Blair Witch Project (1999)

DER HORROR DES VERIRRENS

8/10


the-blair-witch-project©1999 Lionsgate

ORIGINALTITEL: THE BLAIR WITCH PROJECT

LAND / JAHR: USA 1999

REGIE / DREHBUCH: DANIEL MYRICK, EDUARDO SÁNCHEZ

CAST: HEATHER DONAHUE, JOSHUA LEONARD, MICHAEL C. WILLIAMS U. A.

LÄNGE: 1 STD 18 MIN


Zum 25 Jahre-Jubiläum zeigt Markus Keuschnigg im Rahmen seines diesjährigen Slash Filmfestivals abermals die Mutter aller Found Footage Filme auf großer Leinwand. Es wäre die Gelegenheit für jene, die den Hype von damals verpasst haben. Ich selbst kam vor Kurzem erst in den Genuss dieses Kultfilms mit einer der wohl besten Marketingstrategien aller Zeiten. Ist ein Film schließlich Pionier in einem eigens gegründeten Genre, welches es vorher so noch nicht gegeben hat, lässt sich das Publikum auch so behandeln, als setze es ihren Fuß auf eine Terra incognita, die wohl so einige Überraschungen und vor allem das Unerwartete bereithalten kann. Mit Blair Witch Project ließen sich schließlich Millionen an der Nase herumführen. Warum? Weil bis dahin Fake News noch etwas waren, was man maximal in der Zeitung las. Weil Dokumentationen – und nicht Propaganda – einfach nur dazu da waren, das interessierte Volk aufzuklären und nicht für dumm zu verkaufen. Für dumm verkauft wurde es zumindest anfangs doch – nach diesem PR-Gag wurde dann langsam klar: Dieser Film tut nur so als ob. Doch wie er das macht, ist so erschreckend glaubwürdig, dass man beim Zusehen darauf vergisst, sowieso schon längst des Besseren belehrt worden zu sein. Sieht man Blair Witch Project, will man um alles in der Welt daran glauben. Found Footage macht’s möglich.

Dieses Genre rund um random liegengelassene oder aufgefundene Beweismittel von verschollenen Forschern, Wissenschaftlern oder Studenten avancierte zu einer Unmenge an Geld lukrierenden, weil günstig produzierbaren Methode, vorzugsweise den Horrorfilm zu bedienen. Grobkörnige, schlecht gefilmte und verwackelte Videos, die den alten Aufnahmen von Geistern, Ufos und kryptozoologischen Phänomenen wie dem Bigfoot ähneln, wurden auf Spielfilmlänge gestreckt. Blair Witch Project schafft es auf knapp 80 Minuten, einzig und allein bestehend aus den Aufnahmen einer Handkamera, die das Unmögliche festgehalten hat: Die vermeintliche Evidenz einer unerklärlichen, bedrohlichen Macht in Form hexischer Zauberei. Drei Studenten, die den Beweis erbrachten, bleiben verschwunden. Ihre letzten Tage lassen sich einsehen. Und da erblicken wir im Grunde nicht viel außer den tiefen, unendlichen Herbstwald, rasch errichtete Camps, einen Flusslauf, keine geographisch markanten Anhaltspunkte, um wieder den Weg zurückzufinden und des Nächtens die alles verschluckende Finsternis. Als wären Hänsel und Gretel in den Forst unterwegs und hätten darauf vergessen, Brotkrumen zu streuen, setzen Daniel Myrick und Eduardo Sánchez auf den expliziten Horror des Verirrens und der Panik, die dann aufkommt, wenn langsam sickert, inmitten irrlichternder Botanik elendiglich zugrunde gehen zu müssen. Das Spiel mit den Urängsten als Blinde-Kuh-Horror hat begonnen.

Blair Witch Project ist, so simpel der rote Faden dieser Fake-Doku auch gestrickt scheint, äußerst klug fabriziert. Die Kreativlinge hinter dem Projekt setzen weder auf bekannte Horror-Versatzstücke noch auf Jump Scares noch auf Monster, die sich aus dem Dunkel schälen. Statt Geheimnissen auf den Grund zu gehen, schürt der Footage-Film das Unheimliche durch die Unmöglichkeit, jemals das Paranormale erklären zu können. In präzisen, ich will nicht sagen in homöopathischen, aber punktgenauen Dosen etabliert sich das Mysteriöse in gruseliger Akustik, seltsamen Geräuschen und bizarren Gebilden, die das Territorium als ein Verbotenes ausweisen. Wo Myrick und Sánchez aber in die Vollen gehen, ist, den emotionalen Notstand zu dokumentieren, welchem die Verirrten ausgesetzt sind. In ihrer Verzweiflung spiegelt sich all die Bedrohung von Seiten einer Natur, die so gnadenlos perfide manipuliert zu sein scheint.

Auch nach so vielen Jahren hat Blair Witch Project nichts von seiner Wirkung und seiner kreativen Genialität eingebüßt. Wie man sieht, ist es immer wieder mal möglich, in der Welt des Films weiße Flecken zu erwischen, die das bisher Dagewesene um Inspirierendes ergänzen. Nicht umsonst hält das Genre bis heute, auch nach schwächelnden Phasen. Paranormal Activity, Cloverfield oder André Øvredals Trollhunter sind Beispiele dafür, wie spielerisch sich dieses Konzept variieren lässt.

Blair Witch Project (1999)

Exhuma (2024)

HEITE GROB MA TOTE AUS

5,5/10


Exhuma© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANG JAE-HYUN

CAST: KIM GO-EUN, CHOI MIN-SIK, LEE DO-HYUN, YOO HAE-JIN, JEON JIN-KI U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass kein einziger koreanischer Film jemals kürzer sein darf als zwei abendfüllende Stunden. Am liebsten sind Filme wie diese noch länger, am liebsten hängen sie noch eine halbe Stunde dran. Das bedeutet Sitzfleisch – und einen wachen Geist. Denn die Koreaner, die geben sich nicht damit ab, nur einen singulären Erzählstrang abzuarbeiten – mit anderen Worten: banales, simples Kino, das von Alpha bis Omega schön stringent seine Geschichte erzählt. Geradlinig darf sie sein, jedoch niemals nur eine Dimension besitzen. Da gibt es Meta-Ebenen und Stile, die sich gegenseitig übertrumpfen. Da gibt es Wendungen, Twists und kuriose Begebenheiten, kurzum: womöglich bleibt alles da, wo es drehbuchtechnisch sein soll. Andernorts hätte man schon das Publikum unterfordert und den Rotstift angesetzt, Passagen gestrichen und all die knackige Originalität eingekürzt. Eine Methode, wie es in der US-Filmbranche, zum Leidwesen eines unterschätzten und gähnend gelangweilten Publikums, immer wieder geschieht. Das stets geforderte koreanische Publikum indes ist schon von Kindesbeinen an mit Filmen großgeworden, die stets für Überraschung sorgen und keinen Publikumsparametern folgen wollen. Koreanisches Kino bleibt stets erfrischend. Bleibt immer anders. Und kann sich eben auch Filme wie Exhuma erlauben, die viel zu lange geraten, weil sie viel zu viel erzählen wollen.

Wenn man glaubt, bereits am Ende angelangt zu sein, ist schließlich erst eine Stunde verstrichen, was bedeutet, dass der vollgestopfte Schamanen-Thriller nicht mal noch Halbzeit erreicht hat. Dabei ist die Story schon erzählt, der Geist entfesselt, der Fluch getilgt. Nichts da – Regisseur Jang Jae-hyun weckt die Totenruhe nicht nur einmal, stört die metaphysische Ordnung im magischen Wäldchen auf ein neues. Bringt Unfrieden und will vom Bösen durchsetzte Grabstätten umbetten. Exhuma erzählt eine Menge, lässt beschwören, bekämpfen und besessen sein. Die zweieinhalb Stunden hängen sich rein.

Dabei ist es faszinierend, dabei zuzusehen, wie so ein schamanistisches Ritual abläuft, wenn tote Schweine aufgebahrt und eine bunt gewandete Spiritistin die Messer schwingt. Schließlich geht es darum, böse Mächte abzulenken, damit der schmuck verzierte Sarg des Ur-Patriarchen einer wohlhabenden koreanischen Familie, die längst in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, ausgehoben werden kann. Denn deren Opa, der spukt schließlich herum und belegt den jüngsten Spross seiner Dynastie mit Flüchen, quält die Lebendigen mit Alpträumen und stänkert so richtig auf paranormaler Existenzebene durch die Gegend. Feng-Shui-Meister Kim ist bei dieser Aktion alles andere als wohl bei der Sache, die beiden Schamanen Lee und Oh können den alten, erfahrenen Experten aber davon überzeugen, diesen Auftrag durchzuführen. Dass dabei noch ganz andere Mächte zurück ins Diesseits beordert werden, damit hätte wohl niemand gerechnet. Die Welt der Götter wird gestört, noch viel Älteres betritt die Bühne der Gegenwart, dessen Existenz bis in die Zeit der japanisch-koreanischen Kriege zurückreicht.

Das Ensemble der Spezialisten steht bald mit dem Rücken zur Wand, es geistert und spukt, das Phantastische ist Jang Jae-Hyun aber näher als der schreckgespenstische Horror. Hätte Neil Gaiman ein Austauschjahr in Südkorea verbracht und dort so manche seiner magischen Anderswelt-Geschichten geschrieben, er hätte Exhuma entwickeln können. Und obwohl hier kaum Leerlauf herrscht in diesem Abenteuer, es immer was zu tun gibt und niemand wirklich zum Durchatmen kommt – Exhuma ist ein anstrengendes, wie bereits erwähnt überlanges und unruhiges Werk, welches knapp vor Filmmitte seinen bisher so geschmeidigen Erzählfluss verliert. Was dann folgt, ist eine fast schon neu erzählte, ganz andere Geschichte, die mit der vorangegangenen nur noch wenig zu tun hat. Zwei Schamanen-Stories im Doppelpack? Nach einer Laufzeit von einer Stunde und fünf Minuten lässt sich der Rest des Films gut vertagen.

Exhuma (2024)

MaXXXine (2024)

VOM STAR, DER ÜBER LEICHEN GEHT

6,5/10


maxxxine© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: TI WEST

CAST: MIA GOTH, ELIZABETH DEBICKI, KEVIN BACON, MOSES SUMNEY, MICHELLE MONAGHAN, BOBBY CANNAVALE, GIANCARLO ESPOSITO, HALSEY, LILY COLLINS, SOPHIE THATCHER, CHLOE FARNWORTH, SIMON PRAST U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Jetzt, nachdem die letzten Takte von Kim Carnes Klassiker Bette Davis Eyes verklungen sind und die Kameradrohne die an den Hills angebrachten hollywoodgleichen Lettern, welche den Namen Maxxxine bilden, umrundet hat, lässt sich rückblickend feststellen, dass Ti Wests ironisch-blutige Starruhm-Trilogie sehr wohl eine Klasse für sich darstellt. Das Gesamtkonzept rund um die nach Starruhm gierende Maxine Minx, vormals Miller, hätte jedoch raffinierter ausfallen können. Es hat den Anschein, als hätte West den Bogen, den er spannt, nicht auf einmal erdacht. Als wäre er erst nach dem Erfolg von X dazu bewogen worden, das Schicksal seiner Muse namens Mia Goth weiterzuspinnen. Dazu zählt auch der Blick zurück in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, um die Biografie der mordenden Alten aus X überhaupt erst zu erzählen. Der Mittelteil dieses Gesamtkunstwerks ist dann auch narrativer wie filmischer Höhepunkt. Zwischen Judy Garland-Technicolor-Satire und psychopathisch-sympathischem Killerinnenportrait gelingt West ein liebevoll ausgestattetes, wildes Gemetzel mit einer manisch grinsenden Hauptdarstellerin, deren Lieblingswerkzeug, die Mistgabel, gerne zweckentfremdet wird, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Oder einfach nur, um zu töten, weil es Spaß macht. Diese kranke Figur der Pearl ist erfrischend anders, was nicht heißen soll, dass Maxine, die sowohl in X als auch eben im Finale Grande ihrer Frau steht, nicht auch genug wehrhaftes Verhalten besitzt, um lästige Sexualstraftäter oder verquere Familienmitglieder zur Rechenschaft zu ziehen. Das tut sie auf höchst schmerzhafte Weise. Und es wäre nicht Ti West, wenn das Ex-Porno-Starlet, welches sich zu Höherem, Größerem und Glamouröserem berufen sieht, den toxischen Mann im wahrsten Sinne des Wortes an den Eiern hat.

Mit diesem patriarchalen, gewalttätigen Wahnsinn und dem Wahnsinn an sich, der ja nicht erst seit David Lynchs Mulholland Drive und Quentin Tarantinos Once Upon a Time … in Hollywood längst zu den Charakteristika dieser realen Traumwelt gehört, setzt sich MaXXXine mit schillerndem Detailreichtum auseinander und gönnt sich im Vergleich zu den anderen beiden Teilen die größte Leichtigkeit. Das funktioniert auch formschön durch das Einbeziehen sämtlicher Filmzitate wie Hitchcocks Psycho oder Polanskis Chinatown, womit wir – Apropos Polanski – wieder auf Tarantinos Aufarbeitung der Manson-Morde zuzrückkommen. Nicht nur von ungefähr gibt es zwischen Wests MaXXXine und Tarantinos Zeitportrait etliche Gemeinsamkeiten. Wests Versuch, das Once Upon a Time … der Achtziger aus dem Ärmel zu schütteln, gelingt phasenweise ganz gut, hinkt aber letztlich aufgrund der Tatsache hinterher, mit dem „Night Stalker“ und einer Prise Satanismus keinen ernstzunehmenden und auch nicht relevanten Unterbau einer latenten Bedrohung zu schaffen. West kann die Killer-Komponente nur schwer greifen, am besten gelingt sein Film dann, wenn Maxine trotz ihres Traumas aus Teil eins beharrlich versucht, die Gunst von Regie-Göttin Elizabeth Debicki zu gewinnen. Da braucht es gar nicht mal einen Killer von außen, denn der scheint das Szenario tatsächlich zu verwässern.

Richtig gut wird MaXXXine auch dann, wenn der kongeniale Kevin Bacon als alptraumhafte Mixtur aus Jack Nicholsons Privatdetektiv Jake Gittes und Helge Schneider die Szene betritt. Wenn Goth und Bacon aufeinandertreffen, schenken sie sich nichts, dann wird das Ganze geradezu von sarkastisch-komödiantischen Momenten durchzogen. Was aber ungenutzt auf dem heißen Asphalt des Mulholland Drive verdünstet, sind die Möglichkeiten, gewisser Horror-Banalitäten zu entgehen, indem West wohl lieber den Fokus auf Mia Goth behalten hätte, statt stilistische Versatzstücke aufzuwärmen. So prickelt der Film dann weniger nach als erhofft, doch was bleibt, ist Goths Paraderolle, die sowieso und in allen drei Episoden mit Inbrunst die Ellbogen-Leidenschaft eines ehrgeizigen Ruhmesmonsters lebt. Bette Davis hatte recht mit ihrem im Film eingangs erwähnten Zitat: In this business, until you’re known as a monster you’re not a star. Keine Trilogie bringt es letztlich geschmackvoller (und blutiger) auf den Punkt. Killer und Satanisten sind dabei nur reine Dekoration.

MaXXXine (2024)

Cuckoo (2024)

ALPTRAUM IM ALPENRAUM

4/10


cuckoo© 2024 Neon


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: TILMAN SINGER

CAST: HUNTER SCHAFER, DAN STEVENS, JESSICA HENWICK, MARTON CSÓKÁS, JAN BLUTHARDT, MILA LIEU, PROSCHAT MADANI, ÀSTRID BERGÈS-FRISBEY, GRETA FERNÁNDEZ, KONRAD SINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der Tourismusverband des Bundeslandes Bayern hat seinen Beitrag für die Alpen-Mystery Cuckoo lediglich aus seiner Portokassa bestritten, entsprechend nichtssagend und austauschbar rückt hier die süddeutsche Landschaft ins Bild, die genauso gut irgendwo hätte sein können, nur nicht eben hier. Im Nirgendwo steht dort die seit den frühen Achtzigern im Dämmerschlaf befindliche Hotelanlage Alpschatten, dessen Namen das Albtraumhafte nicht abzusprechen ist und eigentlich längst aus Mangel an begeisterten Gästen längst hätte zusperren müssen. Alles sieht so danach aus, als wären wir am Rande der Kleinstadt Twin Peaks gelandet. Hotelmanager König (Dan Stevens, u. a. Ich bin dein Mensch) weiß darüber sicher mehr, doch er behält die meiste Zeit alles für sich. Zumindest kann Teenie Gretchen (Hunter Schafer) im wenig einladenden Sommer als Assistenz an der Rezeption ihre Zeit totschlagen, während die Eltern – Papa und Stiefmutter – für König eine neue Anlage errichten sollen. So weit so seltsam, wenn man bedenkt, welch schaumgebremstes Verhalten mancher Gast hier an den Tag legt. Gekotzt wird nicht später, sondern gleich. Und nach 22 Uhr sollte sowieso niemand mehr draußen unterwegs sein. Verstörende Geräusche dringen aus dem Wald, und als Gretchen, alle Warnungen in den Wind schlagend, des Nächtens den Drahtesel bemüht, heftet sich eine schauerliche Gestalt an ihre Fersen, mit rotglühenden Augen hinter Sonnenbrillen und einem Outfit, als käme sie vom Set der Lindenstraße.

Natürlich war das keine Einbildung, obwohl Gretchen niemand glaubt. Als Halbschwester Alma ganz plötzlich epileptische Anfälle erleidet und ein verdeckter Ermittler namens Henry auftaucht, der dieser bebrillten Horror-Dame auf der Spur scheint, kommt Cuckoo endlich, nach zähem Start, ins Rollen. Nur, um dann festzustellen, dass all die losen Elemente, die augenscheinlich keinerlei Sinn ergeben, nur schwer aufeinander einzuspielen sind. Der deutsche Regisseur Tilman Singer (Luz) bringt sie alle nicht mehr unter einen Hut.

Mystery-Horror mit verschwörungstheoretischem Unterbau, der im Genre der Science-Fiction andockt, hat in jüngster Zeit unter der Aufsicht von zum Beispiel Jordan Peele durchaus einige Sternstunden erlebt. Man muss dabei aber wissen, wie man das zugrundeliegende Konstrukt eines organisierten Schreckens, welches dann natürlich auch und meistens gegen Ende Schrödingers Katze aus dem Sack lassen muss, auf Schiene bringt, ohne das Interesse seines Publikums zu verlieren. Hält man die losen Indizien zu lange voneinander entfernt, ohne sie verknüpfen zu wollen, wird das nichts mehr. So gesehen bei Cuckoo. Irgendwann erschöpfen sich die vagen Vermutungen, die keinen Sinn ergeben. Wenn dann sämtliche Geheimniskrämerei lüftender Erkenntnis weicht, ist die Spannung versiegt, die Neugier gewichen. Der herbeigezimmerte Aha-Moment eine krude Angelegenheit, die immer noch nicht viel erklären will. Die Unordnung erzählerischer Prioritäten erweckt den Eindruck, Singer würde seiner fantastischen Wahrheit relativ ratlos gegenüberstehen. Wohin mit dem gelüfteten Schrecken? Und was ist eigentlich die Ursache, der Ursprung des Ganzen?

So ratlos wie die dünne Story bleibe auch ich zurück. Zumindest Hunter Schafer (Euphoria) als widerborstiges Mädel, das ihrer Familie gerne entkommen möchte und gar nicht hier sein will, manche Szene dreimal erlebt (Warum?) und das gutturale Kreischen grotesker Damen schon nicht mehr hören kann, spielt ordentlich auf, reißt das bisschen Energie im Film an sich, während Dan Stevens nur noch um die Ecke ballern kann. Die vielfach gepriesene Originalität von Cuckoo suche ich vergebens, was bleibt ist die übertriebene Künstlichkeit einer konfusen Mystery, die auf Akkuratesse keinen Wert legt.

Cuckoo (2024)

Blink Twice (2024)

MÜSSIGGANG AUF ZIRZES INSEL

6/10


blinktwice© 2024 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ZOË KRAVITZ

DREHBUCH: ZOË KRAVITZ, E. T. FEIGENBAUM

CAST: NAOMI ACKIE, CHANNING TATUM, CHRISTIAN SLATER, SIMON REX, ADRIA ARJONA, KYLE MCLACHLAN, HALEY JOEL OSMENT, ALIA SHAWKAT, GEENA DAVIS, LEVON HAWKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Bist du in Gefahr – zweimal blinzeln! Wenn Kyle MacLachlan als windiger Psychotherapeut seinem Gegenüber Naomi Ackie diesen ironisch konnotierten Tipp sponsert, weiß er vermutlich schon, wovon er spricht – oder doch nicht? So sehr sich auch alles nach einem real gewordenen Märchen für Erwachsene und solche, die sich erst selbst finden müssen, anfühlt, so sehr kann man damit auch rechnen, das auf makellos gute Zeiten womöglich das große Unglück folgt. Ein ungeschriebenes Gesetz des Schicksals? Oder nur ein Glaubenssatz ohne Hand und Fuß? Zu schön um wahr zu sein scheint es anfangs, als die etwas aus dem Rhythmus des Lebens gefallene Kellnerin Frida auf der Party des Milliardärs und Lebemanns Slater King (ein diabolischer Channing Tatum) dessen Aufmerksamkeit erlangt. Sofort angetan von Fridas Reizen, widmet er den gesamten Abend allein ihr, um sie dann spontan zu sich auf seine paradiesische Privatinsel einzuladen, samt Mitbewohnerin Jess, und ehe sich beide versehen, sitzen sie im luxuriösen Privatflieger Richtung Tropen, um das Leben von ihrer leichten, traumhaften, hedonistischen Seite zu betrachten, wo Müßiggang niemals aller Laster Anfang sein kann und sich Drogen, Alkohol und feine Küche das Zepter der Dekadenz reichen, nur unterbrochen durch Planschen im Pool, Flanieren und einfach Spaß haben. Nun, so ein Leben wird auf die Dauer dann doch langweilig, nicht aber für Frida und all die anderen jungen Frauen, die, gemeinsam mit einer Handvoll ebenfalls dauerurlaubender Männer, die als Kings Entourage fungieren, jeden Tag von neuem genießen, als gäb‘s kein Morgen. Oder einfach keine Zeit mehr. Als hätte man vergessen, dass da draußen, jenseits des Meeres, noch eine Welt existiert, die man Alltag nennt.

Das alles klingt nach einer Insel der Seligen, nach dem Elysium eines irdischen Paradieses. Odysseus kann davon ein Liedchen singen, oder zumindest hat Homer seinen Aufenthalt bei Nymphe Zirze ausführlich beschrieben. Auch er verfiel dem Reiz des Elysiums und vorallem der schönen mythischen Gestalt, die den Helden von Troja alles vergessen ließ, was sonst noch so auf seiner Agenda gestanden hätte. Regiedebütantin Zoë Kravitz, die wir bislang nur als Schauspielerin kennen, stellt die Sage auf den Kopf und entwirft ein Szenario, in welchem nichts so ist, wie es zu sein scheint. Und das düstere Grauen, das kauert still und leise hinter makellosen Südsee-Fassaden und weißen Laken, die alles zudecken und nur minimale Spuren hinterlassen, die Naomi Ackie langsam, aber doch, irritieren.

Blink Twice will ein sarkastischer Psychothriller sein, der die Macht und Ohnmacht beider Geschlechter hart konturiert. Die Verteilung ist klar, und widmet sich dem stereotypen Rollenbild, bevor Kravitz gerne die Richtungen und auch die Fronten wechselt. Und auch wenn sie im Eifer ihrer Ambitionen einen schauspielerisch ziemlich ausgeschlafenen Cast auf erfrischende Weise die Orientierung verlieren lässt, kommt einem das Konzept des Films seltsam vertraut vor. Nicht dass Blink Twice lediglich den etwas ähnlich gelagerten, aber dystopischeren Suspense-Thriller Don’t Worry Darling variiert. Und nicht, dass Blink Twice vielleicht auch aus gesellschaftskritischer Sicht einiges mit Jordan Peeles Get Out oder mit dem schillernd besetzten Mädels-Drill Paradise Hills gemeinsam hat. Letztlich haben alle einen Nenner, der davon handelt, dunkle Machenschaften aufzudecken und einer Illusion zu entkommen. Von daher überrascht Blink Twice mitnichten, unterhält aber dennoch, weil klar ist, worauf die Sache hinauslaufen wird.

Kravitz widmet sich dabei nicht nur auf hemdsärmelige Weise der potenziellen Wehrhaftigkeit von Frauen, sondern macht auch chauvinistisch-männlichen Schreckensgestalten den Garaus. Der Geschlechterkrieg ist entbrannt, Vergebung gibt es keine. Entsprechend derb und mit unverhohlener Lust an aggressiv aufgeladener, gewalttätiger Genugtuung, wirft Kravitz die feine Klinge eines anfänglichen Krimirätsels ins tropische Buschwerk, um zu den schartigen Waffen zu greifen. Sie outet sich dabei auch unverblümt, worauf es ihr im Eigentlichen ankommt: Rache, die ausgelebt werden darf, stellvertretend für alle, die diese niemals ausüben können. Dabei ist dieser gallige Rundumschlag zwar befreiend, aber simpel. Zu simpel für all die Arbeit, die sich Kravitz zuvor gemacht hat.

Blink Twice (2024)

Longlegs (2024)

DEN TEUFEL AUF DISTANZ HALTEN

7,5/10


longlegs© 2024 DCM


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: OZ PERKINS

CAST: MAIKA MONROE, NICOLAS CAGE, BLAIR UNDERWOOD, ALICIA WITT, KIERNAN SHIPKA, ERIN BOYES, LISA CHANDLER, SCOTT NICHOLSON, DAKOTA DAULBY U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo ist Nicholas Cage? Man erkennt ihn gar nicht hinter dieser seltsamen Maske, die so aussieht, als hätte Mrs. Doubtfire den Nachtdienst in der nächstgelegenen Geisterbahn begonnen. Als hätte Mickey Rourke sein Geschlecht gewechselt. Seltsam feminin, tänzelnd wie der Joker und vom Teufel besessen geistert die Gestalt des Longlegs durch ein düsteres, von allen guten Geistern verlassenes Amerika, wie ein Harlekin des Grauens. Nicht von dieser Welt und dennoch nur ein Mensch. Oder doch nicht?

Wer sich einen Psychothriller biblischen Ausmaßes erwartet, wie ihn David Fincher zu meinem bekennenden Schrecken in den Neunzigern losgelassen hat, darf nur zum Teil darauf hoffen, von einer packenden Tragödie sturzflutartig mitgerissen zu werden. Longlegs geht die Sache nämlich ganz anders an. Ruhiger, stiller, bis zum Äußersten entschleunigt. Und dennoch entwickelt die finstere, metaphysische Mär um das paranormale Treiben eines hässlichen Sonderlings eine intensive Dynamik – viel untergründiger als bei Sieben, viel mehr introvertierter und überhaupt nicht energisch, sondern in den Momenten potenziellen Spuks, der da aufkommen könnte, innehaltend, um dann wieder die Erwartungen des Zusehers zu konterkarieren. Mit dem mysteriösen Song Jewel der Band T. Rex und einem daraus entnommenen Zitat, schwarze Lettern auf Rot, beginnt eine Sinn- und Tätersuche, die sich tief ins Unterbewusstsein von Protagonistin Maika Monroe gräbt, die als FBI-Ermittlerin Lee Harker durch den fundamentalen Wahnsinn eines Satanisten auf ihre eigene verzerrte Biografie zurückgeworfen wird. Diese Reise in die Dunkelheit führt durch ein fahl beleuchtetes Labyrinth aus Fluren, Kellern und weiten Räumen, deren hintergründige Unschärfe dem Auge Streiche spielen, während die Kamera stets Distanz hält zu seinen Figuren, lediglich Monroe rückt näher ins Bild, stets ernst, argwöhnisch und sonderbaren Klängen lauschend, die Psychopathisches auf den Plan rufen könnten.

Akribisch lernt Agentin Harker das krude Alphabet des Spinners, immer rätselhafter wird dieser Fall, der sich nicht auf die zehn Todsünden herunterbrechen lässt, sondern viel komplexer scheint. Schließlich ist es so, als würde Longlegs niemals selbst töten, als wären es die Opfer selbst, die sich und ihre Liebsten richten, angetrieben durch irgendeine obskure Macht, die der Killer entfesseln kann. Ist es Hypnose? Sind es Drogen?

Der Eindruck, dass die Wahrnehmung etwas verzerrt wirkt, liegt auch an den subtilen, ausgefeilten technischen Spielereien, die sich Regisseur Oz Perkins, der älteste Sohn von Schauspiellegende Anthony Perkins (Psycho), da einfallen hat lassen. Auch wenn das ferne Gewitter am dämmrigen Abendhimmel Wetterleuchten verursacht – stets bleibt das Gefühl einer Ruhe vor dem Sturm konsistent. Perkins Welt gerät unter einen Glassturz, in eine windstille Szenerie aus abgestandener Luft und Unbehagen. Die ungesund gelben Lichtkegel billiger Taschenlampen durchdringen die Finsternis, der magere Schein alter Glühbirnen und halogenem, septischem Schwachlicht erhellen das Halbdunkel nur kaum, das besser als alles andere die Metaphysik dieses okkulten Dramas versinnbildlicht. Longlegs Bildsprache folgt einer aufgeräumten Ordnung, einer Hintergrund-Symmetrie, ein erlesenes Setting, die Figuren befinden sich zentral. Vieles lässt sich in diesem Kunstwerk analysieren – am schwierigsten zu handhaben ist da wohl das Herunterschrauben einer Erwartungshaltung, die sich aus den Erfahrungen im Genre speist. Longlegs entwickelt dabei einen eigenwilligen Takt, die Ruhe vor dem Sturm zeigt sich als der Sturm selbst.

Der mit bedächtig gesetzten Gewaltspitzen ausgestattete Horror findet einen neuen Zugang ins Okkulte und vermengte das Reale mit einer fantastischen Komponente, die sich nur so nebenbei ins Geschehen schleicht. Budenzauber und hohlen Schrecken sucht man in Longlegs vergebens. Diese Ermittlungsarbeit ist ein mephistophelisches, künstlerisch versonnenes wie versponnenes Erlebnis, die den Faust’schen „Pudels Kern“ neu interpretiert. Dass Oz Perkins dabei, wieder auf einer eigenen Ebene, garstige Kritik am Katholizismus und der blinden, bigotten Bibel-Frömmelei äußert, wird in dieser Review nur rein zufällig zuletzt erwähnt. Als Wurzel allen Übels liefert dieser schadhafte Eifer überhaupt erst das Fundament für ein verhängnisvolles Spiel.

Longlegs (2024)

Good Boy (2022)

MEIN HERRCHEN FÜR MICH ALLEIN

5/10


goodboy© 2024 24 Bilder Film GmbH


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE / DREHBUCH: VILJAR BØE

CAST: GARD LØKKE, KATRINE LOVISE ØPSTAD FREDRIKSEN, NICOLAI NARVESEN LIED, AMALIE WILLOCH NJAASTAD, VILJAR BØE, MARIA WAADE GRØNNING U. A.

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


It’s a Match! Wenn Hetero-Frau beim Tindern (sagt man das so?) auf das adrette Konterfei eines schmucken Kerls stößt und dieser sich aufgeräumt gibt wie der beste Bachelor-Kandidat in der ganzen ATV+-Fernsehgeschichte, dann kann doch irgendwas nicht stimmen? Oder eben es stimmt alles. Das denkt sich schließlich Psychologiestudentin Sigrid, als sie erstmals in einem Café auf Christian trifft, der sich von seiner charmanten Seite zeigt, äußerst bescheiden gibt und sein Gegenüber keinesfalls zu irgendetwas drängt. Dass es heutzutage noch solche Männer gibt, die frei vom psychologischen Ego-Knacks alles auf die Reihe bekommen haben, ist ja fast schon ein kleiner Jackpot. Bis Sigrid zu Christian ins schmucke Anwesen eingeladen wird. Da staunt sie schon mal nicht schlecht ob des Reichtums, den der junge Herr wohl von seinen berühmten, doch leider verstorbenen Eltern geerbt hat.

Und dann staunt sie nicht schlecht, als sich der hauseigene Vierbeiner zu den frischen Verliebten ins Bett legt. Denn der ist kein Tier, sondern ein Mensch – in einem Hundekostüm. So weit, so seltsam. Andererseits: In Zeiten wie diesen und einer Gesellschaft, die open-minded miteinander umgeht, sind sexuelle Vorlieben im Dunstkreis der Sado-Maso-Szene durchaus zu tolerieren. Die Lust an der Erniedrigung durch andere mag man zwar nicht nachvollziehen können, aber Sachen gibt’s, das glaubt man gar nicht. Alles mag erlaubt sein, doch nur so weit, bis die Freiheit des einen die andere nicht einschränkt. Sigrid muss sich dennoch erst daran gewöhnen, ihren neuen Freund mit einem anspruchsvollen, zweibeinigen Fake-Köter zu teilen. Und was danach aussieht, als könnte die Zukunft eine dreisam glückliche sein, bekommt die schräge Idylle Risse. Denn der Hund ist nicht das, was er vorgibt, zu sein. Man fragt sich: Nur der Hund?

Letztjährig lief Viljar Bøes schräger Psychothriller auf dem Slash Filmfestival – und passt genau dorthin. Die unkonventionelle Grundidee lässt Bøe zumindest anfangs ganz genau wissen, wie sich eine Dreiecksbeziehung im Dunstkreis von BDSM-Vorlieben anfühlt. Das muss noch lange nicht zu einem Thriller ausarten, doch befremdend und vielleicht auch verstörend ist so ein Umstand für Außenstehende, die mit Devotismus und Dominanz wenig am Hut haben. Hätte man es nicht bei einer Romanze belassen können? Bøe will offensichtlich etwas anderes, er will die seltsame Geschichte aufblähen zu einem handfesten Thriller um Ausgeliefertsein und Fluchtpanik. Doch je mehr sich die Sache zuspitzt, umso konventioneller, umso banaler, umso weniger plausibel wird die ganze merkwürdige Situation. Bis Good Boy letztlich an seinem Showdown scheitert. Ein dramaturgischer Fehler wie dieser, der, einzig von dem Willen angetrieben, die Conclusio bis an die Spitze zu treiben, lässt sich mit der übrigen Handlungsabfolge so gut wie gar nicht vereinbaren. Was folgt, sind geradezu unverzeihliche Drehbuchschwächen, die letztlich verärgern und ein Beispiel dafür sind, wie man guten Ideen in einen Zwinger sperrt, nur um ohne einen driftigen Grund Gefangene zu machen. Während ich diese Zeilen schreibe, fallen mir für Good Boy alternative Enden ein, die mit allen plausiblen Konsequenzen der bisherigen Handlung wohl weitaus besser zu vereinbaren gewesen wären.

Good Boy (2022)

They See You (2024)

STEGREIFBÜHNE DER VERDAMMTEN

4,5/10


theyseeyou© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE WATCHERS

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ISHANA SHYAMALAN

CAST: DAKOTA FANNING, OLWEN FOUÉRÉ, GEORGINA CAMPBELL, OLIVER FINNEGAN, ALISTAIR BRAMMER, JOHN LYNCH, SIOBHAN HEWLETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ein eifriger Filmemacher ist er, dieser M. Night Shyamalan – alle zwei Jahre gibt’s einen neuen Film, der letzte war sogar erst 2023 zu sehen: Knock at the Cabin, was allein schon vom Titel ein bisschen an The Cabin in the Woods erinnert und mit diesem zumindest auch inhaltlich das Setting einer einsamen Hütte im Wald gemeinsam hat. Ein Jahr später gleich der nächste – und noch im Kino zu sehen: der Serienkiller-Thriller Trap: No Way Out mit Josh Hartnett. Ist einer wie Shyamalan mal so berühmt, verwundert es oft nicht, dass der Nachwuchs gefeierter Künstlerinnen und Künstler, um nicht unter der Dominanz ihrer Eltern zu verschwinden, ebenfalls nach dem Erfolg eifern, was sich schließlich leichter bewerkstelligen lässt als bei Otto Normalverbraucher, der nicht schon aufgrund seiner Verwandtschaft den Fuß in der Tür weiß und mit Vitamin B auf die große Leinwand gelangt. Der Anfang ist gemacht – der Rest wäre dann wohl wirklich eine Frage des Könnens. Ob Shyamalans Töchterchen Ishana ihre eigene künstlerische Identität gefunden hat, mag angesichts ihres Regiedebüts They See You (im Original: The Watchers) dahingestellt sein. Sie tut schließlich genau das, was ihr Vater tut. Gruselige Mystery mit Story-Twist(s) in Szene setzen, das Ganze natürlich auch selbst verfasst, um ihrem Vorbild in nichts nachzustehen.

Zum Schaffen seltsamer Welten gehört allerdings auch die Handhabung einer eigenen Handschrift. Ishana Shyamalan hat sie nicht. Der Einfluss ihres Vaters ist augenscheinlich, das Setting natürlich ein Vertrautes, verirrt sich doch Dakota Fanning im zwielichtigen Dickicht, aus dem es kein Entkommen gibt. Und Wälder, die sind nicht erst seit The Blair Witch Project spooky genug, um gleich für eine ganze Latte an Filmen herhalten zu können. Was dann noch ans Set gehört, ist eine Zuflucht – ein Haus, ein Tunnel, ein Bunker, was auch immer. Da, sobald sich die Nacht senkt, Fannings Figur im düsteren Tann nicht mehr allein zu sein scheint, läuft sie um ihr Leben – und landet per Zufall in den Armen einer höchst seltsamen Community, die schon jahrelang hier festsitzt und allnächtlich showgeilen Monstren das Fernsehprogramm gestaltetn. Eine Seite des bunkerähnlichen Gebäudes, in dem sich alle einfinden, ist schließlich verspiegeltes Glas – und so präsentieren sie sich, aufgereiht wie beim Da Capo-Applaus in einem Theater, einer unbekannten Macht, die tagsüber in Lächern im Waldboden haust.

Ishana Shyamalan quält sich durch einen verworrenen Pulk an unausgegorenen Mystery-Elementen und Motiven aus folkloristischen Legenden. Dabei misslingt es, das mit allerlei Bedrohlichkeiten aufgebauschte Geheimnis hinter diesem Spuk nicht mit der tatsächlichen Wahrheit, die natürlich ans Licht kommen muss (weil Papa das auch immer tut), zu vereinbaren. Eine biedere Harmlosigkeit erobert das Szenario, die Geschicklichkeit mit den Twists, die, sollten sie gelingen, auf unerwartbare Weise hereinbrechen sollten, erlangt man schließlich nicht mit einem Fingerschnippen. Letztlich enttäuscht der zumindest atmosphärische Versuch eines archaischen Schreckens aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit, wie ein Plot wie dieser auf geniale Weise zu Ende gebracht werden könnte. Shyamalan Senior, zumindest Produzent, hat da auch keine knackfrischen Ideen in petto, die benötigt er schließlich selbst, denn aus dem Ärmel schütteln lassen sich narrative Pointen schließlich niemals. Da viel Bekanntes in They See You lediglich variiert wird, ist das Ergebnis dieser Kalkulation kein überraschendes.

They See You (2024)

Late Night with the Devil (2023)

TEUFLISCH GUTE QUOTEN

6,5/10


LateNightWithTheDevil© 2024 capelight pictures

LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: CAMERON & COLIN CAIRNES

CAST: DAVID DASTMALCHIAN, LAURA GORDON, IAN BLISS, FAYSSAL BAZZI, INGRID TORELLI, RHYS AUTERI U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Ich muss gestehen, ich freue mich schon auf Halloween. Ja natürlich, vorher drängt sich noch der Sommer dazwischen, doch meine Affinität zum Paranormalen und Phantastischen schlägt die überschaubare Lust, in der Hitze nicht enden wollender Tage auf diversen Liegewiesen dahinzudämmern. Wenn’s dunkel wird, lockt das Geheimnisvolle. Und wenn’s dunkel wird, heißen diverse Show-Hosts quer über den Erdball das nocturnale Publikum wieder herzlich willkommen. In unseren Breiten sind das Sterman, Grissemann oder Peter Klien. In Deutschland der kontroverse Jan Böhmermann, in Übersee Jimmy Fallon oder Stephen Colbert. Jetzt stelle man sich mal vor, einer dieser wortgewandten Showgrößen hat sich für die Nacht des einunddreißigsten Oktobers auf den ersten November etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um die Quotenflaute auszumerzen. Etwas, das wie ein Straßenfeger fast die gesamte Bevölkerung eines Landes vor die Bildschirme lockt, und nein, es ist nicht eine erneute Mondlandung, sondern etwas ganz anderes. Der Beweis nämlich, dass gepeinigte Mädels wie jenes aus dem Film Der Exorzist tatsächlich existieren, dass es sogar möglich scheint, vor laufender Kamera endlich mal das Corpus delicti greifbar und überzeugend für alle offen zur Schau zu stellen.

Die Spannung wächst beim Publikum ins Unendliche, die Erwartungshaltung ist hoch, und die Skepsis bleibt, vorallem auch deswegen, weil Fakt und Fake in Zeiten wie diesen nur noch schwer auseinanderzuhalten sind. Doch Moment: In Late Night with the Devil befinden wir uns in einer Talkshow des Jahres 1977. Und auch wenn bahnbrechende Effekte in Filmen wie Star Wars die Welt zum Staunen bringen: Akkurate Illusionen in einer Live-Show vom Stapel zu lassen gestaltet sich dann doch deutlich schwieriger. Aus diesem Grund sollen an diesem Halloweenabend abgeblich echte Phänomene kritisch beäugt werden dürfen, deswegen lädt Showmaster Jack Delroy nicht nur das Medium Christou in die Live-Sendung ein, der mit den Toten kommunizieren kann. Auch der Ex-Magier Carmichael Haig darf die Chance ergreifen, das paranormale Schauspiel zu entlarven. Letztendlich wird sich dieser bei titelgebender Teufelsbeschwörung die Zähne ausbeißen. Und die Show zum grauenhaften Ereignis werden lassen, das als Found Footage-Dokument a la The Blair Witch Project spätere Generationen verstören soll.

Das Konzept dieses Films geht auf. Dämonen, die über ein Mädchen kommunizieren, in eine spätabendliche Talkshow einzuladen, ist tatsächlich ein kreativer Knüller. Es ist, als würde man, offen für jeden Aberglauben, den Sensationen einer jahrmärktlichen Schaubude beiwohnen, wäre man im vorigen Jahrhundert geboren. Hochgerechnet auf das Fernsehzeitalter der Siebziger, mit dem wir uns besser identifizieren können als mit theatralischem Budenzauber, entlockt Late Night with the Devil dem Zuseher eine Sensationslust, die fast schon in eine Gier übergeht; die kaum erwarten lässt, was bald stattfinden wird. Das Publikum weiß, dass die Sache aus dem Ruder laufen wird. Doch wie, bleibt lange ein Geheimnis, ein „Jack in the Box“.

Der Film von Cameron und Colin Cairns ist aber längst nicht so ein konsequenter Footage-Horror wie er letztlich hätte sein können. Eine Erkenntnis, die sich erst gegen Ende des Films niederschlägt. Die Behind the Scenes-Sequenzen lassen sich ja noch halbwegs als Teil einer ungeschnittenen Rohfassung ganz gut erklären, als andersformatige Schwarzweiß-Intermezzi sind sie dazu da, den Showbeitrag mit einer moralisch aufgeladenen Story zu unterfüttern. Hätte es das gebraucht? Ganz und gar nicht. Ich will nicht wissen, was Showmaster Delroy auf dem Kerbholz hat. Was Gäste und Host miteinander verbindet. Noch radikaler wäre es gewesen, hier überhaupt keinen Background zu erzählen, es einfach laufen zu lassen, auf unerklärliche, unheimliche Weise und ohne kausale Zusammenhänge. The Blair Witch Project hat das hinbekommen. Cloverfield ebenso. Late Night with the Devil schafft es über Dreiviertel seiner Laufzeit, wirklich zu fesseln. Doch dann ist die dick aufgetragene Liebesmüh nur noch dazu da, dem phänomenalen Ende einen reichlich konfusen Epilog draufzusetzen, der nur Verwirrung stiftet.

Late Night with the Devil (2023)

The Power (2021)

STROMSPAREN FÜR ANGSTHASEN

5/10


thepower© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2021

REGIE / DREHBUCH: CORINNA FAITH

CAST: ROSE WILLIAMS, MARLEY CHESHAM, NUALA MCGOWAN, ANJELICA SERRA, SARAH HOARE, EMMA RIGBY, THEO BARKLEM-BIGGS, CHARLIE CARRICK U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Orte, an denen es spukt, sind meist jene, an denen jede Menge Leute zu Tode gekommen sind. Was kommt da sofort in den Sinn? Natürlich Krankenhäuser. Lars von Trier hat aus dieser einleuchtenden Prämisse eine ganze Serie kreiert, sie nennt sich The Kingdom – Hospital der Geister – dänisch, düster und grotesk. Als britische Antwort auf das Paranormale an einem Ort des Leidens und leider nicht Genesens könnte The Power herhalten, eine Independentproduktion und ein Film von Corinna Faith, die dieses Szenario auch selbst ersonnen hat. Kinoauswertung fand der Streifen keine, stattdessen durfte der Streamingdienst Shudder sein Portfolio durch einen Grusel aufpolieren, der mit Isolation, Traumata und der Angst vor dem Dunkel spielt, in welcher die eigene Fantasie gerne Streiche spielt und das seit Kindertagen vorhandene und nur leidlich unterdrückbare magische Denken fördert. In so einem Setting findet sich die Pflegeaspirantin Val (Rose Williams) wieder – reichlich ungelegen zu einer Zeit, als das Royal Imfirmary Hospital die meisten seiner Patienten längst woanders hin, in andere Stadtteile Londons, ausgelagert hat, da es hier, im Osten der Metropole, aufgrund von Arbeiterstreiks und Kosteneinsparungen der Regierung immer wieder zu systematischen Stromabschaltungen kommt. Der politische Hintergrund des Films ist keine Fiktion, sondern verifizierte Geschichte – diese rigorosen Einsparungsmaßnahmen gab es in den Siebzigerjahren tatsächlich. Während eines Energie-Lockdowns wie diesen muss dennoch manche Ordnung gewährleistet werden, so auch in besagter Klinik, die immerhin noch Langzeitpatienten zu betreuen hat, die nicht unbedingt an elektronischen Geräten hängen.

Val wird bereits zu Beginn ins kalte Wasser geworfen. Dunkelschichten werden ihr aufgebrummt, und nur mit einer Petroleumlampe ausgestattet, als befänden wir uns im vorigen Jahrhundert, muss sie durch finstere Gänge hindurch ihre Runden ziehen und nach dem Rechten sehen. Es wäre kein Horrorfilm, gäbe es in diesem Gemäuer nicht eine obskure Präsenz, die titelgebende Power – eine unheimliche Macht, die sich Val bemächtigen will.

Warum sie das will, das muss die angstgepeinigte junge Frau erst herausfinden, um vielleicht diesen Spuk loszuwerden, der ihr im Genick sitzt wie ein Nachtmahr. Und es ist ja nicht nur das Unerklärliche hier in diesem Krankenhaus – es sind auch die werten Kolleginnen und Kollegen, die denken, in der Anarchie der Dunkelheit und des Blackouts gäbe es keine sonst wie gearteten moralischen Regeln. Alles zusammengenommen ergibt The Power also einen altmodischen Grusel in blassen Bildern und mit vielen Schatten. Corinna Faith versucht mit allerlei Versatzstücken des Genres eine unmittelbare Stimmung zu erzeugen, die ihr Wirkung aus der Unberechenbarkeit des Mysteriösen bezieht – wenn sie das denn wäre. Doch The Power strengt sich in jeder Hinsicht an, ihren Schrecken in allen nur erdenklichen Aspekten zu begründen. Dieses Überkonstrukt an Deshalbs und Darums, diese eigene Furcht davor, Begebenheiten unerklärt zu lassen, denn es könnte ja ein Defizit im Storytelling sein, bremst The Power allzu oft aus.

The Power (2021)