The Change (2025)

POLITIK FRISST FAMILIE

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: ANNIVERSARY

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: LORI ROSENE-GAMBINO

KAMERA: PIOTR SOBOCIŃSKI JR.

CAST: DIANE LANE, KYLE CHANDLER, PHOEBE DYNEVOR, ZOEY DEUTCH, MCKENNA GRACE, DYLAN O’BRIEN, DARYL MCCORMACK, MADELINE BREWER, MAYA O’SHEA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn du nicht dafür bist, dann bist du dagegen! Nach dieser Prämisse soll auch der neue Film von Jan Komasa funktionieren, der mit seinem Klerus-kritischen, polnischen Lokalkolorit-Drama Corpus Christi sogar bei den Oscars für Aufsehen sorgte. Lang hat’s gedauert, bis der polnische Filmemacher wieder auf die Leinwand kam, diesmal mit einem destruktiven Polit- und Familiendrama namens The Change. Davor hat sich Netflix die Rechte für seinen wohl stärksten Film gesichert: The Hater. Im Vergleich dazu fällt The Change auffallend substanzlos aus, während Komasa in seinem Social-Media-Horror zumindest versucht, die Mechanismen hinter geschürtem Hass, Manipulation und in die Wege geleiteten Terror auf eskalierende Weise abzubilden. Das Eskalierende hat auch in The Change seinen hohen Stellenwert. Alles gerät hier aus den Fugen – Ordnung, Werte, jeglicher Kodex und vor allem eines: jegliche Bereitschaft zum Dialog. Wo kein Dialog, da auch kein Umdenken. Wo kein Austausch, sondern nur abwehrende Polemik, da auch kein Miteinander. Man erkennt das leicht bei gewissen Oppositionsparteien, die ihre eigene Existenzberechtigung einfach nur damit rechtfertigen, die Ideen der Konkurrenz abzulehnen.

So endet die Demokratie

Apropos Parteien: Wie ist das, wenn es keine Parteien mehr gäbe? Eine Kein-Parteien-Politik; eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus regiert und lediglich Einzelpersonen in eine Art Parlament schickt, die wiederum was vertreten? Ihr persönliches Weltbild? Irgendwie müssen auch die einen Konsens finden, denn wenn einer allein regiert, wird das ganze zur Diktatur oder gar zum totalitären Staat, den wir aus der Geschichte leider zur Genüge kennen. In The Change – im Original noch treffender mit Anniversary betitelt, da sich dieser auf die einzelnen Kapitel des Films bezieht, die stets an einem familiären Jubiläum stattfinden – spielt Phoebe Dynevor (Fair Play) die ehemalige Studentin von Dr. Ellen Taylor (Diane Lane), die zu deren Leidwesen am Tag der silbernen Hochzeit an der Seite ihres Sohnes antanzt. Wieso zum Leidwesen? Nun, diese gewisse Elisabeth Nettles, wie sich Dynevors Filmfigur nennt, hat schon damals, bevor sie von der Uni flog, eine Master-Thesis verfasst, die sich mit radikalen politischen Ideologien beschäftigt. Nichts für die liberale, linksdenkende Taylor – und jetzt auch noch das: Nettles hat ihre Gedanken längst zu Papier gebracht und verlegen lassen, als The New Social Contract, mit dem aussagekräftigen und interpretierbaren Titel, den der Film trägt.

Mehr hat es nicht gebraucht, und der Bestseller schlägt Wellen, bis in die obersten Ränge der Politik, bis zum letzten kleinen Mann und zur letzten kleinen Frau – alle feiern dieses Buch, während Familie Taylor immer mehr im Chaos versinkt. Die Abwärtsspirale ist enorm, und Jan Komasa bremst hier, obwohl in Jahresschritten, keine noch so erschütternde Veränderung aus. Wie in einem der schärfsten Stücke eines Peter Turrini oder Edward Albee zerpflückt The Change die Grundpfeiler und Prinzipien einer Familie, bis nur noch Fetzen übrig sind. Die politischen Ideologien des Buches werden zur staatstragenden Macht. Was genau das für welche sind, scheint nicht wichtig. Und das ist auch das Grundproblem eines Films, der die Konsequenzen des Niedergangs einer Demokratie abbilden möchte, dabei jedoch selten bis niemals hinter die Symptomatik blickt.

Finger weg vom Diskurs!

Was ist das denn genau für eine politische Idee? Wie setzt sie sich zusammen, wie funktioniert sie? Ist es Kommunismus, ist es faschistoides Gedankengut? Was ist es? Der augenscheinlichen Intelligenz von Diane Lanes Figur zum Trotz liegt die Grundproblematik dieses Untergangs in einer nicht vorhandenen Diskussions- und Kommunikationskultur. Verbohrte Meinungen, kompromissloser Widerstand auf allen Seiten. The Change zeichnet recht oberflächlich diesen Wandel nach, dessen Manifest niemanden interessiert, vor allem nicht Komasa – die Dekonstruktion einer vormals intakten Familie bleibt aber erschütternd genug, um nicht ein gewisses, kloßähnliches Unbehagen zu verspüren, wenn die Welt mit ihren demokratischen Werten allmählich verblasst. Vielleicht ist es auch egal, was den Ausschlag dazu gegeben hat, vielleicht geht es auch nur um die Befreiung der Freiheit und dessen Verschwinden, um den Terror eines Überwachungsstaats und die Sinnlosigkeit, seinen Werten treu zu bleiben.

Beklemmend und nihilistisch? Ja, das ist es. Als grimmiger Warnhinweis funktioniert The Change somit allemal, als Worst Case-Schreckgespenst und politischer Alptraumverursacher. Als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit radikalem Gedankengut nur bedingt, weil einzig der Endeffekt die richtigen Emotionen erzeugt.

The Change (2025)

Send Help (2026)

ENTMANNUNG UNTER PALMEN

5/10

 

© 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SAM RAIMI

DREHBUCH: DAMIAN SHANNON, MARK SWIFT

KAMERA: BILL POPE

CAST: RACHEl MCADAMS, DYLAN O’BRIEN, EDYLL ISMAIL, XAVIER SAMUEL, CHRIS PANG, THANETH WARAKULUKROH, DENNIS HAYSBERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Wäre Send Help nicht von Sam Raimi, sondern von zum Beispiel Boris Dagtekin im deutschsprachigen Raum entstanden, hätten wir wohl als chauvinistischen Business-Lackaffen Matthias Schweighöfer auf der einen Seite und auf der anderen wohl Anke Engelke. Dagtekin hätte mit seiner Geschlechterkampf-Inselromanze Türkisch für Anfänger ja schon ein bisschen Survival-Luft geschnuppert, da hätte er auch noch mühelos eins draufsetzen und das Inselfeeling zum Horror mutieren lassen können – wie es eben Sam Raimi nun getan hat, der Dämonenhorror-Veteran schlechthin. Tanz der Teufel zählt ja bis heute zu seiner größten Nummer – mal abgesehen von Spider Man, der zwar ein Kassenerfolg war, aber längst nicht so innovativ wie die Cabin in the Woods-Sause, in der das Böse wirklich keinerlei Gefangenen macht.

Crusoe und Freitag, der 13te

Nicht ganz unwesentlich an diesem Kult beteiligt war und ist wohl Raimis Methode der virtuosen Kamera, die wie vom wilden Affen gebissen im First View durch die Botanik prescht und kompromittierende Close Ups reinschneidet, als wäre man sturzbetrunken. Diesen visuellen Wahnsinn will Raimi nochmal genießen – und verbrät ihn in seinem neuen Inselwahnsinn, den eben auch Boris Dagtekin filmen hätte können, mit Schweighöfer und Engelke. Hier aber haben wir den smarten, aber relativ unscheinbaren Dylan O’Brien – und die ganz bewusst zur Außenseiterin überzeichnete, militant-nerdige Rachel McAdams mit Majo im Mundwinkel, Flohmarktfummel und fettigen Haaren. Klar, man soll ja nie nach dem Äußeren gehen. Sehr wahrscheinlich ist Linda Liddle ein herzerwärmend guter Mensch und sowieso sozial integrer als all die andern vorwiegend männlichen Management-Schnöseln, die hier, mit Sebastian-Kurz-Frisur, Slimfit-Anzügen und unauthentischer Jovialität nur so tun als ob und in Wahrheit das Schlimmste von Linda denken, ganz ungeachtet ihrer beruflichen Vorzüge. Was Dylan O’Brien als ihr frischgebackener Yuppie-Boss nicht weiß: Linda liebt Survival-Shows wie andere ihre Hauskatze. Und was er auch nicht weiß: Die Geschäftsreise per Privatjet mitsamt Linda im Schlepptau endet in einem Worst-Case- Szenario. Das Flugzeug stürzt ab, das tosende Meer spült aber lediglich ihn und die ungeliebte Assistentin an den Strand. Was von da an passiert, ist nichts, was das bisher etablierte Machtgefälle noch unterstützen würde. Hier, im Nirgendwo, dreht sich der Spieß ungefähr so um wie bei Cathy Bates und James Caan in Stephen Kings Misery.

Fast-Romanze mit Eber

Nur ist O’Briens Figur kein begnadeter Schriftsteller, sondern einfach nur ein Arschloch. Und Rachel McAdams – nun, ihre Möchtegern-Insulanerin, nimmt im Laufe dieser schwarzhumorigen Robinsonade immer psychopathischere Züge an, sodass einem der Yuppie-Jungspund langsam leid tun könnte. Doch leider kommt es so, dass sich Raimi in dieser schnell ausgereizten Dynamik zwischen den beiden verliert – und, wie das bei Flugzeugen und Luftlöchern so ist – zwischendurch immer wieder etwas absackt. Es ist, als würde Send Help, wenn man die Handlung einfach laufen lassen würde, ganz andere Wege gehen wollen als Raimi das vorhat. Dabei geht es meistens nur um Minuten, in denen der alte Regie-Hase zu spät reagiert – und schon hat man als Zuseher den Eindruck, die Szenerie gefällt sich letztlich dann doch als Screwball-Romanze mit Halali-Elementen wie dem Erlegen eines aus der Herkules-Sage geklauten Erymanthischen Ebers.

Nein, so will es Raimi aber nicht – er will, dass sich alle an seinen Tanz der Teufel erinnern, deswegen grätscht er mit reminiszierender Kamera und perfiden Gewaltspitzen immer wieder in den Flow – und biedert sich am Ende dann doch einem wie Ruben Östlund an, der mit Triangle of Sadness genau die gleiche Prämisse, einen ähnlichen Plot (nur mit schmuckem Ensemble) und einen erschreckend identen Storytwist bietet. Alter Schwede, dürfte sich Raimi wohl gedacht haben: Sowas mach ich auch.

Send Help (2026)

Not Okay

SIE LIEBEN MICH, SIE LIEBEN MICH NICHT

7,5/10


notokay© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: QUINN SHEPHARD

CAST: ZOEY DEUTCH, MIA ISAAC, DYLAN O’BRIEN, NADIA ALEXANDER, SARAH YARKIN, KARAN SONI, BRENNAN BROWN, EMBETH DAVIDTZ U. A. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


So weit sind wir gekommen, rund 30 Jahre später, nach Etablierung des Internets und des World Wide Web: Die Sozialen Medien haben uns fest im Griff, vielen dirigiert es das Leben, anderen gibt es den Freibrief für Hass und Häme. Anderen, und nicht wenigen, gibt es die Möglichkeit, zeit- und kostensparend vor ein Publikum zu treten, um sich selbst zu präsentieren. Und damit geht’s erst so richtig los: Wer gefällt besser? Was gefällt besser? Das neue Publikum vor der Bühne sind Follower und Liker. Je größer das Publikum, desto besser das, was auf der digitalen Bühne abgeht. Oder doch nicht? Wie viel wert ist das Publikum, das sich für nichts mehr bemühen muss, außer dafür, einen Klick abzugeben? Mittlerweile lässt sich sowas sogar dazukaufen, aber keiner redet darüber. Manchmal schaffen es einige und treten Hypes oder ähnliches los, die dann wieder nach absehbarer Zeit so verpuffen, als wären sie nie da gewesen. In dieser Zeit aber kann man reich und beliebt werden. Mehr als beliebt. Angehimmelt. Zum Idol werden. Zum Helden. Zur mediasozialen Gottheit aus Werbung, Trend und Anbiederung.

So jemand wird Danni Sanders. Und es ist ein Aufstieg, raketengleich bis ins nächste Sonnensystem. Dabei war Danni beliebtheitsmäßig gerade mal noch Tellerwäscherin – zur Ikone mutiert sie durch einen Trick, der sich, wenn alles glatt läuft, später unter den Tisch kehren lässt. Berühmt will man im 21. Jahrhundert nämlich nicht nur Andy Warhol’sche 15 Minuten sein – sondern gefühlt auf ewig. Das sich der gläserne Mensch nicht mehr nur selbst genügt, sondern sich durch Likes wildfremder anderer definiert, ist bedenklicher Teil eines klugen, modernen Filmmärchens, dem Happy Endings am Allerwertesten vorbeigehen und hinter der Gefallsucht junger Menschen einen kärglichen Rest Selbstwert vorfindet, der nur deswegen so mickrig geworden ist, weil die eigene Ehre als Einsatz für die letzte Runde Beliebtheitspoker auf den Tisch kommt.

Und anfangs sieht es so aus, als hätte Poserin Danni Sanders, bis über beide Ohren selbstverliebt, maskenhaft und gekünstelt, richtig gute Karten. Dank eines Terroranschlags in der französischen Metropole Paris, der genau dann verübt wird, als sich Danni eben dort aufhält. Angeblich, jedenfalls. Denn in Wahrheit sitzt die eitle Schöne daheim, fingiert ihre Selfies auf Photoshop und macht sich so natürlich beliebt. Als dann das Grauen jenseits des Atlantiks hereinbricht, bleibt Danni nichts anders übrig, als traurige Mine zu bösem Spiel zu machen und sich selbst als Überlebende des Terrors bemitleiden zu lassen. Das ist Zündstoff, der sie unter dem Hashtag #NotOkay zur Leitfigur eines Trends werden lässt, der das Unwohlsein der Gesellschaft vor die Linsen mobiler Gerätschaften holt. Doch wo es Erfolg gibt – wie auch immer erreicht – gibt es auch Neider. Und nach dem Aufstieg kommt der tiefe Fall.

Disney+ hat mit der Posting-Satire Not Okay wieder mal den richtigen Riecher gehabt: Quinn Shephards Abrechnung mit den modernen Medien macht von Anfang an klar, wohin die Bestrebungen der bildschönen Lügenprinzessin letzten Endes führen werden. Daher zeichnet sie mit Liebe zum Detail und mit einem gewissen Quäntchen an Schadenfreude einen unwirtlichen Weg aus Verrat, Betrug und Vertrauensmissbrauch Richtung Untergang. Zum Glück verzichtet Shephard aber auf Zynismus oder derb-grotesker Polemik, zu der man sich gerade in diesem thematischen Untiefen gerne hinreißen lassen könnte. Zoey Deutch als Fake-Zeitgeistheldin rotiert als Influencerin um ihr massereiches Ego und bleibt dennoch plausibel und differenziert, mitunter funkelt von Anfang an schon die ungeschminkte Danni durch, die sie in den wenigen, aber ausdrucksstarken Momenten menschlich greifbar werden lässt. Viele von den Daily Postern im tatsächlichen Leben, so lässt sich nachvollziehen, könnten ähnlich gestrickt sein. Ganz ohne Betrug. Der kommt noch dazu, und lässt die Bombe in einer Größenordnung platzen, die fast schon dem Stern-Skandal rund um die Hitler-Tagebücher (Schtonk!) nahekommt. Alles für Prestige und Ruhm, und letzten Endes nichts für einen selbst. Mia Isaac als Greta Thunberg’sche andere Seite der Medaille, der es, ebenfalls berühmt, um die Sache geht und die nicht mit dem Selbstzweck die Mittel heiligen will, ist die gute Fee in einem Gewissenskonflikt der Generation Now!, die egal zu welchem Preis ihre Jünger sammelt.

Not Okay sticht schwachbrüstige Genrebeiträge wie Nerve so ziemlich aus, und muss auch nicht auf Horror tun wie Unfriend. Als ernstzunehmender Konkurrent tut sich nur noch die polnische Hassposting-Analyse The Hater hervor, nur weitab jeglichen leichtfüßigen Augenzwinkerns. Dieses hat Shephards Film aber reichlich, wird dabei aber keinesfalls weniger ernst oder aufrichtig. Was Not Okay zu sagen hat, kommt aus voller Überzeugung.

Gelungene Komödien mit Tiefgang gibt es selten – die aufrichtige Influencer-Satire um die Gier nach Likes ist aber eine, die das Problem virtuellen Erfolges am Schopf packt und so lange nicht loslässt, bis man den Boden unter den Füßen wieder spürt.

Not Okay

Infinite – Lebe unendlich

MEISTER, DIE VOM HIMMEL FALLEN

3,5/10


infinite© 2021 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANTOINE FUQUA

CAST: MARK WAHLBERG, CHIWETEL EJIOFOR, SOPHIE COOKSON, DYLAN O’BRIEN, RUPERT FRIEND, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, JASON MANTZOUKAS, TOBY JONES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Ewig zu leben muss eine Qual sein. Vampire wünschen sich insgeheim nichts lieber als endlich gepfählt zu werden. Je länger man lebt, desto lebensmüder wird man, desto mehr geht einem das Wertempfinden am Allerwertesten vorbei. Leben als inflationäres Gut – da ist der Tod doch das, was allen Ewigen das Besondere an der Existenz wieder zurückbringt. Selbst im Buddhismus ist die Reinkarnation endenwollend, denn irgendwann, wenn man brav genug ist, winkt das erholsame Nirwana. Denn Leben ist anstrengend.

Es gibt so viele Filme, die betrachten den Stillstand des Zellzerfalls oder aber deren rege Erneuerung als Privileg. Ist es aber nicht. Auch in Infinite – Lebe unendlich, dem neuen „Blockbuster“, der beim Testscreening womöglich durchfiel und auch sang und klanglos, ohne viel Werbung zu investieren, im Bücherschrank des Streamingriesen Amazon auftaucht, gibt es (ich muss ein Gähnen unterdrücken) elitäre Auserwählte, die das fernöstliche Geheimnis des Lebens und Wiederlebens bestätigen. Interessant dabei ist, dass sie Spezies und Geschlecht stets treu bleiben. Moment, würde Buddha sagen – so war das aber nicht gemeint. Ohnehin nicht, denn die vom religiösen Aspekt abgleitende Idee erinnert viel eher an die Serie Altered Carbon, ist aber in Infinite natürlichen Ursprungs.

Einer der davon Betroffenen ist Mark Wahlberg, der Erinnerungen an ein Leben hat, das nicht seines ist. Anscheinend hat seine Psyche einen Knacks – aber es wäre nicht Mark Wahlberg, wenn psychische Defizite nicht auf äußere Einflüsse zurückzuführen wären. Seine Figur des Evan ist eine von jenen, die auf das Erlernte aus früheren Leben zurückgreifen können und so ein Know-How mit sich herumtragen, das sie für andere wie vom Himmel gefallene Meister erscheinen müssen. Es gibt aber auch die, die das nicht wollen, quasi die Nihilisten. Die wollen der Reinkarnation ein Ende setzen, also alles Leben auf der Erde tilgen. Dafür braucht es natürlich einen Muskelprotz wie Wahlberg (was für Oberarme!), um Obernihilist Chiwetel Ejiofor das Handwerk zu legen.

Die Idee ist ein bisschen anders als zum Beispiel jene von The Old Guard, basiert auf dem Roman The Reincarnationist Papers von D. Eric Maikranz und kann sich unter der Regie des erprobten Routiniers Antoine Fuqua bereits als erfolgreich verfilmt betrachten. Was noch dazu kommt: das Drehbuch stammt von John Lee Hancock, seines Zeichens Schreiberling für Perfect World oder The Little Things, den er auch inszeniert hat. Keine Ahnung, was letzten Endes hier passiert ist, aber Fuquas und Hancocks Arbeit muss unter enormem Zeitdruck gestanden haben. Unter diesem passieren einfach Fehler – Schlampigkeitsfehler, logische Fehler – überhaupt generelle Denkfehler, die sich prinzipiell mal nicht zwingend in einen Film so dermaßen manifestieren sollten, dass sie den Lauf der Dinge in einen kausalen Zusammenhang stellen.

Bei Infinite – Lebe unendlich tun diese Denkfehler richtiggehend weh. Abgesehen davon, dass Mark Wahlberg ein rein handwerklicher Schauspieler ist, der seinen Job fernab von Method Acting rein pragmatisch angeht, begnügt sich die Science-Fiction-Action mit austauschbaren, lieblos durchgetakteten Formeln und überzeichneten Figuren, die nicht viel weiterdenken als bis zum sichtbaren Horizont. Größte Selbstüberschätzung der Gegenseite: anzunehmen, es gäbe sonst kein Leben als dieses auf der Erde, um wiedergeboren zu werden. Die Physik wäre nämlich im ganzen Universum inhärent, und das Bemühen der Bösen, deren Beweggrund ich besser verstehen kann als den der Guten, damit sinnlos.

Infinite – Lebe unendlich

Love and Monsters

WENN DIE SCHNECKE SCHATTEN SPENDET

6,5/10


loveandmonsters© 2021 Netflix / Jasin Boland


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2020

REGIE: MICHAEL MATTHEWS

CAST: DYLAN O’BRIEN, JESSICA HENWICK, MICHAEL ROOKER, ARIANA GREENBLATT, DAN EWING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bevor man mutterseelenallein im postapokalyptischen Regen steht, ist immer irgendwo noch ein Hund aufzutreiben. Das beweist wieder mal: Hunde sind die besten Partner, wenn’s ans Eingemachte geht. In I Am Legend war Will Smith ohne Hund sowieso aufgeschmissen. Und selbst der junge Don Johnson wäre in A Boy and his Dog ohne selbigem nur ein Fressen für die Unterirdischen. Dieser Junge hier, den die Liebe aus den verrammelten Schlupflöchern unter der Erde geholt hat, kann sich ebenfalls bei seinem wild zugelaufenen Vierbeiner bedanken, sonst hätte ihn längst die Sumpfkröte geholt. In Love and Monsters muss man nämlich vor wirbellosen und Amphibien die Beine in die Hand nehmen, denn die sind gigantisch.

Extraterrestrische Invasoren? Mitnichten. Da hat wieder mal der Mensch nicht gewusst, welchen Kollateralschaden er da fabriziert, indem er mit Chemieraketen erfolgreich versucht hat, den herannahenden 2012er-Asteroiden zu verpulvern. Diese Chemie, die regnete dann wieder auf die Erde herab – auf die Köpfe der Insekten und Würmer und auf sonstiges, was das so kreucht und fleucht. Der junge Mittzwanziger Joel hat dabei seine Eltern verloren, wurde von seiner Freundin getrennt – und lebt jetzt als Minestrone-Koch in einem Bunker. Ab und an gibt’s Funkkontakt mit dem Herzblatt, doch irgendwann werden auch diese glücklichen Momente schal, wenn man selbiges nicht in die Arme nehmen kann. Also: das Zeug gepackt, die Armbrust geschultert und auf zur nächsten Kolonie. Sind ja nur 140 Kilometer. Zum Glück gibts Hunde (die nicht mutiert sind) und andere lebensmüde Wanderer, die den Weg kreuzen. Sonst könnte dieser Walk of Duty recht ungesund werden.

Dieses jüngst auf Netflix erschienene Abenteuer hat ja schon alleine durch sein kreatürliches Konzept bereits die eine oder andere Vorschusslorbeere aus meiner Hand empfangen dürfen. Als leidenschaftlicher Monster Fan und Creature Designer (ein eigener Bildband ist in Arbeit) will ich Filme wie diese selbstredend nicht verpassen. Allein der Trailer entzückte schon mit herzhaftem Tentakel-Teasing. Heraus kam letztlich ungefähr das, was zu erwarten war: eine Art Zombieland, nur ohne Zombies. Stattdessen mit Monstern, dessen Welteroberung seltsamerweise nicht durch die gewaltige Militärmaschinerie der Supermächte in den Griff zu bekommen war. Hinterfragen darf man die Entstehung dieses Ist-Zustandes nicht, leicht kann das Szenario wenig plausibel erscheinen. Doch das macht nichts – die sehr adrett in Szene gesetzte Landschaft mit bemoosten Panzern, Flugzeugen und verwachsenenen Windparks könnten aus einem Videospiel-Setting stammen – zwischen all dem Grün kämpft und hofft ein recht unbeholfener „Jungritter“ um und auf die Zweisamkeit, während enorm plastische und bis unters letzte Chitin-Segment ausgearbeitete Urviecher die goldene Wandernadel in weite Ferne rücken lassen. Das sind natürlich Gustostückerl, die auf großer Leinwand noch viel besser gekommen wären: agile Scolopender, gigantische Schnecken – ein Eldorado für den Zoologen von Morgen. Dabei macht es Spaß, Dylan O’Brien gemeinsam mit Michael Rooker fast schon im Stile eines Jules Verne-Abenteuers auf rustikale Art durchs Unterholz stiefeln zu sehen. Love and Monsters ist dann auch zum Großteil wie einer dieser hemdsärmeligen Klassiker guter, alter Survival-Phantastik. Gegen Ende allerdings verliert das Abenteuer seinen gemächlichen Drive und verbiegt sich zugunsten von noch mehr Action und einem recht erzwungen wirkenden Showdown, der gar nicht hätte sein müssen. Selbst darüber lässt sich dank des recht reizend agierenden O’Brien in seinem sympathischen Reifungsprozess zum Monster Hunter hinwegsehen – zu gern sieht einer wie ich den liebevoll ausgearbeiteten Gigantismus in natura wüten.

Dankenswerterweise erspart uns Love and Monsters so gut wie jedweden Beziehungskitsch, bleibt hingegen geradezu ernüchternd realistisch, was Liebe über Zeit und Raum angeht. Umso erfrischender wirkt der kurzweilige Trip mit seiner Prämisse, dass romantische Liebe zwar als Motivator dienen kann, längst aber nicht alles ist.

Love and Monsters

Maze Runner: Die Auserwählten in der Todeszone

HEILE, HEILE WELT

5/10

 

mazerunner3© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: WES BALL

MIT DYLAN O’BRIEN, KAYA SCODELARIO, WALTON GOGGINS, GIANCARLO ESPOSITO, ADIAN GILLEN U. A.

 

Ich habe da so mein Problem mit Fortsetzungsfilmen im Kino – sie funktionieren nur selten. Maze Runner: Die Auserwählten in der Brandwüste war 2015 im Kino. Seit damals sind zweieinhalb Jahre vergangen. Jeder, der sich nicht ausführlich mit den Inhalten der dystopischen Jugendbuchreihe auseinandergesetzt hat oder diese zwischenzeitlich gelesen hat, und jeder, der nicht kurz vor Sichtung von Tteil 3 noch mal Teil 1 und 2 auf dem Radar gehabt hat, wird in Maze Runner: Die Auserwählten in der Todeszone, nur vage anknüpfen können. Gut, hat man keine Vorarbeit geleistet, hat man selbst Schuld. Aber wie viele Kinogeher machen das? Ich hab das bei Blade Runner durchgezogen, auch bei Guardians of the Galaxy (was nicht zwingend notwendig gewesen wäre). Bei Maze Runner habe ich es verabsäumt. Doch besser wäre gewesen, ich hätte es getan. Denn Maze Runner: Die Auserwählten in der Todeszone zu sehen ist so, als würde man die Staffel einer spannenden Fernsehserie nach einem Cliffhanger unterbrechen und zwei Jahre warten, bis das Geschehen wieder nahtlos anschließen kann – obwohl man die nachfolgenden Episoden in petto hätte. Bis ins Detail erinnern kann ich mich beim besten Willen nicht mehr. Leute mit eidetischem Gedächtnis können da nur lachen. Aber egal, irgendwie werde ich schon anknüpfen ans Finale.

Iim Grunde ist das Unterbrechen einer kontinuierlichen Handlung inmitten eines Kapitels eine Taktik, die nach hinten losgeht. Gibt es reichlich Action, fällt das nicht weiter auf. So viel zum Plan dahinter. Und ja, die Action fetzt – zumindest anfangs. Und dann ist die Erinnerung glücklicherweise auch wieder da. Wer zu wem gehört und warum sie alle da sind wo sie sind. Thomas, der Vorzeige-Maze Runner, und Newt, sein treuer Begleiter. Ja, da gibt es noch Teresa, die die Seiten gewechselt und alle verraten hat. Und Breaking Bad-Star Giancarlo Esposito als ergrauter Pistolero im Jeep, der einen Flieger kapert und die visuell beeindruckendsten Szenen für sich verbuchen kann. Alles Figuren, die zumindest in einer Serie das Potenzial hätten, den Zuseher emotional abzuholen. Die Beziehung zu den jungen Helden findet im Kino allerdings nicht statt. Auch wenn der Plot sehr auf das Thema Freundschaft setzt und die Belastbarkeit einer solchen bis zur Schmerzgrenze ausreizt. Aber wozu sind auch Freunde da, angesichts tintespuckender Zombies und vor der nächtlichen Kulisse bedrohlich funkelnder Hochhäuser. Wieso die Organisation WCKD das ganze Brimborium ins Rollen gebracht hat, nur um ein Heilmittel gegen einen hartnäckigen Virus zu finden, ist ebenso rätselhaft wie die umständlich erzählte Befreiungsaktion ins Herz der bösen Wissenschaft.

Vieles aus bereits gesehenen Dystopien wie Blade Runner, World War Z und Mad Max findet im Finale ihre Verwendung. Das Ganze wirkt eher mühsam zusammengesetzt als virtuos vereint. Und gipfelt in einer überlangen, pyrotechnischen Apokalypse, die wohl Sylvester Stallone mit seinen Expendables gerne gesehen hätte. Warum Trilogien letzten Endes immer davon ausgehen, den Begriff Finale Furioso fast schon zwingend wörtlich nehmen zu müssen, bleibt angesichts einer im Grunde fesselnden Story, die in Kriegsgewitter ausufert, reichlich unverständlich.

Maze Runner: Die Auserwählten in der Todeszone

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin