Maudie

DIE WELT IM BILDERRAHMEN

7,5/10

 

maudie10© Photo by Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media

 

LAND: Irland, Kanada 2017

Regie: Aisling Walsh

Mit Sally Hawkins, Ethan Hawke, u. a.

 

Zu meiner Schande muss ich gestehen – ich habe immer noch nicht den Film Happy Go Lucky gesehen. Diesen Gute Laune-Film mit der britischen Schauspielerin Sally Hawkins, die mir erstmals in der Waris Dirie-Verfilmung Wüstenblume positiv aufgefallen war. Mike Leigh´s Happy-Film soll von ansteckender positiver Ausstrahlung sein, vor allem dank dem expressiv-launigen Spiel seiner Hauptdarstellerin. Steht also ganz oben auf meiner Watchlist. Aber eigentlich erst, nachdem ich mir ihr neuestes Werk angesehen habe – Maudie. Das biografische irische Drama um eine an Arthritis erkrankten Lebens- und Bilderkünstlerin ist womöglich nicht weniger einnehmend als eingangs erwähnter Film. Denn Maudie ist, mit Verlaub, eine Sternstunde des Schauspielkinos. 

Es stimmt schon – Schauspielerinnen und Schauspieler, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen darstellen müssen, haben es grundsätzlich leichter. Die Auffälligkeit ihrer Rollen ist dem Handicap geschuldet, mit welchem die Figur ihren Alltag bzw. ihr Leben bestreiten muss. Sind Haltung und Verhalten mal einstudiert, gelingt zuerst mal eine augenscheinlich meisterhafte Performance. Aber, wie gesagt, eigentlich mehr wegen dem, was die dargestellte Person trotz ihrer Defizite leistet, und weniger wegen dem Schauspieler dahinter. Doch Vorsicht – ich will Leistungen wie Eddie Redmayne´s Darstellung von Stephen Hawking oder Dustin Hoffman als Rain Man sicherlich nicht schmälern. Und genauso wenig will ich Sally Hawkins Interpretation der grazilen, kleinen Hausfrau und Malerin schmälern, die im Nirgendwo in Nova Scotia in einer zugigen Fischerhütte ihr Leben durch den Bilderrahmen betrachtet. Hawkins stellt das zerbrechliche Häuflein Mensch mit manischer Präzision dar. Jeder Schritt ist ein schmerzvolles, mühsames Vorwärtskommen. Jeder Pinselstrich eine körperliche Anstrengung. Doch die wahre Brillanz ihrer Rolle wohnt der wundersamen Fähigkeit inne, der Unwirtlichkeit ihres Daseins auf engelsgleiche Art die Stirn zu bieten. Was in dieser kleinen, starken Frau zu stecken mag, ist unbeugsame Stärke, grenzenloser Lebenswillen und den Mut, Nähe zu geben uns zuzulassen. Dieses Unterfangen ist kein Leichtes. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, ist ein wortkarger, ruppiger Misanthrop. Ein eigenbrötlerischer Fischer, der den Menschen aus dem Weg geht und seine Gefühle tief vergraben hat. Ethan Hawke meistert den knorrigen Außenseiter mit Bravour und dem richtigen Gespür für Gestik und Mimik. Eine Beziehung, die auf Liebe basiert? Undenkbar. Und dennoch kommt, wie es kommen muss, wenn man sieht, wozu die kleine große Dame mit dem wirren Haar und der Liebe zum Farbenfrohsinn fähig sein kann. 

Maudie ist längst nicht nur das Portrait einer unbeugsamen Künstlerin, sondern auch ein ungemein zarter, teils enorm tragischer Liebesfilm, der seine Empfindungen ernst nimmt, ganz so wie seinerzeit Clint Eastwoods virtuoses Gefühlskaleidoskop Die Brücken am Fluss. Hawke und Hawkins schaffen es, tatsächlich etwas zu entfachen, was im Kinosaal spürbar ist. Sehnsucht, Nähe, Zusammenhalt. Und die Gewissheit, dass es das Wichtigste im Leben ist, geliebt zu werden. Dafür, dass man so ist, wie man ist, ohne zwingend etwas leisten zu müssen. Zwar hat es Maud Lewis mit ihrer naiven, einfachen Malerei sogar bis in die Medien geschafft – bemalt hat sie die Fischerhütte und alles, was ihr unter den Pinsel kam, eigentlich nur für sich und für ihr Seelenheil. Und genau so sollte es sein.

Maudie

Tulpenfieber

TULP FICTION

6/10

 

tulpenfieber© 2017 Prokino / Quelle: imdb.com

 

LAND: USA, Grossbritannien 2017

REGIE: Justin Chadwick

MIT ALICIA VIKANDER, CHRISTOPH WALTZ, DANE DEHAAN, HOLLIDAY GRAINGER U. A.

 

Das hätte sich der legendäre Maler Rembrandt nicht mal im Traum ausmalen können: Da gibt es eine Pflanze aus der Familie der Liliengewächse, die zu seine Lebzeiten gehandelt wurde wie Gold. Die Tulpe – mittlerweile eine Allerweltsblume, die in jedem Garten wächst und selbst an der Kassa unserer Supermärkte bündelweise zum Nachschmeißpreis angeboten wird. Schön sind sie ja, diese Tulpen. Doch damals, in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts, waren sie noch dazu so rar wie sakrale Reliquien und so sehr ein Objekt für Gier wie für plötzlichen Reichtum. Hatte jemand auch nur eine Zwiebel von vielleicht einer gebrochenen Unterart – also eine weiße Tulpe mit rosarotem Linienmuster – könnte er ausgesorgt haben. Sofern er über das gewisse finanztechnische Know-How verfügt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre. Bis die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte platzen musste – der Handel verboten und viele Niederländer an den Rand des Ruins getrieben wurden.

Diese historischen Begebenheiten hat Regisseur Justin Chadwick, seinesgleichen verantwortlich für das virtuose Monarchenspektakel Die Schwester der Königin, als Hintergrund für sein aktuelles Werk herangezogen – ein opulent ausgestatteten Liebes- und Gesellschaftsdrama. Schön anzusehen ist Tulpenfieber erstmal auf alle Fälle. Belustigend die Pizzateller-großen Halskrausen der neureichen Handelsherren. Edel die dunkel getäfelten Kemenaten wohlhabender Häuser. Umtriebig, detailreich und wie gemalt der Amsterdamer Hafen. Gemälden gleich sind auch die Profilbilder der zarten Schönheit Alicia Vikander, welche im sündteuren blauen Meisterstück barocker Nähkunst am Fenster lehnt. Erinnerungen an das Œuvre Vermeers werden wach. Und an den ähnlich gearteten Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring von Peter Webber. Allerdings war der Film mit Scarlett Johansson als scheue Muse weniger konstruiert wie das gegenwärtige Holland-Drama. Die zarten Bande zwischen Colin Firth und der blondblassen Schönheit vom Lande erreichten am Stimmungs- und Gefühlsbarometer des Kinos annähernde Werte wie bei James Ivory´s Sittenbilder aus früheren Zeiten. Tulpenfieber erreicht das nicht. Die Drei- oder gar Vierecksgeschichte in illustrer Besetzung gerät so vorhersehbar wie der historische Liebesroman einer verlagsabhängigen Vielschreiberin. Und siehe da – die literarische Vorlage zu Tulpenfieber ist genau das. Ein leidenschaftlicher Roman mit Herzschmerz, vermengt mit historischen Tatsachen, die gefällig genug erscheinen, um das Niveau zu heben. Autorin Deborah Moggach schreibt thematisch quer durchs Tulpenbeet. Aus ihrer Feder stammt ebenso die Vorlage für das Rentner-Lebensphilosophikum Best Exotic Marigold Hotel. Es sind Stoffe, die eine Leserschaft garantieren. Warum auch nicht. Eintauchen in eine Welt, die längst vergangen ist. Wenn es gut geschrieben ist, haben Bestseller wie diese ihre absolute Berechtigung. Im Kino tritt der konstruierte rote Faden leider nur zu deutlich zutage. Nichts in Tulpenfieber passiert überraschend. Vieles weiß man, lange bevor die Tulpen zum Symbol verlorener Liebesmüh heranblühen.

Doch zum Glück haben wir Schauspieler wie Christoph Waltz oder Judi Dench, die dem schicksalsbeladenen Stoff mehr als gerecht werden und sich dort zurücknehmen, wo der Film dick aufträgt. „Valerian“ Dane DeHaan ist nach wie vor ein blasser Junge, der seine Leistung aus Life kaum mehr wiederholen kann. Und Alicia Vikander, die sich in ihrem zerbrechlichen Lügengebilde glaubhaft verheddert, dominiert zurecht einen Film, der das Zeitalter Rembrandts und der nordischen Maler pittoresk bebildert, jedoch ein gefälliges Beziehungsdrama erzählt, dass zu viele Wendungen will und auch noch die Geschichte Europas zum Leidwesen eines gehandicapten und dadurch oberflächlich gewordenen Kostümschinkens bemüht.

Tulpenfieber

VERBORGENE SCHÖNHEIT

TROST VON FREMDEN

6,5/10

 

verborgeneschoenheit

REGIE: DAVID FRANKEL
MIT WILL SMITH, KATE WINSLET, EDWARD NORTON, HELEN MIRREN

 

Will Smith war immer schon ein stets gut aufgelegter, sympathischer Schauspieler. Kennengelernt haben wir ihn alle als Prinzen von Bel Air, und als Men in Black oder als Kampfpilot, der zum Independence Day Aliens den Allerwertesten versohlt, bleibt er unvergessen. Stets mit einem Schmunzeln im Gesicht und aus dem Ärmel geschüttelten, coolen Onelinern. Ein liebenswerter Kerl. Und dann der Imagewandel. Ja, warum eigentlich nicht? Als Schauspieler muss man ja auch zeigen können, dass man wirklich Talent hat und auch ernste Rollen bravourös verkörpern kann. Also am besten gleich gestern den Agenten damit beauftragen, anspruchsvolle Filmrollen zu buchen. Independence Day-Fortsetzungen bitte außen vorlassen. Ob das die richtige Entscheidung war? Sagen wir mal – Jein.

Will Smith ist einer von den Guten. Jemand, dem man gerne dabei zusieht, wie er mit links die Welt, die Liebe oder sonst wen rettet. Humoristisch, ja. Und sieht man ihm dabei gerne zu, wie er sich selbst rettet? Nun ja, es kommt auf die Geschichte an. Schon in dem Vater-Tochter-Sozialdrama Das Streben nach Glück haben wir den Afroamerikaner von einer ernsteren Seite kennengelernt. In Sieben Leben wurde es noch düsterer. Und in Verborgene Schönheit können Smiths Mundwinkel kaum mehr stärker nach unten gebogen, die Stirn nicht noch mehr gerunzelt werden. Will Smith gibt sich der ewigen Trauer hin. Eine Tatsache, die das Kinopublikum, vor allem das Amerikanische, nicht wirklich sehen will. Daher wurde David Frankel´s durchaus komplexes Filmdrama zu einem Flop.

Allerdings zu unrecht. Frankel, der Regisseur der rundum gelungenen und immer wieder gern gesehenen Fashion-Komödie Der Teufel trägt Prada, trägt unterm Strich flächendeckend etwas zu dick auf und verwöhnt seine Figuren mit pathetischen Blicken, Gesten und Worten. Doch die Story selbst, die hat was. Aus irgendeinem Grund fällt mir Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, oder gar James Stewart in Ist das Leben nicht schön. Beides bewegende Geschichten zur Weihnachtszeit. So spielt auch Verborgene Schönheit zur stillsten Zeit des Jahres. Und hinterfragt im Stile eines modernen Märchens den Sinn des Lebens und des Weiterlebens. Wenn Liebe, Zeit und Tod die wandelnde Trauerweide namens Will Smith heimsuchen, sind das die griffigsten Momente des Films. Und wenn dann nicht nur Will Smith, sondern auch Kate Winslet und Edward Norton völlig unbedarft in die Schule des Lebens hineinmanövriert werden, teilt das zwar die Handlung auf mehrere Erzählstränge, kommt aber überraschend unerwartet. Und bevor sich der Vorhang des metaphysischen Szenarios überhaupt zur Gänze lichtet und Vieles klarer wird, erschließt sich bereits ein grobes Gesamtbild des Helfens und Geholfenwerdens.

Verborgene Schönheit meint es gut, manchmal aber zu gut. Wenn Helen Mirren als der Leibhaftige darauf hinweist, auf die titelgebende Eigenschaft zu achten, mag das zwar geheimnisvoll sein – verborgen bleibt die Bedeutung dahinter allerdings auch nach dem Film. Will Smith sucht nach Erlösung, so wie Scrooge und „George Bailey“ James Stewart. Spätestens da meldet sich das Universum, das Verborgene hinter dem alltäglichen Leben. Vielleicht hat der Film das damit gemeint? Dass die Dinge mehr Bedeutung haben als sie vorgeben. Ein Trost, wenn auch nur einer auf der Leinwand.

VERBORGENE SCHÖNHEIT

Die Schöne und das Biest (2014)

DIE MIT DEM WOLF TANZT

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schönebiest

Wenn es nach den Vereinigten Staaten ginge, dann könnte man getrost auf die internationale Filmwelt verzichten. Ausnahmen würden die Regel bestätigen, vielleicht würde noch Australien oder Großbritannien einfach aufgrund ihrer gemeinsamen Muttersprache mit ins rettende Boot geholt werden – denn alles, was fremdsprachig ist, hat in Übersee – wie sagt man bei uns so schön – einfach kein Leiberl. Zumindest nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Denn auf der großen Leinwand Untertitel lesen will dort keiner, und Synchronstudios gibt es dort auch nicht, jedenfalls nicht für fremdsprachige Filme. Für Animationsfilme sehr wohl – Manfred Lehmann, Christian Brückner, Peter Matic und all den anderen Schauspielern sei hierzulande gedankt, dass sie zum Mikro greifen und uns barriereloses Filmvergnügen ermöglichen. Was bleibt also den USA übrig, um sich von Filmen, die sich anderswo phänomenal gut verkaufen, aber nichts mit Englisch am Hut haben, ein Stückchen abzuschneiden? Richtig, sie müssen es nachverfilmen. Selber Stoff, selbe Charaktere, fast schon kopiert. Daher all die ganzen Remakes, deren Sinnhaftigkeit in Europa keiner versteht. Die Produktionsfirmen aus Hollywood wollen mitverdienen – und zahlen vorab schon mal genug Geld, um die Rechte zu kassieren und dann das Einspiel bereits als gemähte Wiese anzusehen. Denn erprobt ist das Rezept ja schon.

Demnach ist die eben im Kino angelaufene Realverfilmung des romantischen französischen Märchens aus dem Rokoko eine im Grunde genommen genauso redundante Produktion, hat doch Pakt der Wölfe-Regisseur Christophe Gans bereits 2014 die Geschichte rund um die schöne Händlerstochter, die mit dem Wolf tanzt, formschön, opulent und knisternd ins Szene gesetzt. Ganz so, wie man es von einem Märchen erwartet, das eine alte Geschichte erzählt und mit neuesten technischen Mitteln eine Wunderwelt illustriert, die fast schon an Tim Burton´s Alice im Wunderland erinnert. Aber nur fast, da ist noch ein gutes Stückchen französisches Kolorit versteckt, allein schon aufgrund der erlesenen Besetzung, angefangen von der hinreißend sinnlichen Lea Seydoux über André Dussolier bis hin zu Vincent Cassel, der auch mal keinen sinistren Macho spielen kann, sondern einen geläuterten Prinzen, dem das Unglück und der Fluch, der sein Reich heimgesucht hat, auf seinen vorerst pelzigen Schultern lastet. Und wer genau hinsieht, kann die deutsche Sängerin Yvonne Catterfeld entdecken – als aparte Schönheit in den erzählerischen Rückblenden rund um die goldene Hirschkuh. Christophe Gans lässt nichts aus – behutsam und detailverliebt nähert er sich dem mehrere hundert Jahre alten Stoff, bereinigt ihn von all den verniedlichenden Disney-Elementen und findet zielsicher in das Grimm’sche Zeitalter des Märchenerzählens zurück, das sich vorwiegend in der kulturellen Epoche der Romantik wiedergefunden hat. Genauso ist Die Schöne und das Biest geworden – mit verwunschenen Schlössern, verzauberten Lichtungen im Wald, jeder Menge Rosen und fluchbefreiender Küsse. Und selbst wenn die Dancing Stars Seydoux und Cassel das königliche Parkett erobern, verkommt dies nicht, wie bei Musicals so oft, zum Selbstzweck, sondern bleibt Teil der Erzählung. Ach ja, Musical – diese Verfilmung hier hat mit dem Genre der singenden Emotionen nichts zu tun. Disney´s Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1994 hingegen schon – und die Realverfilmung desselbigen mit Emma Watson nimmt sich da nicht aus. Doch mir als verhaltener Liebhaber des filmischen Musiktheaters ist die greifbarere französische Version, die sich in den USA womöglich keiner angesehen hat, lieber. Klar, gegen Ende übertreibt Christophe Gans seinen Mut zum visuellen Blockbusterkino für Europäer, aber solange es gut gemacht ist, freut man sich, wenn gigantische Steinfiguren den Bösewichtern nach dem Leben trachten. Das hat was von High Fantasy, wohingegen quasselnde Kerzenleuchter und Uhren aus der Mickey-Fraktion eher zu den Fieberträumen eines Antiquitätenhändlers passen.

La Belle et La bete – wie es im Original heißt – ist gut besetztes, aufwändiges Märchenkino für Nostalgiker, Romantiker und Freunde europäischen Kinos. Und ein Beweis mehr, dass es auch ohne Hollywood gehen kann. Aber diesen braucht die Filmwelt Frankreichs ohnehin nicht.

Die Schöne und das Biest (2014)

Moonlight

BLAU IST EINE SCHWARZE FARBE

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moonlight

And the Oscar for the Best Picture 2017 goes to … La La Land. Oh no, sorry – der tatsächliche Gewinner für den besten Film des Jahres war dann doch wer ganz anderer. Jemand, der eine ganz andere Nische besetzt hält. Nämlich die reinsten Independentkinos. Denn Moonlight, so kann ich getrost sagen, ist ein modernes Meisterwerk des Black Cinema. Dass es so ein Film trotz seiner Außenseiterthematik letzten Endes so weit nach vorne schafft, ist einerseits überraschend. Kein Musical, kein Epos – nichts, was die breite Masse unterhält oder gar betrifft. So weit hat sich die Academy von Straßenfegern wie Ben Hur und ähnlichen Abräumern bislang noch nie entfernt.

Die elitäre Jury und oberste Instanz, die ihren Einfluss über Leben und Sterben von Filmen und ihren Stars weltweit unter führendem, flatterndem Banner hält, beweist durch das Ergebnis dieser Wahl einmal mehr, keine korrupte Verschwörung zu sein, sondern kunstsinniges Gewissen. Was aber auffällt, ist die Diskrepanz der nominierten Filme zum Vorjahr. Hatte man 2016 noch von allen Seiten gewettert, die Oscarnacht weißgewaschen zu haben, könnte man 2017 von einer kalkulierten Wiedergutmachung sprechen, und das sogar ungeachtet der Qualität der Filme. Hauptsache, weiße und schwarze Künstler halten sich die Waage. War dem wirklich so? Oder ist alles reiner Zufall?

Ungeachtet dieses Verdachts ist Moonlight unter den nominierten Filmen mit schwarzem Anteil wohl tatsächlich der künstlerisch hochwertigste Beitrag. Wenn überhaupt der künstlerisch hochwertigste Beitrag im Vergleich zu all den anderen Filmen. Der afroamerikanische Regisseur Barry Jenkins entzieht sich allen möglichen Einflüssen, die ihn in seiner Arbeit vielleicht beeinträchtigt hätten, und hat einen in seiner Bildsprache und Regie zutiefst eigenständigen Film geschaffen, der seine Geschichte so nuanciert, zartfühlend und metaphorisch erzählt, dass einem zwar erst im Nachsinnen über das Gesehene viele bildsprachliche Details erschließen, sich diese aber noch dazu zu einem erfüllenden Ganzen zusammenschließen. Diese Vielschichtigkeit entdeckt man in den Filmen von Kieslowski oder Tarkowskij, europäischen Meistern, die ohne Worte mehr erzählen konnten als mit dichten Dialogen. Jenkins ist auch so einer – jemand, der weiß, was er von seinen Schauspielern verlangen kann, in diesem Fall Blicke, Gesten oder die Unmittelbarkeit der Kamera. Wie in der französischen Nouvelle Vague erfindet Moonlight das Black Cinema auf eine ganz besondere Art neu. Statt Betroffenheitskino begegnen wir im auf dem Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney basierenden Coming of Age-Biografie einer zaghaft unausgesprochenen Liebesgeschichte, in der es nur im weiteren Sinne um Homosexualität geht. Die aber auf jeden Fall mit ihrer Indirektheit besticht und die drei Episoden, in welche die Geschichte gegliedert ist, so kongenial ineinander übergehen lässt, dass der Zuseher trotz der drei unterschiedlichen Darsteller, die ein und dieselbe Person spielen, immer ein und denselben Menschen sieht – den kindlichen, jungen und erwachsenen Chiron. Wie die drei Darsteller es geschafft haben, ihr jüngeres Ich so dermaßen zu spiegeln und aufzufangen, ist ein filmisches Phänomen. Bisweilen erinnert Moonlight an Linklaters meisterhafte Jugendchronik Boyhood, aber in seinen Sinnbildern auch an Lee Daniel´s Precious. Beides Independentfilme, beides grundeigene Werke – aber keines tritt so sehr aus seinem Schatten wie Moonlight. Jenkins spielt mit den Farben, mit Unschärfen und intensiven Blicken wie ein Maler mit seiner Leinwand. Zwischendurch bahnt sich nüchterne Trostlosigkeit durch die Vororte von Miami, um sich dann wieder von einer unkitschigen Poesie, wie es nur das Kino schafft, forttreiben zu lassen.

Das Mondlicht, wie es in diesem Film heißt, lässt die Haut schwarzer Menschen blau erscheinen. Ein lyrischer Satz, erzählt von Chirons Lebensmensch Kevin. Dass damit und in weiterer Folge die Selbstfindung zum in sich ruhenden Ich gemeint ist, auch das sickert erst langsam ins Bewusstsein. Somit beeindruckt, beschäftigt und begleitet Moonlight das weltoffene Publikum noch bis weit jenseits der dunklen Kinowände.

In Berry Jenkins Film geht es nicht um die Farbigkeit an sich. Auch nicht um irgendeine ethnisch gelagerte Problematik. Zu vergleichen wäre dies mit dem asiatischen Kino. Die Welt, in der Moonlight spielt, kennt keine Weißen. Das Miami des Chiron ist wie das Shanghai eines Wong Kar Wai eine Welt, in der die Hautfarbe nicht hinterfragt wird. In Wahrheit geht es in Moonlight um ganz andere Dinge. Eben um die Wahrheit – wer man selbst zu sein hat. Ob wir im Licht der Nacht auch anders aussehen? Egal, Hauptsache man weiß, welche Farben wir in uns tragen.

Moonlight – ein erfüllender Filmabend und der Beginn einer neuen, autarken, starken Filmgattung. Eben ein ganz anderes, unamerikanisches American Cinema.

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Moonlight

Der letzte Tanz

HAROLD & MAUDE IN DER ANSTALT

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Nach Gusti Wolf und Susi Nicoletti wohl die letzte des Grande Dame-Cercles österreichischer Bühnenpräsenz: Erni Mangold. Die eben erst 90 Jahre jung gewordene Charaktermimin ist das beste Beispiel dafür, das eine hohe Anzahl an gelebten Jahren nicht gleichbedeutend ist mit tatenlosem Warten auf das unvermeidliche Lebensende. Ganz im Gegenteil, der Lebensabend birgt Überraschungen, zumindest mal für Kainz-Medaillenträgerin Erni Mangold. Sie darf sich glücklich schätzen, neben Publikumslieblingen wie Josef Hader oder Tobias Moretti die Film-, Fernseh- und Theaterlandschaft Österreichs immer noch mitzubestimmen.

Eine ihrer aussagekräftigsten und mittlerweile berühmtesten Rollen ist jene der Insassin einer geriatrischen Pflegeanstalt. In Der letzte Tanz spielt sie mit unverhohlener Leichtigkeit und Engagement eine vermeintlich demente Patientin hohen Alters, die, verlassen von ihrer Familie, im jungen Zivildiener Karl so etwas Ähnliches wie eine Seelenverwandtschaft entdeckt. Darüber hinaus aber auch jemanden, der ihr das Gefühl einer lange nicht empfundenen, menschlichen Nähe vermittelt. Soweit, so berührend. Doch der iranisch-stämmige Regisseur Houchang Allahyari, der womöglich geplant hat, so etwas Ähnliches wie Harold und Maude im Pflegeheim zu inszenieren, hält sich leider viel zu lange mit erzählerischem Beiwerk auf und vergisst dabei, sich ausreichend dem Kern der Geschichte zu widmen. Anstatt die tabuisierte Beziehung zwischen Alt und Jung zu vertiefen und sich einfach mehr Zeit zu nehmen, die Gefühlswelten der beiden Protagonisten für den Zuseher nachvollziehbar werden zu lassen, opfert Allahyari mindestens ein Drittel der gesamten Laufzeit dem Prozedere von Verhaftung und Inhaftierung des sträflichen Zivildieners, noch dazu in blassem Schwarzweiß. Um zu zeigen, dass dieser eine Straftat begangen hat, wäre eine knappe Einleitung ausreichend gewesen. Dafür hätte man nach der Episode in der Pflegeanstalt durchaus noch einen Prolog über die gerichtlichen Konsequenzen dranhängen können. So bleibt aber für den eigentlichen Film kein Platz mehr. Auch bleibt dadurch der Charakter des Zivildieners Karl ungreifbar und diffus, ja fast schon auf seine eigene Art unsympathisch. Erni Mangold allerdings spielt mit Bravour, kann aber an der Sperrigkeit der eigenwilligen Liebesgeschichte nichts ändern. Dazu lässt sich der Iraner Allahyari letzten Endes dann sogar noch dazu verleiten, den Skandal einer unrechtmäßigen Beziehung zu exhibitionieren.

Unterm Strich erreicht Der letzte Tanz nicht mal ansatzweise die Intensität von Filmen wie Harold und Maude – dazu scheint Daniel Sträßer als der Jungspund an der Seite von Erni Mangold sichtlich zu überfordert. In seiner Rolle und als Schauspieler. Doch das fehlende inszenatorische Timing des Filmes stellt die schauspielerischen Defizite aber sogar noch in den Schatten. Liebe zwischen den Generationen – aus dem Ansatz einer berührenden Beziehungschronik abseits der Norm wird aus dem Film sowohl ein halbherziges Justizdrama als auch ein halbherziges Anstaltsdrama, was so womöglich nie beabsichtigt war.

Der letzte Tanz

Birnenkuchen mit Lavendel

RAIN MAN IN LOVE

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birnenkuchen

Autismus? – Ja klar, da weiß ich Bescheid. Ich habe Rain Man gesehen…“ Dank Barry Levinsons Roadmovie aus den späteren Achtzigern mit Oscarpreisträger Dustin Hoffman ist die Diagnose des Autismus auch in jene Teile der aufgeschlossenen Bevölkerung vorgedrungen, die mit Neurologie bis dato nichts anzufangen wusste. Dass mit dieser popkulturellen Offenbarung eigentlich fast gar nichts über diese psychische Erkrankung verlautbart wurde, mag zwar der Tatsache entsprechen – ein Anfang war aber gemacht.

Ein weiterer Film zu diesem Thema ist Eric Besnard´s französische Tragikomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Auch hier bringt ein verhaltensauffälliger junger Mann das Leben einer bildschönen Witwe und deren Kinder durcheinander. Der Autismus des hier dargestellten Eremiten Pierre, der im Hinterzimmer einer Buchhandlung wohnt, ist mit dem Asperger-Syndrom gleichzusetzen. Dabei handelt es sich um eine schwächere Form dieser Entwicklungsstörung, die sich vor allem im sozialen Bereich und in der Strukturierung des Alltags widerspiegelt. Dass Autismus nicht zwingend mit einer außergewöhnlichen Intelligenz zu tun haben muss, wird vor allem im Film gerne außen vorgelassen. Film-Autisten werden gerne als hochbegabt dargestellt. Sheldon Cooper aus der Fernsehserie Big Bang Theory zum Beispiel weist ebenfalls Merkmale des Asperger-Syndroms auf. Könnte sein, dass da was dran ist.

Nun ist es unvorstellbar, dass sich ein Mensch mit einem derart sozialen Handicap als familientauglich erweist. Auf den ersten Blick, würde ich sagen. Birnenkuchen mit Lavendel belehrt uns aber eines Besseren. Auch Menschen wie Pierre können ihr Glück in einer Beziehung finden. Und das Leben „normaler“ Menschen durch ihren veränderten Blickwinkel auf die Welt durchaus bereichern. Vor allem, wenn deren Leben drauf und dran ist, zu entgleiten. Spätestens, wenn die Farmerin Louise die geliebten Birnenbäume ihres verstorbenen Gatten mit dem Traktor entwurzelt, kann es schlimmer nicht mehr werden. Und dann kommt Pierre. Und ordnet die Bruchstücke eines traurigen Alltags neu. Diesem Prozess zuzusehen macht Freude. Spendet Trost und Zuversicht. Und läuft in keiner Szene Gefahr, das Thema zu verkitschen, zu idealisieren oder allzu plump erscheinen zu lassen. Schon gar nicht auf Kosten des eigenwilligen Mathematik- und Hackergenies, der das Herz am rechten Fleck hat und im Grunde genauso fühlt wie jedes andere menschliche Wesen. Gespielt wird dieser von dem jungen, hageren Schauspieler Benjamin Lavernhe, der dem Charakter seiner Filmfigur und den besonderen Anforderungen, die diese Rolle mit sich bringt, mehr als gerecht wird. Ihm zur Seite der Inbegriff des Sommers in der Provence schlechthin: Virginie Efira, die sowohl im Arbeitsoverall als auch – und ganz besonders – im luftigen Kleidchen Lavernhe fast schon die Show stiehlt. Und das trotz dessen Bonus, ein verliebter Rain Man sein zu dürfen, der andere zwickt, um seine Zuneigung zu gestehen.

Birnenkuchen mit Lavendel ist ein sonnendurchfluteter, warmherziger Liebesfilm. So anmutig wie eine Blumenwiese, so wohltuend wie ein weißer Spritzer, so erdverbunden wie das Setzen von Sämlingen. Und so schräg, wie Menschen manchmal eben sind.

Birnenkuchen mit Lavendel

Maggie´s Plan

DER DRESSIERTE MANN

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maggiesplan

Wozu braucht Frau einen Mann? Maximal zum Kinderkriegen, aber auch hier lässt sich die Beteiligung des männlichen Geschlechts auf das Wesentliche reduzieren. Doch lässt Frau sich auf eine Beziehung ein, muss das Feuer brennen. Wenn das Feuer nicht brennt, braucht Frau keinen Mann. Ungefähr so lässt sich Rebecca Millers Uni-Romanze in wenigen Sätzen zusammenfassen. Und anfangs möchte man sogar meinen, dass Maggie´s Plan aus der Feder von Noah Baumbach, dem exzentrischen Experten für liebenswürdige Loser aller Art, entstanden ist. Dem ist aber – mitunter bedauerlicherweise – nicht so.

Regisseurin Miller, Tochter des berühmten Gegenwartsdramatiker Arthur Miller, der so sagenhafte Stücke wie Hexenjagd und Tod eines Handlungsreisenden auf ewig für die Nachwelt hinterlassen hat, erzählt die ziemlich ungekünstelte, beschwingt inszenierte Beziehungskomödie eindeutig und mit Leidenschaft aus der Sicht der ewig als Kunststudentin festgelegten Greta Gerwig, stets auffallend unattraktiv gekleidet wie derzeit Kultneurolgin Amy Farrah Fowler aus der Big Bang Theory. Ihr ist die Dreiecksdramödie auf den Leib geschrieben, und der blonde Independent-Star und Liebling von Noah Baumbach (auch diese Tatsache sorgt für Verwechslungsgefahr im Regie-Cast) erobert den Film mit Freude am Spiel und einer breiten Palette an emotionalen Hochs und Tiefs. Verantwortlich dafür ist neben Gerwigs Torschlusspanik der ehrgeizige Universitätsdozent und Möchtegern-Schriftsteller Ethan Hawke. Irgendwie unglaublich, dieser Mann wird statt älter irgendwie jünger, vor allem in diesem Film. Er verkörpert auch hier sehr souverän seine Paraderolle des Amerikaners Jesse, der seit Mitte der Neunziger mit Französin Julie Delpy die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf wortgewaltigste und bezauberndste Art und Weise noch längst nicht ausdiskutiert hat. Und soweit ich mich erinnern kann, war er auch in Before Sunrise, Before Sunset und wie sie alle heissen ein Handwerker der schreibenden Zunft. Insofern unterscheidet sich seine Rolle vom ehrgeizigen Intellektuellen, der das Leben von Maggie auf den Kopf stellt, um eigentlich gar nichts. Dennoch wird Hawke zum Spielball zwischen den Frauen, ist er doch zuerst mal mit einer resoluten Künstlerin verheiratet (famos verkörpert von Julianne Moore), um sich dann für Maggie von ihr zu trennen. Die will ihn aber nach Jahren des Zusammenlebens selbst nicht mehr haben und gibt ihn an Moore wieder zurück. Beide Damen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, schmieden einen Pakt, dem sich der ahnungslose und egozentrisch gewordene Hawke wie ein dressiertes Hündchen unterwirft. Kein Film also, um das Selbstbewusstsein des Mannes zu stärken. Aber auch kein Film, der die dauerhafte Zweisamkeit in Zeiten rapide wachsender, persönlicher Selbstverwirklichung schönredet. Dahin ist auch die Vorstellung der ewigen, leidenschaftlichen Liebe, dessen Realität manche immer noch für möglich halten. Letzten Endes variiert Rebecca Millers Film in ihrer Hommage an Esther Vilars Emanzipations-Weckrufen aus den 80ern auch wieder nur die ichbezogene Suche nach dem idealen Lifestyle, maßgeschneidert für den Bobo-Intellekt. Mit oder ohne Mann, oder mit einem ganz anderen Partner. Wie wär´s zum Beispiel mit Wikinger Travis Fimmel? Als Gurken verkaufender Samenspender auf dem Abstellgleis bietet er eine Ja Natürlich-Alternative, die ungenutzt zu bleiben scheint.

Maggie´s Plan ist eine gefällig erzählte Beziehungskiste auf rustikal-natürliche Art, die das männliche Geschlecht austauschbar sein lässt und auch ihre weiblichen Personen vor all den Möglichkeiten, die eine Ich-Gesellschaft bietet, ziellos bleiben lässt. Mal so, mal so. Wie man leben soll weiß man nach dem Abspann daher immer noch nicht.

 

 

 

Maggie´s Plan