Whistle (2025)

PFEIF MIR DAS LIED VOM TOD

2/10


Dafne Keen beschwört in Whistle den eigenen Tod herbei
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2025

REGIE: CORIN HARDY

DREHBUCH: OWEN EGERTON

KAMERA: BJÖRN CHARPENTIER

CAST: DAFNE KEEN, SOPHIE NÉLISSE, SKY YANG, JHALEIL SWABY, ALI SKOVBYE, PERCY HYNES WHITE, MICHELLE FAIRLEY, NICK FROST, STEPHEN KALYN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Es gibt sie wirklich: Aztekische Totenkopfpfeifen – womöglich eingesetzt zur psychologischen Kriegsführung. Wie das funktioniert hat? Diese kleinen, handlichen Blasinstrumente, die tatsächlich genau so aussehen wie im Film (nur in weniger akkuratem Zustand)  geben einen markerschütternden Ton ab, der so klingt wie der Schrei eines von Todesangst geplagten Menschen. Man kann sich den Klang mit Sicherheit auf Youtube zu Gemüte führen, doch mit Sicherheit ist es etwas anderes, den so kuriosen wie beängstigenden Sound direkt, ohne Zwischenmedium, ans Ohr zu lassen, und nicht in mauer Qualität ums Eck nochmal abzuhören. Dann weiß man, wie es ist, wenn dieser Klang nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

Artefakte-Horror mit realem Bezug? Bingo!

Mit diesem archäologischen Artefakt aus Mittelamerika lässt sich doch sicher ein schmissiger Horrorfilm machen? Magische Gegenstände aus frühen Zeiten geben schon was her – so zum Beispiel die tätowierte Mumienhand aus dem Geisterhorror Talk To Me der Gebrüder Philippou. Nimmt man diese wie zum Gruß und rezitiert dabei dem genauen Ritus folgend Phrasen, steht die Verbindung ins Jenseits, wo die Toten begierig aufs Diesseits schielen, weil es dort viel besser war.

In Whistle schürzt man die Lippen und trötet in das antike, pummelige Gefäß, um Gevatter Tod ein paar frühzeitige Tode zu bescheren, auf die er nur sehnlichst wartet, denn wie das Schicksal es so will, herrscht für jedes lebende Wesen ein gewisser Determinismus, der sich prinzipiell nicht umgehen lässt, es sei denn…

Als Tote(r) ist man immer klüger

Klar spielen Teenager mit der Gefahr. Egal, wie viele Schulklassen sie schon absolviert und wie sehr sie auch schon auf den ernsten Rest ihres Lebens vorbereitet wurden. In eine antike Pfeife bläst man gerne, auch auf die Gefahr hin, dies bald aus dem letzten Loch zu tun.

Whistle hält also einen filmgewordenen Abzählreim parat, und lässt all die entbehrlichen Freundinnen oder Freunde, die Dafne Keen umgeben, über die Klinge springen. Wenn Klingen ins Fleisch schneiden, bedeutet das Blut, Blut und nochmals Blut.

Einer wird so zugerichtet, als hätte er sich mit seinem Boliden mehrmals um einen Baum gewickelt, ein anderer macht dem schwarzen Ritter aus Monty Pythons Die Ritter der Kokosnuss alle Ehre. Nick Frost zum Beispiel hätte früher mit dem Rauchen aufhören sollen, aber wie auch immer. Wie Regisseur Corin Hardy, der uns mit The Nun ein Standalone für den Dämonen namens Valak geschenkt hat, geht in seinem neuen Film davon aus, dass es vollkommen reicht, Todesfälle nur zu variieren anstatt sie in ein Skript einzubetten, dass mehr über Tod, Schicksal und daraus entstehende, sich bedingende Umstände zu erzählen weiß. Als wäre diese Pfeife nicht eines respektvollen Nachpfeifens würdig, wenn sich Whistle nur ein bisschen mehr für sich selbst und seinen Plot interessiert hätte.

So uninteressant ist das Thema Tod doch gar nicht?

Dafne Keen, einst Wolverine-Girl in Logan und in der Star Wars Serie The Acolyte als Jedi vertreten, gibt hier ein Goth-Girl ohne nennenswerte Mimik. Um sie herum völlig austauschbare Charaktere, die, wie schon erwähnt, sich selbst begegnen, und zwar in der Stunde ihres Todes. Eine coole Idee, doch selbst die verschenkt Hardy insofern, da er zu glauben scheint, Dämon Valak würde auf jede nur erdenkliche Weise mit dem immer gleichen spukhaften Verhalten noch irgendwen hinter dem Ofen hervorlocken.

Einen Pfeifton für den Film, bitte!

Whistle fehlt zur Gänze, und das ist aus meiner Sicht nicht übertrieben, das Gespür für Atmosphäre und schleichendem Grusel. Seine Wahl der Mittel ist zu offensichtlich, um man fühlt schon Minuten, bevor Whistle irgendein Horror-Element aus dem Hut zaubert, was es ist, wie es kommen wird und wohin es letztlich führt. Für einen Horrorfilm ist das der schlimmste Tod. Dabei wünscht man sich vergeblich, dass irgendwer durchs Pfeifen in den knuffigen Totenschädel diesem ein vorzeitiges Ende beschert. Früh genug kann es nicht kommen.

Whistle (2025)

Feels Like Home (2025)

AUTOKRATIE AM MITTAGSTISCH

7,5/10


"Papa" Tibor Szervét, Rozi Lovas, Áron Molnar u. a. im Film Feels Like Home von Gábor Holtai
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: ITT ÉEZEM MAGAM OTTHON

LAND / JAHR: UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GÁBOR HOLTAI

KAMERA: DÁNIEL SZÖKE

CAST: ROZI LOVAS, ÁRON MOLNÁR, TIBOR SZERVÉT, DORKA GRYLLUS, BETTINA JÓZSA, ISTVAN ZNAMENAK, KORNÉL SIMON, SOMA SIMON U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Ungarischer Blockbuster

Ohne Geld ka Musi? Nicht so beim ungarischen Filmemacher Gábor Hotlai und seinem Langfilmdebüt Feels Like Home. Wer hätte gedacht, dass sich auch ohne staatliche Förderung – denn die hätte die Orban-Regierung nie gegeben – ein Film auf die Beine stellen lässt, der alle Stückchen spielt, und so professionell wirkt, als hätte er alles Geld der Welt. Letztendlich reüssierte der beklemmende Thriller zu einem der erfolgreichsten Independentfilme überhaupt in Ungarn – mit mehr als 215.000 Besuchern, die alleine nur aufgrund von gezielten Social Media Kampagnen und vor allem dank Mundpropaganda ins Kino strömten.

Orbanistan im Zinshaus

Bei uns in Österreich wird Feels Like Home, obschon im Stadtkino Filmverleih, wohl kaum die Ehre zuteil werden, auf großer Leinwand zu erstrahlen. Welch ein Glück, ihn beim Slash ½ Filmfestival noch ergattert zu haben, als letztes Werk im Rahmen dieses schmucken Ausflugs in die obskuren Tiefen des Fantastischen, von allegorischen Versuchsanordnungen bis zu mythologischem Ringelpiez. Feels Like Home zählt klar zu ersterem und ist als politische Parabel kaum zu übersehen. Denn Gábor Holtai, der hat es sich zur Aufgabe gemacht, das damals noch über die eigenen staatlichen Grenzen hinweg schillernde Orbanistan versandfertig zu konservieren und in einer stattlichen Zinshauswohnung auszulagern.

Sei nicht, wer du bist

Wie lässt sich das verstehen? Um das zu begreifen, dauert es einige Zeit – und fühlt sich, zumindest für ein Entführungsopfer wie Rita (Rozi Lovas), quälend lange an. Denn die wird eines Tages ganz plötzlich, auf dem Weg nach Hause, gekidnappt. Als sie erwacht, befindet sie sich in einem karg möblierten Zimmer, eine Stehlampe spendet spärliches Licht. Ihr gegenüber ein freundlich lächelnder Mann kräftigen Formats – also jemand, der lieber nicht verärgert werden will. Dieser Jemand aber fordert Rita auf, sich als seine Schwester Szilvi zu bekennen. Und verlangt damit die Aufgabe ihrer Identität.

Ganz schön beklemmend, was Gábor Hotlai seinem Publikum hier auftischt. Eine bizarre Situation folgt auf die nächste, Rita wird nach und nach klar, womit sie es zu tun hat. Was für ein System sich dahinter verbirgt, warum sie jemand sein muss, der sie nicht ist. Und wer all die anderen in dieser Familie sind, die Szilvi auf eine Art willkommen heißen, als wäre sie nur eine Zeit lang weggewesen.

Die Macht des alten Mannes

Über allem aber steht eine patriarchal geführte Autokratie. Holtai seziert ein politisches Konstrukt, nachdem er es auf die Größe einer Familie kleingeschrumpft hat. Im Kleinen, Überschaubaren, lassen sich Mechanismen viel klarer erkennen – und jedes noch so kleine Rädchen einzeln betrachten. Wie absurd erscheint so eine tendenziell totalitäre Struktur, und wie gefährlich kann sie für den oder die einzelne werden, wenn die Gedanken der Rebellion keimen, der Flucht und des Ausbruchs. Wie also lässt sich diese Unterdrückung brechen, wie so ein absurder Machtapparat stürzen? Ist Familie nicht selten so ein kleines Orbanistan, ein kleines Putinland, ein New Trump City, in der eine gehorchende Gefolgschaft ihr Tun irgendwann nicht mehr hinterfragt?

Die Sehnsucht, von Nutzen zu sein

Diese Mehrzimmerwohnung, die wie eine Zeitblase erscheint, als wäre man noch hinter dem Eisernen Vorhang, ist über lange Zeit das Versuchslabor für ein straff inszeniertes, messerscharfes Experiment. Zwischen Erniedrigung und frommem Hinterherhecheln erforscht Holtai die Psychologie der Unterworfenen, ihre Beweggründe und ans Stockholm-Syndrom erinnernde Verhaltensweisen, die mit einem ungestillten gesellschaftlichen Bedürfnis einhergehen. Feels Like Home legt all das offen, er behandelt die Wurzel des Übels in all seine Legitimation. Ein irrer Psychokrieg entbrennt, gespickt mit Gift, Galle und psychologischem Stacheldraht.

Ob Zuhause oder Heimatland – was macht das schon für einen Unterschied. In diesem Thriller ist Macht und Gehorsam kein persönliches Eigentum. Diktatoren, seid gewarnt.

Feels Like Home (2025)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

DAS DÄMONISCHE IN SONGS WIE EVERLASTING LOVE

8/10


Inde Navarrette und Michael Johnston in Curry Bakers Horrorfilm Obsession© 2026 Focus Features LLC


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CURRY BARKER

KAMERA: TAYLOR CLEMONS

CAST: MICHAEL JOHNSTON, INDE NAVARRETTE, COOPER TOMLINSON, MEGAN LAWLESS, ANDY RICHTER, HALEY FITZGERALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

I’D Do Anything for Love

Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

What is Love – Baby Don’t Hurt Me

Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

Can’t Take My Eyes Off You

Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

Against All Odds

Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

Rosebush Pruning (2026)

DIE FAMILIE ZUM FRASS VORWERFEN

4/10


Die ganze Familie - Elle fanning, Jamie Bell, Callum Turner, Riley Keough, Lukas Cage und Tracy Letts in Rosebush Pruning
© 2026 Stadtkino Filmverleih / Crossing Europe


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: KARIM AÏNOUZ

DREHBUCH: EFTHYMIS FILIPPOU

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: CALLUM TURNER, JAMIE BELL, RILEY KEOUGH, LUKAS GAGE, TRACY LETTS, PAMELA ANDERSON, ELLE FANNING, ELENA ANAYA, LOLO HERRERO U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN



Zum Auftakt des diesjährigen kleinen Festivalwunders Slash ½, auf welche bereits eine einschlägige und ungemein treue Community seit letzten September so unerbittlich wartet wie auf das Christkind (dass da in dieser Wartezeit irgendwo dazwischenliegt), zeigt Festivalleiter Markus Keuschnigg den, wie gesagt wird, wohl kontroversesten Film der diesjährigen Berlinale: Rosebush Pruning, was soviel heisst wie das Kappen und Schneiden von Rosenbüschen.

Lanthimos im Geiste

Das klingt unweigerlich nach Yorgos Lanthimos, vor allem in Verbindung mit einer dysfunktionalen Familie, die sich gegenseitig so dermaßen manipuliert und unterdrückt, als gäbe es kein Morgen mehr. In diesem dekadent reichen Kosmos einer fünfköpfigen Gesellschaft gibt es das auch bald nicht mehr – mit Akzeptanz, Liebe und individueller Freiheit hat das alles nichts mehr zu tun.

Keine Ahnung, warum sich Lanthimos immer wieder gerne subversive Inhalte wie Dogtooth, The Lobster oder The Killing of a Sacred Deer von der Seele inszeniert, doch diesmal, bei Rosebush Pruning, kann er nur bedingt etwas dafür. In Wahrheit steckt hinter Lanthimos Werken als Koautor fast immer Efthymis Fillippou. Diesmal hat der Grieche ein Solo hingelegt, um es vom gebürtigen Brasilianer Karim Aïnouz (Firebrand, Motel Destino) umgesetzt zu sehen.

Das Stigma der Gleichgültigkeit

Klar wird: Auch ohne Lanthimos enthält Rosebush Pruning irgendwie alles, was Lanthimos ausmacht. Oder ausgemacht hat, denn nunmehr zeigt sich dieser von einer milderen, profaneren Seite, wie zuletzt in Bugonia (was der Qualität aber keinen Abbruch getan hat, ganz im Gegenteil). Ohne Filippou ist Lanthimos nahbarer und griffiger – die gestelzte Unnahbarkeit der Figuren mag wohl an Fillipous Schreibstil liegen, der seinen Figuren kaum Charisma oder dreidimensionale Charakterzüge schenkt, die ihr Umfeld reflektieren können.

Womit wir beim eigentlichen Problem von Rosebush Pruning wären. Das ganze wäre ja furchtbar skandalös, wenn einem die ganze Sippschaft hier, die irgendwo in Katalonien in der waldreichen Isolation ihr hedonistisches Dasein fristet, so erschreckend egal wäre.

Illustre Runde

Dabei ist der ganze Film ordentlich starbesetzt, lauter bekannte Gesichter. Callum Turner (der mögliche nächste James Bond?), Sentimental Value-Schönheit Elle Fanning, Ex-Balletttänzer Jamie Bell, Riley Keough oder Tracy Letts als der blinde Patriarch ohne Namen, der längst schon seine Familie an den Abgrund getrieben hat und nur noch darauf warten müsste, dass alle hineinstürzen – er womöglich zuerst. Das gelingt ihnen allein durch das Verständnis der Mechanismen von Intriganz und Unterdrückung, die wiederum nur funktioniert, weil das Konstrukt von Familie Regeln hat, die nicht zu brechen fast schon an ein Sakrileg grenzt.

Verstörende Vorlieben

Fast hätte ich Pamela Anderson vergessen! Die mischt hier auch noch mit und begeistert durch ein strahlend toxisches Lächeln von der vielen Zahnpflege – wobei, die schäumende Mundhygiene mitunter auch zur Zweckentfremdung dient. Leider, und das ist der ganze Ausgangspunkt, wurde die von einem Rudel Wölfe verschleppt, wodurch der blinde König in seinem prunkvollen Exil (nämlich Letts) absolutistisch herrscht, als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt.

So wie Pamela Anderson angeblich von gierigen Tieren zerrissen wurde, so zerreißt zusehends diese blutsverwandte, ineinander verwachsene Struktur mitsamt ihren verstörenden Vorlieben, die aber nichts mit Lebensträumen zu tun haben, sondern mit egozentrischer Macht.

Skandal als Mittel zum Zweck

Fillippou stattet jede seiner Figuren mit unschönen Eigenschaften aus, die nacheinander das Licht der Leinwand erblicken und angeblich so manche aus dem Berlinale-Publikum dazu veranlasst haben, den Kinosaal zu verlassen. Wenn es denn nicht so egal wäre, wenn man davon nicht so unberührt wäre.

Die Dekonstruktion eines stinkreichen patriarchalen Gefüges hat man schon oft gesehen, doch erstaunlicherweise selten so inspirationslos, als wäre die Provokation dann doch nur Mittel zum Zweck und die Weltentfremdung eine autoaggressive Nummernrevue, in der irgendwo ganz tief in Fillippou eine große persönliche Enttäuschung oder Erniedrigung liegen muss, die sich an exaltierten Ich-Personen ohne Perspektive abreagiert.

Rosebush Pruning (2026)

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

They Will Kill You (2026)

EIN OPFERLAMM LÄSST DIE SAU RAUS
7/10



© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KIRILL SOKOLOW

DREHBUCH: KIRILL SOKOLOW, ALEX LITVAK

KAMERA: ISAAC BAUMAN

CAST: ZAZIE BEETZ, MYHA’LA, PATRICIA ARQUETTE, PATERSON JOSEPH, TOM FELTON, HEATHER GRAHAM, DARRON MEYER, GABE GABRIEL, CHRIS VAN RENSBURG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



„Da hat wohl jemand Schwein gehabt“, könnte man nach Sichtung dieses überdrehten Streifens behaupten. Ein Spoiler wäre das aber jedenfalls keiner. Der Weg zum großen Ganzen in dieser Sause bedarf etwas mehr als knackige 90 Minuten, und das ist genau die Dosis, die ein Film wie They Will Kill You sehr gut aushält, bevor sich so manches gar wiederholt oder selbst zitiert, nur weil das Filmteam nicht genug davon bekommt, wie Zazie Beetz sich im Pyjama durch die Gegend schlachtet.

Was für eine nette Wohngemeinschaft

Die meisten kennen die Schauspielerin wohl schon seit Todd Philipps Joker, nun aber hat sie endlich ihren eigenen Film, wo sie gar nicht mal einen grellgelben Trainingsanzug zur Schau stellen muss wie seinerzeit Uma Thurman in Kill Bill, sondern wo Schlabberhose und T-Shirt absolut reichen, um das um ihre Nachtruhe beraubte und daher auch recht wütende Dienstmädchen absolut stylish in Szene zu setzen. Dabei befinden wir uns in einem recht abgesteckten Setting, das Kenner unweigerlich an einen Klassiker des okkulten Grusels erinnert: Rosemarys Baby.

Inmitten eines verregneten und ungastlichen Manhattan ragt also dieser brutale Massivbau eines Wohnblocks in die Düsternis, ein nobles Etablissement, alles sehr Retro und geschmackvoll. Auch die Bewohner und Bewohnerinnen überaus freundlich, und wir wissen sofort: So süßliche Verhaltensweisen bedeuten meist nichts Gutes, da steckt stets etwas Dunkles dahinter. Und ehe man es sich versieht, können all die netten Leute gar nicht mehr bis auf den nächsten Morgen warten, um Zazie Beetz ihre Gunst zu erweisen. Was ihre Figur an diesem Ort verloren hat? Die kleine Schwester. Grund genug, um sich mit einer ganzen Schar eigentümlicher Satanisten anzulegen, die, verpackt in dunkelgrüne Regenmäntel und getarnt mit Schweinemasken (da haben wir es wieder, das Schwein) die Dame gerne opfern möchten.

Sofern man nicht zum Fanatismus neigt, ist das wohl eine Gefälligkeit, der man eigentlich nicht nachgeben will. Zum Glück für diese sympathische und zugleich wildgewordene Furie kann sie auch noch verdammt gut kämpfen. Wäre da nicht ein gewisser Faktor, mit dem die sinistre Belegschaft den Heimvorteil hat, und somit die Aussicht auf einen Erfolg des Guten in weite Ferne rücken lässt.

Blaxploitation heisst das Zauberwort

Sieht man sich die mit der Machete herumschwingende, rabiate Beetz an, so wird schnell klar, welchem Genre Regisseur Kirill Sokolow (Why Don’t You Just Die) hier huldigen möchte: Dem Exploitationkino – oder auch Blaxploitation, denn Zazie Beetz ist farbig, und Blaxploitation unterscheidet sich genau um diesen Umstand von erstgenannter Art. Wie man solche Filme macht, wissen auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Label Grindhouse das mitternächtliche Bahnhofskino würdigten.

Machete, Death Proof oder Planet Terror sind mustergültige Kandidaten, die längst jedes Filmlexikon ergänzt haben. Und jetzt auch They Will Kill You. Überzogene, explizite Gewalt, abstruse Plots, trashiger Style, derber bis tiefschwarzer Humor, über allem oftmals eine starke Heldin (früher zum Beispiel Pam Grier, die sehr viel später in Jackie Brown nochmal ein Da Capo hingelegt hat), die in völliger Ignoranz gegenüber physikalischen Gesetzen und sonstiger Logik die Nemesis für all das finstere Gesocks macht, das gerne auch mal verstörend psychopathische Verhaltensweisen an den Tag legt.

In Dreiteufels Namen

Unter diesen stilistischen Voraussetzungen lässt Sokolow in seinem fürs Spätkino ideale Gustostückchen vielleicht auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sau raus, und zwischendurch, man kommt nicht umhin, blitzt die verspielte Phantastik eines Terry Gilliam durch, obwohl der Herr damit nicht das Geringste zu tun hat. Gilliam und Polanski, vermengt mit den wüsten Anwandlungen einer Bahnhofskino-Groteske: Das ist They Will Kill You. Und dabei weit entfernt von Genreverwandten wie Ready Or Not, die im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: Junge Frau wird notgedrungen zum Freiwild, weil sie dem Leibhaftigen geopfert werden muss, sonst verlieren all jene, die das Dunkel anbeten, ihre Privilegien.

Während Ready or Not zwar Spaß macht, aber in geordneten Bahnen bleibt und zwar schon auch übertreibt, nur etwas verhalten, purzeln bei They Will Kill You die bizarren Ideen nur so von des Beelzebubs Schoß. Dabei macht es Spaß, auch das Retro-Design der Inserts mit der übrigen Reminiszenz an das Alles-erlaubt-Kino in Einklang zu bringen.

Sokolows spaßiger Splattertrip mag zwar nicht Spaß für die ganze Familie sein – für den cineastischen Junk Food Liebhaber aber ein knackig angebratener, gepfefferter Burger – vom Schwein.

They Will Kill You (2026)

Ready Or Not 2 (2026)

VOM BLUTREGEN IN DIE HÄMOGLOBINTRAUFE

6,5/10


Samara Weaving und Kathryn Newton in der Horrorkomödie Ready Or Not 2
© 2026 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: MATT BETTINELLI-OLPIN, TYLER GILLETT

DREHBUCH: GUY BUSICK, R. CHRISTOPHER MURPHY

KAMERA: BRETT JUTKIEWICZ

CAST: SAMARA WEAVING, KATHRYN NEWTON, ELIJAH WOOD, SARAH MICHELLE GELLAR, SHAWN HATOSY, NESTOR CARBONELL, DAVID CRONENBERG, KEVIN DURAND, OLIVIA CHENG, VARUN SARANGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Keine Ruh hat man. Das wusste schon Sigourney Weaver. In James Camerons Sequel zu Alien kam die Action-Ikone Ellen Ripley auch nicht wirklich zum Ausschlafen, musste sie doch gleich wieder zurück auf diesen Planeten, wo im Original alles begonnen hat. Der zweite Teil setzt dabei genau da an, wo er aufgehört hat. Und zwar nahtlos. Dasselbe passiert bei Zurück in die Zukunft II und sogar III. Hier lässt sich gleich die ganze Trilogie am Stück genießen, wirkt dabei also wie ein Film. Jetzt hat diesen Fortsetzungs-Clou auch Ready Or Not eingeheimst, die Hochzeits-Slasher-Herrenhaus-Partie mit Jagdinstinkt. Und Samara Weaving. In solchen Fällen ist es gut, den vorangegangenen Teil noch bildfrisch in Erinnerung zu haben, sonst hapert es womöglich mit dem geschmeidigen Übergang, der vom Regen in die Traufe führt.

Was bisher geschah

Zur Vorgeschichte: Weavings Figur der Grace kommt wie die Jungfrau zum Kind in den Genuss eines satanischen Rituals, bei welchem am Ende ihre Auslöschung steht, und zwar sollte diese bis Sonnenaufgang über den Jordan geschickt worden sein, sonst wird Beelzebub böse. Und das will keines der Individuen aus dem Adelsgeschlecht der Le Domas-Familie. Also zücken sie sämtliche Waffen, und die gute Grace muss rennen. Sich retten. Und vielleicht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zurückschlagen. Soviel Spoiler zu Teil eins sei erlaubt: Unsere Heldin im blutverschmierten Brautkleid bändigt tatsächlich all die sinistren Bestrebungen und bleibt bis zum Tagesanbruch am Leben. Nur, um dann – das sieht man erst im Zweiten – doch noch umzukippen.

Der Teufel ist ein schlechter Verlierer

Im Spital erwacht, trifft Grace erstens mal auf ihre entfremdete Schwester Faith – und sehr bald schon auf den ersten Meuchelmörder, denn die Sache mit der Opfergabe für den Leibhaftigen ist noch nicht ausgestanden. Schließlich ist mit dem Überleben von Grace eine Situation eingetreten, die des Teufels Advokaten bedarf, der wiederum… aber lassen wir das. Wichtig ist: Bei Ready Or Not 2 handelt es sich nicht um die gleiche Handlung in anderem Gewand. Und selbst wenn es das gleiche Gewand wäre, und die gleiche Handlung: Wenn die Schauwerte stimmen, das hat uns James Cameron bewiesen, dann ist das Bewährte gerade mal gut genug.

Buffy mal anders, eine Regielegende vor der Kamera

Nicht aber hier, was gut ist, wenn man denn vorhat, ein Double Feature zu planen, der beide Teile zusammenführt. Was aber gleich ist: Die Jagd auf Samara Weaving, denn das ist das Grundprinzip dieser Idee. Deswegen geht man ja auch in diesen Film, weil klar ist, was kredenzt wird. Da braucht es nichts, was storytechnisch um die Ecke denkt. Vielleicht gibt man Samara Weaving noch einen zweiten Charakter an die Seite – nämlich Kathryn Newton. Und – wenn wir schon bei den Jägern sind – die Jägerin schlechthin: „Buffy“ Sarah Michelle Gellar. Die ist aber auf der anderen Seite, also die Antagonistin. Schön, sie zu sehen.

Und wer, um alles in der Welt, darf die ersten Szenen des Sequels dominieren? David Cronenberg. Nein, das ist keine zufällige Namensgleichheit, dabei handelt es sich tatsächlich um den Schöpfer von Die Fliege und sämtlichen Bodyhorror-Exzessen der letzten 30 Jahre. Der Altmeister gönnt sich den Spaß, und seine Visage passt perfekt in dieses süffisante B-Movie, das nichts anderes will, als Blut zu sehen.

Dunkle Regeln ohne Konsequenzen

Ready Or Not 2 ist vergnüglich und zwischendurch auch mal zum Gähnen, wenn es um innerfamiliäre Angelegenheiten geht, die nur halbherzig die Handlung voranbringen, ohne im geringsten zu emotionalisieren. Das Spiel mit den dunklen Mächten hat seinen Reiz, und letztlich ist sogar das Hadern mit den Regeln des Spiels der wahre Gag in dieser morbiden Fantasy, wenn schon die Kills gewisse Verschleißerscheinungen sichtbar werden lassen.

Über die aufgeweichte Logik kann man hinwegsehen, auch über das mühsam konstruierte Skript, das es nicht schafft, die stümperhaften Versuche der jagenden Meute mit der Dringlichkeit der Ermordung von Grace auch nur irgendwie zu erklären. Vielleicht hängt der Film auch deswegen manchmal durch. Und was wäre es nicht für ein prachtvolles Ende, wären Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die mit Abigail ihrem Genre 2024 treu blieben, mutig genug gewesen, das Szenario auf ein neues Level zu heben und die Welt nicht mehr das sein zu lassen, was sie vorhin noch war. Dafür hätten sie alles in der Hand gehabt.

Das finale Crescendo aus Macht und Gier gibt einem aber auch einen gewissen Kick. Und erinnert nicht ungefähr an einen Ring, ihn zu knechten. Schon allein deswegen, weil „Frodo“ Elijah Wood dabei zusieht.

Ready Or Not 2 (2026)

Primate (2025)

DEM HERRENTIER HERR WERDEN

5,5/10


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOHANNES ROBERTS

DREHBUCH: JOHANNES ROBERTS, ERNEST RIERA

KAMERA: STEPHEN MURPHY

CAST: JOHNNY SEQUOYAH, TROY KOTSUR, JESSICA ALEXANDER, VICTORIA WYANT, BENJAMIN CHENG, GIA HUNTER, MIGUEL TORRES UMBA, CHARLIE MANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Was Schimpansen-Expertin Jane Goodall zu Primate wohl sagen würde? Sie würde sagen: Film ist Film, Realität ist Realität, beides muss man wohl streng auseinanderhalten. Denn was der Tierhorror aus primatologischer Sicht an schockierenden Schauwerten liefert, lässt Zoologen und Verhaltensforscher die Haare raufen. Menschenaffen, die mit Tollwut infiziert sind: was werden sie wohl tun? Im Grunde zeigen sie ganz ähnliche Symptome wie der Mensch, schon allein deshalb, weil die DNA beider Primatenarten (ja, das sind wir, wir zählen zoologisch gesehen immer noch zu den Primaten) zu mehr als 90% identisch ist. Bekanntestes Symptom bei Infektion mit dem Tollwut-Virus: Aggression, Wut, Reizbarkeit – all das. Doch selten geplantes, bösartiges Verhalten. Ben, der Affe, tut aber, als wäre er von einem Dämon besessen. Es stellt sich somit gar nicht mehr die Frage, wie würde sich ein Schimpanse wirklich verhalten – und schon gar nicht die Frage, wie würden sich seine kognitiv versierteren Verwandten verhalten, die diesem Affen ausgesetzt sind, der natürlich an dieser Krankheit sichtlich leiden muss?

Der Affe im gemachten Nest

In Primate unterliegt logischerweise alles dem Konzept des expliziten Slashers, der alle erdenklichen Parameter abliefert, die notwendig sind, um eine scheinbar ausweglose Situation zu erzeugen. Überraschend ist das nicht, und vielleicht will man sich ja auch als Horror-Affiner gerne in ein gemachtes Nest setzen, umgeben von vertrauten Versatzstücken, um mit Schadenfreude, Ekel und Schreckstarre in den Gliedern einem eskalierenden Szenario zu folgen, dass gleich zu Beginn eine aus dem Kontext der späteren Handlung gerissene Szene als Prolog zitiert. Das wirkt etwas undurchdacht, doch wie auch immer: Roberts hat große Lust, uns den Horror auf nüchternem Magen zu servieren, damit jeder weiß, wie sehr es später zur Sache geht. Will heißen: Wo auf einer Gewaltskala von eins bis zehn Primate seinen wie vom wilden Affen gebissenen Affen randalieren lässt. Die paar Mädels und Jungs, knapp beschürzt und natürlich kein bisschen ahnend, welche Nacht des Grauens sie wohl alle erleben werden, hat Johannes Roberts auch nicht gerade neu charakterisiert. Mal sehen, wie souverän der Macher vom Taucherhorror 47 Meters Down und 47 Meters Down: Uncaged den recht trivialen Plot auf Spur bringt.

Intelligenzbestien und menschliche Leuchten

In den Achtzigerjahren trieb ein Film mit dem Titel Link, der Butler vor allem in den Videotheken sein Unwesen. Synopsis des Thrillers: In diesem Fall randaliert – oder besser gesagt – erwehrt sich ein Orang-Utan im Hause eines Primatologen mit allen ihm zur Verfügung stehenden tödlichen Mitteln der Euthanasie. Tierhorror der alten, natürlich billigen Schule, obgleich mit Elisabeth Shue und Terence Stamp. Für den neuen Affenhorror verpflichtet sich der gehörlose CODA-Star Troy Kotsur als des Schimpansen Vertrauter, der, leider auf Geschäftsreise, besagter Handvoll Jugendlicher das abgelegene Luxusanwesen zwecks Sommerparty überlässt. Soweit aber kommet es hat nicht, stört doch der mit Tollwut infizierte Ben die Nachtruhe, um gezielt Terror und Tod zu verbreiten. So viel Verständnis kann man für die Erkrankung des Herrentieres gar nicht aufbringen, um dem blutrünstigen Berserker seine bewusst ausgeführten Verfehlungen nicht übelzunehmen. Das Tier wird so zum Monster, infolgedessen beantwortet man, was zu erwarten war, die Frage nach adäquatem Verhalten einer Handvoll Homo sapiens im Publikum wohl etwas anders als im Film. Es ist so wie bei der Millionenshow: Daheim ist man immer klüger, mittendrin wohl unterliegt die planende Intelligenz wohl jener des Schimpansen, was die felllosen, knapp beschürzten und im Pool vor sich hin winselnden Zweibeiner nicht gerade als Vorzeigeexemplare unserer Spezies ausersieht.

Hals- und Kieferbruch!

Film ist Film, könnte hier wieder Jane Goodall meinen. Schon in Ordnung, sehen wir uns einfach an, wie nun einer nach dem anderen über des Affen Klinge springt. Und da will Roberts die FSK-Freigabe ohne mit der Wimper zu zücken in den Rotbereich befördern. Wie Ben seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes mitunter auseinandernimmt, ist, als würde Evil Dead wiedermal risen. Der sabbernde Schimpanse hat den diabolisch grinsenden Finsterblick dermaßen gut drauf, da kann einem schon anders werden. Wie in der Prologszene von Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum ereifert sich der brachiale Tierkiller, um ordentlich einzudreschen. Zugegeben, das ist astrein gefilmt, ordentlich explizit und auch der Affe selbst überzeugt in so gut wie jeder Szene.

Viel Neues fällt Roberts aber auch nicht ein, ganz bewusst hält er an Bewährtem fest, womöglich, weil alte Besen eben gut kehren und das Genre-Publikum vorzugsweise in der Sektion gefährliche Tierarten gar nichts anderes will, als das Bewährte. Viel Spielraum scheint es dabei nicht zu geben. Wobei: Man müsste sich nur Dangerous Animals ansehen. Der Genremix aus Tierhorror mit klassischem Serienkillerthriller ist als Rechnung verhaltensauffällig gut aufgegangen.

Primate (2025)

No Other Choice (2025)

AM ARBEITSMARKT DA IST WAS LOS

7,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2025

REGIE: PARK CHAN-WOOK

DREHBUCH: PARK CHAN-WOOK, LEE KYOUNG-MI, LEE JA-HYE, DON MCKELLAR, NACH DEM ROMAN VON DONALD WESTLAKE

KAMERA: KIM WOO-HYUNG

CAST: LEE BYUNG-HUN, SON YEJIN, PARK HEE-SOON, LEE SUNG-MIN, YEOM HYE-RAN, CHA SEUNG-WON, YOO YEON-SEOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN



Warum nur widmet Park Chan-Wook diesen seinen neuen Film, der letztes Jahr schon auf der Viennale lief, einem Regiekapazunder wie Costa-Gavras, der seit den 70ern ausgesuchtes Politkino abliefert (stark in Erinnerung bleiben da Yves Montand in Das Geständnis und Jack Lemmon völlig untypisch als politisch Verfolgter in Vermisst)? Die Antwort: Einen Film wie No Other Choice gibt es bereits. Zumindest irgendwie. Es gibt ihn schon seit 2005 und nennt sich, unter der Regie von Costa-Gavras eben, Die Axt. Beide Filme sind keine Originaldrehbücher, sondern basieren wiederum auf Donald Westlakes schwarzhumorigem Sozialthriller aus der Arbeitswelt – ein Thema, das aktueller nicht sein kann. Und obendrein eine Story, die sich in der Umsetzung wohl so anfühlt, als hätten beide Filme, der von Costa Gavras und der von Park Chan-Wook, sowieso nichts gemeinsam.

Niemand macht’s wie Südkorea

Niemand macht Filme wie Park Chan-Wook. Niemand macht Filme außerhalb Südkoreas wie die Südkoreaner selbst. Hier findet sich ein Filmstil, den man entweder immer schon intus hatte oder den man einfach nicht erlernen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Das ist das radikal Schöne, das radikal Interessante an diesen Filmen: Sie überraschen immer wieder und haben keinerlei Ambition, den Erwartungen ihres Publikums zu entsprechen, es sei denn, es gibt keine. Bei No Other Choice wissen wir nur, er handelt von einem Familienvater, wohnhaft in einem rustikal-modernen Anwesen nahe der Natur, dessen Hypothek schwer auf der Geldtasche der arbeitenden Erwachsenen liegt. Dieser Man-su hadert wie wir alle derzeit mit dem Finanziellen, und wie es das Schicksal eben will, reicht der Problemkontent zur Existenzkrise nicht aus: Der mehrere Jahrzehnte in der Papierherstellung arbeitende und erfahrene Kapazunder wird dank Firmenfusion ins Aus befördert. Kein Ding für einen erfahrenen Spezialisten, möchte man meinen. In drei Monaten könnte alles wieder unter Dach und Fach sein. Doch denkste: Der Traumjob offenbart sich nicht, stattdessen wittert Man-su die Chance, beim Konkurrenten neu anzufangen. Das aber nur, wenn die Mitbewerber überschaubar bleiben, im besten Fall gibt es keine. Man müsste nur ein bisschen nachhelfen, auf die unorthodoxe Art. Was Man-su auch tut. Und sich dabei in Turbulenzen verstrickt, die sich genau auf jenem schmalen Grat grotesk entfalten können, auf dem eben nur einer wie Park Chan-Wook seine Ideen balancieren kann.

Stilistisches Freidrehen

Jeder andere wäre da schnell ausgerutscht, abgerutscht, abgestürzt. Dieser Herr hier, dem wir Oldboy und die ganze Vengeance-Trilogie zu verdanken haben, passiert sowas nicht. Obwohl – hat man schon länger kein koreanisches Filmwerk mehr am Radar gehabt, könnte der Einstieg in diesen Arbeitsplatzbeschaffungswahnsinn keine gemähte Wiese mehr sein. Sondern durchaus ein etwas härter zu erarbeitender Brocken an stilistisch völlig undefinierter Kinokunst. Worauf man sich dabei einlässt? Keine Ahnung. Eine gewisse süßlich-kitschige Verklärtheit, die aber nicht als Satire verstanden werden will, so scheint mir, lässt No Other Choice mal ordentlich Atem holen. Die von westlichem Kino Verwöhnten werden dabei keinesfalls an der Hand genommen. Sie schlittern – und so auch ich – in eine stilistisch völlig entmilitarisierte Zone. Wohl eher mühsam, denke ich mir. Da war Park Chan-Wook schon mal besser. Oder doch nicht?

Irgendwann rangeln drei Parteien am staubigen Boden eines fremden Wohnzimmers um Schießeisen und Fassung. Wie Chan-Wook die Skurrilität der Situation einfängt, ist so weltfremd wie packend. Übertrieben expressives Spiel begegnet kriminalkomödiantischem Slapstick. Der weicht irgendwann wieder ernsten Unter- und Obertönen, lässt so völlig nebenbei die eigene Tochter zu einem Mysterium erstarken, während Papierfabrikant Man-su in völliger Verzweiflung zu verstörenden Methoden greift, um sein perfides Werk zu vertuschen. Die Genialität in No Other Choice liegt mitunter auch im steten Aufgreifen narrativer Versatzstücke, die ins Wechselbad völlig konträrer Tonalitäten gelangen. Da ist der neu gepflanzte Baum, da sind die Hunde, da ist das Vorstellungsgespräch im Gegenlicht. Bizarre Lächerlichkeit trifft auf tiefschwarze Melancholie. Und letztlich auf eine traurige Zukunft, die zumindest das familiäre Glück wie ein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation am Leben erhält.

Obwohl ich Die Axt nicht kenne, wird No Other Choice garantiert der ganz andere Film sein. Ein ambivalentes, herausforderndes Vergnügen, das keine Probleme damit hat, lieber Konventionen aufzubrechen als alles perfekt zu machen.

No Other Choice (2025)

Madame Kika (2025)

DIE DOMINA ALS THERAPEUTIN

7,5/10

 

© 2025 Stadtkino Filmverleih

 

LAND / JAHR: BELGIEN 2025

REGIE: ALEXE POUKINE

DREHBUCH: ALEXE POUKINE, THOMAS VAN ZUYLEN

KAMERA: COLIN LÉVÊQUE

CAST: MANON CLAVEL, SUZANNE ELBAZ, MAKITA SAMBA, THOMAS COUMANS, ETHELLE GONZALES LARDUED, ANAËL SNOEK, KADIJA LECLERE, BERNARD BLANCAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Es wäre interessant zu erfahren, ob jemand innerhalb meiner Leserschaft und wenn schon nicht dort, dann zumindest im persönlichen Dunstkreis selbiger, den Service eine Domina schon mal in Anspruch genommen hat. Der Begriff sagt schon alles: Es geht um Dominanz, folglich auch um Unterwerfung, und das wiederum sind Formen einer gelebten, sexuell konnotierten Auslebung innerer Fantasien, die sich, über den Kamm geschoren, als BDSM verbuchen lassen, was soviel heisst wie Bondage & Discipline, Dominance & Submission Sadism & Masochism. Wir haben hier alles, was nicht der sexuellen Normalität entspricht, worauf man natürlich wieder hinterfragen könnte: Was ist in diesem Sektor schon normal?

Ventil des Schmerzes

Eine gewisse Offenheit gegenüber anderer sexueller Herangehensweisen, als wir sie praktizieren oder nicht praktizieren, sollte bei Betrachtung des Films Madame Kika zumindest ansatzweise vorhanden sein – was nicht heisst, dass bei der einen oder anderen indirekten Darstellung einer  „Perversion“ die Frage aufkommt, ob das, was man sieht, nicht völlig krank ist. Oder dass jene, die solche Dinge praktizieren, zum Therapeuten gehören. Spätestens da meldet sich Regisseurin und Autorenfilmerin Alexe Poukine mit einem Zwischenruf: Ist Mann oder Frau mal da angekommen, sich Methoden wie diesen auszusetzen, braucht es tatsächlich keine Therapie mehr. Denn das umgangssprachliche SadoMaso kann genau als solche funktionieren. Als Therapie, oder Radikaltherapie. Also Ventil, Sprachrohr oder Bühne, um auszuleben, was die Seele sonst zerfrisst.

Getragene Slips zum Sonderpreis

Nicht zwingend muss man dabei als im Leben gescheiterte Person alle Karten bereits ausgespielt haben oder mit dem Latein ans Ende gekommen sein. Es lässt sich diese Nische an speziellen Dienstleistungen auch ganz gut dafür nutzen, einer prekären finanziellen Situation entgegenzuwirken. Um zum Beispiel neben einem schlecht bezahlten Job jede Menge Geld relativ leicht dazuzuverdienen. Wobei sich die Annahme, BDSM sei ans Dienstleistung genau das, nämlich relativ leicht auszuüben, als falsch herausstellt. Im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfährt dies titelgebende Sozialarbeiterin Kika (Manon Clavel in ihrem Spielfilmdebüt), die sich, wie es der Zufall will, frisch verliebt. Auf Glück folgt jedoch Pech: Partner David verstirbt bei einem Unfall und hinterlässt Kika und ihrer Tochter eine Wohnung, aus die sie bald ausziehen müssen, weil eben nicht mehr leistbar. Wohin also nun? Zurück zur alten Beziehung? Bei den Großeltern leben? Fürs neue Eigenheim reicht das Geld nicht, also kommt Kika auf eine ganz besondere Idee, auf die sie eine ihrer Klientinnen gebracht haben: Sie verkauft ihre getragene Unterwäsche – Kunden dafür gibt es tatsächlich. Willkommen in der Welt der für viele gewöhnungsbedürftigen Sexualpraktiken.

Schlag mich, heile mich

Fäkalien im Plastiksackerl, Wickelstunde für ältere Männer – angesichts solcher Bedürfnisse ist das schnöde Auspeitschen nackter männlicher Hinterteile direkt profan. Und doch gelingt es Regisseurin Poukine all diese frei geäußerten, nicht mehr ganz so geheimen Wünsche auf behutsame, wohlwollend neugierige Art zu hinterfragen. Dabei verwöhnt uns Madame Kika nicht nur mit dieser einen Seite der Dienstleistung am Ende der sexuellen Nahrungskette – wohl deutlich mehr Gewicht liegt in der existenziellen Entwicklung besagter Alltags-Entdeckerin selbst, die im Zuge ihrer Genese zur Domina bald schon selbst den einen oder anderen Schmerz nicht mehr verdrängen will.

Irgendwann will Madame Kika von einem Kunden wissen, was für einen Nutzen diese ausgeübte Gewalt denn eigentlich habe? Es ist ein Schmerz, sagt dieser, den er steuern kann, wenn schon die Pein eines chronischen Nervenleidens keine Sekunde Ruhe lässt. Es ist ein Schmerz, den man kontrollieren kann. Es ist das Hindurchgejagtwerden durch die Dunkelheit, von der man weiß, sie hat ein Ende, sobald man Rot sagt. Orange ist dabei die Farbe der Linderung.

Zwischen Sozial- und Psychodrama

Kontrolle, Selbstbestimmung, die vereinbarte Dosis des Abgründigen: Madame Kika widmet sich des drohenden Verlustes der eigenen Regie in einer unkalkulierbaren, unberechenbaren Welt, in der man plötzlich vor dem Nichts stehen kann. Konzeptionelle Sexualität ist dabei ein Anker, der einen nicht ins gänzlich Ungewisse weitertreibt. Mit dieser Erkenntnis im Beipack akzeptiert man erst und schätzt dann gar die erratische, oft arg sprunghafte Erzählform. Das Ausgesparte strafft den Film, und dort, worauf es ankommt, fehlt keine Minute. In dieser bizarren Welt der rotlichternen Servicekultur ergibt sich die Chance, weniger die voyeuristische Ader auszuleben als vielmehr besser verstehen zu können, wie wenig so viele mit dem konventionellen Regelwerk etwas anfangen können, das zur sozial integren Selbstheilung rät.

Dass Poukine dabei immer wieder zu sehr den Fokus auf das Sozialdrama legt, die der Psychostudie manchmal den Rang abläuft – darüber lässt sich hinwegsehen. Letztlich bleibt Madame Kika vor allem als gewagter, exotischer Lokalaugenschein, den man, je nach Vorlieben, sonst wohl kaum wagen würde zu begehen, in Erinnerung. Könnte ja sein, dass sich dabei eine seltsame Welt auftut.

Madame Kika (2025)