Her Private Hell (2026)

HAUTE COUTURE IM KUNSTNEBEL

4/10


Sophie Thatcher erlebt ihre eigene Hölle in Her Private Hell
© 2026 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, USA 2026

REGIE: NICOLAS WINDING REFN

DREHBUCH: NICOLAS WINDING REFN, ESTI GIORDANI

KAMERA: PINO DONAGGIO

CAST: SOPHIE THATCHER, HAVANA ROSE LIU, CHARLES MELTON, KRISTINE FROSETH, DOUGRAY SCOTT, DIEGO CALVA, SHIOLI KUTSUNA, AOI YAMADA, SHIOLI KUTSUNA, HIDETOSHI NISHIIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Es ist wieder soweit

Weihnachten. Oder sagen wir: Wie Weihnachten. Und zwar für alle, die das fantastische Genrekino lieben, das sich irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction, Horror und Thriller befindet und zwischen all diesen vier Arten von Film hin- und herswitcht wie ein unruhiger Geist, der nicht weiß, wen er heimsuchen soll. Was dann passiert, sind zwölf wunderbare Tage, die länger andauern als die Festtage am Ende des Jahres und wo man sich Familie aussuchen kann. Nämlich jene des Slash.

Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen, denen man jedes Mal gewahr wird, und auch ich bin so einer, mit meinem Filmgenuss-gebrandeten T-Shirt, der wohl fast jeden Tag das Filmcasino ganz so wie der unruhige Geist heimsuchen wird, um sich danach vor die Tastatur zu setzen und seine Gedanken in Sätze zu formen. Und das Beste: Ich weiß nicht, was kommen wird.

Ein Feinspitz für surreales Gewaltkino

Was man aber wusste: Nicolas Winding Refn wird seinen neuesten Film höchstpersönlich präsentieren, mit anschließender Fragerunde zu einem Streifen, der, und das muss ich zugeben, wieder mal bestätigt, dass der visionäre Feinspitz für surreales Gewaltkino nicht so ganz meinen Geschmack trifft. Das ist natürlich rein subjektiv, doch ein Teil dieser Filmkritiken, die ich hier schreibe, trägt natürlich auch das Kolorit meiner persönlichen Meinung. Also will ich ganz ehrlich sein.

Drive war tatsächlich ein stringenter Thriller mit ordentlich Drama dahinter – stimmig, gewaltspitz, so richtig Noir. Walhalla Rising – nun, da muss man kein Nordisch sprechen, denn gesprochen wird hier ohnehin nichts, wenn Mads Mikkelsen als absolutionssüchtiger Wikinger in der schlammigen Erde wühlt. Bei Only God Forgives bin ich ausgestiegen. Nichts für mich, zu krude, zu substanzlos, und die Sache mit den Essstäbchen, nun ja, das muss man mögen oder auch nicht.

Doch wenn schon Slash-Premiere, bei der ich nicht fehlen möchte, dann geht auch der neue Winding Refn. Ein sehr freundlicher, witziger Kerl, der gerne Autogramme gibt und der die von Festivalleiter Markus Keuschnigg übergebene Urne d’Honor trotz seines schrägen Filmstils tatsächlich noch um einen Tick bizarrer findet. Rot glänzend lag das kleine glänzende Aschebehältnis in seiner Hand. Ja, man kann auch so ein Kaliber von Künstler noch beeindrucken.

Alles so schön bunt hier

Die Sprache hat es dem Publikum, Reihe 11, Sitz 9, nach Sichtung von Her Private Hell nur teilweise verschlagen. Im Mittelpunkt seines ominösen Konstrukts um Selbstbestimmung, Familienzwist und toxisch-männlichem Terror steht Sophie Thatcher, ehemaliger Escort-Android (Companion), Missionarin im Hause von Hugh Grant (Heretic) und diesmal als grell geschminkter, wortkarger Vamp namens Elle, der die quirlige, aber obdachlose Hunter in ihre Hotelsuite einlädt, in der die ganze kaputte Familie haust, und zwar inmitten von Edelschick und teuren Klamotten.

Wie diese Familie funktioniert und ob es denn überhaupt eine Familie ist oder eher ein kleines Freudenhaus, das scheint nicht so ganz klar. Jedenfalls gibt es eine Stiefmutter, die um die Gunst von Elle buhlt, die aber wiederum ihren Vater sucht, der nach einer kleinen Märchenstunde rund um den Leatherman, der mit dem Nebel kommt, plötzlich verschwindet, nachdem er sich selbst in die Lederkluft geworfen hat.

Kann es sein, dass er von sich selbst gesprochen hat? Dass er selbst hinter dem bestialischen Frauenmörder ganz in knarzendem Leder steckt, mit den Diamanten an den Handschuhen, die den jungen Opfern eine Obduktion bei lebendigem Leibe verpassen. Auch das weiß man nicht so genau.

Symmetrie ist doch was Schönes

Irgendwie sucht hier jeder jeden, während ich nach der nötigen narrativen Substanz Ausschau halte. Und auch der Soldat K ist dem Frauenmörder auf der Spur, denn der hat seine Tochter. Das alles klingt nach blutigem Serienkillerthriller, doch wenn es so einfach wäre, wäre es nicht Nicolas Winding Refn. Der Mann ist schließlich ein Ästhet und Symmetrist, und es geht ihm gar nicht mal um die Story, die sich im Laufe des Films sowieso wie der Nebel bei Sonnenschein in nichts auflöst, sondern ganz und gar um die Optik, um das Licht (wo eine Warnung für stroboskoplichtanfälliges Publikum angebracht gewesen wäre) und um den Score. Letztlich auch um Sophie Thatcher, die Refn wie ein Testimonial atemberaubend ikonisch ins Bild setzt.

Kuschen vor dem Bildersturm

An ihr liegt es keinesfalls, dass Her Private Hell enttäuschend hohl wirkt. Vielleicht, weil sich in dieser Geschichte nichts bewegt, weil auch die fulminanten Bilder so statisch arrangiert sind, dass sie nichts vorwärtsbringen, weder Handlung noch charakterliche Entwicklung noch sonst einen roten Faden, der sich schüchtern zusammenrollt unter diesem Bildersturm.

Als Virtuose der Farben und des Lichts muss man Winding Refn wirklich loben. In den Achtzigern wäre das ein Werbespot gewesen, den man nicht so schnell vergessen hätte. Ein Werbespot für ein neues Parfum-Deo, womöglich gar mit dem trendigen Namen Impulse?

Wenn ihnen ein Mann, den sie noch nie gesehen haben, plötzlich…

Nun, hier schenkt dieser Mann, den Sophie Thatcher noch nie gesehen hat, zwar keine Blumen, jedoch läuft er ihr irgendwann über den Weg, und wir erkennen zum Glück, dass diese auseinanderdriftende Miniatur an Story doch noch auf einem gemeinsamen Fundament steht, zwischen Plexiglas-Kristallen und rosa-türkisem Lichtgemetzel.

Es wabert der Kunstnebel, es glitzern die Tropfen auf Thatchers Wangen. Jane Schoenbrun (Teenage Sex and Death at Camp Miasma) bringt ihre magentalastige Farbpalette stilsicherer in die Gegenwart, Refn hingegen schmachtet in artifizieller Synthesizer-Stasis, die hauptsächlich langweilt. Wunderschön und explizit langweilt.Das ist zu wenig für einen Film, aber mehr als genug für einen Clip, der vor dem Hauptprogramm läuft.

Her Private Hell (2026)

Worldbreaker (2025)

WARTEN AUF MILLA JOVOVICH

1/10

 

Luke Evans und Filmtochter Billie Boullet waten in Worldbreaker auf Milla Jovovich
© 2026 Alive AG

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: BRAD ANDERSON

DREHBUCH: JOSHUA ROLLINS

KAMERA: DANIEL ARANYÓ

CAST: BILLIE BOULLET, LUKE EVANS, MILLA JOVOVICH, MILA HARRIS, KEVIN GLYNN, CHARIS AGBONLAHOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Die Guten ins Töpfchen…

Ja stimmt, es gibt zuhauf schlechte Filme, die muss man gar nicht erst sehen, um zu wissen, dass die Synopsis des einen oder anderen Machwerks schamlos von Genreperlen abkupfert oder einfach nur marktschreierisch und um Effekte haschend das schnelle Geld machen will. Ein Durchforsten der Streamingplattformen macht schwummrig, vielleicht auch ein bisschen gesättigt von all dem gleichen Schmus – es ist wie Doomscrolling mit der Fähigkeit, die Apokalypse im Hirn und in der Raumzeit des Sinnhaften nochmal abzuwenden.

Milla und ihre Apokalypsen

Was Apokalypsen betrifft, so könnte auf den ersten Blick ein Film wie Worldbreaker ganz interessant sein. Wenn man auf Milla Jovovich abfährt – und auch, wenn man das nicht tut –, zumindest aber auf Resident Evil oder In the Lost Lands mit Dave Bautista, könnte man mit dem neuen Film von Brad Anderson, der ja durchaus schon mal die eine oder andere bemerkenswerte Arbeit vom Stapel hat lassen, zwei Stunden Monster-Endzeit genießen, oder?

Seltsam nur, dass ein Titel wie Worldbreaker nur dann greifbar wird, wenn man länger auf Film-Plattformen herumstöbert, und da vorzugsweise in der Kategorie Home Cinema. Aha, denke ich mir, Milla Jovovich macht, was sie immer schon gut konnte, nämlich die Waffen erheben gegen vielbeinige Riesenspinnen oder arachnoide Zentauren.

Die Gute schwingt noch dazu ein Schwert, was das Fantasy-Herz höher schlagen lässt. Schließlich ist auch Luke Evans dabei – der hat doch vor einiger Zeit den Ober-Vampir verkörpert? Stimmt, Vlad Dracul, und zwar in Dracula Untold. Auch nicht schlecht, probieren kann man’s ja, obwohl Worldbreaker auf Wikipedia fast totgeschwiegen wird.

Leere Versprechungen

Und dann? Ja, dann passiert das: Und zwar alles, nur das nicht, was man erwartet hätte. Ein innovatives Abenteuer, zum Bersten voll mit Monster-Action, gefälligem Pathos, auf das man aufspringt und eine sich windende Spannung? Mitnichten.

Das satte Grün irischer Plateaus, die in eine spektakuläre Küstenlandschaft übergeht – a hat sich jemand als Location-Scout bewiesen, das nenne ich mal Schauplatz für mächtig Drama und mächtig Thrill. TV-Darstellerin Billie Boullet, zu sehen in der Serienversion von Man on Fire, rückt auch hier ins Bild.

Die junge Dame scheint schon viel erlebt zu haben, traumatische Veränderungen, den Reiz der Selbstverantwortung, unterdrückte Furcht. Da steht sie, zähneknirschend und mit entschlossenem Blick, während auch sie ihr Schwert zieht. Aus dem Off hören wir Luke Evans bedeutungsschwere Stimme. Der Mut dieses Mädchens wird in die ungeschrieben Annalen der Postapokalypse eingehen.

Warten hat so was Vorherhsehbares

Dann aber springt die Zeit zurück, schließlich weiß man noch nicht, wovon diese Geschichte eigentlich handelt. Doch das macht nichts. Nach ungefähr zehn Minuten ist klar, wie und wohin sich das ganze Szenario entwickeln wird. Worldbreaker hält das Zepter der Vorhersehbarkeit so hoch, als wäre es ein Leuchtturm für alle, die als Skriptautoren und Autorinnen die noch nicht verfasste eigene Story weniger trivial gestalten wollen.

Milla Jovovich, so erfahren wir bald, ist nur des Marketings wegen mit an Bord, eine Randfigur wie einst Bruce Willis in so manchem B-Movie-Thriller seiner späteren Karriere. Die meiste Zeit leben Billie Boullet und ihr Rauschebart-Daddy auf einer einsamen kleinen Insel und harren der Dinge, während Mama Jovovich auf Irland gegen Ungetüme aus dem Erdinneren kämpft. Was wir leider nicht sehen.

Der ganze Film eine Nebenhandlung

Ja, wo sind sie denn, diese Viecher? Die kommen schon noch. Oder auch nicht. Oder eben unscharf und nur ganz kurz im Hintergrund, weil Brad Andersons Film einfach kein Budget hat oder das Budget gekürzt wurde, weil Weltwirtschaftskrise und so.

Stattdessen bleibt uns eine parkourerprobende Heidi und ihr alter Herr, beide schenken sich, was seifige Dialoge angeht, wirklich nichts. Die Hoffnung und die Liebe und all die gedroschenen Phrasen lassen sich leider nicht zu Mehl verarbeiten, um etwas zu beißen zu haben. Denn bissfest ist in diesem Streifen wirklich nichts. Langeweile macht sich breit, Billie Boullets Figur schreckt vor ihrer eigenen Vorahnung zurück.

Mitunter verhübschen gefährliche Mutanten das dröge Geschehen und verpuffen so schnell wie Sternschnuppen. Brad Anderson kann keinerlei Spannung halten, lässt keinen Ehrgeiz erkennen und beschränkt sich die meiste Zeit auf belanglose Jugend-Fantasy ohne Reibung und Raffinesse, die völlig durchhängt.

Das Warten auf Milla Jovovich hat irgendwann ein Ende

Die Lore dieses Films ist so hanebüchen und unausgegoren, der finale Auftritt Jovovichs so lachhaft, die Erwartung so dermaßen unerfüllt und das Ganze so holprig performt, dass selbst das bisschen feministische Grundidee keine nennenswerte Verbesserung bringt. Worldbreaker ist tatsächlich der Tiefpunkt eines Regisseurs, der uns seinerzeit einen kafkaesken Albtraum wie Der Maschinist beschert hat. Nun aber ist der Albtraum eher ungewollt, und die zwei Stunden Lebenszeit unwiederbringlich.

Worldbreaker (2025)

Wilson

MEIN PATSCHERTES LEBEN

5/10

 

wilson© 2017 Twentieth Century Fox Home Entertainment / ®Hinweis: WILSON – Als Download erhältlich!

 

LAND: USA 2017

REGIE: CRAIG JOHNSON

MIT WOODY HARRELSON, LAURA DERN, JUDY GREER, CHERYL HAINES U. A.

 

Erst auf der letzten Comic Con im November habe ich die Graphic Novel von Daniel Clowes in Händen gehalten – die Charaktersatire Wilson erzählt die eigentümliche Geschichte eines verhaltensauffälligen Sonderlings, dessen Nachbarschaft man vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln so ziemlich sicher meiden würde. Doch selbst im Schanigarten oder unterwegs bleibt niemand vor der unverblümt anmaßenden Direktheit des arroganten Weltverstehers verschont. Anders als Jack Nicholson in Besser geht’s nicht sucht der kauzige Brillenträger im Second-Hand-Anzug die Konfrontation. Der Lebensfrust macht sich breit, Anpassung an die Gesellschaft gleich Null. Wilson ist kein Weltverbesserer. Wilson ist ein Provokateur. Ein unsympathischer, zynischer noch dazu. Niemand, mit dem man gerne allein wäre. Da Nicholson schon seine Rolle als Misanthrop ausleben konnte und sich somit außer Obligo befindet, gibt es eigentlich nur einen weiteren Schauspieler, dem man diesen peinlichen Ungustl abnehmen könnte – Woody Harrelson. 

Der Mann mit der Zahnlücke zählt momentan zu den besten seines Fachs. Seine Rolleninterpretationen sind ausdrucksstark, intensiv und einnehmend. Woody Harrelson kann so gut wie alles spielen. Vom schießwütigen Psychopathen aus Natural Born Killers bis eben zu Figuren wie Wilson, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen und nach dem gewissen Etwas suchen, dass der ganzen Existenz wieder einen Reiz geben kann. Und dieses gewisse Etwas kommt – in Gestalt einer eigenen Tochter, von dessen Existenz Wilson nichts gewusst hat. Das hat seine Ex Laura Dern versemmelt. Die David Lynch-Ikone und Jurassic Park-Pionierin, die momentan auch im neuen Star Wars zu sehen ist, ergänzt Harrelson´s Schauspiel mit der Darstellung einer herrlich sarkastischen, proletoiden Unterschicht-Existenz, die nach Drogen und Suff mehr schlecht als recht versucht, innerhalb normaler Bahnen zu leben. Beide ergänzen sich prächtig – auch wenn das Suchen und Finden der zur Adoption freigegebenen Tochter relativ halbherzig inszeniert ist.

Obwohl Wilson als menschelnde Sozialsatire im melancholischen Grundtonus eines Rückblickes auf ein „patschertes“ Leben erzählt wird, stören hysterische Spitzen die Homogenität der Inszenierung. Wenn sich Laura Dern bei einem Familienbesuch mit ihrer verhassten Filmschwester keilt, mag das vielleicht in der Comicvorlage stimmig sein – in Craig Johnson´s Verfilmung leider nicht. Wenig später findet sich der Zuseher im leicht verwirrten Trott der Erzählung wieder, die als Tragikomödie im Knast-Milieu endet. Man muss Wilson nicht mögen, um den Film zu mögen. Aber besser wär’s – obwohl das Anfreunden mit dem sperrigen Charakter sicher schwierig wird.

Wilson

Liebe möglicherweise

DIE (UN)MÖGLICHKEIT DER NÄHE

5/10

 

liebemoeglicherweise10© WEGA-Film

 

LAND: Österreich 2016

Regie: Michael Kreihsl

Mit Devid Striesow, Silke Bodenbender, Edita Malovčić, Gerti Drassl, Otto Schenk u. a.

 

Ich kann mich noch ganz genau an meine Volksschulzeit erinnern – da bin ich in der hintersten Reihe neben Edita Malovčić gesessen. Tatsächlich haben wir sogar gemeinsam im Rahmen einer Weihnachtsveranstaltung ein Theaterstück gespielt. Sie und ich, wir waren Indianer. Und ja, es gibt Fotos. Und jetzt – jetzt sehe ich meine ehemalige Klassenkollegin auf großer Leinwand oder auf dem Bildschirm. Auf Du und Du mit namhaften Stars. Schauspielerisch in Topform und wahrlich nicht mit Reizen geizend. Edita Malovčić hat im neuen Film von Michael Kreihsl allerdings nur eine verschwindende Nebenrolle. Eine auffällige zwar, aber eine von vielen kleinen Rollen, die mit Gerti Drassl, Devid Striesow und – haltet euch fest – Otto Schenk besetzt sind. Entstehen hätte dann so etwas wie ein episodenhafter Beziehungsreigen mit dem für Episodenfilme üblichen Handlungs-Crossover entstehen sollen. Der Episodenfilm an sich – und zwar der Beziehungs-Episodenfilm – hat in der österreichischen Filmwelt doch irgendwie eine lange Tradition. Das beginnt ja eigentlich schon bei Arthur Schnitzler´s Reigen, dem frivolen Bühnenstück aus dem frühen 20ten Jahrhundert, der nur zu gut und zu gerne in skandalheischender Inszenierung dem entrüsteten Publikum vor den Latz geknallt wird. Wobei – Reigen war schon länger nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Dafür aber im Kino – der Film hieß 360°, wurde teilweise in Wien gedreht und hatte neben internationalen Schauspielern wie Jude Law auch solche wie Alexander Krisch im Repertoire. Viel früher noch hat Petra Morze für das stimmig-düstere Liebeskarussell Antares die Hüllen fallen lassen. 

In Liebe möglicherweise fallen zwar nicht wirklich die Hüllen – zu wahren Erkenntnissen kommt man aber in dem ausschließlich in der Wienerstadt gedrehten Ensemblefilm aber auch nicht. Schon klar – Beziehungen sind nicht immer leicht, sei es nun die Beziehung zum Nachwuchs, zu den eigenen Eltern oder zum Lebenspartner. Ja, vielleicht auch die Beziehung zum platonischen Freund oder Freundin. Oftmals ist Nähe da ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein immerwährendes Scheitern, Entfremden und Versöhnen, was uns Regisseur Kreihsl da auftischt. Konstellationen, die uns allen nur allzu bekannt vorkommen – und daher für vorhersehbare Langeweile sorgen. Um wirklich mitzufühlen – dafür werden die einzelnen Protagonisten nur allzu sehr von außen betrachtet. Gefühlswelten bleiben auf augenscheinliche Symptome reduziert. Einzig die Problembehandlung Striesow-Bodenbender hat mehr Gewicht, obwohl sich auch hier neue Erkenntnisse rarmachen. Ich frage mich, wieso sich Liebe möglicherweise nicht nur auf die eine Geschichte konzentriert hat. Alle anderen Nebenschauplätze sind so grob skizziert und daher so entbehrlich, dass keiner sie vermisst hätte. Na gut, Otto Schenk vielleicht schon, den sieht man immer wieder gerne. Aber das legendäre Bühnen-Urgestein wäre drehbuchtechnisch auch anders unterzubringen gewesen. 

Ein Episodenfilm also – möglicherweise. Doch um diese dramaturgische Mechanik zu rechtfertigen, dazu mangelt es einfach an psychologischen Details.

Liebe möglicherweise

Amerikanisches Idyll

WENN DER APFEL WEIT VOM STAMM FÄLLT

7/10

 

amerikanischesidyll© 2016 Splendid Film / Quelle: rollingstone.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: EWAN MCGREGOR

MIT EWAN MCGREGOR, JENNIFER CONNELLY, DAKOTA FANNING U. A.

 

Der amerikanische Autor Philip Roth ist längst einer der bekanntesten und beliebtesten Romanautoren der Gegenwart. Wann der Nobelpreis für Literatur an ihn verliehen wird, ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit. Seine Geschichten sind meist autobiografisch geprägt und sezieren in stilsicherer Erzählkunst gesellschaftliche Paradoxien, Anomalien und Abgründe. So richtig tief im selbstzerstörerischen Schlamm unter dem Fundament einer augenscheinlich heilen Familienwelt wühlt sein Roman Amerikanisches Idyll, im Original American Pastoral. Ein bleischwerer Stoff, eine wuchtige, niederschmetternde Geschichte. Und noch dazu eine, die sich Schauspieler Ewan McGregor für sein Regiedebüt hergenommen hat. Natürlich, zu aller Anfang mal etwas Leichtes, Eingängiges. Eine Fingerübung. Denn Schauspieler sein heißt nicht automatisch auch gleich Regie führen zu können. Da wäre eine kleine, bescheidene Romanze vielleicht besser gewesen? Wie stemmt jemand wie Ewan McGregor regietechnisch so einen filmischen Brocken?

Nun, Fakt ist – er stemmt es. Er stemmt es geradezu bravourös. Und obendrein gibt er schauspielerisch seine bisher beste Performance ab. Vergessen sind da unsägliche Eskapaden wie die des Möchtegern-Sängers in Moulin Rouge oder als teilnahmsloser Spielball ost-westlichen Agentenpokers in Verräter wie wir. Für McGregor dürfte Amerikanisches Idyll eine fast schon persönliche Sache gewesen sein. Etwas, das er unbedingt selber angehen wollte. Und tatsächlich ist der ehemalige Jedi-Ritter und Drogenjunkie in der Rolle des verzweifelten, manischen und aufopferungsvollen Familienvaters wirklich bestens besetzt. Ihm zur Seite die bildschöne Jennifer Connelly als Ehefrau, Ex-Model und Neo-Farmerin mit Mut zur abgeschminkten Hässlichkeit. Beide haben ein riesiges Problem: ihre Tochter. Das stotternde, wenig selbstbewusste Mädchen mutiert fast schon über Nacht zur linksradikalen Terroristin und verschwindet spurlos. Erschütternd für die Eltern, ganz klar. Keiner kann sagen, warum das passiert. Der Schönheits- und Geltungswahn der Mutter kann es längst nicht mehr sein. Mangelnde Fürsorge auch nicht wirklich, zumindest nicht von Seiten des Vaters. Die Mutter, sie ist das Objekt des Widerstands. Des todbringenden Widerstands. Was als traumatisches TV-Erlebnis für das heranwachsende Kind beginnt, artet aus in Tod und Verderben. Der Sinn hinter den terroristischen Akten ist unklar. Wettern gegen den Vietnamkrieg, der zu der Zeit, in welcher der Film spielt, in vollem Gang gewesen war, kann unmöglich im Töten von Menschen seine Berechtigung finden. Wieso Menschen zu Attentätern werden, und welche Erlebnisse in der Kindheit als Auslöser womöglich verborgen liegen, das hat uns schon vor einigen Jahren der Österreicher Michael Haneke in Das weiße Band vor Augen geführt. In Amerikanisches Idyll verschwindet die Ursache zumeist hinter der Wirkung. Die Symptome allerdings, die aus einem gewissen unbehüteten Wohlstand heraus einer Krankheit ähnlich aus dem jungen Mädchen ausbrechen, können auch für den Zustand einer Zeit stehen, die global mit Unruhen, Angst und Schrecken verbunden war. Interventionskriege, Palästina-Terror und die RAF. Dakota Fanning, längst erwachsen, verliert als schwarzes Schaf der Familie jegliche Selbstachtung und interpretiert ihre Rolle als sozial verwahrlostes Faktotum mit viel Gespür und Empathie für die sicherlich schwierig zu handhabende literarische Figur.

Amerikanisches Idyll erinnert mich an Geschichten aus der Feder des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Vor allem die Rolle des „Swede“ Levov ist eine dürrenmatt´sche Figur. Ein ewig Wartender und Hoffender, ganz so wie sein Kommissar Matthäi aus dem grandiosen Kriminalroman Das Versprechen. Das bizarre Schicksal, dass sowohl ihn als auch den Vater ereilt, ist ebenfalls eine Binnenhandlung im Rahmen einer Ich-Erzählung. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten. Und beides ist lesens- bzw. sehenswert. McGregor´s Debüt ist intensives, überraschend gelungenes Erzählkino. Schwermütig, uramerikanisch und expressiv gespielt.

Amerikanisches Idyll