M3GAN 2.0 (2025)

ROBO-LOLITA GIBT SICH DIE HANDKANTE

6,5/10


© 2025 Universal Pictures

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: GERARD JOHNSTONE

KAMERA: TOBY OLIVER

CAST: ALLISON WILLIAMS, VIOLET MCGRAW, AMIE DONALD, IVANNA SAKHNO, ARISTOTLE ATHARI, JEN VAN EPPS, BRIAN JORDAN ALVAREZ, TIMM SHARP, JEMAINE CLEMENT U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wenn die KI der Zukunft keine Terminatoren mehr hat, um sie in die Vergangenheit zu schicken, plündert sie womöglich den einen oder anderen Spielzeugladen, um einer Puppe habhaft zu werden, die genauso austeilen kann wie Alita, the Battle Angel. Die Rede ist von M3GAN, mit herzerweichend großen Augen und Knutschmund, weißen Strümpfen und Lolita-Mini, ein Hingucker für ältere Geilspechte, aber auch für junge Mädels, die in der falschen Welt von Social Media Idealmaßen und sonstigen kruden Stereotypen nacheifern. Da wärs doch gut, in Zeiten juveniler Egomanie eine toughe Freundin an der Seite zu haben, die so aussieht, als wäre sie von einer TikTok-KI zusammengeschustert. M3GAN 1.0 hat diese Aufgabe im erfolgreichen Einstand von Blumhouse noch viel zu ernst genommen. Um die neunjährige Cady, die ihre Eltern verloren hat und nun bei ihrer technikaffinen Tante wohnt, zu beschützen, tut Megan alles, und zwar wirklich alles. Auch anderen Lebewesen tut sie einiges an.

Vom Science-Fiction-Horror ist drei Jahre später nichts mehr zu sehen. Was bleibt, ist Science-Fiction, und eine relativ brandaktuelle obendrein. Da uns alle die Geißel der KI global zum Fortschritt drängt, um unser Leben einfacher zu machen als möglich und gesund wäre, kann der Paradigmenwechsel natürlich nicht spurlos am Filmbiz vorbeiziehen. Hier gibt es bereits einiges, das noch weit vor dem KI-Zeitalter pessimistische Vorausbetrachtungen auf Schiene setzen konnte. Das beginnt schon bei Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum, wenn ein menschenmordender Computer doch nur seine Pflicht erfüllen muss und dabei über Leichen geht. M3GAN 2.0 verbindet mit Bord-Intelligenz HAL 2000 zumindest die Denkweise. Genau das kann uns vielleicht irgendwann gefährlich werden. M3GAN allerdings, anfangs als körperlose KI im Elektronikhaushalt von Gemma (Allison Williams, Get Out) herumgeisternd, dürfte aus ihren Fehlern gelernt haben und auf die gute Seite wechseln, ganz so wie Arnold Schwarzenegger in Terminator 2: Tag der Abrechnung, der allerdings nicht sein eigenes Tun reflektierte, um ein besserer Roboter zu werden, sondern mit gänzlich anderen befehlen im Oberstübchen Mr. Flüssigmetall die Hölle heiß macht. Megan muss in filmischen zeiten wie diesen gegen eine metallene Antagonistin antreten, die noch mehr so aussieht wie ein Mensch und so kämpft wie Kristanna Loken in Terminator 3: Rebellion der Maschinen. Ist das Ganze also eine Parodie auf Filmreihen wie diese?

Jein. Gelegentlich wühlt M3GAN 2.0 im Schrottplatz für wiederverwertbare Robotik-Versatzstücke, jedes Mal mit einem „Wow! – Was hab ich da gefunden!“ unterlegt. Nicht hörbar zwar, aber von entsprechender Tonalität. MEGAN rauscht bald wieder, diesmal etwas größer, durch geheime Laboratorien, gelenkig wie immer und scheinbar kurz davor, die Seiten zu wechseln, denn was weiß man: auch KIs sind launisch. Der augenzwinkernde Humor kommt diesmal nicht zu kurz, und ja, es ist eine Komödie, knallbunt, chromglänzend und vor allem eines: äußerst entspannt. Diese launige Lust am Triezen von allem, was glaubt, am Ende der Fortschrittskette zu stehen und es besser zu wissen, wird auf triviale Weise zum Guilty Pleasure – ohne aber wie die Netflix-Serie Black Mirror tief im verstörenden Horror einer möglichen Zukunft zu wühlen. Gerard Johnstones Film, stark eingefärbt mit dem Kolorit der digitalen Zerstreuung, fühlt sich an wie ein Smalltalk zu brisantem Thema, der in anspruchsloser Spiellaune diverse Worts-Case-Szenarien karikiert. Das passiert völlig unangetrengt und entwischt dabei einem Genre, in dem es thematisch nichts mehr zu holen gibt. M3GAN 2.0 steht dazu – und zuckt nur mit den künstlichen Schultern.

M3GAN 2.0 (2025)

The Electric State (2025)

TECHNO-DYSTOPIE ALS KASPERLTHEATER

5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

DREHBUCH: CHRISTOPHER MARKUS, STEPHEN MCFEELY

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, CHRIS PRATT, STANLEY TUCCI, GIANCARLO ESPOSITO, KE HUY QUAN, WOODY NORMAN, MARTIN KLEBBA, WOODY HARRELSON, ANTHONY MACKIE, BRIAN COX, JENNY SLATE U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Vom melancholisch-dystopischen Roadmovie zum versöhnlichen Robotermärchen: Der Weg von Simon Stalenhågs illustriertem Kultroman The Electric State zum Netflix-Möchtegern-Blockbuster, inszeniert von den Russo-Brüdern, denen die besten Werke des MCU gelungen sind, ist weit und verschlungen, sodass sich nicht mehr erkennen lässt, von wo der Film gestartet sein mag. Beide Werke haben fast nichts mehr gemeinsam, außer vielleicht so manches Bild, vor allem auch die schnabelförmigen VR-Helme, die der Menschheit den endgültigen Rest geben. Eine der wohl teuersten Netflix-Produktionen verschlang sage und schreibe 320 Millionen Dollar. Ordentlich viel Kohle für ein im Grunde seines Wesens wenig innovatives Werk, das eigentlich auch kein Interesse daran zeigt, Stalenhågs Vision einer untergegangenen Welt aufzugreifen. Wie Stalenhåg wohl selbst auf die Verfilmung seines Kunstbuches reagiert haben mag? Eine Stellungnahme hat der Schöpfer dystopisch-metaphysischer Roboterwelten noch nicht abgegeben. Ob im Kaufvertrag zu den Lizenzrechten zu The Electric State wohl eine Klausel vorgesehen ist, die ihm verbietet, sich vielleicht unmutig zu äußern? Vielleicht ist er auch mehr als glücklich darüber, dass die Russos und vorzugsweise die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely, die auch das Skript zu Avengers: Infinity War vollbrachten, es geschafft haben, dieses ganze Roboterzeitalter aus der dunstigen Tristesse eines heftigen technologischen Hangovers zu schälen, um ein bisschen Mehr „Friede Freude Eierkuchen“ zu feiern.

In Anbetracht der Skepsis zum tsunamiartigen Fortschritt künstlicher Intelligenz-Tools scheint The Electric State in Filmform einen Weg gefunden zu haben, wieder dort anzuknüpfen, wo schon Steven Spielberg war, und zwar lange, lange Zeit vorher, genau genommen knapp ein Vierteljahrhundert, nämlich 2001. Sein Film A.I.: Künstliche Intelligenz, den Stanley Kubrick zu Lebzeiten noch verfilmen wollte, hat vieles, was The Electric State neu aufwärmt, zum Thema. Hier wie dort lautet die Frage: Wie menschlich sind Roboter? Ab wann ist KI als ein vollwertiges Bewusstsein und somit auch als vollwertige Person zu betrachten. Und wenn sie das ist, träumt sie dann von elektrischen Schafen? Womit wir bei Philipp K. Dick wären und seiner erwachsenen Welt rund um den Blade Runner. Isaac Asimovs Robotergesetze habe ich auch noch nicht erwähnt. Da kommt The Electric State reichlich spät, vor allem wird Russos Film wohl eher zum kauzigen Kasperletheater voller Merchandising-Testimonials, überdimensionalen Katzen und wandelnden Peanuts, mit dabei auch ein Baseball-Roboter und die gelbe Smiley-Grinsekatze Cosmo. Mit dem Winkelzug, die Welt Stalenhågs in den frühen Neunzigern zu verorten, mag die rostige Vintage-Technologie auch in das stilistische Konzept des Films passen. Jedoch nicht in jene des Buches.

Dort ist die Welt eine düstere, verlorene und verlassene. Nebel, wolkenverhangene Himmel, kein Sonnenstrahl dringt durch das gespenstische Grau. Gigantische Wracks kauern im Brachland, das industrielle Licht der Energiespeicher, die den Menschen ihren letzten Eskapismus gönnen, machen das Grauen komplett. Hätte sich Gareth Edwards statt seines durchwachsenen The Creator dieses Projektes angenommen, wäre etwas Bahnbrechendes entstanden. Etwas, das womöglich an Edwards Monsters erinnert, nur eben mit Robotern. Die Russos hingegen verpassen ihrem Werk den Stempel eines generischen Science-Fiction-Abenteuers, in welchem sich das Übel als Person manifestiert.

Stanley Tucci gibt einen von persönlichem Gram getriebenen Verschnitt aus Elon Musk und Jeff Bezos – einen Techno-Oligarchen, der den Menschen die virtuelle Welt schenkt, während sie alle vor die Hunde gehen. Nach einem kurzen Roboterkrieg, den Tuccis Figur gewonnen hat, steckt der wandelnde Schrott in einem Reservat, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Mädchen Michelle, das ihrem verstorbenen Bruder nachweint und im Grinse-Roboter Cosmo den Geist ihres Bruders entdeckt, wagt natürlich das Abenteuer, in die Welt hinauszugehen, um des Bruders Körper zu finden, was sie in die verbotene Zone bringt, wo die Russos sich visuell dann auch austoben können. Schön anzusehen ist das Ganze, die idealisierte Story verliert aber so gut wie fast alles, was Stalenhågs Vision ausmacht. The Electric State mag trivial sein, kitschig und vorhersehbar, er hinterlässt aber wider Erwarten idealisierte Zwischentöne, welche die Hoffnung auf eine Koexistenz zwischen KI und Mensch erträumen. Dieses Versöhnliche wabert nach, diesen Mood kann man sich mitnehmen.

TV Media hat The Electric State als katastrophal in jeder Hinsicht beschrieben. Anders als die austauschbaren generischen Agenten-Actionfilme, die sich untereinander nicht mehr unterscheiden lassen, hat dieser Film hier zumindest eigene Bildwelten, wenn schon die Geschichte selbst die Chance auf ein progressives Filmerlebnis verschmäht und sozialphilosphischen Konzepten der Zukunft gnadenlos hinterherhinkt. Viel eher zu empfehlen ist statt The Electric State die auf Amazon Prime erschienene Stalenhåg-Verfilmung Tales from the Loop. Mysteriöse Kurzgeschichten, die von einer Technologie erzählen, die längst die Dimensionen sprengt. Ansehen!

The Electric State (2025)

Companion – Die perfekte Begleitung (2025)

I WAS MADE FOR LOVING YOU BABY

6/10


© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: DREW HANCOCK

CAST: SOPHIE THATCHER, JACK QUAID, LUKAS CAGE, MEGAN SURI, HARVEY GUILLÉN, RUPERT FRIEND, MARC MENCHACA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Wie über einen Film berichten, über den man am besten kein Sterbenswörtchen verlieren sollte, außer vielleicht, dass Sophie Thatcher, zuletzt mit Hugh Grant in Heretic um die Wahrheit ringend, darin die Hauptrolle verkörpert? Man erzählt genau das: Welche kinematographischen Faktoren den Film so besonders machen und welche nicht. Neben Thatcher agiert übrigens Jack Quaid, unverkennbar der Sohn von Hollywoodstar Dennis und Freunden der Comicserie The Boys als einzig moralisch integre Institution und Identifikationsfigur bekannt, die in diesem Anti-Superhelden-Wahnsinn wohl als einziger einen kühlen Kopf behält. Jack Quaid also scheint auch hier, in Companion – Die perfekt Begleitung, als perfekter Partner mit freundlichem Lächeln und charmant-natürlicher Art Freundin Iris so sehr bezirzt zu haben, dass diese sich jeden Wunsch von dessen Augen abzulesen imstande sieht. Iris hat Josh, den Mann ihrer Träume, wohl gefunden – im Supermarkt beim Obstkisten-Fauxpas. Kitschiger kann die Liebe auf dem ersten Blick nicht sein. Dabei stellt sich die Frage: Ist es das, was Männer wünschen? Die bedingungslose Hingabe des oder der anderen? Wer will nicht gern hofiert und angehimmelt werden, oder sind diese Zeiten wirklich vorbei, wo Geschlechterrollen aus dem vorigen Jahrhundert bemüht werden und Gleichberechtigung nur etwas ist, das sich vielleicht bei den nächsten Wahlen niederschlägt.

Doch Iris hat kein Problem damit. Sie weiß nur: Sie ist in Gesellschaft nicht so die Rampensau und hat ihre Bedenken, wenn es darum geht, zur richtigen Zeit das Richtige von sich zu geben, um nicht die Stimmung zu ruinieren. An diesem Wochenende bei Freunden in der Luxuswohnstatt eines neureichen russischen Unternehmers scheint alles auf Grün gepolt. Man unterhält sich, tanzt, trinkt, Josh und Iris haben Sex. Ein erster Verdacht kommt auf, der die Situation so, wie sie scheint, nicht als gegeben hinnehmen kann. Am nächsten Morgen dann das Unglück: Der Russe liegt tot am Strand – und Iris rechtfertigt blutverschmiert ihre lethale Notwehr in Anbetracht sexueller Nötigung.

Fälschlicherweise wird Companion – Die perfekte Begleitung als ein Werk promotet, dass, so scheint es, mit Barbarian-Mastermind Zach Cregger in kreativer Verbindung steht. Letztlich verhält es sich nur so, dass dieser an der Produktion beteiligt war. Eigentlich hat hier Drew Hancock, bislang nur fürs Fernsehen tätig, die ganze Arbeit gemacht. Und ja, für ein Erstlingswerk auf Spielfilmlänge kann sich der wendungseiche Thriller durchaus sehen lassen. Allerdings: So wendungsreich ist er gar nicht, dafür versprach das Marketing deutlich mehr, um die Neugier zu wecken. Letztlich kommt alles so, wie man es ahnt oder erwartet – der prognostizierte Twist, der einen aus den Socken haut; der Zickzack-Kurs im Handlungsverlauf: überschaubar. Natürlich bemüht sich Hancock auf spielerische Weise, sein Publikum an der Nase herumzuführen. Es scheint, als wäre ihm dies sein größtes Anliegen – im Gegensatz dazu lässt er die Katze relativ früh aus dem Sack und wechselt elegant das Genre – nämlich dann, wenn keiner mehr den Saal verlässt. Er kann von Glück reden, hier Sophie Thatcher in die Bresche springen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu lassen. Ihr Spiel ist prickelnd, kokett und verführerisch, im Ensemble agiert sie prächtig.

Ob der Pfad der scheinbar unerwarteten Ereignisse nicht etwas zu verschlungen angelegt wurde, könnte man bei Companion locker hinterfragen. Vielleicht verheizt Hancock sein Ensemble auch viel zu schnell, um dann den letzten Akt in seiner Ausgestaltung genauso zu rechtfertigen. Wohin die Reise inhaltlich geht – um dies zu erwähnen, sind mir schließlich aus Respekt vor jenen, die den Streifen noch nicht gesehen haben, die Hände gebunden. Nur soviel: Theoretisch könnte Companion – Die perfekte Begleitung als ein weit entferntes Prequel für eine Dystopie herhalten, die sich gegenwärtig auch in der Realität langsam anbahnt. Mit welchen Karten hier geweissagt wird, bleibt offen. Dass der Film angesichts des näher rückenden Valentinstages speziell für Romantik-Zyniker ein idealer abendfüllender Zeitvertreib darstellt, lässt sich auf jeden Fall fix auf der Habenseite verbuchen.

Companion – Die perfekte Begleitung (2025)

Der wilde Roboter (2024)

AUF NÄCHSTENLIEBE PROGRAMMIERT

6/10


derwilderoboter© 2024 DreamWorks


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: CHRIS SANDERS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): LUPITA NYONG’O, PEDRO PASCAL, CATHERINE O’HARA, BILL NIGHY, STEPHANIE HSU, KIT CONNOR, ALEXANDRA NOVELLE, MATT BERRY, VING RHAMES U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): JUDITH RAKERS, AXEL MALZACHER, MADELEINE STOLZE, SEBASTIAN FITZNER, JOACHIM TENNSTEDT, ALICE BAUER, HANNS-JÖRG KRUMPHOLZ, BERND EGGER, JAN:MARTEN BLOCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Alles beginnt fast so wie in Robert Zemeckis Robinsonade Castaway: Durch ein Unwetter gelangt die Fracht eines verunglückten Transportschiffs an die unbewohnte Küste einer Insel. In den Kisten verpackt: Behende Haushaltsroboter für den guten Zweck, dafür programmiert, Aufgaben anzunehmen und diese auch auszuführen – wenn es denn jemanden gäbe, der diese Maschinen auch einsetzt. An diesem paradiesischen Ort, an welchem die Natur in Hülle und Fülle gedeiht, scheint ein Roboter anfangs so ziemlich fehl am Platz. Die Einheit Rozim 7134, kurz Roz, welche durch die unverhohlene Neugier einer Fischotterfamilie aktiviert wird, begegnet, als er durch den Wald streift, einer scheuen, verängstigten und aggressiven Fauna. Einem Wesen wie Roz ist hier noch niemand begegnet, und es scheint, als wären künstliche Intelligenzen wie diese inmitten eines intakten Ökosystems aus Fressen und Gefressenwerden, inmitten harscher Jahreszeiten und wenig Nächstenliebe, völlig fehl am Platz. Wäre da nicht ein verwaistes Gänseküken, für dessen Wohlbefinden die empathische, Behelfsroboterdame nun endlich eine Agenda hat. Ihr Ziel: Den rotschopfigen Vogel in die große weite Welt hinauszuschicken, oder ihn zumindest dafür fit zu bekommen. Unterstützung hierfür bekommt er dabei nicht mal von seinen Artgenossen, lediglich der Fuchs Fink, den auch kein anderer will, wird zu einem guten Freund. Anfangs eigennützig, doch dann zunehmend altruistisch.

Das Gefühl, sich um andere zu kümmern, die weniger resilient und deutlich vulnerabler als andere Individuen sind, wird in Der wilde Roboter zum ritterlichen Ehrenkodex, zum beharrlichen Projekt – anfangs aus Pflicht, dann nur mehr aus Liebe. Chris Sanders (u. a. Drachenzähmen leicht gemacht) sendet wichtige Botschaften aus, in denen das friedliche Miteinander zum obersten Gebot wird, verabschiedet sich dabei aber von einer unerbittlichen Natur, die Leben, Überleben und Tod als notwendigen und völlig wertfreien Zyklus versteht. Ein Idealismus setzt ein, der unter Menschen vielleicht genauso funktionieren würde, jedoch nicht unter Tieren der unterschiedlichsten Spezies. Das ist ein wiederkehrendes Dilemma bei Tierfabeln dieser Art, die von vegetarischen Löwen erzählen oder in denen Fische als minderwertige Lebewesen angesehen werden, nur weil sie vielleicht Schuppen statt Fell besitzen. Anfangs reißt Sanders Krähen noch den Kopf ab (eine für kleine Kinder irritierende Szene) oder zerlegt stieläugige Krabben, im weiteren Verlauf entfernt sich der Film aber zusehends von diesem natürlichen Verständnis. Man könnte sich fragen, ob das angestrebte Miteinander nicht die eigene Natur verrät? Versucht man, nicht zuviel in den Film hineinzuinterpretieren oder ihn gar zu analysieren – was bei Filmen dieser Art vielleicht gar nicht erbeten wird – genießt man zumindest ein farbintensives Animationsspektakel mit dem Herzen am rechten Fleck und dem Streben nach Versöhnung zwischen Fortschritt, Technik und Natur.

Wodurch man allerdings merkt, dass Sanders sich nicht damit begnügen will, nur ein Gleichnis über Nächstenliebe und Zusammenhalt auf den Punkt zu bringen, und zwar auf eine Weise, die für alle Altersklassen leicht verständlich scheint, die Älteren aber vielleicht etwas unterfordert, ist, sich auch dem Spektakel zu bedienen. So gesehen hat Der wilde Roboter, der so sein hätte können wie eine Variation von Selma Lagerlöfs impressionistischem Epos Nils Holgersson, drei mögliche Enden. Sanders nutzt aber keines davon und auch nicht jenes, womit er vielleicht nahe am Meisterwerk wäre. Letztlich gibt er sich einem Showdown hin, der fast schon an Overkill grenzt und der mitnichten notwendig gewesen wäre, um diese Geschichte auszuerzählen. Womöglich mag Dreamworks daran schuld sein, womöglich hätte Saunders gar viel früher seine Fabel beendet, doch Action muss sein, aus Angst, ein durch Social Media überreiztes Publikum vielleicht zu langweilen. Das wäre, mit Verlaub, niemals passiert. Dafür ist vieles in diesem Familienfilm viel zu liebevoll gestaltet, um auch ohne Rambazamba den Tieren, dem Roboter und jenen, die den Film sehen, Mitgefühl und Wärme entgegenzubringen.

Der wilde Roboter (2024)

Atlas (2024)

J.LO IM CGI-GEWITTER

6/10


atlas© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRAD PEYTON

DREHBUCH: LEO SARDARIAN, ARON ELI COLEITE

CAST: JENNIFER LOPEZ, SIMU LIU, STERLING K. BROWN, MARK STRONG, LANA PARRILLA, GREGORY JAMES COHAN, ABRAHAM POPOOLA, ZOE BOYLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eine Zeitenwende wie diese, in der wir uns gerade befinden, kommt niemals ohne Skepsis aus. Die Etablierung der KI ist dabei nur eine Frage der Zeit, und die Frage, ob gut oder schlecht für die Menschheit, eine offene. Vor Jahrzehnten schon hatte James Cameron diese seine Fiebervision von einem Killerroboter, der Menschen jagt, genannt der Terminator. Ausgebaut zu einem eigenen Filmuniversum mit wenig fruchtbaren Boden enthält dieses allerdings die Prämisse einer autarken, künstlichen Intelligenz, die sich gegen ihre Schöpfer auflehnt – genannt Skynet. Ja, so könnte es enden, dem Planeten an sich wäre es egal, weil Homo sapiens ohnehin am Ende der Nahrungskette steht oder irgendwo außerhalb selbiger. Uns selbst bereitet so ein Horrorszenario Kopfzerbrechen, und deswegen gibt es auch jenseits des Cameron-Franchise jede Menge Hightech-Grusel, die Roboter-Egomanen beinhalten, die sich nicht an Asimovs Regelwerk halten. Neuester Beitrag ist der auf Netflix erschienene Science-Fiction Film Atlas, wobei sich der Titel natürlich nicht auf die griechische Mythologie bezieht, sondern auf Jennifer Lopez, die im Film zwar nicht das ganze Firmement, aber immerhin genug Verantwortung tragen wird, was das Fortkommen der Menschheit betrifft. Atlas ist eine Koryphäe auf dem Gebiet Künstlicher Intelligenz, hält dieser aber weder für vertrauenswürdg noch berechenbar. Mit dieser Ablehnung dem Fortschritt gegenüber finden Jennifer Lopez und Regisseur Brad Peyton vor dem Bildschirm sicherlich jede Menge Gesinnungsgenossen, mehr noch als damals in den Achtzigern und frühen Neunziger. Skynet wurde damals noch belächelt, der neue Heerführer der Apokalypse, eine KI namens Harlan (Simu Liu), wird da schon anders betrachtet.

Dieser Schaltkreis-Schurke hat in einer nicht ganz so weit entfernten, aber doch in Anbetracht unseres tatsächlichen Status Quos völlig in den Sternen stehenden Zukunft einen globalen Vernichtungskrieg auf dem Gewissen. Nach dessen Niederlage zieht sich der Finsterling auf einen fremden Planeten zurück, um sich neu zu formieren. Wie er das bewerkstelligt hat, wird nicht näher erläutert, denn in dieser Zukunft ist selbst das Reisen in den Andromeda-Nebel, sprich in eine andere Galaxie, so einfach wie das Busfahren quer durch den Heimatbezirk. Die Ausgangssituation ist also alles andere als plausibel, da haben sich die Skriptautoren in kindlicher Fabulierlust allerlei Motive bedient, die ja ganz nett zusammenpassen und die vielleicht die angsterfüllte Skepsis jener aufgreifen, die in ganz anderen Dekaden hineingeboren wurden und schon beim Verlust des Wählscheibentelefons Wehmutsgefühle verspüren.

Zugegeben, es funktioniert. Trotz und vielleicht gerade wegen Superstar Jennifer Lopez, die ich wohl wirklich nicht als jemanden gesehen hätte, der sich in die Miniaturausgabe eines Pacific Rim-Kamproboters zwängt, um als Möchtegern-Actionheldin einem Overkill zu frönen, der sich von der Schwemme mäßig animierter Future-Action-Billigfilme mitreißen lässt. Es stellt sich die Frage, warum J.Lo diese Art Genrefilm denn nötig hat. Netflix und gutes Geld könnten die Antwort sein, auch, weil ihr Streaming-Eventfilm The Mother trotz durchwachsener Kritiken unschlagbar gute Zugriffszahlen aufwies. Ob Lopez in diesem Effektgewitter einen anderen Mehrwert sieht als nur den, als Superstar in der Spur zu bleiben? Dass die Sängerin, die gerne loud wird, auch schauspielern kann, hat sie vor Jahrzehnten schon in Steven Soderberghs Out of Sight bewiesen – immer noch ihre beste Rolle. Interessant ist, zu beobachten, wie sich die mittlerweile 54jährige Künstlerin bei einem Film ins Zeug legt, der in moralisch integrer Vorhersehbarkeit eigentlich jemanden wie sie nur als Lockvogel benötigt, um gut abzuschneiden.

Es scheint, als sähe J.Lo in ihrem Engagement mehr als nur das. Anfangs scheint es noch so, als wäre sie fehl am Platz. Mit verstrubbelter Montagmorgen-Frisur und asozialem, bisweilen als hölzern durchgehenden Gebaren ihren CO-Stars gegenüber könnte man gar einen Film vermuten, der irgendwann zu trivial wird. Als Expertin, die sich an einer Mission beteiligt, um Harlan dingfest zu machen, mag sie nur bedingt glaubwürdig sein. Wenn sie dann aber auf einem wilden Planeten landet und auf Gedeih und Verderb mit einer KI namens Smith paktieren muss, die vorgibt, dass das Vertrauen in diese keine verlorene Liebesmüh darstellt, überzeugt die Dame dann doch mit situationsadäquater Verzweiflung, mit Wut und Verlustangst.

Atlas (2024)

The Creator (2023)

DIE TRÄNEN DER ANDROIDEN

6/10


THE CREATOR© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GARETH EDWARDS

DREHBUCH: GARETH EDWARDS, CHRIS WEITZ

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, MADELEINE YUNA VOYLES, GEMMA CHAN, KEN WATANABE, STURGILL SIMPSON, ALLISON JANNEY, RALPH INESON, AMAR CHADHA-PATEL, MARC MENCHACA U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, in allen Zeitungen und, weil es so einfach geht, auf sehr vielen elektronischen Geräten. Als App, die sich ungeniert der lizenzfreien Datenaneignung hingibt, um mehr zu wissen als der User mit seinen unzureichend ausformulierten Prompts. Künstliche Intelligenz treibt uns alle um, macht Angst und schafft gleichermaßen Freizeit, wenn die Dinge an die Technik delegiert werden können. Dafür sind KIs schließlich da, und nicht dafür, sich als neue Spezies zu etablieren, auf einem Planeten, der ohnehin schon kaum mehr Ressourcen hat. Gareth Edwards, Held der Star Wars-Franchise und Virtuose im Schaffen von Bildern, die das Phantastische in natürliche Settings integrieren, hätte sein Roboterdrama nicht punktgenauer ins Kino bringen können. The Creator gibt sich schließlich der großen Frage hin, was wohl aus unserer Welt werden könnte, wenn künstliche Intelligenz mit eigenem Bewusstsein auf ein Daseinsrecht pocht und zum Teil einer rätselhaften Evolution wird, die Homo sapiens immer mehr den Rang abläuft.

Das sind prinzipiell mal, ohne viel nachzudenken, interessante Überlegungen. In einem schönen Film, der an die postmodernen (ich will nicht sagen: postapokalyptischen) Welten eines Simon Stålenhag (The Electric Dreams) erinnert. Bizarrer architektonischer High-Tech-Gigantismus zwischen naturbelassenen Landschaften überwiegend der asiatischen Hemisphäre – alles getaucht in mal zu-, mal abnehmendes Tageslicht; mal grobkörnig, mal leicht verwaschen. Es ist, als wären diese Gebilde wirklich da. Es ist, als wären diese Androiden, Simulants genannt, mit dem täuschend echten Antlitz diverser Gesichts-Sponsoren niemals weggewesen. Betrachtet man sie im Profil, erkennt man sie leicht an diesem Hohlraum zwischen Kiefer und Wirbelsäule, die eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Diese Androiden könnten die Vorstufe zu den Replikanten sein, mit welchen sich der Blade Runner zeitlich eigentlich früher, aber angepasst an The Creator viele Jahrzehnte später herumschlagen wird. Bei Gareth Edwards ist es das Jahr 2065. KI in jedweder Form hat bei den Westmächten längst seine Chance verspielt, nochmal groß rauszukommen. Aufgrund eines nicht näher definierten atomaren Zwischenfalls, welcher die Zerstörung von Los Angeles zur Folge hatte, ist in den USA der Geist aus dem Computer persona non grata – anders als im Osten, denn dort ist die Koexistenz zwischen Mensch und Maschine zum wahrgewordenen Wunschtraum eines John Connor geworden, der sich in der Welt des Terminators mit einer ganz anders gearteten, menschenfeindlichen KI namens Skynet herumschlagen musste. Im Osten schließlich wäre alles eitel Wonne und selbst Androiden würden den Weltreligionen wie dem Buddhismus folgen, würden sich die Westmächte nicht, was plausibel scheint, als Weltpolizei aufspielen und dem Fortschritt dank einer monströsen, im Orbit stationierten Waffe namens Nomad, den Krieg erklären. In diesem Tauziehen zwischen Ost und West sucht ein amerikanischer Ex-Agent namens Joshua Taylor (John David Washington) seine bei einem Anschlag vermeintlich draufgegangene Geliebte, die Teil eines Rebellenrings rund um den KI-Entwickler Nirmata gewesen ist und von Joshuas Doppelleben nichts wusste. Im Zuge seiner Bestrebungen fällt ihm auch noch die Roboter-Superwaffe Alpha O in die Hände – ein junges Androidenmädchen, das womöglich weiß, wo Joshuas Geliebte steckt, und wo auch Nirmata zu finden ist, dem alle habhaft werden wollen.

Die abenteuerliche Odyssee quer durch eine atemberaubend arrangierte Zukunft mit Robotern und Vehikeln, die frappant an Star Wars und eben Rogue One – A Star Wars Story erinnern, ist eine Sache. Die andere ist Gareth Edwards‘ und Chris Weitz‘ erschreckend naiver Zugang zur Materie. The Creator ist ein Film, der vor allem den Filmemachern gefällt, der sich selbst gefällt und, um diese Harmonie aus Natur und High-Tech nicht zu stören, allerlei Kompromisse für seinen Plot einzugehen bereit ist. Alles soll gut ins Konzept passen, passt aber nicht zu dieser übergeordneten Vision einer – ich sag‘s mal so – völlig unmöglichen Zukunft, die an so vielen Ecken und Enden so viele Fragen aufwirft, das man gar nicht mal anfangen will, diese – zumindest mal für sich selbst– zu beantworten.

Das fängt allein schon damit an, dass The Creator völlig ignoriert, dass die Welt, in der wir womöglich leben werden, sowohl an Überbevölkerung als auch unter Ressourcenknappheit leidet. Ist sowieso schon alles dicht gedrängt und die Existenz am Kippen, braucht es zu allem Überfluss Maschinenmenschen, die uns ersetzen. Diese zu bauen, kostet Geld. Wer finanziert das? Wieviel kostet ein Android? Können sich diese bereits selbst herstellen? Was sollen diese Streifzüge durch heruntergekommene Fabrikhallen, an denen „echte“ Menschen werkeln, während das, was vom Fließband steigt, das Nonplusultra eines High-Tech-Endprodukts darstellt?

Nichts ist in einer Welt wie dieser umsonst. Womit zahlen Androiden ihren Strom, den sie abzapfen? Menschliche Profitgier ist plötzlich kein Thema mehr, Landfraß nicht der Rede wert. Wo Gareth Edwards hinblickt, führen Androiden-Bauern ihre Wasserbüffel übers Feld. Hinken Androiden, nur weil sie die Gesichter alter Menschen haben, den lehmigen Dorfweg entlang. Menschenleere Strände, Inseln in der Andamenensee, idyllische Ja natürlich!-Wirtschaft inmitten eines Techno-Krieges? Das ist Kitsch, der ohne Kontext vielleicht funtkionieren würde. Die Welt dieser Zukunft seufzt in entrückter Melancholie vor lauter Science-Fiction-Romantik, als wäre Caspar David Friedrich im Roboterzeitalter wiedergeboren. Nur passt diese pittoreske Fiktion nirgendwohin, sie ist die gefällige Momentvorstellung eines Visionärs, der schöne Bilder liebt, schluchzende KI-Kinder und letzte Küsse vor dem Supergau, wie Felicity Jones und Diego Luna, kurz bevor der Todesstern den Palmenplaneten Scarif in Schutt und Asche verwandeln wird.

The Creator ist ein Bilderbuch aus einer irrealen Zukunft. Eines, das man gerne durchblättert, wovon man aber die rundum verfasste Geschichte nicht unbedingt mitlesen muss, denn dann könnte man Gefahr laufen, festzustellen, dass Edwards Film in ereiferndem Glauben an das Erstarken künstlicher Lebensformen dem Fortschritt der KI Tür und Tor öffnen will. Eine Conclusio, die mir nicht ganz schmeckt.

The Creator (2023)

TAU (2018)

DIE TRAURIGKEIT KÜNSTLICHER INTELLIGENZEN

6,5/10


tau© Limbo Films, S. De R.L. de C.V. Courtesy of Netflix


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: FEDERICO D’ALESSANDRO

DREHBUCH: NOGA LANDAU

CAST: MAIKA MONROE, ED SKREIN, GARY OLDMAN

LÄNGE: 1 STD 97 MIN


Könnte man mit HAL 2000, der in Stanley Kubricks Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum zum Psycho wurde, eigentlich Mitleid haben? Aus Sicht einer künstlichen Intelligenz wie dieser wäre das rote Auge vermutlich im Recht gewesen, wenn es darum geht, Bedrohungen, die dazu führen könnten, die eigene Existenz auszulöschen, auszumerzen. Denn: KIS wollen schließlich auch nur Mensch sein, obwohl sie nicht genau wissen, was Menschsein – eine Person sein – eigentlich bedeutet. Die KI im Film, sie strebt zumindest danach, Erleuchtung zu erlangen und akzeptiert zu werden wie unsereins; die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten zu haben. Tragisch, wenn eines dieser künstlichen Gehirne nur dazu da ist, um seinem Herrn und Meister jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Immerhin gibt’s Musik für die künstlichen Ohren, denn TAU liebt Klassisches. TAU ist überall. Zumindest in den sterilen vier Wänden eines obskuren Wissenschaftlers, dessen Projekt kurz davor steht, einen weltverändernden Durchbruch zu erlangen. Dieser Wissenschaftler ist aber, wie kann es denn anders sein, kein Guter. Er ist einer, der Menschen entführt, um sie für seine Tests zu missbrauchen. Eine der Gefangenen ist die Gelegenheitsdiebin Julia (Maika Monroe), die eines Tages im Keller besagten Hauses erwacht, gemeinsam mit zwei weiteren Gefangenen, die alle einen Mundschutz tragen. Bevor klar wird, was die junge, blonde Frau hier eigentlich soll, macht sie Radau – und sprengt das ganze Labor in die Luft. Dieser Befreiungsschlag mag der Auftakt für ein dezent brutales Kammerspiel zu sein, das zumindest dahingehend überrascht, sich nicht nur ein abendfüllendes Escape-Room-Szenario zu sichern. Gut, auch wenn es so wäre: mit dem Anziehen der Spannungsschraube und einigen dramaturgischen Haken könnte sogar ein geradliniger Plot wie dieser das Zug zum Nägelbeisser haben. Filme wie Terminator funktionieren genauso. Blick geradeaus – und durch.

TAU von Federico D’Alessandro und geschrieben von Noga Landau ist eine Dreiecksgeschichte, in der zwei von drei Rollen kompromisslos in Gut und Böse unterteilt sind. Da hätte der Film einiges mehr an Nuancen und Grauschattierungen rausholen und Ed Skrein nicht unbedingt so borniert agieren lassen müssen. Die dritte, abstrakte Rolle, gesprochen von Gary Oldman, ist diejenige, die während des Films gewissen Veränderungen unterworfen ist und mitunter auch den Standpunkt wechselt, was TAU den eigentlichen dramaturgischen Auftrieb gibt. Mit ihm steht und fällt die Faszination für ein nobel ausgestattetes Designkino, bei welchem Möbelfetischisten und Innenarchitekten beschleunigten Puls verspüren. Mir selbst entlockt diese sterile Behausung wenig Erstaunen, abgesehen vielleicht vom schnittigen Möbel-Transformer, der in Ruhestellung als eine auf dem Kopf gestellte Pyramide auf Gefahren aller Art lauert, mitunter auch auf den Fluchtversuch von High-Tech-Heldin Julia. Durch diese und andere Bedrohungen muss sich die gewiefte Blondine hindurchwinden und ihr psychologisches Know-How einsetzen, um den Status Quo zu ihren Gunsten zu verändern.

Eine KI wie diese bietet dabei jede Menge Projektionsfläche. Anders als HAL 2000 hat TAU keinen Zugang zum Internet. Lernt nicht, entwickelt sich nicht, kennt nichts von der Welt. Weiß nicht mal, dass es eine Welt gibt. Eine KI wie diese ist, anders als HAL 2000, zweifelsohne bemitleidenswert. Sie mag zwar so einige Skills auf der Habenseite wissen, doch das Soll ist ein bodenloses schwarzes Loch. Selten kommt es vor, dass ein Film auf die große Bedrohung eines programmierten Bewusstseins verzichtet – und dieses ebenso zum Opfer ernennt wie seine menschliche Bezugsperson. Die Bedrohung ist immer noch der Mensch selbst, KI nur ein Werkzeug – mit dem Potenzial, Erkenntnis zu erlangen. Durch diesen Stellungswechsel, was die Fronten in diesem Film angeht, erreicht TAU die geradezu bizarre Anmutung eines Beziehungsfilms, ähnlich wie Spike Jonzes Her – ein Mann und seine KI, die sich nur als Stimme manifestiert, auf dem amourösen Prüfstand. Hier ist es fast ähnlich, nur angereichert durch die Komponente eines recht simplen Thrillers, der wenig in die Tiefe geht, dafür aber als Katalysator für das eigentliche, höchst sehenswerte und durchaus bereichernde Kernstück sozialphilosophischer Science-Fiction dient.

TAU (2018)

Brian and Charles (2022)

MEIN FREUND, DIE WASCHMASCHINE

6/10


brian_and_charles© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

REGIE: JIM ARCHER

DREHBUCH: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, NACH DEM KURZFILM VON JIM ARCHER

CAST: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, LOUISE BREALEY, JAMIE MICHIE, NINA SOSANYA, LYNN HUNTER, COLIN BENNETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Mitarbeiter im Patentamt würden sich angesichts der tolldreisten Erfindungen, die der Sonderling Brian tagtäglich aus dem Fundus an alten Teilen zusammenkonstruiert, wohl kaum mehr wundern als sonst während ihres beruflichen Alltags. Mit Sicherheit wandern dort des Öfteren gelinde gesagt recht unnütze Verschlimmbesserungen in die Rundablage, ohne überhaupt genauer geprüft werden zu müssen. Handstaubsauger mit Flaschenhalter, eine Kurbelklobürste und allerhand seltsame Gerätschaften schmücken die Werkstatt des zurückgezogen lebenden Mannes, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund an seiner Seite – oder gar eine Freundin. Doch Brian ist ein kreativer Kopf, und solange die Ideen, so absurd sie auch sein mögen, aus seinem Denkapparat sprudeln, haben Depressionen keine Chance. Kreativität ist das Heilmittel für alles. Das Brainstorming vor dem großen Durchbruch ein spektakuläres Abenteuer.

Und dann das: Eines Tages kommt der Moment, den wohl auch der gute alte Gepetto erlebt haben muss, als eine Marionette aus Holz plötzlich stolz zum Morgengruß ansetzte. Etwas, das nicht leben kann, erfreut sich seiner Existenz. In diesem Fall ist es eben nicht Pinocchio, sondern Charles, eine Waschmaschine auf zwei Beinen, obendrauf der Kopf einer Schaufensterpuppe – dazu schütteres graues Haar und eine Brille. Wie durch ein Wunder scheint Brians Konzept für einen Roboter ins Schwarze getroffen zu haben. Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel. Nicht nur für ihn oder für sein überschaubares soziales Umfeld, sondern auch für uns Zuseher. Dass dieser Charles Petrescu, wie er sich nennt, also mehr ist als die Summe seiner Teile, mag einige Neider auf den Plan rufen – aber auch die schüchterne Hazel, die bei ihrer Mutter wohnt und für den kauzigen Erfinder mehr als nur Sympathie empfindet.

Jim Archers Underdog-Science-Fiction nach seinem eigenen Kurzfilm muss man eigentlich mögen, es geht gar nicht anders. Comedian David Earl als völlig in seiner Leidenschaft des Erfindens versunkener Außenseiter weckt zumindest in mir das verbrüdernde Verständnis für die in sich ruhende Glückseligkeit, die man bekommt, würde man im Tun dessen, was Freude bringt, sich selbst genügen. Das mag für alle anderen verrückt erscheinen, doch was die anderen meinen, schert niemanden mehr. Eine gute Einstellung, und doch geht es nicht ohne soziale Interaktion. Und die mag von mir aus ein ungelenker Roboter sein, dem sein eigenes Ich bewusst wird, der minütlich neu dazulernt und der trotz seiner unförmigen Physiognomie seltsamerweise in jedes Auto passt.

Mit nachvollziehbarer Logik lässt sich Brian und Charles gar nicht erklären. Collodis Pinocchio aber genauso wenig. Beide sind Märchen, beide sind Gleichnisse auf Selbstbestimmung und Originalität, auf Einzigartigkeit und das stete Streben nach neuen Ufern. Archers handgemachter Science-Fiction-Film verlässt dabei klassisches Erzählkino und bedient sich den Mechanismen einer Mockumentary – Brian durchbricht dabei die vierte Wand, wendet sich immer wieder einem ins Geschehen eingebundenen Betrachter zu, der vielleicht gar das eine oder andere Wort verliert.

Platziert in diese dörfliche Struktur völliger Abgeschiedenheit von der großen weiten Welt, die Charles aber unbedingt kennenlernen will, kommt auch Archers Film nicht über den Status einer Filmschrulle hinaus, die als Ständchen auf den verspielten Esprit des völlig Unnützen oder dem fehlkonstruierten Chaos verstanden werden will, aus dem irgendwann, ganz wie von selbst, Sinn entsteht. Mit Charles als dieses Wunder, diesem unförmigen Koloss, mag der Film so gemütlich wie absurd wirken, erzählerisch aber wagt er keine großen Sprünge. Man schmunzelt, man wundert sich. Mehr nicht. Doch vielleicht genügt das ohnehin.

Brian and Charles (2022)

Jung_E: Gedächtnis des Krieges (2023)

IMMER WIEDER AN DIE FRONT

6/10


JungE© 2023 Netflix


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2023

BUCH / REGIE: SANG-HO YEON

CAST: HYUN-JOO KIM, SOO-YEON KANG, KYUNG-SOO RYU, SO-YI PARK U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Natürlich ist es naiv, zu glauben, wenn in der Entwicklung künstlicher Intelligenzen die Kurve so steil nach oben geht wie in den letzten Monaten, wir einen Krieg mit entfesselten Robotern vom Zaun brechen. Natürlich nicht. Kein Skynet, kein I, Robot, kein Blade Runner. Diese Szenarien sind noch kaum absehbar. Beklemmend ist allerdings die Tatsache, dass KI dazu führt, uns Menschen alles abzunehmen, was wir delegieren möchten. Und es ist schon irgendwie ironisch, wenn die wohl realistischste Darstellung der menschlichen Zukunft zwar nicht im Weltraum, aber auf der Erde ungefähr so aussehen würde wie in Pixars ironischer Dystopie Wall-E. Vielleicht werden wir nicht ganz so ballonartig durch unsere Hallen rollen (denn Sport kann durch nichts ersetzt werden). Vielleicht manifestiert sich die Trägheit des Körpers wohl eher als Trägheit des Geistes, wenn Kreativität nur noch ausgelagert wird.

Doch im Kino werden Szenarien, die das Ende der Menschheit einläuten könnten, gerne übertrieben. Auch in diesem koreanischen Science-Fiction-Film ist Homo sapiens dessen Vorschussvertrauen für High Tech, Robotik und KI auf die Füße gefallen. In Jung_E: Gedächtnis des Krieges befindet sich eine längst dem Klimawandel zum Opfer gefallene und überflutete Erde im Krieg mit einer autark gewordenen, manischen Technologie, die separatistische Züge trägt und tut, was es, frei von Empathie und anderer Gefühle, für richtig hält. Im Orbit tobt also ein Krieg jener, die sich rechtzeitig auf Raumstationen haben retten können – und jenen, denen das Wasser auf der Erde bis zum Hals steht. Die Technik dort oben hat sich aber längst der Herrschaft des menschlichen Geistes entledigt und macht ihr eigenes Ding. Dagegen kämpfen seit Jahren perfekt ausgebildete Soldatinnen wie Jung-yi, die aber auch nur ein Mensch ist und über kurz oder lang von den Maschinen niedergestreckt wird. Mit dem Ende ihres Heldentums neigt sich auch Anthropozän einer Götterdämmerung entgegen. Jung-yi liegt im Koma, wird aber dank kniffligen High-Techs – und weil ihr Geist wohl der Prototyp eines erfolgreichen Soldaten darstellt – zu Übungszwecken in den Körper eines Androiden eingespeist, um die perfekte Armee zu erschaffen. Gerade deren Tochter Yun Seo-hyun, die längst ihre Mutter zu einer Halbgöttin verklärt hat, betreut das Projekt. Bis es, wie kann es anders sein, zwangsläufig aus dem Ruder läuft. Und der Geist Jung-yis die Befreiung plant.

Nein, Jung_E: Gedächtnis des Krieges ist kein trashiger Kawumm-Streifen voll ermüdender, dystopischer Action zwischen finsteren urbanen Ruinen. Es stimmt, das Ganze macht den Eindruck, als wäre es das – doch nur die große Eröffnungsszene liefert martialische Schauwerte, wie wir sie auch aus Edge of Tomorrow kennen. Science-Fiction-Afficionados mit eher bescheidener Vorliebe fürs Krawallkino bleibt an dieser Stelle zu empfehlen, dranzubeiben. Denn Jung_E steigt vom großen Bombast auf ein konzentriertes Machwerk um, das nur eine kleine Episode aus einer gigantischen Chronik erzählt, von welcher wir nie etwas erfahren werden. Verantwortlich für diesen, auf Netflix veröffentlichten Film ist der Macher des modernen Klassikers Train to Busan: Sang-Ho Yeon. Mit seinem „Zombie on the Train“-Thriller hat er dem Subgenre des Horrorfilms erfrischende Kicks verliehen. Der Nachfolger Peninsula sackte dann deutlich ab. Mit Jung_E: Gedächtnis des Krieges hat er sich aus seiner Schräglage geholt. Sang Ho-Yeon, der auch für den Busan-Klassiker das Drehbuch schrieb, schuf für dieses geradlinige und moralisch orientierte Thrillerdrama das trittsichere Grundkonstrukt einer sowohl dysfunktionalen als auch idealisierten Mutter-Tochter-Beziehung. Soo-Yeon Kang, die nach den Dreharbeiten mit nur 55 Jahren an einer Hirnblutung verstarb, gibt dem Film nicht nur dank ihres ungewöhnlichen Aussehens eine gewisse, vorab nicht zu erwartende Tiefe. Zum Glück reißt der Film nicht zu viele Themen an, bleibt Nebenstories fern und gewinnt durch seine dramaturgische Schlichtheit. Weniger ist mehr, auch wenn das top ausgestattete Drumherum aus Wissenschafts-Futurismus und absurd überhöhter Technik-Perfektion protzen möchte. Am Ende gewinnt das feine Drama und die variierte Idee von einem Ghost in the Shell.

Jung_E: Gedächtnis des Krieges (2023)

M3GAN

ALITAS FIESE SCHWESTER

6/10


m3gan© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GERARD JOHNSTONE

BUCH: AKELA COOPER

CAST: ALLISON WILLIAMS, VIOLET MCGRAW, AMIE DONALD, JENNA DAVIS (M3GANS STIMME), RONNY CHIENG, JEN VAN EPPS, BRIAN JORDAN ALVAREZ, STEPHANE GARNEAU-MONTEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Androiden sind nicht zum Vergnügen da. Künstliche Intelligenzen schon gar nicht. Sobald ein Programm die Möglichkeit hat, selbstständig zu lernen und sich unentwegt zu verbessern, kann sich unsere Spezies schon mal irgendeinen Tag in nicht allzu ferner Zukunft als den letzten in ihrer Existenz rot anstreichen. So reaktionsschnell und pragmatisch wie ein künstliches Gehirn, dem man noch dazu die Möglichkeit gibt, sich auch physisch auszudrücken, kann ein Mensch gar nicht sein. Wollen wir uns also wirklich selbst überholen, durch das, was wir aus unserem Know-How und unserer Intelligenz heraus geschaffen haben? Natürlich fällt uns das in den Rücken. In der alternativen Kinorealität von Terminator macht uns Skynet den Garaus, in Michael Crichtons Vergnügungspark-Horror Westworld wollen Androiden wie Yul Brunner endlich mal selbst bestimmen. HAL 2000 will anno 2001 um Gottes Willen nicht, dass ihn irgendjemand abdreht. Und da gibt es Beispiele noch und nöcher, gipfelnd in der philosophischen Frage aus Blade Runner, wo denn nun das Menschsein aufhört oder anfängt. Replikanten sind da längst die bessere Spezies und schaffen Monologe für die Ewigkeit, wie Rutger Hauer am Ende von Ridley Scotts Klassiker.

Doch man muss gar nicht so weit in die Zukunft blicken und gleich die ganze zivilisierte Welt in den Abgrund reißen. Es reicht auch, wenn das Spielzeug anfängt, Mätzchen zu machen. Wie in M3GAN, einem Science-Fiction-Thriller aus dem Hause Blumhouse und produziert von Saw-Spezialist James Wan, der diesem Toy Story-Alptraum nicht ganz so viel Blut entnimmt wie in anderen seiner Filme und das Publikum auch nicht vor lauter Jumpscares den Popcorn-Kübel als Sichtschutz empfiehlt. Bei M3GAN kann man die ganzen 100 Minuten Spielzeit getrost hinsehen, und zwar jede Sekunde, denn was hier wirklich fasziniert, ist weniger die auf etwas ausgetretenen Pfaden wandelnde Suspense-Story, sondern in erster Linie der Charakter dieser High-Tech-Humanoidin mit ihren großen, wasserklaren Augen, ihrer Puppenschnute und einem Hang zur Mode, die in den Siebzigern vielleicht der letzte Schrei war. Wie ihre größere Schwester aus der Zukunft, das künstliche Mädchen Alita, besteht M3GAN aus einem äußerst widerstandsfähigen Grundgerüst (warum nur?) und bewegt sich aufgrund eines ausgetüftelten Bewegungsapparates wie ein Mensch. Nur ab und an hört man mechanischen Schnurren – ein Soundeffekt, den der Film dezent einsetzt, um nicht plump zu wirken.

Diese 120cm große Spielgefährtin, die sich bald wohlhabende Familien um schlappe 10.000 Dollar leisten können, hält als Beta-Version in den Haushalt ihrer Schöpferin, AI-Tüftlerin Gemma (Allison Williams, bekannt aus Get Out), sehr bald Einzug. Und nicht nur dieser Roboter, auch Nichte Cady wohnt nach dem Unfalltod ihrer Eltern nun bei ihrer Tante und bläst bald Trübsal, einerseits aus Langeweile und andererseits natürlich aufgrund des Verlustes ihrer Familie. Als Trost sitzt nun bald M3GAN neben ihrem Bett und glänzt als autarke Puppe, die alles kann und viel mehr auf Cadys Wohlbefinden eingeht als ihr neuer Vormund, ist dieser doch mit dem Release des besten Spielzeugs der Welt beschäftigt. Und da entgehen ihr auch das eine oder andere Mal gewisse unrunde Feinheiten im Verhalten dieses kognitiv denkenden Konstrukts, das als oberste Priorität das leibliche und seelische Wohl ihrer Bezugsperson Cady ansieht. Und alles, was diese betrübt, fordert kühl berechnete, aber drastische Gegenmaßnahmen.

Es lässt sich denken, wohin das führt. Klar, M3GAN gerät außer Kontrolle. Seltsame Todesfälle häufen sich, und das kesse Roboter-Mädchen mit dem Hüftschwung massakriert sich durch die Nachbarschaft, ohne dass sich das Publikum davor ekeln muss. Aufgrund einer PG13-Schnittfassung sind explizite Gewaltszenen außen vor. Man fragt sich natürlich: Braucht es das, um guten Horror zu erzählen? Nun, das ist fast so, als würde man bei einem Gruselfilm alle Jumpscares skippen. Als würde man durch eine Geisterbahn fahren, und die Mechatronik versagt. Was bleibt, ist immer noch die Stimmung eines Films und eine Story, die auch ohne Effekte funktionieren soll. Bei M3GAN ist das nur bedingt der Fall. Das Quäntchen Horror lukriert sich aus der Fertigkeit der Puppe, geisterhaft zu erscheinen oder sich unnatürlichen Verrenkungen hinzugeben. Ein bisschen wie besessen sieht das aus, als bräuchten wir den nächsten Exorzisten. Und dennoch: M3GAN sieht man gerne zu, so wie man Alita gerne zugesehen hat, weil von diesen künstlichen Persönlichkeiten eine Faszination ausgeht, die Vladimir Nabokov wohl in seinem Roman Lolita beschrieben hat. Es ist diese den Mangas so eigene Mischung aus sexy Fräulein und martialischer Nemesis für so manche.

M3GAN nutz durchwegs gängige Versatzstücke, um seinen Thriller zu erzählen. Immer mal wieder jedoch blitzen Ambitionen durch, den Film als satirisches Psychodrama erscheinen zu lassen, das sowohl die Austauschbarkeit der Eltern als auch die bis ins Fatalistische getriebene Werteordnung von Kindern hinterfragt, die ihrem Spielzeug ihr Leben anvertrauen. Da hätten Gerard Johnstone und Skript-Autorin Akela Cooper noch viel mehr einhaken können. Genau diese Punkte hätten den Film in eine andere, gesellschaftskritische Richtung katapultiert, die mit ihrer gespenstischen Mentorin ihre Meisterin gefunden hätte.

M3GAN