Argylle (2024)

COME ON, LET´S TWIST AGAIN!

6,5/10


Argylle© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: MATTHEW VAUGHN

DREHBUCH: JASON FUCHS

CAST: BRYCE DALLAS HOWARD, SAM ROCKWELL, HENRY CAVILL, BRYAN CRANSTON, CATHERINE O’HARA, SAMUEL L. JACKSON, JOHN CENA, ARIANA DEBOSE, DUA LIPA, SOFIA BOUTELLA, RICHARD E. GRANT, TOMIWA EDUN, STANLEY MORGAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Bryce Dallas Howard hat längst bei mir einen Stein im Brett. Das liegt wohl weniger daran, dass die Tochter des Regie-Veteranen Ron Howard in den letzten Jurassic World-Filmen allerhand Abenteuer überstehen hat müssen. Das liegt für mich als Star Wars-Fan der ersten Stunde wohl daran, dass die Dame verantwortlich zeichnet für die eine oder andere Episode des Mandalorian und sie somit ihre Liebe für das epische Franchise bewies. Weit weg von Science-Fiction und Dinosauriern, aber immer noch im Bereich unmöglicher Fiktion, darf Howard in Matthew Vaughns neuem Film, der hierzulande in Österreich nicht mal in den Kinos lief, zu einer Art Joanne K. Rowling des Spionageromans werden – zu einer freundlichen, etwas biederen, aber ideenreichen Autorin namens Elly Conway, die gerne Lesungen gibt und einen Roman nach dem anderen zum Bestseller werden lässt. Argylle nennt sich ihr Superagent, im monochrom-futuristischen Zweiteiler und mit einem Bürstenhaarschnitt, der an die Frisuren der Achtziger gemahnt. In diese dankbare Rolle schlüpft Henry Cavill, diesmal glattrasiert und mit Sinn für Humor und Selbstironie. Ihm zur Seite steht einer wie John Cena im Hawaiihemd – beide erleben ein Abenteuer, das tatsächlichen Ereignissen frappant ähnelt. Was zur Folge hat, dass eine Geheimorganisation namens Division, angeführt von „Walter White“ Bryan Cranston, hinter ihr her ist. Oder besser gesagt, hinter Agent Aidan Wilde, gespielt von Sam Rockwell, der zu wissen glaubt, warum Conways Geschichten so authentisch klingen. Seine Aufgabe ist es nun, die Autorin, die nicht weiß, wie ihr geschieht, vor den Zugriffen der sinistren Bande zu schützen.

Man weiß, wie Agentenfilme ablaufen. Alle Klischees, Versatzstücke und Stereotypen sind seit James Bond, der Dr. No gejagt hat, hinreichend bekannt. Und parodiert wurde das Ganze auch schon. Ob Mike Myers grenzdebile Austin Powers-Reihe, Rowan Atkinson als Johnny English oder Jean Dujardin Als Agent 0SS 117 – im Grunde wäre alles schon gesagt, alles durch den Kakao gezogen und alle Plot-Holes bereits verlacht: Matthew Vaughn legt zwar nicht unbedingt eins drauf, und erfindet das Rad auch nicht neu, parodiert aber in erster Linie jenes Must Have des Genres, das als Plot-Twist die Handlungen in neue Richtungen lenkt. Statt Vaughn selbst hat Jason Fuchs das Drehbuch verfasst, dieses wiederum beruht auf einem Roman, dessen Pseudonym tatsächlich Elly Conway lautet – der Verdacht, Taylor Swift hätte das ganze geschrieben, löste sich aber bald in Luft auf. Mit diesem Stoff, so Vaughn, könnte man den Agentenfilm in neue Dimensionen befördern. In Wahrheit aber ist Argylle vor allem eins: ein Twist-Gewitter ohne Rücksicht auf Verluste oder gar inhaltlicher Notwendigkeiten, die zu diesen Wendungen führen. Das macht aber nichts, in Filmen wie Argylle muss nicht alles hinterfragt werden, denn zum Glück nimmt weder das ganze Start-Ensemble des Films als auch Matthew Vaughn auch nur im Entferntesten die Sache ernst. Ob es Apple dabei genauso geht, in Anbetracht des mageren Einspielergebnisses an den Kinokassen? Dies mag der Grund dafür sein, dass der Konzern den Film in manchen Ländern gleich direkt streamen lassen wird. Ob es Fortsetzungen geben wird? Auch das ist fraglich.

Dem Unterhaltungswert der turbulenten Actionkomödie, die im Universum von den Kingsmen angesiedelt ist und im Minutentakt die Karten neu mischt, tut das eigentlich keinen Abbruch. Argylle ist pures, knallbuntes Zickzack-Entertainment ohne Tiefgang, dafür aber rasant, kurzweilig und so heillos übertrieben, dass es manchmal richtig weh tut. Als PR-Vehikel für den unlängst ausgegrabenen Beatles Song Now and Then könnte die eigentliche Legitimität des Films beinhalten – und zugegeben, die Einarbeitung in den Score gelingt. Katzenliebhaber kommen ebenfalls auf ihre Kosten, denn Elly Conways Stubentiger, halb animiert, halb Live-Act, ist stets mit dabei. Der Rucksack mit dem Bullauge, in dem das Haustier herumgetragen wird, hat das Zeug zum Kult-Accessoire.

Argylle (2024)

Land of Bad (2024)

NICHT OHNE MEINE DROHNE

4/10


land-of-bad© 2024 capelight pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: WILLIAM EUBANK

DREHBUCH: DAVID FRIGERIO, WILLIAM EUBANK

CAST: RUSSELL CROWE, LIAM HEMSWORTH, MILO VENTIMIGLIA, LUKE HEMSWORTH, RICKY WHITTLE, DANIEL MACPHERSON, CHIKA IKOGWE, LINCOLN LEWIS, GUNNER WRIGHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Das war noch was, als der unzerstörbare Chuck Norris gemeinsam mit Lee Marvin im pyrotechnisch versierten Achtziger-Jahre Actiontrash Delta Force den Bösen so richtig einheizen konnte. Den Videotheken wurden zu dieser Zeit regelrecht die Türen eingerannt, Action von damals mit den ganzen späteren Expendables-Haudegen auf bis zur Unkenntlichkeit abgespulten Kassetten, deren mangelnde Qualität aber nicht die Freude nahm, exklusives Material, das sonst keiner auf den beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehkanälen sah, bei Dosenbier und Chips und ohne viel Hirnaktivität sichten zu können. Solche Action gibt es heutzutage nicht mehr. Und das ist gut, denn die Zeit des naiven Hurra-Patriotismus und moralbefreiter Rundumschläge ist vorbei. Die Delta Force-Spezialeinheit ist es nicht, sie treibt sich immer noch im Dschungel herum, doch diesmal ist es nicht Chuck Norris, der wortkarg das Feuer eröffnet und maximal eine Schramme davonträgt. Diesmal ist es der zukünftige „Witcher“ Liam Hemsworth, Bruder des deutlich heller im Rampenlicht stehenden Chris Hemsworth, der mit Tyler Rake sein eigenes Franchise gefunden hat. Als einer, der je nach Auftrag zu Unrecht kasernierte Leute raushaut, weiß er sich auf Netflix formschön in Szene zu setzen. Diese Filme geben, was die Beanspruchung der Physis betrifft, einiges her, doch wie sieht es mit Land of Bad aus? Kann Liam seinem Bruder das Wasser reichen?

Diese reuelose, unordentlich aufgeräumte Ära des Krawall-Genres könnte mit Land of Bad eine ins neue Jahrtausend katapultierte Entsprechung gefunden haben, denn sieht man mal vom Auftritt Russel Crowes als Drohnen-Pilot im geschmacklos bunten Hawaiihemd ab, wecken der Dschungel und die darin befindlichen Spezialisten, die eben als Delta Force Team genau das machen sollen, was Chris Hemsworth schon gemacht hat: nämlich Leute raushauen, nostalgische Gefühle. In diesem Fall muss die knallharte Charge auf den Philippinen einen CIA-Agenten aus den Fängen der Terrormiliz Abu Sayyaf befreien. Unter diesen bis an die Zähne bewaffneten, kernigen Stereotypen, die mit routinierter Lässigkeit den Elite-Tiger raushängen lassen und jede Sekunde eigentlich damit rechnen müssten, dem Killerinstinkt eines Predator zum Opfer zu fallen, mischt auch noch ein dritter Hemsworth-Sprössling mit: Es ist Luke, seines Zeichens farblos und generisch wie alle anderen, die alsbald schon mit einem Hinterhalt rechnen müssen, der fast die ganze Einheit dezimiert – bis auf Liam nämlich, der sich glücklich schätzen kann, Russel Crowe an der Hand zu wissen, der mit seiner raketenbestückten Drohne weit weg vom Geschehen fürs Reinemachen sorgt und das große Ganze im Überblick behält. Als ungleiches Gespann ackern sich die beiden also durch den Dschungel respektive über den Bildschirm. Die bösen Philippinos beißen ins Gras, vieles explodiert, Liam braucht bald dringend einen Arzt.

Land of Bad ist der weitaus zeitgemäßere Titel statt Delta Force 4 (denn drei Teile gibt es schon), unter Land of Bad könnte man auch einen düsteren Politthriller vermuten, doch so weit würde ich nicht gehen. William Eubank, dessen Geniestreich The Signal schon einige Jährchen zurückliegt, setzt, ohne eine eigene Handschrift auszuarbeiten, nach Kristen Stewarts Tauchgang Underwater auf die sichere Bank eines Actionfilms und meint dann doch, mit Charakterkopf und Oscarpreisträger Russel Crowe seiner Arbeit ein gewisses Alleinstellungsmerkmal angedeihen zu lassen. Da ist natürlich was dran, und das Zusammenspiel von zwei Männern, die zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten ums Überleben kämpfen, hat Potenzial, auch wenn Eubank genau dieses in seiner Entfaltung immer wieder selbst unterwandert, indem er das Konzept eines konzentrierten Handlungsfadens durch das Mitmischen lästiger Faktoren verwässert und Liam Hemsworth wohl nicht zutraut, mehr zu empfinden als nur Schmerz. Das hat zur Folge, dass die Action zwar sitzt und einige State of the Art-Zuckerl in die tropenfeuchte Botanik geworfen werden – griffige Figuren bleiben aber Mangelware und sind verantwortlich für ein gewisses Déjà-vu-Gefühl.

Alles schon mal so gesehen? Ja natürlich, und noch dazu weitaus einprägsamer. Russel Crowe bleibt als gemütlicher Joystick-Zampano unter dem Radar, und nimmt man sich einen ganz anderen Film mit dieser Thematik zu Brust – in diesem Falle Eye in the Sky – lässt sich erkennen, um wie viel mehr Flächenbrand Gavin Hoods hochspannender Drohnenthriller entfacht als dieser hier. Man muss aber berücksichtigen: Der eine ist ein moderner Kriegsfilm mit Tiefgang, der andere hegt als Dschungel-Action keinerlei Anspruch auf Mehr.

Land of Bad (2024)

Abigail (2024)

UNGEHEUER IM GEMÄUER

7/10


abigail© 2024 Universal Studios


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: MATT BETTINELLI-OLPIN & TYLER GILLETT

DREHBUCH: GUY BUSICK, STEPHEN SHIELDS

CAST: ALISHA WEIR, MELISSA BARRERA, DAN STEVENS, KATHRYN NEWTON, KEVIN DURAND, ANGUS CLOUD, WILLIAM CATLETT, GIANCARLO ESPOSITO, MATTHEW GOODE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Eine Handvoll Krimineller, deren Ableben aus moralischer Sicht vertretbar wäre, in irgendeine Immobilie zu stecken und zusehen, was passiert: ein gern gesehenes Narrativ Im Thriller- und Horrorgenre. Und obwohl dieses Konzept schon so abgedroschen wirkt, ist der Clinch mit dem einschätzbaren Aggressor immer wieder so genussvoll wie eine Tüte Chips, denn auch da weiß man, was drin ist: Fett und Salz machen den Unterschied. Blut und Suspense den anderen. Der höchst erfolgreiche Knüller Don’t Breathe hat es bewiesen: Ein paar windschiefe Typen laufen einem blinden, alten Kriegsveteranen mitten ins Messer. Verdient haben diese das grausige Ableben nicht, doch allein wie sie sich anstellen, um Opa Herr zu werden, verdient eine Abreibung. Ähnlich draufgängerisch gebärdet sich in Abigail eine Bande Kidnapper, die für satte Millionen gerne mal ein unschuldiges Kind entführen, das einfach nur vom Ballett-Training nachhause will, um einen anstrengenden Tag in Ruhe ausklingen zu lassen. Doch nichts da: Die Entführung ist von langer Hand geplant, die Kleine betäubt, eingesackt und abgeliefert. Auftraggeber ist der undurchsichtige Lambert (Giancarlo Esposito), der das sechsköpfige Team nach eigentlich getaner Arbeit noch zum Babysitten verdonnert, und zwar die nächsten vierundzwanzig Stunden, denn dann winkt der große Reibach. Kann nicht schwierig werden, denkt sich die Bande – und wird dann schon bald eines Besseren belehrt. Denn Abigail – das kennen wir schon aus dem Trailer – ist alles andere als ein schüchternes, ängstliches, wimmernden Mädchen. Sie ist ein Vampir und zeigt alsbald Zähne, die zielsicher in den Hälsen so mancher menschlicher Individuen landen, die zur falschen Zeit am falschen Ort aufschlagen. Die Kacke ist am Dampfen, der Körpersaft am Spritzen: Es geht um Leben, Tod und ewiges Leben – je nachdem, auf welche Seite man sich schlägt. Die einen haben es mehr verdient, die anderen weniger. Die Erwartungen der Zuseher werden dabei keineswegs untergraben. Denn Gott behüte – man könnte Gewohntes ja konterkarieren.

Diese Vorhersehbarkeit, die fast genauso wehtut wie den spitzen Zahn zu fühlen, ist der einzige Schwachpunkt in diesem lustvollen Survival-Horror frei nach Agatha Christies Abzählreim-Roman. Dass nicht alle in diesem Sechs-Gänge-Menü für blutleckende Untote in zynischem Eigennutz agieren, ist sofort klar – und genauso klar ist, ob, und wenn ja, wer von den Eingesperrten letztlich überleben wird. Das nimmt Abigail dann doch etwas die Überraschung, doch man kann darüber hinwegsehen, genauso wie über konfuses Zeitverständnis und die Länge eines Tages oder einer Nacht. Wie es das Drehbuch benötigt, wird die Zeit zum lästigen Anhängsel, dem man am liebsten einen Pflock ins Herz treiben möchte. Die Uhren laufen anders in diesem Gemäuer, das sich, sobald der Spaß beginnt, hermetisch von der Außenwelt abriegelt. Dabei flitzt Abigail wie ein von der Tarantel gestochenes kleines Ungeheuer die Stufen rauf, die Stufen runter, dreht zwischendurch ein paar Pirouetten und hat ihre kindliche Freude daran, ihre Opfer vorzuführen.

Das Regieduo Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, verantwortlich für das etwas aus den Fugen geratene Hochzeitsbankett Ready or Not, zu welchem gerade die Braut herself auf Teufel komm raus von der Sippe des Bräutigams durch deren Anwesen gejagt wird, variieren ihren augenzwinkernden Splatter-Thriller aus dem Jahre 2019 wenn man es genau nimmt nur ein bisschen. Anderen Filmemachern könnte man vorwerfen, sich selbst zu kopieren – bei diesen beiden hier könnte man in Versuchung geraten, more of the same sehen zu wollen. Denn das, genau das, können Bettinelli-Olpin und Gillett richtig gut. Sowohl Ready Or Not als auch Abigail sind weniger Horror als viel mehr rasante Actionfilme, die mit dem Genre des Phantastischen kokettieren. So, wie sie Lebende und Untote von der Leine lassen, damit sie sich gegenseitig zerfleischen, macht formelhaftes Escape-House-Thrillerkino richtig Spaß. Eine bodenständige Energie entlädt sich – und ich denke, seit Buffy und Angel hat man Vampire nicht mehr so kämpfen sehen, schon gar nicht jemanden wie Alisha Weir (eben auch in Kleine schmutzige Briefe zu sehen), die im Ausleben ihrer anarchischen Rolle ein Engagement an den Tag legt, welches das ganze Ensemble mitreisst. Dan Stevens und Kevin Durand fluchen und rennen um die Wette, am Ende dreht sich das Spiel wie im Roulette, und die Frage, wer die Farbe des Todes und die des Blutes trägt, bleibt gelegentlich offen. Diese Verve der akrobatischen und fein getricksten Actionszenen machen Abigail zum Hingucker, das Blutbad wird zur selbstironischen Übertreibung wie schon bei Ready or Not und lässt das Treiben im Titty Twister aus From Tusk Till Dawn manchesmal anämisch aussehen. Am Ende könnte man seine Liebe zu den Vampiren neu entdecken, zum Glück haben diese gleich zehnfach doppelt so viele spitze Zähne wie Twilight-Vampire keine haben. Nebenbei bemerkt ein Unding, dass ich diesem Franchise nie verzeihen werde.

Abigail (2024)

Monkey Man (2024)

VOM WILDEN AFFEN GEBISSEN

7/10


monkeyman© 2024 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DEV PATEL

DREHBUCH: DEV PATEL, PAUL ANGUNAWELA, JOHN COLLEE

CAST: DEV PATEL, SHARLTO COPLEY, PITOBASH, VIPIN SHARMA, SIKANDAR KHER, MAKARAND DESHPANDE, ASHWINI KALSEKAR, SOBHITA DHULIPALA, VIJAY KUMAR, ADITHI KALKUNTE U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Er fühlt sich an wie ein Bollywood-Actioner, ist es aber nicht. Monkey Man von und mit Dev Patel verortet sich zwar irgendwo in einer fiktiven indischen Megacity, genannt Yatana, trägt die Versatzstücke für einen Bollywood-Overkill aber, wie ihn moderne Subkontinent-Klassiker wie RRR bereits entfesselt haben, nicht wie einen Bauchladen vor sich her. Denn Dev Patel will nur eines: Dass sein Actionfilm sich selbst genügt und zu einer respektvollen und nicht verlachbaren Verbeugung vor jenen Mythen wird, mit denen er womöglich großgeworden ist. Und so taucht Monkey Man tief in die hinduistische Götterwelt ein, ohne Götter von irgendwo her aus ihren Parallelwelten zu rekrutieren. Diese bleiben Legenden, ohne sie vorführen zu müssen. All das, all diese Geschichten, nähren den Überlebenswillen des Monkey Man im Kopf. Mit dieser Motivation und jener, die er aus dem entsetzlichen Schmerz lukriert, den der gewaltsame Tod seiner geliebten Mutter mit sich gebracht hat, nimmt Dev Patel sein Schicksal und das vieler böser Jungs selbst in die Hand.

Was er entfacht, ist weitaus, dreckiger, blutiger und emotionaler, als es der stoische Keeanu Reeves mit dem Hang zur selbstironischen Übertreibung jemals angepeilt hätte. Bei John Wick sprechen die Projektilwaffen eine andere Sprache, nämlich die auf Distanz. Bei Monkey Man ist es der brachiale Nahkampf mit Fäusten, Scherben, Messern. Diese Nähe zum Gegner ist nicht nur Voraussetzung für intensive Martial Arts-Parcours, wie wir sie aus Gareth Evans‘ The Raid kennen, einem modernen Klassiker des asiatischen Metzelkinos, in welchem sich Uko Iwais durch ein ganzes Hochhaus schnetzelt. Diese Nähe zum Gegner entfesselt vor allem eine tiefgreifende, traumatisierte Sehnsucht: Die endgültige Konfrontation.

In diesem Willen und der manischen Pflicht, die Mörder seiner Mutter zu stellen, liegt die ganze Triebkraft von Dev Patels Film, der erstmals selbst Regie führt und gut daran getan hat, die Rolle des Kid gleichzeitig auch mit sich selbst zu besetzen. Auf diese Weise kann Patel die subjektive Idee seiner Figur ungefiltert ausleben und gestaltet diese zu einer Nemesis, die gut zu einer Underdog-Gesellschaft passen würde, die in der fiktiven DC-Metropole Gotham rund um Batman mit ihren eigenen Dämonen hadert.

In so einem Moloch verdingt sich Kid als affengesichtiger Prügelknabe bei illegalen Boxkämpfen. Stets muss er, so ist es mit seinem Auftraggeber Tiger (Sharlto Copley, die beiden kennen sich aus Chappie) vereinbart, auf die Matte gehen, ohne selbst zu gewinnen. Er tut dies, um erstens den eigenen Schmerz zu ersticken, und zweitens, um nebenher an einem Racheplan zu schmieden, der zum Ziel hat, den selbsternannten Guru Baba Shakti und seine rechte Hand, den Polizeichef Rana, welche die ganze Stadt unter ihre Kontrolle bringen wollen, hinzurichten. Dabei muss er sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Tellerwäscher zum gnadenlosen Rächer hocharbeiten, knüpft Beziehungen, manipuliert und unterwandert das verkorkste Etablissement des King’s Club, der als Umschlagplatz für Drogen, Geld und für sinistre Machenschaften der beiden genannten Antagonisten dient. Es ist ein langer, steiniger Weg bis zum Tag X, an welchem die beiden Unmenschen dran glauben sollen.

Welche Action Dev Patel dabei entfesselt, ist, als hätte nicht S. S. Rajamouli, sondern einer wie Danny Boyle einen Slumdog Millionaire zum Slumdog Avenger werden lassen. Schnelle Schnitte, entfesselte Kamera, getaucht in Neonlicht, in den fahlgelben Schein müder Straßenlaternen, in Staub, Schweiß und Dreck. Mit erstaunlichem Gespür für Timing und von jenen gelernt, unter deren Regie er bislang gestanden hat, behält Dev Patel die konzentrierte Mitte zwischen exotischer Opulenz, weihrauchstäbchengeschwängertem Mystizismus und der sichtbaren Überanstrengung menschlicher Körper, deren physisches Potenzial bis an die Grenzen geht. Das sichtbar Indische in diesem Film wird zur Energiequelle, auf welche sich der Monkey Man erst besinnen muss, darüber hinaus ist alles andere jedoch ein ort- und zeitloses Stück Actionkino mit Event-Charakter, in welchem die unstillbare Wut eines der Zukunft beraubten Kindes im Körper eines Erwachsenen zu brüllen anfängt. Als wildgewordener Affe, der gerne auch mal zubeißt, wenn sonst nichts zur Hand ist, bleibt Patel wenig zimperlich. Tendenziell so brutal wie The Raid, aber immer noch gefälliger, sterben die Bösen explizite Tode. Die Unkaputtbarkeit eines John Wick weicht eines verausgabten, keuchenden Hanuman. Dass das Schauspiel durchaus immersiv wird, liegt auch an einem ausgewogenen, pointierten Score von Jed Kurzel, der indische Rhythmen mit erdigem Synthie-Score verbindet, manchmal gar mit Radio-Klassikern daherkommt und die gewaltsamen Szenen stimmig konterkariert.

Diese Stimmung ist es auch, die ihr Level hält. Natürlich können geradlinige Rachegeschichten wie diese, die nicht auf der Klaviatur melancholischer, französischer Noir-Gangsterfilme spielen, sondern Gut und Böse klar auf simple Weise voneinander trennen, nur zu einem einzigen Ziel führen, um zu entladen, was sich im Laufe der Handlung alles aufgestaut hat. Das ist ein gängiges Konzept, kann aber, wie man sieht, angenehm anders variiert werden. Man muss den Anti-Helden in seiner alles entpriorisierenden Todessehnsucht nicht überhöhen, man kann ihn Mensch oder Tier sein lassen, niederen Instinkten folgend, ohne ihn auf angeberische Weise seinen Krawattenknoten richten zu lassen, nachdem der Bösewicht besiegt ist. Monkey Man macht das. Sein tragischer Affe ist alles andere als Bingo Bongo, er könnte ein mythischer Superheld sein. Mit Kräften, die aus sich selbst heraus entstehen.

Monkey Man (2024)

Madame Web (2024)

IM NETZ DER VORSEHUNG

5/10


madamwweb© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: S. J. CLARKSON

DREHBUCH: MATT SAZAMA, BURK SHARPLESS, CLAIRE PARKER, S. J. CLARKSON

CAST: DAKOTA JOHNSON, SYDNEY SWEENEY, CELESTE O‘ CONNOR, ISABELA MERCED, TAHAR RAHIM, ADAM SCOTT, EMMA ROBERTS, MIKE EPPS, JOSÉ MARIA YAZPIK, ZOSIA MAMET, JILL HENNESSY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Es pfeifen die Spatzen schon von den Dächern: Superheldenfilme sind in der Krise, der Hype ist abgeflaut, das Publikum hat alles schon gesehen und das wiederum mehrfach. Helden- und Heldinnengenesen lassen sich kaum mehr voneinander unterscheiden, die Antagonisten sind austauschbar. Das epochale Gewitter des Infinity-Krieges, qualitativer Höhepunkt des Genres, liegt lange zurück. Was danach kam, waren ambitionierte Spielereien in den Rauchschwaden längst abgeschossener Knüller-Raketen. Die lobenswerte und engagierte Grundidee, Marvel-Serien mit Filmen zu verbinden und so einen noch komplexeren roten Faden zu erschaffen, war ob des viel zu hohen Anspruchs leider ein Schuss in den Ofen. Ist man Fan genug, und zwar ein solcher, der sich alles antut, von Kinofilmen bis zur Streaming-Featurette, mag die Rechnung vielleicht aufgehen. Doch Leute wie diese sind nicht die breite Masse. Filme wie The Marvels, der eigentlich nur dann funktioniert, wenn man auch all den anderen Content kennt, können bei Gelegenheits-Kinobesuchern, die einen in sich geschlossenen Content konsumieren wollen, kaum punkten. Disneys Marvel steckt in einer Art Pensionsschock, denn die alte Riege hat ausgedient, die Luft ist draußen, umdenken ist angesagt.

Sony macht die Sache ganz anders. Sony hat das SSU, das Sony’s Spider-Man Universe und bringt originelle Animationsfilme ins Kino, die kein Vorwissen brauchen. Sonst muss sich das Studio eigentlich nur mit Venom herumschlagen, während sich der Junge aus der Nachbarschaft bei Marvel herumtreibt. Luft genug also, um Mauerblümchen wie Morbius oder gar Madame Web auf die Leinwand zu bringen. Madame Web? Wer ist das nun wieder? Gwen Stacy im weißen Spinnen-Overall? Irgendeine der vielen Alternativen aus dem Multiversum? Mitnichten. Diese Madame Web ist neu und gar nicht mal so auf Superheldin gebürstet wie sonst. Sie hat die Gabe, in die nahe Zukunft zu blicken. Und sonst? Das wäre alles. Doch zu wenig ist das prinzipiell mal nicht.

Cassandra Webb ist anfangs mal eine, die zwar nicht als Super-, aber als Alltagsheldin durchgeht: Sie ist Sanitäterin. Ihre Superkräfte liegen im sozial kompetenten Umgang mit Unfallopfern und Sterbenden, sie rettet Leben auf menschliche und nicht übermenschliche Weise. Cassandra wird urplötzlich von Déjà-vus heimgesucht, die, wenn sie eintreten, gar nicht als solche zu erkennen sind, sondern erst dann, wenn sich Szenen auf seltsame Weise wiederholen. Erst nach ein paar Anfangsschwierigkeiten schnallt sie die Lage: Sie kann vorab sehen, was in den nächsten Minuten passieren wird. Und noch ein bisschen später erkennt sie, dass das, was sie sieht, keinem Determinismus unterworfen, sondern veränderbar ist. Die nächstmögliche Zukunft ist das, was sie als Waffe in der Hand hat, um den finsteren und zugegeben recht eindimensional platzierten Superschurken Ezechiel Sims (Tahar Rahim) im schwarz-roten Spiderman-Kostüm in seine Schranken zu weisen. Der ist nämlich scharf auf drei Teenager, die ihn laut eines prophetischen Traums irgendwann einmal in die ewigen Jagdgründe verbannen werden. So folgt eines aufs andere und das Dreimäderlhaus, das sich hinten und vorne kaum auskennt, gerät unter die Obhut Madame Webs, die in dieser Origin-Story gar nicht mal so weit kommt, um ihre ganzen Asse auszuspielen. J. K. Clarkson inszeniert den Anfang von etwas, der womöglich nie kommen wird, weil Madame Web weit, weit hinter den finanziellen Erwartungen und einem ansehnlichen IMDB-Ranking zurückfällt.

Einen Flop par excellence hat sich Sony da eingetreten. Das tut weh. Weniger aber schmerzt der Film selbst, dem man eine gewisse konstruierte Belanglosgkeit schwer absprechen kann, der aber im Grunde das bisschen, was er zu bieten hat, nämlich weniger Superhelden-Action als vielmehr Teenager-Abenteuer mit phantastischen Tendenzen, solide verpackt. Ist Madame Web also eine Themenverfehlung? Sagen wir so: Der Film ist mehr Begleitwerk als zentrales Zugpferd für ein halbgares Franchise, das Sony einfach nicht so hinbekommen kann wie schon die längste Zeit Marvel Studios, das vieles ausprobiert hat, auch auf die Gefahr hin, zu versagen. Madame Web hat ein funktionierendes Ensemble auf der Habenseite, bestehend aus Sidney Sweeney, Isabel Merced, Celeste O’Connor (derzeit mit Ghostbusters: Frozen Empire im Kino) und natürlich Dakota Johnson, die ihre Arbeit ernst nimmt und mit dem, was ihr in die Hand gegeben wird, zufrieden scheint. Alle vier arbeiten im Teamwork, und sie stehen auch im Schulterschluss verhaltensauffälligen Szenen gegenüber, welche die Stimmungslage des Films auf irritierende Weise umstoßen.

Das kann man nachsehen. Und den Film trotz allem auf eine Weise genießen, wie man eskapistisches und anspruchsloses Effekte-Kino eben genießen kann, ohne viel zu hinterfragen. Das Superheldenkino wird es nicht weiterbringen oder gar retten. Dafür ist das Abenteuer zu kleinlaut.

Madame Web (2024)

Godzilla x Kong: The New Empire (2024)

ES RÜTTELN DIE TITANEN AM WATSCHENBAUM

6,5/10


godzillaxkong© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ADAM WINGARD

DREHBUCH: SIMON BARRETT, TERRY ROSSIO, JEREMY SLATER

CAST: REBECCA HALL, DAN STEVENS, BRIAN TYREE HENRY, KAYLEE HOTTLE, ALEX FERNS, FALA CHEN, RACHEL HOUSE, RON SMYCK, CHANTELLE JAMIESON U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Je mehr Episoden es gibt, und je weiter diese von Gareth Edwards Neuinterpretation der Riesenechse aus dem Jahr 2014 entfernt sind, umso weniger ist die Story, die hinter allem steht, noch von Bedeutung. Ein Fehler? Wie man es nimmt. Es kommt vor allem darauf an, unter welchen Beweggründen man für Godzilla x Kong: The New Empire die Lichtspielsäle heimsucht. Wohl weniger, um zu erfahren, wie es nach Godzilla vs. Kong weitergeht.

Den Plot haben viele schon vergessen. Die auf AppleTV+ veröffentlichte Serie Monarch: Legacy of Monsters siedelt zeitlich zwischen Gareth Edwards Reboot und dem Sequel Godzilla II: King of Monsters, ist also für diesen neuen Streifen relativ irrelevant, mit einer Ausnahme: Die Organisation namens MONARCH rückt dabei in den Fokus – quasi das S.H.I.E.L.D. des MonsterVerse, deren kluge Köpfe in früheren Zeiten schon zur logischen Schlussfolgerung gekommen waren, dass diese Titanen nicht aus heiterem Himmel auf diese alternative Erde gefallen sein konnten. Als Zuseher von der Hohlwelt zu wissen mag kein Fehler sein – in Wahrheit ist es aber völlig egal. Wer hier obendrein als menschlicher Charakter mitmischt, hat auch längst keinen Wiedererkennungswert mehr. Rebecca Hall, Brian Tyree Henry – hatten wir die schon mal? All die Beteiligten sind Platzhalter, nichtssagende Figuren in einem großen Spiel, die nur beobachten können, weil sie machtlos sind, wenn die wuchtigen Riesen Marke Elefant im Porzellanladen nicht mal vor Weltwundern Halt machen und alles in Schutt und Asche legen. Sie tun das auch, wenn sie nichts Böses wollen.

Godzilla x Kong: The New Empire können auch jene genießen, die sich noch überhaupt kein bisschen in die Materie hineingearbeitet haben, die einfach nur zugeklotzt werden wollen mit üppigen Effekten und so donnernden wie markerschütternd brüllenden Kreaturen aller Art, die in einer Welt leben, die aus Jurassic Park, Avatar und unserer eigenen Welt zusammenmontiert ist und als Hohlwelt im Inneren der Erde existiert. Es ist der feuchte Traum eines Jules Verne oder H. G. Wells, es ist das Shangri La aller Monsterfans, weil dort wüten kann, was immer man sich auch in den Kopf setzt, was dort wüten soll. Es ist Rudyard Kiplings Dschungelbuch in der XL-Dirty-Version und ein Planet der Affen für Gourmands, die sich ohne Lätzchen ans tischebiegende Buffet begeben, das alle Leckereien bietet, auf die man Lust hat.

Wenn Godzilla, quasi das fleischgewordene Ende der Nahrungskette unter den Titanen, wie ein Hund in seinem Körbchen im römischen Kolosseum sein Nickerchen macht, ist das fast schon eine ungeahnte Zärtlichkeit, eine feine Klinge. Wenn Kong, unter Zahnweh leidend, zum Onkel Doktor aus der Hohlwelt in unsere Hemisphäre krabbelt, um sich von „Ace Venture“-Verschnitt Dan Stevens einer Wurzelbehandlung zu unterziehen, könnte man vermuten, der gemütliche Alltag ist auf Terra eingekehrt, eine durch evolutionären Weltlauf müde gelaufene Koexistenz, bis die nächste Katastrophe heranwalzt. Und das tut sie auch.

Bühne frei für eine Affenbande, die sich aufführt wie die streitlustigste Gang im Wiener Problembezirk Favoriten, fiese Gesellen mit schiefen Visagen und psychopathischen Blicken, so groß wie Kong, aber doppelt aggressiv, angeführt vom hässlichen – weil Boshaftigkeit muss sich in Hollywood immer auch äußerlich niederschlagen – Scar, der als schlaksiger Orang-Utan dem in der Hohlerde indigenen Volk der Iwi ordentlich mit dem Damoklesschwert droht. Die senden wiederum ein SOS an die Oberfläche – eben dort, wo Godzilla seine Schläfchen macht. So müssen die Echse und Kong gemeinsame Sachen machen, um diese aufmüpfigen Rabauken die Ohren langzuziehen, haben diese doch auch eine legendäre Kreatur im Schlepptau, die Scar gehorcht. Seit dem letzten Teil wissen wir noch (oder wir wissen es nicht mehr): Die Echse und der Affe sind nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen und dulden sich nur, wenn jeder seiner Wege geht. Noch ein Faktor, der Krawall verspricht.

Zum waschechten Guilty Pleasure wird Godzilla x Kong: The New Empire immer dann, wenn auch noch andere Titanen mitmischen – schuppiges Gewürm, tollwütige Riesenwölfe oder Giga-Seespinnen, die sich in der Tür geirrt haben. Tricktechnisch pulvern diverse Effektfirmen, allen voran Weta FX, den neuesten Stand der Zunft auf die Leinwand, somit wird Adam Wingards Biomasse-Gewitter zum fotorealistischen Animationsfilm, in welchem all die Menschlein, und sind sie auch noch so wiff im Denken und Handeln, gnadenlos erblassen. Mit ihnen geht auch der arg konstruierte Plot in die Defensive. Warum in Gottes Namen eine neu entdeckte Welt wie diese nicht sowieso schon längst jeden noch so ehrgeizigen Forscher auf den Plan gerufen hat, widerspricht auf obszöne Weise der Neugier des Menschen. Und ob die stämmige Echse mit Hang für allerlei Radioaktives nun Tausende Menschen in den Tod befördert, bleibt ein unbeachtetes Detail am Rande, weil Godzilla seit jeher die kataklysmische Katastrophe verkörpert, die unsere Spezies zu Ameisen degradiert.

Godzilla x Kong: The New Empire (2024)

Lohn der Angst (2024)

LASTERHAFTE WÜSTENSAFARI

1,5/10


lohnderangst2© 2024 Netflix Inc.


ORIGINALTITEL: LE SALAIRE DE LA PEUR

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: JULIEN LECLERCQ

DREHBUCH: HAMID HLIOUA, NACH DEN SKRIPT VON GEORGES ANAUD

CAST: FRANCK GASTAMBIDE, ALBAN LENOIR, ANA GIRARDOT, SOFIANE ZERMANI, BAKARY DIOMBERA, ASTRID WHETTNALL, ALKA MATEWA, SARAH AFCHAIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Lohn der Angst könnte man angesichts dieser filmischen Arbeit auch ganz anders interpretieren: Lohnt es sich denn, trotz Furcht vor einer bereits in den ersten Filmminuten auf Verdacht prognostizierten Niete weiter dranzubleiben? Ähnliches denke ich mir, als Julien Leclercqs Verwurstung eines fast schon selbstfahrenden Action-Plots, weil so absurd und radikal, über den Flachbildschirm flimmert. Zu sehen sind knochenharte Französinnen und Franzosen, die Nerven wie Stahlseile besitzen und, verfolgt von hasserfüllten Abziehbild-Terroristen, wie man sie in Wüstengegenden Nordafrikas oder dem Nahen Osten eben anzutreffen glaubt, um ihr Leben brettern, das ihnen selbst wohl wenig wert zu sein scheint, da sie so tun, als wären sie Dolph Lundgren, Jean-Claude van Damme oder Arnold Schwarzenegger. Als wären sie Sly Stallone mit seiner Entourage an Söldnern aus der Expendables-Reihe, die nichts zu fürchten brauchen, außer, dass ihnen vielleicht der Himmel auf den Kopf fallen könnte, wären sie denn gläubig.

Wie mit Charakteren mitfiebern, die selbst nicht fiebern, und dass trotz eines ihnen auferlegten Himmelfahrtskommandos? Mal sehen, was aus ihnen wird, im Laufe der Handlung. B-Film-Schauspieler Franck Gastambide gibt einen Möchtegern-Jason Statham, dem, so wird behauptet, viel daran liegt, die Familie seines Bruders und auch den Bruder selbst in Sicherheit zu bringen. Letzterer, Sprengstoffexperte außer Dienst, sitzt wegen der Geldgier des anderen im Knast. Für einen Spezialauftrag winkt dem zum Handkuss gekommenen Bruder völlige Straffreiheit plus das nötige Kleingeld, um woanders neu anzufangen. Natürlich, als stoische harte Socken, wie sie alle sind, und die nichts und niemand mehr erschüttern kann, machen alle mit. Auch Ana Girardot (nicht verwandt mit Annie Girardot) als die Verkörperung weiblicher Härte mit Lust auf Entspannungssex ohne Bedeutung, die gleich zu Beginn des Films mal zeigt, wie der Hase rammelt, ist mit von der Partie. Sie müssen – das wissen wir aus Henri Clouzots Klassiker und William Friedkins Remake aus den Siebzigern – kiloweise Nitroglyzerin über unwegsames Gelände rund 800 Kilometer an ihren Zielort bringen, um eine brennende Ölquelle zum Versiegen zu bringen, die, würde sie weiter lodern, ein ganzes von Flüchtlingen besiedeltes Areal in den Untergang reißen wird. Sie haben dafür zwanzig Stunden Zeit, und die bösen Terroristen sitzen ihnen im Nacken, die gleichzeitig auch die Exekutive eines x-beliebigen Klischee-Militärstaates verkörpern.

Als ob die Eindämmung der Katastrophe nicht auch im Interesse der Schurken wäre, doch solcherlei zu hinterfragen, davor hütet sich Leclercq genauso wie vor dem menschlichen Drama, welches der eigentliche Katalysator, der feurige Antrieb für einen Actionthriller wie diesen sein sollte. Lohn der Angst führt sich selbst ad absurdum, weil es all die Laufzeit lang darauf verzichtet, seine Helden Angst empfinden zu lassen. Abgesehen davon, dass das schauspielerische Engagement gerade mal für einen soliden B-Movie-Reißer reicht, dessen Macher nur wollen, dass innerhalb des prognostizierten Zeitfensters alles im Kasten ist, was im Kasten sein muss, um keine Unkosten zu haben, ist das Trio viel zu abgebrüht und hartgesotten, um auch nur eine Sekunde lang nicht imstande zu sein, diese hochexplosiven Flüssigkeiten auch im Knight Rider-Boost völlig problemlos an ihren Zielort zu bringen. Die Steine, die Leclercq ihnen in den Weg streut, sind lediglich Kieselsteine, die vielleicht im Schuh drücken – mehr nicht. Wie wenig man die Spannungsschraube anziehen, wie lustlos die Fahrt über holpriges Gelände gestaltet werden kann, auf welchem es nicht mal eine Hängebrücke gibt, die in Friedkins Version ein szenisches Highlight darstellt, zeigt dieser Fehlversuch einer Neuinterpretierung, deren Gefahrenguttransport sich so packend gestaltet, als wäre man auf einer frisch asphaltierten Autobahn unterwegs, und nur die statistische Wahrscheinlichkeit eines Auffahrunfalls verursacht die notwendigen Schweißperlen auf der Stirn.

Lohn der Angst (2024)

Ghostbusters: Frozen Empire (2024)

ZEIT-GEISTER, DIE MAN NICHT LOSWIRD

4,5/10


ghostbustersfrozenempire© 2024 Sony Pictures 


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: GIL KENAN

DREHBUCH: GIL KENAN, JASON REITMAN

CAST: PAUL RUDD, CARRIE COON, MCKENNA GRACE, FINN WOLFHARD, KUMAIL NANJIANI, DAN AYKROYD, ERNIE HUDSON, BILL MURRAY, PATTON OSWALT, CELESTE O’CONNOR, ANNIE POTTS, LOGAN KIM, WILLIAM ATHERTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN 


Könnte es sein, dass das Ghostbusters-Franchise aus was für Gründen auch immer einfach nicht mehr in die Zeit passt? Dass Ghostbusters als Kind der Achtziger-Jahre einen Triumph feiern konnte, lag vor allem auch daran, mit seinen Special Effects am Zenit des Machbaren gestanden zu haben; es lag auch daran, dass Komiker der alten Schule, Blues Brother Dan Aykroyd und Bill Murray als einer, der sich sowieso nie an irgendetwas gehalten hat und mit seinen Improvisationen den Filmen auch seinen Stempel aufdrückte, in der Blüte ihres Erfolges standen. Es lag auch daran, dass Komödienspezialist Ivan Reitman einfach ein Gespür dafür hatte, wie ein Franchise wie dieses entstehen hätte können und was es in den Filmen gebraucht hat, um eine Balance zwischen bunten Budenzauber, Gänsehaut-Mystery und herzlichem Teamwork zu finden. Mehrere Jahrzehnte später sind Reitmans Sohn Jason und Co-Autor sowie Regisseur Gil Kenan an einem Punkt angelangt, an dem es so wirkt, als sei das Geisterjäger-Universum auf unheilsame Weise vom Fanservice besessen. Ghostbusters: Frozen Empire ist, und da muss man dem Spuk ins Auge sehen, wohl der schwächste Teil der Reihe. Er ist sogar noch schwächer als die Mädels-Crew von Paul Feig, die zumindest versucht hatten, die Bekämpfung des Paranormalen mit Frauenpower neu aufzuziehen.

Doch der Versuch, Ghostbusters in einem anderen Kontext zu betrachten, hat nichts bewirkt. Der Film wurde ein Flop, also alles nochmal von vorne, und zwar mit der Aufgabe, das Narrativ der Achtziger keinesfalls zu verändern. Mit Ghostbusters: Legacy hat das ganz gut funktioniert. Hier gab’s so gut wie alles, was wir auch im Original zu sehen bekamen. Die Next Generation durfte den Ungeheuern des Gottes Gozer nochmal ihre Protonen-Blitze entgegenschleudern, am Ende kamen gar – wir waren den Tränen nahe – die alte Riege in einem fast schon verschenkten Cameo zum Einsatz, ohne viel zum Plot beizutragen. Das hatte gereicht, um Jason Reitmans Neustart eine Chance zu geben. Nur: hat er diese genutzt? Hat er frischen Wind ins New York der 2020er-Jahre wehen lassen – in einer Stadt, die bereits vom Marshmallow Man und dann von einer wandelnden Freiheitsstatue heimgesucht wurde? Leider nein. Was hier weht, ist die abgestandene Luft einer ausgedienten Filmhistorie, die nach bewährtem Muster Bewährtes auf eine generische Zivilbevölkerung loslässt, die alles schon gesehen und erlebt zu haben scheint, die mit Geistern als Alltagsbürde ihren Frieden geschlossen hat, da machen selbst zu Eis erstarrte Straßenzüge keinen Eindruck.

Wir haben nun im fünften Film ein diverses, viel zu großes Team an Geisterjägern und Möchtegern-Nerds fürs Paranormale. Alte, neue und welche dazwischen. Es gibt einen Dämon, der zugegeben sehr geschmackvoll aussieht und entsprechend glücklich animiert ist. Es gibt die Finsternis über dem Big Apple und statt eines Schlüsselmeister einen Feuerwächter, dargestellt vom Comedian Kumal Nanjiani, der den gelangweilten Bill Murray an die Wand spielt und fast schon im Alleingang versucht, eine gewisse kindliche Neugier ins Spiel zu bringen. Gesellschaft leistet ihm Dan Aykroyd, dem die leidenschaftliche Begeisterung für sein ersonnenes Franchise in jeder Szene, in der er auftritt, ins Gesicht geschrieben steht. Die beiden rocken den Laden, und alle anderen – derer sind es zu viele – bleiben auf ihren Plätzen, zitieren sich selbst oder ergehen sich in einer unausgegorenen Patchwork-Familienproblematik, die man eben aussitzt, in Erwartung einer komplexen Apokalypse, die durch verrückte Improvisationen gerade nochmal vereitelt werden wird.

Gerade jenen Aspekt, der die Ghostbusters eigentlich ausmacht, lassen Reitman und Kenan außen vor: den kreativen Gig, Himmelfahrtskommando brüllende Bad Batch-Wagnisse, um das Übernatürliche auszuforschen und abzuwehren. Was bleibt, ist Altbewährtes, verdrängt durch Zwischenmenschliches, das nichts mit Geistern zu tun hat, und die Belastung durch horrende Logiklöcher, die als Wendepunkte im Drehbuch fungieren müssen, um die Story überhaupt voranzubringen. Wenn sich an ihnen alles andere aufhängt, gerät Ghostbusters: Frozen Empire in eine von allen guten Geistern verlassene Schräglage, die überdeutlich macht, wie sehr sich Reitman und Kenan von den Vorbildern knebeln haben lassen, und welche Agenden sie unbedingt durchbringen mussten, um den Studios den dank vieler Analysen prognostizierten Erfolg zu bescheren.

Die Geister sind müde geworden, die alten Geisterjäger (bis auf Aykroyd) ebenso, die Jungen haben nicht mehr den Pioniergeist wie die alten und schlagen sich mit Generation Z-Problemen herum, die den Kult-Spuk verwässern. Doch spätestens am Ende, wenn Ray Parker Jr. wieder ertönt und Ecto-1 wieder um die Ecke kurvt, während die jaulende Sirene ertönt, wird das Fanservice dann doch nochmal dankend angenommen, ganz so wie der zugesteckte Zwanziger von Oma, wenn man zu Besuch war. Im Grunde aber reicht Parkers One-Hit-Wonder auf Youtube, um genauso erfüllt zu sein wie nach zwei Stunden Dacapo-Budenzauber im Kino.

Ghostbusters: Frozen Empire (2024)

Damsel (2024)

DRACHENZÄHMEN ZU LEICHT GEMACHT

4/10


damsel© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JUAN CARLOS FRESNADILLO

DREHBUCH: DAN MAZEAU

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, SHOHREH AGHDASHLOO, RAY WINSTONE, ANGELA BASSETT, NICK ROBINSON, ROBIN WRIGHT, MILO TWOMEY, BROOKE CARTER, NICOLE JOSEPH, ULLI ACKERMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Der gute alte Nibelungen-Recke Siegfried soll dem Drachen Fafnir sein Schwert Gram – wahrscheinlich rücklings liegend, während die Bestie über ihn kam – ins Herz gestochen haben. So geht Drachentöten, meint die Legende. Als Dank dafür konnte der Muskelberg im unverwundbar machenden Blut des Drachen baden. An dieser Stelle sei vermerkt: Doofes Lindenblatt. Denn oft sind es Kleinigkeiten wie diese, die einen Rattenschwanz an Problemen nach sich ziehen. Als sprichwörtliches Lindenblatt lässt sich auch das Skript zum verheißungsvollen Fantasy-Event Damsel bezeichnen. Es klebt feuchtnass auf den Schultern einer beeindruckend ehrgeizigen Milly Bobby-Brown, der vermutlich von Anfang an klar war, dass der Plot wenig taugt, sie aber nicht verantwortlich dafür sein mochte, an den Mängeln des Filmes beigetragen zu haben.

Trotz Lindenblatt bietet die Stranger Things-Ikone eine ganze Bandbreite an schmerzgeplagten Lauten, angefangen vom verzweifelt-überraschten Kreischen nach dem Plumpsen in die Grube bis hin zum Zähnezusammenbeissen bei Brandwunden zweiten Grades, denn das Feuer des Drachen ist heiß wie eine Esse. Alles schmilzt unter dieser Intensität, da hat Prinzessin Elodie noch einmal Glück gehabt. Dieses Glück, das wird sie immer wieder haben, direkt lästig wird die Gunst des Schicksals, man möchte es loswerden, und vielleicht will Bobby Brown genau das: Nicht immer den Vorteil genießen, sondern auch mal mit dem Nachteil leben. Studios wie Netflix und überhaupt das kapitalistische Hollywood packt die panische Angst dabei, ihr Publikum zu überraschen. Man weiß schließlich nicht, wie es darauf reagieren würde, wären die Erwartungen mal konterkariert. In Damsel – die Bezeichnung für ein zart besaitetes Fräulein – weiß Prinzessin Elodie zumindest, wie man eine Axt schwingt. Sie ist also eine von jenen Jung-Adeligen, die nicht mehr dem Hofzeremoniell folgen, sondern ihren eigenen Kopf durchsetzen möchten. Elodie hat Muckis und Schneid, das sind schon mal gute Voraussetzungen, um einer Verheiratung mit einem weitaus wohlhabenderen Herrscherhaus zuzustimmen, ohne die Befürchtung haben zu müssen, sich vom Patriarchat im Folgenden unterworfen zu sehen.

Selbst nach den ersten Minuten des Films müssten andere bereits die Lunte riechen, die hier entzündet wurde: Warum nur sollte sich ein Königreich, das alles hat, mit einem anderen zusammentun, dass außer einer Braut nichts bietet? Den Argwohn allerdings lassen alle außen vor, und es verwundert nicht mal, wenn der Prinzgemahl ganz offensichtlich zum Polygamisten neigt. Irritierende Prämissen für einen Film, an dem erstaunlich viele Kompromisse die Runde machen, die einen auf allen Kanälen herausposaunten, knackigen Survivaltrip so sehr aufweichen, dass selbst Chantal im Märchenland einem Drachen die Leviten lesen hätte können. Und vielleicht tut sie das auch, im besagten Film – wissen werde ich es nie, da das Fack Ju Göthe Spin-Off nicht auf meiner Watchlist steht. Da war mir Damsel schon lieber, allein deswegen, weil ich an Filmen, von denen ich weiß, es sind Drachen mit im Spiel, einfach nicht vorbeigehen kann. Und zugegeben: Dieser hier kann zumindest damit punkten, aus liebevollem Enthusiasmus für feuerspeiende Kreaturen heraus entworfen worden zu sein. Viel Schnickschnack trägt das Biest, und seit Drachenzähmen leicht gemacht sollte man eher mal den Dialog suchen, bevor man das Schwert schwingt, denn Drachen sind klug – zwar gierig, aber sie lassen mit sich reden. Ausnahme: Bilbo Beutlin und Smaug, da herrschte wohl eher ein kalter Krieg, bevor es glühend heiß wurde. Bei Damsel sind das Duo Drache und Millie Bobby Brown noch das Beste an einem Film, der es seiner Heldin viel zu leicht macht. Das Unerhörteste jedoch ist die völlige Ignoranz hinsichtlich dessen, was Drachen so auf ihrer Habenseite wissen. So sehr unter Wert verkauft wurde selten einer. Kenner solcher Wesen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Kenner physischer Muskelkraft tun das ebenso. Mit dermaßen aufgeweichten Parametern und einer später völlig obskuren und zweifelhaften Moralvorstellung des Guten dem Bösen gegenüber bleibt nur ein nährstoffarmes Drachenfutter für zwischendurch, serviert von einer in die Vollen gehenden Milly Bobby Brown, deren Schmerzempfinden man gerne selbst haben möchte, um durchs Leben zu gehen. Denn das ist nicht minder hart, als mit einem Drachen zu kämpfen, sagt der Film.

Damsel (2024)

Butcher’s Crossing (2022)

MÄNNER FÜR ALLE FELLE

5/10


butcherscrossing© 2022 Splendid Films


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GABE POLSKY

DREHBUCH: GABE POLSKY, LIAM SATRE-MELOY, NACH DEM ROMAN VON JOHN WILLIAMS

CAST: NICOLAS CAGE, FRED HECHINGER, JEREMY BOBB, PAUL RACI, XANDER BERKELEY, RACHEL KELLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Forrest Gump würde sagen: Nicolas Cage ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt. Denn Cage, der kann alles und will auch alles spielen, schreckt vor nichts zurück, mag Komödien genauso wie Action, Horror oder Experimentelles, das als Arthouse einem breiteren Publikum wohl nicht so unter die Nase geht. Grund genug für mich, immer mal wieder reinzuschnuppern, wenn der Set-Workaholic mit neuem Content von sich reden macht. Manche dieser Werke finden auch ihr Ziel auf der großen Leinwand, manches erfreut hierzulande nur im Stream.

Schüsse in den Ofen sind Cages Arbeiten längst nicht immer. Cage ist Profi, und als Profi lässt er Genres wie den Western genauso wenig aus. Um sich von seinen bisherigen Figuren auch optisch abzuheben, gibt’s diesmal die Radikalrasur. Narbige Glatze und Dreitagebart, das räudige Äußere eines zwielichtigen Abenteuers aus dem Billigpistolen-Paradies des Italiens der Sechzigerjahre. So lässt sich der in Büffelfell gehüllte und gemächlich einen Whisky schlürfende Klischee-Zampano auch ohne weiteres zu einer Expedition überreden, für die er schließlich keinen müden Dollar locker machen muss, packt doch den aus Boston direkt in die wilde Provinz verschlagenen und auch gut betuchten Studienabbrecher Will Andrews die Lust, eins mit der Natur zu werden und Leuten wie Miller (eben Nicolas Cage) in ein Territorium zu folgen, dessen Boden nur wenige Menschen zuvor betreten haben. Angeblich, so Miller, soll es dort noch die letzten großen Büffelherden geben, und da die Nachfrage für das Fell der Tiere noch größer als das Angebot scheint, lässt sich damit eine goldene Nase verdienen.

So koffert das berittene Team aus vier grundverschiedenen Abenteurern durch feindliches Indianergebiet ohne Indianer, um letzten Endes tatsächlich an einen Ort zu gelangen, wo es vor Rindviechern nur so wimmelt. Miller sollte recht behalten – im El Dorado eines Büffeljägers lässt sich hemmungslos wüten und dem Wahnsinn verfallen. Nicolas Cage findet anfangs geschmeidig in seine Rolle, nur ist diese des Großwildjägers Miller keine, die, wie so oft im Genre des Western, auf eine psychologische Reise in Wechselwirkung mit den Umständen verzichtet. Der anfängliche Grundcharakter der Figur wechselt später nur ungern zum Psychogramm eines blutrünstigen Tier-Killers, der den Hals nicht voll bekommt. Dementsprechend gibt es Response auch von den Co-Charakteren, die weitaus glaubwürdiger agieren als Cage. Sich bedeutungsschwer an den Kopf zu greifen wie seinerzeit Marlon Brando in Apocalypse Now oder den typischen Manierismus des Schauspielers, die da so sind wie das wilde Gestikulieren mit den Armen – es scheint, als hätte Cage die Dimension seiner Figur nicht kommen sehen oder einfach unterschätzt.

Fred Hechinger als der blauäugige Junge vom Land hat, je mehr Cage aufdreht, immer weniger bis gar keinen Text mehr. Es ist, als hätte man auf seine Figur vergessen, dabei fungiert sie obendrein als Erzähler. Das Abenteuer rund um den einbrechenden Winter, für den on location in Montana gedreht wurde, spiegelt sich kaum in der Psychologie der Abenteurer wider. Butcher’s Crossing verliert irgendwann das Gefühl für Zeit und die Fähigkeit, Zeiträume zu vermitteln. Das ambitionierte Vorhaben Polskys, die Beinahe-Ausrottung des nordamerikanischen Büffelbestands zu thematisieren, scheitert zum Teil an genau diesen Knackpunkten, während jene Szenen, die das Töten und Schlachten der Tiere visualisieren, so verblüffend gut gemacht sind, dass einem mulmig wird.

Butcher’s Crossing (2022)