Im Wasser der Seine (2024)

HAIE DER GROSSSTADT

7/10


ImWasserderSeine© 2024 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: XAVIER GENS

DREHBUCH: XAVIER GENS, YANNICK DAHAN, MAUD HEYWANG, YAËL LANGMANN

CAST: BÉRÉNICE BEJO, NASSIM LYES, LÉA LÉVIANT, ANNE MARIVIN, AURÉLIA PETIT, NAGISA MORIMOTO, SANDRA PARFAIT, AKSEL USTUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Die Zoologen, Hai-Experten und Wissenschaftler dieser Welt gehen auf die Barrikaden. Im Wasser der Seine von Xavier Gens ist Mist oberster Güte, da sei selbst Meg mit Jason Statham, so das Echo, noch logischer. Ehrlich wahr? Wie logisch kann Meg wohl sein, wenn Superactionhero Statham einem Megalodon ins Maul tritt und im Alleingang einer prähistorischen Naturgewalt die Leviten liest? Das ist genauso Edeltrash wie Im Wasser der Seine. Und am besten sind Hai-Horrorfilme genau dann, wenn sie genau das sind: hanebüchener Tierhorror jenseits der Verhaltensforschung, der seinen Zenit in Filmen wie Sharknado erreicht – denn gegen Sharknado ist Im Wasser der Seine ja fast schon akribisch recherchiertes Wissenschaftskino. Und auch wenn es das nicht ist – und natürlich ist es das nicht – gelingt Xavier Gens etwas Kurioses. In diesem wild fuhrwerkenden Szenario, das dazu steht, nicht der Realität entsprechen zu wollen, sondern eher einem irrealen Albtraum, dem man hat, wenn man rein intuitiv, impulsiv und subjektiv über Hai-Horror nachdenkt, finden Mako-Haie, die ja grundlegend auch dafür bekannt sind, zu den gefährlichsten Knorplern zu gehören, die wir kennen, ihren Weg in die Stadt der Liebe. Warum das so sein kann? Nun, die Evolution schläft nicht, und muss sich in Zeiten des Klimawandels, des Raubbaus der Meere und der sonstigen Unwägbarkeiten, die das Anthropozän so mit sich bringt, neu erfinden. Da kann es sein, dass sie auf Express umschaltet und Begebenheiten möglich macht, die Tierkundler zur Verzweiflung bringen.

Eine davon ist Sophie, gespielt Bérénice Bejo, die seit dem Neo-Stummfilm The Artist von Michel Hazanavicius kein unbeschriebenes Blatt mehr ist. Der Horrorthriller beginnt mit einem desaströsen Ausflug in den Pazifik, genau dorthin, wo der verstörende „Müllkontinent“ vor sich hintreibt. Vor der Kulisse eines Schandflecks, den wir Menschen verursacht haben, ist die Natur klarerweise mehr als gewillt, ein Exempel zu statuieren – und löscht Sophias ganzes Team aus. Besagter Mako-Hai hat zugeschlagen – ein dicker, fetter, großer. Genau dieser flosselt gemächlich und Jahre später in der Seine herum, gerade zu einer Zeit, als die Bürgermeisterin der Stadt einen Triathlon organisiert, der zum Teil auch in fließendem Gewässer stattfinden soll. Sophia und Polizeibeamter Adil (Nassim Lyes, bekannt aus Xavier Gens Actionfilm Farang) gehen haarsträubenden Gerüchten nach, da ja prinzipiell nicht sein kann, dass ein Räuber aus dem Salzwasser hier sein Unwesen treibt. Sie werden bald eines Besseren belehrt, und ein Wettlauf mit der Zeit bricht sich Bahn, während der Knorpler frühstückt, als gäb‘s kein Morgen mehr. Dieses Morgen allerdings, steht wirklich bald auf der Kippe.

Man sollte sich dieses Szenario selbst ansehen. Man darf sich wundern und an den Kopf greifen. Und dennoch macht Im Wasser der Seine insofern Laune, da es keinen Jason Statham gibt, der alles richtet. Doch immerhin: Die ignorante Bürgermeisterin, die Wissenschaftlerin, auf die keiner hört, die Öko-Aktivistin, die ihr eigenes Ding durchzieht – im Film wimmelt es von Stereotypen und Rollenklischees. Was diesen bewährten Mustern aber passiert, ist das Konterkarieren ihrer Selbst. Xavier Gens lässt sie alle bluten, es wirbeln Köpfe und Gliedmaßen, da gerät Deep Blue Sea zum Kindergeburtstag. Und der urbane Mensch, ob auf logischem Wege oder auch nicht, wird endlich mal wieder dorthin verwiesen, wo sein Platz ist. Und der ist nicht zwingend am Ende der Nahrungskette.

Im Wasser der Seine (2024)

Bad Boys: Ride or Die (2024)

IM TAGESGESCHÄFT DER BALLERMÄNNER

5/10


Will Smith (Finalized);Martin Lawrence (Finalized)© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

DREHBUCH: CHRIS BREMNER, WILL BEALL

CAST: WILL SMITH, MARTIN LAWRENCE, JACOB SCIPIO, VANESSA HUDGENS, ALEXANDER LUDWIG, RHEA SEEHORN, PAOLA NÚÑEZ, ERIC DANE, IOAN GRUFFUDD, MELANIE LIBURD, TIFFANY HADDISH, JOE PANTOLIANO, TASHA SMITH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Welcome to Miami. Das hat Will Smith bereits in den Neunzigern gesungen. Das war, kurz nachdem dieser seinen Einstand als Detective Mike Lowery feiern konnte – unter der Regie von Hochglanz-Sprengmeister Michael Bay, der auch im dritten Aufguss wieder seinen Cameo hat. An seiner Seite Ulknudel Martin Lawrence, beide damals noch jung und schlaksig und so richtig böse Buben, die aber für das Gute kämpften und gerne zu zweit aus der Deckung ballerten. Miami ist auch nun wieder das heiß umkämpfte Pflaster, auf denen Drogenkartelle ihre Interessen vertreten und die Polizei nicht in den Everglades, sondern im Korruptionssumpf watet. Dieser Nährboden ist das Tagesgeschäft der beiden aufeinander eingeschworenen Seelen (mit oder ohne Gemächt), im Grunde also alles nicht neu und nur sich selbst wiederholend. Diesem Umstand kann einer wie Will Smith nur gegensteuern, indem er seine Therapeutin heiratet und Buddy Markus Burnett davon abhält, nach einem Herzinfarkt nicht gleich vom Dach des Krankenhauses zu springen. Ja, das Leben hinterlässt so seine Spuren. Und dennoch versuchen Adil El Arbi und Bilall Fallah (Bad Boys for Life), ein bewährtes Anti Detox-Konzept anzuwenden, mit welchem versucht wird, den immer genau gleichen oder zumindest auffallend ähnlichen Einheitsbrei einer Buddy-Actionkomödie so lange aufzuwärmen, bis er gerade noch nicht angebrannt schmeckt. Bei Bad Boys: Ride Or Die ist das verkokelte Sahnehäubchen zwar kaum noch wahrzunehmen, aber man merkt, dass die Sache endlich mal ausgelöffelt sein will. Wenn man so will, könnte man es ja fast als eine Art dreiste Geste ansehen, eine Thrillerkomödie mit massig Action zu produzieren, die es nicht darauf anlegt, ihr Publikum mitfiebern zu lassen, weil es von vornherein sonnenklar ist, wer überleben, wer sterben und wer sich letztlich als Verräter outen wird.

Mit dieser abgedroschenen Agenda im Rücken, müssen Will Smith und Martin Lawrence tun, was sie eben tun müssen. Letzterer legt sich dafür besonders ins Zeug, denn mit seiner Mission, diesem ganzen mauen Aufguss einen ganz besonderen komödiantischen Anstrich zu verleihen, steht und fällt der ganze Erfolg. Tatsächlich macht sich Bad Boys: Ride or Die an den Kinokassen ganz gut. Vielleicht ist es das feuchtheiße Miami, das so besondere Vibes versprüht. Und natürlich eben Lawrence, der als jemand, der das Licht gesehen hat, nur noch recht verschrobene Verhaltensweisen an den Tag legt. Dazu zählt sein Heißhunger auf Süßkram aller Art sowie ungesundem Fast Food, dann wieder mäht er im Alleingang eine ganze Gang nieder, um dann mit Eselsallegorien seinen Buddy komplett vor den Kopf zu stoßen. Will Smith ist dabei nur Erfüllungsgehilfe – sein erster Kinofilm nach King Richard (abgesehen von Emancipation, der auf AppleTV+ erschien) und dem berüchtigten Bühnen-Eklat lässt ihn auf Bewährtes zurückgreifen. Den Charakter des Mike Lowery auszubauen, dafür reicht die Energie nicht. Beide folgen einem mauen Krimiplot, der jene beglückt, die zumindest noch rudimentär in Erinnerung haben, was in den letzten Teilen so passiert ist. Die, die diese Fähigkeit des filmischen Langzeitgedächtnisses nicht haben, warten während dieses formelhaft konstruierten Plot-Leerlaufs auf Actionszenen und Ballerorgien, die sich nur wenig von bereits Gebotenem unterscheiden. Natürlich sind sie gut gemacht, und das ganze fährt auch besser, wenn Inner Circle ihren titelgebenden Kult-Hit zur Verfügung stellen.

Bad Boys: Ride or Die hat also erbärmliche Längen, vor allem ist nicht jeder, sondern ganz besonders dieser Anfang ein schwerer, geschwätzig und von fake-familiärem Geplänkel gequält. Bis es so richtig losgeht, dafür braucht man Geduld. Mitunter fetzt es dann gewaltig, doch das hätte auch irgendein anderer Film sein können.

Bad Boys: Ride or Die (2024)

Farang – Schatten der Unterwelt (2023)

DIE RÜCKKEHR DER KNOCHENBRECHER

7/10


FARANG© 2023 Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH, THAILAND 2023

REGIE: XAVIER GENS

DREHBUCH: XAVIER GENS, GUILLAUME LEMANS, MAGALI ROSSITTO

CAST: NASSIM LYES, OLIVIER GOURMET, VITHAYA PANSRINGARM, LORYN NOUNAY, CHANANTICHA TANG-KWA, SAHAJAK BOONTHANAKIT U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Was Gareth Evans mit seinen Raid-Filmen an expliziter Gewalt an den Tag gelegt hat, das, so könnte Xavier Gens gedacht haben, kann ich auch auf die Leinwand bringen. Mit dem thailändischen Rache-Actioner Farang (was so viel bedeutet wie westlicher Ausländer, nur diskriminierend gemeint) definiert der Franzose zwar nicht das Actiongenre neu, doch macht er keine halben Sachen dabei, wenn es heisst, nach bewährter Manier und der Held längst totgeglaubt, bei den Bösen ordentlich aufzuräumen, und zwar so sehr, dass das Hinsehen mitunter ordentlich wehtut. Die Genugtuung stellt sich aber trotzdem ein, Gewalt gefällt in Fällen wie diesen. In ähnliches Fahrwasser gerät Dev Patel mit seiner indischen John Wick-Interpretation Monkey Man – auch dort ist der Plot ordentlich aufgeladen mit Pathos, mit subkontinentaler Folklore und ergänzenden Weisheiten aus dem Ramayana. Der Farang, um den es hier geht, hat aber relativ wenig mit religiös motivierten Dogmen am Hut, obwohl auch er einen weisen Guru an der Hinterhand weiß, der ihn als Mentor auf Spur bringt, nachdem alles verloren scheint. So viel darf man durchaus verraten, denn Farang – Schatten der Unterwelt ist kein Film, der mit den Erwartungen spielt oder gar Haken schlägt.

Die südostasiatische Komponente verleiht Farang das gewisse Mehr an Exotik, hinzu kommt Hauptdarsteller und Mixed Martial Arts-Experte Nassim Lyes, der eben erst im Netflix-Megahit Im Wasser der Seine besser noch als Jason Statham gegen mörderische Haie ankämpfen muss und aus den Augenwinkeln fast schon Fußballgott Ronaldo gleicht. In Xavier Gens‘ Gewaltoper spielt er einen Knacki, der wegen Drogendelikten einsitzt, bereits aber so weit rehabilitiert ist, dass man ihn auf Freigänge schickt. Wie in so vielen anderen Fällen des Action- und Thrillerkinos wissen wir, dass die Vergangenheit einen oft nicht in Ruhe lässt. Folglich passieren unschöne Dinge, wenn man sich als einer, der neu anfangen will, dagegen zur Wehr setzt. Und schon ist Sam, wie er sich nennt, auf der Flucht. Er landet schließlich in Thailand – wie auch immer – und gründet dort eine Familie. Um einen Aussteigertraum in die Tat umzusetzen, will er am Strand eine Bar eröffnen – doch Finsterling Narong, ebenfalls ein Farang aus Belgien, schnappt ihm diese Chance mutwillig weg und lockt, weil Sam so dringend an sein Ziel will, diesen in eine blutige Falle. Er selbst wird nicht sterben, fast nicht – jedoch stirbt seine bessere Hälfte und das Kind wird entführt. Man kann sich also vorstellen, wie sehr Sam auf Rache aus sein muss. In die Hände spielen ihm dabei seine Kampfkünste, die er beherrscht wie Statham, Seagal und Chuck Norris zusammen. Xavier Gens will dabei nicht wegschauen, sondern schreit nach Blut in seinem haarscharf getimten Actioner, der es schafft, die tropische Schwüle eines vermeintlichen Paradieses, in welchem es oft und gerne regnet, mit pathetischen Moralvorstellungen und tröstender Genugtuung zu kombinieren. Das Pathos sitzt dabei an rechtem Fleck, nichts anderes will man letztlich empfinden müssen außer die satte Emotion eines väterlichen Berserkers, der deutlich mehr an Schmerzen aushalten muss als Keeanu Reeves‘ John Wick-Ikone. Aufrecht stehen sollten beide nicht mehr – was das Hardboiled-Genre aber aber verlangt, das verlangt es. Originell sind dabei die Darstellungen von Gewalt, insbesondere eine Szene in einem Fahrstuhl bleibt nachhaltig in Erinnerung, bei welcher offene Knöchenbrüche plötzlich einen gewissen Mehrwert besitzen. Solche Spitzen sind es auch, an denen sich Filme wie diese, die alle das Gleiche erzählen, fortan unterscheiden werden.

Wer mit solchen Szenen klarkommt, ist mit Farang – Schatten der Unterwelt bestens bedient. Der Death Wish, den man für das Böse empfindet, geht in Erfüllung. Die emotionale Intensität, die der Film dann aufbringt, fegt über die einfache Geschichte hinweg wie ein Tropensturm, der schlechte Erinnerungen vom Vortag blutig durchnässt zurücklässt.

Farang – Schatten der Unterwelt (2023)

Atlas (2024)

J.LO IM CGI-GEWITTER

6/10


atlas© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRAD PEYTON

DREHBUCH: LEO SARDARIAN, ARON ELI COLEITE

CAST: JENNIFER LOPEZ, SIMU LIU, STERLING K. BROWN, MARK STRONG, LANA PARRILLA, GREGORY JAMES COHAN, ABRAHAM POPOOLA, ZOE BOYLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eine Zeitenwende wie diese, in der wir uns gerade befinden, kommt niemals ohne Skepsis aus. Die Etablierung der KI ist dabei nur eine Frage der Zeit, und die Frage, ob gut oder schlecht für die Menschheit, eine offene. Vor Jahrzehnten schon hatte James Cameron diese seine Fiebervision von einem Killerroboter, der Menschen jagt, genannt der Terminator. Ausgebaut zu einem eigenen Filmuniversum mit wenig fruchtbaren Boden enthält dieses allerdings die Prämisse einer autarken, künstlichen Intelligenz, die sich gegen ihre Schöpfer auflehnt – genannt Skynet. Ja, so könnte es enden, dem Planeten an sich wäre es egal, weil Homo sapiens ohnehin am Ende der Nahrungskette steht oder irgendwo außerhalb selbiger. Uns selbst bereitet so ein Horrorszenario Kopfzerbrechen, und deswegen gibt es auch jenseits des Cameron-Franchise jede Menge Hightech-Grusel, die Roboter-Egomanen beinhalten, die sich nicht an Asimovs Regelwerk halten. Neuester Beitrag ist der auf Netflix erschienene Science-Fiction Film Atlas, wobei sich der Titel natürlich nicht auf die griechische Mythologie bezieht, sondern auf Jennifer Lopez, die im Film zwar nicht das ganze Firmement, aber immerhin genug Verantwortung tragen wird, was das Fortkommen der Menschheit betrifft. Atlas ist eine Koryphäe auf dem Gebiet Künstlicher Intelligenz, hält dieser aber weder für vertrauenswürdg noch berechenbar. Mit dieser Ablehnung dem Fortschritt gegenüber finden Jennifer Lopez und Regisseur Brad Peyton vor dem Bildschirm sicherlich jede Menge Gesinnungsgenossen, mehr noch als damals in den Achtzigern und frühen Neunziger. Skynet wurde damals noch belächelt, der neue Heerführer der Apokalypse, eine KI namens Harlan (Simu Liu), wird da schon anders betrachtet.

Dieser Schaltkreis-Schurke hat in einer nicht ganz so weit entfernten, aber doch in Anbetracht unseres tatsächlichen Status Quos völlig in den Sternen stehenden Zukunft einen globalen Vernichtungskrieg auf dem Gewissen. Nach dessen Niederlage zieht sich der Finsterling auf einen fremden Planeten zurück, um sich neu zu formieren. Wie er das bewerkstelligt hat, wird nicht näher erläutert, denn in dieser Zukunft ist selbst das Reisen in den Andromeda-Nebel, sprich in eine andere Galaxie, so einfach wie das Busfahren quer durch den Heimatbezirk. Die Ausgangssituation ist also alles andere als plausibel, da haben sich die Skriptautoren in kindlicher Fabulierlust allerlei Motive bedient, die ja ganz nett zusammenpassen und die vielleicht die angsterfüllte Skepsis jener aufgreifen, die in ganz anderen Dekaden hineingeboren wurden und schon beim Verlust des Wählscheibentelefons Wehmutsgefühle verspüren.

Zugegeben, es funktioniert. Trotz und vielleicht gerade wegen Superstar Jennifer Lopez, die ich wohl wirklich nicht als jemanden gesehen hätte, der sich in die Miniaturausgabe eines Pacific Rim-Kamproboters zwängt, um als Möchtegern-Actionheldin einem Overkill zu frönen, der sich von der Schwemme mäßig animierter Future-Action-Billigfilme mitreißen lässt. Es stellt sich die Frage, warum J.Lo diese Art Genrefilm denn nötig hat. Netflix und gutes Geld könnten die Antwort sein, auch, weil ihr Streaming-Eventfilm The Mother trotz durchwachsener Kritiken unschlagbar gute Zugriffszahlen aufwies. Ob Lopez in diesem Effektgewitter einen anderen Mehrwert sieht als nur den, als Superstar in der Spur zu bleiben? Dass die Sängerin, die gerne loud wird, auch schauspielern kann, hat sie vor Jahrzehnten schon in Steven Soderberghs Out of Sight bewiesen – immer noch ihre beste Rolle. Interessant ist, zu beobachten, wie sich die mittlerweile 54jährige Künstlerin bei einem Film ins Zeug legt, der in moralisch integrer Vorhersehbarkeit eigentlich jemanden wie sie nur als Lockvogel benötigt, um gut abzuschneiden.

Es scheint, als sähe J.Lo in ihrem Engagement mehr als nur das. Anfangs scheint es noch so, als wäre sie fehl am Platz. Mit verstrubbelter Montagmorgen-Frisur und asozialem, bisweilen als hölzern durchgehenden Gebaren ihren CO-Stars gegenüber könnte man gar einen Film vermuten, der irgendwann zu trivial wird. Als Expertin, die sich an einer Mission beteiligt, um Harlan dingfest zu machen, mag sie nur bedingt glaubwürdig sein. Wenn sie dann aber auf einem wilden Planeten landet und auf Gedeih und Verderb mit einer KI namens Smith paktieren muss, die vorgibt, dass das Vertrauen in diese keine verlorene Liebesmüh darstellt, überzeugt die Dame dann doch mit situationsadäquater Verzweiflung, mit Wut und Verlustangst.

Atlas (2024)

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

DIE STRASSE IST NICHT GENUG

6/10


furiosa© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2024

REGIE: GEORGE MILLER

DREHBUCH: GEORGE MILLER, NICO LATHOURIS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, ALYLA BROWNE, CHRIS HEMSWORTH, TOM BURKE, LACHY HULME, NATHAN JONES, ANGUS SAMPSON, JOSH HELMAN, JOHN HOWARD, DANIEL WEBBER, ELSA PATAKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Für diesen Film war ich in der D-Box. Was das ist? Ein Kinosaal, der immersives Erleben verspricht. Will heißen: Die Sitze, die man gebucht hat, werden dahingehend aktiviert, dass sie sich, abgestimmt aufs Filmerlebnis, entsprechend bewegen. Wenn also zum Beispiel ein Bolide startet, dann wummert auch der eigene Untersatz. Macht die Kamera einen Schwenk, schwenkt dieser dann auch gleich mit. Ist man anfällig für Schwindel, kann das zum Verhängnis werden. Ist aber der Gleichgewichtssinn einer, auf dem man sich verlassen kann, dürfte das erweiterte Einbeziehen der Sinne zumindest bei Furiosa: A Mad Max Saga durchaus Sinn machen. Denn dort brummen und heulen Motoren jede Menge, es explodieren und überschlagen sich Karosserien, es wird geschossen, gekämpft und Wüstenstaub aufgewirbelt – inmitten dieses nach gutem alten Handwerk inszenierten Spektakels das unverwechselbare, faszinierende Konterfei von Anya Taylor-Joy, die allerdings erst nach einer guten Stunde vor die Kamera tritt und vorher ihrer weitaus jüngeren Kollegin Alyla Browne den Vortritt lässt, um die gesamte fiktive Biographie von Furiosa zu erzählen, die Charlize Theron in dem 2015 erschienenen Mad Max: Fury Road schon verkörpert hat – mit geschwärzter Stirn und mechatronischem Arm. Diese Action-Ikone mischt nun also auch George Millers Spin Off auf, und auch wenn sich Taylor-Joy die meiste Zeit hinter Schutzbrillen, Staubtüchern und einer ganzen Schicht Ruß und Motoröl verbirgt – ihre Performance gibt Furiosa: A Mad Max Saga mitunter das, was Mad Max: Fury Road eben nicht hatte: Eine Identifikationsfigur, die einem nicht so gänzlich egal ist wie Tom Hardy, der, wortkarg und unnahbar, den langen, langen Wüstenhighway entlangfuhr, um eben von A nach B zu kommen und sonst nichts weiter.

Währenddessen hatte dieser sämtliche Banden am Hals, mitunter jene von Immortan Joe, einem schwer atmenden Freak mit Maske und transparenter Rüstung, der seine weiß getünchten Jünger gerne sinnlos in den Tod schickt. Alles keine Guten, schon gar nicht ein gewisser Dementus, der von Chris Hemsworth verkörpert wird. Mit dieser exaltierten Rolle, die Rockikonen wie Jim Morrisson, Gene Simmons oder Jon Bon Jovi auf eine Weise karikiert, die zur postapokalyptischen Parodie gereicht, hat Hemsworth sichtlich Spaß. Dass er dabei den Marvel’schen Donnergott zum marodierenden Biker-Cäsaren umkrempelt, noch dazu mit einem Pfrnak, der sein Antlitz grotesk verzerrt, ist reine Absicht. Hemsworth hat lausbübisches Vergnügen an seiner Figur, entsprechend ungestüm wütet er inmitten eines Szenarios, das allerdings nicht viel mehr hergibt als ohnehin schon aus dem Mad Max-Universum freigelegt wurde. Denn George Millers ersonnenes Franchise ist letzten Endes ähnlich karg und wenig fruchtbar wie die Welt, die für handgemachte Action und an die Substanz gehende Stunts die entsprechende Bühne schafft.

Es ist die Wüste, es sind diverse Festungen, es ist die Anarchie einer Endzeit voller Landpiraten, die sich unentwegt bekriegen und nicht imstande sind, sowas wie eine ernstzunehmende Zivilisation aufzubauen. Nach einem nicht näher definierten Ende einer Ordnung, wie wir sie kennen, beherbergt besagtes Wüstenland immer noch geheime grüne Orte, die Furiosa anfangs noch ihre Heimat nennt – bis sie von Rabauken des gottgleichen Dementus entführt wird. Mamas Versuch, die Kleine zurückzubringen, scheitert blutig. Das rothaarige Mädel ohne rechte Kindheit wird wenig später an diesen Immortan Joe verhökert und mausert sich zur Kriegerin, immer nur mit dem einen Ziel, Rache zu üben an den krummnasigen Größenwahnsinnigen, der drauf und dran ist, die absolute Herrschaft zu erlangen.

Bis dahin wird noch viel Sprit verbraucht werden und Karosserien ihre Knautschzonen beanspruchen, werden Tanklaster die Fury Road entlangrasen, Bagger ihre Schaufeln schwenken, sodass Bob, der Baumeister feuchte Augen kriegt und prächtig ausgestattetes Banditen-Gesocks ihre brandneuen Kollektionen vorführen. Mit dieser Liebe zum Detail spielt George Miller, dessen prinzipientreue Analogregie für handgemachtes Rambazamba aller Art auch hier sein Markenzeichen bleibt, seine Trümpfe aus. Vom Nippelzwicker über weißgetünchte Kamikaze-Indigene bis zu Masken und Helmen aller Art füllt Miller ein postapokalpytisches Volkskundemuseum. Dazwischen rattert der Sitz und rattern die Konvois, Treibstoff gibt’s genug, als gäbe es an jeder Ecke eine Tankstelle, doch sonst lässt das Szenario einen kalt. In ausgesuchter Plakativität geben sich flache Figuren einem Schicksal hin, das niemanden tangiert. Die Geschichte rund um Mad Max ist eine hohle Sache, nur immer und immer wieder lässt sich Ähnliches, aber niemals anderes aus dem Konzept herausholen. Diesen Spaß kann man das eine oder andre Mal noch variieren, doch die Aussicht, dass dieser sich totläuft, ist keine Schwarzmalerei. Wie beim Franchise rund um den Terminator, dessen Fortsetzungen immer die gleiche Geschichte aufwärmen, mag die Mad Max-Welt nicht viel mehr hergeben als wilde, handwerklich erlesene, aber kaltschnäuzige Action. Bis die hochtourige Endzeit einer niedertourigen Endzeit die Straßen überlässt.

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

DER MENSCH ALS DEM AFFEN UNTERTAN

7,5/10


KINGDOM OF THE PLANET OF THE APES© 2024 20th Century Fox. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: WES BALL

DREHBUCH: JOSH FRIEDMAN

CAST: OWEN TEAGUE, FREYA ALLAN, KEVIN DURAND, PETER MACON, WILLIAM H. MACY, TRAVIS JEFFERY, LYDIA PECKHAM, NEIL SANDILANDS, EKA DARVILLE, DICHEN LACHMAN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 25 MIN


Die Postapokalypse ist eine, die der Natur in die Hände spielt. Im Gegensatz zu einem verwüsteten Planeten wie in Mad Max, Terminator oder Fallout hat sich hier, hunderte Jahre nach dem Niedergang der Menschheit, die Botanik scheinbar alles zurückgeholt, was sie verloren hat. Das neue Zeitalter hat scheinbar wieder ein stabiles Klima, die Zivilisation des Homo sapiens wäre ein Fall für den Affen-Archäologen, sofern es welche gäbe. Lange Zeit nach dem Tod der Leitfigur Cesar leben Primaten nicht mehr auf Bäumen, sondern haben sich die nur langsam dahinbröckelnden Fragmente des Industriezeitalters zunutze gemacht, um darauf ihre Reiche zu errichten. Wie im Original Planet der Affen von Franklin J. Schaffner beherbergt der Planet der Affen zwar immer noch unsere Spezies, doch diese hat nun den Platz des instinktgesteuerten Tieres eingenommen, das von manchen Affenclans gerne gejagt und versklavt wird. Ein durch die Wolkendecke stürzender Astronaut namens Charlton Heston bleibt diesmal aber aus – dass der Planet nämlich unsere liebe Erde ist, die dank eines Virus den Affen das kognitive Denken brachte und uns die Verdummung, ist von vornherein klar, da braucht es keine Freiheitsstatue, die an den Ufern halb vergraben gen Himmel ragt. Ein Story Twist, den mittlerweile jeder kennt.

In dieser neuen Erzählwelt gibt es wie bei uns Menschen die Guten und die Bösen, zu den Guten zählt der Clan der Adler, allesamt Schimpansen, die es sich auf Strommasten gemütlich gemacht haben und alljährlich gewisse Rituale pflegen, welche die Jungspunde der Gemeinschaft aufeinander einschwören sollen. Leider Gottes führt der Ehrgeiz eines gewissen Noa (Owen Teague) dazu, dass marodierende Brutalos aus Gorillas und Bonobos Noas Clan dem Erdboden gleichmachen und viele davon entführen. Ihm selbst gelingt es, zu flüchten, dabei nimmt er sich vor, Familie und Freunde zu befreien.  Eine Menschenfrau folgt ihm dabei auf Schritt und Tritt, und es hat den Anschein, dass dieses Individuum zu höheren Denkleistungen fähig ist als alle anderen. Ein Orang-Utan macht das Trio komplett, doch der dubiose Proximus, der sich selbst als neuer Cesar hält, hat seine Leute überall. Ein Entkommen scheint aussichtslos.

So viel zur natürlich recht überschaubaren Geschichte, die all den Zeitreise-Firlefanz außen vorlässt und ein hemdsärmeliges, sehr griffiges Abenteuer ohne Längen erzählt, dessen Verlauf nicht immer ganz vorhersehbar bleibt. Diesmal hat Wes Ball, verantwortlich für die Maze Runner-Trilogie und erfahren, was postapokalpytische Szenarien betrifft, die Regie übernommen. Sein Fokus liegt dabei auf Charakterzeichnung, auf die akkurate Imitation äffischer Bewegungsmuster, Mimiken und Verhaltensweisen. Ball bringt mit dem Orang-Utan Raka eine derart liebenswerte Person ins Spiel, die schon in den ersten Minuten zum geheimen Star des ganzen Films wird, zum hoch geschätzten Humanisten unter den Primaten, zum Philosophen und Anwärter für den Friedensnobelpreis. Proximus, kongenial verkörpert von Kevin Durand (zuletzt gesehen in Abigail), lässt Planet der Affen: New Kingdom zum Shakespeare’schen Königsdrama werden, schicksalhaft und hochdramatisch. Dank dieser Vorzüge bewegt sich der vierte Teil des Reboots auf selbstbewussten narrativen Pfaden und schickt Bilder ins Gedächtnis der Zuseher, die durchaus als ikonisch bezeichnet werden können. Wenn auf Pferden reitende Gorillas gefesselte Menschen vorantreiben, im Hintergrund die rostzerfressenen Wracks ehemaliger Containerschiffe, dann triggern Retro-Flashbacks die Liebe des Dystopie-affinen Zusehers zu den Filmen aus den Sechzigern und Siebzigern, zu einer geradlinigen Art von globaler Wissenschaftsvision und Endzeit. Die Stimmung ist perfekt, die Tricktechnik sowieso. Immer wieder erstaunt es, was Motion Capture alles kann, wie Haut- und Felltexturen nachempfunden werden können, obwohl noch immer genug Luft nach oben ist und der Unterschied zum echten, lebenden Schimpansen im direkten Vergleich sicherlich noch frappant genug ist.

Planet der Affen: New Kingdom macht vieles richtig und setzt klug die Prioritäten. Was dem Film nicht ganz gelingt oder ihn davon abhält, als Meisterwerk durchzugehen, sind der Geschichte geschuldete Kompromisse in Sachen Plausibilität, Logik und der Physik der Gezeiten. Hätte sich das Skript in diesen Dingen nicht zu sehr bequemt, wäre die hochemotionale, wunderbar anzuschauende Charakter-Odyssee ein Science-fiction-Abenteuer allererster Güte geworden. Der beste Teil der ganzen neuen Reihe ist es aber immer noch.

Am Ende kann man nur hoffen, dass der gnadenlos besitzergreifende Homo sapiens (Freya Allan als Menschenfrau Mae lebt es vor) nicht wieder auf die Idee kommt, vermehrt sein Gehirn zu gebrauchen. Mit denkenden Affen ist es nämlich so viel schöner.

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

Wolfsnächte (2018)

SO FINSTER DIE WILDNIS

6,5/10


wolfsnaechte© 2018 A24 / Netflix


ORIGINALTITEL: HOLD THE DARK

LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: JEREMY SAULNIER

DREHBUCH: MACON BLAIR, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM GIRALDI

CAST: JEFFREY WRIGHT, RILEY KEOUGH, ALEXANDER SKARSGÅRD, JAMES BADGE DALE, MACON BLAIR, JONATHAN WHITESELL, JULIAN BLACK ANTELOPE, ERIC KEENLEYSIDE, SAVONNA SPRACLIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dass in den Wäldern Nordamerikas längst finstere Mächte ihre Spiele spielen und den vulnerablen Geist der den Gesetzen der Natur unterworfenen Bewohnern ordentlich zusetzen, ist nicht erst seit dem Mystery-Serienjuwel Twin Peaks bekannt. Dass Homo sapiens in der Einschicht des Waldes und der Wildnis zu Entsetzlichem fähig ist, durfte Burt Reynolds am eigenen Leib erfahren, da er unter John Boormans Regie beim Sterben der erste war. Im Fahrwasser dieser finsteren Backwood-Ausgeburten ächzen mittlerweile jede Menge geistige wie körperliche Missgeburten seelenquälend durchs Gehölz, auch das Necronomicon findet sich in einer Hütte im Wald. Es zu lesen, entfesselt nichts Gutes. In dieser Finsternis aus allerlei Abgründen und bedrohlicher Waldesruh darf man als Wanderer durch den Tann natürlich nicht vergessen, dass auch die lokale Tierwelt gerne mal zu Eskapaden neigt. In diesem Fall sind es Wölfe, und ja, Isegrim ist auch in Österreich wieder auf dem Vormarsch, sehr zum Leidwesen diverser Viehhöfe, die gar nicht mehr damit nachkommen, ihre Schafe und Lämmer zu Grabe zu tragen. Der Wolf tut dabei nur das, was er tun muss. Ihn abzuschießen, ist längerfristig wohl keine gute Lösung – es wäre wegen dem Arterhalt. Wenn sich dann aber – wie in Jeremy Saulniers Horrorthriller Wolfsnächte – der Wolf an einem Menschen vergreift, ist es Schluss mit lustig. Ein kleiner Junge wird vermisst, der Spross der sonderbaren Medora Sloane, die den Wolf-Experten Russel Core (Jeffrey Wright) inständig darum bittet, der Sache nachzugehen und ihren Jungen wiederzufinden, wurde er doch zuletzt beim Spielen am Fluss gesehen, um kurz darauf vom Erdboden verschluckt zu werden. Für Core ein sonderbarer Umstand, doch er erklärt sich bereit, den „Maneater“ aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Was er dabei entfesselt, sind eingangs erwähnte archaische Mächte, das Öffnen eines Tores in eine metaphysische Welt, in der Mensch und Tier plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind, in welcher der Instinkt und nicht der Verstand über Taten entscheidet. Die überdies erschreckend sind.

Im Gegensatz zu Wolfsnächte sind The Grey mit Liam Neeson oder Mörderischer Vorsprung mit dem legendären Sidney Poitier ja fast schon wie winterliche Pauschalabenteuer. Jeremy Saulniers Verfilmung des Thrillers von William Giraldi ist zwar längst nicht so verspielt albtraumartig wie das, was in David Lynchs Kleinstädtchen Twin Peaks passiert, dafür aber sind die Bandagen um einiges fester angelegt – und konkreter. Alexander Skarsgård will dabei ähnlichen Schrecken verbreiten wie sein Bruder Bill als Pennywise. Dieser Vernon Sloane ist zwar nicht das Böse höchstselbst, dafür aber besessen von archaischen Dämonen. Und nicht nur er: Riley Keough, Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, begegnet der feuchtkalten Winterstimmung Alaskas mit unheilvollen Maskenmotiven aus uralten indianischen Mythologien. Vieles ist finster und bedrohlich in dieser vollmundigen, phantastisch angehauchten Mystery. Und dennoch lässt die manische Überlegenheit – wenn nicht gar Überheblichkeit – der mit den Schattenseiten der Natur im Bunde stehenden Figuren eine gewisse Unzufriedenheit hochkommen. Demgegenüber steht die bedauernswerte Ohnmacht einer desillusionierten, mit allen Mitteln eine gewisse Ordnung gewährleistenden Provinz-Gesellschaft, die dem verheerenden Zynismus krimineller Ausgeburten wenig entgegensetzen kann. Man selbst als Zuseher fände das eine oder andere Mal weitaus effizientere Lösungen mit weniger Kollateralschäden, und die Gewissheit, es letztlich besser gemacht haben zu können, und verbunden mit der Wut auf diese Arroganz der Bösen, die glauben, mehr zu wissen als der Rest der Welt, bleibt die Faszination für diesen durchaus nihilistischen Düsterthriller endenwollend. Man würde sich wünschen, die Finsternis eines besseren zu belehren. Eine Sehnsucht, die leider nicht gestillt wird.

Wolfsnächte (2018)

The Fall Guy (2024)

STUNT-PARADE MIT LEERLAUF

5/10


thefallguy© 2024 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID LEITCH

DREHBUCH: DREW PEARCE

CAST: RYAN GOSLING, EMILY BLUNT, AARON TAYLOR-JOHNSON, HANNAH WADDINGHAM, WINSTON DUKE, STEPHANIE HSU, TERESA PALMER, ADAM DUNN, ZARA MICHALES, BEN KNIGHT, LEE MAJORS, HEATHER THOMAS, JASON MOMOA U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Ein Mensch ist genauso viel wert wie der andere. So sollte es zumindest sein. Doch das stimmt nicht. Fußballstars sind mehr wert. Hollywoodstars sind mehr wert. Weil sie weltberühmt sind, weil ein jeder sie kennt, und ihre Person nicht nur zur Marke wird, sondern auch zum Goldesel für Konzerne wie Disney, Sony oder Universal Pictures. Weil sie als Testimonials für alles Mögliche herhalten und sich dabei gut bezahlen lassen. So einen Status setzt man nicht aufs Spiel, nur wenn ein Film verlangt, dass man sich in der zu verkörpernden Rolle in exponierte Gefahr begibt. Dafür gibt es andere, die weniger wert sind. Und austauschbar. Stuntmen zum Beispiel. Sie müssen dem Star nur ungefähr ähnlichsehen, und falls nicht, dann hilft Deepfake. Was sie tun, ist, für die goldwerte Persönlichkeit in die Bresche zu springen, sich schmutzig zu machen, Blessuren zu holen – kurz gesagt: als Prügelknabe zu fungieren, was ins Englische übersetzt mit Fall Guy zu bezeichnen wäre. Diesem Unknown Stuntmen hat schon Lee Majors in den Achtzigerjahren besungen – der Song wurde zum Intro der hierzulande unter dem Titel Ein Colt für alle Fälle bekannten Serie, in der einer namens Colt Seavers nicht nur allerhand halsbrecherische Filmszenen meistert, sondern auch als Kopfgeldjäger ein gewisses Zubrot verdient. An seiner Seite Jody Banks, damals verkörpert von Heather Thomas, die auch in David Leitchs Reboot gemeinsam mit Majors selbst einen Cameo-Auftritt zugedacht bekam, der nicht anders zu bezeichnen ist als bemitleidenswert. Abgesehen von diesem Gnadenakt des gezollten Respekts fiel die Wahl für den neuen Colt auf Feschak Ryan Gosling, den die Frauen lieben und der als Inkarnation des Ken auf das maskuline Selbst zurückgeworfen wurde.

Gosling verguckt sich in die von Emily Blunt dargestellte Kamerafrau, die ebenfalls Jody heisst, die Monate später einen Karrieresprung ins Regiefach vollbringt und die Verantwortung für einen epischen Science-Fiction-Blockbuster namens The Metalstorm übernimmt, der unweigerlich an Mad Max erinnert. Zwischen Jody und Colt herrscht nach einem Unfall am Set, welcher Colt ins Krankenhaus und dann ins Aus befördert, Funkstille. Der Stuntmen hat sich schon längst damit abgefunden, als Einparker für ein Fast Food-Restaurant den Rest seines Lebens zu bestreiten, als das Telefon klingelt und Colts ehemalige Produzentin Gail nach seinem Typ verlangt. Er soll wieder zurück ins Stunt-Business finden, am besten jetzt sofort und ans australische Set von Jodys aktuellem Eventfilm. Der Name seiner Ex lässt den smarten Set-Abenteurer sofort antanzen, sehr zur Verwirrung von Jody selbst, die nichts davon weiß. Und wovon noch niemand eine Ahnung hat: Wohin Superstar Tom Ryder (Aaron Taylor-Johnson) verschwunden ist. Colt wird dazu genötigt, ihn aufzuspüren und gerät dabei in lebensgefährdende Verstrickungen, die insofern schwieriger zu meistern sind, weil der zähe Bursche zu den Klängen von Taylor Swift durchaus mal die eine oder andere Träne aufgrund von Liebeskummer vergießt.

Diese Romanze zwischen Ryan Gosling und Emily Blunt, die wenig Esprit versprüht, dominiert gefühlt zwei Drittel des ganzen Films. Das Ganze wäre ja halb so langweilig gewesen, würde zwischen den Filmpartnern auch eine gewisse Chemie vordergründig wirksam werden, wie seinerzeit bei Michael Douglas und Kathleen Turner. Gosling ist Gosling und Emily Blunt ist auch sie selbst – von einer differenzierten Auslegung ihrer Charaktere ist keine Rede, obwohl beide mit Sympathiewerten punkten. Das Problem ist die gnadenlose Vorhersehbarkeit einer Screwball-Beziehung, die mit den immer gleichen Dialogen breitgetreten wird. Tatsächlich ist das wenig interessant, viel spannender wäre das Abenteuer, in das sich Ryan Gosling stürzt, doch auch dieser spezielle Umstand einer Verschwörung zwischen Showbiz und Mordfall lockt den knautschigen Star kaum aus der Reserve. Gosling ist nicht bereit, für die Komödie auch sein stilsicheres Model-Image als Einsatz zu verwetten, um den komödiantischen Ausbruch zu wagen. Irgendwas fehlt in seinem Spiel, und es fehlt auch bei Emily Blunt. Überhaupt sind die verteilten Rollen auffallend generisch – so generisch, als wären sie das Ensemble einer Vorabendfolge aus besagter Colt-Reihe, die in den Achtzigern noch griffig, heutzutage aber altbacken wirkt. Diesen Leerlauf gilt es zu überbrücken – denn ist man nicht gerade gedanklich irgendwo abgeglitten oder hat die Unruhe im Kinositz weitestgehend unterdrückt, die sich aus dem epischen Plauderton des Films ergibt, serviert David Leitch (u. a. Bullet Train) als liebevolle Hommage und Ehrung der Männer fürs Grobe (Stuntfrauen gibt es allerdings auch!) Stunteinlagen erster Güte, alles fein säuberlich und handwerklich top inszeniert. Im Abspann sieht man auch, dass von VFX kaum Gebrauch gemacht wurde; dass alles analog vonstatten ging, mit den Haudegen aus der zweiten und dritten Reihe, deren Namen man aber immer noch nicht kennt. Außer vielleicht Logan Holladay. Jener Stunt-Profi, der für The Fall Guy bei den Cannon Rolls – das inszenierte Überschlagen eines Autos – einen neuen Rekord aufgestellt hat. Achteinhalb Mal ist das gelungen, dieser Holladay hat sogar seine eigenen Cameo-Momente. Doch die Liebeserklärung an eine noble und bemerkenswerte Artistik-Zunft schippert viel zu oft und viel zu sehr in ausgewaschenen RomCom-Gewässern. Das bisschen Action veredelt den trivialen Plot dabei auch nur bedingt.

The Fall Guy (2024)

Acid (2023)

AM TAG, ALS DER REGEN KAM

6/10


acid© 2023 Plaion Films


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2023

REGIE: JUST PHILIPPOT

DREHBUCH: JUST PHILIPPOT, YACINE BADDAY

CAST: GUILLAUME CANET, LAETITIA DOSCH, PATIENCE MUNCHENBACH, MARIE JUNG, MARTIN VERSET, VALENTIJN DHAENENS, NICOLAS DELYS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Manche Filme brauchen wirklich eine kleine Ewigkeit, um nach ihrer Festivalpremiere irgendwo einsehbar zu sein, findet das nun On Demand, auf DVD oder im Programm eines anderen Festivals statt. Der französische Wetterhorror Acid hat sich seit den Filmfestspielen in Cannes letzten Jahres knapp einen Sonnenumlauf lang durch die Untiefen filmischer Verwertungswelten gequält, um letztlich noch einmal einen Termin auf großer Leinwand zu ergattern, in diesem Fall im Rahmen der frühsommerlichen Slash ½ Festspieltage, die schon ordentlich Gusto machen sollten auf das große Rambazamba im kommenden September, wo für zehn Tage wieder mal alles Phantastische, Schräge und Bizarre fröhliche Urstände feiern darf. Acid wird, so ein Verdacht, ohne rechte Auswertung vom Kultursender Arte stiefmütterlich aufgenommen werden und im Nachtprogramm verschwinden – dabei bohrt das Werk in den offenen Wunden eines Klimawahnsinns, der uns Stürme, Dürren, Überschwemmungen und Gletscherschmelzen beschert. Gerade eben versinken Teile Brasiliens und Afghanistans im Regen, in Sumatra brechen Schlammlawinen sämtliche Türen ein. Wie es scheint, steht uns wieder ein bahnbrechend heißer Sommer bevor, in dem man nur schwer atmen kann, wenn man vor die Tür geht. Von so einer Affenhitze ist auch in Acid die Rede, und das Erschreckende dabei: Diese Temperaturen versengen bereits den knackfrischen Frühlingsmonat März. Das ganze Szenario wäre ohnehin schrecklich genug, wäre der im wahrsten Sinne des Wortes heiß ersehnte kühlende Niederschlag nicht einer, der alles vernichtet.

Wir erinnern uns gerne noch an Ridley Scotts Weltraumhorror Alien und den auf dem Raumfrachter Nostromo befindlichen Wüterich, dessen Blut sich als Säure durch die Ebenen des Schiffes frisst. Nimmt man diese toxische Anomalie und potenziert sie auf die Größe eines kontinentalen Wetterphänomens, wird das hierzulande gern verwendete geflügelte Wort „I bin ja nicht aus Zucker“, welches eigentlich den Mut des Kleinbürgers veranschaulichen sollte, völlig schirmlos in den Regen hinauszugehen, nochmal gründlich hinterfragt. Denn in Acid läuft alles Organische und Anorganische plötzlich Gefahr, auf Nullkommanichts zersetzt zu werden, so sauer scheint der bedrohlich dunkelgraue Himmel auf all das zu sein, was darunter um sein Leben rennt. Als wäre das alles ein gebündelter Zorn der Götter, eine letzte biblische Plage, so lässt der Niederschlag nichts und niemanden unberührt. Inmitten dieser landesweiten Katastrophe suchen Guillaume Canet und seine Familie Schutz vor den gefräßigen Zombietropfen, die Mauerwerk zerbröckeln und Karosserien blitzartig erodieren lassen. Es zischt und dampft und zersetzt sich der Boden, die nachvollziehbare Wirksamkeit der tödlichen Säure für all jene, die im geschützten Auditorium im Trockenen sitzen, garantiert Regisseur und Drehbuchautor Just Philippot mit dezent eingesetzter CGI.

Von einem Desastermovie, wie sie Roland Emmerich zum Beispiel mit seinem winterharten The Day After Tomorrow gerne auf die breite Leinwand wuchtet, ist Acid aber weit entfernt. Während Emmerich den unkaputtbaren Glauben an familiären Zusammenhalt und das Überleben der idealisierten Familie hochhält, liegt Philippot nichts daran, seinen Survivalhorror einer geschmeidigen Zuversicht unterzuordnen. Acid gerät zum ernüchternden und weitestgehend recht resignierenden Niederschlags-Nihilismus. Opfer werden gebracht, die, legt man Wert auf unantastbare Gesetzmäßigkeiten, gar nicht passieren dürften. Zumindest nicht so, wie sie Philippot in recht explizierter Schrecklichkeit den verheerenden Unwirtlichkeiten aussetzt. Vielleicht liegt in dieser wenig zimperlichen Radikalität, in welcher Mama, Papa und Tochter ins Trockene hechten, gar so etwas wie die Lust an der bleischweren Überzeichnung. Ob Niederschlag jemals einen derartigen Säuregrad erreichen könnte, um einen ganzen Kontinent wegzuätzen, mag diskussionswürdig sein. Doch wie bei Emmerich, der sich um zeitlich akkurate Abfolgen von Wetterumschwüngen auch nicht recht geschert hat, mag Philippot lieber den völlig unplausiblen Worst Case als gegeben hinnehmen wollen. Denn nur mit überspitzten Darstellungen einer hoffnungslos ruinierten Welt lässt sich die kinoaffine Menschheit vielleicht wachrütteln. Andererseits: Auf diese Weise muss sich Acid die Kritik gefallen lassen, in einer gewissen Monotonie zu schwelgen. Das allein schon das Kolorit des Films stets in ermüdendem regennassen Grau für kraftlose Längen sorgt, wird nur noch bestärkt durch einen wie bei Katastrophenfilmen eben so üblichen dünnen Plot, der nichts anderes im Sinn hat, als seine Protagonisten von Pontius zu Pilatus zu schicken. Wirklich raffiniert wird Acid nie, der Film zeigt lediglich und völlig aus der Luft gegriffen, wie schlimm es werden kann. Lustig ist das nicht, spektakulär eigentlich auch nicht, und nicht mal das Bröckeln ganzer Betonbrücken feiert das Genre eines europäischen Blockbusterkino. Der Kampf ums Überleben geht im deprimierenden Prasseln eines kataklystischen Regens unter, Schlechtwetter sorgt für schlechte Stimmung, der erfrischende Wind, der den Film in eine andere Richtung geblasen hätte, bleibt aus.

Acid ist schwarzseherischer Ökohorror, radikal und ungefällig, was man dem Film zugutehalten kann. Andererseits tritt der Trübsinn auf der Stelle, das Drama bläht sich auf, und zieht der Regen mal weiter, freut sich niemand auf den Sonnenschein, der stets danach folgt.

Acid (2023)

Ich Capitano (2023)

MOSES DER MIGRANTEN

6,5/10


ichcapitano© 2023 Greta De Lazzaris / X Verleih AG


ORIGINALTITEL: IO CAPITANO

LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN 2023

REGIE: MATTEO GARRONE

DREHBUCH: MATTEO GARRONE, MASSIMO GAUDIOSO, MASSIMO CECCHERINI, ANDREA TAGILAFERRI

CAST: SEYDOU SARR, MOUSTAPHA FALL, ISSAKA SAWAGODO, HICHEM YACOUBI, DOODOU SAGNA, KHADY SY, VENUS GUEYE, CHEICK OUMAR DIAW, BAMAR KANE U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Willkommen im Flüchtlingszeitalter. Dabei gab es dieses Phänomen der Migration schon, seit es Menschen gibt, betrachte man nur die Umwälzungen während der Völkerwanderung. Heutzutage sind es wieder mal Kriege im Nahen und europäischen Osten, die dazu geführt haben, dass von Syrien bis in den Iran Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen. Die Rede ist von Flüchtlingen, die gar nicht anders können, als ihre eigene Haut retten zu müssen. Und dann gibt es jene, die weder verfolgt noch diskriminiert noch anderweitig bedroht werden, aber dennoch nicht hinnehmen wollen, in einem Land zu leben, das keinerlei Entwicklungsmöglichkeiten bietet. In Anbetracht dieser ernüchternden Umstände erscheint das nicht allzu ferne Europa als ein Land, in dem Milch und Honig fließen, als gelobter Boden, auf dem alles machbar scheint. Ganz egal, wer oder was Entwicklungsländern dieses Bild vermittelt – das Ideal eines paradiesischen Europas kann so nicht stimmen. Aufklärungsarbeit hinsichtlich dessen zu leisten, was Europa im Idealfall versprechen könnte und wieviel gleichzeitig auch nicht, könnte manchen Young Adult wie in Matteo Garrones Film vielleicht nochmal darüber reflektieren lassen, was im eigenen Land nicht vielleicht doch alles möglich wäre – und ob es die Reise ins Ungewisse wirklich lohnt, um dann, irgendwo weit weg von Heimat, Familie und allem Vertrauten, in einem Asylheim auszuharren, während der Traum von Reichtum und Ruhm zusehends verblasst.

Diese naive Vorstellung vom Leben in Saus und Braus als Star der Musikbranche treibt den 16jährigen Seydou dazu an, gemeinsam mit seinem Cousin Moussa die Hauptstadt des Senegal und somit auch die Familie zu verlassen, um ein besseres Leben zu beginnen. Dabei ist jenes in Afrika nun mal nicht das Schlechteste. Zugegeben, das Zuhause könnte ein Upgrade vertragen, beim Lebensstandard gäbe es Luft nach oben. Doch mit Ehrgeiz, Willenskraft und all dem Ersparten, dass Seydou und Moussa ohnehin zur Seite gelegt haben, könnte man es auch im Senegal zu etwas bringen, Beziehungen gäbe es genug. Den beiden ist das zu wenig. Europa ist das Ziel, und dafür würden alle Gefahren dieser Welt sie nicht aufhalten. So beginnt eine abenteuerliche Reise quer über die Nordhälfte des afrikanischen Kontinents – über Mali, den Niger bis nach Libyen und von dort sollte es per Flüchtlingsboot nach Italien gehen. Eine Entbehrung folgt der nächsten, der Marsch durch die Wüste wird zu einem Gewaltakt und eine Probe auf Leben und Tod. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, werden Seydou und Moussa von libyschen Banditen überfallen, der eine kommt ins Gefängnis, der andere wird in die Sklaverei verkauft. Eine Prüfung folgt der nächsten, am Ende mag Seydou die Verantwortung tragen für ein Schiff voller Menschen. Ich Capitano wird der Teenager über die Köpfe seiner Schützlinge brüllen – er wird sich fühlen wie Moses, der eine Gefolgschaft ins gelobte Land führt.

Matteo Garrones entbehrungsreiches, üppig bebildertes Roadmovie war dieses Jahr für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Eine Auszeichnung, die gerechtfertigt ist? Es kommt darauf an, zu welchen Gedankengängen das Werk inspiriert.

Garrone ist einer, der in seinen Werken stets in sattem Naturalismus schwelgt, der nicht selten in rauer Gewalttätigkeit mündet. Seine Macht-Parabel Dogman ist schwere Kost, alternativ dazu gelingt ihn mit seinen düster-vernebelten Interpretationen barocker italienischer Märchen (Das Märchen der Märchen) und Collodis Volksklassiker Pinocchio eine Abkehr von schmeichelnder Lieblichkeit hin zu einem blutig-bizarren Maskenball. Ich Capitano zögert an manchen Stellen auch nicht, deftig auszuteilen, was insbesondere die Darstellung der libyschen Gefangenschaft betrifft. Darüber hinaus aber könnte man Garrones Direktheit fast schon vermissen. Die Reise seines alttestamentarischen Auserwählten überwindet zwar allerhand Hürden, doch die helfende Hand von etwas übergeordnet Schamanistischem scheint den jungen Seydou voranzuschubsen. Knallharter Kinorealismus sucht man vergeblich, auch wenn sich alles und zumindest visuell so anfühlt, als wäre es das. Ich Capitano ist immer noch entrückt magisch, wie eine leicht verschobene, beinharte Realität, und es ist nie klar zu sagen, ob die metaphysischen Elemente des Films Garrones Universum tatsächlich durchdringen oder nur Träumereien sind.

Letztlich ist es kaum zu glauben, dass diese Odyssee wirklich gelingt. Als zu simpel stellt der Film manches dar, der Hang zur Romantisierung ist unverkennbar. Was aber nicht heisst, dass Ich Capitano nicht weiß, wie er sein Publikum packt. Die Fahrt übers Meer gestaltet sich als kakophonisches Chaos aus darbenden Menschen, denen Seydou den Segen bringt. So etwas in Szene zu setzen bedarf Können, und Garrone sind dahinsichtlich meisterhafte Momente wohlwollenden Pathos gelungen, der sich dadurch in Zaum hält, das Schicksal einer Eroberung Europas nicht auszuerzählen.

Ich Capitano (2023)