Red Notice

HELDEN DER UNWAHRSCHEINLICHKEIT

4/10


rednotice© 2021 Netflix / Frank Masi


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: RAWSON MARSHALL THURBER

CAST: DWAYNE JOHNSON, RYAN REYNOLDS, GAL GADOT, RITU ARYA, CHRIS DIAMANTOPOLOUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Steven Spielberg und George Lucas haben uns gezeigt, dass im Kino nicht immer jene physikalischen Gesetze gelten müssen, denen unser Universum folgt: die Zeit ist zum Beispiel dehnbar, meist gelingen Dinge stets auf die Sekunde genau. Verletzungen brauchen alle keinen Arzt und die Bösen schießen sowieso daneben. Macht aber alles nichts, dafür ist Kino da, und es ist der Witz und die Fantasie und das Zusammenspiel eines gut aufgelegten Ensembles, das dazu führt, dass man mit Verzerrungen der Realität dem Helden immer noch auf Basis gewisser Plausibilitäten ermöglichen will, zu gewinnen.

Neuerdings gibt es Filme wie zum Beispiel Red Notice, die ebenfalls wollen, dass ihre Stars das Glück auf der Straße finden. Allerdings sollte den Abenteuern nicht alles in den Schoß fallen. Rawson Marshall Thurber (Central Intelligence, Skyscraper) weiß natürlich, dass im Kino andere Regeln gelten. Es sollte aber immer noch ein gewisser Prozentsatz an Wahrscheinlichkeit erhalten bleiben, und zwar ist das einer, der den Plot erst griffig macht.

Die drei Superstars Gal Gadot, Dwayne Johnson und Ryan Reynolds rangeln sich im 130. Netflix-Original, das zudem auch die teuerste Produktion des Streaming-Riesen sein soll, um drei antike Schmuckeier aus ptolemäischen Zeiten. Artefakte, die Indy schlaflose Nächte bereiten würden. In dieser Actionkomödie jagt Dwayne Johnson Ryan Reynolds nach dem Klau eines dieser Eier quer über den halben Erdball. Was beide nicht wissen: der fürs FBI arbeitende Informant namens Läufer (im original Bishop – gemäß der Schachfigur) hat es ebenfalls auf diese Artefakte abgesehen – und bringt sowohl Johnson als auch Reynolds hinter Gitter nach Russland. Fragt sich, warum gerade dorthin und warum ohne fairen Prozess? Doch es ist nun mal so, und statt Stallone und Schwarzenegger schließen sich diese beiden Kerle nun zusammen, um einen Escape Plan in die Tat umzusetzen und der schönen Gal Gadot mit dem Entwenden der anderen beiden Eier zuvorzukommen.

Was genau an Red Notice nun so viel Geld gekostet hat, lässt sich womöglich nur mit den horrenden Gagen der drei A-Liga-Stars erklären. Der Rest ist gängiges Handwerk, schon zig-mal in anderen Filmen quer durch die Geschichte des Abenteuerfilms erprobt, insbesondere im Subgenre der wetteifernden Schatzsuche. Red Notice (der Titel klingt etwas zu bürokratisch und ein bisschen nach nüchternem Spionagedrama) ist ein Zitate-Potpourri aus Spielbergs Mottenkiste, Killers Bodyguard oder Verlockende Falle mit Catherine Zeta-Jones. Alles schon mal da gewesen. Und alles gar nicht möglich. Will heissen: in dieser Hochglanz-Action ist viel zu viel viel zu sehr vereinfacht. Das Ausreizen der Unwahrscheinlichkeiten, die in voraussehbaren Klischees ihre Manifestation finden, ist schon etwas unverschämt. Auch Reynolds und Johnson ziehen ihre gewohnte Masche durch, letzterer gar ein bisschen teilnahmslos.

Red Notice ist ein trivialer Film, der sich gänzlich auf seinen Star-Appeal verlässt. Wirklich zu bieten hat er ungefähr so viel wie ein wöchentliches Promi-Lifestyle-Magazin mit Haarshampoo-Probepackung und Wunderbaum für die noble Karosse. Hat man es mal durchgelesen, bleibt nichts hängen, ausser das schale Gefühl, seltsam unterschätzt worden zu sein.

Red Notice

Night Teeth

ZÄHNEFLETSCHEN AM RÜCKSITZ

5,5/10


nightteeth© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ADAM RANDALL

CAST: JORGE LENDEBORG JR., DEBBY RYAN, LUCY FRY, ALFIE ALLEN, RAÚL CASTILLO, ALEXANDER LUDWIG, MEGAN FOX U. A. 

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Längst sind sie da, wir wissen es nur nicht: Vampire – verfluchte Untote mit Stil, Tischmanieren und Intellekt.Urvater Dracula legt natürlich die Latte hoch. Der war schließlich ein Graf und klug genug, sich stets Vorteile zu verschaffen. Oder eben Kompromisse einzugehen. So einen Pakt schlossen in diesem erst kürzlich auf Netflix veröffentlichten Eckzahn-Thriller Blutsauger mit Menschen bereits schon vor 100 Jahren. Bislang haben sich noch beide Parteien an die Abmachungen gehalten, ganz nach dem Motto: du kommst mir nicht in die Quere, und ich dir nicht. Und ja, wir wissen auch – es reicht immer ein Einzelner, um das ganze mühsam errichtete Gefüge zum Einsturz zu bringen. Dieser Einzelne ist Vampir Victor, der sich als möglicher Clanleader hintergangen fühlt und aus Trotz und Eitelkeit gleich die ganze Stadt übernehmen will. Hierfür schickt er zwei seiner Mädels in den nächtlichen Großstadtdschungel, um den partyfeiernden, blutschlürfenden Pöbel, der ihm in die Quere kommen könnte, auszumerzen. Die wiederum buchen dafür einen Chauffeur, der zufällig auch den Menschenclan vertritt: der Mexikaner Jay. Dumm nur, dass Jay an diesem Abend ganz andere Termine wahrnehmen muss, währen der kleine Bruder Benny die ganze rote Blutsuppe alleine auslöffeln muss, sehr zu seinem Missfallen.

Bei Night Teeth schien man wohl recht unschlüssig, für welches Zielpublikum diese teils handzahme, teils ganz vergnügliche, teils ein bisschen blutige Neu- und Uminterpretation von Michael Manns Taxi-Thriller Collateral mit Tom Cruise wohl geeignet sein kann. In diesem Bemühen, das breite Spektrum der Young-Adults abzudecken, gerät der Film in eine unausgegorene Zwangslage: nämlich dem Wunsch, zu zeigen, was man nicht zeigen darf, auf unwillige, aber resignative Weise zu wiederstehen. Ach würde man doch den Blutkonsum so ausufernd zelebrieren können wie im handfesten Reißer Daybreakers oder im eiskalten Polarnacht-Horror 30 Days of Night. Zumindest aber dürfen Vampire ihrem klassischen Steckbrief mehr entsprechen als die im Sonnenlicht glitzernden Convenience-Vampire aus Twilight. Bis heute lässt sich diese Blutverdünnung nur schwer verzeihen.

Die beiden Darstellerinnen Debby Ryan (Letztendlich sind wir dem Universum egal) und Lucy Fr, die bereits mit Vampire Academy Erfahrung im Blutsaugergenre sammeln konnte, schwören auf ihre zudringlichen Skills und präsentieren auch auf recht elegante Weise ihren Bonus an der Kauleiste. Ihre Rollen verkörpern sie tatsächlich mit Spaß am Spiel, irgendwo zwischen Joss Whedons Buffyverse und Teenieromanze. Fragen wie: Was würdest du tun, wenn es deine letzte Nacht wäre, kokettieren mit Zweideutigkeiten und lenken das urbane Roadmovie in die entsprechende Richtung. Wuschelkopf Jorge Lendeborg (Bumblebee) tut was er kann, um verzweifelt zu wirken, während er versucht, den Mut eines Slackers aus dem Hut zu zaubern. Das Dreieck stimmt, alles andere ist halbgar, vom Lack- und Lederfetischismus aus den Underworld-Filmen gibt es keine Spur, denn die Vampire, die haben sich eben noch besser in den Alltag integriert als in Beckinsales strenger Kammer. Vieles sonst scheint fehlbesetzt, wie zum Beispiel Alfie Allen, der gerne die Rolle mit Megan Fox hätte tauschen sollen. Ihr überraschend kurzer, schicker Cameo enthält das Potenzial für einen ganzen Film. Sie als Endgegnerin hätte man als Gutmensch zwar nicht haben wollen, wäre aber für die Qualität des Films die bessere Option gewesen.

Night Teeth

Killer’s Bodyguard 2

DIE UNGEZÄHMTEN WIDERSPENSTIGEN

7,5/10


killersbodyguard2© 2021 Paramount Pictures

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: PATRICK HUGHES

CAST: RYAN REYNOLDS, SAMUEL L. JACKSON, SALMA HAYEK, ANTONIO BANDERAS, MORGAN FREEMAN, FRANK GRILLO, CAROLINE GOODALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Gäb’s für jedes Schimpfwort einen Euro in die Kaffeekassa, hätte sich das Sequel zu Killer’s Bodyguard womöglich selbst finanziert. Hier wird geflucht, was das Zeug hält, vorzugsweise aus dem Mund von Killerqueen Salma Hayek, die als hysterische Schreckschraube allen das Leben schwer macht. Selbst dem bereits sichtlich abgebrühten Samuel L. Jackson, der wirklich schon alles gesehen hat. Und Bodyguard Michael Bryce? Dem geht’s so wie Chefinspektor Dreyfus mit dem irren Clouseau: am Rande des Burnouts, und stets das Konterfei seines Schützlings vor Augen. Also wählt er das Sabbatical, zieht sich auf die italienische Insel Capri zurück und will mal nicht ans Bodyguarden denken. Kaum die erste Seite von Rhonda Byrnes The Secret gelesen, muss er im nächsten Augenblick schon in Deckung gehen. The Hitman’s Wife hat wieder alle Völker narrisch gemacht und braucht Bryces Hilfe, um ihren Gatten aus einer misslichen Lage zu befreien. Beide ahnen nicht, dass dieser Support eine Weltrettung von Bond‘schem Ausmaß nach sich ziehen wird, für welche die drei wohl am Ungeeignetsten scheinen. Oder aber vielleicht ist genau das der richtige Weg zur Lösung aller Probleme?

Nicht jeder Film steht und fällt mit dem Drehbuch. Nicht jeder Film hat ein solches auch nötig. Filme haben unterschiedliche Ambitionen. Manche wollen wirklich nur Geschichten erzählen. Manche das schale Libretto unter sensationellen Schauwerten begraben, hat es doch getan, was notwendig war, nämlich dem Film in eine gewisse Richtung zu lenken. So funktioniert das auch mit Killer‘s Bodyguard 2. Der Plot? Egal. Irgendwas mit einem beleidigten Griechen (Antonio Banderas mit künstlichem Haaransatz) und einem Computervirus, der ganz Europa lahmlegen soll. Prinzipiell würde einem da das Gähnen kommen. Nur nicht mit dem Trio Hajek, Reynolds und Jackson. Auch Teil 2 ist wieder heillos überzeichnet, ordinär, brutal und chaotisch. Allerdings ist sich die im Original erprobte Buddy-Chemie ihrer Qualitäten nun bewusst und legt hier noch einiges drauf. Es bleibt ein großer Spaß, Ryan Reynolds, der ja schon kurz davor in Free Guy wiedermal sein komödiantisches Talent bewiesen hat, dabei zuzusehen, wie er unentwegt den Kürzeren zieht. Wie er – einerseits weinerliches Papasöhnchen und kurz vor dem Nervenzusammenbruch, andererseits als pflichtbewusster Beschützer – eine Show abzieht, da gewinnt man wieder den Glauben an eine Wiederkehr der schnoddrigen Buddy-Komödien aus den 70ern und 80ern, vorzugsweise mit Gerard Depardieu und Pierre Richard. Samuel L. Jackson, immer noch der coolste Motherfucker auf diesem Planeten, tanzt gleich mit auf dem Parkett des Zoten-Humors. Wer führt, ist Nebensache, beide liefern sich gegenseitig die Pointen. Salma Hayek ist da nur das Zünglein an der Waage, denn bei dieser nonverbalen Schiene aus Blicken und Gesten, die Jackson und Reynolds fahren, bleibt die Furie mit Kinderwunsch außen vor. Dafür schimpft und ballert sie sich den Weg frei. Das ist derb, geschmacklos natürlich auch, nichts für Feinschmecker.

Und dennoch: Killer’s Bodyguard 2 ist um einen Tick sogar noch besser als der Vorgänger und man muss tags darauf immer noch schmunzeln, wenn einem Reynolds zerbröselndes Nervenkostüm wieder in den Sinn kommt. Spaß muss sein – und dafür ist der vorliegende Nonsens gerade richtig.

Killer’s Bodyguard 2

The Marksman – Der Scharfschütze

EIN MANN AN DER GRENZE

4/10


marksman© 2021 Leonine


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ROBERT LORENZ

CAST: LIAM NEESON, KATHERYN WINNICK, JACOB PEREZ, JUAN PABLO RABA, TERESA RUIZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Langsam wird er zu alt für diesen Sch… oder doch nicht? Müsste vorliegender Actionkrimi die eingangs erwähnte Feststellung berichtigen, so hilft alles nichts: Liam Neeson geht die Luft aus. Kann aber auch sein, dass es ganz schlicht und einfach die Rolle erfordert, so dermaßen genug vom Leben zu haben. Oder vom Filmemachen. Die Zeiten von 96 Hours scheinen lange vorbei, auch sein letzter Film – Honest Thief – hat sich da schon etwas eingebremst. Ein Leisertreten also, vor all diesen bösen, nimmermüden Buben, die als stereotype Abziehbilder dem alten Haudegen in der Sonne stehen. Irgendwie hat´s da was. Dabei wäre die Rolle des Marksman – also des Scharfschützen – auch eine dank- und denkbare für den mittlerweile über neunzig Jahre alten Clint Eastwood gewesen. Fragt sich nur, ob er die paar Prügelszenen auch noch so hinbekommen hätte wie Neeson. Wenn’s nämlich drauf ankommt, kann er das noch. Doch danach, wenn der Gegner am Boden liegt, heißt es verschnaufen.

In diesem Verschnaufmodus plätschert auch Robert Lorenz‘ schlichter Flüchtlingskrimi dahin, der nicht rein zufällig so aussieht, als wäre er im Grunde für Clint Eastwood bestimmt. Lorenz ist in erster Linie Produzent, und zwar für niemand geringeren als für den zum Kult gewordenen Dollar-Cowboy, und das schon seit Mitte der Neunziger Jahre. Clint Eastwood hat diese Rolle vermutlich abgelehnt. Morgan Freeman wäre noch in Frage gekommen. Oder Tommy Lee Jones. Hätten diese alternden Charakterköpfe ebenfalls eine ähnlich schleichende Stimmung erzeugt wie Neeson? Dabei ist letzterer nach wie vor gern gesehen, seit Schindlers Liste bleibt der Ire stets der Gutmensch, so widerborstig und eigenbrötlerisch und vielleicht so brutal er auch sein mag.

Als Grenz-Western beschreibt The Marksman – Der Scharfschütze eine Geschichte, die auf ein Post-It passt. Neeson als pensionierter US-Marine Jim Hanson (wie sonst könnte er so kämpfen) beobachtet tagaus, tagein den Grenzzaun zwischen Arizona und Mexiko, bis ihm eines Tages eine Mutter mit ihrem Jungen in die Arme läuft. Hinter den beiden her: austauschbare Handlanger irgendeines x-beliebigen mexikanischen Drogenkartells. Die Mutter stirbt, vorher nimmt sie Jim noch das Versprechen ab, ihren Dreikäsehoch zu seinen Verwandten nach Chicago zu bringen. Das macht er doch glatt, er ist schließlich ein Gutmensch, obwohl er vorgibt, mit dieser Entscheidung zu hadern und lieber seine Ruhe haben möchte. Doch es wäre kein Roadmovie der konventionellen Art, wäre das nicht der Beginn einer väterlichen Freundschaft mit einem durchaus aufgeweckten und souverän aufspielenden Jungdarsteller mit dazwischen platzierten, bleihaltigen Intermezzi.

Man könnte in The Marksman ja zwischendurch mal einnicken, ohne viel zu versäumen, aber bitte nur dann, wenn Neeson ebenfalls die Müdigkeit übermannt. Schwer schleppt sich der kleine Film über die Straßen. Um das Ganze etwas zu verdichten, bemüht sich Vikings-Star Katheryn Winnick völlig leidenschaftslos und formelhaft in einer undankbar rausgekürzten Rolle als Jim Hansons Tochter.

Wenn schon ein später Neeson, dann zumindest lieber Honest Thief. Ich hoffe ja doch, dass im kommenden LKW-Abenteuer The Ice Road der Sympathieträger mit der markanten Nase wiedermal zur Hochform aufläuft. Sonst war´s das vielleicht mal bald.

The Marksman – Der Scharfschütze

Cash Truck

NUR BARES IST WAHRES

7/10


CashTruck© 2021 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: JASON STATHAM, SCOTT EASTWOOD, HOLT MCCALLANY, JEFFREY DONOVAN, JOSH HARTNETT, LAZ ALONSO, RAÚL CASTILLO, NIAMH ALGAR, EDDIE MARSAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ein Mann übt Rache. Da schau her, doch so kreativ? Das kann einem im Grunde aber egal sein, denn Rache, die zieht immer. Und lässt sich auch im Bauchladen sämtlicher Billiproduzenten ganz ohne Déjà-vu-Effekt immer wieder auffüllen. Das ist der Stoff, auf dem die B-Movie-Schiene dahinfährt. Das ist auch der Stoff, der bereits im Jahre 2004 im französischen Thriller Cash Truck – der Tod fährt mit Verwendung fand. Müsste man theoretisch keinen Aufguss mehr machen. Aber Hollywood macht das immer. Weil Filme aus Übersee dortzulande einfach nicht funktionieren. Dabei kann der Stoff noch so billig sein, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Kleines Beispiel: Mehrere Künstler treffen sich in einem Atelier und malen eine inmitten des Raumes stehende, simple Vase, dabei dürfen sie ans Werk gehen, wie sie wollen. Bilder von Vasen, in denen Blumen stecken, gibt es viel zu viele, will doch keiner mehr sehen. Am Ende des Tages aber ist die Vase auf jedem Bild eine andere. Und Banales wird zu Besonderem. Dabei muss die narrative Basis nicht schon alle Stückchen spielen.

Dieses „Wie“ hat sich Guy Ritchie zu Herzen genommen. Filmfans kennen seinen persönlichen Stil: Erdig, kantig, lakonisch, hemdsärmelige Action und eine Vorliebe für das Actionkino der Siebzigerjahre, wo vorzugsweise im Tweed oder im grobem Textilsakko um die Ecke geschossen wird. Herumstehende Mannsbilder, mit markigen Textpassagen auf den Lippen. So funktioniert ein guter Ritchie, und trotz dieser banalen Vase als Kernstück seines Projekts hat dieser den plotmäßigen Ramsch so dermaßen gewieft aufpoliert, als hätten wir es mit einer völlig anderen und weitaus komplexeren Geschichte zu tun, als sie tatsächlich ist.

Das liegt auch an Ritchies Vergnügen, die Story nicht geradlinig ablaufen zu lassen, sondern zu zerschnipseln, irgendwo in der Mitte zu beginnen und die rätselhafte Bedeutung von Jason Stathams finsterer Figur langsam zu beleuchten. Keine Ahnung, ob das im Original auch so war. Ich jedenfalls würde vermuten, dass dieser dramaturgische Kniff neu ist. Ähnliches Muster gab es ja auch in seinem Vorgänger The Gentlemen, übrigens „der“ Geniestreich unter Ritchies Arbeiten. In Cash Truck (im Original: Wrath of Man) geht’s klarerweise und trotz des umgearbeiteten Scripts deutlich geradliniger zu. Und einsilbiger. Denn Jason Statham darf wieder mal, völlig spaßbefreit, die knallharte und bierernste Socke sein, die er immer gerne sein will. Das liegt ihm, wenn er nicht mit der Wimper zucken muss. Da weiß man schon: Bruder Mahlzeit, dieser Mann könnte im Alleingang alle Geldtransporer dieser Welt vor kriminellen Übergriffen schützen.

Das denkt sich die Firma, bei der Harry, genannt H, anheuert, bald ebenso. Schweigsam wie Chuck Norris und stoisch wie Statham eben selbst macht sich der Unbekannte in Arbeitskreisen bald einen Namen als Held und vor allem einer, der sich nichts gefallen lässt. Der mit griesgrämiger Miene ein finstere Vergangenheit mit sich herumträgt. Zeitgleich allerdings macht sich eine Bande Ex-Soldaten munter ans Werk: Ihr Plan ist es, nach mehreren Cash-Truck-Überfällen gleich das ganze Depot auszuräumen. Sie werden bald sehen, dass sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Denn H hat eine solche noch offen.

Das ist er, der ganze Plot. Doch schon allein der wummernde Score von Oscarpreisträger Christopher Benstead macht aus dem Actioner ein bisschen was Spezielleres. Die heftigen Töne, das grobkörnige Bild und ikonisch arrangierte Stills verleihen der Rachemär etwas Tragödienhaftes, ansatzweise gar ein Shakespeare’sches Drama, das den Noir-Charakter von Ben Afflecks Räuberballade The Town ebenso in sich trägt. Es wird schmutzig, blutig und pragmatisch. Sympathieträger gibt’s kaum, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Etwas zu sagen hat in dieser Welt nur jener am Ende der kriminellen Nahrungskette. Es lässt sich erahnen, wer das ist. Und es überrascht wenig. Erstaunlich aber, wie aus wenig mehr werden kann.

Cash Truck

Nobody

DIE BLUTWIESE IM VORGARTEN

5/10


nobody© 2020 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ILJA NAISCHULLER

CAST: BOB ODENKIRK, CONNIE NIELSEN, ALEXEI SEREBRJAKOW, CHRISTOPHER LLOYD, RZA, MICHAEL IRONSIDE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Niemand hat mir mein Auge ausgestochen, jammert Polyphem, Poseidons Filius und bekanntester Zyklop der Weltgeschichte. Odysseus hat schon gewusst, wie er den monströsen Kannibalen in die Irre führt. Am besten, man lässt die anderen wissen, es gäbe einen gar nicht. Unterschätzt zu werden ist nämlich die klügste Taktik, um ein bedrohliches Gegenüber aus seiner Deckung zu holen. So ein Niemand ist auch Walter Whites Ex-Winkeladvokat Bob „Saul“ Odenkirk.

Dabei fällt es fast schwer, ihn nicht in seiner ambivalenten Gestalt des windigen Anwalts zu betrachten. Doch Odenkirk kann auch anders. Eben ein Nobody sein, ein Otto Normalverbraucher und duckmäuserischer Bürotrottel, der tagaus tagein stets denselben Rhythmus lebt. So einen Trott kennen wir alle – gelebte Vielfalt wäre da das Motto. Zwischendurch Dinge tun, die man gerne tut. Dieser Nobody, Hutch Mansell, gönnt sich nichts dergleichen. Entsprechend distanziert reagieren die Gattin und der desinteressierte Nachwuchs. Papa, die eintönige Schnarchnase. Die sich allerdings hätte bewähren können, als Familienheld sozusagen, wäre das Diebesduo, das da des Nächtens ins Eigenheim einsteigt, nicht ganz so glimpflich davongekommen. Schuld daran ist Hutch, der die Verbrecher inflagranti erwischt und nicht das geringste unternimmt, um den beiden die Leviten zu lesen, im Gegensatz zum Sohnemann, der von Papa nun gar nichts mehr hält. Gedrängt vom eigenen sozialen Umfeld, wächst der unscheinbare Familienvater wie aus heiterem Himmel über sich hinaus, spürt die Diebe auf, zeigt, wo der Bartel den Most herholt und legt sich noch so ganz nebenbei mit einer wildfremden Gruppe besoffener Russen an, deren pöbelhaftes Verhalten dem Nobody in seiner Rage wie gerufen kommt. Das hätte er besser nicht getan. Denn die sind Teil eines wüsten Syndikats, das alsbald den faustfreundlichen Adabei auf der Abschussliste hat.

Die Sache mit der Selbstjustiz ist in der Filmlandschaft bereits schon ein alter Hut. Charles Bronson, Michael Douglas und Bruce Willis haben rot gesehen, John Wick seinen Hund gerächt – jetzt räumt auch noch Bob Odenkirk den Stunkmachern das Wilde herunter. Nur so zum Vergleich: In Sachen Einforderung ziviler Rechte peilt der auf Netflix erschienene Streifen Fremd in der Welt eine ganz andere Richtung an. Und zeigt das weniger martialische Bild von Wutbürgern, die, frei von jedweden kämpferischen Skills, dennoch zwielichtiges Gesocks zur Rechenschaft ziehen. Chapeau – so viel Mut muss man erst mal aufbringen. Bob Odenkirk wäre fast auch so einer gewesen. Doch der hat (leider) seine Hausaufgaben gemacht, ganz so wie John Wick, und braucht nicht zu improvisieren. Beide geraten zu überstilisierten One-Man-Kampfmaschinen, die in ihrer Rabiatheit ordentlich glänzen, dafür aber kaum um sich bangen lassen, was der Action die Würze nimmt. Odenkirk selbst, der tut, was ein Mann eben gar nicht hätte tun müssen. Dieses Zugeständnis an toxische Männlichkeit kostet Sympathiepunkte. Ilya Naischuller verlässt sich trotz dieses Karmadefizits auf das unrasierte und gewollt zu unterschätzende Charisma seines Actionstars, verliert sich aber zusehends in stilistischer Beliebigkeit. Zwischen deplatziertem Ballerklamauk im Sinne von R. E. D. und kernigem Jason Statham-Overkill will man sich nicht entscheiden wollen. Die provokante Nötigung, es dennoch tun zu müssen, fühlt sich an wie die Faust aufs Aug.

Nobody

The Tomorrow War

DIE ZUKUNFT KOMMT VON DEN STERNEN

6/10


the-tomorrow-war© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHRIS MCKAY

CAST: CHRIS PRATT, YVONNE STRAHOVSKI, BETTY GILPIN, J. K. SIMMONS, SAM RICHARDSON, EDWIN HODGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


In die Zukunft zu schauen ist ein ambivalenter Umstand. Zum einen meist Humbug, ganz viel Astrologie, und jede Menge Häuser in Konjunktur mit diversen Planeten, die das Glück des Tages bestimmen. Zum anderen ist es durchaus legitim, wenn’s um Dinge wie den Klimawandel geht. Dem Planeten ist das egal, uns aber könnte es bald wegschwemmen, austrocknen oder davonblasen. Zum nochmal anderen gibt’s die Zukunft, die sich kein bisschen abzeichnet, über die sich manche aber dennoch den Kopf zerbrechen. Sorge dich nicht, lebe!, sagte einst schon Dale Carnegie in seinem gleichnamigen Bestseller. Was juckt mich, wenn morgen der Komet kommt? Wenn mir morgen der obligate Ziegelstein auf´s Haupt fällt oder wenn sich Aliens in meine Wade verbeißen? Genau an dieser Stelle wird „Star Lord“ Chris Pratt Einspruch erheben.

In seinem neuen Actionkracher, welchen er stolz und mit Clint Eastwoods kennerhaftem Kneifblick anzuführen vermag, ist es möglich, per Zeitreise für rosige Aussichten zu sorgen. Aber nur, wenn alle bereit sind, für ihr Wohl zu kämpfen. So viel Einsatz würde man gern nach Greta Thunbergs Ansprachen sehen. Doch das Klima ist kein greifbares Monster. Die White Spikes hingegen, die in naher Zukunft ganz plötzlich die Erde überrennen, und anders als in A Quiet Place alle Sinne beieinander haben, sind handfeste Bioinvasoren erster Güte und jagen sich an die Spitze der Nahrungskette, während der Mensch zum Zwischenglied verkommt. Deswegen reisen bis an die Zähne bewaffnete Krieger in die Vergangenheit, um alles, was noch gerade laufen kann, für den Endkampf zu rekrutieren. Teil der zusammengewürfelten Miliz ist Dino-Dompteur Chris Pratt, der zumindest als Ex-Soldat sowas wie Kampferfahrung hat. Klarerweise sieht er sich in der Pflicht, busselt seine Familie zum Abschied und fort ist er – für eine Woche. Vorausgesetzt, er landet nicht am extraterrestrischen Buffet.

Ein bisschen konfus ist dieser Alien-Actioner schon und viel weniger präzise ausformuliert als John Krasinskis Gehör-Knaller. Während ich mich bei letzteren noch ordentlich wundern musste, warum der hochtechnologisierte Mensch es nicht auf die Reihe bekommt, instinktgetriebenen Kreaturen, die noch dazu akustisch leicht zu manipulieren sind, Herr zu werden, erscheint in diesem exklusiv auf amazon veröffentlichten Wohnzimmer-Blockbuster allein die Menge der wütenden Viecher jegliche Strategie im Keim ersticken zu können. Diese Plausibilität kann The Tomorrow War im Gegensatz zu A Quiet Place für sich verbuchen. Was der Film nicht kann, ist, das individuelle Schicksal empfindbar darzustellen. Das liegt in erster Linie an Pratt, dem es sichtlich schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Das liegt auch an den stereotypen Charakteren, die wohl eher in den Filmen eines Roland Emmerich zu finden sind: Independence Day mit Zeitreise also, was ja mitunter auch seine als treffsichere Boni zu verortenden Vorzüge hat. Doch sieht man von der Grundidee eines Multiversums mal ab, in dem, wie seit Loki bekannt, alles erlaubt und möglich zu sein scheint, hapert es bei unserem gewissenhaften Helden am Grundverständnis, was kausale Zusammenhänge bei Zeitreisen betrifft. Auf Basis dieses kruden Missverständnisses gerät die Vater-Tochter-Geschichte zum Blindgänger. Rundherum aber ergötzt sich der Science-Fiction- und Monsterfan an wiederholten Großaufnahmen aufgesperrter, geifernder Monstermäuler, garstigen Vierbeinern, die wie in Zhang Yimous The Great Wall die Barrikaden stürmen und am Verheizen sowieso totgeweihter Erdenbürger als astreines Kanonenfutter. Etwas zynisch, dieser Krieg. Wobei – das sind sie sowieso alle.

The Tomorrow War

Army of the Dead

ZOMBIE’S ELEVEN

6,5/10


armyofthedead© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ZACK SNYDER

CAST: DAVE BAUTISTA, ELLA PURNELL, OMARI HARDWICK, ANA DE LA REGUERA, THEO ROSSI, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, NORA ARNEZEDER, RAÚL CASTILLO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Abriegeln ist auch eine Möglichkeit, um nicht den gesamten virusverseuchten Pöbel abzubekommen. Glück im Unglück, würde ich’s fast nennen, und eine preisverdächtige Geistesgegenwart in Sachen Sofortmaßnahmen. Dran glauben muss in diesem Fall das Glücksspielparadies Las Vegas. Diese Örtlichkeit inmitten der Wüste wird in Zac Snyders brandneuem Spektakel zum geografisch verortbaren Geschwür aus zigtausenden blutdürstenden Untoten, und es wäre dieser Zustand eigentlich halb so interessant, gäbe es nicht einen Haufen toller Hündinnen und Hunde, die es so tun wollen wie Johnny und seine Spießgesellen – wie das Rat Pack, die Oceans Eleven: nämlich den Geldspeicher eines Casinos plündern. Dafür braucht es einen Leader, einen Safeknacker, eine Hubschrauberpilotin, einen Guide, der die Regeln des Zombiespiels kennt und sonstiges schießwütiges und wehrhaftes Gefolge. Auftraggeber ist ein zwielichtiger Japaner, der natürlich einen seiner Männer als Aufpasser mitschickt Alle sind sie bis an die Zähne bewaffnet, es dominieren coole Sprüche, einzig Brummbär Dave Bautista versucht, bei der Sache zu bleiben. Ein sympathisch einsilbiger Hüne übrigens, mit dem Herzen am rechten Fleck. Ihm folgt man gerne auf eine Reise ohne Wiederkehr, vor allem, weil man sich hinter seiner Schrankfassade gut verstecken kann.

Mit seinem George A. Romero-Schocker Dawn oft he Dead hat Snyder sein Händchen für apokalyptische Horrorszenarien bewiesen. In Army of the Dead geht es entschieden weniger bedrohlich zur Sache, dafür mit Ironie und Scheißdirnix-Attitüde. Allerdings erinnert sein filmischer Blockbuster-Coup, der bislang wohl das fetzigste an großem Streaming-Kino fürs heurige Jahr darstellt, frappant an den südkoreanischen Zombie-Action-Reißer Peninsula, der das Sequel des wunderbar ausgewogenen Genrethriller Train to Busan darstellen sollte. Gemein hat dieser Film mit seinem Original allerdings nichts, außer das selbe Universum und die selbe Epidemie. Auch hier heißt es, Geld sicherzustellen, dass sich in einem Transporter inmitten der längst aufgegebenen Stadt Seoul befindet. Auch hier: eine Gruppe zäher Haudegen, die bald um ihr Leben kämpfen. Bei Snyder sind die Figuren allerdings weitaus illustrer – und auch differenzierter angelegt. James Cameron hat mit Aliens – Die Rückkehr ein genau ähnliches Konzept entworfen. Eine zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft gegen eine wabernde Bedrohung – auf das Charisma der Beteiligten kommt es dabei an. Und das haut hin. Überraschend ausgeschlafen und überaus komisch zelebriert sich RomCom-Spezialist Matthias Schweighöfer als deutscher Panzerknacker Dieter. Na bitte – geht doch! Filme wie dieser lassen Schweighöfers überzeichnetes Getue in einem anderen Licht erscheinen. Der Mann sollte für die nächste Zeit mal das Genre wechseln. Das Zusammenspiel mit Buddy Omari Hardwick gehört zu den schönsten Momenten des Films. Darüber hinaus verleiht Snyder seinen tödlichen Kreaturen weniger das Flair einer Zombie- als manchmal vielmehr einer Horde Höhlenorks aus Mittelerde. Diese Zombies hier haben es mehr oder weniger geschafft, sowas wie eine gesellschaftliche Ordnung zu bilden, die allerdings über eine plumpe Monarchie nicht hinausgeht. Der kreischende Endgegner hinter Stahlhelm und auf seinem Zombiepferd atmet fast schon die Luft eines High Fantasy-Abenteuers für das erwachsene Publikum.

Zweieinhalb kurzweilige Stunden Netflix-Kino bieten projektilschwere Action, dass es nur so kracht, splittert und blutet. Selbst bei so einem Schlachtfest weiß Snyder mit Ästhetik umzugehen – seine Vorliebe für kurze Brennweiten zeugen von profunden photographischen Kenntnissen, die mittlerweile Snyders Handschrift sind. Ich mag das, so bleiben selbst platzende Köpfe und aus offenen Halsschlagadern schießendes Blut eine Reminiszenz an wohlkomponierte Comicpanels. Wer allerdings überraschende Wendungen sucht, wartet vergebens. Dieses Heist-Movie beschreibt Eventkino nach Plan, und wer beim wiederholt rabiaten Durchboxen durch Zombiemassen nicht das fade Auge bekommt, wird bestens unterhalten.

Army of the Dead

Mortal Kombat (2021)

WE ARE THE CHAMPIONS

6/10


mortalkombat© 2021 Warner Bros. Deutschland


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SIMON MCQUOID

CAST: LEWIS TAN, JESSICA MCNAMEE, JOSH LAWSON, JOE TASLIM, MEHCAD BROOKS, TADANOBU ASANO, CHIN HAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Bald könnte es folgendermaßen lauten: Jetzt neu im Noppenbausteinshop ihres Vertrauens (man kann es jedoch auch LEGO nennen, denn mittlerweile ist der Begriff fast schon mehr ein Subgenre des Animationsfilms als Schleichwerbung): Fernöstlich angehauchte Superhelden mit magischen Skills, die gegen ihr sinisteres Äquivalent antreten. Ist das wirklich so neu? Gab’s doch schon – Ninjago. Nun gäbe das Ganze aber für Erwachsene, und es nennt sich Mortal Kombat – ein Franchise, das ihren Ursprung in der Welt des Gaming verortet. Mortal Kombat – kennt ein jeder, der weiß, wie man mit dem Controller einen ordentlichen Fightout hinlegt. Leute, die das nicht kennen, und noch nie irgend etwas mit Videospielen am Hut hatten, können immerhin jetzt – anstatt Stunden, Tage und Wochen damit zuzubringen, den richtigen Dreh beim Kämpfen rauszukriegen – innerhalb von nicht mal 2 Stunden ganz ohne ihr Zutun Martial-Arts-Heroen ganz von selbst Pirouetten schlagen lassen. Auch ganz angenehm.

Ich gehöre zu jenen, die keine Gamer sind (oder gerade erst damit anfangen und immer noch daran scheitern, die richtige Perspektive beizubehalten). Der neue Mortal Kombat-Film reicht mir da vollkommen. Mir entgehen da mit Sicherheit jede Menge Reminiszenzen und Easter Eggs in Bezug auf das Spiel, aber der Spaß funktioniert auch so. Denn so wirklich komplex ist die Geschichte nicht. Ganz im Gegenteil. Um es kurz zusammenzufassen: Seit Jahrhunderten (oder Jahrtausenden, ich weiß es nicht mehr) gibt es einen interplanetaren Wettbewerb, der sich eben Mortal Kombat nennt. Da treten schlicht und ergreifend die besten Kämpfer der einen Welt gegen die besten Kämpfer der anderen Welt an. Die Champions sind allesamt mit einem drachenähnlichen Körpermal gekennzeichnet. Es gibt da aber leider eine Welt, die nennt sich Außenwelt (oder Outworld) mit ganz finsteren Haudegen, ebenfalls angeführt von einem asiatisch anmutenden Oberguru, der einige krasse Kreaturen um sich schart, allen voran einen gewissen Sub Zero. Einmal noch gegen die Erde gewinnen, und schon kann sich Outworld diese unter den Nagel reißen. Um den Sieg zu garantieren, will Shang Tsung (= der Oberguru) noch vor Beginn der Wettkämpfe auf der Erde reinen Tisch machen. Was er nicht weiß: der Abkömmling einer legendären Mortal Kombat-Championship-Blutlinie trainiert gerade seine Muskeln, um den Rabauken Paroli bieten zu können.

1995 gab es bereits eine Verfilmung des 1993 erschienen Videospiels – mit Christopher Lambert als Donnergott Lord Raiden. Ein Rohrkrepierer, nicht der Rede wert. Die brandneue Version von 2021 ist zwar, wie bereits erwähnt, vom Plot selbst auch nicht der Rede wert, aber sie bietet immerhin eines – und das muss man wissen, bevor man sich darauf einlässt, und für sonst nichts anderes gerade einen Kopf hat: Kämpfe, Kämpfe und nochmals Kämpfe. Keine epischen Schlachten, kein Bleigewitter, dafür aber martialische Duelle, vorzugsweise Mann/Frau gegen Frau/Mann, und da wirbeln sie herum, die geschmackvoll kostümierten Auserwählten, mit Zauberkräften und adretten Waffen, vom Grillspieß bis zum Vorschlaghammer, vom Schwert aus Eis bis zum metallenen Sombrero. Phrasen wie Gespaltene Persönlichkeit oder Zerbrich dir darüber nicht den Kopf werden in Körperwelten-artiger Ästhethik bildlich dargestellt und sind natürlich heillos übertriebene Gewaltspitzen, die dieses Fantasyabenteuer eben nur für die ganz Erwachsenen kennzeichnen. Allerdings wirkt neben dem knallbunten Effektgewitter und der relativ trivialen Story, die das Kind im Manne weckt, dieses vereinzelt gesetzte Extra an expliziter Brutalität fehl am Platz. Doch womöglich war dies dem Willen der Fans geschuldet.

Mortal Kombat ist ein Guilty Pleasure, bei welchem man mit diebischer Freude den sich Duellierenden fast schon zujohlen möchte, wie beim Wrestling, wo es auch nur um das Catchen geht, während die biographische Peripherie den Kultstatus der einzelnen Kandidaten etwas unterstreicht. Womöglich wird s da bald eine Forstsetzung geben, die ich womöglich auch auf die Watchlist setze, auch wenn ich das Game niemals spielen werde – zu uncharismatisch erscheinen mir die recht austauschbaren Kampfathleten, um hier einen Avatar übernehmen zu wollen. Mangels gut gemachter, phantastischer Actionfilme ist Mortal Kombat aber dennoch ein guter Lückenfüller. By the way: We are the Champions von Queen hätten die Sieger am Ende da noch grölen können – diese leise Selbstirone hätte ihnen gut getan.

Mortal Kombat (2021)

Shadow in the Cloud

DAS MONSTER KRIEGT DEN FENSTERPLATZ

5,5/10


ShadowInTheCloud© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: NEUSEELAND, USA 2020

BUCH / REGIE: ROSEANNE LIANG

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, TAYLOR JOHN SMITH, CALLAN MULVEY, BEULAH KOALE, NICK ROBINSON, BYRON COLL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Sind zu Weihnachten alle Kekse weg, dann war das sicher die Weihnachtsmaus. Fällt in der Werkstatt das Werkzeug vom Tisch, war das bestimmt der Pumuckl. Sind im Bomber aber die Schrauben locker, könnte das gut und gerne ein Gremlin gewesen sein. Dabei denken viele natürlich sofort an Joe Dantes Mini-Monster-Rumble zur Weihnachtszeit: Niemals nach Mitternacht füttern, und auch nicht baden. So zumindest hießen die goldenen Regeln, um Gizmo nicht mutieren zu lassen. In Shadow in the Cloud braucht es hierfür weder nachmitternächtliche Fütterung noch einen nassen Waschlappen ins Gesicht – dieser Gremlin ist von vornherein schon fies, so groß wie ein Teenager und äußerst gelenkig. Und bleibt in diesem eigenwilligen Kammerspiel über den Wolken lange Zeit ein Mythos.

Von der Idee, Shadow in the Cloud irgendwo unterwegs auf einem mobilen Endgerät oder am helllichten Tag zu sichten, würde ich abraten. Dieser Film ist schwer verliebt in die Dunkelheit. Keine Ahnung, wieso mit dem Einsatz von Licht so dermaßen gegeizt wird. Aber gut, wir haben schließlich Nacht, und während des Pazifikkrieges der 40er Jahre wäre es auch nicht ratsam gewesen, über den Wolken einen auf Festbeleuchtung zu machen. Also bleibt die Ex-Kick Ass-Queen Chloë Grace Moretz im Halbdunkel des neuseeländischen Flughafens von Auckland gerade noch zu erkennen. Maude, eine Militärpilotin, ist auf geheimer Mission unterwegs und muss den Flieger – oder besser gesagt: den Bomber – nach Samoa erwischen. Eine ominöse Ledertasche ist mit dabei. Von ihrem Überraschungsgast samt Umhänge-Artefakt, das sich anfühlt wie ein MacGuffin, weiß die Crew allerdings nichts – und begegnet ihr relativ schlecht gelaunt, wenn nicht gar hochgradig frauenfeindlich. Macht nichts, nur weg, denkt sich Maude, und darf dafür in die Geschützkabine unter den Bauch des Fliegers klettern. Über Funk muss sich die Gute so einiges an verbalem Ungehorsam gefallen lassen – allerdings auch die völlig unerwarteten Attacken des herumgeisternden Gremlins, der dabei ist, den Bomber zu zerlegen, und nebenbei auch unseren Star.

Snakes on a Plane waren gestern – jetzt hat der Kreaturenhorror über den Wolken phantastische Gefilde erreicht. Und setzt aber genau dort zur Notlandung an. Was aus dieser kuriosen Konstellation herauszuholen gewesen wäre, wird von einem ins Flugzeug hineinkonstruierten Vorgeschichte verdrängt. Solche persönlichen Befindlichkeiten wären auf dem Frachter Nostromo fehl am Platz gewesen. In Alien zählte zum Beispiel nur das nackte Überleben. Hier allerdings macht Moretz auf Drama Baby zwischen Fliegeraction und zähnefletschendem Versteckspiel, alles in undeutlichem Zwielicht, und alles zwischen feindlichen japanischen Kampfflugzeugen. Ganz originell hingegen ist jene Strecke des Films, die ausschließlich in der Schützenkanzel spielt. Die eingezwängte Heldin kommuniziert nur per Funk mit den übrigen Passagieren, und dennoch hat man das Gefühl, auch alle anderen Co-Akteure wären physisch präsent. Ein geschickter Kniff, der schon in No Turning Back oder The Guilty außerordentlich gut gelungen war.

Shadow in the Cloud verlässt sich aber zu wenig auf seine eigentliche Büchse der Pandora – auf den Konflikt zwischen legendärem Geschöpf und lederbejacktem Flieger-As. Das hätte schon längst für einen Low Budget-Knüller gereicht. Das Abenteuer aber mit einem recht hanebüchenen Plotgerüst zu versehen, das keiner wirklich braucht, verwässert den sonst rotzfrechen Nachtflug zu einem unentschlossenen, den Gesetzen der Physik trotzenden Mischmasch und vergisst immer wieder beinahe auf den Endgegner.

Die emanzipatorische Metaebene, die ganz allein den weiblichen Helden der Lüfte gehört, hätte ich allerdings auch nicht weggelassen. Und überhaupt: Frauen werden mit Monstern einfach besser fertig. Das fetzt. Davon kann Ripley mit Pilotin Maude gerne ein Liedchen singen.

Shadow in the Cloud