Free Fire

SCHIESSBUDENFIGUREN

4/10

 

freefire© 2017 Splendid Film / Quelle: medium.com

 

LAND: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: BEN WHEATLEY

MIT BRIE LARSON, SHARLTO COPLEY, ARMIE HAMMER, CILIAN MURPHY, SAM RILEY U. A.

 

Da kommen sie alle, zu nachtschlafender Zeit. Die Käufer und die Dealer, die Junkies im Lieferwagen, die Mittelsmänner und eine Frau. Treffpunkt: eine alte, verwaiste Lagerhalle inmitten eines verlassenen Industriegebiets. Bis sich alle mal höflich, mal unhöflich bekanntgemacht haben, vergehen schon ein paar Minuten. So beginnen normalerweise Filme von Quentin Tarantino oder Guy Ritchie. Es wird geredet, meist Belangloses. Der eine oder andere Seitenhieb fällt, und der weist schon langsam aufkommende, sich ausufernde Diskrepanzen unter den Mitwirkenden hin, welche die Story vorantreiben sollen. Der Deal mit den Waffen läuft auch nicht ganz rund. Die falschen Waren. Ärger macht sich breit. Und dann die persönliche Sache mit den Fahrern beider Lieferwägen. Das wird haarig. Und, wie man erwarten kann, nicht zu bändigen. Zumindest so schnell nicht.

Bis dahin ist Ben Wheatley´s Kammerspiel ja ganz spannend und erwartungsgemäß eskalationsfreudig. Allerdings – bis dahin, und nicht weiter. Denn sobald die Feuerwaffen sprechen, wird’s uninteressant. Free Fire ist, und es grämt mich fast, das feststellen zu müssen, wohl einer der größten Enttäuschungen des Filmjahres 2017. Wie gern wollte ich das Ballerballett im Kino sehen, in Aussicht auf einen originellen Einakter mit Spielfreude und irren Wendungen. Leider versäumt, wie so manchen Film auf der Watchlist. Endlich On Demand, und es gab kein Halten mehr. Doch kaum auf dem Bildschirm, nach ungefähr einer halben Stunde Laufzeit, verliert Free Fire jegliche Spannung. Die Hoffnung, dass dann doch noch der undurchdacht scheinende Zweck die Mittel heiligt, erfüllt sich nicht. Wendungen gibt es keine. Handlungsbögen bis auf einen lang anhaltenden Schusswechsel auch nicht. Schusswechsel – die lassen sich ganz anders inszenieren. Feuergefechte können virtuos sein. Als bestes Beispiel fällt mir immer wieder Shoot ‚em up von Michael Davis ein. Ok, kein Kammerspiel, aber ein völlig überdrehter Alptraum verquerer Ballistik, ein atemloses Projektilgeflirre nach vorne und nach hinten. Im bleihaltigen Fegefeuer: Clive Owen mit Baby. Ein, mit Verlaub, saucooler Actioner. Ebenso Wanted mit Angelina Jolie. Der zirkulierende, physikalisch gesehen völlig unmögliche, aber effektiv tödliche Projektilflug bleibt unvergessen. Natürlich, weitab jeglicher Realität. Aber Kino darf das. Im Grunde hätte das Free Fire auch dürfen. Ben Wheatley wollte das aber nicht.

Er wollte einen ballistisch korrekten Actionfilm. Wenn scharf geschossen wird, dann möglichst realitätsnah. Und wenn wer getroffen wird, dann ist er nicht gleich tot. Treffer ins Herz oder ins Hirn sind, und das glaube ich sofort, eher ziemlich selten. Vor allem, wenn man aus der Deckung feuern muss. Und so verkopft sich der extravagante Filmemacher mit verlorener Liebesmüh in einer allem Anschein nach noch nie zuvor dagewesenen akribischen Abhandlung eines mehrparteilichen Shootouts aus jeder Himmels- und Blickrichtung. Den Überblick, den verliert man hier relativ schnell. Wer jetzt wen getroffen hat, tangiert alsbald nur mehr sehr wenig. Unsympathisch sind die Sterbenden, Schießenden und Leidenden sowieso alle. Keine oder keiner, dem man ein Entkommen wünscht. Na gut, am Ehesten noch Brie Larson. Vielleicht, weil sie die einzige weibliche Komponente in diesem missglückten Schießbudenfilm darstellt. Und für etwas Stil sorgt. Im Grunde aber könnte man den Film mit einem Fußballmatch ohne Fans vergleichen. Niemanden juckt´s. Und der wohldurchdachte Way of the Gun ist wie Perlen vor die Säue. Hauptsache, Wheatley weiß von den wahren Qualitäten des Films. Ich hingegen weiß von ihnen nichts.

Free Fire

Baby Driver

MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER

7,5/10

 

babydriver© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: Grossbritannien, USA 2017

REGIE: EDGAR WRIGHT

MIT ANSEL ELGORT, LILY JAMES, KEVIN SPACEY, JAMIE FOXX, JON HAMM U. A.

 

James Dean hat, bevor ihn das Schicksal ereilte, nur drei Filme gedreht. Das weiß mittlerweile nicht nur jeder Filmfan, das ist längst Allgemeinbildung. Der lakonische Lonely Boy wurde über Nacht zum Star und zur Ikone – zum Mythos wurde er nach seinem Tod. Seine Leidenschaft für den fahrbaren Untersatz wurde ihm letzten Endes zum Verhängnis. Ganz so wie in Denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Rebell ohne Grund. Und wäre dieser Rebell nicht so schnell so unsterblich geworden, hätte es womöglich noch viele Filme mit ihm gegeben. Zum Beispiel Baby Driver. Dean in dem gewieften Fluchtwagenthriller  besetzt zu sehen erfordert meinerseits nicht viel Fantasie. Für den jungen Eigenbrötler aus Indiana wäre Baby Driver vielleicht sogar zur Herzensangelegenheit geworden. Dabei hätte er eigentlich nur sich selbst spielen müssen. Wortkarg bis zur Arroganz, stets mit Sonnenbrille, und permanent Kopfhörer in den Ohren. Denn mit Musik geht für den kindlichen Autonarr und Boliden-Klarmacher einfach alles besser. Das hat natürlich seinen Grund, den ich hier nicht verraten werde. Ansel Elgort verkörpert diesen Baby, wie er sich selbst nennt, auf eine überhebliche, ignorante, aber auch pragmatische und fürsorgliche Art und Weise. Ob das reine Coolness ist, oder reine Berechnung, oder ob etwas ganz anderes dahinter steckt, wagt man anfangs nicht so genau zu wissen. Baby ist jedenfalls jemand, so scheint es, den nichts erschüttern kann. Weder gehässige Bankräuber, noch einen fordernden und kompromisslosen Unterweltler, dem Baby noch einiges schuldig zu sein scheint. Also fährt er für ihn. Und macht die Drecksarbeit. Dieser Unterweltler ist übrigens Kevin Spacey, herrlich schmierig, profitorientiert und oberlehrerhaft. Und diese Bankräuber, das sind Typen wie „Motherfucker“ Jamie Foxx, der nach seiner Rolle in Kill the Boss wieder mal den anlassigen Oberstrizzi mit lockerer Lippe geben darf.

Hot Fuzz-Regisseur Edgar Wright, Co-Schöpfer der Cornetto-Trilogie mit Nick Frost & Simon Pegg, erzählt in seinem rasanten, aufgeweckten Actionfilm eine locker-flockige Romanze zwischen American Graffiti und Drive. Und ja, sowohl Gosling als auch Elgort sind beide von der Sorte, die eher andere reden lassen. Was anhand des Trailers im Kino längst nicht so verführerisch ausgesehen hat, und man vermuten hätte können, dass es sich bei Baby Driver doch eher um ein Need for Speed aus der Schema F-Schublade handelt, ist in Wahrheit tatsächlich einer der sehenswertesten Genrebeiträge dieses Jahres. Elgort ist eine Entdeckung, allerdings erst auf dem zweiten Blick. Und diese reizvolle, mit fetzigen Vibes unterlegte Mixtur aus Natürlichkeit und augenzwinkernder, leicht märchenhafter Spannung lässt Langeweile außen vor. Baby Driver hat sogar mehr Drive als Drive, weil es keinen affektierten Ego-Stil eines Nicolas Winding Refn vor sich herträgt, sondern die groovige Räuberpistole nicht mehr sein lässt, als sie ist – cooles Gaunerkino mit dem gewissen Etwas eines James Dean, rasant und kurzweilig bis zum Gehtnichtmehr und extraordinär besetzt. True Romance für die Generation What!

Baby Driver

Blade Runner 2049

DIE TOTALE ERINNERUNG

6/10

 

bladerunner2049© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DENIS VILLENEUVE

MIT RYAN GOSLING, HARRISON FORD, AMY DE ARMAS, ROBIN WRIGHT U. A.

 

Nun, was haben wir denn heute Schönes geträumt? Auch wenn ich mich noch so bemühe, ich kann mich nicht erinnern. Elektrische Schafe waren es keine. Das muss etwas anderes gewesen sein. Doch was? Denken Roboter eigentlich über ihre Träume nach, die aus ihren Erinnerungen erwachsen? Erinnerungen, die als Erfahrung beständig bleiben und dem Denken und Handeln vorausgesetzt sind? Nur die Emotion hinter einer Erinnerung garantiert Wahrhaftigkeit. Eine Einsicht, die im düsteren Erdenjahr 2049 für wohlgeordnete Erkenntnisse sorgen soll. Erkenntnisse über das eigene Ich. Über die Existenz einer Seele. Und über den Wert der Persönlichkeit.

In der nebelverhangenen Finsternis von 2049 sucht ein einsamer Anti-Held, ein Blade Runner namens „K“, nach solchen Wahrheiten. Und er wird beileibe nicht alle, aber so manche Geheimnisse lüften. Vor allem mithilfe der Erinnerung. Ein Thema, welchem sich der Frankokanadier Denis Villeneuve bereits in seinem Meisterwerk Arrival angenommen hat. In diesem philosophischen und wohl einem der besten Science-Fiction Filme der letzten Jahre spielt Zeit und Erinnerung eine ganz andere Rolle. Das Gestern und Morgen ist nicht mehr linear in eine Richtung gerichtet. Und so können Erinnerungen auch jene an eine mögliche Zukunft sein. Dank der genialen Vorlage von Autor Ted Chiang war und ist Arrival eine Bereicherung im Kosmos der anspruchsvollen Filme mit Hang zum Fabulieren und des Um-die-Ecke-Denkens.

Um die Ecke denken auf Kosten der Erinnerung wollte Denis Villeneuve auch bei der heiß ersehnten und von Fans lange erwarteten Fortsetzung von Blade Runner. Einem wegweisenden, visionären Klassiker nach dem Buch von Philip K. Dick aus dem Jahr 1982, wohl Ridley Scotts anspruchsvollster Film und längst Kult. Über den Inhalt und die Bedeutung des Originals brauche ich hier nicht mehr viele Worte verlieren. In der Zukunft einer überbevölkerten Erde und expandierenden Menschheit ist die Unberechenbarkeit der Androiden Marke Nexus 6 eine Bedrohung für den Weltfrieden. Dabei ist die Unberechenbarkeit in einem Menschen biologischen Ursprungs sogar viel stärker inhärent als bei einer künstlichen Intelligenz. Und während Batty alias Rutger Hauer über das Leben philosophiert, kann Rick Deckard nur wortlos zuhören. Also wen gilt es jetzt zu jagen? Mensch oder Maschine? Gejagt werden jene mit falscher Erinnerung. Die echten, totalen Erinnerungen; Gefühle, abstraktes Denken und das Vermögen, fiktive Szenarien zu imaginieren, garantieren die Unversehrtheit. Möchte man anfangs meinen. Im schwermütigen Sequel der urbanen Science Fiction kann man aber eines Besseren belehrt werden.

Generell – die Fortsetzung eines Kultfilms ist immer eine haarige Sache. Ein künstlerisch hochwertiges Heiligtum anzurühren ist fast so, als würde man die Rückenansicht von Mona Lisa malen wollen. Oder ihr Profil. Dabei stellt sich die Frage: stimmt man in den stilistischen Kanon der Vorlage mit ein – oder löst man sich davon los? Fans will man nicht verkraulen, man will aber auch nicht kopieren und das selbe Musikstück noch einmal neu auflegen. Das Problem hatte bereits Ridley Scott bei Alien: Covenant. Und ja, auch J.J. Abrams bei Star Wars: Das Erwachen der Macht. Villeneuve, kein Anhänger von Sequels, hat versucht, die Geschichte an sich weiterzuerzählen. Und ja, auch den stilistischen wie akustischen Parametern von Blade Runner zu folgen. Also alle Fliegen mit einer Klappe. Sowas gelingt meist nur bedingt. Da muss man schon großer Fan sein, um darüber hinwegsehen zu können, dass die Anpassung an das Original einfach zu gewollt ist. Und die inhaltliche Entfernung davon ebenso. Mit nichts zufrieden zu sein ist aber auch keine Lösung. Also gestehe ich Blade Runner 2049 zu, dass die monströse Zukunftsoper zumindest, was den Plot angeht, halbwegs neue Einsichten liefert und die Geschichte rund um Mensch und Replikant bereichert. Wer aber die Neuauflage der SciFi-Serie Battlestar Galactica kennt, wird von alldem, was in Blade Runner 2049 passiert, nicht mehr überrascht sein. Die 5staffelige Serie mit Origami-Künstler Edward James Olmos in der Hauptrolle hat sich mit der Frage nach der Gleichheit von Android und Mensch bereits intensivst auseinandergesetzt und Dick´s Ideen konsequent weitergeführt. Villeneuve tut nichts anderes. Zumindest nichts Neues. Aber dennoch – Gewichtigkeit hat seine erzählerische Erkenntnissuche trotzdem.

Zu erkennen ist in der düsteren, vergifteten Atmosphäre einer zerrütteten Welt aber nur wenig. Dieses diffuse, flächendeckend bebaute und beackerte, technologisierte Nordamerika dominiert über ausgewalzte zweieinhalb Stunden lang in teils atemberaubenden, gigantomanischen Kulissen, Bauwerken und Bildern das kunstbeflissene Machwerk. Kameramann Roger Deakins leistet Meisterliches. Wenn man so will, kann man den Bilderstürmer, der auch für Filme wie Skyfall, Prisoners und Sicario verantwortlich zeichnet, mit Villeneuve als Regisseur auf eine Stufe setzen. Was Blade Runner anno 82 schon visuell fabelhaft gemeistert hat, wird aber in 2049 über die Maße aufgeblasen. Da reicht es nicht, mit beeindruckenden Kamerafahrten durch düstere Häuserschluchten zu gleiten und damit Akzente zu setzen. Die Akzente werden zum Grundtonus und ziehen sich nicht ganz mühelos durch den Film. Langsam, schleppend, wie eine getragene Wagner-Oper. Riesige Statuen, Schiffswracks und immobile Bauwerke ragen aus dem staubbeladenen Dunst. Die Welt, eine Reise in die Tiefsee, als wäre man weit unter dem Meer. Damals hat Vangelis dazu einen akzentuierten Soundtrack geliefert. Hans Zimmer hat den Stil nun beibehalten, überlagert den Film aber zu oft mit sphärischen Klängen und Donnerschlägen aus dem Synthesizer, welche die unheilvolle, getragene Szenerie fast schon prätentiös wirken lassen. Prätentiös ist auch Jared Leto als Leander Wallace. Seine Szenen im fahlen Licht im Inneren der ehemaligen Tyrell-Pyramide tragen den Charakter einer Burgtheater-Inszenierung. Mit einer Brise unfreiwilliger Komik, die er sich mit Harrison Ford teilt. Der alternde Star findet sich in dem Film zwar irgendwie zurecht, wirkt aber etwas bemüht.

War es ein Fehler, vorher nochmal das Original zu genießen? Oder hätte ich das vermeiden sollen? Hätte mir Blade Runner 2049 dann besser gefallen? Ich hätte zwar vielleicht nicht alle Details verstanden, aber vielleicht wäre mir die ambitionierte Nachahmung all der Qualitäten von Blade Runner nicht so sehr aufgefallen. Villeneuve, der von sich sagt, er versuche sein Ego außen vor zu lassen, begibt sich erst recht auf einen Egotrip, der sich, je weiter der Film voranschreitet, immer mehr verlangsamt. Schleppend und träge zieht sich die Handlung dahin, durchsetzt mit Bedeutungsschwere, die plakativ bleibt und die ansonsten fein nuancierte Geschichte selten unterstützt. Und nach der sitzfleischfordernden Zeit im Dunklen festigt sich die Erkenntnis, dass Kultfilme selten gelungen fortgesetzt werden können. Wenn, dann unmittelbar danach. Aber nicht 30 Jahre später. Notwendig wäre das stilistisch perfekte Blade Runner 2049 nicht gewesen, aber welche Fortsetzung ist das wirklich? Bleibt zu hoffen, dass von Blade Runner 2079 die Finger gelassen werden. Sonst haben wir womöglich ein neues Matrix Revolutions.

Blade Runner 2049

Blade Runner

GOLEMS WIEDERKEHR

9/10

 

bladerunner© 1982 Warner Bros. / Quelle: bitterempire.com

 

LAND: USA 1982

Regie: Ridley Scott

Mit Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Edward James Olmos u. a.

 

„Sie gehen durch eine Wüste. Vor ihnen liegt eine Schildkröte am Rücken. Sie drehen die Schildkröte nicht um. Was empfinden Sie dabei?“ Nur eine von vielen Fragen, die im Rahmen eines Roboter-Tests einen Replikanten vom Menschen unterscheiden soll. Replikanten, das sind den Homo sapiens perfekt imitierende Androiden, deren Aufstände auf intergalaktischen Kolonien zu einem Aufenthaltsverbot auf der Erde geführt haben. Dabei wäre die Bezeichnung „Roboter“ geradezu beleidigend. Nichts unterscheidet den künstlichen Menschen von seinem Vorbild aus Fleisch und Blut. Nur die Dauer der Existenz. Die ist mit nur vier Jahren für eine synthetische Intelligenz unerhört kurzgefasst. Was tun mit vier Jahren Lebenszeit? Wohin mit all den Erfahrungen, Gefühlen und Träumen? Träumen Replikanten überhaupt? Wie nehmen sie ihre Umgebung wahr?

Lang, sehr lange ist es her, seitdem ich Blade Runner zum ersten Mal gesehen habe. In der handelsüblichen, offiziellen Kinofassung und dem versöhnlichen Ende. Einem Ende, das Ridley Scott so nie gewollt hatte, war und ist das Werk doch sein künstlerisch bedeutendster Film, wenn nicht überhaupt sein bester. Damals, als ich Blade Runner gesehen habe, hat es einen Directors oder Final Cut überhaupt noch nicht gegeben. Der Directors Cut entzieht sich bis heute meiner Kenntnis. Der Final Cut allerdings hat sich mir jetzt erst erschlossen. Und mehr noch als damals hat mich die Verfilmung von Philip K. Dicks Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? in vielerlei Hinsicht überzeugt.

Blade Runner war für das Genre des dystopischen Science-Fiction Films und überhaupt des modernen Kinos tatsächlich ein Paradigmenwechsel. Und hat nach 35 Jahren nichts von seiner visuellen wie dramaturgischen Kraft verloren. Es verhält sich fast so wie mit Stanley Kubricks 2001. Der 1968 entstandene Film ist von zeitlosem Charakter. Blade Runner erreicht mit ähnlichem Phänomen ebenfalls den Status eines Kultfilms. Alleine schon die Ouvertüre ist von einer wuchtigen Sogwirkung, nicht zuletzt aufgrund der Klänge von Vangelis und dem hypnotisch langsamen Gleitflug über den Moloch Los Angeles, einer sowohl beängstigenden wie majestätischen Megacity, welche die Wiege einer expandierenden Menschheit verkörpert, die sich selbst und das Wesen des Menschseins verraten hat. Dann kommen die Gebäude der Tyrell Corporation ins Bild – mächtige Pyramiden, gigantischen Mausoleen gleich. Zur Huldigung einer neuen Gottheit. Oder einer Gottlosigkeit. Gott ist aber bei Blade Runner kein Thema. Die Götter – das sind die Menschen selber. Und die werden gestürzt. Durch eine Rasse, die dasselbe Leben leben will wie ihre Erbauer. Philip Dick´s literarisches Oeuvre ist durch die Bank geprägt von einer paranoiden Angst vor einem alles überwachenden System, vor einer diktatorischen Oligarchie, vor der es kein Entrinnen gibt. Und von Visionen einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat und die sich außerstande sieht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Eine auf Gier und Machtstreben fußende Bürde, die ein Eigenleben entwickelt. So geschehen in der Epoche des Kolonialismus. Eroberung und Ausbeutung haben zu Armut, Flucht und Terror geführt. Symptome, die sich bis heute bemerkbar machen. Diese Symptome sind im Jahre 2019 als Replikanten anzusehen. Die nichts anders wollen, als Teil des großen Ganzen zu sein. Die nicht weniger menschlich sind, nur weil sie künstlich sind. Denn wenn auch der menschliche Körper organischen Ursprungs ist, scheint er nicht weniger mechanisch zu sein. Ein Zusammenspiel der Funktionen. Biochemische Prozesse, die Fühlen und Denken erzeugen. Wenn alles Leben schon Chemie ist, dann sorgt die Chemie auch im Inneren eines künstlichen Menschen für allerlei Fragen nach dem Woher und Warum. Dick stellt den Menschen und die Maschine auf eine Ebene. Lässt ihn statt schwächer stärker werden. Wie Rabbi Löw´s Golem. Nur effizienter und zielgerichteter. Und ohne böser Absichten. Die hat selbst Rutger Hauer alias Roy Batty nicht. Doch die Politik der Zukunft stellt den Replikanten ins kriminelle Eck, lässt ihn verzweifelt philosophieren – und dementsprechend handeln.

Wenn Android Batty im nächtlichen Regen über das Leben nachdenkt, ist das eine nachhaltige Szene, die den düsteren Thriller in seiner Essenz berührt. Blade Runner ist im Grunde ein klassischer Film Noir. Schon allein Harrison Fords Rolle als abgehalfterter Replikantenjäger Rick Deckard und seine Beziehung zur mysteriösen Rachael weckt Erinnerungen an Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Doch statt Oldtimer und schummrige Bars sind es fliegende Taxis, haushohe Neonreklamen und grelle Scheinwerfer, deren stets in Bewegung befindliches Licht durch die Jalousien schmutziger Fenster in dunkle Wohnräume kriecht. Überhaupt ist die Bildsprache und Symbolik des Films prägend für viele spätere Klassiker des Kinos und kann oder wird sogar als wegweisendes Lehrbeispiel für Filmschaffende dienlich sein. Wenn Ridley Scott Licht und Schatten komponiert, dann ist das Filmkunst vom Feinsten. Seine perfekt in Szene gesetzten Bilder und Settings finden ihren Höhepunkt in der Wohnung des Biomechanikers J.F.Sebastian, in der es die Punk-Androidin Daryl Hannah mit Deckard aufnimmt. Assoziationen an Andrej Tarkovskij und Terry Gilliam werden wach. Es könnte sogar sein, dass Gilliam, der 1985 mit Brazil ein weiteres Meisterwerk rund um orwell´sche Fantasien auf die Leinwand brachte, überhaupt erst mit der Sichtung von Blade Runner Tür und Tor für seine eigene unverwechselbare Bildsprache aufgestoßen hat.

Blade Runner ist ein visionäres Werk, das in seinen Details mehr ist als in deren Summe. Es lässt sich sogar verstehen, warum der futuristische Psychokrimi erst ein Flop gewesen war, bevor er zum Kultfilm avancierte. Anders als Star Wars oder Indiana Jones ist Blade Runner bei Weitem kein Blockbuster oder Stoff für die breite Masse. Blade Runner ist eigentlich ein kleiner Film. Kein Epos oder Spektakel, sondern Arthouse-Kino für anspruchsvolle Cineasten. Sperrig, metaphorisch, irrlichternd. Ein grimmiger, regennasser Diskurs über so vieles, was den urbanen Menschen ausmacht – und über das, was ihn verführt und geißelt.

Blade Runner

Vier gegen die Bank (2016)

ZURÜCK ZU DEN WURZELN

5/10

 

vierbank

REGIE: WOLFGANG PETERSEN
MIT TIL SCHWEIGER, MICHAEL BULLY HERBIG, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, JAN JOSEF LIEFERS

 

Was war das doch für ein erschütterndes Meisterwerk. Mit Das Boot hat Regie-As Wolfgang Petersen neue Parameter für das Genre des Kriegsfilms festgelegt. Vorallem die auf eine Miniserie übertragene Langfassung seiner U-Boot-Tragödie bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Kein Wunder, dass Hollywood auf den Mann aufmerksam wurde. Auch in Übersee konnte Petersen beweisen, dass sein Talent für Spannungsstoffe keine Eintagsfliege gewesen war. Ich erinnere mich gerne an In the Line of Fire zurück – wohl sein bester Film aus Hollywood. Schade nur, dass der Katastrophenthriller Poseidon zum Waterloo des Regisseurs wurde. Diese Niederlage war für den Emdener so erschütternd, dass er 10 Jahre lang keine Regie mehr übernommen hat. Gut, Fehler können passieren. Flops müssen in Folge irgendwann sein, aber dass man gleich das Handtuch wirft – da muss es noch andere Ursachen gegeben haben.

Wie auch immer – seine Rückkehr ins Kino ist zwar lobenswert, und ich wünsche mir für Wolfgang Petersen, dass er wieder zu jener Begeisterung zurückfindet, die er einmal gehabt zu haben scheint. Doch mit der launig-belanglosen Krimikomödie Vier gegen die Bank tut er sich selbst und der Welt keinen sehr großen Gefallen. Auch wenn Til Schweiger diesmal eine wirklich sehenswerte Selbstparodie hinlegt: Besser als ein mittelmäßig budgetierter Fernsehfilm ist das Comeback nicht geworden. Ob mit oder ohne illustrer Besetzungsliste – das Remake seiner 1976 erstmals selbst inszenierten Heist-Komödie ist so banal und von infantiler Ungenauigkeit, dass in keinster Weise Spannung aufkommt. Einzig manch eine Szene mit Michael Bully Herbig hat skurrilen Charme, wie zum Beispiel jene, in der er als Flitzer vor dem Papst auch noch das letzte Bisschen Selbstachtung verliert. Doch entspricht so ein entbehrlicher Film dem Kaliber eines Wolfgang Petersen, der die Schlacht von Troja inszeniert und den amerikanischen Präsidenten entführt hat? Wohl eher nicht. Wenn Vier gegen die Bank als Fingerübung dienen soll, um wieder ins Geschäft zu kommen, dann kann ich es als leidlich gelungenen Neueinstand akzeptieren. Ist der Kalauerkrimi aber eine ernstgemeinte Regiearbeit, mit welcher sich der Schöpfer von Das Boot wieder rehabilitieren möchte, dann muss ich leider sagen: Sorry Wolfgang: Gesehen, geschmunzelt, vergessen. Sowas kannst du besser.

Vier gegen die Bank (2016)

Schweinskopf al dente

FÜR DIE WÜRSCHT ´

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schweinskopf

Zefix no amoi! Jetzt ist in dem bayrischen Kaff Niederkaltenkirchen schon wieder was passiert. Ach so, sorry, dieses Zitat hat ja seinen Ursprung in den Krimis von Wolf Haas. Da sind wir komplett am falschen Dampfer. Der launige Provinzsheriff Eberhofer hat es diesmal mit allerhand Schweinernem zu tun – und damit meine ich nicht unbedingt die tägliche Leberkäsesemmel zum Frühstück. Als Finsterling aus den süddeutschen Wäldern steht ihm niemand geringerer als Moretti-Bruder Gregor Bloeb im Weg. Dass der Ehemann von Vorstadtweib Nina Proll tatsächlich so diabolisch aufspielen kann, ist in der nun schon dritten Verfilmung von Rita Falk´s aberwitziger und schwarzhumoriger Bestsellerreihe die wohl einzige erstaunliche Erkenntnis, die man sich aus dem biederen Schwank mit nach Hause nehmen kann. Denn mehr als ein Schwank ist Schweinskopf al dente leider nicht geworden.

Dabei waren die Erwartungen schon etwas höher angesetzt, nach dem gelungenen Erstling Dampfnudelblues und der nicht weniger sehenswerten Fortsetzung Winterkartoffelknödel, obwohl die Abwesenheit Gisela Schneebergers als Omi schon beim zweiten kinotauglichen Kriminalfall leider schmerzhaft ins Gewicht gefallen war – Enzi Fuchs ist in ihrer griesgrämigen Art leider kein Ersatz für Gerhard Polt´s langjährige Filmpartnerin. So muss man nun mit der Zweitbesetzung Vorlieb nehmen – wenn es weiter nichts wäre! Doch das, was in den Büchern tadellos funktioniert, nämlich das skurrile Lokalkolorit, die süffisante Ich-Erzählweise des Eberhofers, die regelmäßig und meist selbstverschuldet zum Handkuss kommenden Saufbrüder Simmerl und Flötzinger (der eine Fleischhauer, der andere Installateur) und die Verkettung kurioser Ereignisse wirkt im Kino nur leidenschaftslos aufgewärmt und hat den Hang zur klamaukigen Sketchparade. Wobei die Eberhofer-Krimis eigentlich etwas ganz Anderes sind. Die geschriebenen Geschichten setzen sehr auf kauzige Stimmung – Schweinskopf al dente tut dies leider nicht.

Auf dem Niveau eines Krüger/Gottschalk-Vehikels kalauern sich die ansonsten treffend besetzten Schauspieler durch ein Drehbuch, dass seine Schwierigkeiten hat, wie aus einem Guss zu wirken und Pointen ohne Gefühl für Timing in plumper Aneinanderreihung versemmelt. Da möge die gewagte Optik noch so innovativ daherkommen – den Schweinskopf kann sich der Weißwurstpolizist behalten. Ich lese lieber das Buch.

 

Schweinskopf al dente

Zoomania

DEM FAULTIER EINEN WITZ ERZÄHLEN

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zoomania

Wollt ihr mehr über das liebe Federvieh und ihr ungeheuer neurotisches Verhalten wissen? Dann müsst ihr euch Angry Birds ansehen. Oder hättet ihr mehr Lust auf Filme über Chamäleons und ihre nicht minder eigenwillige schuppige Verwandtschaft? Dann wäre wohl Rango von Gore Verbinski die richtige Wahl. Wenn aber jene beiden Bereiche des kinematographischen Tiergartens immer noch nicht zufriedenstellen, wartet immerhin noch ein ganz besonderes Zoo-Erlebnis auf uns. Nämlich das Abenteuer Säugetiere. Und ehe wir uns versehen, finden wir uns in Zootopia wieder.

Ja, Zootopia, das ist kein Tippsler. Im Original heißt der Film nämlich so. Völlig unverständlich, wieso Zootopia in Zoomania umgetauft wurde, bezieht sich doch das Kürzel – topia – auf einen Platz bzw. auf eine Region, ursprünglich, wie so viele Wörter, aus dem Griechischen kommend. Das Attribut mania hingegen bezieht sich auf eine Manie, auf Wahnsinn oder Raserei – wie auch immer. Wir kennen das schon aus Starmania. Daher ist es relativ befremdlich, wenn in der deutschen Synchronisation von Zoomania die Rede ist, als Bezeichnung einer überdimensional großen Stadt voller Säugetiere. Und in diesem phänomenalen Paradies der Kuscheltiere, das wiederum unterteilt ist in unterschiedliche Klimazonen, damit sich sowohl Eisbär als auch Gürteltier wohlfühlen können, geschieht ein Verbrechen. Und wer von all den Nagern, Huftieren, Krallen- und Samtpfoten wird der Sache auf den Grund gehen? Das äußerst knuffige Karnickel- oder Hasenmädchen Judy. Im Schlepptau einen zwielichtigen Fuchs, ein charmanter Ganove, der unfreiwillig zum Handkuss kommt.

Diesmal ganz ohne Unterstützung der Trickmagier aus Pixar wuchten die Disney Animations Studios ganz im Alleingang eine mitreißende Fabel auf die Leinwand, die in Charakterzeichnung, Story und Ideen dem Studio mit der hüpfenden Schreibtischlampe um nichts nachsteht. Zoomania ist rundum gelungen – und vor allem eines: sehr witzig. Wohl jetzt schon eine Szene mit Kultpotenzial ist die Begegnung mit dem Faultier hinterm Schalter am Verkehrsamt. Für alle, die sich bislang immer schon gefragt haben, wie es wohl ist, einem Faultier einen Witz zu erzählen, hat jetzt die Gelegenheit dazu, sich schiefzulachen. Überhaupt lassen die Macher des Filmes kein tierisches Klischee unerwähnt, angefangen von den Spitzmäusen bis hin zu den Elefanten. Und wenn dann der Unterweltboss Zoomanias in Gestalt eines Opossums dem guten alten Don Corleone die Ehre erweist, weiß man, dass das Geld für die Kinokarte kein rausgeschmissenes war. Und dabei haben wir es nicht mal nur mit einem klamaukigen, turbulenten Abenteuer zu tun, dass lediglich den Nachwuchs erfreut, während die Erwachsenen im Dunkel des Kinosaales immerwährend auf die Uhr schielen. Nein – Zoomania bedient das gesamte Besucherspektrum, wobei die ganz Kleinen im Publikum angesichts der komplexen Krimihandlung sehr wahrscheinlich w.o. geben werden. Aber sei´s drum – das Rendezvous im Tierreich entschädigt für jeglichen inhaltlichen Blindgänger.

Das aufgeweckte urbane Abenteuer ist zugleich kurioser Krimi und Situationskomödie vom Feinsten. Eine ausgefuchste Fabel, die an die Disney-Klassiker Basil – der große Mäusedetektiv oder Bernard und Bianca erinnert. Mit einer Story, die tierisch menschelt, ungezwungen sympathisch daherkommt, pointiert parodiert und die Fauna unseres Planeten zu schätzen weiß. Die Stadt, in der sich Fuchs und Hase im wahrsten Sinne des Wortes Gute Nacht sagen, ist auf alle Fälle einen Besuch wert.

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Zoomania

Jack Reacher: Kein Weg zurück

DON´T FEAR THE REACHER!

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jackreacher

Was ist mit Tom Cruise passiert? Der ewige Maverick und Scientology-Aushängeschild hat sich nun endgültig von seinem juvenilen Image verabschiedet. Er ist zum Mann gereift. Zu einem relativ verbrauchten Helden mit leichtem Übergewicht, Ecken, Kanten und beginnendem Faltenwurf. Dieser Look ist zwar ungewohnt, aber ist zumindest endlich einmal altersadäquat und steht ihm gar nicht so schlecht zu Gesicht.  Und passt überraschenderweise zum Film, der auch um Einiges besser geworden ist als der Erstling mit Bösewicht Werner Herzog und völlig uninteressantem, reichlich konfusem Plot.

Jack Reacher: Kein Weg zurück, als Romanfigur ersonnen von Lee Child und neu aufbereitet von Edward Zwick, dessen Psycho- und Politdrama Bauernopfer ich kürzlich rezensieren durfte, überzeugt mit einer geradlinigen Story, die sich bequem verfolgen lässt und sehr stark an die Jason Bourne-Filme erinnert. Mit dem Unterschied, dass Tom Cruise etwas weniger genervt an die Sache herangeht als Matt Damon. Gut, Mr. „Top Gun“ hat ja auch noch nicht so viele Sequels auf dem Buckel wie Damon, vielleicht kommt das ja noch. Momentan ist Jack Reacher noch ziemlich motiviert, hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ein ziemlich perfekt ausgearbeitetes Verteidigungsprogramm, auch ganz ohne zusätzlicher Bewaffnung. Ihm zur Seite steht Ex-HIMYM-Grazie Cobie Smulders, die uns weismachen will, Major beim US-Militär zu sein. Nun, so ganz kann ich ihre Kompetenz nicht nachvollziehen, da war Demi Moore in Eine Frage der Ehre schon glaubwürdiger. Smulder´s Ausstrahlung macht es aber wieder wett, und so geraten alle beide, gemeinsam mit Reacher´s vermeintlicher Tochter, in einen Strudel aus Verfolgen und Verfolgt werden. Das zieht sich den ganzen Film hindurch, dazwischen gibt es kurze Verschnaufpausen in irgendwelchen Hotelzimmern oder im Auto. Sonst aber ist High-Speed angesagt, was dem Actionreißer durchaus zugutekommt.

Problematisch dabei ist allerdings seine inhaltliche Konventionalität. Damit meine ich weniger den Kern der Geschichte an sich. Vielmehr passiert Jack Reacher das, was – um ihn noch einmal zu zitieren – Jason Bourne oder ähnlichen weltrettenden Idealisten wiederfahren ist: Sie sind zu handlungslastig und zu schnell, um in Erinnerung zu bleiben. Sofern sie keine Atmosphäre, keine Tiefe und keine Persönlichkeiten aufbauen, unterhalten diese Filme zwar für den Moment, verschwinden aber aus dem Gedächtnis oder verschmelzen mit anderen Produktionen der gleichen Machart. Wobei, wie schon vorhin erwähnt, Jack Reacher um einen Tick mehr Stimmung erzeugt. Wahrscheinlich aufgrund der zu eigentlichen Thrillerhandlung paralell laufenden Vater-Tochter-Geschichte, die einen verletzlichen Tom Cruise zeigt. Kann sein, dass Zwick´s Sequel über den einzelgängerischen Mitlitärdetektiv etwas länger haften bleibt.

Fazit: Ein zum Glück und nicht ganz faltenfrei gebügelter Thriller klassischen Aufbaus, sehr konventionell und vorhersehbar, aber atemlos inszeniert, kurzweilig und mit einem Ensemble, das gut miteinander auskommt.

 

Jack Reacher: Kein Weg zurück

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel

MORD NACH OMAS REZEPT

6/10


eberhofer

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2013/14

REGIE: ED HERZOG

CAST: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, ENZI FUCHS, ILSE NEUBAUER, EISI GULP, SIGI ZIMMERSCHMIED, STEPHAN ZINNER, DANIEL CHRISTENSEN, LISA MARIA POTTHOFF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 – 36 MIN


Seit Dem Bullen von Tölz oder den Rosenheim Cops stehen zumindest auf den heimischen Bildschirmen bayrische Heimatkrimis hoch im Kurs. Um mitzuziehen, hat man in Österreich mit der TV-Filmreihe „Landkrimi“ jedem Bundesland ein mörderisches Denkmal gesetzt. Die gewiefte Wortkabarettistin und erfolgreiche Autorin Rita Falk hat mit viel Humor, Lokalkolorit und rabenschwarzen Todesfällen eine höchst unterhaltsame Krimireihe auf den Markt gebracht, die jetzt der Reihe nach verfilmt wird. Schade dabei, dass Josef Hader kein Bayer ist, doch sein Alter Ego ist bereits Wolf Haas´ Kommissar Brenner.

Der Polizist Eberhofer, von Sebastian Bezzel als finnisch anmutende Antwort auf Ottfried Fischer herrlich lakonisch wiedergegeben, steht dem verkorksten österreichischen Ex-Ermittler um nichts nach, nur die depressiv-nihilistische Weltsicht wird durch improvisierenden Pragmatismus ersetzt. Dabei sind die Kriminalfälle selbst, so schräg und skurill sie auch daherkommen mögen, geradezu zweitrangig. Viel sehenswerter ist das dörflich-ländliche Lokalkolorit, die verschrobenen Charaktere, seltsamen Begebenheiten und freiwillig oder unfreiwillig komischen Anekdoten über das Auf und Ab eines gesellschaftlichen Mikrokosmos aus der Provinz. Dieses Erzählkonzept eines Milieu- oder Lokalkrimis hat schon bei der mittlerweile zum Kult gewordenen Reihe von Kottan ermittelt funktioniert. Auch hier sind Figuren und das Rundherum, vorallem aber die absurd-schrägen Einfälle fernab der geradlinigen Krimihandlung das eigentlich Besondere.

Durch den Einsatz von optischen Raffinessen wie Fischauge und Weitwinkelobjektiv erhalten die Verfilmungen der literarischen Vorlage Rita Falks noch einen zusätzlichen Kick an Absurdität und fangen den Stil der Bücher ziemlich gut ein, obwohl, wie so oft, das geschriebene Wort einfach mehr Möglichkeiten hat, im eigenen Kopf die Geschichte wohl am Besten zu illustrieren. Was Eberhofer mit Brenner noch gemeinsam hat ist der Sidekick Simon Schwarz, der wiedermal alle Register seines komödiantischen Könnens zieht. Allerdings kann Enzi Fuchs Ilse Neubauer als ewig schwerhörige und durch die Gegend schreiende Oma des Polizisten Eberhofers, die sich wie ein roter Faden durch die Krimiabenteuer zieht, leider nicht das Wasser reichen. Im dritten Krimi – Schweinskopf al dente – dürfte sich Enzi Fuchs aber wohl eher durchsetzen.

Dampfnudelblues / Winterkartoffelknödel