Das Tagebuch der Anne Frank

UMS LEBEN GEBRACHT

7,5/10

 

annefrank„Das Tagebuch der Anne Frank“ auf Blu-ray & DVD erhältlich (Universal Pictures)

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE: HANS STEINBICHLER

MIT LEA VAN ACKEN, ULRICH NOETHEN, MARTINA GEDECK, STELLA KUNKAT, GERTI DRASSL U. A.

 

Es heißt ja immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn aber auch noch die Hoffnung stirbt, bleibt gar nichts mehr. Nur Dunkelheit, Vernichtung, Resignation. Die Niederschrift des gerade mal 15 Jahre alt gewordenen Mädchens Anne Frank zählt zu den wohl erschütterndsten Dokumenten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und das nicht, weil Anne Frank das Grauen in all ihren Details beschrieben hat. Solche Berichte sind in ihrem Tagebuch nicht zu finden. Es ist so erschütternd, weil die kindlich formulierte Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit ungehört bleibt. Das unendlich Traurige ist nicht das, was in dem Tagebuch geschrieben steht. Das unendlich Traurige stützt sich auf dem Wissen, das all das Wünschen, Träumen und Hoffen so kurz vor der Erfüllung letzten Endes umsonst gewesen war. Dass nach den letzten Zeilen in diesem Buch nichts mehr war. Nur Leere und Vernichtung.

Es beweist, dass die wichtigsten sozialen Strukturen einer Kernfamilie gegenüber einer zerstörerischen Macht wie dem Nationalsozialismus unweigerlich zerbrechen müssen. Eine heile Familie – die hat so etwas Unbesiegbares. Da wohnt ein Funken inne, der besagt, dass alles gut werden muss. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So betroffen wie dieses Bewusstsein der Verletzbarkeit vom Wunsch nach Normalität macht auch der Film von Hans Steinbichler. Seine Neuverfilmung des in die Ewigkeit eingegangenen persönlichen Berichts einer Verfolgten hat seine Besetzung mit Bedacht gewählt. Das Ensemble, allen voran Ulrich Noethen als Otto Frank, lässt das Ausharren und Bangen der versteckten Familie lebendig werden. Lea van Acken lässt ihre Anne Frank der enormen Rollenanforderung zum Trotz das aufgewühlte Emotionsspektrum eines Teenagers empfinden – von Zerbrechlichkeit über Selbstzweifel bis hin zu unerschütterlichem Trotz. Die Schwierigkeit, auch unter so extremen Bedingungen wie der selbst auferlegten Isolation vom Kind zur Erwachsenen zu reifen und ihre eigene unverwechselbare Persönlichkeit herauszubilden, wird zur Gratwanderung zwischen Aufbegehren und dem Suchen nach Nähe. Dazwischen träumt sie. Sieht sich auf sonnenwarmen Wiesen, im Wald, an der Luft.

Kaum eine andere Verfilmung nach Tatsachen endet so vernichtend wie Das Tagebuch der Anne Frank. Und dabei war die Erlösung so zum Greifen nah. Dann der abgrundtief höhnische Zynismus einer unbarmherzigen Realität. Das geht dann gar nicht anders, da läuft es einem kalt über den Rücken. Vor allem dann, wenn man beginnt, sich mit den Rollen zu identifizieren. Und das passiert, sofern man selbst Familie hat. Bei den wortlosen Szenen aus dem KZ am Ende des Films fehlen dann auch noch die Worte, wenn sie nicht schon zuvor ihre Stimme verlieren. Nämlich dann, wenn die Eingesperrten voller Zuversicht an das bevorstehende Ende des Krieges glauben – um kurz darauf entdeckt zu werden.

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein handwerklich solider, aber inhaltlich so beeindruckender wie erschütternder Film geworden. Eine immens wichtige Neuverfilmung, die durch das Dokudrama Meine Tochter Anne Frank von Richard Ley ergänzt werden kann, welches das Schicksal der Familie aus der Sicht des Vaters Otto Frank erzählt. Des einzigen Überlebenden.

Das Tagebuch der Anne Frank

Arthur und Claire

AMSTERDAM SEHEN… UND STERBEN?

7/10

 

arthurundclaire© 2018 Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE 2018

REGIE: MIGUEL ALEXANDRE

MIT JOSEF HADER, HANNAH HOEKSTRA, RAINER BOCK U. A.

 

Für alle, die den österreichischen Kultfilm Indien von Alfred Dorfer und Josef Hader aus dem Jahr 1992 nicht kennen, sei er dringend ans Herz gelegt. Dort gibt der noch sehr junge Kabarettist Hader mit Kinnbart einen vereinsamten Restauranttester, der durch die Ödnis Ostösterreichs tingelt und eine bittersüße Zweckfreundschaft fürs Leben findet. Jetzt ist der latent griesgrämige „Woody Allen“ Österreichs im besten Sinne zumindest ansatzweise zu seiner Paraderolle des lebensüberdrüssigen Einzelgängers zurückgekehrt. Allerdings gibt Hader diesmal nicht den Biedermann wie in Indien – seine Figur stammt aus anderen, gehobeneren Kreisen der Gesellschaft, ist aber nicht weniger ausgestoßen.

Der Charakter des Unsozialen mit ausgeprägtem Sinn für Zynismus zur richtigen Zeit steht dem stets blassnasigen Schauspieler mit dem Wiener Schmäh und dem unverkennbaren Sprachklang ganz ausgezeichnet. Überhaupt ist sein Arthur die wohl beste und sehenswerteste Performance seit Langem – da ist ihm Stefan Zweig im Exil aus Vor der Morgenröte längst nicht so gut gelungen. Den Dichter und kritischen Denker zu spielen ist auch offen gesagt eine ziemlich schwierige Aufgabe. Da fällt die Rolle des Arthur schon leichter, trotz der immensen Schwere des Schicksals, die ihn nach Amsterdam führt.

Den Freitod will er wählen, ganz offiziell. In ausgeschlafenem Zustand und mit Giftspritze. Dass am Abend davor das Schreiben des Abschiedsbriefes aufgrund von Unruhestörung im Nachbarzimmer des Hotels so gar nicht gelingen will, wird aber zum unbequemen Anfang von etwas, dass sich fast schon Fügung nennt. Denn Claire, die will ihrem Leben auch ein Ende setzen. Wogegen Josef Hader – in der womöglich intensivsten und virtuosesten Szene des Filmes – ordentlich dagegen interveniert – und sich beide zuerst wiederwillig, aber dann immer hilfesuchender, näherkommen.

Der Portugiese Miguel Alexandre (Der Mann mit dem Fagott), der mit Josef Hader gemeinsam auch am adapierten Drehbuch schrieb, ist eine Tragikomödie par excellence gelungen. Eine mal zutiefst traurige, mal urkomische Romanze, die unerwartet leicht von der Hand geht und fast schon so natürlich und launig durch die Krachtenstadt gondelt, als wäre Arthur und Claire eine französische Komödie. Zwischendurch blitzt immer wieder Haders ganz eigener trockener Humor auf, den seine Filmpartnerin Hannah Hoekstra mit Leidenschaft auffängt. Die niederländische Schauspielerin ist eine bereichernde Neuentdeckung. Ihre Sympathie zu Josef Hader dürfte auf alle Fälle nicht gespielt gewesen sein. Andernfalls wäre der Film ohnehin nicht gelungen, würde die Chemie nicht stimmen. Und der niederländische Dialekt entfaltet vor allem bei Hoekstra ihren liebevoll kauzigen Reiz. Das Sprachkolorit des Tulpenlandes bekommt nicht nur einmal sein Fett weg – Hader nützt jede Gelegenheit dazu.

Arthur und Claire ist Kopf-hoch-Kino zum Mitfühlen, ein urbanes Außenseitermärchen mit ganz viel keckem Charme. Niemals trist, oft trotzig, und in manchen Szenen so aufrichtig ungekünstelt und so direkt aus dem Bauch heraus gespielt, wie man es vor allem von Josef Hader noch nie so gesehen hat. Ausser in Indien vielleicht.

Arthur und Claire

Ferdinand – Geht stierisch ab!

WIE (K)EIN WILDER STIER

6/10

 

ferdinand© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: CARLOS SALDANHA

MIT DEN STIMMEN VON JOHN CENA, KATE MCKINNON, JERROD CARMICHAEL U. A.

 

Nie im Leben würde ich mir einen Stierkampf ansehen. Tierquälerei auf Showebene – Die Tribute von Panem für Wiederkäuer ohne Zukunft. Ein verwerfliches Kulturgut und ein Überbleibsel antiker Dekadenz, wenn ich an die um Leben und Tod geführten Schaukämpfe in römischen Theatern denke. Die Stierkämpfe in all ihrer Pracht sind paradoxerweise auch heute noch en vogue. Und da wünscht man sich, alle Stiere wären so wie Ferdinand.

Dieser Koloss von Rindvieh hatte seinen ersten Auftritt in dem kleinen Kinderbuch von Munro Leaf – als blumenliebender Pazifist unter den Haustieren hat Ferdinand als gehörnter Gandhi den Matadoren das Leben schwer gemacht. Stoff genug, um von Disney in einem wahrlich bezaubernden und künstlerisch hochwertigen Kurzfilm in Bewegtbilder umgesetzt zu werden. Die riesige Nase Ferdinands, die einem Staubsauger gleich auch das widerstandsfähigste Wiesenblümchen aufschnauft, ist ohnehin längst Kult. Disney-Kult.

20th Century Fox hat sich einer Neubelebung des literarischen Vorlage angenommen und die sanftmütige, zu Herzen gehende Geschichte auf Abendfülle gestreckt und – passend für Kinder des 21. Jahrhunderts – mit allerlei kindgerechten Versatzstücken angereichert. Das angenehm reduzierte, unaufdringliche Märchen um Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe und die kleinen, wertvollen dinge des Lebens gerät unter der Regie von Carlos Saldhana zu einer kurzweiligen und sympathischen, allerdings aber auch etwas schablonenhaften Komödie. Der schöngeistige, sanftmütige Stier sieht sich nicht nur mehr umringt von Blümchen aller Art – diesmal sind es auch Stiere und Möchtegern-Stiere unterschiedlichen Kalibers, von gefühlskalt bis neurotisch. Der unterschiedliche Haufen passt von den Hörnern bis zum Schweif überhaupt nicht zusammen, doch ihr Abenteuer bestehen müssen sie gemeinsam. So sehr es anfangs auch als unmöglich erscheint. Und spätestens bei der Beruhigungsziege – gibt’s so was wirklich? – Elvira kommen einem einige Charaktere ungemein bekannt vor. Die nervige Ziege mit dem enormen Vorbiss erinnert frappant an Dory aus Findet Nemo. Die drei Igel sind auch schon mal in diversen anderen Animationsfilmen zu sehen gewesen – als Wiesel oder Opossum, wie auch immer. Und der spaßbefreite Konkurrenzstier Valiente erinnert an eine Mischung aus dem Säbelzahntiger Diego und König der Löwen. Alles in allem fehlt es Ferdinand mit Ausnahme des titelgebenden Hauptcharakters an ausreichend einprägsamen Figurenzeichnungen.

Ganz klar sind die meisten Animationsfilme mit Tieren im Cast auf einige wenige Charaktere herunterzubrechen. Das Kleingetier ist wuselig überdreht mit punktgenauen Onelinern auf den Lippen, bei den Großen pendelt das Verhalten zwischen ungutem Raubein und wortkargem Sonderling. Man weiß im Vorhinein, wo die kalkulierten Lachnummern liegen. Das dürfte ich in anderen Genrefilmen wohl nicht wirklich wahrgenommen haben, in Ferdinand ist mir das Recycling an Figuren wohl am Stärksten aufgefallen. Doch wahrscheinlich lässt sich ein Abenteuer unter sprechenden Nutztieren gar nicht anders zeichnen. Und beim nächsten Film sind die frechen Scherzbolde wieder irgendwelche Nager. Den Kinder gefällt´s, und selbst mir entlockte Ferdinand einige Lacher. Die Szene mit dem Stier im Porzellanladen hätte selbst Disney nicht besser machen können. Keine Frage, der Film ist grundsympathisch und mit dem Herz am richtigen Fleck. Und er vermittelt Werte, die man – ob alt oder jung – verinnerlichen und mitnehmen kann. Dennoch ist Ferdinand keine innovative Überraschung, sondern begnügt sich mit bewährter Tricktechnik auf hohem Niveau. Und auch wenn anfangs sonnenklar ist, wie das ganze ausgeht – für die Kleinen kann das manchmal sehr beruhigend sein – und schmälert auch nicht den Kinospaß.

Ferdinand – Geht stierisch ab!

Maudie

DIE WELT IM BILDERRAHMEN

7,5/10

 

maudie10© Photo by Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media

 

LAND: Irland, Kanada 2017

Regie: Aisling Walsh

Mit Sally Hawkins, Ethan Hawke, u. a.

 

Zu meiner Schande muss ich gestehen – ich habe immer noch nicht den Film Happy Go Lucky gesehen. Diesen Gute Laune-Film mit der britischen Schauspielerin Sally Hawkins, die mir erstmals in der Waris Dirie-Verfilmung Wüstenblume positiv aufgefallen war. Mike Leigh´s Happy-Film soll von ansteckender positiver Ausstrahlung sein, vor allem dank dem expressiv-launigen Spiel seiner Hauptdarstellerin. Steht also ganz oben auf meiner Watchlist. Aber eigentlich erst, nachdem ich mir ihr neuestes Werk angesehen habe – Maudie. Das biografische irische Drama um eine an Arthritis erkrankten Lebens- und Bilderkünstlerin ist womöglich nicht weniger einnehmend als eingangs erwähnter Film. Denn Maudie ist, mit Verlaub, eine Sternstunde des Schauspielkinos. 

Es stimmt schon – Schauspielerinnen und Schauspieler, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen darstellen müssen, haben es grundsätzlich leichter. Die Auffälligkeit ihrer Rollen ist dem Handicap geschuldet, mit welchem die Figur ihren Alltag bzw. ihr Leben bestreiten muss. Sind Haltung und Verhalten mal einstudiert, gelingt zuerst mal eine augenscheinlich meisterhafte Performance. Aber, wie gesagt, eigentlich mehr wegen dem, was die dargestellte Person trotz ihrer Defizite leistet, und weniger wegen dem Schauspieler dahinter. Doch Vorsicht – ich will Leistungen wie Eddie Redmayne´s Darstellung von Stephen Hawking oder Dustin Hoffman als Rain Man sicherlich nicht schmälern. Und genauso wenig will ich Sally Hawkins Interpretation der grazilen, kleinen Hausfrau und Malerin schmälern, die im Nirgendwo in Nova Scotia in einer zugigen Fischerhütte ihr Leben durch den Bilderrahmen betrachtet. Hawkins stellt das zerbrechliche Häuflein Mensch mit manischer Präzision dar. Jeder Schritt ist ein schmerzvolles, mühsames Vorwärtskommen. Jeder Pinselstrich eine körperliche Anstrengung. Doch die wahre Brillanz ihrer Rolle wohnt der wundersamen Fähigkeit inne, der Unwirtlichkeit ihres Daseins auf engelsgleiche Art die Stirn zu bieten. Was in dieser kleinen, starken Frau zu stecken mag, ist unbeugsame Stärke, grenzenloser Lebenswillen und den Mut, Nähe zu geben uns zuzulassen. Dieses Unterfangen ist kein Leichtes. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, ist ein wortkarger, ruppiger Misanthrop. Ein eigenbrötlerischer Fischer, der den Menschen aus dem Weg geht und seine Gefühle tief vergraben hat. Ethan Hawke meistert den knorrigen Außenseiter mit Bravour und dem richtigen Gespür für Gestik und Mimik. Eine Beziehung, die auf Liebe basiert? Undenkbar. Und dennoch kommt, wie es kommen muss, wenn man sieht, wozu die kleine große Dame mit dem wirren Haar und der Liebe zum Farbenfrohsinn fähig sein kann. 

Maudie ist längst nicht nur das Portrait einer unbeugsamen Künstlerin, sondern auch ein ungemein zarter, teils enorm tragischer Liebesfilm, der seine Empfindungen ernst nimmt, ganz so wie seinerzeit Clint Eastwoods virtuoses Gefühlskaleidoskop Die Brücken am Fluss. Hawke und Hawkins schaffen es, tatsächlich etwas zu entfachen, was im Kinosaal spürbar ist. Sehnsucht, Nähe, Zusammenhalt. Und die Gewissheit, dass es das Wichtigste im Leben ist, geliebt zu werden. Dafür, dass man so ist, wie man ist, ohne zwingend etwas leisten zu müssen. Zwar hat es Maud Lewis mit ihrer naiven, einfachen Malerei sogar bis in die Medien geschafft – bemalt hat sie die Fischerhütte und alles, was ihr unter den Pinsel kam, eigentlich nur für sich und für ihr Seelenheil. Und genau so sollte es sein.

Maudie

The Book of Henry

ÜBER DEN TOD HINAUS

7/10

 

bookhenry@ 2017 Universal Pictures / Quelle: upig.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: COLIN TREVORROW

MIT JAEDEN LIEBERHER, JACOB TREMBLAY, NAOMI WATTS, DEAN NORRIS

 

Zivilcourage beginnt bei einem selber. Die kann man nicht auf andere abladen oder andere dafür verantworten. Bevor nichts getan wird, muss etwas getan werden. Schon klar, warum Verbrechen, die in aller Öffentlichkeit passieren, meist ignoriert werden. Es ist die Angst davor, selber draufzuzahlen. Der Selbstschutz ist nun mal stärker als der Altruismus. Verbrechen können auch totgeschwiegen werden, wenn es um Bürger geht, die Macht besitzen. Mit Macht in den Händen darf man so ziemlich alles. Blöd nur, dass es immer Dumme gibt, die dieser Macht folgen. Denn ohne Anhänger wäre der Mächtige auch selbst ziemlich schutzlos. Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist es, anderen zu helfen und notfalls aus ihrer Misere zu befreien. Genau das überlegt sich Henry, ein hochbegabter, überdurchschnittlich intelligenter zwölfjähriger Junge, der mit ansehen muss, wie die Tochter des Nachbarn missbraucht wird. Was kann er schon dagegen tun? Zumindest mal allererst einen Plan verfassen. Einen Plan zur Rettung des Mädchens, das noch dazu in sie selbe Klasse geht wie der schulpflichtige Geistesriese mit ausgeprägtem Familiensinn und der bis obenhin angefüllt ist mit Liebe für seine Mutter und vor allem für seinen kleinen Bruder. Dumm nur, dass Henry im Krankenhaus landet. Diagnose: Hirntumor.

Colin Trevorrow, Regisseur des wunderbar verschrobenen, absolut sehenswerten Indiedramas Journey of Love (auch bekannt als Der Zeitreisende), aber auch Regisseur des sagenhaft missglückten Dino-Sequels Jurassic World, hat anscheinend wieder zu den Wurzeln budgetär überschaubarer, kleiner aber feiner Dramen zurückgefunden. Vom Set des kommenden Star Wars Spin-Offs Solo: A Star Wars Story hat sich der Filmemacher aufgrund angeblicher Drehbuch-Differenzen entfernt. The Book of Henry dürfte zwischen Dem Dino-Erfolg und Star Wars entstanden sein. Der vereitelte Idealist wird sich in Zukunft wohl mit niedriger dimensionierten Filmprojekten abfinden müssen – was aber kein Schaden für das Kinopublikum sein muss. The Book of Henry ist nämlich, genauso wie Journey of Love, ein ungewöhnlicher Genre-Mix, diesmal aber einer zwischen Jugend-, Familien- und Selbstjustizdrama. Was in erster Linie ins Auge sticht, sind die Darbietungen der beiden Brüder. Jaeden Lieberher als Mastermind, der es schafft, auch über seinen Tod hinaus Botschaften zu vermitteln, beweist gemeinsam mit seinem Co-Filmpartner Jacob Tremblay, den wir bereits aus Raum kennen, dass beim Casting von heranwachsenden Supertalenten in Hollywood stets ins Schwarze getroffen wird. Beide stehlen Naomi Watts den ganzen Film hindurch die Show, einzig abgelöst vom grimmig dreinblickenden Stiefvater der Nachbarstochter, dargestellt von Breaking Bad-Star Dean Norris. Die Jungs dominieren den Film, und die Zuneigung der beiden füreinander ist in jeder Spielminute spürbar. Was The Book of Henry auch noch auszeichnet, oder sagen wir zumindest in Erinnerung bleiben lässt, ist eine der wohl schmerzlichsten und intensivsten Sterbeszenen, die ich jemals in einem Filmdrama miterleben durfte. Das reduzierte, fesselnde Spiel des 14jährigen Lieberher geht an die Nieren, der Moment des Todes ist fast so, als wäre man Teil der Familie. Wenn man selber Kinder hat, so ist die Szene fast schon unerträglich und verursacht einen Kropf im Hals, der nur sehr langsam oder bis zum Ende des Films gar nicht mehr verschwindet. Denn die Trauer des hinterbliebenen Bruders ist nicht weniger berührend als der alles verändernde Schicksalschlag innerhalb der Familie.
Der Tod, so zeigt uns The Book of Henry, ist längst kein Grund, unerledigte Dinge unerledigt zu lassen. Schon gar nicht, wenn es um Zivilcourage geht. Da gibt es immer noch dieses Mädchen, das befreit werden muss. Und plötzlich ist Henry wieder allgegenwärtig, dank seiner vorausschauenden Geistesgegenwart, seines Scharfsinns und seiner Opferbereitschaft im wahrsten Sinne.

Auch wenn einige Kritiker The Book of Henry verrissen haben, ist der Film aus meiner Sicht in keiner Weise ein wild fabulierendes, konfuses Kitschdrama. Ganz im Gegenteil. Taschentücher und Hollywood-Schmalz sucht man in der Erzählung über Mut und Verantwortung vergebens. Tränendrüsen werden zwar gedrückt, aber irgendwie anders. So wie der ganze Film auch irgendwie anders ist. Wie der wache Geist eines hochbegabten Kindes.

The Book of Henry

Die Croods

ICE AGE WAR GESTERN

8/10

 

croods@ 2013 Dreamworks / Quelle: indiwire.com

 

LAND: USA 2013

REGIE: Chris Sanders, Kirk De Micco

MIT DEN STIMMEN VON Nicolas Cage, Ryan Reynolds, Emma Stone (original) U. A.

 

Von wegen früher war alles besser. Gar nicht wahr. Die humanoiden Wesen der präzivilisatorischen Frühgeschichte hatten überhaupt nichts zu lachen. Das Leben war hart, es gab anfangs nicht mal Feuer, und geschlafen wurde auf Stein in Höhlen, die nur bedingt vor gefräßigen Räubern bewacht wurden. Das Leben der Steinzeit, das war kein Honiglecken. Sondern ein permanentes Zittern. Und auch im Familienverband wurde es nicht besser, ganz im Gegenteil. Da hatte Mann auch noch Verantwortung zu übernehmen für den neugierigen Nachwuchs, der jeden Sonnenuntergang die letzten Strahlen der Sonne einfangen will. So eine Familie sind Die Croods. Eine fünfköpfige, stets hungrige Familie inklusive Oma, die die Nacht im Schlafhaufen verbringt und für das Frühstück noch schnell einem Elefantenvögel das Nest ausräumen muss, um satt zu werden. Gar nicht leicht. Nein. Wenn da nicht plötzlich ein Jüngling Marke Homo sapiens auftauchen würde, der die Familie Croods ins gelobte Land führen will – jenseits vulkanischen Sperrgebiets. Denn die Tektonik feiert fröhliche Urständ und ruckelt und zuckelt, was das Zeug hält. Eruptionen und Pyroklastische Ströme inklusive. Die muss keiner von den Croods live erleben.

Was folgt, kennen wir aus Ice Age. Ein Roadmovie ohne fahrbaren Untersatz, quer durchs Gelände. Aber obwohl uns die Geschichte in Ansätzen bekannt vorkommt, ist sie in Chris Sander´s Animationskomödie unvergleichlich besser erzählt. Die Steinzeit von Dreamworks Pictures ist eine fabelhafte, bunte Welt, die sich aber so was von überhaupt nichts auf prähistorische Authentizität gibt. Die Steinzeit des Cartoon-Kinos, die ist so zauberhaft, surreal und abgehoben, als hätte Kinderbuchautor Erwin Moser, leider erst kürzlich verstorben, einen Schwank aus der Frühzeit des Menschen erzählt. Auch bei Erwin Moser ist die Welt, die er beschreibt, bei Weitem nicht die unsere, sondern eine phantastische Verschmelzung aus Erdachtem und Bekanntem. Was in der Welt der Croods so kreucht, fleucht und den Boden erzittern lässt, sprüht vor Einfallsreichtum und ist obendrein noch unglaublich schön anzusehen. Inmitten dieses kreativen Szenarios frei nach naturhistorischen Fakten stolpert und bricht die eigenwillige Familie durchs Unterholz. Die Flintstones wären nicht so weit gekommen, trotz fahrbaren Untersatzes. Auch bei Fred Feuerstein und Co spielt Geschichtsbezug keine Rolle. Da leben Dinos mit Menschen unter einem Dach. Dinos gibt’s bei den Croods aber nicht. Das geht dort noch besser. Über Land schreitende Wale, Piranhavögel und bunt befellte Säbelzahntiger.

Schnappschüsse vor Erfindung der Fotografie? Klar geht das. Wer nach all dem märchenhaften Zoobesuch langsam müde wird, darf sich an einer für Animationsfilme ungewohnt niveauvollen wie selbstironischen Situationskomik erfreuen. An überraschend gelungenen Slapstick, der brüllen lässt vor Lachen. Und auch skeptische Familienfilm-Muffel vom Zwerchfell-Bann befreit. Ice Age war gestern, und obwohl The Croods bereits schon vier Jahre auf dem Buckel haben, lässt die zwar inhaltlich nicht sehr originelle, aber in den Details wunderbar erdachte andere Familien-Comedy Scrat, Sid und Co etwas alt aussehen. Und ja, den kuschelweichen, bunten Tiger würde ich lieber kraulen als Diego.

Die Croods

El Olivo – Der Olivenbaum

EINEN BAUM AUFSTELLEN

8/10

 

olivo

SPANIEN 2015
REGIE: ICÍAR BOLLAÍN
MIT ANNA CASTILLO, JAVIER GUTIÉRREZ, PEP AMBRÒS

 

Ein Jahrtausende alter Olivenbaum, dessen knorriger Stamm an ein schreiendes Gesicht erinnert. Der Ausverkauf beständiger Werte. Und ein alter Mann, der lange schon nicht mehr spricht. Selten hat das europäische Kino in den letzten Jahren so unmissverständliche Akzente gesetzt – in einer berührenden Allegorie über die Globalisierung Europas und den Verrat an der familiären Biografie. Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die schon 2010 über den Identitätsverlust der bolivianischen Urbevölkerung in dem beklemmenden Drama Und dann der Regen philosophiert hat, setzt nun alle Hebel ihrer Erzählkunst in ihrem eigenen Land in Bewegung – in Spanien. Ganz im Zentrum steht nicht nur das Objekt der Beständigkeit – der alte Baum – sondern ein junges Mädchen namens Alma. Sie ist die Enkelin des schweigenden alten Mannes, eines ehemaligen Olivenbauern. Beide haben eine innige Bindung zu diesem Baum. Zwei Generationen, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart aber, das Hier und Jetzt, sieht in der bizarren Olive lediglich verschenktes, monetäres Potenzial. Der Baum wird verkauft, zum Leidwesen des Vaters, und zum Leidwesen der Tochter. Und wofür? Für ein Restaurant am Strand, das kurze Zeit später bankrottgeht. Manipuliert, ungefragt und hintergangen, kennt der alte Mann seine Familie fortan nicht mehr – mit Ausnahme der rebellischen Alma. Sie ist es auch, die alles daransetzt, den Baum zurückzuholen – der jetzt in der Aula eines Energiekonzerns, inmitten von Glas und Stahl seine kleinen Blätter künstlichem Licht entgegenstreckt. Alma ist im Herzen eine Aktivistin. Das Wohlergehen ihres Großvaters setzt sie über allem. Und wenn es sein muss, werden selbst die besten Freunde mit Halblügen dazu motiviert, die Seele ihrer Kindheit, ihres Lebensmenschen und ihrer ureigenen Welt zurückzuholen.

El Olivo ist ein wunderbarer, charmant erzählter und energischer Appell, sich selbst, seiner Geschichte und seinen Werten treu zu bleiben. Dabei geht es weniger um traditionelle, nationale Werte. So könnte man den Film natürlich auch sehen – als ein Blut und Boden-Gleichnis mit dem Aufruf dazu, nationale Identität zu bewahren und bei Verlust notfalls darum zu kämpfen. Aber ich denke, dieses Nationalbewusstsein ist nicht Basis der Rebellion, die hier beschrieben wird. Es ist der Wert der eigenen Geschichte, der Quell der eigenen Kraft und des eigenen Lebens. Dass die Macht europäischer Konzerne die Bedürfnisse des Einzelnen mit Füßen tritt und dort verlockt, wo das Geld knapp ist, ist das eine Drama des Films. Das andere ist die Bedeutung der Familie. Und zuletzt die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Dass gerade einer dieser gesichtslosen Energieriesen diesen alten Baum in sein künstlich geschaffenes Territorium holt, um nachhaltiges Denken zu signalisieren, ist ein trauriger Widerspruch in sich. Doch die Kraft, die ungebrochene Energie und die Beharrlichkeit der jungen Idealistin Alma lassen den Zuseher bis zuletzt hoffen, dass die Sache gut ausgeht.

El Olivo ist kein Märchen, und verspricht auch nicht das Unmögliche. Doch es ist eine Geschichte, die in ihrer Essenz an die metaphorischen Dramen eines Anton Tschechow erinnern. Die in ihrer warmherzigen Offenheit zumindest für kurze Zeit in einem selbst alles möglich erscheinen lässt. Auch die Erfüllung zum Guten, und die Wiederherstellung einer Ordnung, die auf Menschlichkeit setzt.

El Olivo – Der Olivenbaum

Happy Family

FAMILIE ALS FREAKSHOW

5/10

 

happyfamily

REGIE: HOLGER TAPPE
MIT DEN STIMMEN VON MAXIMILIAN EHRENREICH, ULRIKE STÜRZBECHER, HAPE KERKELING

 

Dadadadam – Schnipp Schnipp! – Wir alle kennen mit Sicherheit die unverwechselbare Titelmelodie der Schwarzweiß-Sitcom Die Addams Family, die in den 90ern zwei Kinofilme mit dem Dream-Team Raul Julia und Anjelica Huston nach sich zog. Und die nicht minder skurrile OmU-Serie The Munsters, die später dann nachkoloriert und synchronisiert wurde. Ein Leckerbissen der frühen Vorabendserie – meist aber, zumindest im österreichischen Rundfunk, spätabends ausgestrahlt. Mit kindlicher Lust am Parodieren hatten beide Fernsehformate den sozialen Mikrokosmos Familie am Kieker. Familie – das ist medial gesehen in den meisten Fällen so etwas Ähnliches wie eine Freakshow. Nirgendwo sonst bringt das Zusammenleben unterschiedlicher Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten so viel Wahres über das Verhalten des Menschen in der Gemeinschaft ans Tageslicht wie in einer Familie. Da geht’s nicht nur um Liebe, Vertrauen, Respekt, Ordnung und Aufgabenteilung. Da geht’s auch, überspitzt gesagt, um das ganz persönliche Über-Leben als Individuum. In heilloser Überzeichnung wird jede oder jeder Einzelne zum unverwechselbaren Freak mit ganz eigenen Vorzügen oder Schwachpunkten. Genauso – ob mit Handpuppen beim Psychotherapeuten oder als Gruselikone in Film und Fernsehen – lässt sich in der Familienaufstellung optisch klar abgegrenzt am Leichtesten Stellung beziehen.

Der deutsche Schriftsteller David Safier hat in seiner Fantasysatire Happy Family die Alltagsleiden und Defizite einer Durchschnittsfamilie namens Normalverbraucher mit Addams Family und The Munsters auf einen Nenner gebracht. Gelesen habe ich das Buch selbst nicht – der Film, so dachte ich mir, muss reichen. die Entscheidung war richtig. Die etwas an den Haaren herbeigezogene Mär von Dracula, der unter Zuhilfenahme einer rumänischen Hexe Hausfrau und Mutter Wünschmann zum Vampir mit Seele mutiert sehen will, um nicht allein zu sein, ist entweder als Film oder als Buch so ziemlich auserzählt. Urmel-Regisseur Holger Tappe hat die turbulente, aber enorm konfuse Komödie abgedroschenen Familienklischees unterworfen, die maximal Erkennungs – und Übertragungswert auf das eigene Vater-Mutter-Kind-Gefüge haben, jedoch nicht wirklich das Zwerchfell erschüttern.

Happy Family fehlt Bodenhaftung, eine gewisse ernsthafte Ruhe zwischendurch, die das Thema abverlangen würde, und eine Grenze fürs wilde Fabulieren nach oben hin. Tappes Verfilmung ufert aus bis zur Belanglosigkeit und schafft es nicht, einen eigenen Stil zu finden. Happy Family will so sein wie Ich – Einfach unverbesserlich. Will so sein wie Illumination. Das erkennt man an der Gestaltung der Figuren. Kantig und spitznasig. Glasig-große Augen und spindeldürre Körper. Merkmale von Gru und Co. Auch die hysterische Art des Erzählens, des Slapsticks und der Kalauer hart an der Schmerzgrenze lassen vermuten, dass die Welt der Minions und die Welt der Wünschmanns ein und dieselbe ist. Ob das beabsichtigt war, wage ich zu bezweifeln.

Happy Family

Guardians of the Galaxy Vol. 2

FLIEGENDE ALIENS IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

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guardians2

Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Waschbär her… nun, laut herausposaunen sollte ich die Abwandlung einer bekannten Weisheit lieber nicht, sonst bekomme ich von dem kleinen, felligen Guardian mit der Wumme eins übergebraten. Denn Waschbär will das freche Wesen nicht genannt werden. Doch was ist dieser Knilch überhaupt? Eine der vielen Fragen, die während der Kamikaze-Mission des zusammengewürfelten Haufens wilder Hündinnen und Hunde heiß diskutiert werden. Die chaotischen Outlaws schenken sich nichts, und doch stehen sie füreinander ein. Genau das ist das Geheimnis hinter dem Gelingen der furiosen, brüllend komischen Fortsetzung eines der wohl lustigsten und unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme seit Mel Brook´s Spaceballs.

Zugegeben, Guardians of the Galaxy Vol. 2 ist keine Parodie, sondern kann auch komisch sein, ohne erfolgreiche Vorbilder zu veralbern. Einfach ganz aus sich selbst heraus. Und ganz aus sich selbst heraus gehen diesmal auch Star-Lord, Rocket und Co. Ganz im Ernst – wenn man schon im ersten Teil mit den schrägen Figuren sympathisiert hat, kann und muss man sie im zweiten Abenteuer geradezu lieb gewinnen. Und dazu gehört auch sowohl der blauhäutige Pirat Yondu mit seinem Pfeifgeschoß als auch die stets tobsüchtige Schwester Nebula. James Gunn gelingt, was sonst nur Joss Whedon in Buffy, Firefly oder dem ersten Teil der Avengers gelungen ist – nämlich ganz auf den Reiz seiner Charaktere und ihren sozialen Mikrokosmos zu setzen. Der gibt einiges her – ganz zum Gaudium des Publikums. Die Guardians lassen uns von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt an einem Wechselbad der Gefühle teilhaben, der zum Schmunzeln, Wundern und Kopfschütteln einlädt. Den schrägen Vogel abgeschossen hat neben dem grundehrlichen Hünen Drax mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge und dem ans Perry Rhodan-Universum erinnernden Mausbiber natürlich der Wurzelzwerg Groot als hüftschwingendes Holzbaby mit Kulleraugen, begrenztem Wortschatz und dem Hang dazu, Dinge misszuverstehen. Ihm gehört die ganze Liebe des intergalaktischen Auditoriums – alleine das Intro des Filmes setzt trotz seines furios gefilmten Monster-Clashs seinen Fokus auf die Performance des unterschätzten Pinocchios und sorgt damit schon mal für eine bereitwillig wohlgesinnte Grundstimmung für den Rest des auffallend langen Filmes, der den Nebel rund um die Herkunft des Peter Quill zwar lüftet, aber im Grunde eine abgekoppelte, eigenständige Geschichte erzählt, die kaum bis gar keinen Bezug zur alles überspannenden Infinity-Storyline aufweist. Also noch Tags davor die Hintergründe zu den 6 außergewöhnlichen Steinen so ziemlich umsonst nachgelesen. Im großen Finale der Marvel Cinematic Universe werden sie aber eine im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Rolle spielen. Den roten Faden des großen Ganzen noch mal durch das Volume 2 der Guardians laufen zu lassen, wäre eine Chance gewesen, noch mehr Lust auf Marvel´s große Sause zu bekommen. Und dass selbst Thanos nicht mal in den Mid-Credit-Szenen einen Auftritt hatte, sorgt für leichte Irritation. Doch das sind hohe Ansprüche eines Nerds – Guardians of the Galaxy Vol. 2 mag zwar inhaltlich kaum relevant sein, das Auge hat während der niemals enden wollenden, furiosen Achterbahnfahrt zwischen Welten, Sternen und kuriosen Raumschiffen genug zu tun.

Tatsächlich gelingt es den Animationsstudios von Weta und Co, mit jedem weiteren Film, der in irrealen Welten spielt, noch um eine Stufe besser zu werden. Die virtuelle Kamera von Guardians of the Galaxy Vol. 2 zaubert eine sich immer wieder neu erfindende Welt in allen nur erdenklichen Perspektiven. Gestochen scharf, knallbunt und in atemberaubend räumlichem 3D. Darüber hinaus streut James Gunn jede Menge Easter Eggs und absurde Cameos wie Howard, die Ente oder David Hasselhoff als Quill´s imaginärer Vater-Ersatz. Hier werden Erinnerungen an die gute alte Science-Fiction-Welle aus den Achtzigern wach, die im Fahrwasser von Krieg der Sterne farbenfrohe Teamwork-Abenteuer wie Zardoz, Sador oder Flash Gordon ins Leben gerufen hat. Guardians of the Galaxy Vol. 2 macht die Peinlichkeiten von damals wieder gut – aber nur, um erneut zum feuchtfröhlichen Fremdschämen einzuladen. Doch Star-Lord und seine Freunde sind, was sie sind. Wer die Galaxis gerettet sehen will, der darf in der Wahl seiner Helden nicht so zimperlich sein und genug Sinn für Humor haben. Ein Teil von den Wächtern der Milchstraße zu sein wäre mit Sicherheit alles andere als langweilig. Und irgendwie auch so was wie Familie. Trotz Nebula, die man laut Drax eventuell zurücklassen könnte.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

Elliot, der Drache

DER DRACHE IN MEINER GARAGE

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elliott

Drachen gibt es wirklich. Oder zumindest wünschte ich, es wäre so. Als bekennender Liebhaber der geflügelten, schier unbezwingbaren Wesen muss ich wohl daran glauben und zugeben: ja, in meiner Garage lebt ein Drache (wenn ich eine solche hätte). Unsichtbar, schwebend, sich jedem wissenschaftlichen Nachweis entziehend. Der Astrophysiker Carl Sagan hat sich in seinem Buch über Aber- und Gottesglaube erstmals dieses Gleichnisses bedient. Das für niemanden ersichtliche Wunderwesen steht für die Tatsache, dass etwas, dessen Existenz oder auch Nicht-Existenz nicht bewiesen werden kann, für die Forschung so gut wie nicht von Bedeutung ist, es aber auch nicht zu 100 % ausgeschlossen werden könne. Eine Restwahrscheinlichkeit gibt es immer noch, wenn auch tendenziös unmöglich. Achselzuckend können wir aber immerhin noch weiter in der Vorstellung schwelgen, dass Drachen existieren, ebenso wie Nessie, Bigfoot oder Mokele Mbembe, der sagenhafte Brachiosaurier aus dem Kongobecken. Oder eben Elliot.

Nein, Elliot existiert natürlich nicht wirklich – er ist eine Zeichentrickfigur aus dem Hause Disney, die erstmals 1977 auf der Kinoleinwand zu sehen war und als grüner, moppeliger Drache Merchandising-Artikel wie kindgerechtes Bettzeug zieren durfte. Ja, Elliot war ein gutmütiges, zeitloses Wesen aus Farbe und Pinsel, das jedes Kind gerne zu seinen Freunden gezählt hätte. Fast 40 Jahre später wurde aus Elliot, dem Schmunzelmonster mit der violetten Struppelfrisur ein mythisches Wesen, dass sich in den Wäldern Nordamerikas verbirgt, unsichtbar werden kann und sich mit einem verwaisten Jungen anfreundet, den er vom Kleinkindalter an hegt, pflegt und beschützt. Dieser Junge namens Pete ist eine an Kipling´s Mowgli angelehnte Figur, die allerdings, statt sich in ein Wolfsrudel einzugliedern, einfach mit einem grünen, felligen, enorm gutmütigen Drachen vorliebnimmt. Pete´s Dragon, wie David Lowery´s Film aus dem Jahr 2016 im Original betitelt wird, hat mit der Zeichentrick-Vorlage von damals nur mehr sehr wenig zu tun. In diesem berührenden Fantasyfilm für die ganze Familie bekommen mitunter nicht nur Kinder feuchte Augen, auch junggebliebene Eltern, die ihrem Nachwuchs seit dem Kleinkindalter an allerhand Sagen und Märchen vorgelesen haben und es auch heute noch tun, können derartige Szenarien durchaus zu schätzen wissen. Drachen, vor allem wohlig pelzige Moosmonster wie dieser perfekt animierte Charakter, erweichen sogar die Herzen zynischer Realisten. Wie schön wäre es, gäbe es so ein Wesen tatsächlich. Elliot, der Drache macht die Probe aufs Exempel und begeistert als straff inszeniertes, liebevoll gestaltetes und moderat dramatisches Abenteuer Jung und Alt. Der geheimnisvolle Lebensraum Wald als Rückzugsort seltener Arten lädt als Schauplatz des Ökomärchens dazu ein, den Zauber des Verborgenen und Unbekannten mit geradezu kindlicher Unbefangenheit zu erfahren. Irgendwie beruhigend, dass vielleicht noch nicht alles Magische auf unserem Planeten rationaler Nüchternheit zum Opfer gefallen ist. Und dass das Phantastische im Alltag manchmal immer noch zum Greifen nah sein kann.

Hier ist Disney eine Realverfilmung gelungen, die sich wirklich sehen lassen kann. Oder sagen wir lieber: die Neuinterpretation eines Kultcharakters. Der Autounfall zu Beginn des Filmes sowie die Szenen der Drachenjagd könnten ein allzu junges Publikum vielleicht etwas verstören – in seiner Gesamtheit aber ist diese rundum gelungene, spannende und herrlich bebilderte Fantasy ein positives Erlebnis, das den nächsten Familienausflug im Wald mit etwas anderen Augen sehen lässt. Mit den Augen des grenzenlos Vorstellbaren.

Elliot, der Drache