Napoleon (2023)

EUROPA IM SCHATTEN DES ZWEISPITZ

8/10


Napoleon© 2023 Apple TV+


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: DAVID SCARPA

CAST: JOAQUIN PHOENIX, VANESSA KIRBY, TAHAR RAHIM, LUDIVINE SAGNIER, IAN MCNEICE, RUPERT EVERETT, BEN MILES, PAUL RHYS, ERIN AINSWORTH, SAM TROUGHTON, JANNIS NIEWÖHNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Würde man eine weltweite Umfrage starten mit dem Ziel, herauszufinden, welche Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte wohl am geläufigsten sind, dann wäre neben Adolf Hitler, Julius Cäsar und vielleicht noch Kleopatra natürlich Napoleon mit dabei. Vielleicht auch deswegen, weil dieser Merkmale an sich trägt, die unverwechselbar sind: kleine, gedrungene Statur, fransiges Haar, darüber stets ein Zweispitz, den er vermutlich nur zum Schlafen abgelegt hat. Die rechte Hand steckt dabei im Gewand, eine klassische Geste. Der in Korsika geborene Feldherr wird zum Lehrmeister vieler kommender Strategen, es ist eine Mischung aus Bauernschläue, Scharfsinn und jovialer Bärbeißigkeit, die ihn mit allen übrigen Regenten des europäischen Kontinents zum Handshake verhalf und auch gegen diese antreten ließ. Dieser Wicht mit Wirkung, dieser politische Glückspilz, der sich selbst zum Kaiser von Frankreich krönen ließ, darf nun, unter der Regie von Ridley Scott, nochmal in bester Risiko-Manier von West nach Ost über Europa fegen. Und ehrlich: Wer sonst hätte sein Wirken noch verfilmen können? Vielleicht Stanley Kubrick. Dieser hatte schließlich schon Sämtliches an Material zusammengetragen, und es wäre auch nach Eyes Wide Shut vermutlich sein nächstes Projekt gewesen. Hätte er wohl Joaquin Phoenix in der engeren Auswahl gehabt? Könnte sein.

Der Oscarpreisträger – diesmal nicht so abgemagert wie als Joker, sondern als untersetzter, dreister Tausendsassa – trägt von Anfang bis zum Ende die Miene eines hasardierenden Pragmatikers (sofern dies überhaupt zusammengeht). Ridley Scott veredelt ihn mit seinem Zweispitz, wo es nur geht. Es sind die Schattenrisse, es sind die Blicke hinter seinem Rücken nach vorn, wenn er bei der Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz oder letzten Endes bei Waterloo die Szene betritt und sich aus seinem Unterstand schält, meist in grauem Mantel. Er braucht nur die Hand zu heben, schon donnern die Kanonen. Irgendwann reicht ein kaum merkbares Nicken – und die Armee versteht.

Um eine ganze europäische Epoche unter einen Filzhut zu bekommen, dazu braucht es Zeit. Viel Zeit. Denn es ist ja nicht nichts, was hier alles geschieht, seit Marie Antoinette ihren Kopf verloren hat. Allerhand spielt sich da ab, Staatsstreiche und Tumulte, Umstürze und jede Menge Schlachten. Das alles will seinen Platz in einem Film fürs Auge finden. Und soll gleichermaßen dazu bewegen, dem dadurch erwachten Interesse an Geschichte später ganz von selbst nachzugehen. Es wäre verlorene Liebesmüh gewesen, hätte Scott den Film in ganzer Länge ins Kino gebracht. Kolportiert ist diese mit über vier Stunden – um die Säle zu füllen, sind es nun zweieinhalb, und selbst da hat man schon das Gefühl, angesichts der Fülle weltbewegender Eckdaten alles schon konsumiert zu haben. Hat sich Scott da nicht etwas übernommen? Wäre eine Miniserie nicht besser gewesen? Nein. Denn Napoleon gehört auf die große Leinwand. Niemand anderer kann Schlachten so dermaßen mitreißend inszenieren wie er. Bei niemandem sonst wird Geschichte zum massentauglichen Großevent. Mit der Darstellung der Schlacht bei Austerlitz sprengt Scott wieder mal alles bisher Dagewesene. So und nicht anders muss das gewesen sein, denkt man sich – vermengt mit allerlei Pathos, historischer Verklärung und als lebendig gewordenenes Ölgemälde.

Diesen zweieinhalb Stunden merkt man an, dass sie geschnitten sind. Doch was soll man sonst tun, außer zu kürzen. Zwischen der Herrschaft als Konsul und der Krönung zum Kaiser fehlt schon mal so einiges, und auch die Schlacht bei Waterloo lässt einige Fakten außen vor. Vielleicht finden wir diese dann später auf Apple+. Mit ziemlicher Sicherheit gehen die biographischen Aspekte  Napoleons dadurch um einiges tiefer. Denn mit Phoenix‘ Darstellung des Machtmenschen kann, muss man aber nicht zufrieden sein.

Warum Bonaparte tut, was er getan hat, bleibt ein Rätsel. Klar ist: Joséphine ist seine große Liebe, es drängt ihn nach einem Thronfolger, es zieht ihn höchstpersönlich immer wieder aufs Schlachtfeld. Wie er tickt, was er denkt – das alles bleibt popkulturelle Ikone, er selbst sein eigenes Merchandising. Phoenix, natürlich Meister seines Fachs, kann diesem gigantischen Ego, dieser Weltfigur, kaum Herr werden. Er begnügt sich mit einer konstanten Performance, die wenig Regung zeigt, sich kaum entwickelt, das Exil in St. Helena ähnlich hinnimmt wie den Befehl der französischen Regierung anno 1793, die Hafenstadt Toulon zu erobern. Im Vergleich dazu ist Vanessa Kirby die emotionale Kraft in diesem Film, wenn sonst nichts allzu Zwischenmenschliches bleibt, da die Eckpfeiler der Politik alles dominieren. Umso mehr nutzt Scott das private Glück und Elend eines Zweiergespanns, was manchmal zu sehr das Gleichgewicht zwischen Geschichtsgewitter und üppiger Romanze kippen lässtt.

Napoleon ist keine akkurate Chronik der Ereignisse. Vieles ist bekannt, vieles aber auch auf Entertainment gebürstet. Nichts anderes hat Ridley Scott jemals gemacht. Man siehe nur 1492, Königreich der Himmel oder Exodus. Seine Leidenschaft ist es, bewegte Bilderbücher zu kreieren, Schlachten nachzustellen, vergangene Zeiten in verschwenderischer Ausstattung und ohne Scheu vor Massenszenen zum Leben zu erwecken. Im Kino ist es so, als wäre man mittendrin, statt nur dabei. Es sind epische Momente, die man lange nicht vergisst. Sie erzeugen Gänsehaut und Respekt vor Legenden, die längst ihre realen Personen hinter sich gelassen haben. Wie es wirklich war, liest man besser nach. Beide gemeinsam aber, Film und Recherche, werden zum Erlebnis Geschichte.

Napoleon (2023)

Lawrence von Arabien (1962)

EIN HAUFEN REITENDER MÄNNER

7,5/10


lawrence-of-arabia© 1962 Columbia Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 1962

REGIE: DAID LEAN

DREHBUCH: ROBERT BOLT, MICHAEL WILSON, NACH DEM AUTOBIOGRAPHISCHEN BERICHT VON T. E. LAWRENCE

CAST: PETER O’TOOLE, ALEC GUINNESS, ANTHONY QUINN, OMAR SHARIF, JACK HAWKINS, CLAUDE RAINS, ANTHONY QUAYLE, ARTHUR KENNEDY, JOSÉ FERRER, DONALD WOLFIT U. A.

LÄNGE: 3 STD 47 MIN


Alte Schinken nochmal neu sichten – das könnte und sollte man als Cineast durchaus immer wieder mal in Betracht ziehen. Auch wenn die eigene Watchlist mit allen Neuerscheinungen schon rammelvoll ist, mag ein Blick zurück auf die Meilensteine einer über hundert Jahre währenden Erfolgsgeschichte eben des Kinos momentane Trends mit Leichtigkeit relativieren. Es lässt sich erkennen, worauf es früher wohl ankam, welche Stilmittel gern gesehen waren, welcher Aufwand nicht zu groß war und wie unterm Strich dem Massengemüt des Publikums zu entsprechen war. Bild, Ton, Dramaturgie, politische Korrektheit und die Handhabung mit Tabus: Alles eine Frage der Zeit, der Weltpolitik, der Geldgeber und der Studios. In den Sechzigern, da herrschte das Genre des Monumental- oder Sandalenfilms nebst dem Genre des Westerns fast schon als Monopol und über ein Jahrzehnt lang über den lokalen Kinospiegel. Gern Gesehenes war also der Gegenwart Unverwandtes, weit Entferntes und Entrücktes und mit den Problemen der Gesellschaft kaum in Berührung kommend. Man saß im Kino und glotzte Quo Vadis (Anfang der 50er), Ben Hur mit seinem christlichen Einschlag. Spartacus, Exodus und El Cid, später Cleopatra und Doktor Schiwago. Mehrere Stunden lang, aber mit Pausen, gab man sich dem Kostüm- und Kulissenrausch hin, mitunter an Originalschaupoltzen gefilmt und ohne Massenszenen aus dem Rechner, sondern analog und wahrhaftig. Gigantische Zweckbauten für nur ein paar Szenen ließen staunen, anschließend verließ man das Kino mit dem Wissen, nicht nur unterhalten worden zu sein, sondern auch, bezüglich der Geschichte der Welt, weitergebildet.

Eines dieser Werke war schließlich auch, im Jahre 1962 Lawrence von Arabien, eine britische Wüstenoper mit Sonne, Sand und Beduinen und die biographischen Eckpunkte eines Mannes erzählend, der die Beduinenstämme aus den Tiefen der Halbinsel Saudi-Arabiens vor die Fronten der Osmanen führte, um den Nahen Osten zurückzugewinnen. Seinen Bericht hat er damals unter dem Titel Die sieben Säulen der Weisheit niedergeschrieben, David Lean, im Kino-Gigantismus bereits mit dem schier zeitlosen Antikriegsdrama Die Brücke am Kwai erfahren und entsprechend ausgezeichnet, hat sich an dessen Erinnerungen angelehnt, um den noch unbekannten Peter O’Toole in Szene zu setzen, der gentlemenlike und auf unverwüstliche Weise sturen Idealen folgend, zum Abenteurer und Geschichtsreformator werden soll. Als ehrgeiziger britischer Offizier Thomas Edward Lawrence (der O’Toole auch verblüffend ähnlich sieht – oder umgekehrt) bekommt er zur Zeit des ersten Weltkriegs den Auftrag, dem Araber-Prinzen Faisal einen Besuch abzustatten und sich über dessen Agenda zu informieren, um gegebenenfalls im Kampf gegen die Osmanen ihre Unterstützung zu erlangen. Logischerweise entspricht die Theorie dieser Mission nicht der Praxis, denn Araber sind das eine, die verfeindeten Beduinenstämme das andere. Unter einen Nenner lassen sich diese Völker alle nicht bringen, zumindest scheint es so. Doch Lawrence gelingt das scheinbar Unmögliche, auch wenn er mitunter über Leichen gehen muss.

Abenteuerliche Geschichtsfilme wie diese gibt es heutzutage wohl keine mehr, es sei denn, Ridley Scott hat wieder mal tief in die Geldkiste gegriffen, um Kreuzzüge, napoleonische Schlachten oder den Auszug der Israeliten aus Ägypten zu verfilmen. Geht dieser Mann irgendwann einmal den Weg allen Fleisches, wird das Genre, so fürchte ich, aussterben. Erinnern wird man sich nicht nur an seine Werke, sondern auch an jene, die ihm vielleicht als Vorbild dienten. Dieses hier ist so eines: ein unter enormem Aufwand verfilmtes Epos von fast vier Stunden, in dem Frauen keinerlei Rollen spielen und Männer so sind, wie Männer sein wollen. In dem Männer tun, was sie tun müssen. Die Welt ist in David Leans Werk und vielleicht auch aus Lawrences Sicht ein notgedrungenes Patriarchat, dessen Schicksal von Männern gesteuert, entschieden und vereitelt wird. Nun, genau das, diese Mentalität dieser filmischen Monumentalarbeit, erscheint aus der Zeit gefallen und so angestaubt wie ein Beduinenzelt nach dem Wüstensturm. Ein riesiger Haufen reitender Männer prescht über Dünen, säbelschwingend ihrem Ziel entgegen. Irgendwann verfällt auch der scheinbar pazifistische Lawrence, dem bald die Gewalt und der Tod näherkommt als ihm lieb ist, einem Blutrausch und Peter O’Tools irrer Blick prägt sich nachhaltig ins Gedächtnis. Hauptsächlich in Jordanien, Marokko und auch Spanien gedreht, wird die Wüste zum Schminktisch für den Helden. Neben ihm brillieren Anthony Quinn als Beduinenführer Auda Abu Tayi und natürlich der bereits von David Lean erprobte Alex Guinness als charismatischer Prinz Faisal. Ihr schauspielerisches Stelldichein wird zu Kinonostalgie pur, sie zelebrieren weit weg von kultureller Aneignung und wokem Stirnrunzeln die Fähigkeit des Schauspielers, in Rollen zu schlüpfen, die ihrer eigenen Biografie fremd sind. Ein Film wie Lawrence von Arabien ist heutzutage auf diese Weise wohl nicht mehr zu inszenieren. Und doch trägt dieser nur scheinbar wüstenheisse Gewalt-Exkurs jene Wahrheit in sich, die so lange gilt, solange es Menschen gibt: Wer zum Schwert greift, wird nicht durchs Schwert sterben, dafür aber bestimmt er die Weltgeschichte. Leider.

Lawrence von Arabien (1962)

Kubi (2023)

KOPFSALAT À LA JAPONAISE

6,5/10


kubi© 2023 KADOKAWA T.N Gon Co., Ltd.


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: TAKESHI KITANO

DREHBUCH: TAKESHI KITANO, NACH SEINEM EIGENEN ROMAN

CAST: TAKESHI KITANO, HIDETOSHI NISHIJIMA, RYO KASE, KENTA KIRITANI, NAKAMURA SHIDŌ II, TADANOBU ASANO, KENICHI ENDŌ, JUN SOEJIMA, KAORU KOBAYASHI U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Das kommt mir alles nicht nur spanisch, sondern auch japanisch vor. Hätte mich mein treuer Kino-Buddy, der, was die Geschichte Japans betrifft, so einiges am Kasten hat, nicht in groben Zügen über die Eckdaten der Geschehnisse unterrichtet, die sich im sechzehnten Jahrhundert so abgespielt haben, hätte ich mich noch weniger ausgekannt als ohnehin schon. Hätte nämlicher Kino-Buddy selbst mit einer geradezu jungfräulichen Ahnungslosigkeit geprahlt wie meinereiner, hätte es noch der ans Kinopublikum gewandte Erklärbär getan, der in ähnlichem Umfang über die Wirren zur Sengoku-Zeit so einige Klarheit schaffen konnte – die sich aber, nachdem dieser wieder Platz genommen hatte, schnell wieder eingetrübt hat.

Ich weiß nur: Kubi – was so viel heißt wie Genick, denn es fliegen die Häupter wie Schneebälle bei einer Schlacht gleichen Bezugs – setzt den Grandmaster Beat Takeshi Kitano (u. a. Hana-Bi) ins Zentrum des Geschehens, basierend auf seinem eigenen Roman. Er mimt dort den Samurai und Feldherrn – und jetzt kommt der erste von vielen, vielen teils unaussprechlichen Namen – Hashiba Hideyoshi, auch genannt der Affe, was wenig schmeichelhaft klingt, doch er nimmt es hin, wie alle anderen, die dem mächtigen Oda Nobunaga zu Diensten sein müssen und um die Gunst des Herrschers buhlen, da sie alle seine Nachfolge antreten wollen und dafür sogar Harakiri hinnehmen würden, was allerdings wenig bringt angesichts des letalen Ausgangs. Alles beginnt mit der gescheiterten Rebellion eines anderen Feldherrn, Araki Murashige (jetzt könnte man anfangen, die Namen zu notieren). Der hat eine Liaison mit noch einem anderen Feldherrn, nämlich Akechi Mitsuhide, was ihm zugutekommt, denn Murashige wird überall gesucht und findet bei seinem Liebhaber ein passendes Versteck. Dass alle gemeinsam auf irgendeine Weise diesen völlig durchgeknallten Nobunaga stürzen wollen, ist sowieso von vornherein klar. Am geschicktesten bekommt dies eben Hideyoshi hin, der all die Gemetzel, die plötzlich über einen hereinbrechen, aus sicherer Distanz vom Feldherrnhügel bewundert, während wieder einem anderem, nämlich Tokugawa Ieyasu, späterer Shōgun (der ist wichtig, unbedingt aufschreiben), langsam die Doppelgänger ausgehen, so sehr haben es andere auf dessen Leib und Leben abgesehen.

Gegen die Dramatis personae dieses ganzen Feudal- und Feldherrnspiel mutet Game of Thrones an wie ein Zwei-Personenstück. Wer da wem wie und warum ans Leder will, dafür reicht es wirklich nicht, nur rudimentär mit der japanischen Geschichte, insbesondere mit der Zeit der streitenden Reiche, vertraut zu sein. Hat man sie nicht selbst erlebt, bleibt vieles im Unklaren. Insbesondere die Frage, warum so mancher Feldherr handeln musste, wie er letztlich gehandelt hat, zog bereits rund 50 Theorien nach sich – Takeshi Kitano hat eine 51ste verfasst. Und aus der wird man letztendlich aber auch nicht klüger. Natürlich ist es beeindruckend, mitanzusehen, wie stattlich gerüstete Krieger die Schwerter und Lanzen schwingen, natürlich wird der abgetrennte Kopf bald schon zur inflationären Trophäe. Sowieso weiß niemand mehr, welches Haupt wohin gehört – wenn Takeshi Kitano auf süffisante Art, auf dem Stuhl kauernd und sich belustigt vorbeugend, im vor ihm abgelegten, deformierten Konterfei das Gesicht des gesuchten Nobunaga erkennen will (oder war es Mitsuhide?), dann ist das schwarzer Humor vom Feinsten.

Genauso selbstironisch geht Kitano in seiner Regiearbeit auch ans Werk. Die monumentale, granitharte Bitterkeit anderer Intrigen-Epen lässt Kubi im Grunde völlig vermissen. Es ist gar so, dass manche Szene an den respektlosen Humor der Monty Pythons heranreicht. Später lässt sich das geschäftige Theater kaum mehr ernst nehmen. Man wundert sich ob all der Namen und Personen. Man fühlt sich befremdet ob so mancher, an Moral verlustig gegangener Charaktere, die den Tod ihrer eigenen Familie als günstigen Umstand hinnehmen.

Im historischen Japan Takeshi Kitanos sind all die Mentalitäten der streitenden Parteien so fern wie Alpha Centauri. Wäre dieser garstige Zynismus nicht, wäre Kubi verwirrende Kost für ein spezialisiertes Publikum, bei dem jeder andere womöglich bald das Handtuch wirft. Der locker-flockige Stil allerdings macht es aus, dass diese zwei Geschichtsstunden stets frisches Blut vergießen. Langweilig wird’s somit nie. Und auch wenn so manches Detail im Nirvana des Kurzzeitgedächtnisses verschwindet und nicht immer alle Querverbindungen klar sind, bleibt immer noch die verblüffende Chronik eines leidenschaftlich ausgelebten Faustrechts.

Kubi (2023)

Irati (2022)

NICHT DIE GÖTTER, DIE MENSCHEN MÜSSEN VERRÜCKT SEIN

7,5/10


irati© 2022 Filmax


LAND / JAHR: SPANIEN 2022

BUCH / REGIE: PAUL URKIJO ALIJO

CAST: EDURNE AZKARATE, ENEKO SAGARDOY, ITZIAR ITUÑO, ELENA URIZ, KEPA ERRASTI, RAMÓN AGIRRE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Lokale Mythen als großes Kino – eine Mission, die nun in die zweite Runde geht. Wie es Paul Urkijo Alijo abermals geschafft hat, mit wenigen Mitteln die Legenden seines Landes lebendig werden zu lassen, ist erstaunlich. Dabei ist schon sein Erstling eine Wucht. Und Netflix-Abonnenten können sich glücklich schätzen, denn dieser ist fürs Streaming abrufbar: Errementari: Der Schmied und der Teufel. Was so aussieht, als hätte Guillermo del Toro nach Pans Labyrinth abermals kreative Opulenz auf spanischem Boden zum Sprießen gebracht, ist die Saat eines ganz anderen. Eines Autorenfilmers, dessen Namen wohl die wenigsten kennen, dessen Filmschaffen aber eine große Zukunft hat und gegenwärtig längst schon viel mehr Aufmerksamkeit verdient als es bisher der Fall scheint. In Errementari lässt Alijo einen Boten des Teufels in einen Käfig sperren, der die Seele des Schmieds einfordern will, ist dieser doch im Krieg einen Deal mit dem Leibhaftigen eingegangen. Was ein kleines Mädchen mit dieser ganzen verzwickten Situation zu tun hat, lohnt sich in dieser prächtigen Gothic-Fantasy, die auch irgendwie an Neil Gaiman erinnert, herauszufinden.

War schon dieser so hintersinnige wie düstere Streifen die filmische Interpretation folklorer Mythen, ist es Irati ebenso. Kenner des Baskenlandes wissen: Irati ist die Bezeichnung eines Waldes im Norden der Provinz Navarra an der Grenze zu Frankreich und inmitten der Pyrenäen. Wie dieser zu seinem Namen kam, erzählt vorliegende Geschichte: Wir schreiben die letzten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts. Die Franken fallen in die nordspanischen Königreiche ein – auch in das des Herrschers Ximeno, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als die Hilfe einer mythologischen Gottheit namens Mari zu erbitten. Die ist bei den Basken die oberste Entität, die Urmutter aller Nebengötter – der weibliche Odin, wenn man so will. Sie ist liiert mit ihrem eigenen Sohn, einem monströsen Schlangenwesen. König Ximeno dringt also in die heiligen Hallen der mächtigen Dame ein und verspricht ihr sein eigenes Leben, sollte sie die wilden Horden Karls des Großen vernichten. Gesagt, getan – Blut für Blut: Mari lässt es hageln und Felsen regnen – in archaischen Schlachtenszenen und im tosenden Unwetter lassen beiden Parteien die Schwerter klirren, bevor der König sich selbst opfert, um den Deal zu erfüllen. Eineinhalb Jahrzehnte später kehrt dessen Sohn Eneko nach seinen Lehrjahren ins Königreich zurück, um die Gebeine seines Vaters zurückzuholen und die Gegend von heidnischem Glauben zu befreien. Er macht sich mit der im Wald lebenden Irati, Enkelin einer Magierin, auf den Weg, weiß sie doch genau, wo Mari am Spinnrad des Lebens spinnt. Mit dieser Mission entfesselt die Saga ein Abenteuer aus Verrat, Liebe und mächtigen Gegnern aus unsichtbaren Welten sowie mit ganz viel Know-How, was traditionelle, überlieferte Legenden betrifft.

Dabei ist der vom Filmportal Cineuropa getätigte Vergleich mit Herr der Ringe einer, der deutlich hinkt. Damit hat das ganze nichts zu tun. Nicht jede High Fantasy holt sich Inspiration von Tolkiens erdachten Welten. Irati ist etwas ganz und gar Selbstständiges, maximal vielleicht noch mit den deutschen Heldensagen rund um Siegfried vergleichbar, obwohl es in diesem Märchen weder Drachen noch Zwerge gibt – dafür aber einen Schatz, der an das Nibelungengold erinnert. Allein schon der Zugang zu all diesen Gottheiten hebt Irati auf ein gänzlich anderes inhaltliches Niveau, die mit den griechischen oder nordischen Sagen viel mehr verwandt ist.

In satten Bildern, pittoresken Waldlandschaften und stattlichen Kriegern erfüllt diese Queste alle möglichen Anforderungen, die geschmeidige Fantasy ausmachen. Weder erlaubt sich Alijo irgendwelchen Leerlauf, noch läuft er Gefahr, dem aus klassischen Elementen errichtete Abenteuer unfreiwillige Komik zu verleihen. Eneko Sardagoy als der seiner Bestimmung folgende Held mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, sein Konterpart Edurne Azkarate als Irati hingegen ist eine Naturgewalt, die die Welt der Götter mit jener des Menschen souverän verbindet. Der Einsatz von Licht und Farbe, die Bedeutung der Natur und akzentuiert eingesetzte Spezialeffekte, die einen gewissen Retro-Charme versprühen, ohne aber kurios zu wirken, beweisen Alijos aufrichtiges Interesse für den Stoff, aus dem die alten Helden sind.

Irati (2022)

Blau ist eine warme Farbe

A CIRCLE OF LOVE

7/10


blauwarmefarbe© 2013 Alamode Film


LAND: FRANKREICH 2012

REGIE: ABDELLATIF KECHICHE

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, LÉA SEYDOUX, SALIM KECHIOUCHE, CATHERINE SALÉE, AURÉLIEN RECOING U. A.

LÄNGE: 2 STD 57 MIN


Ingmar Bergmann hätte diesen Film wohl schlicht und ergreifend mit „Szenen einer Liebe“ betitelt. Einer Liebe wie ein Musterbeispiel für einen gesellschaftsbiologischen Zyklus, ein Circle of Love sozusagen, der Anfang und Ende abdeckt, wie die Grundelemente einer Erzählung mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Dass Liebe so natürlich nicht immer diesen Weg gehen muss, ist sonnenklar. Bei jener der beiden jungen Frauen Adéle und Emma aber folgt diese Gefühlsregung einem Fächer aus Jahreszeiten, einem Kalender aus Freude und Leid. Überhaupt hat Blau ist eine warme Farbe (im Original La Vie d’Adèle – Chapitres 1 et 2) etwas sehr stark Biologisches. Und das nicht nur aufgrund der expliziten, aber niemals obszönen Sexszenen, die allerdings zwischen Regisseur Abdellatif Kechiche und den beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopolous und Léa Seydoux zur Kontroverse führten. Ersterer hätte diese pikanten Takes viel zu oft wiederholen lassen. Da lässt sich durchaus die Vermutung anstellen, dass Männer im biologischen Sinn unter dem Joch ihrer bestimmerischen Libido nehmen müssen, was sie kriegen können. Auch als Künstler. Doch dem Regisseur geht’s dann doch zum Glück um ein bisschen etwas anderes als nur um Sex. Das wäre die körperliche Nähe – etwas, dass Sex beinhaltet, aber nicht ausschließlich.

Im Mittelpunkt dieses fast dreistündigen Epos steht wie schon erwähnt und relativ verloren das Mädchen Adèle, das sich in vielerlei Hinsicht erst finden muss. Ein erster Anhaltspunkt ist die Möglichkeit, dass Frauen für sie wohl das interessantere Geschlecht sein könnten. In diesem Fall eben die blauhaarige Künstlerin Emma, entschlossen lesbisch, aber fasziniert von diesem ziellosen Um-sich-selbst-Kreisens von Adèle. Und fasziniert auch von diesem traurigen und gleichsam sehnsüchtigen Gesicht, wohl eines der traurigsten Gesichter des gegenwärtigen Kinos, das Regisseur Kechiche, wie man an den Closeups oft sieht, ebenso faszinierend findet. Beide finden sich also, in zarter und gleichsam großer Liebe. Aber so eine Liebe, das weiß jeder, brennt nicht auf Dauer so heiß. Das Leben bietet auch noch anderes, nämlich den Alltag aus Ehrgeiz, Selbstverwirklichung und Stress.

Blau ist eine warme Farbe hat 2013 die Goldene Palme gewonnen, allerdings ging diese nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die beiden Stars des Films. Eine verdiente Sache? Schauspielerisch auf jeden Fall. Schauspielerisch liefern Seydoux und Exarchopoulos etwas, das vielleicht schon bis an oder sogar über die Grenzen geht. Diese Bereitschaft, sich dermaßen hinzugeben, auch emotional, ist nichts, was sich in der darstellenden Kunst aus dem Ärmel schütteln lässt. Kachiche muss hier recht zurückhaltend interveniert haben, muss hier für eine relativ intime, sehr persönliche Stimmung gesorgt haben, die Filmcrew womöglich aufs Wesentliche reduziert. Anders lässt sich diese Menge an Authentizität gar nicht darstellen. Die Bereitschaft, so viel von sich selbst zuzulassen, ist Kino der Extreme. Im Vergleich zu dieser distanzlosen Intensität erscheint die auf einer französischen Graphic Novel basierende Geschichte in der zweiten Hälfte des Films fast schon zu banal und vorhersehbar, während in der ersten Hälfte die Gefühlswelten der jungen Frauen eine elektrisierende Faszination erzeugen.

Blau ist eine warme Farbe

Apocalypto

MENSCH MAYA!

7/10


apocalypto© 2006 Constantin Film


LAND: USA, MEXIKO, GROSSBRITANNIEN 2006

REGIE: MEL GIBSON

CAST: RUDY YOUNGBLOOD, RAOUL TRUJILLO, DALIA HERNÁNDEZ, JONATHAN BREWER, MORRIS BIRDYELLOWHEAD U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Endlich ist er von der Watchlist: Mel Gibsons wuchtiges Mittelamerika-Epos über das Volk der Maya – kurz gesagt: Dschungelwahnsinn in Cinemascope. Dass der Australier gerne exzentrische Auflagen für seine Filme hat, das wissen wir spätestens seit Die Passion Christi: ein Film, gedreht auf Aramäisch und dem Straßenlatein der Römer. In Apocalypto ist es die Sprache Mayathan, ein in manchen Regionen immer noch gebräuchliches Sprachgut, das sich vom klassischen Maya ableitet. Mit diesem linguistischen Kolorit gelingt ein Versinken in die damalige, völlig unbekannte Ära einer der letzten Hochkulturen der Welt um Vieles einfacher. Eine gemähte Wiese sozusagen – doch gemäht ist hier nichts: der Dschungel ist überall, auch ganz am Anfang sieht man außer dieser grünen, zirpenden, lodernden Hölle aus Pflanzen, tropischer Hitze und unsichtbaren Gefahren nichts: bis ein Tapir aus dem Unterholz bricht. Wie Mel Gibson und sein Kameramann Dean Semler die Jagd nach Frischfleisch quer durchs Gemüse einfängt, mag hier schon alleine eine Nummer zu groß sein für andere Filmemacher. Ein Aufwand, und ein Zugeständnis an einen satten Naturalismus, dem Mel Gibson huldigt und auf den er so versessen ist. Wenn in Apocalypto ein Lebewesen schreit, dann schreit es vor Schmerz und nicht nur so. Wenn das Blut fließt, dann tut das schon beim Zusehen weh. Wenn die Unwirtlichkeit eines vom Rest der Welt isolierten Öko- und Gesellschaftssystems den Alltag nichts für Zartbesaitete werden lässt, dann lässt sich staunen ob der niemals selbst erleben wollenden Umstände einer Zeit, die schleichend ihrem Ende zustrebt. Verdörrte Felder, eine nicht näher definierbare Krankheit rafft die Menschen dahin: In Apocalypto steht ein Paradigmenwechsel bevor.

Ein Jungpapa namens Pranke des Jaguar lebt mit seiner schwangeren Frau Sieben, seinem Sohn Schnelle Schildkröte und dessen Opa in einem Dorf im Dschungel und bekommt von diesem drohenden Sturm erstmal überhaupt nichts mit. Ein Dorfleben wie im Bilderbuch, mit seinen Festen, Querelen und Scherzen. Schön eingefangen, man ist mittendrin statt nur dabei. Doch es kommt, wie es kommen muss: Menschenjäger brechen eines Morgens in die schläfrige Idylle, massakrieren alle Einwohner und die sie nicht massakrieren, werden gefangengenommen und weggeschafft. Sieben und Schnelle Schildkröte können sich in einem Loch im Boden verstecken, die Pranke des Jaguar muss wohl oder übel mitziehen gen Süden, an einen Ort ohne Wiederkehr. Der erinnert frappant an all die archäologischen Stätten auf Yukatan. Gibson erweckt dieses historische Szenario zum Leben, mit einer Detailverliebtheit, die den Atem raubt. Rauf geht´s auf die Stufenpyramide, und wer die Geschichte der Mayas ungefähr kennt, wird wissen, was da oben passiert. Pochende Herzen als Opfergaben, ein Menschenverschleiß sondergleichen. Als eine Sonnenfinsternis eintritt, erhält die Pranke des Jaguar die Chance, zu fliehen, um zu seiner Familie zurückzukehren. Klar, dass ihm da einige der härtesten Typen ihrer Hochkultur auf den Fersen sind.

Im Grunde ist Apocalypto ein sehr simpler Abenteuerfilm. Nichts, das inhaltlich fordert. Was Mel Gibson aber daraus gemacht hat, ist ein bislang in der Filmhistorie exklusives Zeitbild über ein Volk, dass sich nicht gerade unzähliger filmischer Interpretationen ihrer selbst erwehren muss. Apocalypto ist das einzige Werk. Und gerade in den Szenen, in denen unser Protagonist in die Zivilisation eindringt, wird die filmische Expedition zum Augenschmaus. Jade, wohin man blickt. Exzentrische Frisuren, weiß und blau bemalte Körper, Federn, geschliffene Zähne. Maya-Prunk am Gipfel der Pyramide. Die Kamera schwelgt mit, taucht ein, rückt näher. Distanz gibt es keine mehr, und als Zuseher gibt man sich dem Drang hin, einfach mitgerissen werden zu wollen. Als dann aber die Jaguarpranke im Wald verschwindet, und die Häscher hinterher, erzählt Mel Gibson die Version des uns wohlbekannten John Rambo neu, der sich als Indigener mitsamt seinem Survival-Knowhow zu wehren versucht. Aus einem geradezu nihilistischen Zeitbild wird ein straffer Actioner, erdig, blutig und fiebrig. Ein Film, unter enormem Aufwand entstanden, diese Verausgabung sieht man nicht nur an Rudy Youngblood, der sich die Seele aus dem Leib rennt. Die sieht man auch, als der Wahnsinn an der Küste der Karibik sein Ende findet – und damit auch eine ganze, längst selbstzerfressene und autoaggressive Kultur, die auf erschreckende Weise alle Prophezeiungen erfüllt sehen wird.

Apocalypto

Leviathan

HIOB LÄSST SICH GEHEN

6/10

 

Leviathan© 2015 Wild Bunch Germany

 

LAND: RUSSLAND 2014

REGIE: ANDREY ZVYAGINTSEV

CAST: ALEKSEY SEREBRYAKOV, ELENA LYADOVA, VLADIMIR VDOVICHENKOV, ROMAN MADYANOV, ANNE OUKOLOVA U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN

 

Du bist der Fels, auf dem ich meine Kirche baue. Das soll damals, wenn man den Überlieferungen glaubt, Jesus zu Petrus gesagt haben. Petrus hat diese Bürde dankend angenommen. Anderen gefällt dieses Gleichnis weniger. Zum Beispiel Kolia, dem Vater eines Sohnes und Erbe eines stattlichen Holzhauses an der Küste der Barentssee. Ein herrliches Fleckchen Erde mit Rundblick bis hinaus auf den fernen Horizont, umgeben von Felsen und Wellen, hinter einer Brücke geht die Kleinstadt erst weiter. Das Häuschen selbst bietet angenehm rustikalen Komfort, hat große Fenster – moderner Landstil, wenn man so will. Da lässt sichs leben. Das weiß auch der Bürgermeister der Gemeinde, und das weiß auch die russisch-orthodoxe Kirche, die dort, an diesem exponierten Plätzchen, eine Kirche bauen will. Der richtige Fels also. Nur blöd, dass Kolia dort lebt. Der Bürgermeister wird’s hoffentlich richten, oder? Damit es den Mächtigen schmeckt. Fällt sicher was für den feisten Herren etwas ab. Kolia muss also seinen Besitz veräußern, ob er will oder nicht. Doch der hat zufällig einen Freund in Moskau, der Anwalt ist. Mit ihm zieht er vor Gericht, bringt ans Licht, was der Machtmensch des Ortes sonst noch für Dreck am Stecken hat. Doch der liebe Gott meint es nicht gut mit Kolia, der den dem Wodka zugeneigten Mechaniker so dermaßen auf die Probe stellt, dass man als Mensch eigentlich nur verlieren kann. Wenn man nicht ein Machtmonster wie der Bürgermeister ist.

Leviathan, das ist doch ein Seeungeheuer aus der christlich-jüdischen Mythologie? In einer Szene des Films zitiert ein Geistlicher im Gespräch mit Kolia aus dem Buch Hiob, um klarzumachen, dass sich ein Kampf mit dem Monster bei Weitem nicht lohnt. Das Monster, das sind die Mächtigen, ein ungreifbares und unangreifbares Ungetüm, bestückt mit zahlreichen Gliedmaßen, fast schon einer Hydra gleich. Bezwingen lässt sich das nicht. Der kleine Mann kann hierbei nur verlieren, es sei denn, er findet Halt im Glauben. Doch letzten Endes ist es die Institution des Glaubens, die den armen Trinker verrät – und ihm alles nimmt. Erbauliches Kino ist das keines, viel eher bitterer Filmrealismus, in welcher sich das Tragische zuspitzt wie sonst nur in klassischen Tragödien. Jim Sheridans themenverwandtes Enteignungsdrama Das Feld ist von ähnlich epischer Tragweite, auch Das Haus aus Sand und Nebel mit Ben Kingsley und Jennifer Connelly kennt die destruktive Dynamik von Existenzverlust und freiem sozialem Fall.

Der Wodka, der fließt dabei in Strömen und feiert den heulenden Niedergang. Wenn die monströsen Zähne der Baggerschaufel in die häusliche Geborgenheit der heiligen vier Wände einschlagen und diese niederreißen, dann sind das die schmerzlichsten, wie auch stärksten Szenen des Films. Andrey Zvyagintsev entzieht der Kirche und den Mitmenschen das Vertrauen. Der Politik sowieso. Nur der Glaube könnte ihn noch retten, doch anders als bei Hiob ist dieser bei Kolia nur peripher bis gar nichtvorhanden. Der einzige Freund, der noch bleibt, das ist der Kartoffelschnaps. Worauf also will Zyvagintsev hinaus? Was für mich übrig bleibt, ist ein Klagelied auf alles Mögliche (sogar auf den Alkohol), was, so lässt es sich vermuten, in Russland im Argen liegt. Wie kann es anders sein, in einem Land, in dem die Mächtigen gefühlt auf ewig mächtig bleiben wollen? Das ganze Land scheint wie ein diffuser Leviathan zu sein, so zumindest illustriert es dieser Film, dessen prädestinierter Abwärtstrend nicht aufwühlt, aber in seltsam phlegmatischer Resignation zurücklässt.

Leviathan

Feuerwerk am helllichten Tage

DER WÄRMENDE MANTEL DES SCHWEIGENS

7,5/10

 

feuerwerk-hellichter-tag© 2014 Weltkino

 

LAND: CHINA, HONGKONG 2014

REGIE: DIAO YINAN

CAST: LIAO FAN, GWEI LUN MEI, XUE-BING WANG, JING-CHUN WANG, AILEI YU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN

 

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Chinas Filmwelt ist neben historischem Ausstattungspomp unter anderem auch ein Spezialist dafür, melancholische Kriminaldramen zu erzählen. Wie macht es das? Und vor allem: wieso funktioniert das so gut, obwohl die Tempi der Geschichten aufs Notwendigste gedrosselt werden und der Kriminalfall als solcher mehr als ungeöffnete Büchse der Pandora im Hintergrund die Zeiten überdauert, während im Vordergrund menschliche, insbesondere zwischenmenschliche Dramen von Obsession, angeknackster Psyche und autoaggressiver Treue erzählen? Das sind haargenau jene Zutaten, die einen Film Noir erst so richtig sehenswert machen. Der beste seines Genres für mich: Der dritte Mann von Carol Reed, expressionistisch und innovativ, ein Nachkriegsfilm voller ramponierter Seelen und vieler Geheimnisse.

Feuerwerk am helllichten Tage erzeugt eine ähnliche Faszination, allerdings eindeutig rezenter, weniger abstrakter, aber die Zutaten stimmen: Regisseur Dao Yinan erzählt ein tragisches, diffuses Epos mit langem Atem, der sichtbar wird, wenn der Film druch die Wintermonate trägt. Im Zentrum ein Kommissar, der in dürrenmatt´scher Obesssion wie Kommissar Bärlach in Das Versprechen (eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe) einem Mordfall auf die Spur kommen will. Anfangs scheint es nämlich so, als könnten die vielen Puzzleteile noch zueinanderfinden. Und das sind sie, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Leiche, die gefunden wird, ist zerstückelt und per Güterwaggons in alle Himmelsrichtungen der Stadt verteilt worden. Wie es das Schicksal aber will, werden wie durch Zufall all jene mundtot gemacht, die vielleicht etwas wissen könnten. Und da gibt es noch die junge Frau namens Wu, die Witwe des Ermordeten. Die aber nicht nur ihn, sondern auch schon einen anderen Liebhaber auf gewaltsame Weise verloren hat. Eine Männermörderin? Kommissar Zili geht der Sache nach – und kommt nicht mehr los von diesem unlösbaren Mysterium und genauso wenig von der aparten Schönheit, die als Verdächtige gilt.

Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei ist eine unnahbare und gerade durch diese Attitüde faszinierende Gestalt. Liao Fan, der bereits in Asche ist reines Weiß seine Männlichkeit und seine Sicht auf die Welt eines mutigen Frauenbildes hinterfragen musste, liefert als grummeliger, obszöner und gleichzeitig leidenschaftlicher Inspektor außer Dienst, der diesen seinen Fall noch unbedingt lösen muss, eine wunderbar ergänzende, intensive Performance ab. In diesem entschleunigten Rhtythmus kann sich eine hochkomplexe, detailverliebte Geschichte wie diese bestens entfalten. Feuerwerk am helllichten Tage (ja, dieser Titel ist nicht nur so daherpoetisiert) erzählt von Mitschuld, Manie und Selbstaufgabe. Die Protagonisten sind, wie für einen Film Noir, allesamt und auf gewisse Weise traumatisiert, ein Opfer ihrer Pflicht und ihres verbissen gelebten Alltags. Identifikationen sind sie keine, dafür aber tastet sich das Genre des Kriminalfilms weg von der Plakativität des Ermittelns und Erhaschens. Hin zu einer balladenhaften Schwermütigkeit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Dafür aber mit dem Stolz des verträumten Verlierers.

Feuerwerk am helllichten Tage

The Promise

DIE EPIK EINES GENOZIDS

6,5/10

 

thepromise© capelight pictures 2004-2017

 

LAND: USA, SPANIEN 2017

REGIE: TERRY GEORGE

CAST: OSCAR ISAAC, CHRISTIAN BALE, CHARLOTTE LE BON, ANGELA SARAFYAN, TOM HOLLANDER, JAMES CROMWELL, JEAN RENO U. A. 

 

18 Jahre nach den Ereignissen im damaligen Osmanischen Reich hat der begnadete Schriftsteller Franz Werfel 1933 einen epischen Roman verfasst, welcher an den Widerstand der Armenier gegen die Türken am Berg Musa Dagh im September 1915 erinnert. Damals, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte das osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt – welcher Zynismus! – nichts anderes zu tun gehabt, als das Volk der Armenier zu vertreiben und massenhaft zu töten. Ein Völkermord, wie er im Schwarzbuch steht. Fast hätte ich vermutet, vorliegendes Werk ist Werfels Tausendseiter im Filmformat. Falsch gedacht – der irische, politisch motivierte Regisseur Terry George, der 2004 mit Hotel Ruanda bereits einen ganz anderen Genozid zum Thema hatte und die Geschichte eines schwarzafrikanischen Oscar Schindler auf bewegende Weise erzählen konnte, erinnert sich nun an das Genre epischer Monumental- und Cinemascope-Filme wie Vom Winde verweht oder an wuchtige literarische Werke wie Tolstoi´s Krieg und Frieden, um eine fiktive Dreiecksgeschichte zu erzählen, die vor dem Hintergrund der systematischen Auslöschung der Armenier erzählt wird.

The Promise bot schon im Vorfeld, bevor der Film überhaupt noch in den Kinos anlief oder von irgendeinem Publikum gesehen wurde, genug Stoff, um sowohl von den militanten Leugnern als auch von den Verfechtern der Aufklärung hitzig diskutiert zu werden. Da lässt sich wieder mal deutlich erkennen, wie sehr Journalismus menschliches Verhalten beeinflussen kann, vor allem wenn nichts Greifbares zugrundeliegt, sondern nur die Tatsache, dass das Schicksal der Armenier Thema eines Filmes werden wird. Allerdings lockte The Promise auch nach der Premiere nur wenige Menschen ins Kino – das haben womöglich Filme über Minderheiten so an sich. Grausamkeiten von Menschen an Menschen locken anscheinend nur, wenn es fiktiver Horror ist, weniger geschichtliche Tatsache, wobei Terry George alles daransetzt, nicht nur das Grauen in explizit arrangierten Szenen nachzustellen, sondern auch eine prosaische Liebesgeschichte zu erzählen, die von Sehnsucht, Eifersucht, Versprechen und Leidenschaft geprägt ist. Eine durchaus romantische Konstellation theatralischen Ausmaßes erwächst zwischen dem armenischen Medizinstudenten Michael, einem amerikanischen Reporter namens Chris und dessen armenischer, allerdings in Paris aufgewachsener Freundin Ana. Erschwerend hinzu kommt, dass Michael sich unsterblich in Ana verliebt, während daheim in der Provinz die Verlobte mit der Mitgift wartet, die letzten Endes das Studium finanzieren soll. Das alleine wäre schon heikel genug, allerdings von relativ trivialer Natur – wären nicht alle drei Kinder ihrer Zeit, nämlich Zeitzeugen der erstarkenden Endzeit des ersten Weltkriegs. Wie die Hutus in Ruanda haben auch die Osmanen in Kleinasien nur auf das Signal gewartet, um zuzuschlagen. Die Vertreibung der christlichen Armenier soll angeblich in den Wirren eines Krieges untergehen – gäbe es nicht Kriegsberichterstatter wie Chris, angenehm zurückhaltend gespielt von Christian Bale, die über die schändliche Ausnahmepolitik der dortigen Regierung berichten.

Terry George findet mit seinem Kameramann Javier Aguirresarobe und all seinen Ausstattern beeindruckende Bilder aus einer vergangenen Epoche, die sowohl die Schönheit des Landes, den orientalischen Zauber Konstantinopels als auch die Tragödie der Vernichtung in farbintensiven Bildern einfangen. Menschenschlangen ziehen durch die Ödnis, ganz so, wie Fotografien von damals die Verbrechen bezeugen. Die Schlacht am Musa Dagh am Ende des Filmes hat dann schon bibelgleiche Ausmaße. Große Gefühle sind hier nun Thema, das Beklagen der Toten und das Wiederfinden der Geliebten. Historisches Pathos in Reinkultur, professionell inszeniert, auch wenn das Schicksal von „Poe Dameron“ Oscar Isaac gegen Ende vielleicht etwas über die Maßen strapaziert wird.

The Promise lässt sicher nicht kalt, das große Drama packt den Gerechtigkeitssinn, der uns Wohlerzogenen innewohnt, gehörig und schmerzhaft am Schopf. Sehgewohnheiten neu zu definieren ist aber ebensowenig die Absicht des Films wie ein junges Publikum abzuholen – George´s Epos ist ein Zugeständnis an Traditionalisten älteren Semesters. Das ist immerhin noch malerisches, bestens gelerntes Breitwandkino im Stile Spielfilmlängen sprengender Klassiker – und selbst wie aus einem anderen, vergangenen Jahrhundert.

The Promise

The King

SCHLACHTEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN

8/10

 

theking© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, AUSTRALIEN 2019

REGIE: DAVID MICHÔD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, BEN MENDELSOHN, LILY-ROSE DEPP, ROBERT PATTINSON U. A.

 

Issos, Actium, Dürnkrut oder Hastings – Wendepunkte der Geschichte, mit Schwert, Schild und Kriegsgerät erzwungen. Hätte die jeweils andere Partei gewonnen, hätten wir eine gänzlich andere Gegenwart und wäre Europa nicht zu dem geworden, was es ist. Kriege also, die waren die Politik der Antike, des Mittelalters und weit darüber hinaus. Statt Wahlduelle im Fernsehen Schlachten, die Geschichte machten. Zu eingangs erwähnten Eckpfeilern aus Tod und Verderben gesellt sich die alles andere als unter ferner Liefen geschlagene, legendäre Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415: England gegen Frankreich, mit der die zweite Phase des bis 1453 andauernden 100jährigen Krieges begann. Unter flatterndem Banner und mit Gottes Segen: Heinrich V. Widerspenstiger Prinzensprössling und später König wider Willen – idealistisch, besonnen und klug, leider aber auch leicht beeinflussbar. Mit der Schlacht bei Azincourt schrieb der junge Mann aufgrund seiner taktischen Asse im Ärmel wie Langbögen und Kriegern in leichten Rüstungen schwarze Zahlen, denn mit dem Gemetzel im herbstlichen Schlamm, das bis heute als strategische Ausnahmeerscheinung zur Schlachtenanalyse gilt, hat sich England zumindest für kurze Zeit den Westen Europas unter den gerissen. Der Australier David Michöd (u. a. The Rover mit Robert Pattinson) hat für seinen Heinrich V. besetzungstechnisch die absolut richtige Wahl getroffen: Timothée Chalamet brilliert mit mediävalem Undercut und verbissenem Trotz als die puristische Version einer shakespeareschen Theatergestalt, frei von Versen und pathetischem Gehabe, was ihn aber nicht davon abhält, Gänsehaut erzeugende Schlachtenreden zu halten. An seiner Seite ein so bäriger wie bärtiger Joel Edgerton, nicht minder originär – und als Antagonist (zumindest aus der Sicht der Briten) der mittlerweile enorm wandelbare Robert Pattinson in wohl einer seiner besten Nebenrollen.

Da der Cast bis in ebensolche hinein eine charakterlich völlig autarke Dramatis Personae um sich geschart hat, bedarf es nur noch eines geharnischten Sprungs von den Schiffsplanken bis zu festgestampftem Boden packenden Geschichtskinos, die Michöd mit The King mehr als gelungen ist. Tatsächlich darf der Streamingriese Netflix stolz sein, mit diesem brandneuen Schlachtenepos endlich mal wieder den fahrig produzierten On-Demand-Einheitsbrei hinter sich gelassen und neben Alfonso Cuarons Roma die bislang beste Produktion in seinen Bauchladen aufgenommen zu haben. Dem fast zweieinhalb Stunden langen Film (dessen Laufzeit man ihm nicht anmerkt) gelingt es, die wuchtige, aufgewühlte, spannende Intensität historischer Meisterwerke wie Elizabeth von Shekhar Kapur mühelos zu erreichen. Und das, weil Michöd sich eigentlich nur auf eines konzentriert – auf die penible Rekonstruktion eines nachhaltigen Kräftemessens, mit dem Anspruch, so detailliert wie möglich auf all die Wägbar- und Unwägbarkeiten der beiden Parteien in dieser Konfrontation einzugehen. Michöd und Edgerton haben da ein ausgezeichnetes, zwischen Vorgeschichte und Höhepunkt perfekt abgestimmtes und ausgewogenes Drehbuch entworfen, dass seinen Charakteren genauso viel Luft lässt wie den Blut- und Boden-Fakten der epochalen Schlacht. Und selten zuvor, nicht mal in Game of Thrones, hat man jemals gesehen, wie sich von Kopf bis Fuß geharnischte Ritter wie hier auf der vom Regen morastigen Wiese bei Azincourt den Rest geben. Das ist ein Blechsalat, den muss man gesehen haben, das ist ein Kampf, der letzten Endes keine Gefangenen macht. Dabei lässt Michöd expliziter Gewalt kaum Spielraum, und wenn, dann nur, wenn unbedingt nötig. Der Film ist zwar brutal, weil mittelalterliche Schlachten eben brutal sind, doch gerät die Gewalt nicht zum Selbstzweck, sondern bleibt archaische Notwendigkeit, wenn es darum geht, dem frechen, überheblichen Dauphin Frankreichs wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Wer eine Leidenschaft für Geschichte hat, wer das späte Mittelalter in seiner kühnen, kalten, bitteren Rauheit und seinem Kalkül aus Vergeltung, Bestrafung und Barmherzigkeit unter Freunden faszinierend genug findet, der sollte um The King keinen Bogen machen. Sondern lieber den Bogen spannen – um irgendwie dabei zu sein, in einem Gefecht, das mit urtümlichen, gemäldeartigen Bildern und erdigen, kargen Kontrasten in ein Damals lädt, wo Könige noch an vorderster Front waren. Und wir hintendrein.

The King