White Snail (2025)

FAST GESTORBEN IST NOCH AM LEBEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: ELSA KREMSER & LEVIN PETER

KAMERA: MIKHAIL KHURSEVICH

CAST: MARYA IMBRO, MIKHAIL SENKOV, OLGA REPTUKH, ANDREI SAUCHANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Als Romanze würde ich den neuen Film des Traumpaares des österreichischen Films nicht bezeichnen. Romanze wäre zu banal, zu einfach. Was sich in White Snail entfaltet, sind nicht nur die empfindlichen Stielaugen weißer Landschnecken, die behutsam und zaghaft ins Ungewisse hinein einige Millimeter machen. Zwei Menschen, irgendwo am Rande der Gesellschaft und doch mittendrin, wissen auf jeweils unterschiedliche Weise, wie unnatürlich (oder natürlich) oft die eigene Existenz vom Tod begleitet wird. Man könnte fast meinen: unentwegt.

Francis Bacon der Pathologie

Denn Misha, der ist Pathologe in einem Krankenhaus in Minsk, obduziert das über den Jordan gewanderte belarussische Volk und wahrt dabei klinische Distanz, während er daheim auf unzähligen, teils auch riesenhaften Leinwänden all die Erfahrungen, die er täglich macht, und all die zerschnittenen und beschädigten Körper, denen er begegnet, auf seine Weise verewigt. Es sind Bilder, die unweigerlich an die Arbeiten von Francis Bacon erinnern, es sind surreale, traumhafte, poetische und zugleich grausame Bilder, fast schon sakral, das Imperfekte des menschlichen Körpers geradezu vervollkommnend. Gemalt hat diese Bilder Mikhail Senkov. Schauspieler ist der Mann keiner, agiert vor der Kamera dafür aber umso besser. Vielleicht, weil er die eigen Biografie mit in den Charakter bringen kann, ganz so wie seine Filmpartnerin, Marya Imbro, eine faszinierende Persönlichkeit, weiße Haut, weißblondes Haar, intensiver Blick. Marya spielt Masha, eine Modelschülerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als aus Belarus rauszukommen. Ihr Vater sitzt bereits in Polen und tut alles, damit Frau und Kind nachkommen können. Derweil jedoch hadert Masha mit etwas sehr Dunklem in ihrer Seele, was sie nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus bringt – an jenen Ort, an dem sich Misha und Masha zum ersten Mal begegnen, oder besser gesagt: Masha sieht Misha, wie er mit den Toten hantiert. Und der Tod scheint sie zu faszinieren. Sie will wissen, was Misha mit den Leichen anstellt – und klopft eines späten Abends an die Tür der Pathologie.

Durch den Tod verbunden

Das Traumpaar, das sind nicht nur Misha und Masha, sondern Elsa Kremser und Levin Peter, bislang bekannt geworden durch recht spezifische Dokumentarfilme, die sich mit den Schicksalen russischer Hunde beschäftigen: Ihr Debütfilm trägt den Titel Space Dogs, fünf Jahre später folgt Dreaming Dogs. Ihr Wechsel in den fiktionalen Film hätte kaum besser funktionieren können. Mit einem Gespür für innere Zustände, nicht zynischer, aber trotziger Lakonie und einem immanenten Gefühl, andauernd auf der Suche zu sein nach etwas bestimmbar Unbestimmten, bringen Kremser und Peter zwei mit dem Tod Verwandte und Verliebte einander näher, ohne sie aufeinander zuzustoßen. Langsam, wie zwei Schnecken, kriechen sie umeinander herum, beobachten sich, ertasten sich. Ein herbstdunkles Psychogramm ist White Snail geworden, das in seiner leisen Metaphysik an Krzysztof Kieślowski erinnert, im Umgang mit dem transzendent Natürlichen und Mythischen spricht White Snail eine Sprache, die auch Ildikó Enyedi (Körper und Seele) spricht, zwischen nackter, harter Physis und dem Rätselhaften jenseits des Urbanen, Profanen, Erschlossenen.

Nicht als Anti, aber als Fast-Romanze lässt sich die Begegnung der beiden dann doch betrachten. Ein klassisches Annähern ist das natürlich nicht, umso interessanter, extravaganter und ungewöhnlicher erscheint hier die Möglichkeit, einander viel zu geben, ohne sich für die Zukunft zu irgendetwas bekennen zu müssen.

White Snail (2025)

Miroirs No. 3 (2025)

DIE LEBENDEN LOSLASSEN

7,5/10


© 2025 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN PETZOLD

KAMERA: HANS FROMM

CAST: PAULA BEER, BARBARA AUER, MATTHIAS BRANDT, ENNO TREBS U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Miroirs No. 3 – ohne nachzuforschen, könnte man mit diesem Filmtitel, der wohl zu den rätselhaftesten dieses Jahres zählt, überhaupt nichts anfangen. Was soll der bedeuten? Und würden jene, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, vielleicht gar vermuten, das englische Wort für Mirrors wäre einfach nur absichtlich falsch geschrieben, wie bei Inglourious Basterds? Nein, alles nicht so wie vermutet. Miroirs No. 3 bezieht sich auf ein Klavierstück von Maurice Ravel, stammt aus einer Reihe von Werken aus einer mit „Spiegelbilder“ betitelten Klammer und nennt sich, übersetzt, Ein Boot auf dem Ozean. Liest man die ausführlichen Interviews mit Christian Petzold, einem Vertreter der filmischen Sachlichkeit, auch Berliner Schule genannt, wird seiner Interpretation nach dieses Boot zum Symbol für eine „gekenterte“ Familie, deren Individuen, umherdriftend auf einer unkontrollierbaren Wassermasse, wieder zueinanderfinden müssen. Andererseits aber könnte sich dieses Spiegelbild, ungeachtet des Bootes, einfach auf Paula Beer beziehen, Petzolds Muse, die schon seit Transit an seiner Seite weilt. Sie ist im übertragenen Sinn in Miroirs No. 3 gleichsam lebendig als auch tot, ein mysteriöser Ausnahmezustand von Mensch, mit der Tür ins Haus fallend und für jemanden wie Barbara Auer, die hier allerdings, auch wenn Paula Beer am Filmplakat prangt, den Blickwinkel vorgibt.

Die Instanz des Unvorhergesehenen

Petzolds Arbeiten sind stets intuitive Schicksalssymphonien, jedoch keine, die mit Pauken und Trompeten den Zufall bemühen, sondern klaviergeklimpernd, melodisch, dem Rhythmus des Schauspiels untergeben. Das Schicksal aber wirkt wie eine Entität, wie eine Entscheidungsmacht, die jedoch nicht als etwas Göttliches zu verstehen ist, sondern mehr dem Natürlichen verhaftet ist, das durch ein nicht näher begreifbares inhärentes Bewusstsein den Gestrauchelten etwas in die Hand gibt, dass sie entweder als nutzbar erkennen können oder gar nicht. In Miroirs No. 3 fällt dieser Wink des Schicksals oder das Ergebnis einer herausfordernden Koinzidenz in den Schoß von Betty, die Zeuge eines Autounfalls mit Todesfolge wird. Allerdings: Es saßen zwei Personen in diesem Cabriolet, eine davon ist Laura, die den Unfall ohne größere Beeinträchtigungen überlebt und in die Obhut von Betty gelangt, auf eigenen Wunsch hin. Wir wissen vorher bereits: Laura scheint mit den Dingen in ihrem Leben nicht mehr glücklich gewesen zu sein, weder mit ihrem Freund, noch mit diesem Ausflug an diesem schicksalsträchtigen Tag, der vieles verändern wird.

Die Poesie der Berliner Schule

Petzold schickt seine Figuren so gut wie ohne Vergangenheit in sein rätselhaftes Spiel, nur langsam legt er Krümel aus, die zu einer Erkenntnis führen, welche die Parameter für eine eigenwillige Konstellation neu justiert. Die Berliner Schule mag, sehr gut erkennbar auch in den Arbeiten von Thomas Arslan, Charakterliches und Erzähltes vorwiegend andeuten und vieles dem Betrachter überlassen, inmitten einer unverfälschten akustischen wie sensorischen Beobachtung eines wie auch immer gearteten Alltags. Wie schon bei Undine oder Roter Himmel vermengt Petzold auch hier wieder jenen Stil mit der von ihm so akkurat eingewobenen Metaphysik, die nur ganz zart oszilliert und etwas nur intuitiv wahrzunehmendes Märchenhaftes mit sich bringt. Diese Märchen sind aber nicht lieblicher Natur, sie sind geerdet und greifbar, progressieren allein durch zwischenmenschliche Interaktion und dem Beisein einer vielleicht gar nur scheinbar höheren Ebene. Man merkt, wie Petzold seinem Ensemble die Freiheit lässt, zu empfinden und nicht die Anweisungen des Regisseurs, sondern auch sich selbst einzubringen.

Am Ende ganz anders

Ursprünglich hätte Petzold gar ein anderes Ende vorgesehen gehabt  – zum Glück hat er es sich anders überlegt, denn auf diese Weise gerät die psychologische Suspense alles andere als banal. Vom Loslassen der Lebenden als Heilmittel gegen Verlust und Trauer erzählt Miroirs No. 3, vom ungeplanten Trost der anderen, um die Akzeptanz eines Schicksals und letztlich dem Zueinanderfinden nach dem Schiffbruch auf der instabilen Ebene des Ungeplanten. Ein feines Stück deutsches Gefühlskino.

Miroirs No. 3 (2025)

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

POSIEREN IM LICHT DER ERKENNTNIS

8,5/10


© 2025 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: EDGAR REITZ, ANATOL SCHUSTER

DREHBUCH: EDGAR REITZ, GERT HEIDENREICH

KAMERA: MATTHIAS GRUNSKY

CAST: EDGAR SELGE, AENNE SCHWARZ, MICHAEL KRANZ, ANTONIA BILL, BARBARA SUKOWA, LARS EIDINGER, SALOME KAMMER, ANNE SCHIRMACHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Was ist ein Portrait? Filmfachlich gesehen eine Charakterstudie, meistens auf Spielfilmlänge, in der versucht wird, das Wesen einer Person zu ermitteln, einzufangen; es umspannt den Prozess des Suchens nach Merkmalen, Stärken, Besonderheiten, Bedürfnissen, Schwächen und Sehnsüchten. Ein Portrait ist keine Biographie, sondern die Betrachtung des Wesens hinter einem Menschen, meist von berühmten Persönlichkeiten aus allen Sparten der Weltgeschichte oder der globalen Gegenwart. Als Portraitfilm geht auch das jüngste der Werke des Altmeisters Edgar Reitz in die Filmgeschichte ein, denn seine im besten Sinne übertragene Wortadaption eines Portraits in einem Portrait ist alleine schon ein nahezu genial zu bezeichnender Ansatz, einer Persönlichkeit näherzukommen, die man längst nicht so vor Augen hat wie zum Beispiel die alten Griechen, Diogenes mit seinem Fass, Sokrates mit seinem Schierlingsbecher oder Physiker Isaac Newton, dem ja, wie wir alles wissen, der Legende nach der Apfel auf den Kopf gefallen war. Wie steht’s aber um Gottfried Wilhelm Leibniz, den Popkultur-Physiker Sheldon aus der Sitcom The Big Bang Theory zumindest ein paarmal namentlich erwähnt hat?

Die Zeit vergeht im Gemälde

Nichts weiß man von ihm, oder zumindest kaum etwas. Selbst Edgar Reitz wusste anfangs wohl auch relativ wenig, also recherchierte er jahrelang für dieses filmische Denkmal, brachte Gedanken, Errungenschaften und Erfindungen alle zusammen – es muss ein Pulk an Informationen gewesen sein, der sich sicherlich nur schwer ordnen ließ. Dennoch hat es der legendäre Autorenfilmer, der für sein monumentales Heimat-Triptychon bekannt wurde, dieses ganze wuchtige Wirken und Leben eines Denkers so sehr komprimiert und veranschaulicht, dass es in einen kleinen, schummrigen Raum passt – in das Arbeitszimmer von Leibniz, mit Glastüre in den Wintergarten und einer Oberlichte, durch die das einzige wahre Licht fällt, das zum Malen eines Portraits geeignet scheint. Wobei wir wieder bei der Frage des Abbildnisses über den Tod hinaus wären, bei der Malerei und dem Verewigen. Dabei gibt es eine Szene, da wirft die begnadet gut mit niederländischem Akzent sprechende Aenne Schwarz die Frage auf, was genau eine Malerei nun abbildet. Den Moment, die Entstehung dieses Moments bis hin zur Vollendung, oder vielleicht auch die Zeit, die es gebraucht hat, um die Mineralien entstehen zu lassen, die für die Farbpigmente letztlich verwendet wurden. Das Bildnis wird so zur Drehscheibe philosophischer Betrachtungen, wobei dieser Begriff wieder erschreckend schwammig daherkommt, weil er zu sehr verallgemeinert.

Wort und Bild im Einklang

Was bei dieser Begegnung zwischen der fiktiven Malerin, deren Namen so klingt wie jener des berühmten Jan Vermeer und die sich anfangs als Mann ausgibt, und dem Geistesriesen und Humanisten Leibniz, der hier wie selten jemand punktgenau die Vernunft verkörpert, alles für Synergien erwachsen, überträgt sich ungefiltert auf ein aufmerksames, zuhörendes Publikum, das zum Glück nicht damit überfordert wird, die Bildgewalt eines auf die große Leinwand projizierten Theaterstücks auch noch in sich aufsaugen zu müssen. Reduktion durch berechnete Opulenz, so könnte man Reitz‘ visuelle Sprache untertiteln. Alleine schon der von Antonia Bill vorgetragene Brief der Charlotte, Königin von Preußen, an ihren liebgewonnenen Gesprächspartner Leibniz zu Beginn des Films öffnet die Tore in eine Zeit, in der man nichts damit gewinnen konnte, seiner Zeit voraus zu sein. Um das scheinbar, aber nur scheinbar strenge Spiel aufzulockern, wählt Reitz am Anfang noch die profane Begegnung mit einem Ignoranten – Lars Eidinger ganz absichtlich entnervt als Maler ohne Selbstreflexion, der mit der Abbildung des redegewandten Diskutanten formidabel scheitert. Und dann Aenne Schwarz, erinnernd an die Barockmalerin Michaelina Wautiers, welcher zur Zeit am Wiener Kunsthistorischen Museum eine Ausstellung gewidmet wird, und ebenfalls ihrer Zeit voraus – eine akribische Visionärin, die im posierenden Denker, der ungerne Perücke trägt, ihren Meister findet. Andersherum findet es genauso statt, beide ergänzen sich, beide beleuchten im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit, die Zukunft, die Gegenwart – all das, was in ein Bild fließen soll.

Ein Gemälde blickt auf die Welt

Wenn Michael Kranz als des Hofrats rechte Hand in den dunklen Raum jenseits der Tapetentür dringt, um das Denken von Leibniz zu extrahieren, erinnert das fast an das Denkarium von Professor Dumbledore aus Harry Potter – das Mysterium des Denkens und Ahnens tut sich auf, und genauso mysteriös und auf einer gewissen Metaebene existierend entfaltet sich Sprache, Licht und Pigment zu einem berührenden Sinnesrausch nahe an der Geschichte, nahe am Tod und an der Ewigkeit, ermöglicht durch ein Gemälde, dass wir, wie die Welt, auch nur erahnen können.

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

Welcome Home Baby (2025)

NICHT NUR DIE KIRCHE IM DORF LASSEN

5/10


© 2025 Lotus Film / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ANDREAS PROCHASKA

DREHBUCH: CONSTANTIN LIEB, DANIELA BAUMGÄRTL, ANDREAS PROCHASKA

KAMERA: CARMEN TREICHL

CAST: JULIA FRANZ RICHTER, REINOUT SCHOLTEN VAN ASCHAT, GERTI DRASSL, MARIA HOFSTÄTTER, GERHARD LIEBMANN, INGE MAUX, LINDE PRELOG U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Es ist wieder soweit! Nach einem kurzen Vorgeschmack im Frühling, der sich Slash ½ nennt, senken sich mit der herbstlichen Düsternis auch allerlei bizarre Visionen, krude Ideen und verrückte Innovationen aus der Filmbranche auf die Wienerstadt hernieder. Für zehn Tage beschert das Filmcasino und das METRO Kinokulturhaus Genreliebhabern und solchen mit Hang zu Schrecklichem Gustostückerln aus der Independent-Sparte, darunter auch manches, dass nicht ganz so nischig ist, sich aber genauso anfühlt. Wie zum Beispiel der neue Film von Andreas Prochaska, österreichischer Vorreiter und Experte, was vor allem Filme betrifft, die nicht nur auf Subventionen aus der Filmförderung angewiesen sind, weil sonst keiner ins Kino geht.

Bei Prochaska schrauben sich Besucherzahlen in die Höhe, was vielleicht auch daran liegen mag, dass in seinen Filmen Emotionen getriggert werden, die nicht gleich in erster Linie einen auf gesellschafts- und weltpolitische Betroffenheit machen. Was Prochaska kann, das ist Entertainment, das ist griffig-spektakuläres Mainstreamkino mit Hand zum Autorenfilm, bestes Beispiel wohl Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott – ein Knaller unter den österreichischen Komödien, böse, schelmisch und auf intellektuelle Weise infantil genug, um ordentlich abzukassieren. Neben diesem Ausflug ins Komödienfach musste man Jahre zuvor nur bis drei zählen, schon war man tot: Ein Horrorthriller und sein Sequel sorgte damals, in den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, für Furore. Nicht zu vergessen Tobias Moretti und Sam Riley in der Corbucci-Westernhommage Das finstere Tal. Alles Genrefilme: klar konturiert, famos strukturiert, und handwerklich sowieso erste Liga.

Landfluch gegen Landflucht

Sein neuestes Werk, Eröffnungsfilm des eingangs erwähnten herbstlichen SLASH Festivals, kommt dabei deutlich vom Weg ab und holt sich die dörfliche Diabolik aus In 3 Tagen bist du tot wieder ans Set – nur diesmal geht Prochaska noch einen Schritt weiter und orientiert sich an Parametern, die in Stephen Kings Pennywise-Kleinstadt Derry, Lynchs Twin Peaks und in Zach Creggers neuestem Streich Weapons – Die Stunde des Verschwindens zu finden sind. Eine gute Überdosis Mystery injiziert der Filmemacher seinem undurchschaubaren, schleichenden Alptraum, der sich über weite Strecken nicht erklären lässt und der sich, je weiter Schauspielerin Julia Franz Richter (u. a. Rubikon) darin versinkt, immer unmöglicher scheint, dass dieser jemals entwirrt werden könnte. Von der ersten Sekunde an setzt Prochaska auf eine phlegmatische, skeptische Düsternis, die noch durch die desolate Ohnmacht einer durch eine Autobahnbrücke unterjochte Dörflichkeit unterstrichen wird.

Hier, im österreichischen Nirgendwo, soll die im Kindesalter weggegebene Judith den Nachlass ihres verstorbenen, aber unbekannten Vaters übernehmen – ein altes, mehrstöckiges Jagdhaus, in dem es zu spuken scheint und doch auch wieder nicht, in dem so scheinbar gutmütterliche Gestalten wie Tante Paula darauf warten, das verloren geglaubte Dorfmitglied wieder in ihre Arme zu schließen. Doch Obacht: die phänomenale Gerti Drassl ist diesmal nicht so herzlich und aufopfernd, wie sie anfangs scheint. Selten zuvor hat Drassl eine so perfide Rolle verkörpert wie hier. Die Finsternis steht ihr gut, auch Maria Hofstätter schickt mitunter Seitenblicke, da läuft es einem kalt über den Rücken. Und Inge Maux – Ihr Grinsen ist gespenstisch. So tragen diese drei Frauen und noch viel mehr von der Sorte Mensch dazu bei, dass sich Judith zusehends unwohl fühlt, und mehr darüber wissen will, warum sie seinerzeit im Stich gelassen wurde. Das Stochern im Vergangenen bringt eine diffuse Verschwörung an die Oberfläche, die sich kein einziges Mal deklariert, sich niemals zur Gänze offenbart und in der Mutmaßung und reinen Theorie verharrt, ohne dass Welcome Home Baby jemals für Klarheit sorgt.

Symbolism Overkill

Ein Umstand, der als ein höchst unbefriedigender zumindest anfangs ein freudloses Mysterydrama prägt, angereichert mit traumartigen Visionen über Ertrinken, Schwangerschaft und Feuertode im Wald und mit der leisen Metapher auf drohende Landflucht. Mit Symbolik weiß Prohaska nicht wirklich umzugehen, lieber macht er Nägel mit Köpfen. Bei einem polanskischen Suspense-Horror wie diesem entgleiten ihm die Versatzstücke, poltern viel zu viele Genre-Imitate durchs Bild, und als wäre das nicht schon genug, füttert er sein unklares Treiben mit versteckten Gängen, Totenköpfen und hexischem Treiben. Dieses Zuviel an bigotter Tarnung, Verwunschenheit und symbolistischer Traumata beschert Prochaska keine eigene Handschrift mehr, das meiste wirkt auffallend arrangiert, wenig originär, sondern inspiriert durch andere Vorbilder wie Rosemary’s Baby oder Aris Asters Midsommar. Ein zuviel kann folglich auch übersättigen, und ist man übersättigt, wird man müde, und so zieht Welcome Home Baby in behäbiger, viel zu entschleunigter Bedrohlichkeit, die den Verve von In 3 Tagen bist du tot vermissen lässt, hin zu einem überladenen Folk-Horror-Brimborium, das sich in seiner behaupteten Metaphysik nur noch übernimmt.

„Wie ist es, auf der anderen Seite?“, fragt im Flüsterton die bettschwere Linde Prelog – einer der unheimlichsten Momente des Films. Nun, das werden wir nie erfahren. Alles hier schöpft doch nur aus diesseitigen Quellen.

Welcome Home Baby (2025)

Das Kanu des Manitu (2025)

SENIORENTELLER FÜR ZIPFELKLATSCHER

5/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: MICHAEL HERBIG

DREHBUCH: MICHAEL HERBIG, CHRISTIAN TRAMITZ, RICK KAVANIAN

KAMERA: ARMIN GOLISANO

CAST: MICHAEL HERBIG, CHRISTIAN TRAMITZ, RICK KAVANIAN, JASMIN SCHWIERS, JESSICA SCHWARZ, FRIEDRICH MÜCKE, SKY DU MONT, DANIEL ZILLMANN, TUTTY TRAN, TOBIAS VAN DIEKEN, PIT BUKOWSKI, AKEEM VAN FLODROP, MERLIN SANDMEYER, WALDEMAR KOBUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Erfolgskonzepte soll man nicht verstauben lassen. Das hat sich zuletzt auch Seth McFarlane gedacht und nach sage und schreibe 37 Jahren der Kanone noch einmal die Kleider vom Leib gerissen. Michael Bully Herbig, legendärer Parodist und Spaßmacher, hat sich womöglich ähnliches gedacht und dem Karl May-Ulk Der Schuh des Manitu, wohl erfolgreichster Kinofilm in Geamtdeutschland seit 1968, ein Dacapo beschert. Wann, wenn nicht jetzt, bevor es zu spät ist und sowohl Herbig, Cristian Tramitz und Rick Kavanian zu alt sein würden, um diesen Bullen zu reiten.

Woke und auch wieder nicht

Hier ist es fast schon ein Vierteljahrhundert her, seit man über die kulturelle Aneignung von drei Bayern nicht nur gelacht hat. Dass kein waschechter amerikanischer Indigener die Rolle des Abahatchi verkörpert hat, stieß schon damals manchen sauer auf. Längst wird schon als politisch unkorrekt betrachtet, wenn im jährlichen Faschingsfest im Kindergarten der eine oder andere Federschmuck zwischen Spiderman und Elsa den Franchise-Einheitsbrei unterbricht. Darf man alles nicht, soll man alles nicht? In hypersensiblen Zeiten wie diesen braucht es wieder mehr Akzeptanz. Und keinen pseudomoralischen Separatismus. Im Kanu des Manitu sitzt also ein Ensemble, das sein will, was es sich wünscht, dank der Möglichkeit, zum Apachenhäuptling zu werden, auch wenn kein Apache in den Genen steckt. Diese Lust an der uneuropäisch anderen Geschichte und die ganz andere Kultur ist komödiantischer Liberalismus, den man Michael Herbig nicht vorwerfen kann. Der ist diesmal ohnehin bemüht, keine hohen Wogen entstehen zu lassen, in Anbetracht dessen, dass Komödie vieles, wenn auch nicht alles darf.

Zum Vielen gehören persiflierte Klischees und ein zünftiges dialektbetontes „Servus“ aus dem Munde eines Indigenen, der partout nicht mehr Indianer genannt werden will. Diese zentraleuropäische Begrüßungsformel gilt dem Best Buddy, nämlich Christian Tramitz als Old Shatterhand-Neuauflage. Beide bilden eine Bromance für die Ewigkeit. Eine Freundschaft, die fast schon das Siegel einer langjährigen Ehe verdient, in der kleine Streitigkeiten den Alltag auf die Probe stellen, der eine ohne den anderen aber nicht kann. Diese beiden, seinerzeit Pierre Brice (auch kein Apache) und Lex Parker, bilden das Herzstück einer Fortsetzung, die in den Weiten der Prärie nach griffigen Gags suchen muss. Zugegeben, Der Schuh des Manitu war damals zwar der Blockbuster schlechthin, auf seine Art Deutschlands „weißer Hai“, das Vokabular der Witze aber zumindest für mich nicht ganz so bissfest. Charakter- und Genreparodie ging einher mit Slapstick im Stile von Zucker und Abrahams, mit eigenwilligen Showeinlagen und hampelndem Gesang. Das Bayrische machte es dann noch um einiges schräger. Bully konnte sich somit sicher sein, dass ihn niemand hier nachahmt.

Pointen wie Wasserquellen

Bis heute bleibt diese sonderbare Art of Humor unverwechselbar, wenngleich, und das zumindest im Sequel, etwas zu entschleunigt. Während im späten Nachzügler der Nackten Kanone Liam Neeson im Minuten-, wenn nicht gar Sekundentakt über kleine und große Witze stolpert, lässt Herbig den Wilden Westen als weites Land erscheinen, auf welchem sich niederfrequentierte Pointen wie Wasserquellen tummeln. Zum Kanu des Manitu zu gelangen hat keine Eile, es bleibt Zeit genug für partnerschaftliches Geplänkel und Rick Kavanians Wortspiele. Jessica Schwarz als Antagonistin führt, ohne genau zu wissen wie, einen diversen Männertrupp an, der das titelgebende Kanu finden will. Das geht nicht, ohne Abahachi zu entführen, und wo Abahachi ist, ist der Ranger nicht weit. Der trifft auf seine erwachsene Tochter, die wiederum heuert in Dimitris Taverne an. Und alle sind wiederum auf die Hilfe Winnetouchs angewiesen, dem homosexuellen Fechtkünstler, der die Puderrosa- auf die Rumba-Ranch upgraden ließ. Schräge Figuren also in einem dahinplätschernden Erholungstrip, auf welchem unausgeschlafene, allerdings merkwürdige Kalauer darauf warten, performt zu werden.

Im Western nichts Neues

So richtig originell ist das alles nicht. Und vor allem harmlos. Man gewinnt sogar den Eindruck, dass sich Bully Herbig regelrecht darum bemüht, die gute alte Zeit wieder aufleben zu lassen, nur ist der Proviant fast aufgebraucht und die Freundschaft der beiden so sehr etabliert, dass sie sich fast nichts mehr zu sagen haben. Am Ende taucht auch die aus dem Ei gepellte Ikone einer Erznemesis wieder auf, der guten alten Zeiten wegen. So wie Die Nackte Kanone kehrt auch Das Kanu des Manitu wie der Schuster zurück zu seinen Leisten, ohne das Design neuer Hufe. Wer damals gelacht hat, wird diesmal nur schmunzeln.

Das Kanu des Manitu (2025)

Leonora im Morgenlicht (2024)

DA LACHEN DIE HYÄNEN

6/10


© 2024 Alamode Film

ORIGINALTITEL: LEONORA IN THE MORNING LIGHT

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, MEXIKO, RUMÄNIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: THORSTEN KLEIN, LENA VURMA 

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: OLIVIA VINALL, ALEXANDER SCHEER, RYAN GAGE, LUIS GERARDO MÉNDEZ, ISTVÁN TÉGLÁS, CASSANDRA CIANGHEROTTI, DENIS EYRIEY, WREN STEMBRIDGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Warum Leonora Carrington bisher so sang- und klanglos an mir, der in Sachen Kunstgeschichte durchaus seine Hausaufgaben gemacht hat, vorübergegangen ist, lässt sich nicht erklären. Carrington schuf schließlich Kunst, die sich zwischen der nordischen Renaissance eines Hieronymus Bosch und den progressiven Formen eines Marc Chagall widerfindet. Die schließlich auch mit den Mythen Mittelamerikas kokettierte und so einiges aus dieser alten Kultur in ihre Werke hat einfließen lassen. Bemerkenswert sind ihre Arbeiten aus jener Zeit, in der sie mit dem deutschen Surrealisten Max Ernst liiert war, der wiederum in den Dunstkreis von André Breton agierte, selbstredend in Paris, denn dort trafen sich stets alle, die sich Künstler nennen durften, da sie auch schon Renommee genug hatten, um sich in Szene zu setzen. Carrington war da auch mit dabei, als von allen vergötterte Muse. Selbst hat sie sich nicht so gesehen. Sondern Zeit ihres Lebens wohl eher als Tier empfunden, insbesondere als Pferd. Als Kind wollte sie schon die Hufe schwingen, doch ihr gestrenger, erzkonservativer Vater hat das unterbunden. So viel zur Freiheit der Entwicklung im Elternhaus nach der Jahrhundertwende.

Was da an Murks einem späteren Leben mitgegeben wurde, lässt sich längst nicht auf nur eine Leinwand pinseln. Sind deshalb so auffallend viele Künstlerseelen gleichzeitig auch gebrochene? Van Gogh, Alfred Kubin, Niki de Saint Phalle, Leonora Carrington – eine kleine Auswahl nur unter all jenen, die ihre eigene Weltsicht einem psychosozialen Defizit zu verdanken haben, das sie nicht selten in die geschlossene Anstalt brachte. So auch Leonora. Worunter sie genau litt, ist nicht so ganz klar. Schizoides Verhalten oder doch „nur“ ein Nervenzusammenbruch aufgrund der plötzlichen Trennung von Max Ernst, der kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Frankreich als verdächtiger Deutscher verhaftet wurde? Laut vorliegendem Film hat Leonora ihren Lebensmenschen nie wieder gesehen. Ob das nicht genau der Trigger war, um verschüttete Traumata aus der Kindheit hochkochen zu lassen?

Üppiger Film, schwerer Zugang

Thorsten Klein und Lena Vurma schenken diesem psychologischen Wendepunkt ihre meiste Aufmerksamkeit, finden aber genauso schwer ihren Weg in den Kopf einer Surrealistin wie meine Wenigkeit in den Film. Viel, sehr viel Geduld ist ratsam, wenn man Leonora Carrington nahekommen will. Spät, fast schon zu spät, knackt das Regie-Duo die holzige Nuss einer biografischen Skizze, die sich genauso wenig formen und beherrschen lassen will wie die dargestellte Künstlerin kurz vor ihrer Elektroschock-Therapie, die damals gang und gäbe war und von der man nicht wirklich sagen kann, sie hätte einen medizinischen Nutzen gehabt. Mit Olivia Vinall, die ich erstmals auf dem Schirm habe, und Alexander Scheer (enttäuschend unbeteiligt) fügen sich zwei Darsteller in ein formelhaftes Konzept biografischer Szenen, ohne aus ihrer Zweidimensionalität hervorzutreten. Weder Max Ernst noch Leonora selbst werden erfahrbar – je länger der Film läuft, desto weiter distanzieren sie sich. Einnehmend interessant kann man beide nicht nennen, wohl eher introvertiert. In ihrer elitären Künsterblase hockend, wollen sie nichts davon wissen, in einem Film zu spielen, der kunstgeschichtliche Lücken füllt. Und dann erhasche ich einen Blick auf ein Werk Carringtons, alleine ihre Bilder wecken mein Interesse. Und dann das: Die Wende, vor allem erzählerisch. Die Szene, in der Carrington in einen verschlossenen Raum der Heilanstalt vordringt, gleichzusetzen mit einer Reise in ihr Unterbewusstsein, sprengt endlich die Grenzen zwischen drögem, chronologischem Vortragskino und surreal anmutendem Psychodrama. Die Nuss ist geknackt, die Hyäne lacht, begleitet von Buschtrommeln. Der üppige mexikanische Regenwald, inmitten Vinalls verlorene und wiedergefundene Figur, lässt nun, in der letzten halben Stunde, die Kreativität fließen.

Ich kann Leonora im Morgenlicht wohl nicht als perfekten Film bezeichnen – zu viel geht anfangs schief. Und dennoch bleiben die Leinwände nicht weiß, die Künstlerin namens Carrington nicht unbekannt. Unsereins lotst sie am Ende in ein ungelenk präsentiertes, aber neugierig machendes Euvre einer viel zu unbekannten Individualistin.

Leonora im Morgenlicht (2024)

Armand (2024)

NACHSITZEN FÜR ELTERN

3/10


© 2024 Pandora Film


LAND / JAHR: NORWEGEN, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN 2024

REGIE / DREHBUCH: HALFDAN ULLMANN TØNDEL

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: RENATE REINSVE, ELLEN DORRIT PETERSEN, ENDRE HELLESTVEIT, THEA LAMBRECHTS VAULEN, ØYSTEIN RØGER, VERA VELJOVIC U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Als schlimmster Mensch der Welt konnte sich Renate Reinsve in Joachim Triers tragikomischen Beziehungsklassiker auf niemanden wirklich einlassen. Mittlerweile ist die Norwegerin auch dank dieses Films längst in Hollywood angekommen. Zuletzt war sie an der Seite von Sebastian Stan in der bizarren Psychokomödie A Different Man zu sehen, nachdem sie in Handling the Undead ihren untoten Sohn pflegt. Mit Armand begibt sich die mit unbändigem Esprit ausgestattete, kraftvolle Schauspielerin in Gefilde, die bereits Yasmina Reza mit dem Kammerspiel Der Gott des Gemetzels ausgelotet hat. Was sehr nach antiker Tragödie klingt, ist in Wahrheit eine Nabelschau der Befindlichkeiten zeitgeistiger Erwachsener, deren Lebensinhalt sich ausschließlich um sie selbst dreht; die zwar Kinder haben, aber diese nur als Spiegel ihrer eigenen Komfortgrenzen betrachten. Wichtig sind sie ihnen nicht, und deshalb hat Reza auch in keiner Minute ihres Stücks das Auftreten derer eingeplant, die diese Zusammenkunft zweier Elternpaare überhaupt erst notwendig werden lassen. Schließlich scheint es nicht wert, die Heranwachsenden selbst zu befragen oder sie als vollwertige Person zu betrachten.

Armand tickt vom Konzept her sehr ähnlich wie dieses von Roman Polanski bereits verfilmte und prunkvoll besetztes Stück. Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz konnten dabei ihre tragikomisch-dialogwitzige Ader pulsieren lassen. Armand hat den unterschwelligen Witz zur Gänze außen vorgelassen. Im Film von Halfdan Ullmann Tøndel gibt es so etwas wie augenzwinkernde Distanz nicht. Das kann doch nicht daran liegen, dass Tøndel der Sohn von Liv Ullmann und Ingmar Bergman ist? Bergman ist aus der Filmgeschichte nicht mal minutenweise wegzudenken, das wäre so, als würde man hundert Jahre menschlicher Entwicklung streichen. Bergmans Filme sind legendär, surreal, psychologisch durchdacht und völlig anders als das, was Hollywood jemals zustande brachte. Mit ihm lässt sich auch das skandinavische Filmschaffen fast schon als eigenes Genre betrachten. Doch zurück zu Tøndel, denn der ist nicht Ingmar Bergman. Oder doch? Beeinflusst scheint ihn das Gesamtwerk seines Vaters aber sehr wohl zu haben. Daher auch diese drückende, bedeutungsvolle, selbstverliebte Schwere, in die sich Renate Reinsve bettet, als wäre sie Medea.

Dabei muss Reinsves Figur der narzisstischen Schauspielerin, die alle Welt kennt, kurz vor Ferienbeginn doch nur in der Schule ihres Sohnes antanzen, um einen Sachverhalt zu klären, der auch die Eltern ihres Neffen betrifft. Zwischen diesen beiden Jungs herrscht schließlich ein Gefälle im Kräfteverhältnis, und der Stärkere – titelgebender Armand – soll den Schwächeren sexuell unterdrückt haben. Wenn Erwachsene solche Situationen ausbaden müssen, ohne ihre Kinder miteinzubeziehen, geht es bald nur noch ums jeweilige Ego. Pädagogisch spannend ist Armand daher in keiner Weise.

Wenn Eltern im Clinch liegen und recht behalten wollen, kann das so funktionieren wie in Gott des Gemetzels. Nicht aber bei Tøndel. Sein Versuch, einen dialogstarken Psychokrieg vom Zaun zu brechen, missglückt insofern, da dieser sich irgendwann, und das sehr bald, nur noch für seine Schauspielerin als Schauspielerin interessiert, deren soziale Inkompetenz von niemandem sonst außer dem Regisseur selbst ergründet werden will. Wenn Reinsve als Elizabeth mit dem Putzmann durchs leere Schulhaus tanzt oder sich einem minutenlangen Lachanfall hingibt, kräuselt sich meine Stirn. Im falschen Film? So würde ich es nennen. Wer glaubt dabei in ein emotional starkes Vexierspiel zu geraten wie seinerzeit Mads Mikkelsen im brillanten Schulthriller Die Jagd von Thomas Vinterberg, der darf bald gähnend einer Solo-Performance beiwohnen, die sich für ihr eigentliches Thema nicht mehr interessiert, sondern nur noch in bedeutungsschweren Sinnbildern herumhechelt, und das für einen psychisch labilen Charakter, der längst nicht so interessant ist wie er sich selbst nimmt. Diese Arroganz kickt den schwer zu ertragenden, lähmend irrelevanten Kunstfilm leider ins Aus.

Armand (2024)

Brick (2025)

DAS TRAUMA VOM LOCKDOWN

6/10


© 2025 Sasha Ostrov / Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: PHILIP KOCH

KAMERA: ALEXANDER FISCHERKOESEN

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, RUBY O. FEE, FREDERICK LAU, MURATHAN MUSLU, SALBER LEE WILLIAMS, SIRA-ANNA FAAL, ALEXANDER BEYER, AXEL WERNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Wir können uns alle noch gut daran erinnern, wie Corona die Welt in ihrer Mangel hatte und der eine oder andere Lockdown über uns kam wie das Schwert es Damokles. Ein Spaß war das keiner. Einschränkungen, sinnvoll oder nicht, wo es nur ging. Ab 21 Uhr gab’s Ausgangssperre, Besuchsverbot sowieso und so weiter und so fort. Und manchmal, da überkam einem doch das Gefühl, eingemauert zu sein, isoliert von aller Welt. Der Mysterythriller Brick mit Matthias Schweighöfer und Frederick Lau in den Hauptrollen lässt das Gefühl des Eingesperrtseins auf plakative Weise Gestalt annehmen. Was das Ensemble in diesem Film am Weiterkommen hemmt, ist eine geheimnisvolle Mauer, die Fenster und Türen umgibt – das ganze Haus also, in dem Tim mit seiner Freundin Olivia wohnt. Letztere will sich nach einem unaufgearbeiteten Schicksalsschlag von ihrem Partner, einem verbissenen IT-Nerd, gerade trennen, da scheint ihr gar nicht mal der Wille, es durchzusetzen, im Wege zu sein, sondern eben etwas Physisches – eine anthrazitgraue, in unterschiedlich große Segmente gegliederte Wand, die ihr den Weg versperrt. Und nicht nur ihr: Auch die Nachbarn sind zumindest innerlich aus dem Häuschen und tun sich zusammen, um herauszufinden, wie man diese Sperre im wahrsten Sinne des Wortes unterwandern kann. Zwischen Trial und Error offenbart sich eine Art Escape Room, der seine Opfer fordert und nicht jeden so erscheinen lässt, wie er wirklich ist.

Beschützer oder Aggressor?

Matthias Schweighöfer arbeitet gern für Netflix. Das tut Philipp Koch auch. Der hat vor einigen Jahren die vielversprechende postapokalyptische Serie Tribes of Europa mit Henriette Confurius und Oliver Masucci aus dem genretechnisch nicht unbedingt flexiblen deutschen Filmboden gestampft, Perlen wie Dark sind da wohl eher eine Ausnahme. Die durchaus gelungene Staffel endete mit einem Cliffhanger – und wird auch nie wieder fortgesetzt werden. Eine Methode, mit der Netflix seine Abonnentinnen und Abonnenten gerne sekkiert. Zum Glück ist Brick keine Serie, sondern ein Film, und ja, vom Plot her wären mehrere Episoden auch gar nicht vonnöten. Kochs Film ist, was es ist. Und Schweighöfer? Lässt sich von einem wie Murathan Muslu die Stirn bieten – der österreichische Schauspiel-Export darf in dieser Science-Fiction-Mystery die gehaltvollste Rolle verkörpern. Einen undurchschaubaren Bären von Mann mit graumelierter Mähne und unangenehm beobachtendem Blick. Ein John Goodman, der von der großen Katastrophe spricht und in 10 Cloverfield Lane Mary Elizabeth Winstead zum Ausharren in seinem Bunker verdonnert. Unterm Strich agiert das Ensemble durchaus situationsadäquat, das Skript strengt sich zwar nicht an, lässt aber, was das Tempo betrifft, nicht allzu viel anbrennen. Straight nennt man so eine Inszenierung. Und ein bisschen naiv, wenn man glaubt, die Wände und Böden eines Altbaus wären so widerstandsfähig wie Papiermaché. Nimmt man diese adaptierte physikalische Tatsache als Basis, könnte man sich die Kiste Bier für die unter der Hand engagierten Renovierer demnächst sparen. Mit Bohrmaschine und Vorschlaghammer geht schließlich alles.

Zu viel Science-Fiction, zu wenig Mystery?

Hat man mit dieser Prämisse aber dennoch Probleme, bleibt immerhin noch der Vergleich, der uns sicher macht. Vor Jahren lief auf dem Slash Filmfestival der Horrorstreifen Lockdown Tower. Ähnliche Ausgangssituation, andere – radikalere – Lösung. Menschen in einem Hochhaus werden zwar nicht von einer Mauer, sondern lediglich von einem schwarzen Nichts daran gehindert, ihre vier Wände zu verlassen. Brick ist da wesentlich harmloser, obwohl auch blutig. Wohl eher lässt sich das Netflix-Zuckerl als Mieterschutzversion von Cube betrachten – nur statt den Würfeln sind es Wohnungen, durch die man sich ackert und immer wieder auf neue Leute trifft, darunter Opa Axel Werner als jemand, der erfrischen nuanciert den Altersdurchschnitt hebt.

Man kann von der Auflösung halten, was man will. Die Tendenz geht eher in Richtung Ernüchterung, da Koch weder mit den Wahrnehmungen spielt noch ans Unterwandern von Erwartungen denkt. Den Twist verkraftet man ebenfalls ganz gut, denn es gibt keinen. Zumindest ich habe keinen entdecken, doch vielleicht sehe ich den Durchgang vor lauter Wänden nicht.

Brick (2025)

On the Border – Europas Grenzen in der Sahara (2024)

EUROPA ALS FATA MORGANA

7/10


© 2024 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: GERALD IGOR HAUZENBERGER, GABRIELA SCHILD

KAMERA: THOMAS EIRICH-SCHNEIDER, GERALD IGOR HAUZENBERGER, HAJO SCHOMERUS, JOERG BURGER

MITWIRKENDE: RHISSA FELTOU, TILLA AMADOU, ACHMET DIZI U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Die Wüste ist kein Ort, an welchem man dauerhaft verweilt. Sie ist da, um sie zu durchqueren, um von A nach B zu gelangen. Sie ist ein offenes Feld, ein Vakuum, ein wilder Raum, Sehnsuchtsort, Abenteuerspielplatz und Glutofen. Und das schon seit jeher. Die Tuaregs, die wissen das. Denn sie wandern, wenn geht mit Passagieren und Gütern im Schlepptau, die sie an ihr Ziel bringen, meist für gutes Geld, um dann selbst zu überleben. Die Wüste und ihre Gesetze sind auch nichts, worin Europa reingrätschen sollte. Zumindest nicht so wie auf diese Art. Auf eigennützige, und nicht gemeinnützige Art. Mit leeren Versprechungen, schönen Worten und aufgeräumten Spezialistinnen und Spezialisten, die in der Stadt Agadez die geopolitischen Interessen Europas umsetzen und dabei die Bevölkerung instrumentalisieren, um ein Verbot durchzubringen, das die Migration von Ausländern untersagt. Das sind nicht die Gesetze der Wüste, das sind die Gesetze eines fernen Wohlstandskontinents, das keine Flüchtlinge mehr will. Was geht das Ganze Agadez an? Oder den Niger?

Das Regieduo Gerald Igor Hauzenberger und Gabriela Schild begeben sich in den von den Tuareg-Stämmen kontrollierten Norden, um die ganze Sache mal aus der Nähe zu betrachten. Sie tun dabei das, wovon ich selbst schon immer wieder mal geträumt habe, und zwar besuchen sie Agadez, den Handelsknotenpunkt weit nordöstlich der eigentlichen Hauptstadt Niamey – ein Name, der so verlockend, magisch und nach Fernweh klingt wie Timbuktu. Aus der Luft betrachtet ein homogenes Mosaik aus Lehmwürfeln, dazwischen ein labyrinthartiges Straßennetz, irgendwo in der Mitte eine aus Lehm erbaute Moschee mit einem Minarett, das aussieht wie das Kunstwerk eines Visionärs aus archaischen Urzeiten. Überall Wüstensand, der stete Wind bringt auch in die letzten Ritzen das kleinste Körnchen erdgeschichtlichen Klimawandel – und mit dem Wind kommt der Plastikmüll, der sich in den dornigen Ästen der Akazien und wüstenharten Bäume verfängt, als würden im Geäst ganze Schwärme schwarzer Vögel sitzen, die keinen laut von sich geben. Zu hören ist nur das Schlackern der Kunststofffetzen, dazwischen die melodische Stimme des Muezzins, und dann wieder Radio Nomad mit den aktuellen Nachrichten. Am Rande der Stadt Kamelherden, Pick-ups und Busse, völlig überladen mit Menschen, die zu ihrer Arbeit pendeln – oder an die Grenzen Libyens oder Algeriens wollen, warum auch immer. Dass hier noch Leute aus Schwarzafrika dabei sind, die an die Küste des Mittelmeers wollen? Dass das nicht mehr passiert, dafür hat Europa gesorgt. Wie die Leute darauf reagieren, und was sie zu sagen haben, fangen Hauzenberger und Schild über einen Zeitraum von fünf Jahren (2018 bis 2023) in geduldigen Interviews ein, sie lassen den Bürgermeister der Stadt, Rhissa Feltou, der später eine eigene Partei gründen wird, mit klugen, besonnenen Worten genauso zu Wort kommen wie die Radiomoderatorin und Journalistin Tilla Amadou und den Kleinunternehmer und Fremdenführer Achmet Dizi, der unzählige Sprachen spricht, darunter sogar Deutsch, und der ein Potenzial mit sich bringt, das jenes mancher gutsituierter Europäer bei weitem übersteigt. So einen Guide, den hätte man gern.

Europas leere Versprechungen

Durchwoben mit unvergesslichen Bildern einer völlig fremden, anderen Welt stoßen die Filmemacher, denen wirklich viel daran liegt, nicht nur so zu tun als ob, sondern tief in die Grundproblematik einer Gesellschaft einzudringen, auf die Weisheit der Wüste, die sich in wertebewussten und erfrischend vorausschauenden Worten so mancher Nigrer offenbart. Während Europa glaubt, ein ganzes Volk mit falschen Versprechungen zu ködern, denn darauf läuft es hinaus, haben jene, die es betrifft, längst überrissen, welches Spiel hier gespielt wird. Doch Hauzenberger und Schmid bleiben Beobachter, sie sind keine Aktivisten und sie rennen auch nicht verschlossene Türen ein. Ihr Konzept eines Dokumentarfilms alleine ergibt ganz wie von selbst eine bittere Conclusio.

Was dabei aber trotz der genauen Beobachtungsgabe außen vor bleibt, ist die Annäherung an die wirklich Armen, Besitzlosen, die jeden Tag ums Dasein ringen. Vielleicht wollten sie auch nicht vorgeführt werden, vielleicht ist es auch der selbstverständliche Respekt des Regie-Duos, der sie dazu zwingt, selbst niemanden zu instrumentalisieren. Wir sehen Agadez zwar aus einem ganz bestimmten Blickwinkel, nämlich aus jenem der beleseneren, weltoffenen Elite des Landes, allerdings räumt On the Border – Europas Grenzen in der Sahara mit so manchen Vorurteilen auf, die bis heute dazu beitragen, die Wüste als einen gesetzlosen, leeren Raum voller Banditen und Abenteurer wahrzunehmen, wie damals im romantischen Zeitalter der Entdeckungen rund um Heinrich Barth. Diese Epoche ist längst vorbei, die Wüste lebt, sie schläft nicht. Und weiß genau, wie die Welt sie in die Mangel nimmt.

On the Border – Europas Grenzen in der Sahara (2024)

Last Contact (2023)

NAH AM WASSER GEBAUT

4/10


lastcontact© 2023 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ESTLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: TANEL TOOM

DREHBUCH: MALACHI SMYTH

CAST: KATE BOSWORTH, THOMAS KRETSCHMANN, LUCIEN LAVISCOUNT, MARTIN MCCANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Natürlich ist im Kino unsere Welt längst aus dem Gleichgewicht geraten. Aus dem Schneeball Erde ist dank unseres Zutuns und eines rasanten Klimawandels ein dampfender Wasserball geworden, der um die Sonne seine Runden dreht. Filmtechnisch hat man so ein radikales Szenario längst aufgegriffen: Für Kevin Reynolds war Waterworld allerdings ein Sprung in unbekannte Gewässer, und selten entwickelte sich ein Monumentalprojekt wie dieses, das, anstatt CGI einzusetzen, alles per Hand geschnitzt hat, so derart zum finanziellen Debakel, dass der Film mit Kevin Costner allein dadurch zum Kult wurde. Eine Katastrophe wie diese, inhaltlich wie produktionstechnisch, musste man irgendwann mal gesehen haben. Wer das noch nicht getan hat: Bitte nachholen. Denn qualitativ gesehen hat der dystopische Mad Max-Streifen zu Wasser durchaus seine Guilty Pleasure-Momente.

Filme mit ganz viel Wasser drumherum sind also ganz sicher nicht leicht auf die Beine zu stellen – es sei denn, man begnügt sich damit, das ganze Abenteuer in seiner Spielfläche erheblich einzuschränken. Statt ganze Wasserdörfer und rostige Öltankern wie die Exxon Valdez, auf der Dennis Hopper als einäugiger Smoker-Pirat sein Unwesen treibt, ragt in der postapokalyptischen Sci-Fi des estnischen Regisseurs Tanel Toom lediglich eine auf drei mächtigen Pfeilern errichtete, an ein Baumhaus erinnernde Plattform aus dem Wasser, die bewacht werden muss. Oder anders formuliert: nicht die Plattform selbst wird bewacht, sondern das, was im Inneren wohnt. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich dabei um eine Kernwaffe handeln könnte und ja, richtig – genau das ist es. Eine Bombe, die nur darauf wartet, gezündet zu werden, wenn die Chancen jener Partei, die seit gefühlten Ewigkeiten einen Krieg um die letzten Reste trockenen Bodens führt, zu schlecht stehen, um sie auf andere Weise wieder aufzubessern. Zu diesem Zweck sind eine Frau und drei Männer als militärische Sondereinheit dazu verdonnert, Wache zu schieben, den Außenposten zu warten und der baldigen Ablöse entgegenzuharren, denn je länger hier ein menschliches Gemüt der Monotonie eines wenig erquickenden Alltags ausgesetzt sein muss, je eher droht der Lagerkoller. Als der heiß ersehnte Stichtag zur Abreise endlich schwarz auf weiß am Kalender steht – tut sich nichts. Kein Schiff holt sie ab, keine Meldung gibt’s von jenseits der weiten Wasserwüste. Was tun angesichts einer wohl ewig andauernden Hölle des Wartens und Nichtstuns? Ein Disput scheint vorprogrammiert, und Kommandant Thomas Kretschmann einer, der sich dem militärischen Gehorsam verpflichtet hat, komme, was wolle. Eine Einstellung, die sonst niemand hier teilt, einsam und verlassen auf hoher See.

Ein Gefühl der Verlassenheit bemächtigt sich auch beim Betrachten eines Waterworld für Arme, der das psychologisch hochinteressante Dilemma der Ungewissheit einfach nicht nutzen will, um vielleicht eine wendungsreiche Geschichte zu erzählen. Was fehlt, sind nicht nur von außerhalb einwirkend höhere Mächte, wenn man mal von einer perfekten Welle absieht, die gleich zu Beginn des Films hereinbricht. Was fehlt, ist auch die Lust daran, sich angesichts dieses klaustrophobischen Settings soweit auszutoben, um vielleicht gar einen Psychothriller daraus entstehen zu lassen, der mehr zustande bringt als Maschinenöl, raue Seeluft, einen herrischen Machtmenschen und einem an der Tagesordnung stehenden Misstrauen gegen alles und jeden und überhaupt gegen eine Gesamtsituation, die sich schwertut, einer auf der Hand liegenden Initiative, die jeder noch bei Sinnen befindliche Mensch wohl ergriffen hätte, aus dem Weg zu gehen. Um diese Möglichkeit, die den Film wohl nach einer halben Stunde beendet hätte, zu vereiteln, konstruiert Tanel Toom einen unempfundenen Konflikt, dem sich der Zuseher stellen muss.

Die Gefahr eines Atomsprengkopfes erscheint vernachlässigbar angesichts einer globalen Katastrophe, so weit draußen im Nirgendwo. Die Gewichtung der Prioritäten schlägt fehl, und die Zuspitzung auf einen erwartbaren Showdown birgt die freudvolle Vermutung, die auf der Stelle tretende Gesamtsituation neu zu würfeln. Last Contact – oder im Original: Last Sentinel (eigentlich passt beides irgendwie) – mag handwerklich sauber inszeniert sein, und auch das stahlgraue Gesamtbild eines verlorenen Postens mag Freunde technisch-utopischer Soldatenfilme milde stimmen. Ein bisschen etwas versucht Toom aus dem Endzeit-Klassiker Das letzte Ufer zu übernehmen, diese strapazierte Hoffnung auf Erlösung und einen besseren Ort. Allein: Das Zusammenspiel von Bosworth, Kretschmann und Konsorten birgt keinerlei Zwischentöne, sondern lediglich formelhaftes Spiel.

Last Contact (2023)