Orang Ikan (2024)

ÜBERDOSIS OMEGA-3

5,5/10


© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: INDONESIEN, JAPAN, SINGAPUR, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: MIKE WILUAN

KAMERA: ASEP KALILA

CAST: DEAN FUJIOKA, CALLUM WOODHOUSE, ALEXANDRA GOTTARDO, LUCKY MONIAGA, ALAN MAXSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Orang-Utan ist wohl jedem ein Begriff, den muss ich nicht erklären. Woher der Name stammt, vielleicht schon, denn der wurzelt in der malaiischen Sprache und heisst soviel wie Waldmensch. Orang für Mensch. Utan (oder Hutan) für Wald. Dann gibt es noch den Orang Pendek (oder Pendak), heisst soviel wie kleiner Mensch. Der Knilch ist nach wie vor ein kryptozoologisches Phänomen und soll sich in den Wäldern Sumatras herumtrollen. Und dann gibt es Orang Ikan. Was Orang bedeutet, wissen wir, und Ikan steht für Fisch. Ein Flossenwesen also auf zwei Beinen, sonst wäre er nicht humanoid. Für den gibt es auch keine wissenschaftlichen Belege, und im Gegensatz zur Pendek-Version reden wir nicht mal über Sichtungen. Denn Orang Ikan stammt aus der Feder von Mike Wiluan, einem in Singapur geborenen Filmemacher, der sich wohl eine ausgewiesen Vorliebe für die frühen Monsterfilme der 50erjahre bewahrt hat, insbesondere für jene von Jack Arnold, und da wieder insbesondere für jenen, der sich Der Schrecken vom Amazonas nennt. In diesem effektiv gefilmten, kauzig-monströsen Klassiker tummelt sich eine Jumpsuit-Unterwasserkreatur im tropischen Sumpf und findet Gefallen an einer – wie kann es anders sein – schönen Frau, die zu ihrem Leidwesen als Teil einer Forscher-Crew das eine oder andere mal durchaus ihr stimmliches Organ beanspruchen muss. Denn wenn man da nicht weiß, was da aus der Tiefe steigt, mag der titelgebende Schrecken schon groß sein. So groß wie ein Mann, der sich damals im Gummikostüm halb zu Tode hat schwitzen müssen. Viele Jahrzehnte später schenkt Guillermo del Toro diesem Fischwesen eine phantastisch-romantische Hommage in barocken Bildern: The Shape of Water wurde zum Oscar-Hit.

Des Fisches Blutgesang

Preislich wird Orang Ikan wohl keine Trophäen abräumen – dafür hätte Mike Wiluan den genretypischen Werkzeugkasten wohl ausleeren und neu einsortieren müssen. So aber bleibt er der Art und Weise, wie man Seemansgarn erzählt, zu hundert Prozent treu, wenngleich er in Sachen monströser Grimmigkeit gerne noch ein Schäuflein nachlegt. Denn Orang Ikan, der hat wohl vom Predator viel gelernt. Darunter auch, wie man Köpfe abreißt und menschlichen Schwächlingen eine Frontal-Gastroskopie verpasst. Wiluan will seine Kreatur so furchterregend wie möglich erscheinen lassen – als Mischung aus Tiefseefisch, Jack Arnold-Body und eben einem Jautja (wie die Spezies des Predators eigentlich bezeichnet wird). Vieles in diesem Film erfreut sich filmischer Referenzen, wenig bleibt als eigenständige Idee auf diesem einsamen, sagenumwobenen Eiland zurück, an dessen Gestaden ein Japaner und ein Amerikaner zur Zeit des Pazifikkrieges ihr Bewusstsein wiederfinden, nachdem ihr Kriegsschiff auf Grund lief. Beide sind aneinandergekettet und hätten als Straftäter wohl eher den Gezeiten überantwortet werden sollen – nun hat es sie noch schlimmer getroffen, denn jetzt ist Orang Ikan hinter ihnen her, um was zu tun? Die Insel zu verteidigen? Potenzielle Nahrung zu sammeln?

Was folgt, ist ein gelb- und grünstichig gefilmtes Guilty Pleasure ohne Überraschungen, dafür aber mit einigen Gore-Szenen und ganz viel Dschungel-Feeling. Das Wesen darf sich einem knackigen Äußeren erfreuen, ganz ohne CGI und somit herrlich analog, wie in den guten alten Zeiten. Für Monsterfans ist Orang Ikan ein genüssliches Junk Food, da lässt sich über seifiges Pathos gerne hinwegsehen.

Orang Ikan (2024)

Tiger Stripes (2023)

AUS DEM DSCHUNGELBUCH DER ADOLESZENZ

7/10


tigerstripes© 2023 Jour2Fête


LAND / JAHR: MALAYSIA, TAIWAN, SINGAPUR, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE, INDONESIEN, QATAR 2023

REGIE / DREHBUCH: AMANDA NELL EU

CAST: ZAFREEN ZAIRIZAL, DEENA EZRAL, PIQA, SAHEIZY SAM, JUNE LOJONG, KHAIRUNAZWAN RODZ, FATIMAH ABU BAKAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Filme aus Malaysia sind selten. Und wenn man sie zu Gesicht bekommt, meist Koproduktionen mit Ländern, die sonst auch so einiges im internationalen Kinogeschehen mitzureden haben. Das ist gut für Amanda Nell Eu, die mit ihrem Langfilmdebüt Tiger Stripes auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Hauptpreis der Kritikerwoche abräumen konnte. Gratulation, ein gewinnbringender Einstand, der hoffentlich so einige weitere Koproduktionen nach sich ziehen wird. Mit Tiger Stripes begibt sich die junge Filmemacherin in die malaysische Provinz irgendwo am Rande des Dschungels – was überall sein kann in diesem Land, denn es wuchert und gedeiht hier, wohin man auch nur blickt. Leicht kann es passieren, und nicht nur Nutztiere queren die Straßen, sondern auch mal ein Tiger, was wiederum den Verkehr zum Erlahmen bringt und das Volk aus den fahrbaren Untersätzen holt, damit diese ihren Tiktok-Account mit knackigen Reels füllen dürfen, den später junge Mädchen, in den Schulpausen auf den Mädchentoiletten versammelnd, abrufen können. Social Media hat dort längst das Zepter in der Hand, ein Smartphone hat fast eine jede, die Trends sind gefundenes Fressen, die Selbstinszenierung alles, wofür man den Rest des Tages opfern will. Doch wie das bei jungen Frauen eben so ist, sind manche früher dran in ihrer Adoleszenz als all die anderen. Die, die früher dran sind, haben die Arschkarte gezogen – sie müssen allen anderen vorleben, was später passieren wird. Größere Brüste sind nur ein Merkmal, die Monatsblutung das andere.

Dass die Geschichte der Menstruation eine Geschichte voller Missverständnisse gewesen sein soll, erklärte uns bereits schon in den 90ern das instruierte o.b.-Testimonial durch den Bildschirm in unsere Wohnzimmer hinein. Huch, was war das damals für ein Tabuthema. Und ist es immer noch, ganz egal, ob im Westen oder Osten oder sonst wo. „Wir müssen dich saubermachen, du bist schmutzig“, sagt Zaffans Mama, als diese das erste Mal in der Nacht zu bluten beginnt und ihr Laken wechseln muss. Ab diesem Zeitpunkt wird das junge Mädchen, das eben zu jenen gehört, die sowohl körperlich als auch geistig um einiges weiterentwickelt sind als ihre Kolleginnen, dieses gesellschaftliche Stigma nicht mehr los. Monatsblutung ist igitt, das wird so gelehrt, das wird so vermittelt. Wenn Zaffan unter der Dusche steht, ist das Blut nicht rot, sondern schwarz wie Dreck. Das Natürliche wird zum Unnatürlichen. Das „Opfer“, das die biologische Uhr fordert, ist nicht nur die Abstoßung der Gebärmutterschleimhaut, sondern auch die soziale Ausgrenzung. So passiert es, und Zaffan wird nicht nur aufgrund ihres frei ausgelebten Frau-Seins skeptisch beäugt, sondern auch aufgrund ihres periodischen Umstands gehänselt, gemobbt und links liegengelassen. Vieles ändert sich, im und am Körper eines Mädchens. Tiger Stripes macht daraus einen subtilen, fast schon ans Naive grenzenden Body-Horror, der allerdings keinen ekligen, fast schon verstörenden Schrecken verursacht wie zum Beispiel Julia Ducournaus Raw, sondern vielmehr einer metaphorischen Legendenbildung beiwohnt, die eng mit den Mythen Malaysiens verbunden zu sein scheint und einen fauchende, zähnefletschenden Hauptcharakter ins Feld führt, dessen Augen rosafarben glühen und der sich entweder den archaisch anmutenden Parametern einer wilden Natur hingeben muss oder durch die Distanz zu eben selbiger zugrunde geht.

Die junge Zafreen Zairizal liebt es in diesem Film, die junge Wilde zu geben. Ihre Lust am Tierischen ist ansteckend; ihr Drang, die Hijab abzulegen, das schwarze Haar offen zu tragen und ins rohe Fleisch eines Waldtieres zu beißen, scheinbar getrieben von impulsiver Improvisation. Amanda Nell Eu gab ihr hier mit Sicherheit so einige Freiheiten. Tiger Stripes überhöht auf dem narrativen Niveau einer Graphic Novel den biologischen Coming of Age-Aspekt zu einer Chronologie der Mutation vom Menschen zum Tier. Das Zugeständnis zur Natur des Menschseins wird gleichermaßen eine Abkehr davon, es ist eine Zwickmühle, in der die jungen Mädchen stecken, denn es wird sie alle ereilen, diese Verlockung, dieses Bewusstsein, dieser Drang, sich von den lächerlichen Konventionen der Gesellschaft abzukoppeln, bevor sie diese sowieso wieder mittragen müssen. Ja, es ist auch Pubertät, die da mitspielt. Und nein, es ist nicht Stephen Klings Carrie – Zaffan hat keine telekinetischen Fähigkeiten, findet ihr Heil nicht in der Rache, sondern in der eigenen Selbstbestimmung.

Dass der Weg zum Tigermädchen das eine oder andere Mal unfreiwillig komisch wirkt, ist nicht Zufall, sondern Absicht. Die spielerische Leichtigkeit des metaphysischen Gleichnisses, die ironische Darstellung der Erwachsenenklischees (der träge Vater, der besserwisserische Guru) und überhaupt der ganzen Situation entspricht auch den gekritzelten Lettern im Vorspann. Tiger Stripes ist eine energetische Satire auf das altbekannte Dilemma des Erwachsenwerdens – es bringt zwar nichts Neues aufs Tapet, hat aber eine Freude daran, die Gesellschaftsfähigkeit der weiblichen Natur aus südostasiatischer Sicht als genauso obsolet zu deklarieren wie anderswo auf der Welt. Auch im Westen.

Tiger Stripes (2023)

Im Herzen des Dschungels

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

5/10


imherzendesdschungels© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, CHINA, MALAYSIA 2021

REGIE: MICHAEL HAUSSMAN

CAST: JONATHAN RHYS-MEYERS, DOMINIC MONAGHAN, RALPH INESON, HANNAH NEW, JOSIE HO U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


An Borneo kann man sein Herz verlieren. Und das allein schon wegen der dort endemischen Unterart des uns wohl bekannten Orang-Utans. Was sich dort an Biomasse herumtreibt, geht in kein Reisenotizbuch, und von daher ist es kein Wunder, dass im neunzehnten Jahrhundert die drittgrößte Insel der Welt von Naturforschern aller Art und Nation gern betretenes Territorium war. Sowohl in den Gewässern als auch zu Land, unter jeder Bromelie oder unter dem Laub auf dem Lateritboden: Borneo sehen – und vielleicht sterben? Das wiederum lag an den vielen Ethnien, die dort beheimatet waren (und sind), allen voran den Dayaks – Kopfjägern, die statt Nippes gerne den einen oder anderen vor sich hintrocknenden menschlichen Schädel unterm Dachgiebel hängen hatten. Mag für Außenstehende zwar etwas bizarr wirken – für Einheimische aber war das Enthaupten fast schon Tagesordnung. Solch massive Eingriffe in die Vitalität anderer musste man als Forschungsreisender von damals magentechnisch aushalten können. James Brooke war so jemand.

Der ehemalige Kadett der Ostindien-Kompanie erbt um 1839 herum genügend Geld, um mit einem privaten Schoner die Küsten Borneos zu bereisen und vielleicht, unter Erlaubnis des damals regierenden Sultans und Günstlings Bruneis, ins Innere der Insel hochzuschippern. So weit wird es allerdings nie kommen. Der Muslim hat Probleme mit aufständischen Volksgruppen und benötigt daher Brookes Hilfe, hat dieser doch Kanonen auf dem Schiff. Das Schicksal will es, dass sich Brooke langsam aber doch, zum Raja über Sarawak (der nördliche Teil Borneos) aufschwingt. Was den abgesetzten Sultan in seiner Schmach zu einem Deal mit den lokalen Piraten eingehen lässt.

Klingt abenteuerlich. Kein Wunder – die Lebensgeschichte James Brookes hat gar Joseph Conrad für seinen Roman Lord Jim inspiriert. Und auch die eine oder andere Tier- oder Pflanzenart trägt bis heute dessen Namen. Die Verfilmung selbst wird leider wohl niemanden inspirieren. Musikvideofilmer Michael Haussmann (u. a. für Madonna) wählt Jonathan Rhys-Meyers – den irischen „Jürgen Prochnow“ – als sein filmisches Zugpferd. Der wirkt jedoch – als diabolischer Intrigenspinner in Die Tudors das Gesicht zur Serie – stets unberechenbar. Ein Image, das Rhys-Meyers nicht mehr los wird. Dem eigentlich als aufgeschlossen geltenden Brooke schenkt man daher wenig Vertrauen. Doch andererseits: Wären irritierende Restzweifel an der Integrität dieses Mannes nicht gegeben, würde Im Herzen des Dschungels (im Original: Edge of the World) in drückend-tropischer Windstille nur traurig vor sich hindümpeln.

Dabei ist diese Begebenheit aus dem Weltkarten-Abseits ähnlich wie Against the Ice eine durchaus lehrreiche und prinzipiell interessante Geschichtsstunde. Dass Sarawak unter britischer Herrschaft stand – wer hatte das schon auf dem Radar? Aus der Schule kennt man diese Fakten bestimmt nicht. James Cook – ja. Aber Brooke? Insofern ist Haussmanns Film löblich zu betrachten. Die Umsetzung jedoch müht sich mit einem trägen, recht konfusen Skript herum, das wohl wichtige Szenen zum Verständnis der Geschichte lieblos aneinanderreiht. Da wähnt man sich in einem unter strengem Zeitplan entstandenen Fernsehfilm, der nach Ausstrahlung im Nirwana sämtlicher Programmfüller verloren gehen wird. Zu viel Geschwafel, zu wenig Struktur – aber immerhin jede Menge rollende Köpfe, sodass die Prosthetic-Macher alle Hände voll zu tun hatten. Bis auf Rhys-Meyers bleiben die Figuren der Geschichte trotz blutiger Wunden undankbar farblos, sehr westlich und sprechen obendrein fließend englisch. Da hat sich jemand, wie es aussieht, zu sehr an Werke wie Apocalypse Now oder Farewell to the King orientiert und dabei vergessen, vor lauter Bewunderung für all die Vorbilder die dramaturgische Qualität des eigenen Films genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im Herzen des Dschungels

Gundala

MISTER BLITZABLEITER

5,5/10

 

gundala© 2019 Koch Media

 

LAND: INDONESIEN 2019

REGIE: JOKO ANWAR

CAST: ABIMANA ARYASTYA. TARA BASRO, ARIO BAYU, BRONT PALARAE, LUKMAN SARDI U. A.

 

Was das Entertainment im Westen so hervorbringt, scheint Indonesien zu gefallen. Am liebsten Marke Event – bunt und laut und wohlgefällig. Was eignet sich da nicht besser als Hollywoods Comic-Universen? Superhelden gehen immer. Aber müssen es wirklich immer nur die Avengers oder die Justice League sein? Gibt’s da nicht auch noch andere Helden? Nicht zwingend aus der zweiten Reihe, aber aus einer ganz anderen Hemisphäre. Siehe da, Indonesien hat sowas auch (wer hat die eigentlich nicht – ich warte eigentlich schon auf Österreichs Verfilmung von ASH). Erschaffen wurde einer dieser Charaktere vor wirklich schon langer Zeit, und zwar Ende der 60er Jahre, von einem Autor namens Harya „Hasmi“ Suraminata: Gundala. So heißt der gute Mann, und der hat fast schon eine ähnliche schicksalhafte Kindheit wie unser wohlbekannter Batman. Gundala also muss zusehen, wie sein Papa stirbt und wird dann auch noch von Mama alleingelassen. Den Reichtum eines Bruce Wayne hat der Knabe freilich nicht, also läuft er weg, irgendwo hin, und sieht dabei zu, dass er nicht in ein Gewitter kommt, was in der Regenzeit in Jakarta des Öfteren mal passiert. Die Blitze nämlich, die scheinen es auf den Kleinen abgesehen zu haben.

Dieses Jakarta, das ist wie Gotham City. Es herrscht Unfrieden zwischen dem Proletariat und den Arbeitgebern, Menschen- und Arbeitsrechte sind Mangelware, das Volk protestiert, wo’s nur geht. Irgendwo in diesem Moloch treibt so mancher zu Unrecht entstellter Antagonist sein Unwesen, mit sämtlichen anderen Finsterlingen im Schlepptau. Es folgt – wie kann es anders sein – für Gundala die große Stunde der Erkenntnis, für etwas ganz anderes bestimmt worden zu sein als nur für ein normales Leben, das geprägt ist von Wunschträumen nach der Heimkehr seiner Mutter.

Natürlich hat Gundala später auch sein eigenes Outfit, das ein bisschen aussieht wie das von Wolverine aus den Comics und Deadpool zusammen. Ein Superheld braucht sowas, und er braucht auch übermenschliche Kräfte, um den Bösen ordentlich den Hintern zu versohlen. Joko Anwar beginnt sein Origin-Movie nebst ordentlich Dramatik mit beeindruckenden Bildern, die manchmal an David Finchers grünstichig-verregnete Optik erinnern. Technisch gesehen gibts da wirklich nichts auszusetzen, Effekte und alles andere sind State of the Art, da müsste Hollywood anerkennend nicken. Aber wie das bei Origin-Stories eben mal so ist, kann auch Indonesien nicht anders, als im Grunde die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Vom gekränkten Finsterling und vom selbstlosen Volksvertreter. Vor allem im Mittelteil hat Gundala schön fotografierte, aber satte Längen, die dem Genre der Comicverfilmung nicht viel Neues abgewinnen.

Die südostasiatische Antwort auf Marvel und Co ist nicht volltönend, aber grundsolide, durchaus sympathisch und für ein bereits verwöhntes Publikum gefällig genug, um seine Fans zu finden. Selbst den Teaser für eine mögliche Fortsetzung kann sich das Heldenkino Indonesiens nicht verkneifen. Die Comics um Gundala und Co wird man hierzulande aber vergeblich suchen – es sei denn, dieses DVD-Release entwickelt sich zu einem erfolgreichen Selbstläufer, was ich dann aufgrund des bereits gesättigten Marktes aber kaum glauben kann.

Gundala

Sergio

NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN

7/10

 

sergio© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GREG BARKER

CAST: WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, BRIAN F. O´BYRNE, GARRET DILLAHUNT, CLEMENS SCHICK U. A.

 

Sie kamen in Frieden und ernteten Terror: als im August des Jahres 2003 eine Autobombe vor dem UNO-Hauptquartier in Bagdad explodierte, war danach nichts mehr wie zuvor. Die Vereinten Nationen zogen sich zurück, der Irak versank noch mehr im Chaos als ohnehin schon, und den Amerikanern konnte keiner mehr auf die Finger schauen. Die Bombe, die ging auf das Konto des Terrorführers Al Sarkawi, aus dessen Gruppierung später der IS hervorgehen sollte. Auf das Konto der Bombe gingen Diplomaten wie der Brasilianer Sérgio Vieira de Mello, ein guter Freund Kofi Annans und ein Weltverbesserer unter den Menschen, wie es kaum einen zweiten zu dieser Zeit wohl gegeben hat. Dass zum Beispiel Ost-Timor, der östlichste Zipfel der Sunda-Inselkette, nach einem verheerenden Bürgerkrieg tatsächlich noch zu einem eigenen Staat wurde, das war unter anderem auch das Verdienst dieses äußerst intelligenten, überlegt agierenden und in seiner Arbeit wohl leidenschaftlichen Mannes, der aber, so betonte er, stark mit seiner Heimatstadt Rio verbunden blieb.

Sergio ist kein gewöhnliches Politdrama und schon gar kein Terrorthriller. Eher noch ein biographisches Portrait, sehr aufmerksam gezeichnet und mit Leidenschaft inszeniert, keinesfalls eben halbherzig, sondern die Hausaufgaben bis zum Schlußstrich erledigt. So wie die Arbeit Sérgio de Mellos, der all den einflussreichen Idealisten an ihrer Tafel Gesellschaft leistet, für eine bessere Welt steht und die unabhängig von ersten, zweiten oder dritten Mächten zu agieren hat. Dem wuchtigen Militärapparat der USA zeigt de  Mello die kalte Schulter, denn instrumentalisieren lässt sich die UNO nicht. Aus Fehlern wie seinerzeit in Ruanda habe man gelernt. Doch seltsamerweise ist für Länder wie den Irak alles, was aus dem Westen kommt, gleichbedeutend mit dem Feindbild Nr. 1, den USA, und so muss sich auch Sergio unter den Trümmern des Bagdader Canal Hotels wiederfinden, rettungslos eingeklemmt, geschwächt und fast schon in Agonie. In diesem Zustand, so heißt es doch, zieht das Leben an einem vorbei, in kurzen Episoden, in den schönsten Momenten. So hat Regisseur Greg Barker, der 2009 bereits eine Doku über den Mann inszeniert hat, den Stoff als Kaleidoskop letzter reflektierender Erinnerungen neu dramatisiert. Zum Glück aber ist daraus kein assoziativer Experimentalfilm geworden, zum Glück haben sich Mellos Erinnerungen relativ chronologisch in den Erzählstrang eingeordnet und machen auch einer Liebesgeschichte Platz, die nicht weniger leidenschaftlich ist als die Durchführung mancher diplomatischer Aufträge, die per Anruf erteilt werden, mit dem Ansuchen, nur noch kurz die Welt zu retten, bevor das eigentliche Leben beginnen kann. Wonach sehnt sich also Sergio, der sich einer vernunftorientierten Weltordnung verschrieben zu haben scheint, ohne ein eigenes Leben führen zu wollen? Die sinnliche, äußerst kokette Ana de Armas (Blade Runner 2049, Knives Out) eröffnet ihm mühelos eine neue Perspektive, doch ehe sich die Dinge ändern können, explodiert die Bombe.

Der brasilianische Film- und Fernsehstar Wagner Maura (u. a. Narcos) verkörpert den Vernunftmenschen durchaus auch als Lebemann, als Meister der Beredsamkeit und der charmanten Manipulation. Ein guter Mann, der die Werkzeuge der Sprache und des Respekts nutzt, da hat Barker keine Zweifel. Und de Armas? Hat verschwenderisch viel Screentime, Barker scheint fasziniert von ihr zu sein, und der Netflix-Seher ist es dankenswerterweise auch. All die Liebe, all der Krieg, all diese exotischen Kulissen, dieses Fremde und Ferne und Völkerverständigende, das sind Zutaten für großes Kino, durchaus. Für eine Liebeserklärung an einen Weltenbürger und realen Helden, denn so sehen die echten Captain Americas und Iron Mans und wie sie alle heißen eigentlich aus. Natürlich lebt Sergio durchaus auch von Pathos, lässt Glanz und Glorie auf einen Selbstlosen regnen. Schwülstig wirkt das nur selten, stattdessen viel mehr ehrerbietend, wie für einen Heiligen, nur bleibt die Kirche im Dorf und das dramatisch gute Beispiel entwaffnender Diplomatie einladend nachahmbar.

Sergio

The Raid 2

VON WEGEN BLUTIGE ANFÄNGER

7/10

 

raid2

REGIE: GARETH EVANS
MIT IKO UWAIS, YAYAN RUHIAN, ARIFIN PUTRA

 

Nein, schön anzusehen ist dieser Film nicht. Und auch nichts für Leute, die kein Blut sehen können. Eher was für Fans von The Walking Dead. Nur, dass es in Gareth Evan´s Sequel des indonesischen Actionthrillers The Raid keine Zombies gibt, sondern gewöhnliche Sterbliche. Und die Apokalypse ist auch noch nicht ausgebrochen – möchte man meinen. Nun, in der Unterwelt vielleicht schon. In der indonesischen Unterwelt. Denn dort werden keine Gefangenen gemacht. Es gilt der Bandenkrieg bis zur totalen Vernichtung. Und mittendrin: Rama. Diesen Martial Arts-Hero kennen wir schon aus dem ersten Teil. Dort kommt der junge Familienvater und Polizist in einem Wohnhaus ins Kreuzfeuer einer Unterweltgang. Er und fünf weitere Kollegen überleben das Fiasko. Doch wie schon Bruce Willis in Stirb langsam all den Bösewichten barfuß und mit Köpfchen mehrere Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so hat sich auch Rama als Ein-Mann-Kampfmaschine im wahrsten Sinne des Wortes bis ins oberste Stockwerk durchgeschlagen. Der zweite Teil ist da weniger klaustrophobisch, hinterlässt aber gleich in der ganzen Millionenmetropole Jakarta knöcheltiefe Blutlachen. 

Wer sich noch an Quentin Tarantino´s Kill Bill Vol.1 erinnern kann, und zwar insbesondere an Uma Thurman´s blutbefleckten gelben Overall während des schwertscharfen Schlagabtauschs mit den Ninja-Kämpfern, wird sich so ungefähr vorstellen können, welchen Tonus The Raid 2 anschlägt. Es ist ein Hauen, Stechen und Niederschießen, bis der Leichenwagen kommt. Da wird hingerichtet, niedergemetzelt und mit Stahlhämmern traktiert, dass sich der Zuseher selbst schon gemartert fühlt. Dagegen ist John McClane eine wahre Mutter Theresa. Dagegen ist John Wick geradezu ein Waisenknabe, der von Rama noch Vieles lernen kann. Und zwar fernöstliche Kampfkunst, wenn schon Messer, Schwerter und Macheten nichts mehr vollbringen.

Zugegeben, The Raid 2 ist Hardcore. Selten ist ein Actionfilm brutaler. Allerdings – Ramas Odyssee durch die Unterwelt ist ein virtuoses, exzessives Kunstwerk, das mit Motiven der Gewalt gestaltet worden ist. Vor perfekt komponiertem Interieur, monochromen Räumen und anhand eines Storyboards mit dem Hang zur Symmetrie werden Blut, gebrochene Knochen und kaltblütiger Killerinstinkt zu Farbe und Pinsel. Entstanden ist ein erschreckend faszinierendes Meuchelepos, das inhaltlich stark an Martin Scorsese´s The Departed erinnert und neben all seiner perfekten Flesh-and-Blood-Choreographie tatsächlich eine durchaus spannende Geschichte über Vertrauen, Verrat und Rache zu erzählen weiß. Die japanische Filmwelt des Takeshi Kitano hat hier ähnliche Ambitionen. Dort ist es die Yakuza-Mafia, die ihre Opfer wie die Fliegen sterben lässt. Hana Bi – Feuerblume zählt hier zu den herausragendsten Hardcore-Thrillern aus dem Land des Bonsais.

Viele werden womöglich bei The Raid 2 die Grenze des Erträglichen überschritten sehen und das Kino verlassen. Oder das Streaming stoppen. Im Grunde hätte ich das auch getan. Das war bei Only God Forgives von Nicolas Winding Refn der Fall. Ein unseliges Machwerk, dass dem asiatischen Unterweltkino nacheifern wollte. Obwohl Gareth Ewans selbst ein Brite ist, beherrscht er die Parameter östlicher Kinokultur aber aus dem FF. Modifiziert zum Mainstream für zerstreuungswütige Asiaten, die mit westlichen Werten liebäugeln, entsteht so etwas wie The Raid. Ein knallharter, eleganter Martial Arts-Horror für kunstsinnige Actionfans. Und leise rieselnden Schnee, der auf Jakarta fällt, sieht man auch nur hier.

The Raid 2