Raging Fire (2021)

COPS IM WECHSELSTROM

5,5/10


ragingfire© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: CHINA 2021

REGIE: BENNY CHAN

DREHBUCH: BENNY CHAN, RYAN LING, TIM TONG

CAST: DONNIE YEN, NICHOLAS TSE, QIN LAN, PATRICK TAM, BEN LAM, DEEP NG, YU KANG, HENRY PRINCE MAK U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Die Macht ist mit mir und ich bin mit der Macht. Bei dieser Phrase bekommen Star Wars-Fans feuchte Augen, und obendrein verbinden sie diese noch mit Donnie Yens prägender Performance als blinder Wächter der Whills in Rogue One – A Star Wars Story. Der Martial Arts-Star hat sich damit für immer seinen Platz im Kanon des Franchise gesichert. Charisma hat er schließlich, und dieses stellte er im letzten John Wick-Kapitel ebenfalls zur Schau. Als längst müde gewordener Profikiller, der sich eigentlich nur gemeinsam mit seiner Tochter für seinen Lebensabend zurückziehen und dann doch noch gegen den strähnigen Keanu Reeves antreten muss, gibt er einen Konterpart mit Understatement. Und wenn eine Rolle wie diese schon so angegossen sitzt, ist die Mission eines Polizisten, der sich mit seinen eigenen Fehlern von damals auseinandersetzen muss, natürlich nicht fern.

Als selbstredend hartgesottener, aber moralisch höchst integrer Cop Cheung Sung-bong muss sich Donnie Yen vor seiner eigenen Moral verantworten. Eine spannende Idee, da der Protagonist dieses explosiven Katz und Maus-Spiels tatsächlich zwischen zwei Mühlsteine gerät, die beide jeweils ihre Berechtigung haben, sich zu drehen. In einem Rechtssystem allerdings und als Vertreter des Gesetzes ist die Einhaltung dieser wohl oberste Priorität, die über allem stehen soll. Wirklich über allem? Sogar über Freundschaft, Teamgeist und Loyalität? Über Vertrauen, Solidarität und andere ähnliche zwischenmenschliche Wertigkeiten? Cheung muss seine Prioritäten neu sortieren. Sein Schützling Yai Kong-ngo nämlich hat bei einem Einsatz vor langer Zeit Recht mit Rache und Wut verwechselt und so den potenziellen Zeugen eines Verbrechens um die Ecke gebracht. Hätte nicht sein müssen – darf auch nicht sein. Solche Internal Affairs müssen aufgeklärt und Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Kong-ngo landet im Gefängnis – viele Jahre später, nach dessen Freilassung, hat dieser nun, längst kein Polizist mehr, sondern schwerer Krimineller, die Gelegenheit, die mit falschen Moralvorstellungen durchdrungenen Exekutive ihrem einzigen Richter zuzuführen – den der Vergeltung.

Und dieses Gefühl der Rache, der Genugtuung, am besten von langer Hand geplant, zieht sich durch das südostasiatische Actionkino wie keine andere Grundemotion davor oder danach. Rache dominiert unter anderem die Kult-Trilogie von Pak Chan-wook, während der Westen meist geräderte und trauernde Familienmütter und -väter in salonfähigen Psychosen auf den martialischen Feldzug schickt. In Benny Chans Hongkong-Action gerät das Motiv der Rache in den Sog fieser Copstories, die meist im internen Korruptions- und Verbrechenssumpf wühlen. Raging Fire stülpt aber den faulen Polizeistaat nach außen und lässt den Antagonisten bereits als gefallenen Engel aus der für alle klar ersichtlichen Verbrecherposition agieren. Beantwortet diese Konstellation dem Actioner seine moralischen Fragen?

Das Dilemma, mit welchem Donnie Yen jonglieren muss, bleibt aufrecht. Verrat, Gerechtigkeit und Gehorsam finden sich immer noch auf der psychosozialen Metaebene des Films, die aber, je mehr der Konflikt zwischen den Parteien eskaliert, seine Bedeutung verliert. Schnell wird klar, dass die anfangs ambivalente Figur des Hardboiled-Detective nur richtig gehandelt haben kann, denn der Finsterling verkommt zur unberechenbaren Mördergestalt, die selbst die eigene Crew drangsaliert. Vom Hinterfragen der Moral bleibt nichts mehr und scheint im Nachhinein doch nur als Behauptung auf.

Welchen Dingen Benny Chan aber, der kurz nach Fertigstellung seines Films an einer Krebserkrankung verstarb, dennoch sein ganzes Herzblut geschenkt hat, sind die im Hong Kong-Actionfilm obligaten Shootouts, in denen die Kontrahenten ordentlich zur Sache gehen. Das ist perfekt inszeniert und State of the Art – letzten Endes aber mit anderen Genrefilmen austauschbar. Wäre das menschliche Drama mehr im Fokus gewesen; wären die Biografien von Gut und Böse nicht nur mit dem Kompromiss zufrieden gewesen, in ihrer Rahmenhandlung und nicht darüber hinaus zu existieren, hätte Raging Fire das Zeug zu einem rabiaten Klassiker gehabt. So aber verschwindet das Gesehene recht rasch im vollgestellten Fundus ähnlich gelagerter Reißer.

Raging Fire (2021)

Tyler Rake: Extraction 2 (2023)

RAUSHAUEN UND REINHAUEN

6/10


tylerrake2© 2023 Netflix / Jasin Boland


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: SAM HARGRAVE

DREHBUCH: JOE RUSSO

CAST: CHRIS HEMSWORTH, GOLSHIFTEH FARAHANI, ADAM BESSA, TINATIN DALAKISCHWILI, TORNIKE GOGRICHIANI, ANDRO JAPARIDZE, OLGA KURYLENKO, IDRIS ELBA U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Was ich an den Actionfilmen der Achtzigerjahre so richtig zu schätzen wusste, war der verschwenderische Einsatz von Pyrotechnik. Explosionen waren nicht nur Knall und Rauch, sondern dem Physikalischen längst entsagte Ouvertüren an Feuer und Flammen, vom Epizentrum des Wahnsinns fortgeschleuderte Actionhelden, die sich schnell wieder fangen konnten. Auf doppelte Mannshöhe hochkatapultierte Vierrad-Vehikel, darunter goldrote Wolken verheerender Oxidationen. Das war stets der Inbegriff des Actionkinos. Arnold Schwarzenegger, Dolph Lundgren oder Bruce Willis sind in feuerfester Manier so groß geworden. Jetzt, einige Dekaden später, zollt Chris Hemsworth diesen Haudegen Tribut. Wenn er nicht gerade als Thor seinen Hammer schwingt, darf er als nicht ganz legaler Extraktions-Spezialist und Gelegenheits-Söldner, der selbst bei den Expendables eine gute Figur machen würde, den bösen Jungs auf den Zahn fühlen und diesen auch ohne Narkose entfernen, begleitet von ordentlich Dresche und Blei zwischen den Rippen. Niemand entfesselt derzeit so ein tosendes Inferno wie dieser Mann, der vor allem eines ist: vorbereitet wie kein Zweiter.

Planung ist das halbe Leben. Ressourcen, die zur Verfügung stehen, ebenso. Also ist der vom Schicksal gebeutelte Mann (wir erinnern uns an die Rückblenden aus Teil eins, als er seinen Sohn an den Krebs verlor) nach seinem letzten Einsatz gerade noch dem Leibhaftigen von der Sense gesprungen, mit etlichen Kugeln im Körper und für längere Zeit im Koma. Neun Monate später und dank eines Häuschens am Traunsee im österreichischen Gmunden (Das Fremdenverkehrsamt dankt) ist Tyler Rake wieder ganz der Alte. Und fit genug, um sich von Idris Elba als undurchsichtigen Akquisiteur zu einem neuen Job überreden zu lassen. Wofür Rake nicht lange überlegen braucht, handelt es sich doch bei der zu Rettenden um seine Ex-Schwägerin, die in Georgien mit ihrem Superverbrecher-Gatten und Unterweltboss im Knast einsitzt, um nicht von dessen Feinden gelyncht zu werden. Der wahre Feind ist aber der Ehemann selbst, also dringt der bis an die Zähne bewaffnete Chris Hemsworth gemeinsam mit dem Special Force-Geschwisterpaar Khan (u. a. Golshifteh Farahani) ins Gefängnis ein, um die Mutter und ihre beiden Kinder rauszuhauen. Ein Gewaltparcour erster Güte eröffnet sich hier, zuerst lautlos, dann immer heftiger, bis die Revolte losbricht. Und Rake so viele Schläge einstecken muss, dass ich selbst schon bei einem einzigen das Bewusstsein verloren hätte.

Nur aus Rein und Raus besteht Tyler Rake: Extraction 2 dann aber auch wieder nicht. Das wäre dann doch zu simpel. Die Früchte seiner Arbeit holen den Experten natürlich ein, und damit kommt die Wiener Donaustadt ins Spiel, insbesondere der unübersehbare und architektonisch durchaus auffällige DC-Tower, der ordentlich Schaden erleidet, bei dem Aufgebot, dass die Georgier hier inszenieren. Das alles ist State of the Art. Es splittern die Fenster, es rattert die Gatling, es rutschen Held und Antiheld auf abschüssigen Dächern herum. Das ist so richtig Old School, wie man es bereits aus der Mission Impossible-Reihe kennt. Nur mit Ethan Hunt braucht sich Tyler Rake nicht messen. Letzterer ist ein Mann fürs Grobe, der für sein Tun bezahlt wird. Der seinen Job macht – aber immer noch nicht checkt, welche neuralgischen Elemente dabei im Blick behalten werden müssen.

Auf den Konsequenzen unverzeihlicher Drehbuchschwächen herumtobend, funktioniert auch dieser Film dennoch irgendwie: Als Action-Routine vom Feinsten, mit allerhand Shootouts, Handgreiflichkeiten und wie eingangs schon erwähnt: jeder Menge Kawumm. Die Karossen überschlagen sich, die Helis stürzen. Alles da. Was will man eigentlich mehr von einem Actionfilm wie diesen? Einem, der nun nicht die große Geschichte erzählen, sondern einfach nur Schauwerte liefern will, die man so schon länger nicht mehr gesehen hat – außer vielleicht man gönnt sich einen Reißer aus Asien wie Raging Fire, der auch keine halben Sachen macht, dafür aber ein bisschen mehr mit den Stereotypen changiert. In Tyler Rake: Extraction 2 sind die Bösen so richtig nervig, weil sie nur das sind: nämlich böse, und sonst gar nichts. Je mehr von diesen Finsterlingen an Tyler Rake Hand anlegen wollen, umso mehr nervt diese sture Verbissenheit der Antagonisten. Und umso mehr will man ihnen in den Hintern treten, und zwar so, dass sie nie wieder aufstehen. Somit wären auch die Emotionen des Action-Aficionado getriggert. Und mehr will er gar nicht.

Tyler Rake: Extraction 2 (2023)

Renfield (2023)

DER DESCHEK DES GRAFEN

6/10


renfield© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: CHRIS MCKAY

DREHBUCH: RYAN RIDLEY

CAST: NICHOLAS HOULT, NICOLAS CAGE, AWKWAFINA, BEN SCHWARTZ, SHOHREH AGHDASHLOO, CAMILLE CHEN, CAROLINE WILLIAMS, BRANDON SCOTT JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Könnt Ihr euch noch an die eine, damals tricktechnisch bemerkenswerte Szene in Forrest Gump erinnern, in welcher Tom Hanks dem Altbundespräsidenten John F. Kennedy die Hand schüttelt? In Renfield, sehr frei nach Bram Stoker, gibt‘s zu Beginn eine ähnliche Szene. Und zwar eine aus dem guten alten (erschreckend unblutigen) Gruselklassiker von Universal – the one and only Dracula, Baujahr 1931. Statt Dwight Frye als der Immobilienmakler, der zum Handkuss kommt, steht im Schloss des Grafen Nicholas Hoult. Statt den eindringlichen Blicken Lugosis glupscht ihm diesmal Nicolas Cage entgegen, in edlem Zwirn und noch ganz charmant den neuen Besucher umgarnend, der natürlich noch nicht weiß, dass er alsbald in der Klapsmühle landen und Insekten fressen wird. Wie das Schicksal des armen, geistig umnachteten Mannes ausgeht, weiß man entweder aus der literarischen Vorlage – oder man sichtet auf Netflix den feinen Dreiteiler mit Claes Bang. Nur sind dort einige (Geschlechter)rollen vertauscht, und das in die Gegenwart verfrachtete Szenario hat ordentlich Pepp.

Renfield spielt genauso in der Jetztzeit. Hier ist der titelgebende Deschek zwar weder suizidgefährdet noch dem Wahnsinn verfallen, aber immer noch das Mädchen für Alles für den ewig lebenden Gierschlund und Möchtegern-Weltenherrscher, der es sich in einem alten, leerstehenden Krankenhauskomplex bequem gemacht hat und den junggebliebenen Gesellen dorthin und dahin dirigiert, um ihm Frischfleisch zu beschaffen. Am besten junge, unschuldiges Körper, und bitte keine Verbrecher, denn Blut mit Bad Karma erquickt nicht so richtig. Allerdings ist die Zeit gekommen, und der gute Renfield hat endgültig genug davon, sich herumkommandieren zu lassen. „Raus aus der Abhängigkeit“ lautet nun die neue Agenda des ewigen Lakaien. Eine Selbsthilfegruppe soll den Mut bringen, dem Grafen endlich mal zu sagen, was Sache ist. Bei einer Legende mit so strengem Charisma unterliegt die Praxis der Theorie – und schon wieder muss der dank Insektenverzehr mit Superkräften ausgestattete Mann fürs Grobe Ausschau nach Nonnen und Cheerleaderinnen halten. Dabei queren die Handlanger einer bösen Unterwelt-Lady seine To-do-Liste – und die verzweifelt für Recht und Ordnung sorgende Polizistin Rebecca (so richtig herzig, wenn sie wütend ist: Awkwafina) erhält Renfields Aufmerksamkeit.

Die Emanzipation und darauffolgende Image-Kur einer halbherzig bemitleideten Romanfigur sind die Grunddynamiken eines zugegeben wirren Mischmaschs aus Neuzeit-Vampirhorror, Actionkomödie und Splatterspaß. Das ruhende Auge inmitten des Getöses verkörpert Nicolas Cage – er ist Zentrum des Geschehens und so überzeugend in seinem Auftreten, so genussvoll aufspielend und auf einer ganzen Klaviatur diverser Gesichtsausdrücke spielend, dass sich der Vergleich mit Altmeister Christopher Lee mühelos auch mal für Cage ausgehen könnte. Mit nadelspitzer Kauleiste, süffisantem Gerede und gierigem Gelächter ist der Schauspieler, der sich für nichts in der Filmwelt zu schade ist, eine regelrechte Attraktion, als wäre er das Highlight einer Zirkusshow, ein immer wiederkehrender Conférencier, der all das übrige Ensemble stets daran erinnert, dass das Böse (nicht) nur untertags schläft.

Hat Cage die Kamera mal nicht für sich, dominiert dahingeschludertes Komödienkino mit Psycho-Touch, das sich auf die Metaebene aus Abhängigkeit und Lossagung viel zu wenig konzentrieren kann, da die recht banale Komponente rund um Verbrecherfürstin Shohreh Aghdashloo (bekannt aus The Expanse) das ganze Gefühl für eine urbane Gothic-Mär mit Lebenshilfe-Bonus immer wieder und recht plump an den Rand drängt. Aufgemotzt wird das Ganze mit deftigen Splatter-Einlagen, in denen das Kunstblut (und man sieht, es ist Kunstblut) literweise spritzt. Das passt zu ansatzweise fein geführtem, meist auch schwarzem Humor ganz und gar nicht. Doch wir haben nun mal einen mit abgerissenen Extremitäten um sich schlagenden Hoult, der sich nochmal an seine Rolle aus Warm Bodies erinnert, so leicht entrückt stellt er sich seinem Lebenssinn. Manchmal trifft der von Chris McKay (u. a. The Tomorrow War) inszenierte Universal-Streifen dabei direkt mit dem Pflock ins Herz, manchmal versäumt er dabei so einige Möglichkeiten, um der so saftigen wie versponnenen Blutoperette doch noch eine Runde vampirphilosophische, nihilistische Schwermut zu verleihen, die dieser Dämonologie doch so gut zum blassen Gesicht steht. Am Ende ist ihm die Konsequenz, die sich wohl ein jeder denkt, nicht mal eine Szene zwischen den Credits wert.

Renfield (2023)

Sisu (2022)

FAIRNESS AUF FINNISCH

6/10


sisu© 2023 Praesens Film


LAND / JAHR: FINNLAND 2022

REGIE / BUCH: JALMARI HELANDER

CAST: JORMA TOMMILA, AKSEL HENNIE, JACK DOOLAN, MIMOSA WILLAMO, ONNI TOMMILA U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Wenn ein Außenseiter, der mit unorthodoxen und zweifelhaften Methoden dennoch eine gewisse Moral vertritt, wirklich schlimmen Jungs den Garaus macht, sei es nun aus Rache oder um die Schutzlosen zu beschützen – wenn so ein Fremder ohne Namen und mit wenigen Worten auf den Lippen in diesem Streben gar nicht anders kann als nicht zu sterben, dann ist das ein gern interpretierter Mythos in der Welt des Kinos. Und längst nichts Neues mehr. Ob Clint Eastwood, Chuck Norris oder Arnold Schwarzenegger – sie alle sind überzeichnete und fern realer Umstände Kämpfe austragende Kultfiguren, die unsere Sehnsucht nach einer gerechteren Welt zumindest in diesen paar Stunden, in denen sie über den Screen flirren, stillen können. Quentin Tarantino geht sogar so weit und verändert die Geschichte, um zu bekommen, was einer Welt mit moralischem Ordnungs-Soll eigentlich zusteht. 

Dieser wortkarge Finne im Actionstreifen Sisu ist auch so einer. Sisu – das ist finnisch steht für eine schwer bis gar nicht übersetzbare Umschreibung eines hartnäckigen Überlebenswillens. Und ja, ich muss zugeben – hartnäckiger ums Überleben kämpft eigentlich nur noch John Wick, der als Stehaufmännchen im letzten Teil seines Franchise was weiß ich wie oft die Stufen zum SacréCœur hat hochlaufen müssen.

Im Jahr 1944, während die Nationalsozialistische Armee bei ihrem Abzug aus Finnland nur verbrannte Erde hinterlässt, hat sich der Eigenbrötler Aatami Korpi, ehemals Kampfmaschine in den Diensten der finnischen Armee und rund 300 Russen am Gewissen, vom Krieg abgewandt und sucht in den weiten Ebenen Lapplands nach Gold. Seine Suche wird alsbald belohnt, und Fortuna schüttet in Form schwerer Edelmetallklumpen ihr Füllhorn aus. Auf dem Weg zurück in die Zivilisation queren marodierende Nazis seinen Weg – und zumindest einige von denen müssen sehr bald schon auf deftige Weise ins Gras beißen. Vom Gold wird dann auch noch Obersturmführer Helldorf (fast so garstig wie seinerzeit Lee van Cleef: Aksel Hennie) angelockt. Und es beginnt eine Hasenjagd per Panzer quer durchs Gelände, während Korpi sein Survival-Know How auspacken muss, um den Verbrechern immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

Bald aber stehen die Chancen für den Anti-Helden ziemlich schlecht. Und nach allen Parametern der Logik wäre Sisu ein Kurzfilm mit einer Länge von fünf, na sagen wir zehn Minuten. Doch nein – Nazis wie diese müssen – zumindest aus hier kolportierten sadistischen Gründen – dem groben Gutmenschen gegenüber Kulanz walten lassen. So verlangt es das Skript, so verlangt es nicht nur das Subgenre des längst aus der Zeit gefallenen Bahnhofs- oder Grindhouse-Kinos. Robert Rodriguez und Mastermind Tarantino – den beiden gelang es glatt,  das Vokabular der Exploitation-Filme mit Werken wie Death Proof, Planet Terror oder Machete neu erklingen zu lassen. Einflüsse des Italowesterns sind da kaum zu übersehen.

Sisu huldigt beiden Stilen. Und macht anhand üppiger Lettern, die, formschön eingeblendet, den Film in mehrere Kapitel unterteilen, überdeutlich, womit wir es zu tun haben. Mit einer stilsicheren Reminiszenz, dessen Macher Jalmari Helander (unbedingt ansehen: Rare Exports – der etwas andere Weihnachtsfilm) sein Handwerk versteht. Und der auch weiß, worauf es ankommt, um seinen archaischen Blut- und Beuschelreißer in einem überzeichneten und vielen, wenn nicht allen Gesetzen der Logik widerstrebendem Universum zu verankern. Ein satter, rauer Score und überhöhtes Sounddesign vor allem dann, wenn im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen fliegen, machen aus Sisu ein fast schon physisch greifbares Event. Im Grunde aber ist, so hingefetzt das Ganze inszeniert ist, nichts davon wirklich innovativ. Ein Mann-Armeen gibt‘s mittlerweile viele. Nazis fahren auch nicht zum ersten Mal zur Hölle, während ihnen ihre abgetrennten Extremitäten um die Ohren fliegen. Im Grunde mag Sisu recht dünn ausfallen. Was man aber zu schätzen weiß, ist der lakonische Zynismus, dieser schweigsame Zorn, die raue Gegend. Und die Liebe zur beinharten Trivialität, die die Grundemotionen von Rache und Genugtuung bedient.

Sisu (2022)

65 (2023)

JURASSIC OHNE PARK

4/10


65© 2023 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2023

BUCH / REGIE / PRODUKTION: SCOTT BECK, BRYAN WOODS

CAST: ADAM DRIVER, ARIANA GREENBLATT, CHLOE COLEMAN, NIKA KING U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Simpler lässt sich ein Film kaum stricken. Doch das sollte Im Genre des Action- und Abenteuerfilms kein Grund dafür sein, deswegen verwundert die Augenbrauen hochzuziehen. Hier geht’s vor allem darum, spektakuläre Stunts in Szene zu setzen und Schauwerte zu liefern. Die Protagonisten in Bedrängnis zu bringen, aus der sie sich meistens wieder befreien können, es sei denn einer wie John Boorman sitzt am Regiestuhl, um jeden beim Sterben den ersten sein zu lassen. Wenn Adam Driver durchs Gemüse stolpert, vorzugsweise durch einen 65 Millionen Jahre zurückliegenden Sumpf- und Nebelwald unseres Planeten, braucht man nicht darauf spekulieren, dass dieser Mann es nicht schaffen würde, seinen Hintern zu retten. Vor allem dann, wenn an seiner Seite ein verwaistes Mädel, das noch dazu eine gänzlich andere Sprache spricht als Mr. Kylo Ren selbst, hinter ihm herläuft. Da haben wir es wieder: Den väterlichen Beschützer und das schutzbedürftige Kind. Woran erinnert das? Klar, an so gut wie gefühlt hundert andere Plots, aber aktuell natürlich an The Last of Us. Da wie dort wird die Metaebene eines kaum verschmerzbaren Verlustes errichtet, welche durch den zufälligen Neuzugang diesen zwar nicht ersetzen, aber weitestgehend lindern kann.

Es ist nicht so, wie ich anfangs vermutet hätte, dass Adam Driver einen auf Charlton Heston macht und als Erdlings-Astronaut der Zukunft ohne es zu wissen zeitverschoben wieder zurück an den Start gelangt. Driver ist kein Mann von Übermorgen, sondern einer aus der weit weit entfernten Vergangenheit. Und nicht vom Planeten Terra, sondern von irgendeinem anderen erdähnlichen Himmelskörper – und gerade unterwegs durchs All Richtung Heimat, mit einigen im Kryoschlaf befindlichen Passagieren an Bord, die von A nach B wollen. Dummerweise gerät der kleine Kreuzer in ein Asteroidenfeld und kracht daraufhin auf unseren lieben Planeten – und zwar in den letzten Tagen der Dinosaurier, ganz späte Kreide. Der Yucatan-Asteroid strahlt bereits wie der Stern vom Betlehem vom Himmel. Und das ist nicht die einzige Tatsache, die Adam Driver Stress macht. Während das Schiff auseinanderbricht und alle bis auf ein Mädchen das Zeitliche segnen, muss er dieses zur 15km entfernt niedergegangenen Rettungskapsel bringen. Mit dem High-Tech-Gewehr im Anschlag arbeiten sich beide durch eine sehr vertraut wirkende, bedrohliche Wildnis. Und kein Elektrozaun, kein Jeep oder Chris Pratts Handauflegen können die wie aus der hintersten Gosse wirkenden Grunge-Dinos daran hindern, sich das Lätzchen umzubinden.

Während im Jurassic Park-Franchise die Megafauna noch so aussieht wie aus einer fachgerechten Jugend-Enzyklopädie über die Urzeit, motzen hier nun seltsam deformierte, entstellte und eigentlich hässliche Halloween-Kreaturen herum – als wollten Scott Beck und Bryan Woods ganz bewusst – und daher auch allzu gewollt – Rufmord an einer von Buben heißgeliebten Saurier-Idealwelt begehen. Klar sind diese Viecher grandios animiert – für die Finsternis, die sie in sich tragen, gibt’s jedoch keinerlei Grund. Abgesehen von diesen Schauwerten der zweifelhaften Art hat 65 einen Plot zu bieten, dessen Background-Story wie ein Platzhalter wirkt. Der darauf errichtete Survivaltrip ist so vorhersehbar wie der baldige Untergang der geschuppten Kolosse, die Emotionen banal und die Szenarien vor allem am Ende so fragwürdig, dass sich manch verwöhnter Genre-Nerd plötzlich gerne an Bryce Dallas Howards Stöckelschuh-Run in Jurassic World erinnert.

Es war beim Trailer schon klar: Dieser Film hat eine 50/50-Chance. Entweder ist das plakative Abenteuer so schneidig wie A Quiet Place – oder so trivial, dass es gut ins Netflix-Sortiment für im Vorfeld aufgegebene Studiofilme passt. Trotz Adam Driver, der eben seine Arbeit tut, aber auch nicht mehr, und einer prähistorischen Endzeitstimmung, wie sie Emmerich wohl nicht besser eingefangen hätte, bleibt der Thriller dennoch schal. Wenn doch nur jemand mal den Mut hätte, als diese Formeln neu umzuschreiben. Die Zielgruppe wäre erpicht darauf – SONY war es leider nicht.

65 (2023)

Plane (2023)

PILOTEN IST NICHTS VERBOTEN

5,5/10


plane© 2023 LEONINE / Kenneth Rexach


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JEAN-FRANÇOIS RICHET

CAST: GERARD BUTLER, MIKE COLTER, YOSON AN, DANIELLA PINEDA, PAUL BEN-VICTOR, REMI ADELEKE, JOEY SLOTNICK, EVAN DANE TAYLOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Geht ein Gewitter nieder, sollte man tunlichst nicht im Gebirge herumstiefeln, auf freien Flächen verweilen oder unter hohen Bäumen Schutz suchen. Man kann von Glück reden, befände man sich zur Zeit der heftigsten Entladungen im Inneren eines Autos, das als Faraday’scher Käfig gilt. Im Flugzeug kann einem auch nicht viel passieren, das schützt nach dem selben Prinzip, es sei denn, die Elektronik fällt aus. So gesehen im neuen Gerard Butler-Actionvehikel Plane mit dem geschmeidigen Subtitel Gemeinsam überleben oder alleine sterben. Man könnte diese Erkenntnis aber auch so drehen, dass es hieße: Alleine überleben oder gemeinsam sterben, was wohl eher realistischeren Szenarios entsprechen würde. Doch wir sind in einem Film, und im Film gelten immer andere Regeln, vor allem, wenn Gerard Butler dabei ist.

Der ist schließlich erfahrener Pilot mit Landeapplaus und hat auch schon die eine oder andere pikante Situation in Sachen Passagiere mit dem Kinnhaken gelöst. Er weiß, wie man zuschlägt – und natürlich, wie man fliegt. Wider jeglicher Vernunft aber folgt er den Anweisungen vom Tower, seine gerade mal mit 14 Passagieren spärlich besetzte Maschine von Singapur nach Tokyo durch ein Unwetter zu steuern. Es kommt, wie es kommen muss, der Faraday’sche Käfig ist nur noch ein Hohn, das Flugzeug gibt den Geist auf und Butler, nicht von allen Geistern verlassen, macht einen auf Sully, während er zur eleganten Notlandung auf den Philippinen ansetzt. Es ist kein Spoiler: dieses Manöver wird ihm gelingen. Doch wie heißt es so schön: Vom Regen in die Traufe. Und so greift der Franzose Jean-François Richet, bekannt geworden für seinen Unterwelt-Zweiteiler Public Enemy mit Vincent Cassel als Jacques Mesrine, nach einer authentischen Unterfütterung für sein dick aufgetragenes Szenario: er lässt seinen Cast auf der berüchtigten Insel Jolo stranden, einem fernab staatlicher Kontrolle befindlichen Unterschlupf der Islamisten-Gruppe Abu Sayyaf, die jenseits der Leinwand schon mehrmals und auch ganz medienwirksam ahnungslose Touristen genau dorthin verschleppt und mehrere Monate in Geiselhaft gehalten hat. Butler und seine Passagiere bekommen genau das zu spüren: den ruchlosen, aggressiven, starken Arm von ebensolchen Fanatikern, die ein notgelandetes Flugzeug als Jackpot betrachten.

Das Drehbuch zu Plane macht bereits vorweg die notwendigen Haken in der Handlung, um unseren Alltags-Helden mit dem Mut zur Gewalt irgendwann allein dastehen zu lassen. Im Schlepptau hat er den verurteilten Kriminellen Luke Cage alias Mike Colter, der für seine Verbrechen natürlich umstandsmildernde Erklärungen hat und sofort als moralisch integre Person mit einigen Grauzonen angesehen werden kann, die eigentlich für das Gute eintritt. Die beiden sind also ein Team, das alles daransetzt, den bösen Islamisten das Handwerk zu legen. Interessanterweise kann selbst Richet sein handzuhabendes Drehbuch nicht so weit verbiegen und verkrümmen, um die beiden Stars heil aus der Sache herauskämpfen zu lassen. Irgendwann wäre die Handlung nur noch hanebüchen gewesen, doch klugerweise sind Butler und Colter nicht mehr nur auf sich allein gestellt. Ein guter Schachzug in einem sonst routinierten und eigentlich sehr handverputzten Actionthriller, der seinen Figuren nur so viel psychosozialen Background angedeihen lässt wie gerade mal notwendig. Zugegeben, John McLane hatte auch nicht mehr – doch John McLane hatte Witz und Selbstironie. Butler hat die nicht, Colter genauso wenig. Doch wenn man so schwitzt wie die beiden unter tropischer Sonne, wundert es nicht.

Die bösen Philippinos sind wohl am ehesten das, was sie wirklich sind, nämlich böse. In diesem Schwarzweiß-Szenario mag man sich bequem in einem durchaus vorstellbaren Horror wiederfinden, dem man trotz wiederholter Fernreisen bislang entgangen war. Wie das eben so ist, beim Betrachten eines Survivaltrips, hat man beim Zusehen jede Menge Tipps parat. Nur in Plane wüsste man dann auch nicht, wie man es anstelle von Butler hätte besser machen können. Notlandung und Geiselnahme mögen im Doppelpack nun mal so gehandlet werden, geben aber als Film und in dieser Unglücksverkettung selten noch Neues her. Oder zumindest nichts, was man nicht schon so oder ähnlich gesehen hat. Und man weiß schließlich bei Butler immer: schreibt er gerade mal keine Briefe an Hilary Swank aus dem Jenseits, wird er, die Zähne zusammengebissen, seine Pflicht erfüllt haben.

Plane (2023)

Cop Secret

KÜSSE VOR DEM SHOOTOUT

5/10


copsecret© 2022 MFA+ Filmdistrubution


LAND / JAHR: ISLAND 2021

BUCH / REGIE: HANNES ÞÓR HALLDÓRSSON

CAST: AUÐUNN BLÖNDAL, EGILL EINARSSON, STEINUNN ÓLINA ÞORSTEINSDÓTTIR, SVERRIR ÞÓR SVERRISSON, BJÖRN HLYNUR HARALDSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Fußballprofis können auch anders: Sie müssen nicht unbedingt im Selbstmitleid versinken wie der zum Ersatzspieler degradierte Ronaldo oder der fesche Neymar, der gerne eine Schwalbe wäre. Sie müssen auch nicht klein beigeben und während der Weltmeisterschaft in Katar die Regenbogenbinde ablegen. Fußballprofis können auch einfach Filme machen – um auszudrücken, was die Regenbogenbinde nicht durfte. Um auszudrücken, dass männliche und weibliche Stereotypen in einer liberalen Welt nichts zu suchen haben. Einer dieser Fußballer ist Hannes Þór Halldórsson, Torhüter der isländischen Nationalmannschaft. Tja, wer hätte das gedacht: Ein Spitzensportler, der Filme macht – dass bei all dem Training immer noch Zeit bleibt für Drehbuch und Regie, ist womöglich ein klarer Fall von effizientem Zeitmanagement.

Halldórsson hat sich mit Cop Secret dem gerne maskulinen Genre des Action- und Copthrillers angenommen. Eigentlich ganz klassisch und fast so, wie man es von einem Guy Ritchie erwarten würde, der so harte Kerle wie Jason Statham für Radau in der Unterwelt sorgen lässt. In Reykjavik ist es aber nicht Statham, sondern einer, der ihm nicht nur ähnlich sieht, sondern genauso lakonisch und kaltschnäuzig seine Arbeit verrichtet wie dieser: Auðunn Blöndal, im Film als Bússi die härteste Socke unter der Polarsonne, und es wäre fast schon gemeingefährlich, diesem Rauhbein einen Partner zuzuteilen. Doch genau das passiert, in Gestalt von Hörður, einem Schönling sondergleichen – adrett, aufgeräumt und charismatisch. Die beiden passen, wie bei Buddy-Movies üblich, natürlich nicht zusammen – müssen aber bald an einem Strang ziehen.

Islands Hauptstadt Reykjavik präsentiert sich hier auf Augenhöhe mit allen anderen Großstädten dieses Planeten, die längst schon dank actionreicher Verfolgungsjagden das Budget für die Stadtsanierung neu evaluieren mussten. Hoch im Norden schlägt man nun auch besorgt die Hände über den Kopf zusammen, wenn schnittige Karossen in blaustichigen, groben Bildern über frischen Asphalt brettern. Und auch die Unterwelt selbst mitsamt ihren schrägen Rädelsführern hat wohl genug Exkursionen in den vielfach erprobten Westen unternommen, um zu wissen, wie man sich geben muss: Brutal, verrückt und größenwahnsinnig. Nur versprühen diese Vibes relativ wenig von dem, was wir als Liebhaber des skandinavischen oder gar isländischen Kinos so sehr zu schätzen wissen: das Lakonische, Mystische, Skurrile. Cop Secret will von all dieser Mentalität nichts wissen und orientiert sich lieber an gefälligen Vorbildern. Zumindest, was den Plot angeht. Der ist austauschbar und nicht der Rede wert. Ein Thriller von der Stange, dessen Handlung man schnell vergisst.

Weniger in Vergessenheit gerät dabei aber jene Komponente, um die es Regisseur Halldórsson eigentlich geht: Das Konterkarieren des Bildes vom starken Mann, vom maskulinen Berserker, der sich nicht erlauben darf, schwul zu sein. Oder eben doch? Wenn die beiden Vorzeige-Adonisse aus dem Action-Genre langsam bemerken, dass sie einander nicht egal sind, so fühlt sich das zwar ungewohnt an, widerspricht aber in keiner Weise dem Charakter der Protagonisten. Warum auch – weder ist ein Homosexueller weibisch und weich, noch ein Hetero permanent auf Reibung aus. Vorgefertigte Rollenbilder geraten in den Schwitzkasten, und wenn Bússi und sein Partner vor dem nächsten Shootout noch schnell Küsse tauschen, so ist das willkommen anders. Wäre dem so, dass diese erfrischende Sichtweise auch einen ganzen Film tragen könnte, hätten wir hier ein Update zum Genre des neuen Actionfilms. So aber bietet der Thriller nichts neues, und dem sexuellen Statement misst man nicht mehr bei als einer kuriosen Nebensache.

Cop Secret

Violent Night

WEIHNACHTEN WIRD DER HAMMER

6,5/10


violentnight© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TOMMY WIRKOLA

BUCH: PAT CASEY, JOSH MILLER

CAST: DAVID HARBOUR, LEAH BRADY, JOHN LEGUIZAMO, BEVERLY D’ANGELO, ALEX HASSELL, ALEXIS LOUDER, EDI PATTERSON, CAM GIGANDET, ANDRÉ ERIKSEN, BRENDAN FLETCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wo Tommy Wirkola draufsteht, ist auch Tommy Wirkola drin. Das zumindest könnte man annehmen, und ja, genau diesen Stoff bekommt man auch, schön verpackt in rotweiß gestreiftem Geschenkpapier mit grüner Schleife. Wirkola hat schon Hänsel und Gretel als wehrhafte Hexenjäger in den dunklen Tann geschickt – warum nicht auch den von Coca-Cola so vehement distributierten, stämmigen Wohlfühl-Opa, der gar nichts mehr gemein hat mit dem guten Mann aus Smyrna, der ja trotz seiner guten Taten Zeit seines Lebens lieber unentdeckt geblieben wäre.

Den Weihnachtsmann oder Santa Clause, den sollte vor allem der Nachwuchs nicht zu Gesicht bekommen. Am Christtag dann, so bleibt zu hoffen, sind dann die Kekse gegessen und die Milch getrunken. Doch was, wenn der kauzige Typ mit den Rentieren gar keine Milch mag, sondern lieber auf den Hochprozentigen schielt, der im Regal der reichen Oma steht? Santa Claus bleibt also ein Mythos, und zu Beginn des Films Violent Night scheint es, als wäre dieser tatsächlich nur ein des Geldes wegen zelebrierter Auftritt, dessen Gelingen erst ein paar Bier als Basis braucht. Der Unwille erinnert an Billy Bob Thorntons Auftritt in Bad Santa. Nur „bad“ ist dieser Weihnachtsmann hier, verkörpert von Stranger Things-Star David Harbour, nur dann, wenn all die Unartigen dem Mann aus dem Norden auf die Nerven fallen. Einer dieser Finsterlinge ist ein Verbrecher namens Scrooge (John Leguizamo), der die gesamte Familie Lightstone mitsamt der kleinen Trudy in seiner Gewalt hat. Das schmucke Anwesen der eingangs erwähnten Oma (Beverly D’Angelo, bis zur Unkenntlichkeit umoperiert) birgt nämlich satte 300 Millionen Dollar im Keller, und die will Scrooge haben, koste es, was es wolle. Die Entourage des bösen Buben hat sich zeitgerecht als Catering-Service an Heiligabend eingeschleust, und so ist es ein leichtes, die Bude auf Stirb langsam umzukrempeln. Womit die Jungs (und zwei Damen) wohl nicht gerechnet haben, das ist der Knüppel zwischen ihren Beinen: besagter Santa Claus, der eigentlich keinen Ärger will, jedoch lang genug provoziert wird, um zum Hammer zu greifen. Diesen zu schwingen beherrscht er ganz gut, war er doch nicht immer der, für den man ihn heutzutage hält.

Violent Night (was sich genauso singen lässt wie Silent Night) gibt dem eher müden Konkurrenzprodukt Fatman aus dem Vorjahr mit Mel Gibson keinerlei Überlebenschancen – David Harbour hat’s besser drauf. Auch die kauzig-schrulligen Attitüden stehen dem desillusionierten Geschenkebringer aus Wirkolas Film deutlich besser als dem abgebrühten Gibson. Was noch hinzukommt: Diese Version hier greift das Konzept der ersten beiden Stirb Langsam-Filme auf, die ebenfalls beide an Heiligabend spielen und in denen Bruce Willis als unbekannte Variable die Pläne einer fiesen Entourage durchkreuzt. Genauso handhabt das ein von der Habgier der Kinder mürbe gewordenes, mythologisches Überwesen, an welches kaum mehr jemand glaubt, das aber in besagter Trudy seinen Kevin findet: Bruce Willis und Macaulay Culkin – heute sind es David Harbour und die kleine Leah Brady, die diesen Joint Venture begehen, dieses Crossover sozusagen. Was sich streckenweise auch ziemlich schmissig, herzlich und blutig anfühlt, denn Wirkola ist natürlich wenig zimperlich und agiert, was Gewalt angeht, mit ledernen Fäustlingen. Hier fliegen die Zähne und knacken die Knochen, hier klatscht das Blut in guter Tonqualität auf Parkett und Asphalt. Diese Mischung ist’s, worauf es ankommt, zwischen selbstironischer Fantasy und eindeutigen Reminiszenzen an zwei Weihnachtsklassikern, die alle Jahre wieder nicht fehlen dürfen. Will man sich beide Filme sparen, tut Violent Night ein gutes Werk.

Doch im Grunde sieht man Weihnachtsfilme lieber daheim im kerzenbeleuchteten Kämmerlein mit LED-Rentier auf dem Balkon – ist es nicht so? Selten, dass ich mich in diesem Genre zum Kinobesuch hinreißen lasse. Der letzte war wohl der mit Kevin. Als zweiter ist es nun dieser hier: eine Vermöbelungsfest ohne Tiefgang, einfach als Guilty Pleasure zum Abreagieren nach dem unsäglichen Gedränge am Weihnachtsmarkt. Auch wenn sich der Film ungern, aber doch den amerikanischen Moraltabus unterwirft und am Ende die Pflichtminuten an versöhnlichem Kitsch aussitzt, lässt Harbour dennoch den guten alten Tim Allen wissen, dass dieser sich schon bald wärmer anziehen kann. 

Violent Night

Lou

ALWAYS TAKE THE WEATHER WITH YOU

5/10


Lou© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANNA FOERSTER

BUCH: MAGGIE COHN, JACK STANLEY

CAST: ALLISON JANNEY, JURNEE SMOLLETT, LOGAN MARSHALL-GREEN, RIDLEY ASHA BATEMAN, MATT CRAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Wenn’s mal regnet, dann hat das durchaus auch was für sich. Ganz besonders, wenn man durch den Wald wandert, selbst gar nicht mal so nass wird aufgrund eines dichten Blätterdachs und sich vom Geräusch der aufklatschenden Regentropfen auf allerlei Blattwerk einlullen lassen kann. Doof nur, wenn man für all das keine Zeit hat und einen Kidnapper erwischen muss, der gerade zum ungastlichsten Sauwetter, das man sich nur vorstellen kann, die Nachbarstochter entführt. Gut, dass man selbst das Richtige gelernt hat – nämlich allerlei Methoden, wie unliebsame Gesellen aus dem Weg geräumt werden können. Dieser jemand mit solchen Skills ist Allison Janney. Sie gibt Lou, eine eigenbrötlerische und recht unfreundliche Person, die sich scheinbar nur um ihren eigenen Kram kümmert und für sonst niemanden irgendein höfliches Wort auf den Lippen trägt. Wenn Mutter und Tochter, die bei ihr auf ihrem Grundstück zur Untermiete leben, dann nicht rechtzeitig das Geld rüberwachsen lassen, kann’s schon mal ruppig werden. Bei Kidnapping hört sich der Spaß jedoch auf, und in eben jener verregneten Nacht klopft es an Lous Tür – gerade dann, wenn diese ihrem Leben ein Ende setzen will. Die Dame mag zwar unfreundlich sein, aber nicht herzlos und macht sich mit der verzweifelten Mutter auf die Suche nach deren Ex, der, angeblich verblichen, von den Toten wieder auferstanden zu sein scheint und sein väterliches Recht fordert.

In dieser nasskalten Botanik auf Orcas Island im äußersten Nordwesten der USA ernennt Anna Foerster (Westworld, Underworld: Blood Wars) Allison Janney zum weiblichen Liam Neeson. Als jemand, der nichts mehr von der Welt wissen will, ein Leben gelebt hat und auch alles bereut, was so passiert ist, scheint die Figur der Lou perfekt in dieses Bild der einsamen Frau fürs Grobe zu passen, die durchtrainierten männlichen Bösewichten nicht nur das Wasser, sondern auch die zur Waffe umfunktionierte Konservendose reichen kann. Da staunt man nicht schlecht über die gute Knochendichte von Janneys Antiheldin, die sich auch nach mehrmaligem Herumschleudern aus den Trümmern stemmt und immer noch Kraft genug hat, um sich aus kniffligen Situation rauszumorden. Jurnee Smollet kann da nur groß staunen und bibbern vor lauter herbstlicher Kälte. Irgendwann hört aber auch der Regen auf, und auf Regen folgt zwar kein Sonnenschein, aber eine etwas gemäßigtere Witterung. Und mit der gemäßigten Witterung geht auch dem Survivalabenteuer die Luft aus. Die Challenge durchs regennasse Unterholz, die das schlechte Wetter als erschwerende Komponente freudig mit einbezogen hat, kann den Ausnahmezustand später nicht mehr aufrechterhalten. Was bleibt, ist ein Thriller von der Stange, der gerade durch seine bemühten Story Twists auf matschigem Untergrund die Balance verliert. Zumindest wollten die beiden Skriptautorinnen und -autoren einer gewissen Routine entkommen; einem gewissen Schlendrian, der in gefühlt jedem zweiten Actionthriller mittlerweile für Langeweile sorgt. Gut, kann man so sehen. Wirkt zwar etwas konstruiert, aber zumindest spielt die Komponente eines Familiendramas erst gegen Ende ihre verdeckten Karten aus. Erwartet hätte man solche Offenbarungen letztlich nicht. Und sie wären auch nicht notwendig gewesen, hätte die gnadenlose Natur wohl etwas ausdauernder mit der Peitsche geknallt. Im Regen ist alles den gleichen Erschwernissen unterworfen – da hätte man viel mehr daraus machen können, anstatt einen Kreis zu schließen, der gar nicht hätte geschlossen werden müssen.

Lou

Beast – Jäger ohne Gnade

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DER TOD

5/10


beastjaegerohnegnade© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, ISLAND 2022

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

CAST: IDRIS ELBA, SHARLTO COPLEY, IYANA HALLEY, LEAH JEFFRIES, MARTIN MUNRO, DANIEL HADEBE U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Können Tiere so etwas wie Rache empfinden? Den Elefanten sagt man ähnliches Verhalten schon die längste Zeit nach. Elefanten – die vergessen selten etwas (im Gegensatz zu mir), schon gar nicht Zweibeiner, die Ihnen im Laufe ihres Lebens Böses angetan haben. Menschenaffen sind da schon mehr auf unserer Seite, allerdings erfolgt diese Art der Vergeltung unmittelbar, ohne von langer Hand geplant worden zu sein. Über Großkatzen indes gibt es so manche mit Vorsicht zu genießende Legenden, die den Tieren mehr Vorsatz einräumen als anderen Lebewesen, die uns Zweibeinern am nächsten stehen. Deutlich plausibler sind da schon jene Prädatoren, die, gegen ihren natürlichen Speiseplan gerichtet, auf Menschen losgehen. Als die wohl bekanntesten Vertreter dieser Unart galten die Löwen aus dem Reservat von Tsavo, die um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Kolonialisten wie Einheimische in Angst und Schrecken versetzten. Stephen Hopkins hat mit Der Geist und die Dunkelheit daraus einen Film gemacht und Michael Douglas sowie Val Kilmer zur Flinte greifen lassen. Und ja: Sogenannte Man-Eater gab’s und gibt’s nicht nur bei den Löwen – zum Ausgleich wütete in Asien auch so mancher Tiger.

Und jetzt – jetzt ist Südafrika dran. Baltasar Kormákur, Spezialist für Themen, in denen Homo sapiens schutzlos irgendwelchen Naturgewalten ausgeliefert ist und dabei vergeblich versucht, in kompromisslos konsequenten Ereignissen doch noch als Bewältiger hervorzugehen – dieser Baltasar Kormákur wandert nun von isländischen Meeren über den Himalaya immer weiter in südliche Gefilde, um endlich mal auf Safari gehen zu können. Das macht er nicht allein, sondern mit Superstar Idris Elba an seiner Seite. Und ja – Sharlto Copley, sowieso Südafrikaner, darf hier auch noch seinen Heimvorteil genießen. Zu den beiden gesellen sich zwei halbwüchsige Mädchen, Elbas Filmtöchter, die auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter unterwegs sind, und einfach nicht verstehen können, warum sich Papa von ihr noch zu Lebzeiten getrennt hat. Klar braucht es diesen familiendramatischen Unterbau, denn irgendwo muss der Haussegen ja schief hängen, um im Angesicht einer blanken Katastrophe wieder geradegebogen zu werden. Und diese Katastrophe kommt dann auch, während einer Wildlifetour durch ein inoffizielles Reservat, auf vier samtleisen Pfoten angepirscht. Ein Löwe hat es auf Menschen aller Art abgesehen. Ein Löwe macht eine ganze Spezies verantwortlich dafür, dass Wilderer sein Rudel getötet, in alle vier Winde verstreut und eingefangen haben. Ein Löwe schwört jetzt Rache. Und dabei ist egal, wie sehr zum Handkuss Idris Elba unschuldigerweise kommen mag. Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier.

Beast – Jäger ohne Gnade orientiert sich stark an einem ganz bestimmten Meisterwerk der Survival-Suspense, nämlich an Jurassic Park. Statt eines T-Rex lässt nun ein Panthera leo sein Gebrüll los, und Erwachsene wie Kinder sind in ihrem fahrbaren Untersatz, der knapp am Abgrund hängt, schutzlos ausgeliefert. Da wir ungefähr wissen, welche Schrecken uns da erwarten, mag der Faktor der Unvorhersehbarkeit ein bisschen schwinden – um dem entgegenzuwirken, lässt Kormákur seine Protagonisten Dinge tun, die bar jeder Vernunft sind. Mutig – ja – aber auch äußerst doof. Doch wie gesagt: Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier. Dass dem Löwen dabei menschliche Emotionen angedichtet werden, mag bei Disney gang und gäbe sein – bei Kormakur hätte ich mir da schon etwas mehr Respekt vor den Tatsachen erwartet. Doch andererseits: Im Kino dürfen Legenden gerne als Tatsachen betrachtet werden, also warum sich nicht ein spielfilmlanges Duell mit wilden Mähnen liefern?

Tatsächlich macht Idris Elba seine Sache wieder mal gut, obwohl man ihm ansieht, dass Beast – Jäger ohne Gnade jetzt nicht unbedingt zu seinen Herzensprojekten zählt. Das schöne Südafrika wird es ihm wohl angetan haben – wer würde denn nicht gern dort drehen wollen und dabei alles bezahlt bekommen? Viel Geld hat man auch für die Animation des Untiers ausgegeben. Es ist nicht zu erkennen, wann der Löwe echt ist und wann er aus dem Rechner kommt. Oder ist dieser überhaupt nur animiert? Von diesen Machern hätte sich zum Beispiel Prey einige Ezzes holen können – denn der wilde Bär im Predator-Sequel lässt bewegungstechnisch zu wünschen übrig.

Was mich dann doch überrascht, ist das von manchen Kritikern als hanebüchen bezeichnete Finale im Steppensand: Um dafür wirklich aufstöhnend mit den Augen zu rollen, würde ich mich vorher lieber genau in die Verhaltensforschung von Großkatzen einlesen. So allerdings kann ich das, was da abgeht, gar nicht so ganz als Schwachsinn abtun. Beast – Jäger ohne Gnade ist somit besser als befürchtet, wenngleich gemalt nach Zahlen und die Wucht einer erbarmungslosen Natur mag diesmal an den hochgekurbelten Fenstern eines geländegängigen, aber verkehrsuntüchtigen Fahrzeugs abprallen wie die blutigen Tatzen eines amoklaufenden Simba.

Beast – Jäger ohne Gnade