Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

DER SLASHER ALS DAS HÖCHSTE DER GEFÜHLE

7,5/10


Gillian Anderson und Hannah Einbinder kommen sich in Teenage Sex and Death at Camp Miasma näher
© 2026 MUBI


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: ERIC YUE

CAST: HANNAH EINBINDER, GILLIAN ANDERSON, AMANDA FIX, ARTHUR CONTI, EVA VICTOR, ZACH CHERRY, SARAH SHERMAN, PATRICK FISCHLER, DYLAN BAKER, QUINTESSA SWINDELL, JACK HAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Ich wünschte, es gäbe in meiner Heimatstadt Wien noch das gute alte Schönbrunner Kino – dort sah ich Filme wie Independence Day, Schlafes Bruder oder Sieben, bevor es Ende der 90er Jahre geschlossen wurde. Nun ziert diese Hallen ein Sonnenstudio – wie unwürdig.

Die Dreifaltigkeit der Projektionsfläche

Gäbe es das Schönbrunner Kino noch, wäre Jane Schoenbrun dort am besten aufgehoben, einschließlich Marketing-Gag und vielleicht gar dreiteiliger Retrospektive, denn satte drei Filme zählt ihr kinematografisches Œuvre mittlerweile, dank des jüngst in Cannes uraufgeführten letzten Teils der sogenannten Screen-Trilogie, die sich mit – wie kann es anders sein – drei unterschiedlichen Medien beschäftigt: Dem Fernsehbildschirm, dem Computerdisplay und der Kinoleinwand. Für Schoenbrun sind das Portale in eine andere Realität – die hauchdünne Membran, das Rabbit Hole wie bei Alice im Wunderland. Dahinter wartet das Unaussprechliche oder Unfassbare, die Twilight Zone, wenn man so will, das Gespenstische und unbedingt in die Realität wollende.

Dafür schafft sich das Unheimliche seine willfährigen Helfer. Es sind jene, die in das jeweilige Screen-Medium hineinkippen. Die davon eingefangen werden, wie Justice Smith in I Saw the TV Glow, Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair und nun Hannah Einbinder (Hacks) in einer märchenhaft anmutenden Meta-Satire mit dem merkwürdig bemerkenswerten Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma.

Nicht komplett davonschwebend

Auch Schoenbruns dritter Film hat nichts von diesem eigenwilligen, im rosarot-violetten Farbspektrum umherschillernden Stil verloren, eingebettet in eine rätselhafte Dunkelheit. Dennoch lässt sich deutlich mehr erzählerische Gefälligkeit bemerken als in den anderen beiden Arbeiten, die völlig emanzipiert und unbekümmert ihre sperrige Gedankenwelt ausleben. Teenage Sex and Death at Camp Miasma hat schon allein mit Protagonistin Kris eine Figur geschaffen, die im sozialen Gefüge einer urbanen und fortschrittlichen Gesellschaft am tiefsten verankert ist als irgendeine andere Figur in Schoenbruns fantastischen, doppelbödigen Medienwelten. Der Zugang des Publikums in das Geschehen ist also allein dadurch schon ein deutlich einfacherer.

Zu Besuch beim Final Girl

Was wir vor uns haben, ist als Plot recht schnell abgesteckt, und hält auch kein nennenswertes horizontales Storytelling bereit, schließlich sind Schoenbruns fast schon essayistische Betrachtungen ein verspieltes Exhumieren sämtlicher Versatzstücke, und zwar an Ort und Stelle, in einer Nerd-Blase, die keine ihrer Figuren wirklich weglässt. So ist Hannah Einbinder als eben diese Kris zu Besuch bei einer (fiktiven) Ikone des Slasher-Films: Billy Preston, leidenschaftlich verkörpert von Ex Akte X-Ikone Gillian Anderson, die selten so viel Spielfreude an den Tag gelegt haben mag wie hier.

Der ehemalige Jugendstar, der in den Achtzigern so wie Jamie Lee Curtis in Halloween, Heather Langenkamp in Nightmare oder Neve Campbell in Scream die längst noch nicht ausgelutschte Filmreihe Camp Miasma begründet hat, soll zu einem Reboot überredet werden. Denn Kris hat als junge Regisseurin und ordentlich viel frischem, kreativem Wind im Gepäck ihre ganz eigene Vision für dieses Franchise.

Doch wohl weniger sie als ihre regieführende Person namens Jane Schoenbrun hat wohl die größte Lust am Sezieren eines in der Filmgeschichte und im Genrelexikon nicht mehr wegzudenkende Figur des „Final Girl“ – einer knapp beschürzten, frivolen und auf dem Präsentierteller des Sexismus ausgelieferten Scream Queen zwischen Wollust, Jungfräulichkeit und wundersamer Renitenz. Es ist die dem Drachen doch nicht zum Fraß vorgeworfene letzte Königstochter, und der Male Gaze ist ihr sicher. Mit dieser Wahrnehmung muss aufgeräumt werden – und dem meist maskierten männlichen Antagonisten in seiner vermeintlichen Symbolkraft eine Metaebene angedichtet werden, mit der Sigmund Freud seine größte Freude hätte.

Der Kill als Lust-Multiplikator

Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Metafilm in Reinkultur, so unbekümmert und lustvoll, so wild und völlig versponnen. Schoenbrun ist jemand, der dabei lieber das Pacing streckt als die Spannungsschrauben anzieht. Die vertikale Erzählweise dringt Schicht für Schicht in Hannah Einbinders Wahrnehmung und leidenschaftliche Fabulierkunst vor.

Ein ganzes Subgenre wird zerpflückt, von Psycho über den Crystal Lake und Jason Voorhees in Freitag der 13., der fast schon als Stütze für diesen Film funktioniert, bis hin zu diesem seltsamen Typen mit Speer und einem Lüftungsmodul als Maske – der kleine Tod. Vom kleinen Tod wissen wir: es ist ein bekanntes Synonym für den Orgasmus. In diesem Fall ganz eindeutig der weibliche – was Schoenbruns Film letztlich fast schon recht simpel, aber sehr stark zielgerichtet erscheinen lässt. Der sexuell konnotierte Killer und die junge Frau – ein Genre als Sex-Akt? Der Kill als weiblicher Höhepunkt?

Vom Einlegen einer Videokassette

So kommt man zu dem Schluss: Teenage Sex and Death at Camp Miasma funktioniert als queere Sexkomödie auf Umwegen durch den blutgetränkten Morast eines trivialen Erzählmusters für die breite Masse, in welcher vor allem die männliche Komponente viel zu oft nichts von der weiblichen Lust versteht. Was sich Schoenbrun hier zusammengereimt hat, ist ein kurioser und vor allem auch witziger und augenzwinkernder Mindfuck, der die Lust am Retro-Zitieren mit jener auf den feuchten Laken in den Hütten eines Sommercamps vereint.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

Bitteres Fest (2026)

DAS SCHICKSAL HAT SINN FÜR NOBLES DESIGN

6/10


Bárbara Lennie tröstet Victoria Luengo in Pedro Almodovars Bitteres Fest
© 2026 Constantin Film


ORIGINALTITEL: AMARGA NAVIDAD

REGIE / DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR

KAMERA: PAU ESTEVE BIRBA

CAST: LEONARDO SBARAGLIA, BÁRBARA LENNIE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, VICTORIA LUENGO, PATRICK CRIADO, MILENA SMIT, QUIM GUTIÉRREZ, ROSSY DE PALMA, CARMEN MACHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Spaniens Regie-Gott Pedro Almodóvar fühlt sich dort am wohlsten, wo er auch selbst zuhause ist. Und er kann dort die schillerndsten Charaktere schaffen, wo er beruflich verkehrt: Im Territorium des Autorenfilmers, in der hermetischen Blase der Schreiberlinge, im Biotop der Filmemacher, die sich längst selbst produzieren.

Künstler kennen den Schmerz nur zu gut

Almodóvar sieht sich natürlich als Künstler, und er sieht auch seine Figuren vorwiegend als genau das: Als Künstler entweder in der Schaffenskrise, in der Identitätskrise oder in was für Krisen auch immer. In Almodóvars Welten wird Zeigbares produziert und entworfen – und so entwirft er auch mehr oder weniger einen Splitter seiner selbst als Drehbuchvirtuose und Regisseur, der endlich mal wieder etwas Neues zuwege bringt, eine neue Geschichte mit sehr viel Schmerz, Leid und Katharsis. Kaum ein Stoff, der sich besser eignet, um einen anspruchsvollen Film zu erschaffen, als des Lebens Schicksal. Als Krankheit, Tod und das Ende von Beziehungen.

Vom Schicksal der Lebenden inspiriert

Pedro Almodóvar ist in Bitteres Fest – ein Titel, der sich auf Weihnachtsfeierlichkeiten bezieht, die alles andere als entspannt verlaufen – der Autor Raúl, ein Feingeist mit grauem Haupt- und Gesichtshaar, lebend in einer queeren Beziehung und umgeben von Leuten, die im Dienste seiner Projekte stehen. Dazu zählt auch sein Partner und eine Assistentin, die Raúl nur zu ungern gehen lassen muss. Doch Mónica hat das große Bedürfnis, ihrer Freundin beizustehen, die gerade eben ihren krebskranken Sohn verloren hat. Eine Tragödie sondergleichen ist das, da ist keine Zeit fürs Kunstschaffen, doch die Kunst weiß dabei selbst, was sie aus der Realität ziehen kann, um eine Geschichte, die sich nur mühsam vorwärtsschreiben lässt, aufzupeppen.

Wie existent ist die fiktive Welt?

Dass diese Timeline wohl nicht die einzige in Bitteres Fest sein kann, ist wohl allen klar, die Almodóvars Œuvre kennen. Natürlich gibt es eine zweite Ebene; eine, die sich mehr als zwei Jahrzehnte früher abspielt, die allerdings nicht real, sondern fiktiv ist – und eben genau jene Handlung visualisiert, die Raúl gerade „zu Papier“ bringt.

Dort, in dieser imaginären Welt, ist Elsa die Protagonistin, ebenfalls ehemalige Filmemacherin, nunmehr in der Werbung tätig und mit einem Unterhosenmodel liiert, der zumindest auch Brände löscht, wenn er nicht gerade als Stripper gebucht wird. Diese Figur ist die wohl eingängigste in Almodóvars Ensemble – kaum um sich kreisend, während alle anderen Reichen und Schönen in elitärer Unantastbarkeit mit der Schwere des Lebens dennoch zu tun haben müssen, denn Menschen sind sie schließlich alle.

Die tröstende Expertise eines Innenausstatters

Und so wechselt der Schauplatz von Madrid ins luxuriöse Anwesen auf der Kanareninsel Lanzarote, die mit ihrer einzigartigen Landschaft natürlich ordentlich Schauwerte in den Film bringt. Das geschieht immer dann, wenn Almodóvar seine Lieblingsfarben Grün und Rot in allen möglichen Abstufungen und Schattierungen sowie in akribischem Kompositionsdrang auf der Leinwand arrangiert.

Bitteres Fest ist wie Malen auf bewegtem Grund. Bicolore Ornamentik, grobe Muster, Retro-Orange – dann wieder Werke von Künstlern, nach denen sich jeder Innenausstatter alle zehn Finger abschlecken würde und die womöglich ein Heidengeld kosten. Der Filmemacher hat sie alle beisammen, stattet seine Wohnzimmer, Schlafgemächer und Loggias mit allerlei Kunst aus, die einen Großteil seiner Arbeit einnehmen. Wie das gelingt?

Für Arrangements wie diese gibt es Platz genug. Bitteres Fest selbst mag zwar Fiktion und Realität miteinander verbinden, doch längst nicht so raffiniert wie in anderen seiner Werke. Von daher sprengt die Handlung wohl kaum den Rahmen. Thematisch wendet sich das große Drama des Trostes und der seelischen Heilung dem künstlerischen Missbrauch tatsächlicher Tragödien zu.

Ist Raúl dabei skrupellos genug, wenn er einen ähnlichen Fall wie jenen skizziert, den seine Assistentin Mónica erlebt? Verletzt die Implementierung realer Persönlichkeiten in eine schriftstellerische Arbeit das Persönlichkeitsrecht, auch wenn nur einzelne charakterliche Spuren neu interpretiert werden?

Die Realität bleibt immer Inspiration

Zu einer Antwort lässt sich Almodóvar gar nicht hinreißen, zu sehr schwingt in seinen Arbeiten stets das Autobiografische mit, wobei man davon ausgehen kann, dass so manche Figur in seinem bisherigen Schaffen tatsächlichen Ursprungs ist.

Vielleicht will sich Almodóvar mit diesem Film auch rehabilitieren und zur Sprache bringen, was ihn dahingehend wohl immer schon beschäftigt hat. Es reicht ihm, den kritischen Blick zu werfen. Alles Übrige arrangiert sich in gediegenen Bildern, in denen virtuose Dialoge schlummern, die jedoch niemals so stark an Gewohnheiten rütteln, dass diese sich ändern könnten.

Bitteres Fest (2026)

Minions & Monster (2026)

AND THE BANANA GOES TO …

5/10

 

Kevin und Stuart beschwören Monster in Minions & Monster
© 2026 Universal Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PIERRE COFFIN

DREHBUCH: BRIAN LYNCH

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIERRE COFFIN, CHRISTOPH WALTZ, ALLISON JANNEY, TREY PARKER, JESSE EISENBERG, BOBBY MOYNIHAN, JEFF BRIDGES U. A.

STIMMEN (SYNCHRO): Bill & TOM KAULITZ

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Sie sind unsterblich (anscheinend). Sie sind hedonistisch, exaltiert, nervös und nervig. Sie sind devot, anbiedernd und kämpfen mit den Tücken des Alltags genauso wie unsereins. Weil sie für nichts richtig Experte sind, meist nur so tun als ob, und behaupten, alles zu können, weil sie gefällig sein wollen. Was sie aber absolut auszeichnet, das ist ihr Sinn für Humor. Wenn am Ende auch wirklich alle schiefgeht – wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und zuletzt lachen immer die Minions.

Die Anziehungskraft des Schurkischen

Kein Sommer ohne diese kniehohen kleinen TicTacs mit ihren eigentümlichen Brillen und den blauen Hosen, die sie gern mal gegen anderes Outfit eintauschen, weil sie ja schließlich wie eine Blaupause für jeden noch so erdenklichen Job bereit sein wollen – sofern dieser dazu beiträgt, die Welt zu unterjochen.

Also sucht dieser wilde Haufen seit dem Paläozoikum immer und immer wieder nach dem einzig wahren und richtigen Oberboss. – nach einem Fiesling, der es wirklich verdient, so genannt zu werden. Der sich die Hände reibt, hämisch kichert und gehässige Seitenblicke auf alles wirft, das arglos in die Falle tappt.

Einer davon ist zum Beispiel ein gebirgsgroßer Zyklop, der mit Inbrunst alles kleintritt, was ihm unter die Füße kommt. Die Minions sind begeistert, folgen dem Riesen auf Schritt und Tritt. Ihnen dabei zuzusehen, wie die den nicht ganz hellen Tunichtgut umgarnen, zählt zu den absoluten Highlights des Films – wenn nicht gar zu diesem einen, besonderen Moment, der am Ende noch dahingehend gipfelt, Eltern von Kindern, die daheim gerne und ausdauernd den Lego-Architekten raushängen lassen, an schmerzliche Erfahrungen erinnert.

Zwei, die mächtig Ärger machen

Irgendwann wird klar, dass wiedermal Kevin und Stuart (und vielleicht auch Bob) das charakterliche Zentrum sonst eher austauschbarer Individuen bilden. Sie bekommen im Mittelalter dann auch das Monsterbuch einer herrlich karikierten Merlin-Parodie in die Finger, um gleich darauf die eine oder andere Beschwörung zu murmeln.

Das Buch mag dann später, im Zeitalter des aufkommenden Tonfilms in Hollywood, gerade wie gerufen kommen, sparen sich die beiden Hansdampfs mühsames VFX und teure Effekte. Einfach ein Monster beschwören – schon könnte ein Film daraus werden, der die Scharen in die Kinos lockt. Oder die Scharen vor etwas flüchten lässt, das mit tausenden Augen nicht unbedingt des Dr. Mabuse alles vernichten will.

Quietschbunter kosmischer Horror

Diese kleine grüne Teletubbie-Version des Cthulhu hätte selbst H. P. Lovecraft zum Lachen gebracht. Mit Quietschstimme und süßelnder Unterwürfigkeit schmiedet das kleine Wesen sinistre Pläne. Haushohe Monster, die sich Illumination aus der Monster AG geborgt hat, sollen dabei helfen.

Und dann ist da auch noch ein Roboter, einer vom anderen Stern mit dem Namen Gort, der, Filmnerds wissen, seit dem Tag, an dem die Erde stillstand, das hollywood‘sche Integrationsprogramm lebt. Dazwischen streut Regisseur Pierre Coffin, der den Minions auch ihre heliuminhalierende Kauderwelsch-Stimme leiht, von der man nie weiß: ist es spanisch, italienisch, englisch, deutsch oder buschmännisch, ein fast schon parallel laufendes Bilderquiz zum Thema Filmgeschichte in die Handlung, die als Minutensketche wunderbar funktionieren.

Eine ganze Packung TicTacs auf einmal lutschen

Je kürzer die Minions ihre Gags zünden, und je überschaubarer das Szenario als gespielter Witz, umso besser funktioniert ihre Slapstick-Welt. Je monströser, epischer und bemüht erzählerischer das Ganze wird, umso weniger.

In keinem anderen Minion-Standalone wird deutlicher, wie sehr die Minions am besten als Sidekicks funktionieren. Und wie gut man sie in szenische Intermezzi unterbringt. Wird’s abendfüllend, verrennt sich das Abenteuer in ein hysterisches Chaos, das immer noch eins draufsetzt, das alles und am besten gleichzeitig will.

Der Overkill überlagert alles

Das große Geklotze mag sich zwar Minions & Monster nennen und die Metaebene mit dem Film im Film gut genug finden – aus irgendeinem Grund aber fällt der dankbare Plot auseinander und muss fortan an doppelter Front auf Biegen und Brechen triumphieren, was abwechselnd eine der beiden Storylines schwächt.

Das Bemühen um Originalität ist letztlich verlorene Liebesmüh; der Roboter und seine Romanze mit einer Suffragette ein merkwürdig vom Thema abkommendes Add-On, als würde der Film von sich selbst ablenken müssen. Ermüdet stellt man fest, dass der Tag, an dem die Erde zumindest ein bisschen stillstehen hätte können, einfach nicht anfängt. Wie schade, denn dann hätte man die Minions deutlicher lachen gehört.

Minions & Monster (2026)

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (2022)

LAND DER BEGRENZTEN MÖGLICHKEITEN

7,5/10


bardo© 2022 Limbo Films, S. De R.L. de C.V. Courtesy of Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO 2022

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLES IÑÁRRITU

DREHBUCH: NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLES IÑÁRRITU

CAST: DANIEL GIMÉNEZ CACHO, GRISELDA SICILIANI, XIMENA LAMADRID, ÍKER SÁNCHEZ SOLANO, LUIS COUTURIER, ANDRÉS ALMEIDA, FRANCISCO RUBIO U. A.

LÄNGE: 2 STD 39 MIN


Die Welt ist am Arsch. Mit diesen Worten will das Baby wieder zurück in den Schoß seiner Mutter. Mateo wird nie seinen ersten Geburtstag erleben – der Tod des Neugeborenen wird als Trauerkloß dem Protagonisten Silverio andauernd vor die Füße rollen. Mit surrealen Szenen wie diese, wenn die meterlange Nabelschnur die Mutter nicht gehen lässt und wenn das Neugeborene zurück in die Vagina dringt, beginnt eine fremdartige, groteske und impressive Reise in eine autobiographisch gefärbte Vergangenheit des mexikanischen Oscar-Preisträgers Alejandro Gonzáles Iñárritu. Spätestens seit seinem Abenteuerdrama The Revenant – Der Rückkehrer und seiner nicht weniger surrealen Ego-Komödie Birdman kennt ihn jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung vom Kino hat. Iñárritu ist Autorenfilmer durch und durch. Biutiful ist meines Erachtens sein bestes Werk. Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten reicht nahe an ihn heran, bleibt aber viel mehr auf Distanz und genießt es geradezu, seinem Publikum mancherorts fremd zu bleiben. Bardo befragt das Gewissen von Iñárritus Alter Ego, stochert in seinem Unterbewusstsein, lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jenseits allen chronologischen Verständnisses insofern verschmelzen, dass die Figur des Silverio die Gabe besitzt, in die Zukunft zu visionieren und mit den Erinnerungen an seine fiktiven Werke in die Vergangenheit einzutauchen.

Die wirkliche Meisterleistung von Bardo ist die Magie, die entsteht, wenn Realität und Vorstellungskraft einander aufheben. Wenn beide Bewusstseinsformen ihre Plätze tauschen, und erst lange Zeit später allerlei daraus entstehende Rätsel ihre Antwort finden, egal, ob richtig oder falsch. Iñárritu lässt niemanden in seinem Krypto-Kaleidoskop dumm sterben. Wenn, dann immer mit Erleuchtung. Und das ist das Schöne an seinem Film.

Mehr oder weniger steht der Regiemeister selbst im Mittelpunkt. Seine Figur ist, wie bereits erwähnt, ein seit rund 20 Jahren in den Vereinigten Staaten lebender Dokumentarfilmer und Journalist, der allerlei extravagante Werke vollbracht hat, die sich mit der Geschichte seines Heimatlandes Mexiko auseinandergesetzt haben. Sei es die Eroberung Spaniens durch Hernan Cortez oder der Amerikanisch-mexikanische Krieg im 19. Jahrhundert. Silverios Arbeiten sind aufbereitet wie Spielfilme, in denen der Macher selbst als Erzähler und Befrager durch die Epochen dringt, um sich zu vergewissern, ob die Gegenwart aus der Vergangenheit auch wirklich gelernt hat. Vielen stößt das sauer auf, gerade in Mexiko. In Amerika wird er gefeiert und hofiert und sollte demnächst einen bedeutenden Journalistenpreis entgegennehmen. Zuvor allerdings begibt er sich an den Ort seines damaligen Aufbruchs, nach Mexiko City. Wird auch dort gefeiert und zu einer Talkshow geladen, die ihm allerdings Angst macht. Denn was wird das Volk wohl wissen wollen? Würden sie ihm den Verrat seines Landes vorwerfen? Würden sie ihn als Nestbeschmutzer verurteilen? Und wie sieht seine eigene Familie das Euvre seines Schaffens? Sein Lebenswerk? Fragen über Fragen, die sich Silverio selbst stellt. Die sich aus seiner Sicht manifestieren, die ihn quer durch seine Erfolgsstory, aber auch durch seine dunkelsten Stunden geleiten.

Das kann man langweilig finden, und ich würde es verstehen. Oder man lässt sich drauf ein, lässt sich reinfallen in einen von Darius Khondji wild komponierten Bildersturm aus verzerrten Weitwinkeltableaus, die stets das Gefühl vermitteln, in einer Traumwelt zu sein. Die irreale und die reale Welt entsprechend zu markieren, damit es dem Zuseher vielleicht leichter fällt, die Orientierung zu bewahren – darauf gibt Iñárritu gar nichts. Das Gesamtbild setzt sich am Ende ohnedies zusammen. Den Wagemut also, und die Bereitschaft, den Zuseher zu fordern, auch wenn dieser vielleicht genervt das Handtuch wirft – sind künstlerische Verhaltensweisen, die dem Medium Film seinen Puls geben.

Was man von Bardo erwarten, wie man es einschätzen kann? Vergleichbar ist der Film mit Paolo Sorrentinos La Grande Belleza – Die große Schönheit. Und tatsächlich haben beide Filmemacher in den subjektiven Beobachtungen ihrer Heimat ähnliche Methoden erarbeitet, um Respekt, Würde, Sehnsucht und Kritik walten zu lassen. So kraftvoll und durchblutet wie La Brande Belleza ist eben auch dieses, mit 2 Stunden und vierzig Minuten deutlich überlange Werk – und auch von daher kein gefälliges Erlebnis, sondern etwas, das sich lustvoll erarbeiten lässt. Dass neugierig macht auf jede nächste Szene, auf jeden nächsten Einfall. Und wieder ist der Traum, statt wie angenommen, doch noch die Wirklichkeit. Lösen sich kryptische Bilder in Erkenntnis auf. Das ist jedes Mal wie Luftholen, bevor man erneut abtaucht.

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten (2022)

Bergman Island

IM GEISTE ALTER SCHWEDEN

7/10


bergmanisland© Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, SCHWEDEN, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: MIA HANSEN-LØVE

CAST: VICKY KRIEPS, TIM ROTH, MIA WASIKOWSKA, ANDERS DANIELSEN LIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


In guter Stimmung? Dem kann abgeholfen werden, und zwar am besten mit einem der Filme von Ingmar Bergman, dem Meister des depressiven Kinos in Richtung Psychose. Doch es gibt auch Sanfteres aus seinem Œuvre, wie zum Beispiel das grandiose Epos Fanny & Alexander. Ein Kult schlechthin: Das siebente SiegelMax von Sydow spielt Schach mit dem Tod. Diese Szene kennt fast ein jeder. Hartgesottenen wäre Das Schweigen oder Die Stunde des Wolfs nahezulegen. Für Melancholiker mit Liebe zum Surrealen das für mich beste Werk seines Schaffens: Wilde Erdbeeren. Einige davon haben die Breitenseer Lichtspiele, eines der ältesten Kinos der Welt, vor ewigen Zeiten mal in einer Retrospektive gebracht. Filmgeschichte für Feinschmecker. Wenn man nach sowas nicht schon genug oder aber an Ingmar Bergman einen Narren gefressen hat, so bucht man gleich den nächsten Urlaub auf der schwedischen Insel Fårö, auf welcher der Altmeister und Vater von neun Kindern aus sechs Beziehungen bis zu seinem Tod gelebt hat. Und damit nicht genug: das pittoreske Eiland bietet auch allerhand Filmschauplätze, die tatsächlich im Rahmen einer sogenannten Bergman-Safari zu besichtigen sind.

Falls aber gerade das nötige Kleingeld und auch die Zeit fehlt, tun es auch die knapp zwei Stunden Film von Mia Hansen-Løve: Bergman Island. Dabei scheint es fast unmöglich, im Zuge eines tatsächlichen Ausflugs auf die Insel mehr zu erfahren als während dieser knietiefen Verbeugung vor einem Idol des europäischen Autorenkinos. Es ist, als wäre man dort gewesen. Und man weiß auch: das Haus aus dem Film Wie in einem Spiegel hat es zum Beispiel nie gegeben. Insiderwissen für Filmnerds. Allen anderen, die Ingmar Bergman nicht kennen oder noch nie einen Film von ihm gesehen haben, werden sich während dieser zwei Stunden aufgrund irrelevanter Informationen regelrecht langweilen.

Ich gehöre nicht dazu, ich kenne Ingmar Bergmans Schaffen zu einem beträchtlichen Teil. Auch Tim Roth und Vicky Krieps sind im Bilde, reisen sie doch zur Erweiterung ihres kreativen Schaffens als Filmemacher an dieses Fleckchen europäische Erde, um in einem herrlichen Ferienanwesen einschließlich des Ehebettes aus dem Film Szenen einer Ehe nächste Projekte zu erarbeiten. Tim Roth alias Tony, ein renommierter Regisseur, fällt das Arbeiten leicht, da sprudeln die Ideen. Vicky Krieps alias Chris tut sich im Schatten ihres Künstlerpartners sichtlich schwerer und muss erst mal die Gegend in sich aufnehmen, um auf andere Gedanken zu kommen. Was dabei entsteht, ist der Stoff für einen Film mit autobiographischen Zügen.

Bergman Island ist ein spezieller Film für ein spezialisiertes Publikum, für Filmhistoriker und Autorenfilmfans, die vielleicht selbst gerne schreiben, über Inspiration selbst einiges zum Besten geben können und Schreibblockaden als etwas wirklich Schmerzliches empfinden. Vicky Krieps, seit Der seidene Faden mit internationalen Stars auf Augenhöhe, erforscht mit respektvoller Neugier Bergmans Geist, der über allem schwebt – ihr fiktives Alter Ego Mia Wasikowska ist dann bereit für die Wehmut einer unerfüllten, grenzenlos scheinenden Liebe aus schmerzlichen Erinnerungen und neuem Auflodern. Mit dem Einbruch einer zweiten narrativen Ebene, die am Ende geschickt mit der Realität kokettiert, erhält die vom schwedischen Fremdenverkehrsamt sicherlich mit einem ganzen Jahresbudget gesponserte Künstlerelegie dann auch die notwendige Tiefe und Emotion, um als das Mystery-Psychogramm einer Autorenfilmerin meine Empfehlung zu erlangen.

Bergman Island

La Vérité – Leben und lügen lassen

ÜBER-MAMA UND ICH

6,5/10


laverite© 2019 Prokino


LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

CAST: CATHERINE DENEUVE, JULIETTE BINOCHE, ETHAN HAWKE, MANON CLAVEL, LUDIVINE SAGNIER, ALAIN LIBOLT U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Erst kürzlich hat Filmlegende Catherine Deneuve in der eher schwermütigen Tragikomödie Der Flohmarkt von Madame Claire ihren ganzen Besitz verhökert, um sich aufs Ende vorzubereiten. Natürlich trägt die Situation im Film keine autobiographischen Züge. Die Deneuve hat weitergemacht – und einen diesmal seelenverwandteren Film gedreht, in dem sie selbst als Schauspielerin eine Schauspielerin spielt, die auf ihren Ruhm als extrovertierte Künstlerin zurückblickt, die diesen Ruhm allerdings auch als sozialen Störfaktor mit sich herumschleppt, was ihr aber erst so richtig bewusst wird, als Töchterchen Juliette Binoche samt Familie an den Ort der Kindheit zurückkehrt, um auf die eben erst veröffentlichten Memoiren der Grand Dame anzustoßen. Allerdings vermengt sich der reine Wein mit einigen Wermutstropfen, denn die Biographie entspricht laut allen anderen an ihrem Leben Beteiligten wirklich nicht der Wahrheit.

Bei Mutter-Tochter-Geschichten hat die Deneuve ein offenes Ohr. Im Flohmarkt-Film hatte sie sogar ihre eigene leibliche Tochter als Co-Star, nun aber ist es Juliette Binoche, die auch gleich Filmgatte Ethan Hawke mitbringt, der geradezu etwas eingeschüchtert und als kaum dem Französischen mächtiger Amerikaner eine gewisse kaugummikauende Naivität an den Tag legt. Eine verzichtbare Rolle, aber dennoch schön, ihn zu sehen, denn Hawke hat so etwas Grundsympathisches, da kann auch so eine bescheidene Staffage nichts dagegen machen. Über dieses Willkommens-Setting in den Gemächern der exaltierten Künstlerin hinaus haben wir es in Verité ganz klassisch mit einem gesprächsbereiten Künstlerdrama zu tun, in dem es ausschließlich um Schauspielerei, schauspielerische Konkurrenz, Jungstars, dem Abgesang von Ikonen und hochnäsige Attitüden geht. Umso irritierender die Tatsache, dass Hirokazu Kore-eda, Gewinner der Goldenen Palme für seine außergewöhnliche Sozialballade Shoplifters, sich dieses eigentlich relativ nichtssagenden Stoffes angenommen hat. Gab es in Shoplifters noch allerlei an mikrokosmischer Familiensynthese zu betreiben, flanieren all die bekannten Gesichter in La Vérité – Leben und lügen lassen natürlich ausgesprochen geschickt, aber doch nur an der Oberfläche dahin. Eine Bühne ist das Ganze, sowohl die Kulisse des Films im Film als auch der eigentliche Film, in welchem Catherine Deneuve wie ein Brummkreisel um sich rotiert, dabei vieles plötzlich aus anderen Blickwinkeln sieht, weil Juliette Binoche den Kreisel immer wieder anstößt, wenn’s um anstößige Unwahrheiten aus ihrem Buch geht.

Künstlerfamilien haben es nicht leicht. Denn Künstler sind manchmal für andere recht anstrengende Ich-Agenturen, die sich als Mittelpunkt von etwas ganz Großem sehen. Alle anderen aus der Sippe müssen dann sehen, wo sie bleiben, müssen entweder in die Fußstapfen ihrer erzieherischen Vorbilder treten oder sich damit abfinden, als Zaungast danebenzustehen. Darum geht’s in La Vérité, und ja, zwischen Eigenheim und Filmstudio wird viel geredet, sinniert und aus dem Fenster geblickt, manchmal entwickelt Kore-eda tatsächlich auch eine metaphysische Zwischenebene, die sehr vage bleibt, dadurch aber recht reizvoll wirkt und das elitäre Filmvergnügen etwas auflockert. Kore-edas Regiegespür formt selbst aus diesem sehr speziellen Stoff ein sehenswertes Arthouse-Familientreffen, mit Gefühl für Zwischenmenschliches, für leisen Sarkasmus und für geschickt nuancierte Dialoge.

La Vérité – Leben und lügen lassen

The Man Who Killed Don Quixote

DES WAHNSINNS NETTE LEUTE

6,5/10

 

donquixote© 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: SPANIEN, BELGIEN, PORTUGAL, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: TERRY GILLIAM

CAST: JONATHAN PRYCE, ADAM DRIVER, STELLAN SKARSGÅRD, OLGA KURYLENKO, JOANA RIBEIRO, ROSSY DE PALMA U. A.

 

Nein, ich bemühe hier nicht noch einmal das von vielen engagierten Kritikern herangezogene Gleichnis des Kampfes gegen Windmühlen – obwohl es stimmt. Terry Gilliam´s Mammutprojekt ist ein filmgewordener Bau der Pyramiden, wobei meines Wissens die Errichtung des größten aller Weltwunder rund zwanzig Jahre in Anspruch genommen hat. Bei einem solchen Werk für die Ewigkeit eine vertretbare Zeitspanne. Das Werk für die Ewigkeit des Ex-Monty Python-Masterminds schlägt dieses Projekt aber sogar noch um knapp 10 Jahre. Um genau zu sein hat diese Idee der Verfilmung von Cervantes´ Antihelden-Roman bereits 1989 Gestalt angenommen. Da waren noch Sean Connery und der blutjunge Johnny Depp im Gespräch. Nach dem Ausscheiden Sean Connerys folgte Jean Rochefort, der musste aber aufgrund langwieriger Prostataprobleme ebenfalls vom Sattel steigen. Knapp vor einem neuerlichen Drehbeginn hatte es dann auch noch 2017 John Hurt erwischt. Und ja, bevor ich´s vergesse: Gerad Depardieu war auch mal eine Überlegung wert, allerdings mit Sicherheit für die Rolle des Sancho Pansa.

Man muss dazusagen, dass am Don Quixote-Projekt natürlich nicht wie bei den Pyramiden permanent gearbeitet wurde. Es waren wohl mehrere Anläufe, ein großes, kostenintensives Mensch, ärgere dich nicht! – Immer wieder zurück zum Start, kurz vor dem Ziel dann noch ein Orkan, der die Figuren vom Brett weht. (Nachzusehen im Making Of Lost in la Mancha) Geärgert hat sich Terry Gilliam wohl bestimmt. Doch der Mann ist ein Visionär, ein sturer Exzentriker seines Fachs. Womöglich ein bisschen wahnsinnig, ansatzweise so wie die Figur, über die er erzählen will, und was in den ersten Dekaden der Umsetzung nicht und nicht gelingen will. Gut Ding braucht Weile, wird aber die Weile zu lang, schaut nichts mehr Gutes dabei heraus. Letzten Endes war es schlicht und ergreifend Beharrlichkeit, die bei Gilliam den Silberstreifen am Horizont doch noch wahrnehmbar werden ließ. Zwischen all den Planungen, Vorplanungen und Reboots war der Meister surrealer Psychomärchen natürlich auch nicht untätig. Dr. Parnassus durfte sein Kabinett präsentieren, und Christoph Waltz tüftelte am Zero Theorem. Bei Parnassus schlugen die höheren Mächte ja genauso zu, da verstarb unerwartet Heath Ledger. Doch Gilliam hat eine Haut wie Leder, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Nichts kann schlimmer sein als die Vitalisierung eines Don Quixote, oder nicht?

Wobei sich hier für mich die Frage stellt: Ist nach all den Jahren des Umbruchs, Abbruchs und Aufbruchs dieses scheinbar verfluchte Werk dann so geworden, wie es sich Gilliam vorgestellt hatte? Kann sich der Meister nun zufrieden zurücklehnen und sagen: „Ja, das ist es, genau das wollte ich machen. Jetzt ist es fertig. Ich lege das Projekt zu den Akten und Nein, ich inszeniere diesen Film nicht nochmal neu, nur um genau das zu bekommen, was mir vorschwebt.“ Nach so einer langen Zeit, da geht man natürlich Kompromisse ein, da macht man Abstriche. Gibt sich zufrieden mit Alternativen. Also gehe ich mal davon aus, dass The Man who killed Don Quixote neben all des autobiographischen Anstriches, den das Konstrukt mittlerweile verpasst bekommen hat, frei nach dem Stille Post-Prinzip irgendwie ganz anders geworden ist. Ich wage zu behaupten, dass The Man who killed Don Quixote ein für Gilliam versöhnliches Opus Magnum geworden ist, auf die Leinwand gewuchtete Memoiren eines vom Schaffensdrang gedrillten Künstlers, der im Grunde alle seine immer wiederkehrenden Versatzstücke in der Wüstenei Spaniens in den Sand setzt, wie eine wabernde Fata Morgana mit all seinen Dämonen und Traumgestalten. Wir finden mediäval geharnischte Schlachtrösser mit lanzenbewährten Rittern, die in Slow Motion der Kamera entgegenreiten. Wir finden spärlich bekleidete Riesen, keifende Mütterchen und die zirkusreife Opulenz archaischer Jahrmärkte. Reminiszenzen an Time Bandits, Die Ritter der Kokosnuss und natürlich König der Fischer, der wohl The Man who Killed Don Quixote am Ähnlichsten ist. In beiden Filmen erliegt die Hauptfigur dem Wahn, eine Mission zu erfüllen. In der tragikomischen Katharsis aus dem jahr 1991 ist es der heilige Gral, den Robin Williams zu finden gedenkt. Bei Don Quixote ist es namensgebender Held in trauriger Gestalt, hinter der Gilliam´s alter Bekannter Jonathan Pryce steckt, welcher schon im Klassiker Brazil den Staat gegen sich aufgehetzt hat. Nun sind es all die anderen, die es zu bekämpfen gilt. Vor allem all die anderen Abenteuer. Und eben Windmühlen, damit das auch mal erwähnt wird.

Pryce und Adam Driver sind ein Glücksfall für diesen Film. Der etablierte Star Wars-Bosnigl geht unter der Regie des Kino-Gauklers so richtig aus sich heraus wie selten in einem Film. Exaltierte Künstlerallüren wechseln mit panischer Verwirrung und dem Verlieren in einem bizarren Tagtraum, der kaum mehr in die Realität findet. Der Plot, der ist Nebensache, was zählt, ist der Irrweg quer durch befremdende Landschaften, vorbei an seltsamen Figuren. Immer weiter weg von festem Boden unter den Füßen, immer mehr gleitet das zumindest einseitig unfreiwillige Duo in die psychedelischen Kaskaden eines verschachtelten Narrenkästchens ab, in das auch der Zuseher blicken muss, und dass auch etwas Anstrengung kostet, wenn einem bei dem Spektakel nichts entgehen soll. Wobei ich tief durchatmen kann – The Man who killed Don Quixote ist nicht so fahrig und konfus geraten wie Brothers Grimm. Auch nicht so austauschbar wie Dr. Parnassus. Die Autoren Gilliam und Tony Grisoni, welcher auch schon am allerersten Drehbuch mitgeschrieben hat, finden eine runde Geschichte, die zu einem geschmeidigen Ende führt, die sich selten selbst übers Knie bricht und in einem Universum verharrt, dass sich zwar nach der Decke machbarer Kompromisse streckt, aber nie mehr will als möglich.

Gilliam´s Hommage an sich selbst ist ein Blick zurück durch die offenen Tore märchenhafter Burgen auf die steinigen Pfade seines Schaffens, bleibt aber am Schluss immer noch voller Tatendrang. Zu Ende ist es lange nicht, Don Quixote lebt ewig, in welcher Form und wo auch immer. Der Wahnsinn hat in diesem Film Methode, diese Methode lädt ein zum Wiedererkennen eines Stils, den man auch 100 Meilen gegen den Wüstenwind identifizieren kann. The Man who killed Don Quixote ist im Ganzen betrachtet eine Hofnarretei, die schon seine Längen hat, die seine Figuren auch nicht ganz nachvollziehbar handeln lässt und sich selbst geistesgegenwärtig auf die Finger klopft, wenn das Werk kurz davorsteht, zu zerfasern. Es klingen die Schellen an der Narrenkappe, es darf an das antike Theater eines Aischylos gedacht werden, an das Satyricon eines Federico Fellini, an die Texte eines Andre Heller, der es gut findet, ein Narr zu sein. Dieser Meinung ist Gilliam auch. Und besteht seine Bemühung, das eigene Scheitern ad absurdum zu führen.

The Man Who Killed Don Quixote