Golda – Israels eiserne Lady (2023)

DIE ALTE DAME UND DAS HEER

6/10


golda© 2023 Aidem Media Ltd / Foto: SeanGleeson


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: GUY NATTIV

DREHBUCH: NICHOLAS MARTIN

CAST: HELEN MIRREN, CAMILLE COTTIN, RAMI HEUBERGER, LIEV SCHREIBER, LIOR ASHKENAZI, DOMINIC MAFHAM, ED STOPPARD, MARK FLEISCHMANN, OHAD KNOLLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wie schon bei Die dunkelste Stunde – dem Portrait über Winston Churchill im Schatten des Zweiten Weltkrieges, für welches der unkenntliche Gary Oldman seinen Oscar gewonnen hatte – ist auch Golda – Israels eiserne Lady vor allem eins: Ein Triumph der Maskenbildner. Denn Helen Mirren ist im Gegensatz zu Oldman zumindest gerade noch zu erkennen, kennt man die Akteurin nicht nur flüchtig. Tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht, die Nase ist klobig, die Backen hängend, der Schritt aufgrund von zu viel Wasser in den Beinen schleppend und schlurfig. In den nikotingelben Fingern ihrer linken Hand klimmt pausenlos eine Zigarette, den Gesundheitszustand von Israels Grand Dame will ich gar nicht so genau wissen. Es ist schon genug gesagt, wenn Golda Meir, damals bereits stolze 75 Jahre alt, in regelmäßigen Abständen zur Strahlenbehandlung ins Spital muss. Dazwischen rennen ihr sozusagen über Nacht wutentbrannte Nachbarstaaten die Türen ein, in diesem Falle Ägypten und Syrien – letztere rücken aus dem Norden vor, die anderen überqueren unter dem Befehl des Präsidenten Sadat den Suezkanal, um die Rückeroberung der Halbinsel Sinai über die Bühne zu bringen, ungünstigerweise am Feiertag Jom Kippur, womit sich dieser Krieg auch namentlich in den Geschichtsbüchern eintragen wird. Bedrängt also von allen Seiten, muss Golda Meir die richtigen Entscheidungen treffen. Und, mehr noch als ihr Verteidigungsminister, die Nerven bewahren. Zum Glück war Israel auch damals schon mit den USA verbrüdert – so kommt es, dass Henry Kissinger wie gegenwärtig Anthony Blinken als Vermittler tut, was er kann, um das Schlimmste abzuwenden.

Letztendlich, und das ist Geschichte, werden die Israelis tough genug sein, um Ägypten in ihre Schranken zu weisen. Sadat wird klein beigeben und Israel als Staat anerkennen. Sinai wandert zu Teilen wieder an Ägypten zurück. Der Frieden scheint beschlossen. Golda Meir wird den Frieden noch erleben, bevor sie 1978 stirbt. Und wäre nicht einer wie Guy Nattiv, der, wie schon Joe Wright mit dem ebenfalls kettenrauchenden Churchill, einer Größe der Weltpolitik ein Denkmal gesetzt hätte, hätte ich in Sachen Jom-Kippur-Krieg wohl nicht viel dazugelernt. Angelegt als Kammerspiel und selten bis gar nicht auf dem offenen Schlachtfeld unterwegs, sehen wir Helen Mirren mit tränenden Augen und der zähen Umtriebigkeit einer „Miss Marple“ die Geschicke ihres Landes lenken, ob am Telefon, im Konferenzraum oder daheim im Bett mit sich selbst, die inneren Dämonen der Verantwortung bekämpfend. Nattiv rückt der Person durchaus nahe, trotz Maske findet Mirren Mittel und Wege, ausdrucksstark zu bleiben. Doch was wäre gewesen, hätte dieses Politdrama einer wie Ridley Scott oder Steven Spielberg verfilmt, Sam Mendes oder der Deutsche Edward Berger? Es wären nachhaltig intensive Szenen des Leidens und des Krieges gewesen. Der Charakterstudie einer kettenrauchenden Pragmatikerin, die sich stets die Gefallenen notiert, als wären sie die Zahlen einer Lottoshow, wäre man mit der anderen Seite der Medaille begegnet; mit dem kritischen Blick, der jenem der Rechtfertigung begegnet wäre. Beides zusammen hätte erlebte Geschichte auf die Leinwand gebracht – doch Nattivs Fokus bleibt beharrlich auf Golda Meir, die alte Dame und ihr Heer, das zähe Ringen um die bessere Taktik.

Die viele Theorie, das Umschreiben der militärischen Wendepunkte anhand von Funkberichten von der Front, das Herankarren politischer Eckdaten – alles hat Sinn, und dennoch bleibt es trocken, manchmal schwerfällig im Erzählen, wie Meir selbst. Wichtig ist die Maske, die verblüffende Ähnlichkeit, die genialen Close ups. Dann der Rauch vieler Zigaretten, ein bisschen halbherzige Symbolik für nichts Konkretes – hinter dem Rauch die erfahrenswerte Vorgeschichte eines Zustandes, der aktuell unentwegt Schlagzeilen macht.

Golda – Israels eiserne Lady (2023)

The Book of Clarence (2023)

UNGEHORSAM IM BIBLISCHEN HARLEM

5/10


the-book-of-clarence© 2023 Sony Pictures 


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: JEYMES SAMUEL

CAST: LAKEITH STANFIELD, RJ CYLER, BABS OLUSANMOKUN, JAMES MCAVOY, BENEDICT CUMBERBATCH, DAVID OYELOWO, ALFRE WOODARD, OMAR SY, CALEB MCLAUGHLIN, TEYANA TAYLOR, NICHOLAS PINNOCK, TOM VAUGHAN-LAWLOR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Alle Jahre wieder ist es Zeit, um Ostern herum dem Bibelfilm zu frönen. Wer alle möglichen Interpretationen und Klassiker bereits durch hat, kann entweder bereits Gesehenes nochmal reviewen oder sich auf brandneue Werke wie auf jenes von Jeymes Samuel stürzen, der ein paar Jahre zuvor das Genre des Western zu einem astreinen Black Cinema-Shootout hat werden lassen: The Harder They Fall mit Regina King als schwarzgekleidete Bandida und Eisenbahn-Piratin, stylish schwer in Ordnung, dramaturgisch noch ausbaufähig. Nun hat es den Bibelfilm erwischt, er wird zur Bühne für ein Gleichnis amerikanischer Missstände, Unterdrückung und schreckgespenstischem Weißer-Mann-Rassismus, wenn grindige Kolonialeuropäer in römischer Montur ihre sadistischen Freuden an eine jüdische Bevölkerung ausleben, die allesamt People of Color sind, darunter natürlich auch die zwölf Apostel und ein Möchtegern-Dreizehnter namens Clarence, der dem Wirken des Jesus von Nazareth nur neidvoll zusehen kann, ohne selbst etwas auf die Reihe zu bekommen. Nicht mal im Wagenrennen als Wettstreit mit einer martialischen Maria Magdalena, die wir in derartiger Interpretation noch nie zuvor zu Gesicht bekommen haben und die das Stereotyp eines zerbrechlichen weiblichen Jesus-Fans mit Schmacht-Faktor konterkariert. Clarence ist in seiner ihm gewidmeten filmischen Neo-Apokryphe ein Gelegenheitsgauner und Lebenskünstler. Einer, der bis über beide Ohren in Schulden steckt und diese nicht irgendwem zurückzahlen muss, sondern einem Patriarchen der Jerusalemer Unterwelt. Hat er die Menge an Schekel nicht in knapp 30 Tagen auf dessen Tisch gelegt, droht ihm Schlimmeres als nur eine Kreuzigung. Da Jesus gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort vorbeischneit und mit seinen Weisheiten beeindruckt, hat Clarence die Idee: Warum nicht auch predigen und Wunder vollbringen? Was der Nazarener zaubern kann, lässt sich sicher erlernen. Was der gute Lakeith Stanfield in einer Doppelrolle allerdings völlig übersieht: Rund um die Zeit der Passionsgeschichte waren selbsternannte Messiasse rote Tücher in den Augen der Römer. Ein solches Schicksal bleibt letzten Endes auch Clarence womöglich nicht erspart – ganz so wie dem guten alten, uns allen wohlbekannten Brian, der unter der Regie von Terry Jones nur dank einer großzügigen Spende von einem der Beatles das Licht der Leinwand erblickte und gar nicht wollte, dass andere ihm folgen, während Clarence hinter dem Eifer des Zusammenraffens spendabler Jünger unter anderem auch das nötige Kleingeld vermutet.

Um Betrug und Erleuchtung, um Trittbrettfahrerei und viel Gesellschaftspolitik geht es in The Book of Clarence, und anders als bei Das Leben des Brian wird bei Samuels Werk wohl keine sonstwie geartete Glaubensgemeinschaft einen Baum aufstellen, in dem sie „Skandal“ schreit. In Zeiten der politischen Korrektheit und woken Moral darf Jesus von Nazareth völlig ungeschoren plötzlich der sein, der letzten Endes gar nicht am Kreuz landet. Eine originelle Sichtweise, die der Film hier einnimmt. Mutig und vielleicht sogar radikal, wenn man genauer hinsieht. Wie es dazu kommt, ist eine Chronik an Verwechslungen und einem Ausleben an Stereotypen, die sich Farbige eben gezwungen sehen, kolportieren zu müssen. Es ist die Rapper-Coolness, der Konsum von Drogen und die schiefe Bahn. Es ist all das, was Cord Jefferson in seiner oscarnominierten Satire American Fiction zwar nicht durch den Kakao zieht, aber kritisch betrachtet, und zwar durch Jeffrey Wright, der sich davor scheut, dieses Narrativ zur massentauglichen Verbreitung seiner Schriftstücke anzuwenden. Jeymes Samuel tut das dennoch. Er gefällt sich in dieser Rolle; er liebt es, sein Ensemble in einer Opferrolle positioniert zu sehen. Kann das problematisch werden?

So viel Skandalpotenzial und kein Aufschrei der Kirche? Vielleicht, weil The Book of Clarence in erster Linie weder Parodie noch Satire ist, sondern vielmehr eine Versuchsanordnung zur Erörterung eines schwarzen neuen Testaments und der Frage, wie viel dieser kleine andere Umstand an der frohen Botschaft etwas ändert. Dennoch, und trotz dieses Mutes, vieles „umzufärben“, greift The Book of Clarence oft ins Leere und hält sich viel zu lange mit erlernten Verhaltensmustern auf, die Farbigen angedichtet werden. Es mögen mehrere Messiasse das Passionsspiel etwas verwirren, und es mögen gar illustre Namen wie Benedict Cumberbatch fast schon unter dem Radar laufen, weil so dermaßen lieblos auf die Seite gestellt. Viel Luft nach oben gibt es in manchen Szenen, die weniger Handlung setzen als vielmehr wortreich des neutestamentarischen Who is Who erörtern. Oft tritt der Film auf der Stelle, tut sich schwer dabei, voranzukommen oder frischen Wind durch die Gassen eines alternativen Jerusalem wehen zu lassen. Am meistern schmerzt die über den Kamm geschorene Schwarzweißmalerei, deren Plakativität gar nicht notwendig gewesen wäre und die letzten Endes welchen Jesus auch immer mit erhobenem Zeigefinger ans Kreuz nagelt.

The Book of Clarence (2023)

Verlorene Illusionen (2021)

DIE INFLUENCER VON DAMALS

7/10


verloreneillusionen© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: XAVIER GIANNOLI

DREHBUCH: XAVIER GIANNOLI & JACQUES FIESCHI, NACH DEM ROMAN VON HONORÉ DE BALZAC

CAST: BENJAMIN VOISIN, CÉCILE DE FRANCE, VINCENT LACOSTE, XAVIER DOLAN, SALOMÉ DEWAELS, JEANNE BALIBAR, GÉRARD DEPARDIEU, ANDRÉ MARCON U. A.

LÄNGE: 2 STD 24 MIN


Honoré de Balzac hat es schon immer gewusst. Und wir – wir wissen das auch nicht erst seit Inseratenaffären, Chat-Nachrichten und sympathisierenden oder antipathierenden Zeitungsartikeln, die die einen pushen und die anderen fallen lassen. Wer Geld hat, schafft an. Und hat das, soweit man zurückblickt, so schon immer praktiziert. In der Verfilmung des Romans Verlorene Illusionen aus dem neunzehnten Jahrhundert und geschrieben von niemand geringerem als Honoré de Balzac, gibt es keine Untersuchungsausschüsse oder Gerichtsverhandlungen wegen falscher Aussagen. Es gibt keine Prozesse wegen Rufschädigung oder übler Nachrede. In diesem Sündenpfuhl namens Paris ist niemandem, der Einfluss hat, auch nur irgendetwas heilig. Wer den Schaden hat, hat den Spott, wer die richtigen Beziehungen, der kann sich so lange hofieren lassen, bis andere mehr bieten, bessere Beziehungen haben oder einfach die schiere spitzbübische Freude daran finden, ohne Rücksicht auf Verluste die Gesellschaft nach Gutdünken zu manipulieren, bis nicht mehr erkennbar scheint, was eigentlich dessen Meinung war.

In dieses freie Spiel der Kräfte, in diesen Ring, in dem jeder gegen jeden kämpft, Bündnisse schließt, um sie wieder zu brechen – in diese Urgewalten aus Einfluss und Redefluss wirft sich der junge, noch nicht sehr wohlhabende Dichter und Schreiberling Lucien (Benjamin Voisin) dank der gönnerhaften Verliebtheit seiner Mäzenin Louise de Bargeton (Cécile de France), die, und das darf keiner wissen, mit dem knackigen Feschak längst eine Liaison hat. Im frühen 19. Jahrhundert können amouröse Verbindungen zwischen unterschiedlichen Klassen das Gefälle im Ansehen nicht überwinden, und da Louise de Bargeton keine Lust auf jedwede Ächtung hat, bleibt das Gspusi geheim. Wie Felix Krull, der vorgab, etwas zu sein, was er nicht hat, stehen Lucien dank seiner Mäzenin manche Türen offen, um in der Haute Volée mitzumischen. Bald wird bekannt, dass der Möchtegern-Literat weniger mit seinen sperrigen Gedichten auf sich aufmerksam macht, als vielmehr mit seiner spitzen Feder, die tief in die süffisante Polemik taucht, um Snobs und VIPs zu diskreditieren. Die Zeitungen sehen sowas gerne, die Leserschaft zerreißt sich die Mäuler, der Content wird zum Gesprächsstoff – und Lucien wird bald ganz oben angekommen sein. Was einen dort oben erwartet, ist erstens von kurzer Dauer und zweitens aus fast jeder moralischen Erzählung wie das Amen im Gebet: Wer hoch steigt, wird tief fallen. Und bald nutzen ihm all seine Beziehungen nichts mehr, nicht mal die mit dem resoluten Verleger Dauriat, dem Gerard Depardieu im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht verleiht.

Eine gewisse opulente Schwere kann man Xavier Giannolis Schicksalsschwarte von einem Film auch nicht wirklich absprechen. Statt gekleckert wird geklotzt, es biegen sich die gebohnerten Parkettböden in schmucken Hallen unter der Last des fein rausgeputzten Wer-bin-ich-wer-war-ich-Establishments, es trägt Benjamin Voisin als Lucien sein für die Öffentlichkeit erdachtes Ich zur Schau, als gäbe es kein Morgen mehr. Jenseits dieser Herrenhäuser und Prunkräume wird die Hauptstadt Frankreichs zu einem alle Werte über Bord werfenden Sodom und Gomorrha der Influencer und Follower von anno dazumal, zu einer geschichtlichen Anti-Nostalgie in üppigen Bildern, bei der man mit Erschrecken – obwohl man es längst gewusst hat – feststellt, dass die Welt niemals anders war. Dass seit jeher Meinungen gemacht wurden, Fake News verbreitet und Verlierer, die aus irgendwelchen Gründen auch immer plötzlich büßen müssen, durch den Dreck gezogen werden. Einen fast schon investigativen Gesellschaftsroman hat Balzac da geschrieben, Giannoli tischt uns die entsprechenden Bilder dazu auf, zusammengepresst auf ohnehin noch zweieinhalb Stunden, und dennoch zum Bersten voll mit Intrigen, Begehrlichkeiten und gnadenlosem Anarcho-Kapitalismus, der das ganze Räderwerk erst zum Laufen bringt. Es läuft bis heute.

Verlorene Illusionen (2021)

Des Teufels Bad (2024)

GEH, ABER GEH MIT GOTT

8,5/10


desteufelsbad© 2024 Ulrich Seidl Filmproduktion – Heimatfilm


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: VERONIKA FRANZ & SEVERIN FIALA

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: ANJA PLASCHG, DAVID SCHEID, MARIA HOFSTÄTTER, NATALIJA BARANOVA, LUKAS WALCHER, CLAUDIA MARTINI, AGNES LAMPL, CAMILLA SCHIELIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Dieses Jahr könnte das Jahr des österreichischen Films sein. Nach Adrian Goigingers Austropop-Lokalaugenschein Rickerl, der sehr zu Herzen ging und die Wiener Seele wie kaum ein anderes aktuelles Werk so gut verstanden hat, legt nun das Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala, geübt im Understatement-Horror mit Kloß im Hals, einen Einblick in die Volksseele des 18. Jahrhunderts vor, der alle Stücke spielt. Man darf getrost und völlig bedingungslos vom besten Film sprechen, den die beiden bislang auf die Leinwand brachten.

Des Teufels Bad ist eine Zeitreise. Nicht nur ins provinzielle Oberösterreich des Jahres 1750, zu einer Zeit, als Mozart gerade mal sechs Lenze zählt und bereits das Establishment mit seinem Naturtalent begeistert. Es ist vor allem auch ein Exkurs in die Psyche eines vom religiösen Glaubenseifer eingenommenen Menschenschlags, ins verschwurbelte Gemüt am Rande der Armut stehender Subsistenzwirtschafter, die in heruntergekommenen Bauernhäusern mitten oder am Rande des Waldes ein zwar gottgegebenes, aber karges und entbehrungsreiches Leben in der Monotonie eines immer gleichen Alltags aus Erwirtschaftung, Erschöpfung und kargen Gesprächen führen, in dem brauchtümliche Vergnügungen zu Dorfhochzeiten oder Hinrichtungen die einzigen Highlights waren. Dieses penibel recherchierte und detailgenau rekonstruierte, vergangene Oberösterreich fasziniert alleine schon dadurch, in notwendiger Entschleunigung und in einer damit einhergehenden immensen Konzentration auf das Gezeigte eine Zeit nachgestellt zu haben, die vor gerade mal 274 Jahren durchdrungen war von Aberglauben, kuriosen Riten und bizarren Heilmethoden. Es ist verblüffend, was Franz & Fiala hier zutage befördern. Basierend auf authentischen Aufzeichnungen und gebettet auf einer so glaubwürdigen wie ungemein realitätsnahen Gesamtbetrachtung einer ländlichen Welt aus Gottesfurcht und erdgrauem Naturalismus rückt eine Frau namens Agnes in den Mittelpunkt. Sie wird zur Leidtragenden in einem so wuchtigen wie wichtigen Opus Magnum über Leid und Untröstlichkeit, über psychische Erkrankung und verzweifeltem Escape-World-Kreuzweg.

Agnes, historisch dokumentiert als tatsächlich gelebte Person, ist zu anfangs noch glückselig und verspürt, was junge Frauen eben verspüren, wenn sie sich vermählen und ihr neues Leben beginnen. Wenn alles gut geht, ruft die Mutterschaft; ein kleiner Mensch will großgezogen werden. Das Paradies in einem wenig paradiesischen Umfeld weckt letzte Hoffnungen, bevor die Fakten auf dem irdenen Präsentierteller womöglich Anderes verheißen. Die noch so lebensfrohe und von der Natur faszinierte Agnes sieht sich nach anfänglicher Begeisterung alsbald in einem düsteren Eigenheim wieder, wo Ehegatte und Karpfenfischer Wolf nicht daran denkt, seinen „ehelichen Pflichten“ nachzugehen. Darüber hinaus schlägt die Schwiegermutter ständig auf und belehrt Agnes ungefragt in allen Lebenslagen. Als dieser klar wird, dass nichts so ist, wie sie es sich erträumt hat, fällt sie in Des Teufels Bad – die damalige Umschreibung einer Depression. Psychisches Leiden ist damals weder greif- noch ergründbar – den Leibhaftigen zu bemühen, eine willkommene Bequemlichkeit. Alles sei entweder von Gott gewollt oder vom Teufel, ein Sigmund Freud ist undenkbar, und man darf davon ausgehen, dass seelische Resilienz angesichts so schlechter Zeiten damals noch viel weniger vorhanden war als heute.

Nun aber kommt eine paradoxe Denkweise ins Spiel, die von jenen, die so wie Agnes daran dachten, sich das Leben zu nehmen, als letzte Instanz angewandt wurde: Selbstmord führt zu ewiger Verdammnis, für Mord gibt’s immer noch die Chance zur Absolution. Was also tun? Töten, um hingerichtet zu werden, damit sich der Wille erfüllt? Klingt ganz schön verzweifelt. Franz und Fiala gelingt es dabei, ihrem Psychodrama emotionales Gewicht zu geben, ohne sich überschwer und prätentiös in einer Finsternis zu suhlen. Deren Betrachtung wahrt eine gewisse symptombeobachtende Distanz – jedoch nie so weit, um nicht doch, wie Agnes selbst, den Blick in den Abgrund zu wagen. Des Teufels Bad erinnert an Robert Eggers The Witch, bezieht aber, anders als dieser, keinerlei Position. Mit Motiven von allerlei Vergänglichem beladen und einer autoaggressiven Lust am Ekel läuft der Film auch nicht Gefahr, zu romantisieren oder gar Kompromisse einzugehen. Der Horror, wenn es denn einer ist, liegt in den herbstdunklen Fakten, die staunend machen und so faszinieren, als wäre das Werk eine semidokumentarische Rekonstruktion. Man fühlt, man schmeckt, man riecht diesen Film, man erschrickt, man ist verstört, man leidet mit. Nicht nur die phänomenale Anja Plaschg, die wieder mal zeigt, dass fehlende schauspielerische Ausbildung ohne Regelkorsett darstellendes Talent erst so richtig zur Entfaltung bringt – auch Komiker David Scheid tut instintkiv das Richtige und erdet sich als sperriger Landmensch. Und bei Maria Hofstätter ist es, als wäre sie niemals etwas anderes gewesen als Fischerin im Hinterland der Donau.

Des Teufels Bad ist ein großer, grimmiger Wurf im Schaffen des österreichischen Films. Packend und befreiend, knochenhart und in manchen Szenen kaum zu ertragen, mit der Schwere des Lebens hadernd und in der Erlösung von selbigem die wahre Glückseligkeit findend. Natürlich ist das alles schwerer Stoff. Aber einer, der in eine entrückte, karge Welt eintaucht, die sich zum Greifen nah aus dem Dunkel der Geschichte schält. Und den Namenlosen, Verzweifelten und Verlassenen von damals ein Gesicht gibt.

Des Teufels Bad (2024)

Butcher’s Crossing (2022)

MÄNNER FÜR ALLE FELLE

5/10


butcherscrossing© 2022 Splendid Films


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GABE POLSKY

DREHBUCH: GABE POLSKY, LIAM SATRE-MELOY, NACH DEM ROMAN VON JOHN WILLIAMS

CAST: NICOLAS CAGE, FRED HECHINGER, JEREMY BOBB, PAUL RACI, XANDER BERKELEY, RACHEL KELLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Forrest Gump würde sagen: Nicolas Cage ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt. Denn Cage, der kann alles und will auch alles spielen, schreckt vor nichts zurück, mag Komödien genauso wie Action, Horror oder Experimentelles, das als Arthouse einem breiteren Publikum wohl nicht so unter die Nase geht. Grund genug für mich, immer mal wieder reinzuschnuppern, wenn der Set-Workaholic mit neuem Content von sich reden macht. Manche dieser Werke finden auch ihr Ziel auf der großen Leinwand, manches erfreut hierzulande nur im Stream.

Schüsse in den Ofen sind Cages Arbeiten längst nicht immer. Cage ist Profi, und als Profi lässt er Genres wie den Western genauso wenig aus. Um sich von seinen bisherigen Figuren auch optisch abzuheben, gibt’s diesmal die Radikalrasur. Narbige Glatze und Dreitagebart, das räudige Äußere eines zwielichtigen Abenteuers aus dem Billigpistolen-Paradies des Italiens der Sechzigerjahre. So lässt sich der in Büffelfell gehüllte und gemächlich einen Whisky schlürfende Klischee-Zampano auch ohne weiteres zu einer Expedition überreden, für die er schließlich keinen müden Dollar locker machen muss, packt doch den aus Boston direkt in die wilde Provinz verschlagenen und auch gut betuchten Studienabbrecher Will Andrews die Lust, eins mit der Natur zu werden und Leuten wie Miller (eben Nicolas Cage) in ein Territorium zu folgen, dessen Boden nur wenige Menschen zuvor betreten haben. Angeblich, so Miller, soll es dort noch die letzten großen Büffelherden geben, und da die Nachfrage für das Fell der Tiere noch größer als das Angebot scheint, lässt sich damit eine goldene Nase verdienen.

So koffert das berittene Team aus vier grundverschiedenen Abenteurern durch feindliches Indianergebiet ohne Indianer, um letzten Endes tatsächlich an einen Ort zu gelangen, wo es vor Rindviechern nur so wimmelt. Miller sollte recht behalten – im El Dorado eines Büffeljägers lässt sich hemmungslos wüten und dem Wahnsinn verfallen. Nicolas Cage findet anfangs geschmeidig in seine Rolle, nur ist diese des Großwildjägers Miller keine, die, wie so oft im Genre des Western, auf eine psychologische Reise in Wechselwirkung mit den Umständen verzichtet. Der anfängliche Grundcharakter der Figur wechselt später nur ungern zum Psychogramm eines blutrünstigen Tier-Killers, der den Hals nicht voll bekommt. Dementsprechend gibt es Response auch von den Co-Charakteren, die weitaus glaubwürdiger agieren als Cage. Sich bedeutungsschwer an den Kopf zu greifen wie seinerzeit Marlon Brando in Apocalypse Now oder den typischen Manierismus des Schauspielers, die da so sind wie das wilde Gestikulieren mit den Armen – es scheint, als hätte Cage die Dimension seiner Figur nicht kommen sehen oder einfach unterschätzt.

Fred Hechinger als der blauäugige Junge vom Land hat, je mehr Cage aufdreht, immer weniger bis gar keinen Text mehr. Es ist, als hätte man auf seine Figur vergessen, dabei fungiert sie obendrein als Erzähler. Das Abenteuer rund um den einbrechenden Winter, für den on location in Montana gedreht wurde, spiegelt sich kaum in der Psychologie der Abenteurer wider. Butcher’s Crossing verliert irgendwann das Gefühl für Zeit und die Fähigkeit, Zeiträume zu vermitteln. Das ambitionierte Vorhaben Polskys, die Beinahe-Ausrottung des nordamerikanischen Büffelbestands zu thematisieren, scheitert zum Teil an genau diesen Knackpunkten, während jene Szenen, die das Töten und Schlachten der Tiere visualisieren, so verblüffend gut gemacht sind, dass einem mulmig wird.

Butcher’s Crossing (2022)

Colonos (2023)

LEICHEN PFLASTERN IHREN WEG

6,5/10


colonos© 2023 MUBI


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, CHILE, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, SCHWEDEN, TAIWAN, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE: FELIPE GÁLVEZ HABERLE

DREHBUCH: FELIPE GÁLVEZ HABERLE, ANTONIA GIRARDI

CAST: CAMILO ARANCIBIA, MARK STANLEY, BENJAMIN WESTFALL, SAM SPRUELL, MISHELL GUAÑA, ALFREDO CASTRO, MARCELO ALONSO, LUIS MACHIN, MARIANO LLINÁS, AUGUSTÍN RITTANO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Selbst in den entlegensten Winkeln am Ende der Welt, oder eben gerade dort, wo sonst keiner hinkommt, regiert gut und gerne das, was Homo sapiens zu einem fürchterlichen Monster werden lässt. An diesen entlegensten Winkeln regiert in selbem Zug genau das nicht, was den Menschen menschlich bleiben lässt: Kontrolle. Am südlichsten Zipfel Südamerikas, in einer unwirtlichen, windumtosten, braungrünen Wildnis aus Nässe, Düsternis und büscheligem Gras, ist der Indigene Mensch genauso viel wert wie auch überall sonst wo auf der Welt: nämlich gar nichts. Eine gewisse Arbeitstauglichkeit lässt Gnade vor Unrecht ergehen. Nutzen sie nicht mal dazu, oder stören gar den Frieden der Schafherden, die der Großgrundbesitzer José Menéndez (ja, den gab es wirklich) in gewisser Weise über ganz Feuerland weiden lässt, geht‘s ans große ethnische Reinemachen. Um das Gebiet bis an die Atlantikküste zu sichern, beauftragt der König von Patagonien, wie er genannt wird, einen ausrangierten Leutnant der britischen Armee, verstört durch den Krieg, gewalttätig, grausam, böse. Allein reitet das „rote Schwein“, wie man ihn später nennen wird, allerdings nicht los – im Schlepptau hat er einen Texas-Ranger, der die Eingeborenen mehrere Kilometer gegen den Wind riechen kann. Und das Halbblut Segundo, der das Glück hat, dem Großgrundbesitzer als tauglich zu erscheinen und darüber hinaus ganz gut schießen kann. Ihr Ritt zieht eine Schneise der Verwüstung durchs Land, Unschuldige müssen dran glauben. Kinder werden getötet, Frauen vergewaltigt. Misstrauen befällt das Trio, Segundo muss die Gräuel an seinen Landsleuten mitansehen, wehrt sich gegen dieses Übermaß an Verbrechen, sinnt nach Rache, bleibt jedoch ohnmächtig angesichts dieser Aggression, die von den Weißen ausgeht. Dem Wahnsinn nicht genug, soll es noch schlimmer kommen.

Und als Zuseher fragt man sich natürlich das eine oder andere Mal: Warum in aller Welt suche ich Zerstreuung nicht lieber in einem weniger belastenden Film, in einer Komödie oder abgehobener Fantasy? Andererseits: Filme wie diese bedienen mehrere Genres. Sie sind lebendige Geschichte, sie tragen den Mythos des knochentrockenen, beinharten Italowesterns mit sich herum, sie erzählen ein Abenteuer, dass seinen Reiz dadurch ausspielt, den unberechenbaren Schrecken einer Terra incognita zu entfesseln – und den Menschen darzustellen als einer, der destruktive Weltbilder erschafft. Colonos, zu deutsch Die Siedler, wäre Stoff für Werner Herzog gewesen. Würde Klaus Kinski noch leben, er wäre prädestiniert dafür.

Ähnlich wortkarg und grimmig trottet der raue Thriller durch die abweisende Landschaft. Über den Hügeln finstere Wolken, kalte Luft, karges Feuer. Gehässiger und finsterer als all die Weisen blicken nur noch die Indigenen, die nichts haben, womit sie sich wehren können, außer ihren Stolz und ihre Zähigkeit, das Schlimmste zu überleben. Colonos von Felipe Gálvez Haberle ist harter Stoff, gibt sich in einer Art Agonie einem eiskalten Kolonial-Nihilismus hin, dem man so zuletzt in Lars Kraumes Vermessenen Mensch gesehen hat. Wo dort aber der Genozid an die Herero und Nama als pittoreskes Bilderbuch ein vertrautes Vokabular bedient, wird die grausame Behandlung der Ona zu einem erbarmungslosen Albtraum, der an die finsteren Illustrationen Goyas erinnert, angereichert mit dampfendem Naturalismus und defätistischer Hoffnungslosigkeit. Colonos besticht zwar durch seine visuelle Pracht, durch seine unmittelbare Wahrnehmung der Gegend, behält aber durch seine verschlossenen, abweisenden Figuren die nötige Distanz und schafft zu keiner Zeit irgendeine Identifikation. Neben dieser Ablehnung, dieser Furcht vor der Begegnung, dieser immerwährende Bedrohung lässt sich obendrein noch ein stampfender, theatralischer Score erlauschen, der, komponiert von Harry Allouche, so klingt, als wäre er von Morricone, was dem Szenario noch einmal mehr die Aura eines lebens- und weltverneinenden Grunge-Westerns verleiht. Schließlich muss man eine Reise wie jene, die in Colonos angetreten wird, erfahren – und aushalten wollen. Die rare Thematik wäre ein Grund dafür, den Blick zu riskieren. Für jene, die nicht wegsehen wollen, was die Geschichte alles angerichtet hat, bietet Haberles Regiedebüt einen zynischen Rückblick im Stile unheilbringender Abenteuergeschichten.

Colonos (2023)

Killers of the Flower Moon (2023)

DER NEID DES WEISSEN MANNES

8,5/10


killersoftheflowermoon© 2023 Apple Original Films


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MARTIN SCORSESE

DREHBUCH: ERIC ROTH, MARTIN SCORSESE

CAST: LEONARDO DICAPRIO, ROBERT DE NIRO, LILY GLADSTONE, SCOTT SHEPHERD, JESSE PLEMONS, TANTOO CARDINAL, BRENDAN FRASER, JOHN LITHGOW, BARRY CORBIN, WILLIAM BELLEAU, LOUIS CANCELMI, JASON ISBELL, STURGILL SIMPSON U. A.

LÄNGE: 3 STD 26 MIN


Blättert man das Schwarzbuch der Menschheit durch, könnte man darin auf ein Kapitel stoßen, welches die unsagbare Gier des weißen Mannes im zwanzigsten Jahrhundert wohl nicht besser illustrieren könnte als anhand der Morde am indigenen Volk der Osage, die das Glück hatten, in ihrem zugewiesenen Reservat auf Öl zu stoßen. Die Folge: Reich werden mit Klasse. Wir würden also, wären wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, keine traditionellen Siedlungen und Dörfer mehr vorfinden, sondern mondäne, dem kolonialen Zeitgeist entsprechend gekleidete und herausgeputzte Familien, die im urbanen, europäisch orientierten Umfeld und dessen Gesellschaft längst das Sagen haben, anschaffen können und sich gar von weißen Leuten bedienen lassen. Die Osage, die hatten den Spieß so richtig umgedreht. Ein Status Quo, der den Weißen sauer aufstieß, denn die verstehen sich seit jeher als die Herren und Damen der Schöpfung. Als das Mustervolk der ganzen Welt, als die eigentlichen Bestimmer, denn überall sonst hat sich diese eine Ordnung längst etabliert – warum dann nicht hier, in Oklahoma, weit weg von Washington, wo einer wie William Hale einen verborgenen Krieg führt gegen die indigene Elite, sich öffentlich aber als Gönner, Wohltäter und bester Freund der durchs schwarze Gold reich gewordenen Nicht-Weißen präsentiert. Dieser Hale, in charismatischer Routine dargeboten von Robert de Niro als eitler Viehbaron, der keinen Widerspruch duldet, wird zur ekelhaften Verkörperung von Gier, Neid und Niedertracht. Seine beiden Neffen dürfen sich die Finger schmutzig machen, um die systematische Aneignung der missgönnten Ressourcen durch den selbsternannten King auch auszuführen. Raub, Mord und Intrige stehen auf der Agenda. Der gerade aus dem Krieg zurückgekehrte Ernest Burkhart, nicht wirklich ein Geistesriese, steht von Anbeginn an unter dem Einfluss des manipulativen Onkels. Entziehen kann er sich ihm nicht, aus Angst, aus Bequemlichkeit, oder einfach aus der Lust am Gewinn. Natürlich kommt der weißen Sippschaft eine Heirat mit der wohlhabenden Osage Molly wie gerufen – durch dieses Bündnis sollen die Anteile an den Bodenschätzen in Hales Hände geraten. Nachhelfen muss schließlich trotzdem werden – und nach und nach stirbt Mollys ganze Familie unter ihren Fingern weg. Sie selbst, an Diabetes erkrankt, sieht alsbald auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Doch nichts und niemand scheint gegen diese ethnische Säuberung aufbegehren zu können.

Mit Sicherheit wird Killers of the Flower Moon kein Gigant am Box Office. Kein Film, für den das Publikum die Türen der Kinos einrennt. Das war schon damals, Anfang der Achtziger Jahre mit Michael Ciminos Spätwestern Heaven’s Gate so. Der Film geriet zum Totalflop und hatte den Untergang von United Artists zur Folge. Warum wohl? Zumindest damals waren dunkle Kapitel aus der amerikanischen Geschichte wie zum Beispiel der ebendort thematisierte Johnson County War nicht gerade das, wofür man zur Zerstreuung ins Kino ging. War Ciminos Klassiker seiner Zeit voraus? Könnte sein. Oppenheimer bewies, dass heikle Themen und kritische Betrachtungen auf die eigene Vergangenheit längst auf mehr Interesse stossen. So ein verheerendes Schicksal wie Michael Cimino wird Scorsese aber nicht erleiden – der Mann zählt zur Elite der amerikanischen Filmschaffenden, und das aus gutem Grund, denn Scorsese, der kann so einiges und kann dieses Level auch über Jahrzehnte hinweg halten. Was mit Hexenkessel oder Taxi Driver begann, könnte nun, mit Killers of the Flower Moon, zu einem neuen Meilenstein gelangen. Das epische Thrillerdrama auf Tatsachen ist mindestens so gut wie das Mafiaepos GoodFellas, ist auf den Punkt genau inszeniert und trotz seiner enormen Laufzeit so atemlos erzählt, dass man als Zuseher gut und gerne die Zeit verliert.

Dabei ist gar nicht mal die schauspielerische Leistung in diesem Film primär verantwortlich dafür, dass Killers of the Flower Moon einen derartigen Eindruck hinterlässt. Fast ließe sich Leonardo DiCaprios Overacting, welches sich vor allem in seinen übertrieben der Schwerkraft unterlegenen Mundwinkeln manifestiert, wenn dessen Lage als Filmcharakter Ernest immer wieder mal prekär wird, als Manko betrachten. Doch nur auf den ersten Blick. Klar ist: die feine Klinge des Schauspiels beherrscht das ewige Babyface nicht wirklich. Und dennoch schafft Scorsese für diesen Ernest Burkhart eine hinter den plakativen Regungen befindliche Gefühlswelt zu errichten, die das schlichte Gemüt des zwischen Verantwortung, Reue, Gier und Furcht changierenden, willensschwachen Diener des Bösen erschreckend gut einfängt. Neben ihm gibt Lily Gladstone als immer mehr dahinsiechende Molly dem finsteren Drama eine fast schon biblische Leidensfigur, die in Hitchcock-Manier so manchen Verdacht hegt.

Wie Scorsese das bis in die kleinsten Nebenrollen erlesen besetzte Opus Magnum in Zaum hält, ohne ins Theatralische oder Pathetische abzurücken, ist genau seine Spezialität. Gerade diese konzentrierte Art und Weise, diese durchgetaktete Chronik der Ereignisse, die niemals nur Fakten liefert, sondern mit emotionaler Wucht dem schwelenden Grauen aus dem Hinterhalt begegnet, lässt diese uramerikanische Parabel auf kaltschnäuzigen Rassenhass so gut funktionieren.  Unterlegt mit einem hypnotischen Score des im August letzten Jahres verstorbenen Robbie Robertson, der Folklore-Klänge mit Blues-Rhythmen verbindet, lässt Killers of the Flower Moon niemanden kalt. Scorseses Film ist eine elektrisierende Tragödie – zynisch, bitter und die Boshaftigkeit unserer Gattung bis auf die Knochen sezierend.

Killers of the Flower Moon (2023)

Der vermessene Mensch (2023)

KOLONIALE OPERETTE EINES UNTERGANGS

5/10


dervermessenemensch© 2023 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, GIRLEY CHARLENE JAZAMA, PETER SIMONISCHEK, SVEN SCHELKER, MAX KOCH, LUDGER BÖKELMANN, LEO MEIER, ANTON PAULUS, ALEXANDER RADSZUN, CORINNA KIRCHHOFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es ist des wunderbaren Peter Simonischeks letzte größere Rolle: Als Josef Ritter von Waldstätten, Professor für Anthropologie, mit weißem Rauschebart und unverkennbarer Stimmlage die Rassentheorie verbreitend, ohne es besser zu wissen. In Zeiten wie diesen – wir schreiben das Ende des neunzehnten Jahrhunderts – sind Menschen noch lange nicht alle gleich, nicht mal oder schon gar nicht in der Wissenschaft. Um die Unterschiede besser zu untersuchen, dürfen Waldstättens Doktoranden, darunter Alexander Hoffmann (Leonard Scheicher) im Rahmen der Berliner Völkerschau eine Delegation der Herero willkommen heißen, deren Land Namibia von Deutschland annektiert wurde. Jeder der Studierenden darf sich eine der Besucherinnen oder Besucher als persönliches Anschauungsobjekt unter den Nagel reißen – ob diese wollen oder eben nicht. Menschenrechte sind etwas fürs nächste Jahrhundert, möchte man meinen. Und noch nicht mal dann, so werden wir feststellen, werden so wundersame Dinge wie Selbstbestimmung, Freiheit und Frieden den Globus umspannen. Es wird noch schlimmer kommen – die Wurzeln dafür finden sich in der Wissenschaft, in mit Zirkel und Messinstrumenten abgetasteten Zahlendaten für Kopfumfang und Nasenbreite – wie lächerlich. Die ach so gebildeten zukünftigen Forscher, überwältigt durch ihren Drang, Erkenntnisse zu erlangen, fühlen sich, wie Alexander Hoffmann, vielleicht etwas befangen – oder gar geplagt durch ein Gewissen, dass sie dazu führt, im Zuge reflektierender Überlegungen Menschen wie die Herero als vollwertig zu betrachten – und sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen. Kezia Kambazembi, die ihm zu Studienzwecken zugewiesene junge Afrikanerin, wird für Hoffmann zum Grund dafür, nach deren Abreise selbst nach Namibia aufzubrechen, um sie wiederzufinden. Eine banale Romanze im Rahmen einer Chronik historischer Verfehlungen?

Zum Glück nicht. Das wäre ein Hohn auf die zu erlangende Ernsthaftigkeit, die Lars Kraume natürlich vorschwebt, um Geschichte lebendig werden zu lassen – selten gezeigte Geschichte, ein regelrecht tiefschwarzes Kapitel deutschen Kolonialismus, denn von nichts anderem handelt Der vermessene Mensch als vom Genozid der „Herrenmenschen“ an den Herero und Nama. Das Beste an Kraumes Film ist da immer noch die Zweideutigkeit des Titels. Man kann diesen entweder so lesen, in dem das wissenschaftliche Vermessen afrikanischer Ethnien thematisiert wird – oder eben, in dem die Vermessenheit der weißen Europäer, fremde Länder zu besetzen und dort notgedrungenen Widerstand mit mutwilliger Waffengewalt zu brechen, zur üblen Eigenschaft mutiert.

Die Ambition, im Rahmen eines Spielfilms für Aufklärung zu sorgen, mag begrüßenswert sein. Die Umsetzung jedoch atmet die abgestandene Luft eines lange nicht mit Sauerstoff versorgten Kostüm- und Requisitenfundus, der endlich mal entrümpelt wurde, um auszustatten, wo es nur geht. Man sieht, wie es damals wohl ausgesehen haben mag, man kann sich vorstellen, wie rustikal das Reisen durch die Wüste vonstatten ging. Wie handbemalte Zinnsoldaten über penibel arrangierte Dioramen marschiert das deutsche Militär durch die Fremde oder bellt hinter gezwirbelten Schnurrbärten Befehle zur Tötung und Unterwerfung der Aufständischen. Inspiriert von alten Fotografien, biedert Der Vermessene Mensch durch eine humanitäre Katastrophe. Die Erfahrungen, die Alexander Hoffmann letztlich macht, sind denen des Seemanns Marlow aus Joseph Conrads Herz der Finsternis nicht unähnlich. Der verstörende Weg zur Erkenntnis hätte die zentrale Figur von Kraumes Film auch auf eine innere Reise schicken können. Mag sein, dass diese Vorgehensweise einem gewissen Idealismus entspräche, der das Grauen von damals verkitscht oder verharmlost. Und dennoch ist Scheichers Figur substanzlos und schal, lediglich beobachtend und sich selbst verratend als Teil eines Systems, aus dem keiner ausbrechen kann.

Ernüchternd mag das alles sein, pessimistisch und anklagend. Und doch bleibt das alles nur verhaltene Bühne mit Schauwerten, die inmitten historischen Horrors selbst ein bisschen wie eine Volksschau anmutet, obwohl die Intention für diesen Film klarerweise eine ganz andere ist. Eine, die nie wieder vermessen und nicht vergessen will.

Der vermessene Mensch (2023)

Napoleon (2023)

EUROPA IM SCHATTEN DES ZWEISPITZ

8/10


Napoleon© 2023 Apple TV+


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: DAVID SCARPA

CAST: JOAQUIN PHOENIX, VANESSA KIRBY, TAHAR RAHIM, LUDIVINE SAGNIER, IAN MCNEICE, RUPERT EVERETT, BEN MILES, PAUL RHYS, ERIN AINSWORTH, SAM TROUGHTON, JANNIS NIEWÖHNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Würde man eine weltweite Umfrage starten mit dem Ziel, herauszufinden, welche Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte wohl am geläufigsten sind, dann wäre neben Adolf Hitler, Julius Cäsar und vielleicht noch Kleopatra natürlich Napoleon mit dabei. Vielleicht auch deswegen, weil dieser Merkmale an sich trägt, die unverwechselbar sind: kleine, gedrungene Statur, fransiges Haar, darüber stets ein Zweispitz, den er vermutlich nur zum Schlafen abgelegt hat. Die rechte Hand steckt dabei im Gewand, eine klassische Geste. Der in Korsika geborene Feldherr wird zum Lehrmeister vieler kommender Strategen, es ist eine Mischung aus Bauernschläue, Scharfsinn und jovialer Bärbeißigkeit, die ihn mit allen übrigen Regenten des europäischen Kontinents zum Handshake verhalf und auch gegen diese antreten ließ. Dieser Wicht mit Wirkung, dieser politische Glückspilz, der sich selbst zum Kaiser von Frankreich krönen ließ, darf nun, unter der Regie von Ridley Scott, nochmal in bester Risiko-Manier von West nach Ost über Europa fegen. Und ehrlich: Wer sonst hätte sein Wirken noch verfilmen können? Vielleicht Stanley Kubrick. Dieser hatte schließlich schon Sämtliches an Material zusammengetragen, und es wäre auch nach Eyes Wide Shut vermutlich sein nächstes Projekt gewesen. Hätte er wohl Joaquin Phoenix in der engeren Auswahl gehabt? Könnte sein.

Der Oscarpreisträger – diesmal nicht so abgemagert wie als Joker, sondern als untersetzter, dreister Tausendsassa – trägt von Anfang bis zum Ende die Miene eines hasardierenden Pragmatikers (sofern dies überhaupt zusammengeht). Ridley Scott veredelt ihn mit seinem Zweispitz, wo es nur geht. Es sind die Schattenrisse, es sind die Blicke hinter seinem Rücken nach vorn, wenn er bei der Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz oder letzten Endes bei Waterloo die Szene betritt und sich aus seinem Unterstand schält, meist in grauem Mantel. Er braucht nur die Hand zu heben, schon donnern die Kanonen. Irgendwann reicht ein kaum merkbares Nicken – und die Armee versteht.

Um eine ganze europäische Epoche unter einen Filzhut zu bekommen, dazu braucht es Zeit. Viel Zeit. Denn es ist ja nicht nichts, was hier alles geschieht, seit Marie Antoinette ihren Kopf verloren hat. Allerhand spielt sich da ab, Staatsstreiche und Tumulte, Umstürze und jede Menge Schlachten. Das alles will seinen Platz in einem Film fürs Auge finden. Und soll gleichermaßen dazu bewegen, dem dadurch erwachten Interesse an Geschichte später ganz von selbst nachzugehen. Es wäre verlorene Liebesmüh gewesen, hätte Scott den Film in ganzer Länge ins Kino gebracht. Kolportiert ist diese mit über vier Stunden – um die Säle zu füllen, sind es nun zweieinhalb, und selbst da hat man schon das Gefühl, angesichts der Fülle weltbewegender Eckdaten alles schon konsumiert zu haben. Hat sich Scott da nicht etwas übernommen? Wäre eine Miniserie nicht besser gewesen? Nein. Denn Napoleon gehört auf die große Leinwand. Niemand anderer kann Schlachten so dermaßen mitreißend inszenieren wie er. Bei niemandem sonst wird Geschichte zum massentauglichen Großevent. Mit der Darstellung der Schlacht bei Austerlitz sprengt Scott wieder mal alles bisher Dagewesene. So und nicht anders muss das gewesen sein, denkt man sich – vermengt mit allerlei Pathos, historischer Verklärung und als lebendig gewordenenes Ölgemälde.

Diesen zweieinhalb Stunden merkt man an, dass sie geschnitten sind. Doch was soll man sonst tun, außer zu kürzen. Zwischen der Herrschaft als Konsul und der Krönung zum Kaiser fehlt schon mal so einiges, und auch die Schlacht bei Waterloo lässt einige Fakten außen vor. Vielleicht finden wir diese dann später auf Apple+. Mit ziemlicher Sicherheit gehen die biographischen Aspekte  Napoleons dadurch um einiges tiefer. Denn mit Phoenix‘ Darstellung des Machtmenschen kann, muss man aber nicht zufrieden sein.

Warum Bonaparte tut, was er getan hat, bleibt ein Rätsel. Klar ist: Joséphine ist seine große Liebe, es drängt ihn nach einem Thronfolger, es zieht ihn höchstpersönlich immer wieder aufs Schlachtfeld. Wie er tickt, was er denkt – das alles bleibt popkulturelle Ikone, er selbst sein eigenes Merchandising. Phoenix, natürlich Meister seines Fachs, kann diesem gigantischen Ego, dieser Weltfigur, kaum Herr werden. Er begnügt sich mit einer konstanten Performance, die wenig Regung zeigt, sich kaum entwickelt, das Exil in St. Helena ähnlich hinnimmt wie den Befehl der französischen Regierung anno 1793, die Hafenstadt Toulon zu erobern. Im Vergleich dazu ist Vanessa Kirby die emotionale Kraft in diesem Film, wenn sonst nichts allzu Zwischenmenschliches bleibt, da die Eckpfeiler der Politik alles dominieren. Umso mehr nutzt Scott das private Glück und Elend eines Zweiergespanns, was manchmal zu sehr das Gleichgewicht zwischen Geschichtsgewitter und üppiger Romanze kippen lässtt.

Napoleon ist keine akkurate Chronik der Ereignisse. Vieles ist bekannt, vieles aber auch auf Entertainment gebürstet. Nichts anderes hat Ridley Scott jemals gemacht. Man siehe nur 1492, Königreich der Himmel oder Exodus. Seine Leidenschaft ist es, bewegte Bilderbücher zu kreieren, Schlachten nachzustellen, vergangene Zeiten in verschwenderischer Ausstattung und ohne Scheu vor Massenszenen zum Leben zu erwecken. Im Kino ist es so, als wäre man mittendrin, statt nur dabei. Es sind epische Momente, die man lange nicht vergisst. Sie erzeugen Gänsehaut und Respekt vor Legenden, die längst ihre realen Personen hinter sich gelassen haben. Wie es wirklich war, liest man besser nach. Beide gemeinsam aber, Film und Recherche, werden zum Erlebnis Geschichte.

Napoleon (2023)

Der Schatten von Caravaggio (2022)

HUREN UND HEILIGE

6,5/10


caravaggio© 2023 Filmladen Filmverleih / Luisa Carcavale


LAND / JAHR: ITALIEN / FRANKREICH 2022

REGIE: MICHELE PLACIDO

DREHBUCH: SANDRO PETRAGLIA, MICHELE PLACIDO, FIDEL SIGNORILE

CAST: RICCARDO SCAMARCIO, LOUIS GARREL, ISABELLE HUPPERT, MICAELA RAMAZZOTTI, LOLITA CHAMMAH, MICHELE PLACIDO, VINICIO MARCHIONI, GIANFRANCO GALLO, MONI OVADIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Kunstgeschichte im Kino zu genießen kann zur immersiven Erfahrung werden. Was Filmemacher dabei gerne versuchen, ist, den Stil des zu beschreibenden Virtuosen in die Optik ihres Werkes einzubringen. Meister dieser Vorgehensweise ist zweifelsohne Peter Greenaway – Szenen seines exzentrischen Kunstfilms A Zed and Two Noughts muten an, als hätte Jan Vermeer höchstpersönlich seine Sicht auf die Welt auf die Leinwand gepinselt. Indirektes Licht aus unsichtbaren Fenstern oder nicht näher definierten Lichtquellen beleuchten historisches Interieur und im niederländischen Barock zu verortende Personen, stehend auf Schwarzweiß gemusterten Schachbrettböden. Für so viel Akkuratesse braucht es einen fast schon obsessiven Willen zur manieristischen Nachahmung. Des Weiteren beeindruckt sein Rembrandt-Krimi Nightwatching mit Set-Tableaus, die so manches Werk des Avantgardisten eins zu eins nachstellen.

Ein ähnliches Gemälde-Lookalike wagt Michele Placido, vorrangig bekannt als Hauptdarsteller der 80er-Fernsehserie Allein gegen die Mafia, in seiner teils wüsten und hemdsärmeligen Genius-Biographie Der Schatten von Caravaggio. Der Entstehung des Gemäldes Tod Mariä, welches als Teil der ständigen Sammlung im Pariser Louvre zu bewundern ist, schenkt Placido enorm viel Aufmerksamkeit – im Grunde beherrscht diese Erarbeitung des Meisterwerks den ganzen Film, denn die in rotem Leinen gehüllte Tote mag zwar titelgebend die Mutter Jesu Christi sein, als Modell gestanden soll dem Meister eine längst bekannte Prostituierte sein, die irgendwann später den Weg in den Tiber wählt und deren Leichnam von Caravaggio und seiner Entourage geborgen werden wird.

Diesen Versuch, oder besser gesagt, dieses aus der Sicht der Kirche zweifelsohne ketzerische Wagnis, die Ärmsten der Armen und sozial Ausgestoßenen in den Rang von Heiligen zu erheben, ihnen also einer Apotheose auszusetzen, die jedwede Hierarchie zusammenbrechen lässt, gleicht einer gesellschaftspolitischen Revolution. Caravaggio, eigentlich Michelangelo Merisi, ist als bärbeißiger Berserker seiner Zeit weit voraus. Das lässt sich allein schon am Stil seiner Bilder erkennen, die den viel späteren Expressionismus vorwegnehmen, die, so wie Rembrandt, einem kanonischen Ideal entsagen und Gesichter von der Straße, vom Bettler über den Säufer bis zum leichten Mädchen, für die Ewigkeit auf die Leinwand brachten. So wie Merisis Leben von Gewalt, Konflikten und letztlich des eigenen unnatürlichen Todes geprägt war, so spiegeln sich diese Umtriebe in seinen Bildern wider. Dort fließt das Blut, dort stürzt Saulus vom Pferd, dort kreischt das Haupt der Medusa ihren letzten Unmut ob ihrer Niederlage in die Gesichter der Betrachtenden. Caravaggio ist düster und ungefällig – die Kirche hat sein Kreuz mit ihm zu tragen. Und nicht nur die: Des Mordes beschuldigt, muss der Maler in Neapel im Hause Colonna Asyl suchen.

In gemäldehafter Optik erkämpft sich Riccardo Scamarcio (zuletzt gesehen in Kenneth Branaghs A Haunting in Venice) seine durch die kirchliche Obrigkeit andauernd bedrängte Freiheit – eitler Gegenpol ist Louis Garrel als Inquisitor des Papstes, der dem Künstler wie ein Schatten folgt, um diesen der Kirche auszuliefern. Bestehend aus diversen Rückblenden, die Caravaggios Werdegang beschreiben und seine Motivation für seine Arbeit erklären, legt Michele Placido letztlich ein unzimperliches Puzzle zusammen, das in betörend-schwülstiger Optik vor brutalen Spitzen und angedeuteten Orgien nicht Halt macht. Mitunter ist seine Aufarbeitung der Geschehnisse durch den scheinbar recht willkürlichen Wechsel zwischen den Zeitebenen sowie all der Schauplätze eine recht zerfahrene Angelegenheit. Wie ein Skizzenblatt im Wind geistert sein biographischer Thriller umher, schwer einzufangen, aber doch wert, ihm nachzujagen. Diese impulsive Fahrigkeit sorgt im späten Mittelteil für Ermüdung. Kann sein, dass der Film so einige Längen hat, die nochmal und nochmal Caravaggios Mentalität thematisieren wollen – dazwischen so einige kunstgeschichtliche Aha-Erlebnisse, die Kenner seines Oeuvres zum erhellten Flüsterer im dunklen Kinosaal werden lassen.

Eine exorbitant gelungenes Künstlerepos ist Der Schatten von Caravaggio nicht geworden, dafür aber macht dieser Blick auf die schmutzig-düstere Seite des Frühbarock Lust, so bald wie möglich wieder ins Museum zu gehen. An seinen Bildern haftet von nun an und zumindest für eine Zeit lang ordentlich Background, bevor die gefüllten Lücken in Sachen Themenbildung wieder aufgehen.

Der Schatten von Caravaggio (2022)