Die Migrantigen

AUSLÄNDISCH FÜR ANFÄNGER

7,5/10

 

migrantigen© 2017 Luna Filmverleih 

 

LAND: ÖSTERRECH 2017

REGIE: Arman T. Riahi

Mit Faris Rahoma, Aleksandar Petrović, Doris Schretzmayer, Daniela Zacherl u.a.

 

Stellt euch einmal vor, ihr seid Schauspieler. (jene, die das lesen und es bereits sind, brauchen hier nicht aktiv zu werden) und geht zu einem Casting. Dort werdet ihr aufgefordert, einen Ausländer darzustellen. Wie soll der sein, der Ausländer? Gute Frage, vielleicht sogar eine Fangfrage. Vielleicht entsteht dann so eine Performance wie sie Lukas Resetarits in seinen kabarettistischen Anfängen mit dem oft in der Unterhaltungssendung Wurlitzer gezeigten Kult-Nummer Der Tschusch auf die Kleinkunstbühne gebracht hat. Für alle, die die treffsichere Conference nicht kennen: Es erkundigt sich ein – sagen wir mal – Mittdreißiger mit Migrationshintergrund nach dem Verbleib der berühmt-berüchtigten Thaliastraße. Zu seinem Leidwesen fragt er einen Wiener, der stellvertretend für den Otto Normalbürger besagter Stadt erwartungsgemäß xenophob reagiert und den arglosen „Tschusch“ in eine gesellschaftliche Nische voller Vorurteile drängt. Das Ganze endet mit „Ausländer, raus aus dem Ausland!“. Ein bizarres, im Kern aber leider allzu wahres Bild des Umgangs von autochthonen Österreichern mit immigrierten Bürgern anderer Länder. Das Ganze aktueller denn je. Der gebürtige Iraner und längst Österreicher Arman T. Riahi hat mit der fast schon nestroy´schen Gegenwartsfarce Die Migrantigen den Konflikt zwischen „Zuagrasten“ und Eingeborenen ähnlich auf die Spitze getrieben – mit Wortwitz, ironischem Augenzwinkern und ganz viel Hirn. 

Überhaupt – 2017 ist für den österreichischen Film ein ziemlich starkes Jahr mit beeindruckenden Produktionen und längst nicht mehr nur Betroffenheitskino. Ganz im Gegenteil – Die Migrantigen reihen sich selbstbewusst in die Reihe jener Filme aus heimischen Landen ein, die auf die Watchlist müssen. Vorausgesetzt, es ist eine Watchlist für weltoffene Filmfreunde, die gerne bereit sind, festgefahrene Vorurteile zu hinterfragen. Und hinterfragt wird in Riahi´s intelligent konstruierter Komödie einiges – vor allem eben das Bild, das wir uns von den serbischen, türkischen und sonstigen Minderheiten zurechtgezimmert haben – die aber die urbane Gesellschaft, das Kulturleben und die Vielfalt bislang mehr bereichern als behindern konnten. Dieses oftmals mit der Muttermilch aufgesogene Menschenbild vom anpassungsresistenten Fremden dienst als scheinbar leicht zu tragendes Mäntelchen für die beiden Alltagsloser im Film, die rein zufällig die Aufmerksamkeit eines Fernsehteams erregen, das wiederum auf der Suche ist nach echten, authentischen Schauplatzgeschichten, die das Leben geschrieben hat. Und am besten gleich mit quoten- und sendetauglicher Dramatik. Vielleicht auch mit Action, und ein bisschen Unterwelt. Das sogar sehr gerne. Als überaus ehrgeizige Reporterin darf hier Doris Schretzmayer den Köder schlucken, den die beiden arbeitslosen Bobos im fiktiven Wiener Grätzel Rudolfsgrund breitgefächert auslegen. Und ihre Rollen zumindest verbal bis zur Perfektion beherrschen, stammen doch auch sie aus Familien, die ebenso, vor ewigen Zeiten, eingewandert sind. Doch vom kulturellen Kolorit ihrer Vorfahren ist nicht mehr viel übrig. Macht auch nichts, so denken die zwei. Bedienen wir uns der gängigen Klischees, die den Migranten anhaften, und zeigen wir dem Fernsehpublikum die einzig wahre Parallel- und Subkultur, die wohl jedem in den Kram passt. Zu Rate gezogen werden mitunter auch Vertreter waschechter Ethnien, die wiederum – und jetzt kommt’s – den beiden Gelegenheitsbetrügern selbst einen Bären aufbinden. Einen Bären, der eine Eigendynamik entwickelt, die keinem der mittlerweile drei Parteien letztendlich alles andere als dienlich ist. 

Was folgt, ist eine höchst vergnügliche Verkettung alles verkomplizierender Ereignisse, die das bequeme Verständnis von Integration und festgefahrener Ausländer-Stereotypien konterkariert. Niemals mit erhobenem Zeigefinger, alles selbstentlarvend. Und mit der Erkenntnis, das Integration mitgebrachte Tradition nicht zwingend ausschließen muss. Und man sich vor ihr auch nicht fürchten sollte.

Die Migrantigen

Killing Hasselhoff

TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER

4/10

 

killinghoff© 2017 Universal Pictures / Quelle: darkagent.blogsit.net

 

LAND: USA 2017

REGIE: Darren Grant

Mit David Hasselhoff, Ken Jeong, Rhys Darby, Michael Winslow u. a.

 

Erste Regel: Don´t hassle the Hoff. Zweite Regel: Tust du es doch, tritt automatisch Regel Nr. 1 in Kraft. Denn mit he Hoff legt man sich grundsätzlich nicht an. Niemals nicht. Gut, man kann warten, bis er ins Gras beißt. Tut er das nicht, kann man ja auch mal da oder dort nachhelfen. Vor allem, wenn mächtig Kohle dabei herausspringt. Vorausgesetzt, man gewinnt die Wette, welcher Promi zuerst das Zeitliche segnet. Wäre es David Hasselhoff, hätte Ken Jeong, bekannt als ausgeflippter Asiat aus der Hangover-Trilogie, mehr als ausgesorgt. Der Nachtclub wäre nicht mehr verschuldet, und bei so manch bösem Buben wäre der Alltime-Loser schuldenfrei, was außerdem noch für die körperliche Gesundheit begünstigend wäre. Also dann, nichts wie ran an den alten Rettungsschwimmer, der auch nach so vielen Jahren Bildschirmabstinenz immer noch Kultstatus genießt.

Dieser Hasselhoff-Mythos, der rührt nicht nur von Baywatch her. Da war in den 80ern noch etwas ganz anders, was uns vor die Glotze getrieben hat: nämlich Knight Rider. Ein Mann und sein Auto kämpfen gegen das Unrecht – damals hat das sprechende Auto K.I.T.T. Hasselhoff ohnehin die Show gestohlen, dem fast zwei Meter großen Gigolo mit Lederjacke und Dauerwelle. Dennoch hat es für den Einlass in den Serien-Olymp gereicht. Und gesungen – gesungen hat der sympathische Kalifornier auch noch. Das ist jetzt kein akustisches Must-Hear, aber dennoch ein nostalgischer Ausflug in eine Zei des persönlichen wie politischen Um- und Aufbruchs. Looking for Freedom. Besser ließ sich die Wende damals ja gar nicht beschreiben.

Mittlerweile ist Hasselhoff Symbol der skurrilen, unfreiwillig komischen, aber liebenswerten Achtziger und beginnenden Neunziger geworden. Für Selbstironie, herzhaftem Trash und TV-Score-Party. Brusthaar und Baywatch-Boje inklusive. Bei soviel Guilty Pleasure ist Killing Hasselhoff für die Achtziger-Generation fast schon Pflicht. So wie die Expendables. dem Halali alternder Actionstars mit Sinn fürs Rezitieren popkultureller Zitate. Wobei mir einfällt: Hasselhoff war niemals bei Stallones Retro-Ballerei zugegen, nicht mal als Cameo. Dafür aber bei Guardians of Galaxy Vol.2, und das unter Lachgarantie. Und bitteschön – hier hat er seinen eigenen Film. Für welchen er sich, hätte the Hoff nicht gar so viel Selbstironie, geradezu fremdschämen müsste. Denn Killing Hasselhoff ist seichter Klamauk zwischen Hangover und Kill the Boss, im Grunde miserabel erdichtet und unbeholfen inszeniert. Die Witzkiste strotzt vor peinlichen Kalauern, und wäre David Hasselhoff nicht das Objekt der Begierde und gäbe es nicht jede Menge Reminiszenzen an die TV-Highlights vergangener Jahrzehnte, wäre Killing Hasselhoff zu vergessen. Im Grunde ist es das ja auch, nur der in die Jahre gekommene, lange Lulatsch mitsamt seiner kindlichen Spielfreude und eingezogener Altmännerwampe baggert sich ins Gedächtnis. Aber war das nicht der Grund, warum ich mir die Mordversuche an Mitch Buchannon aka Michael Knight trotz begrenzter Lebenszeit überhaupt erst angetan habe?

Killing Hasselhoff

Die Croods

ICE AGE WAR GESTERN

8/10

 

croods@ 2013 Dreamworks / Quelle: indiwire.com

 

LAND: USA 2013

REGIE: Chris Sanders, Kirk De Micco

MIT DEN STIMMEN VON Nicolas Cage, Ryan Reynolds, Emma Stone (original) U. A.

 

Von wegen früher war alles besser. Gar nicht wahr. Die humanoiden Wesen der präzivilisatorischen Frühgeschichte hatten überhaupt nichts zu lachen. Das Leben war hart, es gab anfangs nicht mal Feuer, und geschlafen wurde auf Stein in Höhlen, die nur bedingt vor gefräßigen Räubern bewacht wurden. Das Leben der Steinzeit, das war kein Honiglecken. Sondern ein permanentes Zittern. Und auch im Familienverband wurde es nicht besser, ganz im Gegenteil. Da hatte Mann auch noch Verantwortung zu übernehmen für den neugierigen Nachwuchs, der jeden Sonnenuntergang die letzten Strahlen der Sonne einfangen will. So eine Familie sind Die Croods. Eine fünfköpfige, stets hungrige Familie inklusive Oma, die die Nacht im Schlafhaufen verbringt und für das Frühstück noch schnell einem Elefantenvögel das Nest ausräumen muss, um satt zu werden. Gar nicht leicht. Nein. Wenn da nicht plötzlich ein Jüngling Marke Homo sapiens auftauchen würde, der die Familie Croods ins gelobte Land führen will – jenseits vulkanischen Sperrgebiets. Denn die Tektonik feiert fröhliche Urständ und ruckelt und zuckelt, was das Zeug hält. Eruptionen und Pyroklastische Ströme inklusive. Die muss keiner von den Croods live erleben.

Was folgt, kennen wir aus Ice Age. Ein Roadmovie ohne fahrbaren Untersatz, quer durchs Gelände. Aber obwohl uns die Geschichte in Ansätzen bekannt vorkommt, ist sie in Chris Sander´s Animationskomödie unvergleichlich besser erzählt. Die Steinzeit von Dreamworks Pictures ist eine fabelhafte, bunte Welt, die sich aber so was von überhaupt nichts auf prähistorische Authentizität gibt. Die Steinzeit des Cartoon-Kinos, die ist so zauberhaft, surreal und abgehoben, als hätte Kinderbuchautor Erwin Moser, leider erst kürzlich verstorben, einen Schwank aus der Frühzeit des Menschen erzählt. Auch bei Erwin Moser ist die Welt, die er beschreibt, bei Weitem nicht die unsere, sondern eine phantastische Verschmelzung aus Erdachtem und Bekanntem. Was in der Welt der Croods so kreucht, fleucht und den Boden erzittern lässt, sprüht vor Einfallsreichtum und ist obendrein noch unglaublich schön anzusehen. Inmitten dieses kreativen Szenarios frei nach naturhistorischen Fakten stolpert und bricht die eigenwillige Familie durchs Unterholz. Die Flintstones wären nicht so weit gekommen, trotz fahrbaren Untersatzes. Auch bei Fred Feuerstein und Co spielt Geschichtsbezug keine Rolle. Da leben Dinos mit Menschen unter einem Dach. Dinos gibt’s bei den Croods aber nicht. Das geht dort noch besser. Über Land schreitende Wale, Piranhavögel und bunt befellte Säbelzahntiger.

Schnappschüsse vor Erfindung der Fotografie? Klar geht das. Wer nach all dem märchenhaften Zoobesuch langsam müde wird, darf sich an einer für Animationsfilme ungewohnt niveauvollen wie selbstironischen Situationskomik erfreuen. An überraschend gelungenen Slapstick, der brüllen lässt vor Lachen. Und auch skeptische Familienfilm-Muffel vom Zwerchfell-Bann befreit. Ice Age war gestern, und obwohl The Croods bereits schon vier Jahre auf dem Buckel haben, lässt die zwar inhaltlich nicht sehr originelle, aber in den Details wunderbar erdachte andere Familien-Comedy Scrat, Sid und Co etwas alt aussehen. Und ja, den kuschelweichen, bunten Tiger würde ich lieber kraulen als Diego.

Die Croods

Logan Lucky

DEN GLÜCKLICHEN GEHÖRT DAS GELD

7,5/10

 

loganlucky
© 2017 StudioCanal / Quelle: indiewire.com

 

LAND: USA 2017

REGIE: STEVEN SODERBERGH

MIT CHANNING TATUM, ADAM DRIVER, DANIEL CRAIG, RILEY KEOUGH U.A.

 

John Denver hat´s einfach drauf. Wenn ein Film schon mit den Klängen des guten alten Country-Titanen beginnt, kann er ja fast nicht schlecht sein. Und wenn dann noch dazu Country Roads blechern aus dem Autoradio scheppert und von einer blutjungen Schönheitskönigin geträllert wird, dann bleibt ja fast kein Auge trocken. West Virgina, Mountain Mama…

Steven Soderbergh´s Rückkehr auf die Leinwand spielt tatsächlich in West Virginia. Seine Familie Logan, die er hier liebevoll ins Rennen um gebunkerte Millionen schickt, ist anfangs mal so was von überhaupt nicht glücklich. Ein Fluch liegt auf dieser Familie. Vom Pech verfolgt, hat der eine Bruder bei einem Militäreinsatz im Irak seinen linken Unterarm verloren, der andere wird aufgrund von Kniebeschwerden fristlos entlassen. Und die Schwester – die macht als Friseuse älteren und jüngeren Damen die Haare schick. Was sie noch dazu alle nicht haben, ist natürlich der schnöde Mammon. Und wie es der Zufall so will, macht Gelegenheit Diebe.

Logan Lucky ist ein waschechter Soderbergh. Seine Dramaturgie, die Art seiner Szenenfolgen, die Kamera. Vor allem die Diskrepanz zwischen einem Regisseur, der weiß was passieren wird und einem Publikum, dass die Dinge erst viel später kombiniert, als ihm lieb ist. Das hatten wir schon bei Ocean´s 11 so. Und das ist hier nicht anders. Nur seine Figuren – die sind diesmal wirklich schräger. Und liebevoller. Was sich so anfühlt wie eine Mischung aus Little Miss Sunshine und einem Heist-Movie, das aus der Feder der Coen-Brüder hätte stammen können, ist wahrlich ein schelmischer Leckerbissen mit ganz viel Understatement. Und vielen kleinen Seitenhieben auf Moral, Mittelstand und Game of Thrones. Was sich die Jungs und Mädels hier einfallen haben lassen, um an das große Geld zu kommen, und auf welche Art und Weise der Knacki Daniel Craig alias Joe Bang hier genötigt wird, mitzuwirken, ist Gaunerkino der wortgewandten, situationskomischen Art. Wobei vor allem Daniel Craig mit sichtlicher Spielfreude wohl eine seiner besten Performances liefert. Mit wasserstoffblondem Bürstenschnitt und ein Faible für Chemie darf er in tiefer Dankbarkeit seine Lizenz zum Töten in die Schublade räumen und mal so richtig ungeniert aufspielen. Dass der Mann mehr kann als nur geschüttelten Martini schlürfen, lässt sich spätestens in Logan Lucky beweisen. Sein auftritt amüsiert, und auch „Kylo Ren“ Adam Driver als etwas einsilbiger Barkeeper hat nicht weniger skurrile Momente.

Ocean´s 11 ist was für die Großen und Reichen. Logan Lucky für den Underdog in uns. Zwar wird der Film erst in der zweiten Spielzeit so richtig gut, nachdem er einige entbehrliche und für die Handlung nicht wirklich notwendigen Szenen hinter sich gelassen hat, doch im Ganzen betrachtet ist der unverwechselbare Cineast Soderbergh erfolgreich zurück im Leinwandbusiness.

Logan Lucky

Mit dem Herz durch die Wand

GEGEN DIE WAND GEREDET

7/10

 

herzwand

LAND: FRANKREICH 2014
REGIE: CLOVIS CORNILLAC
MIT CLOVIS CORNILLAC, MÉLANIE BERNIER, PHILIPPE DUQUESNE U.A.

 

Was wäre das doch für ein Boulevardstück, geeignet für die Unterhaltungsbühne. Kokettes Theater, das sich großer Beliebtheit erfreut. Am Liebsten um Silvester herum. Zwei Wohnungen, leicht darzustellen. In der Mitte eine Wand. Und um diese Wand, um die geht’s. Links lebt ein kreativer Misanthrop, der seine Zeit damit zubringt, haarsträubend komplizierte Gesellschaftsspiele zu erfinden und dazu absolute Ruhe braucht. Rechts zieht eine Musikerin ein. Und das geht einmal gar nicht. Die Wände sind zu dünn, und da man links jeden Pupser hört, sollte rechts besser niemand wohnen.

Ruhestörungen am laufenden Band, und die Retourkutsche folgt stets auf dem Fuß. Eine witzige Idee, Kurzweil ist hier Programm. Nicht nur im Genre der französischen Romantikkomödie heißt die Devise: Was sich liebt, das neckt sich. Doch von Liebe ist zunächst mal keine Spur. Der Hass lässt sich hier häuslich nieder. Und Gemeinheiten sorgen für Lacher aus dem Auditorium. Sofern es ein Boulevardstück ist. Mit dem Herz durch die Wand ist aber eine Filmkomödie. Besser gesagt das Regiedebüt von „Asterix“ Clovis Cornillac, an dem der Franzose selber mitgeschrieben hat. Entstanden ist ein Liebesfilm voller Esprit. Die sich zankenden Nachbarn agieren aufgeweckt, schlagfertig und alles andere als schwermütig. Wieder einmal schafft es der französische Film, eine weitere kleine, luftig leichte Komödie gewohnt bezaubernd auf die Leinwand zu pinseln. Und kein anderes Filmland kann in diesem Genre auch nur annähernd ähnliche Stärken entwickeln.

Mit dem Herz durch die Wand hat Charme, dort wo andere Filme in plumpen Kalauern unter der Gürtellinie bruchlanden. Es hat dort Witz, wo andere ihre Figuren zum Fremdschämen überreagieren lassen. Und es überrascht, wo andere vorhersehbar werden. Zugegeben, Cornillac´s Film überrascht am Ende auch nicht. Doch der Weg zur Eintracht ist jenseits jeden Mietrechts mit pfiffigen Streichen und smarten Dialogen gepflastert.

Ja, so klappt´s auch mit dem Nachbarn.

Mit dem Herz durch die Wand

Mein ziemlich kleiner Freund

GRÖSSE IST RELATIV

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kleinerfreund

Bilbo Beutlin, Yoda, Tyrion Lennister – die Liste der kleinen großen Helden ist länger geworden, und die Zeiten, in denen man nach der Größe beurteilt hat, sind obsolet und längst vorbei. Insbesondere popkulturelle Medien konzentrieren sich auf die augenscheinlich Schwächeren und machen aus ihnen die wahren Antreiber der Revolution und Ikonen des Umdenkens. Zu diesen resoluten Gesellen wähnt sich auch der französische Neo-Stummfilm-Star (The Artist) und Liebling der Frauen, Jean Dujardin. In der ganz und gar nicht albernen Komödie Mein ziemlich kleiner Freund begibt sich der intellektuelle Charmebolzen mit Dreitagebart auf Augenhöhe mit Virginie Efira´s unterstem Blusenknopf. Die bezaubernd schöne Entdeckung des französischen Kinos, die schon im frühsommerlichen Liebesfilm Birnenkuchen mit Lavendel einem eigenbrötlerischen Superhirn den Kopf verdreht hat, darf nun ihr Herz an einen Herzbuben verlieren, der so gar nicht ins gesellschaftstaugliche Gesamtbild passt. Denn wie soll denn ein Mann, der um vieles kleiner ist als die Frau, diese denn beschützen? Wie denn ganz nach Humphrey Bogart-Manier auf sie herabsehen? Einfach Stärke, Unbezwingbarkeit und Macht demonstrieren? Nun, oberflächlich betrachtet gar nicht. Die Schulter zum Anlehnen ist plötzlich um einige Zoll weiter unten. Und siehe da – nicht nur wir Zuseher ertappen uns dabei, wie wir uns vorgefertigten und ungenügend reflektierten Normen unterwerfen. Ohne Widerstand, fast antriebslos und unbemerkt anerzogen. Regisseur Laurent Titard (u.a. die Verfilmung des Comics Der kleine Nick) hinterfragt mit seiner liebenswürdigen und augenzwinkernden Boulevardkomödie, die sich viel mehr als Liebesfilm versteht und weniger als bizarrer Schenkelklopfer auf Kosten der physisch Benachteiligten, die Parameter, die einen Mann erst zu einem Mann machen müssen. Aber müssen sie das wirklich? Das Überbordwerfen überkommener Vorurteile ist nach dieser Frage, die man sich selbst stellt, nur eine logische Konsequenz.

Was an einer Komödie zu einer Herkulesaufgabe wird, die ihre Attraktion durch die Kleinwüchsigkeit eines ansonsten stattlichen Mannes bezieht, ist, niemals respekt- oder gar würdelos zu erscheinen. Leicht könnte der Plot hier ins Diskriminierende kippen. Was Mein ziemlich kleiner Freund aber gelingt, ist, seine Hauptfigur niemals, und nicht mal in den Szenen, die das Problem der geringen Größe frappant veranschaulichen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Etwas, das den amerikanischen Regiebrüdern Peter und Bobby Farrelly in ihren komödiantischen Freakshows wie Schwer verliebt nie wirklich gelungen ist.

Jean Dujardin muss sein Image des Frauenverstehers und Mann von Welt nicht mal ansatzweise konterkarieren. Die Größe alleine ändert nicht seinen Charakter, sein Tun und seine Entschlossenheit. Zwischendurch allerdings mag er den Erschwernissen des Alltags, die sein Anderssein mit sich bringt, ohnmächtig gegenüberstehen – doch man kann sich denken, in welche Richtung die leichtfüßige, französische Dramödie steuert. Zwar letzten Endes – und der Realität leider ins Auge sehend – etwas naiv, aber mit der Idealvorstellung einer besseren und toleranteren Welt beginnt das Um- und folglich das Andersdenken. Ja, es wird nicht leicht sein. Doch wer will schon wirklich so leben, wie es die anderen wollen?

 

Mein ziemlich kleiner Freund

Vaiana

PARADIES NACH PLAN

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Vaiana

Sommer, Sonne, Strand und Meer – Begriffe, die zum Träumen einladen und das Fernweh nähren. Ein Film, der im ewigen Paradies spielt und mit Palmen, Korallen und Südseerhythmen punkten möchte, kann kein Ladenhüter sein. Zumindest geht Disney mal davon aus und setzt alles auf eine Insel. Eine Insel im Stillen Ozean, vielleicht Samoa, vielleicht Vanuatu oder Hawaii, jedenfalls ein Paradies voller Südeseegottheiten und Legenden. Paul Gauguin wäre entzückt gewesen. Wenn sich die perfekt animierte Inselwelt zu herrlich verklärenden Chören von ihrer Schokoladenseite präsentiert, feiern die Glücksbotenstoffe fröhliche Urständ und das Leben wird um einige Nuancen bunter, abenteuerlicher und farbenfroher. Ganz so präsentiert sich das warmwassergebadete, dramatisch-humorvolle Südseemärchen und hat nichts Anderes vor, als in den Fußstapfen der Eiskönigin einen ebensolchen Erfolg einzufahren wie die klirrend kalte Schwester im hohen Norden. Das Problem dabei ist – man merkt es dem Film Vaiana jede Minute an.

Wenn Disney seinen Erfolg so vehement durchkalkuliert, bleibt von der Spontaneität und Natürlichkeit einer filmischen Erzählung nichts mehr übrig. Die Produktionen werden austauschbar, schablonenhaft und klar erkennbar aus kommerziell erträglichen Versatzstücken zusammengeschustert. Das Mädchen Vaiana mag sich zwar anders verhalten als ihre aschblonde Schwester Prinzessin Elsa, in groben Zügen aber sind beide vom gleichen Schlag. Großäugige, ranke und schlanke Mädchen aus dem Computer, die sich als konstruiertes Alter Ego in den Köpfen kleiner Mädchen häuslich einrichten. Nutzt es nichts, so schadet es auch nichts. Das erste Idol im Leben beginnender Grundschüler ist geboren. Ob Vaiana das gleiche Zeug dazu hat, wird sich erst im Merchandising- und Retail-Sektor zeigen. Allerdings hat Disney zu Zeiten der Eiskönigin ein weitaus höheres Budget für bedruckten Krimskrams aller Art zur Seite gelegt. Von Vaiana bleibt vielleicht nur buntes Polyester-Bettzeug. Und auch das alles dominierende, zentrale Solo der zarten Südseeschönheit will um jeden Preis an Idina Menzels wunderbar gesungenem und allen Eltern bis zum Nimmerhören bekannten Let it Go anschließen. Zurecht oscarprämiert, hat die kraftvolle Selbstbekenntnis Elsas auch beim wiederholten Male das Zeug zum Gänsehautklassiker. Tatsächlich erzielt der Song Far I´ll go einen ähnlichen Effekt. Für romantisch-sehnsüchtige Balladenliebhaber eine Sternstunde des Schmachtens und Träumens. In der deutschen Synchronisation übrigens gesungen vom wohl am meisten polarisierenden Schlagerstar der letzten Jahre – Helene Fischer. Eine Dame mit guter Stimme, von der man nie weiß, ob sie das, was sie singt, selbst gerne hört. Jedenfalls muss ihr Ich bin bereit – so die deutsche Übersetzung – mit Sicherheit gefallen. Uns – oder mir – gefällt es. Und dann gibt’s da noch den schrulligen Helden voller lebhafter Tattoos, eine Karikatur aus IZ Kamakawiwo’ole und Dwayne „The Rock“ Johnson. Sympathisch, tapfer und – wie bei Disney üblich – von liebenswertem Charakter. Verwunderlich sogar, dass eine Hommage an den leider verstorbenen, schwergewichtigen Insulaner, der Judy Garland´s Over the Rainbow wieder salonfähig machte, gänzlich ausbleibt. Und die schielende Intelligenzbestie von Huhn sorgt auch bei Kindern jüngeren Alters, die sich mit den älteren Geschwistern ins Kino verirren, für Lacher. Somit ist die ganze Familie bedient und alles gut durchdacht. Schablonenhaft, wie ich schon sagte.

Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Und man ahnt natürlich schon von Anbeginn an, wie es enden wird. Spannend ist was Anderes – zumindest für Erwachsene. Dennoch, und allen kritischen Bemerkungen meinerseits zum Trotz, wissen die Macher von Vaiana haargenau, was das Publikum berührt, belustigt und Freude bereitet. Das Südseeabenteuer ist perfekt, und hat von allem etwas. Genauso wie es sein soll, und das aber ohne Überraschungen.

 

 

 

Vaiana

Verstehen Sie die Béliers?

WER NICHT HÖREN KANN MUSS FÜHLEN

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beliers

Was für ein Lebenszeichen des französischen Filmes – obwohl es die meisten der in dieser herrlichen Familienkomödie agierenden Charaktere nicht hören können. Seit Sophie Marceau in den 80er Jahren in La Boum das Leben ihrer Familie und ihrer Mitschüler gehörig auf den Kopf stellen durfte, hat es kaum mehr Kinogeschichten gegeben, die in ihrer Natürlichkeit und ihrem Charme das Erwachsenwerden dermaßen einfühlsam erzählen konnten. Die Ausgangssituation in diesem Film ist alleine schon ungewöhnlich – als einzig hörende Tochter einer vierköpfigen, sonst gehörlosen Familie, versucht das 16jährige Mädchen Paula, aus der zwangsläufigen Abhängigkeit vor allem ihrer Eltern auszubrechen und ihre eigene Identität zu finden. Und wann bitteschön ist die Definition der eigenen Person notwendiger als auf dem Weg ins Erwachsenenleben?

Die Schauspielerin Louane Emera legt ihre Rolle der Paula dermaßen ungekünstelt und bodenständig an, dass man sie einfach lieb gewinnen muss. Die junge Schauspielerin ist wahrlich eine Entdeckung und steht Konkurrentinnen wie Sophie Marceau aus La Boum um nichts nach. Im Gegensatz zu dem Teenagerklassiker von damals dringt Verstehen Sie die Béliers  noch tiefer in das Seelenleben des Teenagers vor, ohne dieses jedoch krampfhaft zu sezieren. Das gelingt vor allem aufgrund der Tatsache, dass die besonderen Bedürfnisse ihrer Familie den Kontrast zwischen Individualität und familiärer Verpflichtung noch verstärken.

Den wahren Knalleffekt in der locker flockigen, angenehm humorvollen Geschichte gibt es aber dann, als das junge Mädchen sich entschließt, Gesangsunterricht zu nehmen. Einfach großartig, wie Regisseur Eric Lartigau das Loslösen aus dem gemachten Nest namens Familie darzustellen weiß. Ist es in Ordnung, dass sich das eigene Kind im Zuge seines Älterwerdens dazu entschließt, etwas zu tun, wovon die eigenen Eltern nicht profitieren können? Ist man seinen Erzeugern Rechenschaft schuldig für das, was man tun oder sein möchte. Laut der Familie Béliers, und auch meiner Meinung nach, ist man das nicht. Dieser Anspruch kann die Familie bei ihrem Nachwuchs leider nicht geltend machen. Bedingungen, die vielleicht früher einmal, allerdings vor gar nicht allzu langer Zeit, eine gesellschaftliche, selbstverständliche Bürde waren. Lartigaus Film ist ein Loblied an die Selbstbestimmung und die jugendliche Freiheit. An die Leidenschaft des Lebens, des Loslassens und an die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Dabei schildert Verstehen Sie die Béliers seine berührende Story mit einer sommerlichen Leichtigkeit, wie es nur französische Filme können.

Nach wie vor kann Frankreich die besten Komödien erzählen. Vor allem welche mit Weisheit, jeder Menge kluger Gedanken und niveauvollen Anekdoten, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. Und die Musik, hier in akustischer Gestalt typisch französischer Chansons, macht das kleine Meisterwerk noch erlesener.

 

Verstehen Sie die Béliers?

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel

MORD NACH OMAS REZEPT

6/10


eberhofer

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2013/14

REGIE: ED HERZOG

CAST: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, ENZI FUCHS, ILSE NEUBAUER, EISI GULP, SIGI ZIMMERSCHMIED, STEPHAN ZINNER, DANIEL CHRISTENSEN, LISA MARIA POTTHOFF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 – 36 MIN


Seit Dem Bullen von Tölz oder den Rosenheim Cops stehen zumindest auf den heimischen Bildschirmen bayrische Heimatkrimis hoch im Kurs. Um mitzuziehen, hat man in Österreich mit der TV-Filmreihe „Landkrimi“ jedem Bundesland ein mörderisches Denkmal gesetzt. Die gewiefte Wortkabarettistin und erfolgreiche Autorin Rita Falk hat mit viel Humor, Lokalkolorit und rabenschwarzen Todesfällen eine höchst unterhaltsame Krimireihe auf den Markt gebracht, die jetzt der Reihe nach verfilmt wird. Schade dabei, dass Josef Hader kein Bayer ist, doch sein Alter Ego ist bereits Wolf Haas´ Kommissar Brenner.

Der Polizist Eberhofer, von Sebastian Bezzel als finnisch anmutende Antwort auf Ottfried Fischer herrlich lakonisch wiedergegeben, steht dem verkorksten österreichischen Ex-Ermittler um nichts nach, nur die depressiv-nihilistische Weltsicht wird durch improvisierenden Pragmatismus ersetzt. Dabei sind die Kriminalfälle selbst, so schräg und skurill sie auch daherkommen mögen, geradezu zweitrangig. Viel sehenswerter ist das dörflich-ländliche Lokalkolorit, die verschrobenen Charaktere, seltsamen Begebenheiten und freiwillig oder unfreiwillig komischen Anekdoten über das Auf und Ab eines gesellschaftlichen Mikrokosmos aus der Provinz. Dieses Erzählkonzept eines Milieu- oder Lokalkrimis hat schon bei der mittlerweile zum Kult gewordenen Reihe von Kottan ermittelt funktioniert. Auch hier sind Figuren und das Rundherum, vorallem aber die absurd-schrägen Einfälle fernab der geradlinigen Krimihandlung das eigentlich Besondere.

Durch den Einsatz von optischen Raffinessen wie Fischauge und Weitwinkelobjektiv erhalten die Verfilmungen der literarischen Vorlage Rita Falks noch einen zusätzlichen Kick an Absurdität und fangen den Stil der Bücher ziemlich gut ein, obwohl, wie so oft, das geschriebene Wort einfach mehr Möglichkeiten hat, im eigenen Kopf die Geschichte wohl am Besten zu illustrieren. Was Eberhofer mit Brenner noch gemeinsam hat ist der Sidekick Simon Schwarz, der wiedermal alle Register seines komödiantischen Könnens zieht. Allerdings kann Enzi Fuchs Ilse Neubauer als ewig schwerhörige und durch die Gegend schreiende Oma des Polizisten Eberhofers, die sich wie ein roter Faden durch die Krimiabenteuer zieht, leider nicht das Wasser reichen. Im dritten Krimi – Schweinskopf al dente – dürfte sich Enzi Fuchs aber wohl eher durchsetzen.

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel