Mit einem Tiger schlafen (2024)

DAS INNERE NACH AUSSEN KEHREN

8/10


miteinemtigerschlafen© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: ANJA SALOMONOWITZ

CAST: BIRGIT MINICHMAYR, JOHANNA ORSINI, LUKAS WATZL, OSKAR HAAG, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, SALADIN DELLERS, CARL ACHLEITNER, GRISCHKA VOSS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN 


Die meiste Zeit ihres Lebens stand sie im Schatten ihrer männlichen Künstlerkollegen zu einer Zeit, in der die Kunst von Frauen eher belächelt als ernstgenommen wurde: Maria Lassnig, stets unverstanden und unnahbar zugleich, die Personifizierung der Einsamkeit einer Nonkonformistin. So, wie Anja Salomonowitz die Kärtner Ikone der feministischen Body-Art und des surrealen Aktionismus skizziert, möchte man meinen, es mit einer Ausgestoßenen zu tun zu haben, die stets vergeblich, und ähnlich wie Vincent van Gogh, darum bemüht war, ihren ganz persönlichen Zugang zu ihrer Kunst für andere verständlich zu machen. All die Versuche scheiterten, bis die Dame alt und gebrechlich wurde und ihre Kunstwerke längst als Teil einer Familie ansah, die sie nie gehabt hatte. Zweisamkeit, Vertrautheit, das Teilen von Ansichten und Empfindungen – Lassnig blieb stets allein auf weiter Flur, in großräumigen, lichtdurchfluteten Atelierräumen, meist am Boden liegend, verkrümmt und seltsam verrenkt, um so ihr Innerstes nach außen kehren zu können und dieses Etwas auf großformatige Leinwände zu applizieren, die, sobald sie fertiggestellt waren, nicht selten an Francis Bacon erinnern, nur heller, strahlender, getaucht in pastellige Farben, die neben dunklen, körperlichen Details existieren. Das Körperliche, allerdings das subjektiv Körperliche, war Lassnig stets das Wichtigste. Ihre Werke sind zahlreich, surreal und phantastisch. Selbstportraits, die mit Träumen und Albträumen kokettieren. Selbstportraits, die Lassnig mit gesellschaftlichen Agenden und einer abstrakten Gefühlswelt verband wie keine andere.

Ihre Werke gingen mir lange Zeit nie besonders nah. Womöglich, weil ich nicht gut genug hingesehen hatte. Ein Umstand, der sich geändert hat, und nicht erst sein diesem Film, der es tatsächlich schafft, dem Subgenre des Künstlerbiopics völlig neue Vibes zu verpassen. Mit einem Tiger schlafen – so auch der Titel eines ihrer Gemälde – ist alles, nur kein normaler Spielfilm mit klassischer Chronologie. Lassnigs Leben liegt scheinbar in Bruchstücken vor dem Publikum, Salomonowitz schlendert, über all die Scherben gebeugt, von einer zur anderen, hebt sie auf, dramatisiert sie, in völlig ungeordneter Reihenfolge; die Lust am Chaotischen, am Assoziativen befeuert den ganzen Film. Von der Kindheit im ländlichen Kärnten springt Salomonowitz gleich weiter in die späten Jahre, von dort wieder zu ihren Anfängen während der Nazizeit, um dann wieder als Erwachsene die Rolle ihres kindlichen Alter Egos einzunehmen, das der Willkür einer Mutter ausgesetzt war, die eine Hassliebe zu ihrer Tochter gehabt zu haben schien. Da man in den ersten Jahren des Heranwachsens für den Rest des Daseins geprägt wird, ist es auch nicht verwunderlich, dass Lassnig immer wieder abtaucht in die Dunkelheit der Mädchendaseins. Wie die geniale Eremitin dann ihre Seele zur Schau stellt, ist das mitfühlende, schmerzliche und berührende Drama einer Einzelgängerin, die immer berühmt sein wollte, so wie Arnulf Rainer, Ernst Fuchs oder Joseph Beuys, in den späten Jahren aber ihre Bilder als die Chronik ihres Lebens betrachtet, längst nicht mehr notwendig, sie irgendwem zu vermachen.

Mit einem Tiger schlafen gelingt es auf erfrischende Weise, das Geflecht an Szenen dennoch in einer verblüffenden Akkuratesse zu ordnen. Ein Widersprich in sich, der sowohl als Werkschau, als dokumentarische Betrachtung und als analytisches Portrait funktioniert, ohne die Zuneigung für die dargestellte Person vermissen zu lassen. Zu danken ist dieses Gefühl der Verbundenheit natürlich Birgit Minichmayr (Andrea lässt sich scheiden), die, um viel freier zu agieren, nicht altern braucht, nur um eine äußerliche Authentizität zu wahren. So einfach scheint es, diesen Anspruch wegzulassen. Dafür gibt sich die Burgschauspielerin in ihrer Performance einem biographische Akzente setzenden Naturalismus hin – intuitiv, ernsthaft und im Einklang mit einer, die wohl, hätte sie diesen Film noch gesehen, vielleicht gar zugeben würde, endlich verstanden worden zu sein.

Mit einem Tiger schlafen (2024)

Still: A Michael J. Fox Movie (2023)

HALLO MCFLY, JEMAND ZU HAUSE?

7/10


stillmichaeljfox© 2023 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: DAVIS GUGGENHEIM

IM INTERVIEW MIT: MICHAEL J. FOX

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Als ob es ihm wichtig wäre angesichts seiner Popularität: Dieser Mann genießt ohne Ablaufdatum mein Wohlwollen. Selten hat ein Sympathieträger wie er das Film- und Fernsehgeschehen so aufgemischt wie der ewige Junge aus der Nachbarschaft – und damit ist nicht Spiderman gemeint, denn Tom Holland punktet zwar ebenfalls mit einer gewissen Natürlichkeit, kommt aber an den one and only Michael J. Fox einfach nicht heran. Ehrlich gesagt: Das tut niemand. Hätte ich die Chance, mit einem Hollywood-Star befreundet zu sein, dann wüsste ich, es wäre er. Ich wüsste, er wäre es auch, wäre er nicht berühmt. Und auch wenn diese fiese Krankheit genannt Parkinson ab den Neunzigern sein Leben und seine Präsenz auf der Leinwand maßgeblich eingeschränkt hat: Unterkriegen lässt er sich davon bis heute nicht.

Diese Lust am Leben vermittelt interessierten Zusehern das exklusiv auf Apple TV+ erschienene, abendfüllende und dokumentarische Portrait eines aufgeweckten „Marty McFly“, der sein ganzes zurückliegendes Leben mit Staunen und ironischem Humor betrachtet. Natürlich bleibt bei Filmen wie diesem die Frage offen: Will Michael J. Fox nur so gesehen werden, wie ihn alle kennen, um ein für alle Mal mit Mutmaßungen und pressetauglichen Fehlinformationen reinen Tisch zu machen – oder lebt er dieses Jetzt-erst-recht-Motto tatsächlich?

Die besondere Kunst des Michael J. Fox lag immer darin, sein sich für ihn begeisterndes Publikum wissen zu lassen, dass das, was er vor die Kamera bringt, ungefähr jener Mentalität gleichkommt, die der Mann auch im Privatleben anwendet. Schließlich gibt es auch Koryphäen des Unterhaltungsfachs wie zum Beispiel Robin Williams, der die Komödien der Achtziger und Neunziger prägte, der aber auch ernst konnte – und tatsächlich aber, und vor allem in den späteren Jahren, wohl ein zutiefst unglücklicher Mensch gewesen sein muss, der seinem Leben durch die eigene Hand ein Ende setzte. Hier in Österreich brachte in den 60er und 70er-Jahren einer wie Maxi Böhm ganze Auditorien durch humorvolle Improvisation zum Brüllen – letztendlich starb er an gebrochenem Herzen. Michael J. Fox macht deutlich, dass gerade seine Authentizität in diesen Dingen, die Mitnahme seines Weltempfindes auf die Leinwand und ins Fernsehen, ihn deshalb so resilient gegenüber allen Widrigkeiten des Lebens werden ließ – und sei es auch das Handicap einer schweren Schüttellähmung, die eisernes physiotherapeutisches Training erfordert und einen unbändigen Willen, so zu bleiben, wie er immer war, zu sich zu stehen und es auszuhalten bis zum Ende, das noch lange nicht kommen muss. Schließlich ist Michael J. Fox nicht allein, hat er doch, und das zeigt Davis Guggenheim auf fast schon idealisierte Weise, die Beständigkeit einer treuherzigen Familie hinter sich.

Unter solchen Bedingungen lässt sich der Blick zurück auf eine Zeit, als alles noch wirklich richtig gut war und der eigene Körper das machte, was er tun soll, auch aushalten. So nimmt sich Dokufilmer und Serienmacher Davis Guggenheim, dessen von Al Gore moderierte Warnung Eine unbequeme Wahrheit 2006 schon in weiser Voraussicht den Klimawandel thematisierte, genug Zeit, um mit den im Geiste junggebliebenen und scharfsinnigen Kultschauspieler über Gewesenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu philosophieren. Der Werdegang, die ganze Karriere und der Ruhm, der ihm auch nie zu Kopf gestiegen war, erzählt sich schließlich wie das Soll eines Hollywood-Traums, angefangen von der Sitcom Family Ties (hierzulande bekannt unter Familienbande) bis zu den legendären Auftritten zu den Jahrestagen von Zurück in die Zukunft, gemeinsam mit Freund Christopher Lloyd. Solche Momente rühren dann doch, und zur Gänze schönreden lässt sich die missliche Lage eines gequälten Körpers dann auch nicht mehr. Michael J. Fox nimmt sie hin, er zeigt, was Sache ist, er zeigt auch, dass Parkinson nicht mit Alzheimer zu verwechseln ist. Er zeigt, dass er will, und meistens sogar kann. Er macht auch klar, dass das, was die Habenseite ausmacht, viel mit Zufriedenheit zu tun hat. Immer noch mehr zu wollen wäre fatal, also wählt Fox den Weg der Akzeptanz und des Stolzes. In Still: A Michael J. Fox Movie müssen Taschentücher nicht griffbereit liegen, niemals ergeht sich dieser sich selbst so achtende Öffentlichkeitsmensch in Selbstmitleid. Man könnte Guggenheims Film auch als Suche nach einer Form des Glücks betrachten – nach jenem der Fülle. Die Pro- und Contra-Liste von Fox‘ Leben ist lang, doch nur in einer der beiden Spalten häufen sich lebensbejahende Argumente, die ihm keiner mehr nehmen kann. Nicht mal Parkinson.

Still: A Michael J. Fox Movie (2023)

Archiv der Zukunft (2023)

SAMMELN, UM DIE WELT ZU VERSTEHEN

6/10


Archiv_der_Zukunft© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2023

REGIE / DREHBUCH / KAMERA: JOERG BURGER

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Es ist ein altehrwürdiger, fast schon heiliger Ort. Ein Prachtbau der Erkenntnis und des Imperativs für Ordnung und Übersicht. Als Ist-Zustand ist diese Ordnung längst nicht erreicht. Es scheint, als spräche aus dem Chaos eine Stimme zu uns, die zum Inhalt hat: Mensch, erkenne!

Die Rede ist vom international renommierten Naturhistorischen Museum in Wien, dass wir vermutlich alle aus unserer Kindheit kennen, wenn so manches rekonstruierte Skelett diverser Dinosaurier auf uns Dreikäsehochs herabgeblickt oder anderes fein säuberlich präparierte Getier uns in Staunen versetzt hat. Mit dem NHM, so die Abkürzung, verbindet mich nicht nur die eigene Kindheit oder die begleitete Kindheit des eigenen Nachwuchses, das in diesen Hallen gerne Stunden voll kindlicher Ehrfurcht verbracht hat. Mit dieser Institution verbindet mich auch mein Werdegang als Grafik-Designer, hatte ich mir doch als abschließendes Thema für meine Diplomarbeit die Corporate Identity selbiger zur Brust genommen. Warum ich damals nicht darauf gekommen war, als visualisiertes Logo vielleicht einen DNA-Strang zu verwenden, bleibt mir ein Rätsel. Stattdessen stellte ich den erkennenden Menschen als nacktes, kleines, sich windendes barockes Lebewesen in den Mittelpunkt, entnommen aus dem Kuppelfries des historistischen Baus, der sich mehr oder weniger selbst sieht, indem er auf das Kunsthistorische blickt, dazwischen Maria Theresia als aufgedonnerte Universalherrscherin.

Archiv der Zukunft blickt hospitierend hinter die Kulissen der Ausstellungssäle und dem, was alle Welt sonst so sieht. Viel wichtiger für diesen Hort des Wissens ist das, was genau dort abgeht, wo niemand sonst vorbeikommt, es sei denn, er bucht eine Führung ins Unterbewusstsein eines bis unter die hohe Decke vollgestopften Gebäudes, um voller Respekt und vielleicht auch mit etwas Verwunderung auf jahrhundertealte Sammlungen zu blicken, die in alten Ladenkästen und Archivboxen vor sich hindämmern und je nach wissenschaftlicher Anfrage von überall auf der ganzen Welt aus dem Schlaf geholt werden. Der Filmemacher Joerg Burger, unter anderem bekannt für das Fotografinnenportrait Elfi Semotan, Photographer, macht Stippvisiten in all die Teilbereiche des Hauses, das geht von Grundlagenforschung über Taxonomie und Taxidermie bis hin zu den Fachbereichen Zoologie, Botanik und Mineralienkunde. Auch für Archäologen ist da einiges dabei, und wenn die kleine, pummelige Gestalt der Venus von Willendorf mit etwas Ähnloichem wie einem MRT-Scanner durchleuchtet wird, so ist das Abenteuer Forschung aus erster Hand. Diese Leidenschaft lässt sich schon auch erspüren, obwohl Burger eher nüchtern an die Sache herangeht. Er selbst beobachtet und stellt Fragen, die wir nicht hören. Es ist ihm auch nicht wichtig, wer in seinem Film zu Wort kommt, man kann sich schließlich denken, dass Gelehrte es sind, die über ihr Tun referieren. Manches davon ist hochkonzentrierte Büroarbeit, es sind mitunter staubtrockene, monotone Arbeiten, zum Wohle der Allgemeinheit und der Ordnung, die nicht mal ansatzweise geschaffen wurde, sind doch über Jahrhunderte hinweg Naturalien mehr oder weniger respektlos in diverse Sammlungen verbannt worden, die erst jetzt so richtig gesichtet werden. Das Chaos regiert die Forschung, die Forschung stemmt sich dem nicht enden wollenden Hinabrollen des Felsens von Sisyphos entgegen, und auch wenn viele da hinter ihren vollgestopften Schreibtischen an einen Strang ziehen – es wird nicht weniger.

Die Natur hat viel zu bieten, erklärt Burger, ohne es zu erwähnen. Und für jedes Fachgebiet lässt sich eine gewisse Faszination lukrieren. Es ist das Entdecken und Begreifen, das so glücklich macht, und tatsächlich wirken Burgers Gesprächspartnerinnen und -partner freudig-entspannt, jedoch nicht begeistert. Das monotone Klassifizieren ist eine Sache, die andere ist der rote Faden des Films, wenn es darum geht, das Skelett eines Dinosauriers zu rekonstruieren und so aufzubereiten, dass er im Schauraum auch die Jüngsten abholen kann. Mit moderner Technik lässt sich vieles hinkriegen, was früher unmöglich war oder länger gebraucht hätte. Ein 3D-Drucker scheibt unter Ächzen einen ganzen Dino-Schädel aus dem Rechner. Vieles jedoch bleibt analog und mutet an wie vor hundert Jahren, wenn Feldforscher ihre Bälger beschriften, fein säuberlich auf ein Stückchen Papier, auf dass es im Laufe der Jahrzehnte genauso eine Patina trägt wie jene, die noch zu Kaiserszeiten hingefriemelt wurden.

Archiv der Zukunft gibt Einblick und Rückblick, macht auch nicht davor Halt, sich selbst und seine Geschichte kritisch zu betrachten und Unbequemes zu erwähnen. Das Lamento über ein viel zu knappes Budget fällt immer und immer wieder, es ist, als wäre Burgers Film ein Spendenaufruf an alle oder gar eine Botschaft ans Ministerium für Wissenschaft und Bildung. Dazwischen wird weiter emsig geputzt, gereinigt und klassifiziert. Mit der Zeit wird auch dieser Blick hinter die Kulissen von einer staubigen, nach Spiritus, Kalk und Papier riechenden Trockenheit heimgesucht. Viel Pepp hat Archiv der Zukunft nicht. Es zeigt, was es zeigt, manchmal gar zu wenig, und filmisch betrachtet ist der andere Blick, den Filmemacher ihrem Werk zugestehen, hier nicht von Wert. Sein Einblick in ein Museum von Welt gerät manchmal zur Diashow, und dann wieder zum nüchternen Lehrfilm mit wenigen Extras – fast, als wäre alles eine längst fällige Widmung all derer, die amtlich und ehrenamtlich ihre Zeit und mehr als das investieren, um das prachtvolle Leben rundherum zu beleuchten und wertzuschätzen. Ambitioniert ist das, keine Frage. Und ja, auch recht interessant. Nur den frischen Wind, der durchs Gebäude wehen sollte, lässt Burger außen vor.

Archiv der Zukunft (2023)

Jodorowsky’s Dune (2013)

ENTWURF DES UNMÖGLICHEN

7/10


jodorowskys-dune© 2013 Sony Pictures Classic


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2013

REGIE: FRANK PAVICH

DREHBUCH: FRANK PAVICH, STEPHEN SCARLATA & TRAVIS STEPHENS

MIT BEITRÄGEN VON: ALEJANDRO JODOROWSKY, MICHEL SEYDOUX, H. R. GIGER, BRONTIS JODOROWSKY, RICHARD STANLEY, NICOLAS WINDING REFN, GARY KURTZ, CHRIS FOSS, DAN O’BANNON, AMANDA LEAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was haben Mick Jagger, Salvador Dali und Orson Welles gemeinsam? Abgesehen davon, dass alle drei dem männlichen Geschlecht angehören, nichts, was einem so ins Bewusstsein springt. Der eine ist US-amerikanischer Rockstar voll Glamour, der andere ein Grand Signeur des großen, epischen Kinos des 20. Jahrhunderts, der dritte überhaupt ein Gesamtkunstwerk des exaltierten Surrealismus. All diese Streiflichter typischer Eigenschaften lassen sich bündeln, und zwar im größten Film aller Zeiten, kurz GröFaZ (und nicht SchleFaZ), der jemals das Licht der Leinwand erblicken hätte sollen. Als Vorlage dafür kam nur ein literarisches Werk in Frage – ein Schmöker, der im Grunde die moderne Science-Fiction begründete und viele Nachahmer fand. Und ja, ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben: So sehr ich Star Wars abgöttisch liebe: Geklaut hat George Lucas‘ Sternenepos aus den Siebzigern so einiges aus Frank Herberts Kult-Roman Dune – Der Wüstenplanet. In den Sechzigern verfasst, hat Herbert verstanden, wie er episches Königsdrama mit messianischer Botschaft und diese wiederum mit der Geisteshaltung der 60er verbindet. Das alles findet als Bühne nicht mehr und nicht weniger als einen Wüstenplaneten, in dessen Sand das wertvolle Spice steckt (ja, auch in Star Wars wird damit gehandelt), das erstens das Bewusstsein verändert und zweitens die interstellare Raumfahrt ermöglicht. Ein wichtiger Rohstoff, und um diesen Rohstoff entbrennen Schlachten und Revolten, werden Anführer getötet und andere hieven sich auf den Thron. Ein Game of Thrones, nur Dune war zuerst da, vor allen anderen.

So begeistert von diesem Werk war auch Alejandro Jodorowsky, ein mexikanischer Filmemacher der Avantgarde, der mit psychedelischen und äußerst exzentrischen Werken wie The Holy Mountain zumindest jene Sorte Publikum abholen konnte, die während den Vorstellungen schon einiges eingeworfen hatten. Es sind Filme, die so rätselhaft und exaltiert erscheinen, dass sie als Zeitdokument vermutlich dienlich sind, darüber hinaus aber gerne unfreiwillig komisch wirken. Wie Barbarella, nur noch bizarrer. Jetzt sollte Dune eine Verfilmung bekommen, die alles bisher Dagewesene sprengen mag. Mit einer Bildsprache, die das Bewusstsein verändert, mit einem Starensemble, dass eben Mick Jagger, Orson Welles und Salvador Dali vor die Kamera hätte holen können. Und das Beste: Alle drei haben zugesagt. Warum dieses Jahrhundertwerk dann doch nicht seinen Weg in die Produktion fand? Nun, genau das erörtert der von Frank Pavich 2013 aufgearbeitete Dokumentarfilm Jodorowsky’s Dune, der den Künstler selbst sehr oft und ausgiebig zu Wort kommen lässt.

Der Zeichner Chris Foss hätte knallbunte Raumschiffe ersonnen, Pink Floyd die Musik dazu komponiert – die Credits im Abspann, hätte es diesen gegeben, wären ein Who is Who der Kunstszene gewesen – doch was nicht ist, muss auch später nicht zwingend etwas werden. Dabei ist Jodorowsky’s Dune kein Abgesang auf künstlerische Ambitionen, kein anti-visionäres Requiem. Erquickend an diesem Film ist die diebische Freude und die Leidenschaft, mit der Jodorowsky über die Entstehung seines Nicht-Films berichtet. Pavich betrachtet dieses Scheitern längst nicht, und auch niemals im Film, als ein desillusioniertes Scheitern. Von einer Niederlage ganz zu schweigen. Sein Film feiert die Idee und die Vision, die Freude am Fabulieren weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Er beflügelt die Fantasy und zementiert ihren Status als etwas ein, dass so frei sein kann wie ein ungebändigter Sandwurm, der sich durch eine imaginäre Landschaft fräst. So frei und freudvoll ist auch das Schildern des ganzen Making Of-Fragments.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, das singt schon André Heller. Die wahren Abenteuer sind auch im Kopf eines Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft. Jodorowsky ist auch so einer. Ein Don Quixote des Films, der mit seinen Bestrebungen und seinem Eifer völlig nebenbei und eigentlich unbeabsichtigt Grundsteine gelegt hat für Filme wie Alien, Star Wars oder letztendlich auch für die Vision von Denis Villeneuve, der es am Ende des langen Tages des Schaffens wohl hinbekommen hat, die wichtigste Science-Fiction-Trilogie des bisherigen neuen Jahrtausends in den Sand zu zeichnen statt in den Sand zu setzen. Schaut man vor allem bei Dune: Part Two genauer hin, sieht man Reminiszenzen an Jodorowskys Herangehensweise, erkennt man die Optik des Schweizer Künstlers Giger, der für den Mexikaner auch allerlei Bauten entworfen hätte. Kleines Bonmot am Rande: Jodorowsky selbst hat sich, anders als David Lynch, der seine Dune-Version als einen traurigen Tiefpunkt seiner Karriere betrachtet und nichts mehr damit zu tun haben will, ins Kino bequemt, um sein Herzensprojekt, das nun jemand anderer gedreht hat, über sich ergehen zu lassen. Spätestens da, und niemals zuvor, kommt ein durch und durch natürliches Quantum an Neid und ein kleines bisschen Wehmut ans Tageslicht, dass sich insofern ausdrückt, dass Jodorowsky Villeneuves Dune einfach nicht mochte. Natürlich nicht. Es hätte sein Film sein sollen. Und irgendwie existiert er ja auch – als erstes Filmparadoxon, als ein sich selbst verschlingendes schwarzes Loch, als erster Nicht-Film, der sich in einem Wunsch ans Universum manifestiert. Jodorowsky’s Dune ist Quantenphysik für Cineasten über einen Film, der gleichzeitig tot und lebendig sein kann.

Jodorowsky’s Dune (2013)

The Echo (2023)

DAS KINDERDORF IM NIRGENDWO

5/10


eleco© 2023 The Match Factory


LAND / JAHR: MEXIKO, DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: TATIANA HUEZO

CAST: MONTSERRAT HERNÁNDEZ, MARÍA DE LOS ÁNGELES PACHECO TAPIA, LUZ MARÍA VÁZQUEZ GONZÁLEZ, SARAHÍ ROJAS HERNÁNDEZ, WILLIAM ANTONIO VÁZQUEZ GONZÁLEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Das Dorf in Puebla, dem zentralen Hochland Mexikos, ist nicht mal ein Dorf, so wie wir diesen Begriff verstehen würden – mit Kirche, Supermarkt und Gemeindeamt. Dieses Dorf, genannt El Eco – The Echo, ist mehr eine Ansammlung achtlos hingeworfener Häuser, erbaut aus den Mitteln, welche die Natur so hergegeben hat. Zwischen diesen Kabuffs ist da wenig, außer Grasbüscheln, Sumpf und irgendwo dahinter der Wald, aus dem die Kinder – derer gibt es viele – Holz holen und illegale Kahlschläger dabei beobachten, wie diese sich an den Ressourcen anderer vergreifen. Zwischen diesen Grasbüscheln, auf den Wiesen, weiden schwarzgesichtige Schafherden, wovon so manches unerfahrene Jungtier, neugierig wie tollkühne Menschenkinder auch, den Weg ins Wasser wählt. So ein Tier ist wertvoll und muss natürlich gerettet werden. Auch die Familie hat ein hohes Ansehen, auch sie ist nichts, dem man den Rücken kehrt, hat man vielleicht vor, die von Wind und Wetter dirigierte Monotonie eines immer gleichen Alltags hinter sich zu lassen, um vielleicht gar Tierärztin zu werden. Auf Dauer ist das Leben für den nicht mehr ganz so jungen Nachwuchs eine, die nichts zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bereithält. Als Tochter oder Sohn, als Enkel oder Urenkel ­– El Eco unterwirft sein Volk starren Stereotypen und patriarchalen Strukturen. Die Pflicht, sich um die Großmutter zu kümmern, ist eine davon. Sie muss gewaschen, geschniegelt, gefüttert und niedergelegt werden. Die Oma ist die älteste im Dorf, sie hat alles schon erlebt. Zahnlos, mit mattem Blick, aber immer noch recht hell im Oberstübchen, weiß sie wohl, dass sie bald abtreten wird. Hier, in El Eco, hat man einfach im Gefühl, was kommen wird.

Ob die vom Leben und seinen Entbehrungen gezeichnete Alte wohl wirklich, während der Dreharbeiten, das Zeitliche gesegnet hat? Ob der Begräbnisgang echt und nicht nur gestellt war? Tatiana Huezo, bekannt für ihren Mädchenraub-Thriller Noche de Fuego, der 2021 ebenfalls auf der Viennale lief, hat die wohl tatsächlich existierende Dorfgemeinschaft als Grundlage für eine Szenensammlung auserwählt, die irgendwo, recht ungenau, zwischen Dokumentation und bewusster Inszenierung liegt. Den Alltag zu beobachten ist eine Sache, die Bewohner des Dorfes genau das machen zu lassen, was sie immer tun, und zwar extra für die Kamera, eine andere. Für eine reine Dokumentation sind die satten Bilder, die Ernesto Pardo kreiert, trotzdem sie unter dem Zauber des natürlichen Lichts stehen, ausgesucht arrangiert, zu sehr auf den Punkt genau eingefangen. Eben wie ein Spielfilm – der allerdings keine Handlung hat.

Viele Gesichter wechseln sich ab, am einprägsamsten bleibt wohl Montserrat Hernández, genannt Montse, die Großmutters Wohlbefinden zu garantieren hat, bevor sie ihre Sachen packt und grußlos verschwindet, nachdem ihr Mama verboten hat, bei einem Pferderennen – natürlich nichts für Mädchen – mitzumachen. Die jüngeren Kids sind leicht zu verwechseln, in Wahrheit sind es drei – oder gar vier Familien, die in manchmal viel zu kurzen Szenen beobachtet (oder eben inszeniert) werden. Da lässt man sich mal ein auf das faszinierende Gespräch unter Kindern, wie denn der Mensch auf den Mond kommt, schon drängt Tatiana Huezo ihr Publikum zur nächsten Szene, zur nächsten Hütte oder in den Wald. Und dann hören wir das Echo, wofür wohl der Ort hier seinen Namen trägt. Das Rufen als Teil eines experimentellen Schabernacks hallt zurück und trägt durch seine akustische Besonderheit wesentlich dazu bei, dass all die vielen Kinder hier wohl kaum die Chance bekommen könnten, die Spirale aus Tradition, Verpflichtung und zeitlosem Ist-Zustand zu durchbrechen. Natürlich lässt sich diese Idee aus einem subjektiv zusammengestückelten Bilderreigen extrahieren, doch seltsamerweise ist das nicht nur den langsam erwachsen werdenden Frauen hier zu wenig, sondern auch dem Filmgenuss. Immerhin ist die Bildwelt ein Traum, bestehend aus Detailaufnahmen und weiten Schwenks, die sich abwechseln. Wenn Schafe übers Gelände hetzen, hetzt die Kamera mit. Das ist pittoresk, von einer ehrlichen Wildheit. Erdige Reportage für das Weltmagazin unserer Wahl.

Das dabei die großen Fragen nach einem Umdenken verknöcherter und niemals hinterfragter Strukturen nur kleinlaut gestellt werden, ist der volatilen Blickweise geschuldet, die keinerlei Konfrontation sucht. Wenn der Mittagsteller des Jungen gefälligst nicht von ihm selbst abgeräumt werden darf, weil das Frauensache ist, mag man schon alarmiert die Stirn runzeln. Wenn der Ehemann, sowieso die ganze Zeit in der fernen Stadt die Früchte ihrer Landwirtschaft feilbietend, nur dämlich lächelt, wenn seine Frau mal vorschlägt, die Rollen zu tauschen, würde sich Huezo wohl wünschen, einen Stein ins Rollen zu bringen, um die Kruste des Gestern hier aufzubrechen. Doch dafür fehlt die Vehemenz, die Beständigkeit, der Wille zur Reibung. The Echo mag zwar staunend anzusehen sein, all die Momente sind in ihrer Summe aber wie das Zappen durchs Kabelfernsehen. Und wir wissen, sowas ermüdet.

The Echo (2023)

All the Beauty and the Bloodshed (2022)

WENN KUNST DEN AUFSTAND PROBT

6/10


allthebeautybloodshed© 2023 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: LAURA POITRAS

KAMERA: NAN GOLDIN

MIT: NAN GOLDIN, MARINA BERIO, NOEMI BONAZZI, HARRY CULLEN, MEGAN KAPLER. JOHN MEARSHEIMER U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Bevor Laura Poitras (gewann den Oscar 2014 für die Snowden-Doku Citizenfour) letztes Jahr den Goldenen Löwen von Venedig gewann, war mir der Name Nan Goldin überhaupt kein Begriff. Gäbe es ihren preisgekrönten Film All the Beauty and the Bloodshed nicht, würde ich auch weiterhin nichts von ihr wissen. Eine Bildungslücke? Ich bin mir nicht sicher. Zumindest haben einige in meinem Umfeld noch nie von dieser Künstlerin gehört, und wenn, dann käme ihnen maximal ihr Name bekannt vor.

Gut, soll sein, ich lass mich ja gern weiterbilden, und so erfahre ich im Zuge des vorliegenden, aus zwei Erzählsträngen geflochtenen Films von einer US-Amerikanerin mit entbehrungsreicher Kindheit, entbehrungsreicher Jugend, einem Dasein als Young Adult mit allerhand Sex and Drugs und nicht wirklich Rock ‘N Roll, dafür aber mit ganz viel LGBTQ und dem Drama AIDS. Nan Goldin also. Fotografin für Szene und Underground, stets biographisch gefärbt, stets sehr lebensnah und ohne Blatt vor dem Mund. Was ihr selbst widerfuhr, dürfen alle anderen durchaus wissen. Ob Prostitution, gefühlskaltes Elternhaus oder der Suizid ihrer acht Jahre älteren Schwester, die ihr viel bedeutet hat.

Doch das ist nicht alles, was Poitras in ihren sehr Amerika-lastigen Film packt. Da gibt es noch das gewisse Etwas, den zweiten Erzählstrang, die mehr oder weniger in der jüngsten Vergangenheit vorgefallene Auseinandersetzung Goldins mit dem Pharmakonzern Purdue Pharma, das zum Imperium der stinkreichen Familie Sackler gehört hat, von der ich auch zum ersten Mal höre, und hätte es diesen Film nicht gegeben, würde ich auch hier weiter nichts wissen. Anscheinend weist mein Allgemeinwissen ordentliche Lücken auf, aber hey: wie heißt es doch so schön bei Platon: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Diese Sacklers haben also ein Medikament auf den Markt gebracht, genauer gesagt ein Opioid namens Oxycontin – eine schmerzstillende Blockbuster-Arznei, möchte man meinen, aber hochgradig abhängig machend. Goldin war eines dieser Suchtopfer, kam darüber hinweg und zieht nun mit ihrer eigens gegründeten Bewegung P.A.I.N. von Kunstforum zu Kunstform, um den Namen Sackler aus jeder musealen Einrichtung zu verbannen, haben die doch ganz schön viel Geld in die Kunst investiert. Goldin kann sich das leisten, sie ist schließlich selbst überall Teil des Ausstellungsprogramms, niemand will ihre Werke missen, sprechen die doch so ein klares Lokalkolorit weit jenseits eines perfekten Bildes, dafür aber voller Atmosphäre und US-Zeitgeist.

All the Beauty and the Bloodshed ist nichts, was man sich ansieht, um einen angenehmen Filmabend zu verbringen. Und hätte mich das Kinoabo-Service nonstop (Vielen Dank an dieser Stelle!) nicht zu einem Überraschungs-Kinoabend eingeladen, hätte ich dieses Werk auch nie auf meine Liste gesetzt. Ich konnte weder mit dem Namen noch mit der Problematik viel anfangen, und sogar bei Sichtung des Films fällt es mir schwer, zu dieser Welt, die Goldin ihre eigene nennt, Zugang zu finden. Es kommen Schicksale von Leuten ans Licht, die für Goldin zwar wichtig waren (und sind), mir aber fremd bleiben. Die Art zu leben, die Kunstszene des Undergrounds, aus welcher mir nur John Waters ein Begriff ist; dieses Einzelschicksal einer Person, zu welcher ich selbst und aus meinem eigenen Alltag heraus keine Verbindung knüpfen kann, berührt mich nur am Rande. Und es ist seltsam befremdend, laufenden Bildern zu folgen, die keine sind, und zwar notgedrungen, denn Goldins Oeuvre sind Diashows. So reiht Poitras ein Werkzitat ans andere, und zugegeben – manche sind erstaunlich, andere wiederum sind zwar spontan entstanden, aber technisch gesehen entbehrlich. Eine Kinodoku, zu 30 Prozent Diashow. Einerseits: Warum nicht. Andererseits wäre All the Beauty and the Bloodshed als Ergänzung für eine museale Retrospektive der Künstlerin besser aufgehoben.

Doch auch wenn das Thema so breit gefächert ist wie ein Bauchladen an erschwerten Lebensbedingungen, Geldgier und Aktivismus, gelingt es dieser Dokumentation, all diese Elemente zusammenzubringen und so miteinander zu vermengen, dass der Film wie aus einem Guss wirkt. Dass er niemals langweilt und man dennoch dranbleiben will, auch wenn all die realen Personen im Film vehement in ihrer Aktionsblase bleiben. Das will nichts anderes heißen als das: Der Venedig-Gewinner des letzten Jahres ist als Film enorm gut gemacht, die Positionen im Film sind klar bezogen. Viel zu viel Stoff ist es aber dennoch, das rühmliche Ego ist groß und über Kunst lässt sich nach wie vor streiten.

All the Beauty and the Bloodshed (2022)

Der Schneeleopard

AUDIENZ EINES PHANTOMS

8/10


schneeleopard© 2021 PaprikaFilms


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: MARIE AMIGUET, VINCENT MUNIER

MIT: VINCENT MUNIER, SYLVAIN TESSON

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Unverhofft kommt oft. Ja klar, das ist eine ziemlich ausgeleierte Binsenweisheit, aber sie würde uns nicht zum Hals raushängen, wäre sie nicht wahr. Dabei liegt die Kunst darin, etwas Erhofftes temporär aufzugeben. Sich bescheiden zu zeigen im Streben, ein Ziel zu erreichen. Das ist ein Umstand, oder sagen wir ein abstraktes, mysteriöses Gesetz, das dem Begegnen mit der Natur oder der Natur selbst zugrunde liegt. Naturfotografen und -filmer, Vogelbeobachter und alle, die ihr Hauptaugenmerk auf alles richten, was hier wächst, lebt und atmet, wissen sehr gut, was ich meine. Da sucht man und sucht man und wartet voller Ungeduld, und nichts passiert. Ab dem Moment, wenn die Genügsamkeit Einzug hält, setzt einem die Seele der Welt oder was auch immer genau das vor, was man die ganze Zeit eigentlich gewollt hat. So gesehen bei meinen Begegnungen mit dem Oktopus im Mittelmeer, den Hirschebern auf Sulawesi oder dem Jaguar im Pantanal. Diesen beiden Herren in dem Dokumentarfilm Der Schneeleopard scheint eine ähnliche Lehre erteilt zu werden, zumindest dem einen der beiden, dem französischen Reiseschriftsteller Sylvain Tesson, der von sich selbst des Öfteren behauptet, stets viel zu überhastet von A nach B gekommen zu sein, ohne wirklich auf die Details geachtet zu haben. Vielmehr, so meint er, würde er selbst beobachtet als selbst zu beobachten. Mit dieser mehrwöchigen Expedition soll das ein Ende haben. An seiner Seite: der Tierfotograf Vincent Munier, ein Profi und ganz bewusst damit vertraut, wie die Natur tickt. Daher ist Geduld und weniger der Drang nach der großen Begegnung der Schlüssel auf die andere Seite, dorthin, wo es nicht nach Menschen riecht und die zivilisationslose, wilde Weite zum Denken anregt.

Wir befinden uns in diesem stillen, meist im Flüsterton gesprochenen Abenteuer Richtung Ursprung auf 5000 Metern über dem Meeresspiegel im Hochland von Tibet, wo arschkalter Wind weht, es immer wieder mal graupelt und der Bart gefriert. Wo der Bunsenbrenner wie urzeitliches Feuer eine Höhle erwärmt und das Robben übers Feld das neue Wandern ist. Auf die Suche nach dem stattlichen, schwer aufspürbaren Tier haben sich schon viele begeben. Der Schneeleopard ist daher ein Naturfilm, der in dem, was er zeigt, natürlich keine Exklusivität genießt. Im Fernsehen sind Dokus wie diese gang und gäbe. Doch fürs Kino gestaltet sich so ein Projekt doch etwas anders, und will mehr sein als nur den naturkundlichen Anteil des Allgemeinwissens erweitern. Denn das Tier, um das es hier geht, hat, wenns hochkommt,  gerade mal eine Minute Sendezeit. Der Rest ist Suchen, Warten, Zurückkehren zum Basislager, das Notieren von Notizen oder der Zeitvertreib mit einer Handvoll Kinder, die in der Gegend wohnt. Ungefähr gleich, wenn nicht sogar noch mehr beeindruckend als die vielen Panoramen hier auf diesem Plateau ist der Sound unterschiedlichster Tierarten, die dann auch noch allesamt vor die Kamera treten. Und alles, wirklich alles, trägt bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Winterfell bis zum Kuschelalarm. Kugelrund, bauschig und schneeverweht wuseln, stehen und traben Warmblüter durch die Landschaft, aus sicherer Entfernung beobachtet, wobei Fotograf Munier mit einer Uneitelkeit besticht, die ihn zu einem devoten Besucher macht in einer Welt, in der er eigentlich nichts zu suchen hat. Beide, er und Tesson, sind Zaungäste, die auf das Unwahrscheinliche warten, nächtelang, wochenlang. Marie Amiguet fängt diese grenzgängerische Geduld und den Respekt vor allem, was hier lebt, mit einer fast unsichtbaren Regie ein. Alles steckt im Tarnanzug, versteckt hinter Felsen, gelegen auf der Lauer, um als Mensch die Harmonie, die Homo sapiens selbst wieder gerne hätte, nicht zu stören.

Es knackt und zwitschert, es röhrt und dampft – dazwischen die knorrigen Klänge von Warren Ellis und Nick Cave, der am Ende des Films dann noch stimmlich zu hören ist. Tatsächlich ist Der Schneeleopard wie ein elegisches, zufrieden stimmendes Lied des großen britischen Musikers – nachdenklich, entschleunigt und mitunter melancholisch, atemberaubend fotografiert und angenehm menschenleer.

Der Schneeleopard

Bad Luck Banging or Loony Porn

DIE KRUX DES EGOZENTRISCHEN WELTBILDES

7,5/10


badluckbanging© 2021 Panda Lichtspiele

LAND / JAHR: RUMÄNIEN, LUXEMBURG, TSCHECHIEN, KROATIEN 2021

BUCH / REGIE: RADU JUDE

CAST: KATIA PASCARIU, CLAUDIA IEREMIA, OLIMPIA MALAI, NICODIM UNGUREANU, ALEXANDRU POTOCEAN, DANA VOICU, GABRIEL SPAHIU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Es kann gut sein, dass mein Beitrag nach dem Teilen auf diversen Social Media-Plattformen von der Zensur geblockt wird. Das Wort „Porn“ kommt darin vor. Kann gut sein, dass die Zugriffe auf diesen Artikel dadurch in die Höhe schnellen. Kann alles sein. Kann sogar sein, dass ein Film wie dieser trotz oder gerade wegen seinen expliziten Darstellungen den Goldenen Bären der Berlinale gewinnen kann. Und auch, obwohl sich Banging und Porn in den Titel schummeln. Eine Vorverurteilung hat aber nicht stattgefunden, denn Radu Jude hat für seine virtuose Satire tatsächlich die höchste Auszeichnung erhalten. Gibt es also rund 50 Jahre nach Deep Throat ein Porno-Revival in klassischen Kinosälen? Nein, nicht wirklich. Bad Luck Banging or Loony Porn will das gar nicht. Dieser Film – wie soll ich sagen – ist zwar ein obszönes, aber gutgemeint groteskes Stück Kino, das sicherlich nicht zum besten Freund wird – auf den zweiten Blick jedoch kann man das, was da abgeht, so gut nachvollziehen, als wäre man mit diesem polemischen Stück publiker Selbstreflexion schon lange auf Du und Du.

Man kann gut erkennen, was entsteht, wenn nichts und niemand einem Filmemacher ins Handwerk pfuscht. Radu Jude befindet sich inmitten der Pandemie, wir schreiben das Jahr 2020, und man merkt auch, dass für seine Ideen die Weltlage gar nicht besser hätte sein können. In dieser Pandemie, die Jude auf die aufreibendsten Arten des Maskentragens, Händedesinfizierens und nicht eingehaltene Sicherheitsabstände reduziert, ist der gesellschaftliche Sodbrand kurz davor, bis in den Rachenraum aufzusteigen. Zu keiner Zeit in der jüngeren Geschichte lässt sich die Doppelmoral des Menschen in der Dynamik einer Gesellschaft so sehr ans Tageslicht zerren wie in dieser. Dabei passiert nicht viel, und seit Thomas Vinterbergs grandiosem Rufmord-Drama Die Jagd wissen wir auch, wie Massenmedien im Computer- und Handyzeitalter zusätzlich Zunder geben. Zum Leidwesen der Kinder und derer, die des Berufs wegen für diese verantwortlich sind. Immerhin ist passiert, was nun mal so passiert: Die Lehrerin Emi hat Sex mit ihrem Ehemann – sie filmen sich dabei, und wir sehen das auch. Blöderweise stellt der nicht wirklich vorausdenkende Göttergatte das sogenannte Sex Tape auf Pornhub – wo dieses alsbald von den Schülern aus Emis Klasse gesehen wird. Empörter kann die Elternschaft nicht sein. Wie kann man nur! Sie fordern eine Konferenz, um die gute Frau zur Rede zu stellen. Oder ganz einfach fertigzumachen.

Bad Luck Banging or Loony Porn hat drei Kapitel, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach dem gar nicht jugendfreien Vorspiel folgen wir Emi quer durch Bukarest. Es ist die Bestandsaufnahme einer verdorbenen Welt aus billigen Obszönitäten, Aggressionen und kompensierten Psychosen. Ein Panoptikum zwischen Zerfall und Übersättigung, dabei ruht die Kamera weniger auf Emis Spaziergang durch die Welt als vielmehr auf einen Alltag, der sich selbst zuwider zu sein scheint. Kapitel zwei ist ebenfalls ein Sammelsurium – eine alphabetische Abfolge diverser Begriffe, die, größenteils mit Archivaufnahmen bebildert, eine Collage dessen ergeben, was Rumänien bewegt. Kapitel drei dann der Elternabend des Grauens. Eine Geisterbahnfahrt des Fingerzeigens und des Besserwissens. Ich will nicht sagen: des Querdenkens.

Wer mir dazu einfällt: Der Schwede Ruben Östlund beschäftigt sich nicht erst seit The Square mit ähnlichen Themen und seziert dabei menschliches Gruppenverhalten, über welches die Vernunft allzu leicht stolpert. Sei es nun, Eigenverantwortung zu übernehmen – oder die Verantwortung über den eigenen Nachwuchs. Jude spricht diese Fähigkeit der „Elterngeneration What?“ Ein für alle Mal ab. Seine Erzieherinnen und Erzieher verorten aus reiner Bequemlichkeit und nach erhörten Predigten über ein egozentrisches Weltbild die moralische Verantwortung jenseits der eigenen Familie. Dabei ist nicht das Problem, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Wahl der immer bequemeren Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Was bleibt, ist ein Aneinanderrennen starrer Weltsichten und liberaler Koketterie. In Judes Groteske erkennt man letzten Endes mit Schrecken, selbst zu einer dieser Gruppen zu gehören. Was dagegen tun? Im Avantgarde-Kino von heute bleibt da nur noch die verzweifelte Möglichkeit, mit ätzendem Zynismus die Nimmerbelehrbaren in die Selbstreflexion zu nötigen.

Bad Luck Banging or Loony Porn

Gunda

DIE SAU RAUSLASSEN

5/10


gunda© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, USA 2020

REGIE: VICTOR KOSSAKOVSKI

BUCH: VICTOR KOSSAKOVSKI, AINARA VERA

KAMERA: EGIL HÅSKJOLD LARSEN, VICTOR KOSSAKOVSKI 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Ich fröne ja nur ungern fremdsprachigen Filmen im Original, dessen Sprache und Dialekt ich nicht mal ansatzweise verstehe, die aber auch nicht untertitelt sind. Gut, man könnte sich mehr schlecht als recht den Plot zusammenreimen, jedoch zum Filmgenuss gedeiht diese Sichtung nicht wirklich. Ist es allerdings ein fremdsprachiger Film im Original, für den es ganz einfach keine Untertitel gibt, da die Sprache niemand versteht, wäre das ein bisschen etwas anderes. In Gunda zum Beispiel lässt sich die Sprache – meist grunzend, guttural oder grölend – zwar nicht im Mindesten verstehen, dafür aber lässt sich schon aufgrund das tierischen Verhaltens so manche Bedeutung ableiten. Und zugegeben: so komplex ist die Handlung des vorliegenden Dokumentarfilms auch nicht, um durcheinanderzugeraten.

Das Beste an Gunda ist, neben all der künstlerischen Optik, dass die Bühne dieses Films voll und ganz den Tieren gehört, und diese grunzen, gurren und grölen, wie der Tag lang ist, ohne von einem Erklärbär aus dem Off auf die Protagonisten eines weiterbildenden Schulfernsehens getrimmt zu werden. Der Mensch hat hier nur im weitesten Sinn Bedeutung, alle anderen Einflüsse bleiben außen vor. So sehen wir, wie die Sau Gunda zu Beginn des Films ihre Jungtiere zur Welt bringt – und wie diese dann im Laufe der Zeit älter, größer, vorlauter werden, immer noch quirlig und treu der Mama folgend, an Zitzen saugend, quengelnd. Als Intermezzi dienen Hühner (darunter eine einbeinige Virtuosin) und Rinder. Wie das allerdings so läuft auf einer Farm, ist dem Vieh, das dort lebt, etwas ganz anders bestimmt als ein ruhiger Lebensabend. Auch das widerfährt der Familie Sus scrofa domesticus, und plötzlich wirken die für uns von kleinauf vertrauten Fleischlieferanten in ihrer Trauer und Ratlosigkeit gar nicht mal mehr so unmenschlich. Am Ende gibt Gunda zu denken – doch das in die Länge gezogene Davor tarnt den Content für einen beeindruckenden Kurzfilm mit dem Selbstbewusstsein eines abendfüllenden Leinwanderlebnisses.

So niedlich und gleichermaßen faszinierend die jungen Trüffeldinger auch sind, so prachtvoll Victor Kossakovski diesen Alltag zwischen Hof und Wald auch eingefangen hat, mit schönen Unschärfezooms und Weitwinkel-Tableaus, so kurzatmig gibt sich die Collage an Szenen, die wiederholt stets das gleiche tierische Verhalten beobachten. Auf die Dauer ist das zwar immer noch schön fotografiert und süß – Mehrwert bringt es keinen mehr. Einen Urlaub am Bauernhof dagegengesetzt, wäre der zwar nicht schwarzweiß, aber immerhin aufschlussreicher, weil dort womöglich das Interagieren verschiedenster Tierarten gegeben wäre, die ich in Gunda allerdings vermisse. Darüber hinaus wurde die von allem artifiziellen Beiwerk befreite Doku an drei verschiedenen Orten gefilmt. Das ergibt weniger Sinn als würde sich Kossakovski auf einen Ort des Zusammenlebens konzentrieren.

Würde man Kuh und Huhn weglassen – die ebenfalls nicht viel Aufschluss bieten – und würde man viel zu lange Takes etwas kürzen; würde man die glücklichen Stunden der Ferkel vielmehr auf wesentliche Momente reduzieren, stünde einem Bravo für einen tierrechtlich relevanten, intensiven Kurzfilm in einer Sprache, die wir nicht kennen, nichts mehr im Wege.

Gunda

Nomadland

HEIMKEHREN NACH IRGENDWO

7,5/10


nomadland© 2020 20th Century Fox Studios


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: FRANCES MCDORMAND, DAVID STRATHAIRN, LINDA MAY, CHARLENE SWANKEY, BOB WELLS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nomadland ist ein Western. Vielleicht ein Neo-Western, oder ein Spätwestern oder überhaupt ein Post-Millennial-Western. Aber ein Western. Dieses Bild des einsamen Cowboys oder Pistoleros oder Pioniers, der gegen den Sonnenuntergang reitet, immer weiter Richtung Pazifik. Der das ganze Land, all diese Wildnis dort in Nordamerika, sein Zuhause nennt. Umgeben von den Geräuschen der Natur und seinen Launen. Was für ein Mythos. Was für eine Romantik. Chloé Zhao gefällt das. Aber nicht dieses offensichtliche Bild, das ich hier  beschrieben habe. Sondern das Bewusstsein einer Nation dahinter, diese seit den alten Zeiten recht erfolgreich archivierte Gesinnung, die so oft mit Freiheit und allen möglichen Möglichkeiten verbunden wird. Dieses damit einhergehende, stereotype Bild der Männer und Frauen. Doch Chloé Zhao liebt ihr Land, in das sie emigriert ist; will das Nest, in dem sie selbst lebt, nicht beschmutzen; will auch niemanden, der scheinbar falsche Richtungen anpeilt, an den Haaren zurückhalten. Chloé Zhao will etwas nachspüren. Sie ist neugierig, wissbegierig. Will herausfinden, was diese Menschen antreibt, was sie straucheln lässt, wovon sie träumen, wohl wissend, diesen Traum niemals realisieren zu können.

Es ist zwar nichts faul, in diesem Staatenbund, zumindest aus Zhaos Sicht – aber nicht alles läuft nach Plan. Als Hemmschuh gilt der Mythos. Das war schon in ihrem beachtlichen, semidokumentarischen Spielfilm The Rider so. Das Draufgängertum des Rodeos; das toughe, unkaputtbare Männerbild des Westens. Nicht Indianer kennen keinen Schmerz, sondern der junge weiße Mann mit Hut und Halstuch. Ihr Blick darauf ist keiner des Mitleids, sondern des Mitgefühls. Zhao hält sich zurück, will beobachten, besetzt ihre Filme gerne mit Laiendarstellern oder mit genau den Darstellern, die diese ihre Geschichten tatsächlich erlebt haben. Viel Regie bedarf es dabei nicht – diese Menschen müssen nur sein, wie sie sind. Und Zhao bettet all das in eine Geschichte – die allerdings keinen Anfang und kein Ende hat, sondern Momentaufnahmen sind, mit ungewisser Zukunft.

In Nomadland hat Fern alias Francis McDormand (ausgezeichnet mit dem Oscar) ebenfalls einen Traum zu Grabe getragen, im Zuge ihrer existenziellen Not aber einen neuen ausgemacht – einen, der sich möglich und nicht verkehrt anfühlt, weil er dem Nationalbewusstsein entspricht. Sich dem Stolz der Pioniere bedient. So hat Fern also ihren Van, den sie sich recht kommod eingerichtet hat und mit welchem sie von einem saisonalen Job zum nächsten tingelt, quer durchs Land, durch die Prärie und durch die atemberaubend pittoreske Landschaft eines so reichen Kontinents. Sie trifft auf die Kommune der Nichtsesshaften, freundet sich mit urigen Originalen an, findet sogar etwas fürs Herz. Wir sehen den Alltag eines Lebensstils, der schon vor tausenden von Jahren als abgelegt gilt, den die Tuaregs noch praktizieren oder die Hirten der mongolischen Steppe. Nomadland ist ein in sich ruhender, unaufgeregter, sehr präziser Film, der völlig wertfrei einen Zustand widerspiegelt, der weder als trostloses Sozialdrama steht noch als idealisierte Aussteigerromantik. Von beidem hat McDormand etwas, unter beidem leidet und frohlockt sie gleichermaßen. Ihr Spiel ist ungekünstelt und zurücknehmend, direkt beiläufig – und ohne Scham vor kompromittierenden Alltagsszenen. Vielleicht hat ihr eben diese ungeschminkte, lockere Natürlichkeit den dritten Goldjungen eingebracht. Herausragend ist ihre Darstellung nicht, ungewöhnlich auch nicht. Dafür aber so angenehm normal. Diese Normalität sucht man im Kino fast schon vergeblich. Sowas kann McDormand. Und es könnte auch sein, dass sie und Zhao zu einem neuen Dreamteam werden, obwohl ich die Filmemacherin eher als jemanden einschätze, der viel lieber zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Wie eben für den neuen Marvel-Film Eternals, der zu Weihnachten in die Kinos kommen soll. Auf ihren Filmstil, verbunden mit dem Disney-Franchise, kann man gespannt sein.

Nomadland ist vor allem auch in seiner Machart bemerkenswert. Zhao begleitet ihre Reisende rund ein Jahr lang, von Winter bis Winter. Und zeigt dabei sehr viel in sehr kurzen Szenen und Sequenzen, die aber, trotz des akkuraten Schnittstils, in ihrer Gesamtheit eine elegische, dahingleitende Ruhe ausstrahlen. Trotz der Umtriebigkeit, trotz der Rastlosigkeit ihrer Protagonistin. Mit Michael Glawogger hat Zhao einiges gemeinsam – vor allem wenn ich mir seinen letzten Film, Untitled, ins Gedächtnis rufe. Beide haben diese Kunstfertigkeit, über das Reale zu erzählen und sich dabei eines prosaischen Alphabets zu bedienen. Das gereicht zu einem geduldigen, wohlwollenden Beitrag für ein neues, altes Hollywood.

Nomadland