die von Pugh dargestellte, so zugeknöpfte wie strenge, wenn nicht gar herrische Krankenschwester umso mehr in sich hinein, je weniger das Mädchen zu sich nimmt – vielleicht aus Frust oder einfach nur, um zu polarisieren. Schwester Wright ist Teil eines von den lokalen Geistlichen ins Leben gerufenen Projektes, welches vorsieht, die minderjährige Probandin rund um die Uhr zu beobachten, um schwarz auf weiß den Einfluss Gottes auf die irdische Existenz zu bestätigen. Wright hat die eine Schicht, Schwester Michael, eine Nonne, die andere. Und tatsächlich: Nahrungszufuhr lässt sich keine beobachten. Die Familie der Anna O’Donnell huldigt ihrem Sprössling, als wäre sie eingangs erwähnte Katharina, betet sie an und ist fest davon überzeugt, auserwählt zu sein. Die skeptische Pugh sieht das natürlich anders. Mit Sicherheit handelt es sich dabei um Betrug. Doch wie dieser vonstatten gehen kann, dafür bedarf es fast schon einer kriminalistischen Beweisführung.

Sebastián Lelio bettet seinen nüchternen Streifen in die irischen Midlands – spröde, unnahbar und gottergeben ist hier alles und jeder. Pugh legt in ihrer Interpretation einer durch und durch freudlosen Person eine Strenge an den Tag, die man ihr am liebsten herauskitzeln möchte. Andererseits aber ist Skepsis diesem Wunder gegenüber unterstützenswert, lässt sich doch bald nicht mehr mitansehen, wie sehr sich das Mädchen in den Laken windet. Düster und angespannt bleibt die Stimmung, in kargen Räumlichkeiten sammeln sich Würdenträger und Dorfgrößen, darunter Toby Jones oder Ciarán Hinds, um den Report der zwei Zeuginnen anzuhören. Das Wunder ist ein unnahbarer, sehr ernster Film. Emotionen bleiben unterdrückt; Fanatismus, Armut und Entbehrungen lassen das unglückliche Grüppchen an Menschen ihre Kreuze tragen, jede Seele das seine. Dabei zwängt Lelio bei Pughs Figur sogar noch eine biographische Metaebene hinzu, die in ihrer ritualisierten Schwermut das Ganze, statt aufzulockern, noch mehr auf den festgestampften Erdboden niederdrückt. Mit dieser kargen Erzählweise gewinnt Das Wunder niemanden für sich. Die Figuren bleiben fern, das Phänomen ist maximal eine Anomalie oder der Protest eines Sturschädels – wie die Rebellion eines Suppenkaspers, der nicht essen will, am Schluss dann ausdünnt wie eine Stabschrecke und im Grab dann vielleicht seine Nähe zu Gott findet. Mehrwert hat die Hungerkur keine, Nährwert ebenso wenig. Und obwohl Florence Pugh in ihren viktorianischen Kleidern auf weiter irischer Ebene eine gute Figur macht, schleppt sich das Drama durch ein leidlich interessantes Mysterium, ohne beharrlich genug hinter den Vorhang zu blicken. Genau das, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Glauben und auch mit den Beweggründen des Mädchens und ihrer Familie, hätte den Streifen zu einem zündenden Statement machen können. Das Wunder bleibt aber an der Oberfläche, wie Schlagzeile und Vorspann eines Berichts aus der Zeitung. In medias res wagt der Film dann nicht mehr zu gehen.

Das Wunder