The Mastermind (2025)

DIE NAIVE KUNST DES KUNSTRAUBS

4/10


© 2025 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: KELLY REICHARDT

KAMERA: CHRISTOPHER BLAUVELT

CAST: JOSH O’CONNOR, ALANA HAIM, HOPE DAVIS, BILL CAMP, JOHN MAGARO, GABY HOFFMANN, JASPER & STERLING THOMPSON, ELI GELB, COLE DOMAN, MATTHEW MAHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Im Krieg und in der Liebe…

James Blaine Mooney – der zweite Vorname gleicht nicht rein zufällig dem Verb blame, übersetzt für „schuldig bzw. schuld sein an etwas“ – ist wohl der Meinung, man befände sich im Krieg. Tatsächlich hat er nicht ganz unrecht, nur: der Krieg findet nicht vor der eigenen Haustür statt, sondern weit weit entfernt im abstrakt wirkenden Vietnam, wo Richard Nixon Menschenleben verpulvert für nichts und wieder nichts. Im heimatlichen Massachusetts, wo die Lichter zwar nicht ausgehen, aber das Licht der Erkenntnis bei manchen nicht wirklich durch den Schleier der Selbstüberschätzung dringt, scheint alles friedlich, wo andernorts vor allem die studierte Jugend auf die Straße geht, um gegen das angeblich Unvermeidliche zu demonstrieren. Während von überallher Nachrichten und Fernsehen dafür sorgen, dass der Krieg nicht aus den Köpfen der Bevölkerung verschwindet, hat auch dieser James Blaine Mooney, im weiteren Filmverlauf nur JB genannt, eher den Eindruck, dass sich in dieser prekären Ausnahmesituation ein Bankraub vielleicht so aussehen könnte wie eine Plünderung – durchaus menschliche Verhaltensweisen, die dann eintreten, wenn die staatliche Ordnung mitsamt ihrer Exekutive für nichts mehr garantieren kann und die Anarchie Gelegenheitsräuber reich macht. Als so einer will der zweifache, allerdings arbeitslose Vater, der sein Kunstgeschichtestudium aus welchen Gründen auch immer abgebrochen hat, das große Geld machen. Am besten im örtlichen Museum of Art in Framingham, das er ohnehin mit der lieben Familie immer wieder besucht, anstatt einen Job anzunehmen, der zum Greifen nah scheint.

Dominosteinschlaggefahr 

Doch Plündern will gelernt sein – und vorallem eins: durchdacht. Kelly Reichardt, auf deren Filme jedes Filmfestival dieser Welt wartet wie ein Verhungernder auf einen Bissen Brot, erteilt der Figur des Erfolgs-Querdenkers und Improvisateurs eine Lehre, indem sie ihn auf ganzer Linie scheitern lässt. Das beginnt schon bei JB’s Bequemlichkeit, das Ding nicht selber durchziehen, sondern windschiefe Leute anzuheuern, die nicht anders können, als zur Waffe zu greifen und eifrig zu zwitschern, sobald sie von der Exekutive in die Mangel genommen werden. So folgt also eines aufs andere, und Beau Josh O’Connor darf sich in fruchtloser Breaking Bad-Manier mit den Dominosteinen des Schicksals herumschlagen. Film Noir will The Mastermind aber keiner sein, dafür fehlt zur Gänze die melancholische, gar existenzialistische Schwere. Und noch etwas: Überhaupt fehlt in Kelly Reichardts Arbeit so etwas wie Belang.

Langweilen mit dem Offensichtlichen

Die ausgebleichten Farben der Siebziger sind eine Sache, die enervierende Jazzmusik eine andere, und tatsächlich quälende. Schafft man es, die Tonspur geistig auszublenden, bleibt immer noch das Rätsel um Josh O’Connors Charakter. Anscheinend ist dieser ein Mensch ohne Eigenschaften – wortkarg, uncharismatisch, erstaunlich phlegmatisch, im Grunde also wenig interessant. Reichardt gelingt es diesmal nicht, ihren Figuren eine gewisse Relevanz zu geben. Was mit JB also passiert, mag egal sein, so wie viele Szenen in dieser Krimidramödie, die unentschlossen zwischen knirschender Tragik und lakonischem Sarkasmus hin und her schlendert. Die Auswahl der Szenen misslingt – warum sich minutenlang mit dem Offensichtlichen aufhalten, mit der wortlosen Betrachtung von JB’s Tätigkeiten, die das Hirn des Zusehers mühelos ergänzen könnte. Was dieser also denkt, sieht er auch. Was er sich nicht denkt, sieht er nicht. Gedankliches Ergänzen in Filmen fordert eine Interaktion, die Reichardt gar nicht möchte. Kombinieren lässt sich die Metaebene mit dem Krieg zwar schon, doch die eigentlichen Beweggründe der Hauptfigur beschneidet sie derart, dass sie die Wurzel gleich mit entfernt.

The Mastermind, von der Prämisse her reizvoll, gestaltet sich als brustschwaches Heist-Movie in eitler Reduktion, fehlgriffig in seiner Struktur und frei von erzählerischen Peaks. Viel gibt’s dabei also nicht zu entdecken, außer vielleicht die Bildwelten des Arthur Garfield Dove.

The Mastermind (2025)

Köln 75 (2025)

DER PIANIST UND DAS MÄDCHEN

7/10


© 2025 Alamode Film / Wolfgang Ennebach

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, POLEN, BELGIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: IDO FLUK

CAST: MALA EMDE, JOHN MAGARO, MICHAEL CHERNUS, ALEXANDER SCHEER, ULRICH TUKUR, JÖRDIS TRIEBEL, LEO MEIER, SHIRIN LILLY EISSA, ENNO TREBS, LEON BLOHM, DANIEL BETTS, SUSANNE WOLFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Sei ruhig, Fließbandbaby – diesen im Sprechgesang vorgetragenen Song aus den späten Sechzigern legt Regisseur Ido Fluk gleich einer ganzen Gruppe junger Wilder buchstäblich in den Mund. Die Politrock-Band Floh de Cologne durfte damals ihrer Zeit weit voraus gewesen sein, denn die Neue Deutsche Welle etablierte sich erst mit Mitte der Siebziger. Diesen musikalischen Sonderling greife ich deshalb auf, weil er die eigentliche Prämisse dieses Films treffend intoniert, schließlich handelt das musikalische Werk von weiblicher Unterwürfigkeit, dem Patriarchat und der gesellschaftlichen, starren Ordnung, wonach die Frau hinter den Herd oder wenn nicht, dann zumindest etwas Gescheites lernen soll. Auch wenn es die Jungen nicht wollen: Als Fließbandbaby muss man still sein. Und tun, was sich gehört. Wäre das passiert, hätte sich Vera Brandes den starren Dogmen ihres Vaters unterworfen, wäre das Ereignis, welches unter Kennern gemeinhin als The Köln Concert bekannt ist, nie in die Musikgeschichte eingegangen.

Wer ist denn nun diese Dame, die von Mala Emde so emsig und mit Hummeln im Hintern verkörpert und in den späteren Jahren von Susanne Wolff gespielt wird, die ihrem Vater nichts mehr zu sagen hat, außer dass dieser ein Arsch gewesen sein mag? Vera Brandes dürfte wohl weniger ein Begriff sein als Frank Farian – letzterer war immerhin Musikproduzent und verantwortlich für das Milli Vanilli-Desaster. Brandes wiederum, mit blutjungen 18 Jahren, hat damals, Anfang der Siebziger, im Konzertmanagement Blut geleckt. Begonnen hat das Ganze mit dem Organisieren kleinerer Gigs irgendwelcher Jazzmusiker, die man heute kaum mehr kennt. Brandes durfte schnell gelernt haben, wie man andere Leute davon überzeugt, ihren Künstlern die Bühnen zu überlassen. Im Jänner 1975 dann die große Nummer: Der Jazzpianist Keith Jarrett hat vor, in Köln eines seiner ungewöhnlichen, einzigartigen Improvisationskonzerte zu geben. Was das heisst? Keiner weiß, nicht mal Jarrett selbst, was an diesen Abenden wirklich passieren wird. Der verschrobene Musiker, der sich vor dem ersten Tastenschlag mal minutenlang einkrampft, um die kreative Mitte zu finden, führt den Free Jazz bis zum Exzess, und zwar im Alleingang. So einen Typ muss man erst mal zufriedenstellen, und das beginnt bei dem richtigen Konzertflügel.

Köln 75 beweist wie Girl You Know It’s True, dass nicht allzu gegenwartsferne Entertainment-History ein Subgenre darstellt, welches das deutsche Kino etwas überspitzt gesagt gnadenlos gut beherrscht. Beide Filme sind auf ihre Weise mitreißend, bei Köln 75, welcher auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, ist der Charakter der Vera Brandes allerdings jemand, der sich eher austauschen ließe als ein Egomane wie Frank Farian. Brandes ebnet zwar den Weg für Jarretts großen Auftritt – dennoch ist es letzterer, der, dargestellt von John Magaro (zuletzt gesehen in September 5), das tiefgreifende Kernstück eines Musikfilms ausfüllt, der mehr sein darf als das. In dieser mittleren Sequenz, in der Mala Emde gar keinen Auftritt hat und die sich ausschließlich auf die Anreise Jarretts im klapprigen Automobil vom Lausanne nach Köln konzentriert, erfährt der Zuseher die mit starken Akzenten skizzierte Charakterstudie eines genialen Exzentrikers – oder exzentrischen Genies. Im Grunde hätte Köln 75 ein szenisches Biopic wie Like A Complete Unknown werden können, nur noch eng gefasster, fokussierter. Drumherum aber haben wir Mala Emdes immerhin hinreißende Performance, deren Figur aber oberflächlicher bleibt als womöglich vorgesehen. Doch ohne Brandes kein Köln-Konzert, und ohne Köln-Konzert kein Film. Am Ende wird der aufgeweckt erfrischende Streifen mit biografischer Tiefe zum hechelnden Thriller rund um egomanische Überheblichkeit, Flexibilität und Improvisation. Vor allem letzteres erfährt eine mehrheitliche Deutung und beweist wieder einmal, dass nur das Unvorhergesehene wirklich großes bringt. Und das Große niemals kalkulierbar sein kann.

Köln 75 (2025)

September 5 (2024)

DABEI SEIN IST ALLES

6,5/10


september5© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE: TIM FEHLBAUM

DREHBUCH: TIM FEHLBAUM, MORITZ BINDER

CAST: JOHN MAGARO, BEN CHAPLIN, LEONIE BENESCH, PETER SARSGAARD, COREY JOHNSON, RONY HERMAN, GEORGINA RICH, ZINEDINE SOUALEM, MARCUS RUTHERFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Zeiten ändern sich. Am 11. September 2001 waren die Kameras bereits überall – fast so, als hätte man sie vorab in Position gebracht, um aus allen möglichen Blickwinkeln das Einstürzen der Twin Tower spektakulär genug festzuhalten. Die Geburtsstunde der Sozialen Medien ging dann mit dem taktischen Werbebewusstsein sämtlicher Terroristen einher, ihre Bekennerbotschaften, Parolen und Morde allesamt abzufilmen und online zu stellen. Bei den IS gibt es immer wen, der die ganzen Gräuel aufzeichnet. Damals, im Jahre 1972, war das noch nicht der Fall. Da hatten die mit Skimasken verhüllten Verbrecher noch keinerlei Ambition, ihre Taten medienwirksam in Szene zu setzen. Vielleicht aber interpretiere ich falsch und die Organisation des Schwarzen September kalkulierte den Ehrgeiz sämtlicher Fernsehsender, die sich um das olympische Dorf in München niedergelassen hatten, mit ein, jede Sekunde des Geschehens in eine Live-Show zu verpacken. Das Team des Sportkanals von abc war es dann schließlich auch, das im Nachhinein Fernsehgeschichte schrieb und es erstmals gelang, einen Terrorakt wie diesen vor laufender Kamera geschehen zu lassen.

Natürlich obliegt den Journalisten nicht die Verantwortung, eine Situation wie diese zu lösen. Dafür gibt es Verhandler, die Polizei, das Militär, den Geheimdienst. An diesem fünften September scheint es allerdings so, als wären Spezialisten für Situationen wie diese landesweit auf Urlaub, und nur das Fernsehen wäre imstande, entsprechend rasch zu reagieren. Keine hundert Meter vom Schauplatz des Geschehens fallen dann am Morgen des besagten Tages Schüsse, die nicht nur von Dolmetscherin Marianne Gebhardt, gespielt von Leonie Benesch (Das Lehrerzimmer), gehört und gleichsam richtig interpretiert werden. Was tut ein Nachrichtensender in diesem Fall? Er mobilisiert alles, was er hat, um Bad News wie diese ins Programm zu bringen. Unter der Führung des Fernsehproduzenten Roone Arledge erhält der aufstrebende Redakteur Geoffrey Mason, der sich schließlich profilieren will, die Regiegewalt über eine Ausnahmesituation, die sich so unberechenbar anfühlt wie eine Naturkatastrophe. Entsprechend hektisch, hastig und angespannt wird es an diesem Tag und der darauffolgenden Nacht auch zugehen.

Der deutsche Regisseur Tim Fehlbaum, der zuletzt den sehenswerten dystopischen Science-Fiction-Film Tides ins Kino brachte, orientiert sich am Genre des dokumentarischen Journalismus-Thrillers, wie ihn einst Alan J. Pakula (u. a. Die Unbestechlichen) inszeniert haben mag. September 5 fühlt sich in Folge wohl eher wie ein Film an, der nicht nur von den frühen Siebzigerjahren berichtet, sondern womöglich auch damals und zwar genauso hätte gedreht werden können. Die Ausstattung, das Setting, das Gefühl eines Zustands weit vor dem Informationszeitalter, das die Welt nachrichtentechnisch um vieles kleiner machen wird, geben ein immersiv-stimmiges Bild ab. Unterstützt wird dieser Stilwille vorallem auch durch eine Menge authentischen Bildmaterials, denn alles, was man auf den Fernsehschirmen sieht – mit Ausnahme des Moderators von abc – sind Filmdokumente von damals. Dadurch rückt September 5 näher an das Genre der Dokumentation heran. Und als ob dieser Fokus auf die wahren Geschehnisse aus der Sicht des Nachrichtenjournalismus nicht schon ausreichend eng gezogen wären: die Idee, das Ganze als Kammerspiel umzusetzen, macht das Szenario noch kribbelnder und panischer. Auf engstem Raum stauen sich nun Informationen und Emotionen, Druck, Stress und hundertzehn Prozent Aufmerksamkeit. Die Akkuratesse und die Anstrengung einer Live-Show, in der Anweisungen im Stakkato niederregnen und alle möglichen Leute für alles mögliche eingeteilt werden, während niemandem auch nur die kleinste Entwicklung der Geschehnisse entgehen darf – angesichts dieses unter Strom stehenden Arbeitsklimas schwirrt einem bald selbst der Kopf. Die vielen Namen, die vielen Wendungen, die vielen Fronten – Fehlbaum bündelt sie alle irgendwie und bricht sie auf ein Ensemble herunter, das im geschulten Teamwork miteinander synergiert.

Die Kritik an der Moral der Nachrichten und dem damit einhergehenden Missbrauchs menschlicher Katastrophen zum Nutzen der Quote kommt allerdings zu kurz. Ob die Terroristen zufälligerweise auch sehen, was abc in seiner Live-Show fabriziert, ist nur eine von wenigen hinterfragenden Überlegungen zur journalistischen Arbeit. Alles andere ist Berichterstattung, verständlicher Ehrgeiz, aber niemals die Absicht, mutwillig, für den eigenen Erfolg, die Lage zu verschlimmern oder gar über Leichen zu gehen. Übersehen lässt sich vielleicht so manche Grauzone, durch den Willen zur Information treibt manche Beteiligte zur Reflexion über das eigene Tun zwar etwas spät an, aber besser als nie. Dass das Drama von München 1972 derart eskalierte, lag wohl eher an der Überforderung der Behörden und an der Ratlosigkeit, mit Terror umzugehen. Somit ist September 5 keine Medienschelte wie Reporter des Satans, Network oder Nightcrawler – sondern schlicht und ergreifend ein emotionaler, aber akribisch aufgearbeiteter Tatsachenbericht ohne erwähnenswertem Tiefgang.

September 5 (2024)

LaRoy, Texas (2023)

DIE AGENDEN DER SELBSTZWEIFLER

8,5/10


laroy© 2023 Laroy Productions LLC


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: SHANE ATKINSON

CAST: JOHN MAGARO, STEVE ZAHN, DYLAN BAKER, MEGAN STEVENSON, MATTHEW DEL NEGRO, BRAD LELAND, GALADRIEL STINEMAN, BOB CLENDENIN, ALEX KNIGHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Einst waren Blood Simple, Fargo oder No Country for Old Men brillante filmische Beispiele dafür, wie der lakonische Genre-Hybrid zwischen Film Noir, Thriller und Western, durchsetzt mit bitterbösem Humor, das postmoderne Kino umgedacht hat. Verantwortlich dafür waren eine ganze zeit lang die Brüder Joel und Ethan Coen. Seit Sichtung von LaRoy, Texas, einer Provinzdramödie, die von gescheiterten Existenzen und ihren Beziehungen zueinander erzählt, könnte man sich unter Umständen darauf verlassen, dass, sollten es die Coens nicht mehr hinbekommen, zumindest Shane Atkinson auf souveräne Art einspringen könnte. Sein Film ist allerdings weder ein Abklatsch noch eine schöngeredete Hommage an diese spezielle Art des amerikanischen Heimatsfilms, sondern ein zutiefst eigenständiges Konstrukt, mit anderem Timing, mit neuem Rhythmus und selten gesehenen Gesichtern, die dem ganzen Schicksalsreigen doch eine gewisse Eigenständigkeit verleihen; eine Originalität, die es nicht notwendig hat, mit Kassengold-Stars zu punkten. Es ist eine Story, die sich selbst genügt und auf nachvollziehbare Weise das eine auf das andere folgen lässt, wobei die Verknüpfungen in diesem Thriller nicht chronologisch erfolgen, sondern in einem zeitlosen Vakuum an Begebenheiten. Diese sind rein zufällig, denn Koinzidenzen machen in Atkinsons Welt das Leben aus.

Der erste Stein, der den Domino-Effekt zum Kippen bringt, ist das des Nächtens liegengebliebene Auto eines Mannes, der kurze Zeit später von einem scheinbar zufällig vorbeikommenden Killer in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Dann: Szenenwechsel. Wir treffen auf den Baumarktbediensteten Ray Jepsen (John Magaro als die neorealistische Version eines mieselsüchtigen Buster Keaton), der von Möchtegern-Detektiv Skip (Steve Zahn) in einem Diner darüber unterrichtet wird, dass seine Frau anscheinend fremdgeht. Daraufhin sieht Ray keinen Sinn mehr im Leben und will sich eine Kugel in den Kopf jagen. Dieser Suizid wird allerdings vereitelt, als er mit jenem Killer verwechselt wird, der die Ouvertüre des Films zu verantworten hat. Und schon verdichten und verhaspeln und stolpern die Ereignisse übereinander, als würden alle zur Stoßzeit aus der vollgepackten U-Bahn wollen. Jede dieser Figuren, die allesamt ein ähnliches Problem mit sich herumschleppen, nämlich jenes, dass keiner an sie glaubt, ereifert sich in diesem Spiel um Erwartungen und Erwartungshaltungen so sehr, dass kein Auge trocken bleibt, keine Chance unversucht und niemand im Streben nach Anerkennung den großen Jackpot knackt.

LaRoy, Texas ist eine staubtrockene Verliererballade im kessen Folklore-Cowboygewand eines lakonischen Thrillers, angereichert mit schwarzhumorigen Spitzen, die aus eloquent verfassten Dialogpassagen herausbrechen. Die paar Stereotypen, die sich in diesem Dilemma um Selbstachtung ebenfalls einfinden – wie zum Beispiel der unscheinbare Auftragsmörder – sind satirisch zitierte Versatzstücke in einem bereits bravourös interpretierten Kinobiotop. Hier lässt sie Atkinson nochmal Revue passieren, und stellt ihnen verhaltensoriginelle Kerle wie Steve Zahn entgegen, der scheinbar allen hier die Show stiehlt und als idealistischer Streber in Sachen Ermittlungen von der lokalen Polizei unentwegt verlacht wird. Was passiert mit Menschen, deren Kompetenzen unterwandert werden? LaRoy, Texas gibt die Antwort. In diesem Thriller strebt niemand nach der Gunst des materiellen Wohls, jedoch nach der Gunst des Respekts. Das hebt Atkinsons Film von anderen dieser Machart ab, die sich um Schatzjagden und dem Anraffen von Mammon bemühen. Dieser hier hat die Metaebene des psychologischen Konflikts ganz für sich allein gepachtet und bringt eine Eigendynamik mit ins Spiel, die in einer cineastisch brillanten melancholischen Verlorenheit ihre Erschöpfung findet. Desillusioniert zwar, aber wahrhaftig. Kurzum: Ein mit feiner Klinge geführtes, komplexes wie verstecktes Filmjuwel.

LaRoy, Texas (2023)

Past Lives (2023)

LEBENSMENSCHEN UND IHRE BEDEUTUNG

7/10


pastlives© 2023 Twenty Years Rights LLC


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: CELINE SONG

CAST: GRETA LEE, TEO YOO, JOHN MAGARO, MOON SEUNG-AH, LEEM SEUNG-MIN, ISAAC POWELL, JI HYE YOON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Du entschuldige, i kenn di… Das ist der Titel eines Austropop-Klassikers aus den Achtzigern, vorgetragen von Peter Cornelius und bis heute sowohl zeitlos als auch ein Kind seiner Zeit. Darin beschreibt der Singer/Songwriter das zufällige Zusammentreffen seiner selbst mit einer lange Zeit aus den Augen verlorenen Jugendliebe. Jetzt, viele Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte später, springt der Funke nun endlich über und die Chance, ein Paar zu werden, rückt in greifbare Nähe.

Eine ähnliche Geschichte beschreibt Celine Songs Freundschafts- und Beziehungsdrama, nur an ganz anderen Orten, zu einer ganz anderen Zeit und über rund 24 Jahre hinweg. Das wiederum klingt episch – ist es aber nicht. Denn Celine Song pickt sich aus ihrer fast schon eine ganze Generation umspannenden Romanze genau jene Schlüsselszenen heraus, die erforderlich sind dafür, eine kompakte, kleine, komprimierte Geschichte zu erzählen, ohne dabei aber deren Bedeutung dahinter ebenfalls zu stutzen: Das Gefühl, jemanden aus den Augen zu verlieren und wiederzufinden, bestimmt die Wahrnehmung und das Denken von Exil-Koreanerin Nora, vormals als Young Na in Seoul aufgewachsen und dick befreundet gewesen mit dem Jungen Hae Sung. Der hat sich damals, im Alter von zwölf Jahren, überhaupt gar nicht so richtig von seiner Jugendliebe verabschieden können. Plötzlich war sie weg gewesen, zog mit ihren Eltern nach Kanada. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Wie durch Zufall finden beide zumindest wieder über Skype zueinander. Eine kuriose Situation, man hat sich viel zu erzählen, und da ist plötzlich noch mehr, als Nora lieb ist. Dieses Gefühl des Zueinander-Gehörens beruht letztlich auf Gegenseitigkeit, doch das nun zur jungen Frau herangereifte Mädchen von damals hat nun andere Pläne und Ziele, ist also ein anderer Mensch geworden. Einen Platz in ihrem Herzen für den Jungen aus Korea? Darf es den geben? Oder ist das nur die Sehnsucht nach einer zurückgelassenen Heimat und einer Kindheit, die in einem früheren Leben passiert ist?

Beide scheinen zwar nicht schlaflos in Seattle, aber schlaflos in New York oder Seoul zu sein. Beide ergründen auf ihre Art das Konzept des In-Yun, die koreanische Begrifflichkeit von Schicksal und Bestimmung, die wiederum auf Begegnungen aus früheren Leben fußt. Celine Song ist dabei eine Könnerin, wenn es darum geht, eine entkitschte Romanze zu erzählen, die eigentlich gar keine ist. Die Geschichte einer Freundschaft zu erzählen, die Past Lives genauso wenig sein will. Irgendwo dazwischen, in einer staaten- wie zeitlosen Transitzone, treffen die Gedanken und Gefühle der beiden aufeinander, nur erkennbar durch lange, intensive Blicke, die den jeweils anderen zu ergründen versuchen. Song inszeniert sehr viel zwischen den Zeilen, lässt all den unnötigen Firlefanz, der nun mal in diesem Genre Fuß fassen will, außen vor. Und wenn nicht, definiert sie zum Beispiel die Rolle des amerikanischen Ehemanns insofern um, dass dieser, statt nur einen notwendigen Wendepunkt zu verkörpern, an welchem sich die beiden Hauptcharaktere aufreiben, plötzlich selbst ins Zentrum rückt – als empfindsame, gar nicht stereotype, liebende Figur, durch die ein loses Dreieck entsteht, deren Kanten in Wechselwirkung zueinanderstehen.

Ein mustergültiges Psychogramm ist Past Lives geworden, ohne sich dabei anzumaßen, Lösungen zu finden. All diese Stimmungen füllen eine im Grunde recht überschaubare Geschichte, die anderswo vielleicht zum Epilog gereichen würde. Die anderswo vielleicht nur Teil eines größeren, vielleicht wieder schwülstigen Melodrams geworden wäre. Wer genug Geduld hat, und weiß, wie es sich anfühlt, dem unwiderbringbar Vergangenen nachzuhängen und sich dabei auszumalen, wie es anders hätte laufen können – der bekommt einen leisen, gewissenhaft beobachteten Film geboten, welcher sich die Zeit nimmt, die er braucht, um dann, ganz intuitiv, zum Ende eines emotional verwirrenden Lebensabschnitts zu gelangen.

Past Lives (2023)

Marshall

ROUTINE VOR GERICHT

5/10


marshall© 2017 Droits réservés

LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: REGINALD HUDLIN

CAST: CHADWICK BOSEMAN, JOSH GAD, DAN STEVENS, KATE HUDSON, STERLING K. BROWN, SOPHIA BUSH, JAMES CROMWELL, JOHN MAGARO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Chadwick Boseman lässt sich zurzeit nachhören – und zwar in der auf Disney+ erschienenen, animierten Marvel-Serie What If… . Anscheinend dürften diese Synchronarbeiten schon etwas länger zurückliegen. Gerade als alternativer Star Lord T’Challa hätte Boseman wohl vielleicht sogar einen Multiversum-Auftritt in der neuen MCU-Phase haben und ganz viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Doch leider wird das nichts. Falls man aber den charismatischen Schauspieler nochmal gerne auf den Schirm holen möchte, bietet sich natürlich das Heimkino an. Einer seiner Filme, die wohl nicht ganz so an die große Marketing-Glocke gehängt wurden, weil sie vielleicht zu hausbacken geworden sind, wäre jedenfalls Marshall – ein Biopic über den ersten schwarzen US-Richter der Geschichte. Zuvor war dieser allerdings als Anwalt für Minderheiten tätig, unter anderem für einen Kriminalfall wie jenen, den Regisseur Reginald Hudlin (u. a. Boomerang mit Eddie Murphy) hier als sehr herkömmliches Justizdrama aufbereitet hat.

Marshall spielt in den frühen Vierzigerjahren, zu einer Zeit also, in der es Schwarze deutlich schwerer hatten, vor Gericht Gehör zu finden als natürlich die Weißen. Die waren überdies auch einfach wohlhabender und konnten, wenn schon nicht mehr Sklaven, so doch ihre Bediensteten mit Minderheiten besetzen. Einer davon: Chauffeur Joseph Spell (Sterling K. Brown), der kurzerhand verhaftet wird, nachdem ihm eine wie Kate Hudson, die hier die High Society gibt, der Vergewaltigung beschuldigt. Das Wort einer Weißen steht gegen das eines Schwarzen – der wiederum beteuert, das Verbrechen nicht begangen zu haben. In dieser Not tritt Thurgood Marshall auf den Plan, für den Fälle wie diese zum Job gehören, der aber ganz besonders in dieser Sache mit dem jüdischen Anwalt Sam Friedman (Josh Gad) zusammenarbeiten muss, der zwar nur Versicherungsfälle betreut, in dieser Oberliga aber mitmischen muss, da Marshalls Konzession in diesem Eck der USA nicht gilt.

Es lässt sich in Marshall wieder ganz gut erkennen, wie sehr Chadwick Boseman mit nur wenigen charakterlichen Adaptionen gänzlich unterschiedliche Persönlichkeiten spiegelt. Sein Thurgood Marshall ist weit von einem Black Panther entfernt, und auch weit von seiner letzten, meiner Meinung nach besten Rolle, nämlich die des Trompetenspielers aus Ma Rainey´s Black Bottom. In diesem Film hier gibt sich Boseman distinguiert und aufgeräumt, konzentriert und selbstbewusst – keinesfalls leidenschaftlich. Ein praktisch veranlagter Anwalt, der keiner Obsession erliegt. Entsprechend konventionell ist auch Hudlins Krimidrama geworden. Für ein Fernsehspiel wäre Marshall vielleicht bemerkenswert gewesen. Oder eben gerade richtig. Großes Kino ist diese Routine vor Gericht somit nicht. Es ist ein Spiel nach bewährten Formeln, die allesamt fraglos verstanden wurden. So wirklich packend sind aber weder die mögliche Aussicht auf ein falsches Urteil noch die obligaten Schlussplädoyers. Hier fühlt man sich als stoischer Ordnungshüter auf dem Flur vor dem Gerichtssaal, der Fälle wie diese immer wieder zu hören bekommt. Deren Erörterung mag ja manchmal für die ganze verstockte Gesellschaft von damals zu einem nachhaltigen Ergebnis gelangt sein. Das Wie und Weshalb, das dazu führt, ist aber doch nur pflichtbewusste Tagesagenda.

Marshall

First Cow

WALKING ON THE MILKY WAY

7/10


firstcow© 2021 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KELLY REICHARDT

BUCH: KELLY REICHARDT & JONATHAN RAYMOND, NACH SEINEM ROMAN

CAST: JOHN MAGARO, ORION LEE, RENE AUBERJONOS, TOBY JONES, EWAN BREMNER, SCOTT SHEPHERD, GARY FARMER U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht. Bertold Brecht hat in seiner Dreigroschenoper mit Sicherheit etwas ganz anderes damit gemeint als ich es hier in Verbindung bringen will. Das Licht am Tage und in der Nacht macht sich Kelly Reichardt in ihrem besonders eigentümlichen Western nämlich auf diese Art zunutze. Denn Reichardt arbeitet mit den Mitteln, die ihr der Tag und die Nacht zur Verfügung stellen. Künstliches Licht gibt’s keines. Wenn es Nacht ist, ist es Nacht. Und wenn selbst der Mond nicht scheint, lässt uns die Regisseurin im Dunkeln. Doch im Dunkeln lässt sich so einiges anstellen. Wie zum Beispiel Kühe melken. Die Besinnung auf das, was von vornherein zur Verfügung steht, lehnt sich fast schon an die dänische Künstlerinitiative Dogma95 an, in denen Lars von Trier und Thomas Vinterberg ohne technischen Schnickschnack denkwürdige Filme machten. Reichardt geht den Weg weiter, Richtung Oregon. Dort, wo es nach Herbstlaub und feuchtem Waldboden riecht, wo einem der Duft von Pfifferlingen förmlich in die Nase steigt. Wir, die den europäischen Wald quasi vor der Tür haben, können da leicht auf eine Geruchsdatenbank zurückgreifen. Schon wird First Cow zu einem hautnahen Pirschen durchs Unterholz. Dann, auf einer nahen Lichtung, notdürftig zusammengeschusterte Holzhütten, Tendenz Bretterverschlag, glimmende Kochstellen, rückkehrende Jäger mit geschulterter Beute.

Wir schreiben das Jahr 1820, westlichste Provinz, tief in den Wäldern. Der Vagabund Cookie Figowitz (John Magaro, u.a. The Umbrella Academy, The Big Short) zieht mit einer Gruppe Pelzjäger durch den Forst. Es sind die denkbar schlechtesten Zeiten für Biber. Aus aller Welt kommen die Menschen hierher, um ihr Glück zu versuchen. Sind es keine Biber, dann lockt das Gold. Oder eine andere Quelle, denn die scheinen unbegrenzt. Aus nichts kann alles entstehen. Man braucht nur Geschick. Oder eine Fügung des Schicksals. Letzteres scheint Figowitz zu widerfahren, da er eines Nachts auf den Flüchtigen Chinesen King Lu stößt. Er gibt dem Hungernden Essen, etwas zum Anziehen und einen Schlafplatz. Klingt fast schon nach Heiligem Martin. Einige Zeit später treffen beide abermals aufeinander, es ist Freundschaft (nicht Liebe) auf den zweiten Blick. Fu und Figowitz tun sich zusammen, hängen ihren Träumen von Ruhm und Reichtum nach, und haben tatsächlich auch eine brillante Geschäftsidee auf Lager. Wie wäre es, für Erste mal mit frittierten Backwaren die dörfliche Marktlücke zu schließen? Figowitz, gelernter Koch, kann das. Was allerdings fehlt, ist Milch. Kühe sind rar in der Gegend, einzig der Dorfchef hat eine auf der Wiese stehen. Die des Nächtens ja gemolken werden kann.

Wir kennen alle diese gehaltvollen Mehlspeisen – auch bekannt als Gebackene Mäuse, nur ohne Hefe. Löffelweise in kochendes Öl getaucht, sind diese Leckereien außen knusprig, innen weich. Nach dazu mit Honig bestrichen und mit Zimt bestreut – und die Dinger gehen weg wie die warmen Semmeln. Ein Western, indem es ums Backen geht? Nur bedingt. Ein Western, indem sich um zwölf Uhr mittags niemand auf die Straße stellt, um die Rechnung zu begleichen? Mit Sicherheit. First Cow trollt mit dem Tempo eines lange unterwegs Gewesenen aus der Reihe herkömmlicher Versatzstücke und versucht, auf Grundlage des Romans von Jonathan Raymond, etwas ganz anderes zu erzählen. Eine Geschichte über Pläne, Ideen und Potenzial. In einem Land, das keine Grenzen kennt, dass so wild und unerschlossen scheint, als wäre hier jeder, der diese Breitengrade erreicht, ein Pionier. In diesem nach Kälte, Holz und Feuer riechenden Niemandsland, indem nebst Vertreter aus aller Herren Länder in völliger Entspanntheit die indigene Bevölkerung einen Teil der Gesellschaft bildet, ist der Wilde Westen ein Ort des erschöpften Durchatmens und Durchstartens. Kelly Reichardt ist zudem nicht zum ersten Mal in dieser Gegend. 2010 verschlug es schon Michelle Williams auf den Meek’s Cutoff, ebenfalls nach einem Drehbuch von Raymond. Nun, im Bundesstaat angekommen, erzählt sie in ihrem bereits 2019 produzierten Film die karge Geschichte einer kleinen, aber verhängnisvollen Gaunerei, konzentriert sich aber lieber auf ihre bemerkenswerte Fähigkeit, Impressionen aus vergangenen Zeiten einer fotografischen Galerie gleich zur atmenden, kuriosen und exotischen Bühne ihres Dramas zu machen. First Cow ist eine Reise in eine konsequente Finsternis, die naturbedingt Teil einer Welt ist, die sich der Mensch urbar macht.

First Cow