Begabt

TROTZDEM KIND SEIN

7/10

 

begabt© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARC WEBB

MIT CHRIS EVANS, McKenna Grace, Octavia Spencer, Lindsay Duncan u. a.

 

Kann denn das wahr sein? Mit sprachlosem Staunen und heruntergeklappter Kinnlade starren Mama oder Papa auf den Befund der Psychologin, die den IQ des eigenen Kindes ausgetestet hat. Und da steht es schwarz auf weiß: Der Nachwuchs ist hochbegabt. Was kann es Schöneres und Stolzeres für die Elternschaft geben, als die Gewissheit, dass der Erbe es mal zu etwas Erstaunlichem bringen wird. Was Anderes kommt ja schließlich gar nicht infrage. Wenn schon hochintelligent, dann muss diese Gabe auch eingesetzt werden. Zum Wohle aller, zum Wohle der Menschheit. So ein Superhirn muss fortan nun Dinge verstehen und begreifen, die andere nicht mal ansatzweise verstehen. Und Probleme lösen, von deren Existenz wir alle keine Ahnung haben. Da kann man wirklich stolz sein. Da sind ja die Eltern sofort und quasi automatisch auch gleich mit hochintelligent, obwohl sie so gut wie gar nichts dazu beigetragen haben. Na gut, den Drill dahinter, damit der Status Quo nicht ungenutzt bleibt. Diese Gabe, die ist einfach da. Manche Kinder haben den Durchblick auf die Welt einfach mit im Programm, wie Haarfarbe, Augenfarbe oder das Muttermal hinter dem Ohr. Nur für Haar- und Augenfarbe muss das Kind nicht seine notwendige Kindheit verwirken, auf die es menschenrechtsmäßig einen Anspruch hat. Für seine Intelligenz mitunter schon. 

Hochbegabung ist beileibe keine Auszeichnung, sondern viel mehr eine Bürde. Denn nichts will ein Kind weniger, als nicht dazuzugehören, auch wenn es etwas Besonderes ist. Mit dem Attest der Hochbegabung bekommt man den Status des Außenseiters gleich mit. Ist schon seltsam, so viel Verstand. Damit kann vielleicht Sheldon Cooper umgehen – die Mehrheit dieser Kinder allerdings nicht. Oder nur schlecht, wenn sie nicht behutsam begleitet werden und Kind sein dürfen, wir alle anderen auch.  

Spätestens da stellt sich Captain America Chris Evans quer. Seine Nichte und Ziehtochter, die Lehrerin und Mitschüler mit ihrer exorbitanten Auffassungsgabe beeindruckt, hat zuallererst mal das Recht auf eine normale Kindheit. Sonderschule nein danke. Ein Leben, so natürlich wie möglich. Ohne allzu viel Druck, ohne Angst, zu versagen. Damit hat der Onkel, der selbst in einer Wohnwagensiedlung lebt und seine Schwester, die allerdings ebenfalls hochbegabt war, zu Grabe tragen musste, durchaus recht. Doch ein Extrem muss das andere Extrem nicht ersetzen. Oder ausschließen. Ist ein sich entwickelnder Geist unterfordert, kann das durchaus weniger liebsame psychologische Folgen haben. Daher: ab zur Elite. So wünscht es sich wiederum die Oma. Was folgt ist ein Diskurs über Sorgerecht, Verantwortung und die Sicht aufs Leben. Da sieht es fast so aus, als würde der Onkel, der es nur gut meint, den Kürzeren ziehen.

Spiderman-Regisseur Marc Webb fügt dem Genre des pädagogischen Films mit dem behutsamen Familiendrama Begabt neue, ergänzende Aspekte hinzu. Seine Jungdarstellerin McKenna Grace ist wiedermal das Ergebnis eines geglückten Castings. Das blonde Mädchen balanciert ihre Rolle geschickt und glaubwürdig zwischen kindlich-altkluger Überheblichkeit und der Sehnsucht, Kind sein zu dürfen, und das mit ganz viel Freispiel. Die Erkenntnis, mehr zu begreifen als andere, kann und wird das Leben ändern. Wie sehr, und in welchen Bereichen des Lebens dies betreffen soll – darüber lässt sich streiten. Begabt ist ein Film über die Grauzonen der richtigen Erziehung, dem Ideal einer Kindheit unter extremen Bedingungen und dem Bedürfnis, für das Kind die beste aller Welten zu wollen. Kluges Kino, dass zum Über- und Nachdenken anregt.

Begabt

Liebe möglicherweise

DIE (UN)MÖGLICHKEIT DER NÄHE

5/10

 

liebemoeglicherweise10© WEGA-Film

 

LAND: Österreich 2016

Regie: Michael Kreihsl

Mit Devid Striesow, Silke Bodenbender, Edita Malovčić, Gerti Drassl, Otto Schenk u. a.

 

Ich kann mich noch ganz genau an meine Volksschulzeit erinnern – da bin ich in der hintersten Reihe neben Edita Malovčić gesessen. Tatsächlich haben wir sogar gemeinsam im Rahmen einer Weihnachtsveranstaltung ein Theaterstück gespielt. Sie und ich, wir waren Indianer. Und ja, es gibt Fotos. Und jetzt – jetzt sehe ich meine ehemalige Klassenkollegin auf großer Leinwand oder auf dem Bildschirm. Auf Du und Du mit namhaften Stars. Schauspielerisch in Topform und wahrlich nicht mit Reizen geizend. Edita Malovčić hat im neuen Film von Michael Kreihsl allerdings nur eine verschwindende Nebenrolle. Eine auffällige zwar, aber eine von vielen kleinen Rollen, die mit Gerti Drassl, Devid Striesow und – haltet euch fest – Otto Schenk besetzt sind. Entstehen hätte dann so etwas wie ein episodenhafter Beziehungsreigen mit dem für Episodenfilme üblichen Handlungs-Crossover entstehen sollen. Der Episodenfilm an sich – und zwar der Beziehungs-Episodenfilm – hat in der österreichischen Filmwelt doch irgendwie eine lange Tradition. Das beginnt ja eigentlich schon bei Arthur Schnitzler´s Reigen, dem frivolen Bühnenstück aus dem frühen 20ten Jahrhundert, der nur zu gut und zu gerne in skandalheischender Inszenierung dem entrüsteten Publikum vor den Latz geknallt wird. Wobei – Reigen war schon länger nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Dafür aber im Kino – der Film hieß 360°, wurde teilweise in Wien gedreht und hatte neben internationalen Schauspielern wie Jude Law auch solche wie Alexander Krisch im Repertoire. Viel früher noch hat Petra Morze für das stimmig-düstere Liebeskarussell Antares die Hüllen fallen lassen. 

In Liebe möglicherweise fallen zwar nicht wirklich die Hüllen – zu wahren Erkenntnissen kommt man aber in dem ausschließlich in der Wienerstadt gedrehten Ensemblefilm aber auch nicht. Schon klar – Beziehungen sind nicht immer leicht, sei es nun die Beziehung zum Nachwuchs, zu den eigenen Eltern oder zum Lebenspartner. Ja, vielleicht auch die Beziehung zum platonischen Freund oder Freundin. Oftmals ist Nähe da ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein immerwährendes Scheitern, Entfremden und Versöhnen, was uns Regisseur Kreihsl da auftischt. Konstellationen, die uns allen nur allzu bekannt vorkommen – und daher für vorhersehbare Langeweile sorgen. Um wirklich mitzufühlen – dafür werden die einzelnen Protagonisten nur allzu sehr von außen betrachtet. Gefühlswelten bleiben auf augenscheinliche Symptome reduziert. Einzig die Problembehandlung Striesow-Bodenbender hat mehr Gewicht, obwohl sich auch hier neue Erkenntnisse rarmachen. Ich frage mich, wieso sich Liebe möglicherweise nicht nur auf die eine Geschichte konzentriert hat. Alle anderen Nebenschauplätze sind so grob skizziert und daher so entbehrlich, dass keiner sie vermisst hätte. Na gut, Otto Schenk vielleicht schon, den sieht man immer wieder gerne. Aber das legendäre Bühnen-Urgestein wäre drehbuchtechnisch auch anders unterzubringen gewesen. 

Ein Episodenfilm also – möglicherweise. Doch um diese dramaturgische Mechanik zu rechtfertigen, dazu mangelt es einfach an psychologischen Details.

Liebe möglicherweise

Mein Fleisch und Blut

RETTET DAS KIND!

6/10

 

fleischblut© 2016 Allegro Film / Quelle: flimmit.com

 

LAND: ÖSTERREICH 2016

REGIE: MICHAEL RAMSAUER

MIT ANDREAS KIENDL, URSULA STRAUSS, LILY EPPLY, HARRY PRINZ

 

Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Nachbarn, die können angenehm hilfsbereit und unauffällig sein. Oder aber andauernd querulieren, ihren Müll nicht wegräumen oder frühmorgens gar nicht mal grüßen. Nachbarn eignen sich gut für Ausflüge und gemeinsames Grillen im Vorgarten. Aber auch wahnsinnig gut dafür, Konflikte vor dem Bezirksgericht auszutragen. Und dann gibt es noch die Sorte der psychopathischen Belagerer, die nichts Anderes wollen als die Destruktion deiner Familie. Ungefähr von dieser Sorte könnte das junge Liebespaar sein, dass da so urplötzlich in der zum Verkauf stehenden, benachbarten Immobilie eingezogen ist, direkt neben dem neu geschniegelten Swimmingpool eines in Zwangsurlaub befindlichen Journalisten und Familienvaters, der sich um seinen Sohn zu kümmern hat. Dieser Sohn allerdings trägt autistische Züge, spricht kaum und sucht auch sonst eigentlich keinerlei Nähe zu seinen Eltern. Allerdings – die junge Blondine von nebenan scheint es dem Buben angetan zu haben. Ihr offenes, unbekümmertes Wesen weckt im verhaltensgestörten Nachwuchs tatsächlich sowas wie für andere sichtbare Gefühlsregungen. Eigenartig – das finden nicht nur Ursula Strauss und Andreas Kiendl. Es dauert nicht lange, und immer mehr Indizien weisen darauf hin, dass die Nachbarn nicht das sind, was sie vorgeben zu sein.

Der Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur Michael Ramsauer hat für sein Regiedebüt zwei Publikumslieblinge gewinnen können, die wir bereits aus anderen TV-Reihenkrimis kennen – Schnell ermittelt und Soko Kitzbühel. Diesmal aber stehen die beiden auf der anderen Seite der kriminologischen Nahrungskette und haben ihre darzustellenden Charaktere fest im Griff – im Gegensatz zum Drehbuch. Nichts gegen die grundlegende Story – das bedrohliche Szenario eines Eingriffs in den hochheiligen Mikrokosmos Familie hat schon seine geschickt konstruierten Momente. Sein Ensemble mit der richtigen Dosis Verzweiflung, Wut und Panik zu versehen, gelingt ihm zweifelsohne. Das nachvollziehbare Handeln einzelner Figuren bleibt aber außen vor und misslingt vor allem an einer wichtigen Schlüsselszene, die Andreas Kiendl ganz alleine auszubaden hat. Nicht, dass er der Ambivalenz seiner Rolle zu wenig Nachdruck verleiht – nein, das ist es nicht. Wie er damit aber in völliger Alleinverantwortung die Geschichte vorantreiben muss, ist verwunderlich. Dass ein Mann so sehr so schnell seine Prinzipien über Bord wirft, und das einzig und allein, um sich an seiner Libido schadlos zu halten, ist unglaubwürdig.

Die Invasion von vorgetäuscht Vertrautem in die Intimität einer Familie ist Joel Edgerton in seinem fiesen Psychothriller The Gift deutlich raffinierter gelungen. In Mein Fleisch und Blut orientiert sich Ramsauer zu sehr an amerikanischen Vorbildern aus dem Thriller-Genre, ohne das Handeln seines Hauptdarstellers zu hinterfragen. Muss er nicht, denkt er sich, für Effektivität reicht es allemal. Und natürlich, effektiv ist der Film. Spannend, zügig inszeniert, da gibt es nichts zu meckern. Ein Fernsehkrimi, der allerdings schon ins Kino darf. Warum dieser und nicht andere, die Antwort darauf bleibt der kurzweilige Krieg der Eltern nach bekanntem Genre-Muster dann doch schuldig.

Mein Fleisch und Blut

The Book of Henry

ÜBER DEN TOD HINAUS

7/10

 

bookhenry@ 2017 Universal Pictures / Quelle: upig.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: COLIN TREVORROW

MIT JAEDEN LIEBERHER, JACOB TREMBLAY, NAOMI WATTS, DEAN NORRIS

 

Zivilcourage beginnt bei einem selber. Die kann man nicht auf andere abladen oder andere dafür verantworten. Bevor nichts getan wird, muss etwas getan werden. Schon klar, warum Verbrechen, die in aller Öffentlichkeit passieren, meist ignoriert werden. Es ist die Angst davor, selber draufzuzahlen. Der Selbstschutz ist nun mal stärker als der Altruismus. Verbrechen können auch totgeschwiegen werden, wenn es um Bürger geht, die Macht besitzen. Mit Macht in den Händen darf man so ziemlich alles. Blöd nur, dass es immer Dumme gibt, die dieser Macht folgen. Denn ohne Anhänger wäre der Mächtige auch selbst ziemlich schutzlos. Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist es, anderen zu helfen und notfalls aus ihrer Misere zu befreien. Genau das überlegt sich Henry, ein hochbegabter, überdurchschnittlich intelligenter zwölfjähriger Junge, der mit ansehen muss, wie die Tochter des Nachbarn missbraucht wird. Was kann er schon dagegen tun? Zumindest mal allererst einen Plan verfassen. Einen Plan zur Rettung des Mädchens, das noch dazu in sie selbe Klasse geht wie der schulpflichtige Geistesriese mit ausgeprägtem Familiensinn und der bis obenhin angefüllt ist mit Liebe für seine Mutter und vor allem für seinen kleinen Bruder. Dumm nur, dass Henry im Krankenhaus landet. Diagnose: Hirntumor.

Colin Trevorrow, Regisseur des wunderbar verschrobenen, absolut sehenswerten Indiedramas Journey of Love (auch bekannt als Der Zeitreisende), aber auch Regisseur des sagenhaft missglückten Dino-Sequels Jurassic World, hat anscheinend wieder zu den Wurzeln budgetär überschaubarer, kleiner aber feiner Dramen zurückgefunden. Vom Set des kommenden Star Wars Spin-Offs Solo: A Star Wars Story hat sich der Filmemacher aufgrund angeblicher Drehbuch-Differenzen entfernt. The Book of Henry dürfte zwischen Dem Dino-Erfolg und Star Wars entstanden sein. Der vereitelte Idealist wird sich in Zukunft wohl mit niedriger dimensionierten Filmprojekten abfinden müssen – was aber kein Schaden für das Kinopublikum sein muss. The Book of Henry ist nämlich, genauso wie Journey of Love, ein ungewöhnlicher Genre-Mix, diesmal aber einer zwischen Jugend-, Familien- und Selbstjustizdrama. Was in erster Linie ins Auge sticht, sind die Darbietungen der beiden Brüder. Jaeden Lieberher als Mastermind, der es schafft, auch über seinen Tod hinaus Botschaften zu vermitteln, beweist gemeinsam mit seinem Co-Filmpartner Jacob Tremblay, den wir bereits aus Raum kennen, dass beim Casting von heranwachsenden Supertalenten in Hollywood stets ins Schwarze getroffen wird. Beide stehlen Naomi Watts den ganzen Film hindurch die Show, einzig abgelöst vom grimmig dreinblickenden Stiefvater der Nachbarstochter, dargestellt von Breaking Bad-Star Dean Norris. Die Jungs dominieren den Film, und die Zuneigung der beiden füreinander ist in jeder Spielminute spürbar. Was The Book of Henry auch noch auszeichnet, oder sagen wir zumindest in Erinnerung bleiben lässt, ist eine der wohl schmerzlichsten und intensivsten Sterbeszenen, die ich jemals in einem Filmdrama miterleben durfte. Das reduzierte, fesselnde Spiel des 14jährigen Lieberher geht an die Nieren, der Moment des Todes ist fast so, als wäre man Teil der Familie. Wenn man selber Kinder hat, so ist die Szene fast schon unerträglich und verursacht einen Kropf im Hals, der nur sehr langsam oder bis zum Ende des Films gar nicht mehr verschwindet. Denn die Trauer des hinterbliebenen Bruders ist nicht weniger berührend als der alles verändernde Schicksalschlag innerhalb der Familie.
Der Tod, so zeigt uns The Book of Henry, ist längst kein Grund, unerledigte Dinge unerledigt zu lassen. Schon gar nicht, wenn es um Zivilcourage geht. Da gibt es immer noch dieses Mädchen, das befreit werden muss. Und plötzlich ist Henry wieder allgegenwärtig, dank seiner vorausschauenden Geistesgegenwart, seines Scharfsinns und seiner Opferbereitschaft im wahrsten Sinne.

Auch wenn einige Kritiker The Book of Henry verrissen haben, ist der Film aus meiner Sicht in keiner Weise ein wild fabulierendes, konfuses Kitschdrama. Ganz im Gegenteil. Taschentücher und Hollywood-Schmalz sucht man in der Erzählung über Mut und Verantwortung vergebens. Tränendrüsen werden zwar gedrückt, aber irgendwie anders. So wie der ganze Film auch irgendwie anders ist. Wie der wache Geist eines hochbegabten Kindes.

The Book of Henry

Amerikanisches Idyll

WENN DER APFEL WEIT VOM STAMM FÄLLT

7/10

 

amerikanischesidyll© 2016 Splendid Film / Quelle: rollingstone.com

 

LAND: USA 2016

REGIE: EWAN MCGREGOR

MIT EWAN MCGREGOR, JENNIFER CONNELLY, DAKOTA FANNING U. A.

 

Der amerikanische Autor Philip Roth ist längst einer der bekanntesten und beliebtesten Romanautoren der Gegenwart. Wann der Nobelpreis für Literatur an ihn verliehen wird, ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit. Seine Geschichten sind meist autobiografisch geprägt und sezieren in stilsicherer Erzählkunst gesellschaftliche Paradoxien, Anomalien und Abgründe. So richtig tief im selbstzerstörerischen Schlamm unter dem Fundament einer augenscheinlich heilen Familienwelt wühlt sein Roman Amerikanisches Idyll, im Original American Pastoral. Ein bleischwerer Stoff, eine wuchtige, niederschmetternde Geschichte. Und noch dazu eine, die sich Schauspieler Ewan McGregor für sein Regiedebüt hergenommen hat. Natürlich, zu aller Anfang mal etwas Leichtes, Eingängiges. Eine Fingerübung. Denn Schauspieler sein heißt nicht automatisch auch gleich Regie führen zu können. Da wäre eine kleine, bescheidene Romanze vielleicht besser gewesen? Wie stemmt jemand wie Ewan McGregor regietechnisch so einen filmischen Brocken?

Nun, Fakt ist – er stemmt es. Er stemmt es geradezu bravourös. Und obendrein gibt er schauspielerisch seine bisher beste Performance ab. Vergessen sind da unsägliche Eskapaden wie die des Möchtegern-Sängers in Moulin Rouge oder als teilnahmsloser Spielball ost-westlichen Agentenpokers in Verräter wie wir. Für McGregor dürfte Amerikanisches Idyll eine fast schon persönliche Sache gewesen sein. Etwas, das er unbedingt selber angehen wollte. Und tatsächlich ist der ehemalige Jedi-Ritter und Drogenjunkie in der Rolle des verzweifelten, manischen und aufopferungsvollen Familienvaters wirklich bestens besetzt. Ihm zur Seite die bildschöne Jennifer Connelly als Ehefrau, Ex-Model und Neo-Farmerin mit Mut zur abgeschminkten Hässlichkeit. Beide haben ein riesiges Problem: ihre Tochter. Das stotternde, wenig selbstbewusste Mädchen mutiert fast schon über Nacht zur linksradikalen Terroristin und verschwindet spurlos. Erschütternd für die Eltern, ganz klar. Keiner kann sagen, warum das passiert. Der Schönheits- und Geltungswahn der Mutter kann es längst nicht mehr sein. Mangelnde Fürsorge auch nicht wirklich, zumindest nicht von Seiten des Vaters. Die Mutter, sie ist das Objekt des Widerstands. Des todbringenden Widerstands. Was als traumatisches TV-Erlebnis für das heranwachsende Kind beginnt, artet aus in Tod und Verderben. Der Sinn hinter den terroristischen Akten ist unklar. Wettern gegen den Vietnamkrieg, der zu der Zeit, in welcher der Film spielt, in vollem Gang gewesen war, kann unmöglich im Töten von Menschen seine Berechtigung finden. Wieso Menschen zu Attentätern werden, und welche Erlebnisse in der Kindheit als Auslöser womöglich verborgen liegen, das hat uns schon vor einigen Jahren der Österreicher Michael Haneke in Das weiße Band vor Augen geführt. In Amerikanisches Idyll verschwindet die Ursache zumeist hinter der Wirkung. Die Symptome allerdings, die aus einem gewissen unbehüteten Wohlstand heraus einer Krankheit ähnlich aus dem jungen Mädchen ausbrechen, können auch für den Zustand einer Zeit stehen, die global mit Unruhen, Angst und Schrecken verbunden war. Interventionskriege, Palästina-Terror und die RAF. Dakota Fanning, längst erwachsen, verliert als schwarzes Schaf der Familie jegliche Selbstachtung und interpretiert ihre Rolle als sozial verwahrlostes Faktotum mit viel Gespür und Empathie für die sicherlich schwierig zu handhabende literarische Figur.

Amerikanisches Idyll erinnert mich an Geschichten aus der Feder des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Vor allem die Rolle des „Swede“ Levov ist eine dürrenmatt´sche Figur. Ein ewig Wartender und Hoffender, ganz so wie sein Kommissar Matthäi aus dem grandiosen Kriminalroman Das Versprechen. Das bizarre Schicksal, dass sowohl ihn als auch den Vater ereilt, ist ebenfalls eine Binnenhandlung im Rahmen einer Ich-Erzählung. Auch hier gibt es Gemeinsamkeiten. Und beides ist lesens- bzw. sehenswert. McGregor´s Debüt ist intensives, überraschend gelungenes Erzählkino. Schwermütig, uramerikanisch und expressiv gespielt.

Amerikanisches Idyll

Sture Böcke

BRÜDER IN DER NOT

7/10

 

stureboecke

LAND: ISLAND 2015
REGIE: GRIMUR HAKORNASON
MIT SIGURDUR SIGURJONNSON, THEODOR JULIUSSON 

 

Ein Leben ohne Schafe ist doof. Ein Leben in der Einsamkeit, irgendwo zwischen den unwirtlichen Hügel Islands ebenso. Dabei wäre diese Tristesse gar nicht notwendig. Wäre da nicht dieser Bruderzwist. Aber den kann Mann jahrzehntelang hinnehmen, solange Mann seine Schafe hat. Die Schafe, die sind das um und auf hier draußen im Norden. Mit den Schafen steht man morgens auf und legt sich abends ins Bett. Da kräht kein Hahn mehr. Da blöken Schafe. Und die übertönen die zum Himmel schreiende Ignoranz zwischen den benachbarten Brüdern. Bis es soweit kommen muss – bis eines der Schafe an Scrapie erkrankt, einer dem BSE ähnlichen Gehirnkrankheit, die sich womöglich auch auf den Menschen übertragen kann. Aus ist’s mit dem Schäfchenzählen. Die beiden rauschebärtigen Brummbären sind von nun an auf sich allein gestellt – und, wie es der Zufall oder sogar das Schicksal will – plötzlich aufeinander angewiesen.

So unwirtlich, rau und spröde der Menschenschlag, die Gegend und das Austauschen von Höflichkeiten, so unwirtlich, rau und spröde ist Grimur Hakornason´s Film geworden. Ein typisch isländischer, gnadenlos lakonischer Heimatfilm. Skurril zwar, aber keinstenfalls gewollt humorvoll, sondern vielmehr tragisch und bitter. Es ist ein Film, der Liebhabern von Shaun, dem Schaf oder verloren dreinblickendem Wollvieh aller Art die Tränen in die Augen treiben wird. Dabei gibt es, wenn ich mir die Neugründung eines kinematographischen Subgenres erlauben darf, unter den Schaf-Filmen gar nicht mal so wenige Kandidaten. Ich brauche zwar keine zwei Hände dafür, aber eine alleine wird schon knapp. Von Sheridan´s Das Feld über Ein Schweinchen namens Babe bis zu dem Horrortrash Black Sheep erfreuen sich die streichelfreudigen Wiederkäuer einer gewissen schrägen Beliebtheit. Und man muss diese Tiere einfach gerne haben, mit oder ohne Hörner. Als Lamm oder Bock. Als Weste oder Feta. Genauso geht es den beiden älteren Herren, die in der Not wieder zueinander finden, obwohl man im Laufe des Films nie so genau weiß, auf welcher enttäuschenden Erfahrung das frostige Verhältnis der beiden überhaupt beruht. Doch wie das bei innerfamiliären Zwistigkeiten meist so ist, will keiner der beteiligten Parteien der Klügere sein und nachgeben. So eine Sturheit bleibt nur noch zum Selbstzweck aufrecht, die Gründe dafür sind dann meist vergessen.

So fällt auch in Sture Böcke kaum ein Wort darüber, was gewesen ist. Und es fallen auch sonst keine vielen Worte zwischen den beiden Männern. Ihr Sprachschatz ist von gebärdender Natur, ihr Tun spricht Bände. Wenn es um die gemeinsame Existenz geht, gehen die Brüder aufs Ganze. Und am Ende, da zeigt das isländische Kino wieder einmal, wie unkonventionell anders es sein kann – und darf. Nicht umsonst beweisen Werke wie Virgin Mountain oder Noi Albinoi eine gewisse gesunde Ignoranz gegen gefällige Sehgewohnheiten. Diese Filme bleiben sich selbst treu und sind meist bereichernd. Und Sture Böcke, der gehört fortan auch dazu.

Sture Böcke

El Olivo – Der Olivenbaum

EINEN BAUM AUFSTELLEN

8/10

 

olivo

SPANIEN 2015
REGIE: ICÍAR BOLLAÍN
MIT ANNA CASTILLO, JAVIER GUTIÉRREZ, PEP AMBRÒS

 

Ein Jahrtausende alter Olivenbaum, dessen knorriger Stamm an ein schreiendes Gesicht erinnert. Der Ausverkauf beständiger Werte. Und ein alter Mann, der lange schon nicht mehr spricht. Selten hat das europäische Kino in den letzten Jahren so unmissverständliche Akzente gesetzt – in einer berührenden Allegorie über die Globalisierung Europas und den Verrat an der familiären Biografie. Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die schon 2010 über den Identitätsverlust der bolivianischen Urbevölkerung in dem beklemmenden Drama Und dann der Regen philosophiert hat, setzt nun alle Hebel ihrer Erzählkunst in ihrem eigenen Land in Bewegung – in Spanien. Ganz im Zentrum steht nicht nur das Objekt der Beständigkeit – der alte Baum – sondern ein junges Mädchen namens Alma. Sie ist die Enkelin des schweigenden alten Mannes, eines ehemaligen Olivenbauern. Beide haben eine innige Bindung zu diesem Baum. Zwei Generationen, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart aber, das Hier und Jetzt, sieht in der bizarren Olive lediglich verschenktes, monetäres Potenzial. Der Baum wird verkauft, zum Leidwesen des Vaters, und zum Leidwesen der Tochter. Und wofür? Für ein Restaurant am Strand, das kurze Zeit später bankrottgeht. Manipuliert, ungefragt und hintergangen, kennt der alte Mann seine Familie fortan nicht mehr – mit Ausnahme der rebellischen Alma. Sie ist es auch, die alles daransetzt, den Baum zurückzuholen – der jetzt in der Aula eines Energiekonzerns, inmitten von Glas und Stahl seine kleinen Blätter künstlichem Licht entgegenstreckt. Alma ist im Herzen eine Aktivistin. Das Wohlergehen ihres Großvaters setzt sie über allem. Und wenn es sein muss, werden selbst die besten Freunde mit Halblügen dazu motiviert, die Seele ihrer Kindheit, ihres Lebensmenschen und ihrer ureigenen Welt zurückzuholen.

El Olivo ist ein wunderbarer, charmant erzählter und energischer Appell, sich selbst, seiner Geschichte und seinen Werten treu zu bleiben. Dabei geht es weniger um traditionelle, nationale Werte. So könnte man den Film natürlich auch sehen – als ein Blut und Boden-Gleichnis mit dem Aufruf dazu, nationale Identität zu bewahren und bei Verlust notfalls darum zu kämpfen. Aber ich denke, dieses Nationalbewusstsein ist nicht Basis der Rebellion, die hier beschrieben wird. Es ist der Wert der eigenen Geschichte, der Quell der eigenen Kraft und des eigenen Lebens. Dass die Macht europäischer Konzerne die Bedürfnisse des Einzelnen mit Füßen tritt und dort verlockt, wo das Geld knapp ist, ist das eine Drama des Films. Das andere ist die Bedeutung der Familie. Und zuletzt die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Dass gerade einer dieser gesichtslosen Energieriesen diesen alten Baum in sein künstlich geschaffenes Territorium holt, um nachhaltiges Denken zu signalisieren, ist ein trauriger Widerspruch in sich. Doch die Kraft, die ungebrochene Energie und die Beharrlichkeit der jungen Idealistin Alma lassen den Zuseher bis zuletzt hoffen, dass die Sache gut ausgeht.

El Olivo ist kein Märchen, und verspricht auch nicht das Unmögliche. Doch es ist eine Geschichte, die in ihrer Essenz an die metaphorischen Dramen eines Anton Tschechow erinnern. Die in ihrer warmherzigen Offenheit zumindest für kurze Zeit in einem selbst alles möglich erscheinen lässt. Auch die Erfüllung zum Guten, und die Wiederherstellung einer Ordnung, die auf Menschlichkeit setzt.

El Olivo – Der Olivenbaum

Die Hölle

DER FEIND IN MEINEM AUTO

7/10

 

hoelle

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY
MIT VIOLETTA SCHURAWLOW, TOBIAS MORETTI, ROBERT PALFRADER

 

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Der Titel eines von Rainhard Fendrich in den 80er Jahren geschriebenen Austropop-Ohrwurms passt wie bestellt zumindest in die erste Hälfte des von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky inszenierten urbanen Psychothrillers, der neben jeder Menge Suspense tatsächlich auch großzügige Actionszenen in der ewigen Wienerstadt aus dem Ärmel schüttelt. Doch die Action ist bei Österreichs Regie-Glückskind eigentlich nur als Bonus zu betrachten. Ruzowitzky´s große künstlerische Liebe gilt seiner Hauptdarstellerin – Violetta Schurawlow. Das Gesicht der gebürtigen Ukrainerin ziert nicht nur das Filmplakat im Großformat, auch so ziemlich die ganze Laufzeit des Streifens über schwelgt Kameramann Benedict Neuenfels in der bockigen Trostlosigkeit ihres Blickes – meist im Profil, und oft auch im Close up. Schuwawlow erinnert an Hillary Swank in Million Dollar Baby – so verbissen, selbstzerstörerisch und rebellisch geistert die junge Frau durch ein fremdes, unnahbares, flirrendes Wien. Und boxen kann sie auch. Allerdings Kickboxen ganz so wie van Damme, und das mit verheerender Wirkung, bevorzugt jenseits des Rings.

Unsere Anti-Heldin, die der Hölle entkommen muss. ist eine gescheiterte, missbrauchte Existenz, die ihrer Welt mit Wut und Zorn begegnet, stets begleitet von einer unterschwelligen Aggression ihrer Familie, den Männern und dem Gesetz der Straße gegenüber. Ihr zur Seite steht ein ausnehmend famoser Tobias Moretti. Sein schnauzbärtiger Kommissar ist unfreundlich, grantelnd und gleichzeitig fürsorglich. Vor allem jemand, der sich sein Leben genauso anders vorgestellt hat wie sein taxifahrender Schützling. Eine verkorkste, nach Nähe suchende Figur, die David Fincher verwenden würde, gäbe es eine Wiener Version von Sieben. Wien eignet sich ja für bizarre Krimis ja besonders gut. Die Stadt ist eine Metropole des Morbiden, die vor allem in ihren alten Zinshäusern und engen Hinterhöfen, die an Polanski erinnern, ausreichend Platz für Suspense bieten. Natürlich ist Die Hölle nicht so radikal und ausweglos wie Sieben. Denn Sieben hatte so jemanden wie Schurawlow nicht. Eine Kämpferin, die sich den Widrigkeiten ihres Lebens trotzig entgegenstellt. Und vor allem einem Peiniger, der sündigen Musliminnen die Hölle des Koran auf Erden bereitet. Ein nicht weniger grauenerregender Ritualmord, ebenfalls religiös motiviert wie die sieben Todsünden. Ruzowitzky erspart uns die Morde im Detail. Sein Film setzt auf die düstere Stimmung eines klassischen Serienkiller-Thrillers wie Copykill und orientiert sich, wie bereits erwähnt, stark an Wegbereitern aus dem französischen und amerikanischen Kino, wahrscheinlich, um sein Werk auch international erfolgreich vermarkten zu können. Was ihm aber nur bedingt gelingen wird. Zu manieriert, ja vielleicht sogar zu austauschbar ist sein Film. Spannend, das natürlich. Und weniger belanglos als Cold Blood, der trotz guter Besetzung inhaltlich ziemliche Schwächen aufwies. Aber im Genre des Psychothrillers sind die Plätze für denkwürdig innovative Filmperlen so gut wie durch die Bank besetzt. Und da hat Hollywood, und auch Frankreich schon so gut wie alles gesagt.

Für den kinomuffeligen Österreicher allerdings kann Die Hölle zu einem mitreißenden Genuss werden, vor allem, weil er mal neben Tatort, Kottan und Trautmann auch mal düstere Spannung jenseits des bewährten Wiener Lokalkolorits präsentiert bekommt. Somit kann Die Hölle überall spielen. So bleibt Ruzowitzky´s neuester Film neben all der lehrbuchartigen Geradlinigkeit eines klassischen Thrillers vor allem eines: atmosphärisch, latent depressiv und überraschend gut besetzt – und das ganz ohne Heimvorteil.

Die Hölle

Sieben Minuten nach Mitternacht

MEIN FREUND, DER BAUM

7/10

 

siebenminuten

Regie: Juan Antonio Bayona
Mit: Lewis McDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver

 

Man muss nicht der emotionale Part seiner Beziehung sein – die Verfilmung des Jugendbuches von Patrick Ness war seit langer, langer Zeit (um genau zu sein seit Nanni Moretti´s Das Zimmer meines Sohnes) einer jener seltenen Kinomomente, in denen es ratsam gewesen wäre, Taschentücher mitzunehmen. Sieben Minuten nach Mitternacht geht tatsächlich enorm aufs Gemüt, vor allem ans Herz, und nicht zuletzt stimuliert der Film jenen Bereich des Gehirns, der Mitgefühl und Traurigkeit zu einem Kloß im Hals verbindet. Wenn Bruder Baum, das gigantische, uralte Monster in Gestalt einer tausende Jahre alten Eibe der Stunde des Todes beiwohnt, werden die Augen feucht. So ein Monster, und sei es auch noch so rätselhaft, würde auch ich mir vorstellen können. Momente gab und gibt es genug, an denen man sich etwas Magisches, Unzerstörbares an seine Seite wünscht. Etwas, das in der Lage ist, alle Widrigkeiten des Lebens erklären zu können. Etwas, das über den Dingen steht. Der namenlose Riesenbaum tut das. Allerdings leider nur in der Fantasie, aber wer weiß – vielleicht ist die Fantasie ja genauso real wie die oftmals gnadenlos unabänderliche Realität, die unverrückbaren Gesetzen folgt und kein Mitleid kennt? 

Regisseur Juan Antonio Bayona, der schon mit seinem Tsunami-Drama The Impossible seine Vorliebe für Emotionen größeren Formats gekonnt umgesetzt hat, beweist auch in dieser psychologisch-phantastischen Bewältigung weltbewegenden Schmerzes, dass die emotionalen Bande, die eine Familie zusammenhält, die größten und stärksten sind. Dabei verliert er sich kein Bisschen in plattem Pathos, sondern scheint zu wissen, wovon er erzählt. Denn der bevorstehende Tod eines geliebten Menschen verlangt den unmittelbar Betroffenen ein Übermaß an seelischer Belastung ab. Das Wechselspiel der Gefühle bewegt sich dabei zwischen der Hoffnung auf ein Wunder über den Selbstbetrug an der Wahrheit bis hin zum Willen, dass das Leiden ein schnelles Ende findet. Wie ein zwölfjähriger Junge damit wohl umgeht? Kann ein junger Mensch das überhaupt ertragen? Patrick Ness sagt: er kann. Doch dazu bedarf es laut seiner Vision drei Geschichten, oder besser gesagt vier. Die ersten drei erzählt der Baum, das Unterbewusstsein, der Inbegriff der Zeit und des Schicksals. Die letzte ist die Geschichte des Jungen. Sein Albtraum, seine Wahrheit. Bayona dringt tiefer in die Psyche eines Kindes vor als einst Guillermo del Toro in Pans Labyrinth. Dort sind es die Schrecken des Krieges, vor welchen die spanische Version einer Alice im Wunderland in einer magisch-bedrohlichen Parallelwelt Zuflucht und Heilung sucht. Diese Tiefe verdankt der Regisseur aber auch zum Großteil der geradezu opferbereiten Schauspielqualitäten von Lewis MacDougall, der vor Drehbeginn des Filmes gerade selbst einen Verlust in der Familie verarbeiten musste. Vielleicht gerade deswegen ist seine Darstellung eine greifbare Tour de Force. Ihm zur Seite stehen die Grand Dame Sigourney Weaver und die im Laufe des Filmes immer blasser und kränker werdende Felicity Jones als Conor´s Mutter. Beide würdige und starke Nebenrollen. 

Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein bildschönes, zutiefst berührendes Drama um Tod, Abschied und Loslassen. Aber auch um Zuversicht und Neuanfang. Wer mit dem Genre des Phantastischen nicht viel anzufangen weiß, muss aber trotzdem keinen weiten Bogen um diesen Film machen. Hier ist alles Übernatürliche Ausdruck emotionaler Zerrissenheit, die erzählten Allegorien lebendige Illustrationen aus Gouache. Und das Monster? Eine Metapher auf die Kraft und Unbeugsamkeit des Lebens, eine riesenhafte Grauzone der Existenz jenseits aller allgemeingültigen Normen. Ja, ich wünsche mir einen Baum, der mich trägt, wenn ich nicht mehr kann. Etwas Ewiges. Vielleicht muss man es nur zulassen. Und sieben Minuten nach Mitternacht bereit sein.  

Save

Save

Save

Save

Save

Save

Sieben Minuten nach Mitternacht

Manchester by the Sea

LEBEN, ERBARME DICH MEINER

* * * * * * * * * *

manchester

Wieviel seelischen Schmerz verträgt der Mensch? Oder gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und die Psyche entweder dem Wahnsinn verfällt, Suizid als einziger Ausweg erscheint oder die gequälte Person als ausgebrannter, lebender Leichnam durch den Rest seines Lebens wandelt. In alle drei Fällen hat man im Grunde schon kapituliert, aufgegeben, resigniert. Keine erbaulichen einleitenden Worte, um einen Film zu beschreiben. Aber ich mache euch auch nichts vor.

Das, was in Manchester by the Sea dem jungen Familienvater Lee Chandler wiederfahren ist, lässt sich nie mehr, zumindest nicht in diesem Leben, überwinden. Eine Tragödie, die nicht nur ihn, sondern auch seine Ehefrau (unfassbar zerbrechlich: Michelle Williams) an den Rand des Erträglichen und darüber hinaus geführt hat. Solche Menschen wie diese beiden finden entweder einen Neuanfang oder lassen sich im übertragenen Sinne begraben, ohne Chance, sich selbst zu verzeihen oder ein neues Leben zu beginnen.

Kenneth Lonergan´s selbst verfasstes und inszeniertes Drama ist wie ein Bühnenstück Ödön von Horvaths, in welchem sich die Poesie Nick Caves hineinstiehlt. Ein erschütterndes, tieftrauriges Requiem auf das Familien- und das Lebensglück. Eine in graublauen, winterkalten Bildern komponierte Ballade auf Vergebung, Erlösung und Trauer. Inmitten des elegischen, düsteren, aber niemals depressiven Reigens an Gefühlen und Begegnungen verweilt Ben´s Bruder Casey Affleck in einer Stasis der emotionalen Ausgebranntheit. Den Schmerz verschüttet, das Leben an den Rand der Wahrnehmbarkeit gedrängt und auf das Notwendigste heruntergefahren. Affleck gibt den gebrochenen, vom Schicksal verratenen Versehrten als auf seine Grundfunktionen reduzierten Schatten seiner selbst. Ausdruckslos, impulsiv aggressiv und verbittert. Zumindest muss das Leben weitergehen, der Tod wäre keine Lösung. Und auch kein befriedigender Ansatz. So hat sich Casey Affleck alias Lee Chandler dazu entschieden, sich selbst lebenslang in ein Freiluftgefägnis zu begeben, das ihm jegliche Erlösung verwehrt. Erst als sein herzkranker Bruder das Zeitliche segnet und dessen Sohn, großartig gespielt von Newcomer Lucas Hedges, laut testamentarischem Wunsch unter die Obhut seines Onkels soll, erwacht der zurückgezogen lebende, resignative Hausmeister aus Boston ein bisschen mehr zum Leben. Zaghaft, leise, fast unmerklich. doch irgendwie entdeckt Chandler in sich selbst sowas wie Verantwortung. Eine neue Sinnhaftigkeit. Etwas, wofür es sich zum Weiterleben lohnt, obwohl vieles nie mehr verheilen wird und die Welt zu einer guten wird.

Kenneth Lonergan fängt gar nicht erst an, seinem Film auch nur irgendwie jenes Pathos oder jene Gefühlsduselei zu verleihen, die wir aus vielen amerikanischen Melodramen gewohnt sind. Lonergan beobachtet seine Protagonisten mit den Augen eines Realisten. Mitunter auch mit den Augen eines zuhörenden Therapeuten, ohne sich auch nur in bemühten Erklärungen zu verlieren. Die Schauspieler sprechen für sich. Die Szenen erklären sich aus ihrer behutsamen Inszenierung heraus besser, als es jeder Effekt des Tränendrüsendrückens hinbekommen hätte. Und dabei ist die Traurigkeit des Filmes eine ganz andere. Eine kühle, nüchterne, in der Ganzheit eines menschlichen Lebens betrachtete Traurigkeit. Und ihr sitzt man bei Betrachtung des Filmes hilflos gegenüber wie Affleck vor den Trümmern seiner Existenz. Dazu noch fast schon beschämt. Denn wie es nun mit dem Umgang bei einem trauernden, verzweifelten Menschen so ist, gewinnt die Ratlosigkeit die Oberhand. Das Gefühl, helfen zu müssen, wäre fast schon anmaßend, wenn man das Ausmaß des Unglücks betrachtet. Jeder stirbt für sich allein, und jeder trauert für sich allein. Eine ernüchternde Erkenntnis, der sich auch Casey Affleck stellen muss. Und der Zuschauer ebenso, obwohl es äußerst unbefriedigend ist. Er-Lösungen lassen sich eben nicht so schnell finden. In Manchester by the sea bricht die persönliche Apokalypse nicht wie eine alles erzitternde Naturkatastrophe herein. Sie erscheint urplötzlich wie ein erbarmungslos konsequentes Naturgesetz. Und schafft einen neuen Status Quo des Lebens, ohne ihn zu bewerten. Der Mensch bewertet ihn selbst. Und lebt damit. Ganz Ödön von Horvath. Unweigerlich denke ich an sein Drama Der jüngste Tag – in ähnlichem Ausmaß, und in ähnlicher Intensität, schildert der österreichische Dramatiker die Geschichte eines fatalen Fehlers und dessen Auswirkung in Seele und Gesellschaft. Lonergan orientiert sich auch am skandinavischen Erzählkino und schafft es, Emotionen zuzulassen, deren Skalen nach oben offen sind, sich authentisch anfühlen und niemals falsche Hoffnungen wecken.

Das stille, sehr schwere, aber niemals schwermütige Drama ist kein Film, der Spaß macht. Kein Film, der erquickt, ausgleicht oder für gute Stimmung sorgt. Aber von Hoffnungslosigkeit und Resignation ist Manchester immer noch weit entfernt. Zugegeben, das Schauspielkino hat sogar einen gewissen leisen Witz. Und einen zaghaften Silberstreifen am Horizont. Den man aber allerdings nur vermutet. Doch auf den Mut, auf den kommt es an.

 

 

 

Manchester by the Sea