The Damned (2024)

IN DER NOT VERFLUCHT DER MENSCH DIE SEE

7/10


© 2024 Vertical


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND, IRLAND, BELGIEN 2024

REGIE: ÞÓRÐUR PÁLSSON

DREHBUCH: JAMIE HANNIGAN

CAST: ODESSA YOUNG, JOE COLE, LEWIS GRIBBEN, SIOBHAN FINNERAN, FRANCIS MAGEE, RORY MCCANN, TURLOUGH CONVERY, MICHEÁL ÓG LANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Kleine Sünden straft Gott sofort, heisst es doch so schon im Volksmund. Für große Sünden schickt dieser oder gar der Teufel die Toten wieder zurück zu den Lebenden als Wiedergänger, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Obwohl von Sünden nur eingefleischte Gläubige hinter vorgehaltener Hand zu murmeln wissen, nimmt dieses einem erbarmungslosen Weltgericht unterworfene Gleichnis von üblen Taten und schlechtem Gewissen jene Begrifflichkeit als Kompassnadel für die Chronik eines Wahnsinns, der sich in gespenstischer Isolation irgendwo an der Küste Islands Bahn brechen wird. Schuld sind dabei Menschen, die während eines kargen, entbehrungsreichen Winters um Nahrung ringen müssen – und die sich mehr erhoffen, als nur zu überleben.

Die langen Nächte tauchen die windumtoste Küste in scheinbar ewige Finsternis, im spärlichen Licht des Tages funkelt das Eis und spendet die Illusion eines Reichtums. Als Kaff lässt sich diese karge Ansammlung an Hütten gar nicht mal bezeichnen, und dennoch überwintert hier eine junge Witwe als Bootsbesitzerin, die dieses an eine Handvoll wettergegerbte Fischer verleiht, die wiederum dafür sorgen, dass genug auf den Teller kommt. Eines Tages sieht die kleine Gemeinschaft am Ende ihrer Bucht, wo gefährliche Untiefen herrschen, einen Dreimaster kentern. Wo ein Schiff, da gibt’s meistens auch Besatzung. Die gerettet werden muss, alles andere wäre unterlassen Hilfeleistung und somit nicht nur eine Straftat, sondern moralisch höchst verwerflich. Wo ein Schiff, da gibt es allerdings auch Proviant. Was die Strömung nicht an Land spült, holen sich die Fischer bei Nacht und Nebel. Die Schiffbrüchigen kommen dabei zum Handkuss. Denn schließlich; wer soll all die Mäuler denn stopfen, wenn es nicht mal für jene reicht, die den Winter überstehen wollen? Tage später werden die ersten Leichen angespült. Und mit ihnen kommt das Grauen.

Die Romantik des Mysteriösen

Das alles hört sich so an, als wäre die Vorlage eine des Films von H. P. Lovecraft. Gekonnt verknüpft Autor Jamie Hannigan ein düsteres, nihilistisches Abenteuerdrama mit mythologischem Gothic-Horror, der im Seemannsgarn herumspinnt. Regisseur Þórður Pálsson liefert dazu die atmosphärischen Bilder einer unwirtlichen Landschaft, wie Malereien eines Romantikers – der Wind, die Nacht, der Schnee, der Nebel – all diese natürlichen Parameter aus Meteorologie und Jahreszeit setzen die Bühne für einen Schrecken, der gar nicht mal visualisiert werden muss, da er sich in den Köpfen nicht nur der verfluchten Seelen manifestiert. Das Weglassen plumper Schockeffekte holt sich die Paranoia wie eine ansteckende Krankheit in den Kreis der Verängstigten, die in ausufernd klassischer Dramatik Opfer ihres eigenen Aberglaubens werden.

Stellenweise erinnert The Damned an Robert Eggers schwarzweißen Nautik-Terror Der Leuchtturm. Fans des von der Franklin-Expedition inspirierten Desaster-Abenteuers The Terror werden ihre helle Freude haben. Licht, Stimmung und der Verlust zivilisierter Menschlichkeit sind die Essenz für schaurige Fernwehstiller, die das entlegene Anderswo so ausweglos erscheinen lassen wie der entfernteste Winkel im Universum. Wenn dann noch das Paranormale hereinbricht, von dem keiner weiß, was es ist und sich erst ganz am Ende durch einen erstaunlichen Twist offenbart, wird man gut daran getan haben, diesen Film zu finstersten Stunde des Tages gesehen zu haben, wenn die Kälte durch die Ritzen der Türen und Fenster dringt und der Sommer lange vorbei ist.

The Damned (2024)

Der Meister und Margarita (2024)

GESTATTEN, MEPHISTOPHELES!
ODER: IN MOSKAU TUT SICH DIE HÖLLE AUF


EIN GASTKOMMENTAR VON MARLON SCHUHFLECK


© 2024 capelight pictures

LAND / JAHR: RUSSLAND 2024

REGIE: MICHAEL LOCKSHIN

DREHBUCH: MICHAEL LOCKSHIN, ROMAN KANTOR, NACH DEM ROMAN VON MICHAIL BULGAKOW

CAST: AUGUST DIEHL, JEWGENI ZYGANOW, JULIJA SNIGIR, CLAES BANG, JURI KOLOKOLNIKOW, ALEXEI ROSIN, POLINA AUG, JURI BORISSOW U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Liebe auf den ersten Blick ist eine Metapher für eine Geschichte. Zugegeben, eine zauberhafte. Aber wehe, man findet sich in dieser Geschichte wieder, in dieser phänomenal empfundenen Liebe, dann holt sie einen zwangsläufig ein, die umgebende Welt! Und fordert paradoxerweise, diese Realität sprengende Erfahrung in den allzu alltäglichen Alltag einzuordnen. Es ist nun mal ein narrativ anthroplogisches Gesetz, dass keine Geschichte, kein Leben für sich allein lebt, sondern sich zwangsläufig mit anderen verflechtet. Da mag man sich wie Der Meister und Margarita noch so sehr in die Zweisamkeit eines abgeschiedenen Kellers flüchten. Romantik trifft auf ethische, ökonomische, sozio-kulturelle Hürden und was das Leben sonst noch so alles bereithalten mag. Und dann wird aus Liebe auf den ersten Blick schnell eine ganz andere Geschichte. Unter Umständen eine äußerste tückische. Aus dieser Not gilt es, eine Tugend zu machen. Und sei es die Tugend der poetischen Gerechtigkeit, die den narrativen Fluchtpunkt von Der Meister und Margarita bildet. Einer fulminanten Geschichte, in der der Teufel ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.

Die Handlung von Der Meister und Margarita ist schnell erzählt. Und doch auch nicht. Zum einen ist da der Meister: ein erfolgloser Schriftsteller, der mit restriktiven UDSSR-Maßnahmen zu kämpfen hat. Und da ist Margarita, die unglücklich verheiratet ist, des Lebens müde. Und dann? Tja, man trifft sich, man verliebt sich. Und alles ist anders, alles ist gleich. Man ist perspektivenlos vereint; wunschlos (un)glücklich, zumindest zu zweit. Aber so wuchtig wie das sehnsüchtig herbei ersehnte Meer, so brandet auch die Emotion am harten Felsen der Realität auf. Was liegt also näher, als sich in die schützende Fiktion zu flüchten? Und sei es eine brennende. Man schlage das Buch auf und begebe sich hinab in die wuchernden Windungen sich kreuzender Geschichten, in denen sich von Pontius zu Pilatus, von Behemoth (Fauch!) bis zum Teufel eine Entourage wunderbar illustrer Persönlichkeiten ein Stelldichein geben. In Der Meister und Margarita betreten wir eine Welt der Phantastik, in der zwar andere Gesetze herrschen, die als Spiegelung jedoch stets ein Licht auf die wirkliche Welt wirft. Ob dieses Licht entlarvender, verklärender oder blendender Natur ist, obliegt der Perspektive des Betrachters.

In seinem erzählerischen Mahlstrom fühlt sich der Film wie ein karnevaleskes Theater an, eine narrative Ballnacht, in dem die schillernde Figuren – entliehen aus einem Jahrtausende alten Fundus und/oder der Wirklichkeit – ihre Kreise ziehen. Figuren, die sich stets wandeln und verschleiern, sich neu erfinden, erfunden werden. Historische Kulissen treffen auf wahrhaften Wahnsinn; Kostümierung und Maskerade auf nackte Tatsachen. Vorsicht, es gilt, die Übersicht zu bewahren: denn der Teufel steckt im Detail. But who cares? Es ist doch nur Fiktion, nicht wahr?, und deshalb umso wahrer. Es wird imaginiert und fabuliert, es wird geschrieben, uMgeschrieben, geschrieben, uNgeschrieben … bis sich die Fiktion in der Wirklichkeit manifestiert, oder umgekehrt. Als ob das einen Unterschied macht. Letztlich bleibt es eine Frage der Geschichte(n). Und Geschichte wird in Der Meister und Margarita erzählt. Eine MEISTERhafte Geschichte des Geschichtenerzählens – in Bildern, in Musik, in Literatur. Wie diese Geschichte ausgeht, ob gut oder schlecht, möge man selbst entscheiden. Unterhaltsam ist sie allemal. Und eine Liebesgeschichte sowieso.

Marlon Schuhfleck, alles.text@gmail.com

Der Meister und Margarita (2024)

Die Legende von Ochi (2025)

DAS GURGELN DER STUMPFNASEN

3/10


© 2025 Plaion Pictures


ORIGINALTITEL: THE LEGEND OF OCHI

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ISAIAH SAXON

CAST: HELENA ZENGEL, FINN WOLFHARD, WILLEM DAFOE, EMILY WATSON, RAZVAN STOICA, CAROL BORS, ANDREI ANGHEL, EDUARD MIHAIL OANCEA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Diesmal schreit Systemsprenger Helena Zengel nicht wie am Spieß, sondern sie gurgelt. Ein gutturales Krächzen, so als hätte sie sich beim Zähneputzen verschluckt. Leicht enervierend ist das, wenn Menschen solche Geräusche machen. Töne wie diese, die werden wohl besser im Tierreich eifrigen Übungen unterzogen, sind diese doch die Art und Weise, auf welcher sich die sogenannten Ochis untereinander austauschen. Besser wäre es gewesen, sie hätten sich nicht auf einen neugierigen Homo Sapiens-Jungspund eingelassen, der eine ganze Entourage xenophober Dorfbewohner einschließlich des eigenen Vaters im Schlepptau hat, sondern wären unter sich geblieben. Doch es kommt, wie es in Filmen über gefährdete und missverstandene Minderheiten wohl kommen muss, egal ob sie menschlicher oder tierischer Natur sind: Immer muss es eine oder einen Auserwählten geben, der die Brücke schlägt zwischen Aberglaube und Querdenkerei auf der einen, und Erkenntnis und Wahrheit auf der anderen Seite. Meistens sind das junge Menschen, die offen für alles sind, im Gegensatz zu ihren alten Herrschaften, die mit kulturell implementierten Fake-News aufgewachsen sind und fortan damit leben müssen.

Einen solchen gibt Schauspiel-Chamäleon Willem Dafoe, der sich, wenn es die Umstände verlangen, in eine der römischen Antike nachempfundene Rüstung zwängt. Damit will er dem Bedrohlichen entgegentreten, ungeachtet der Tatsache, dass diese Ochis sowieso nichts Böses im Schilde führen, sondern nur in Ruhe ihrem archaischen Tagwerk nachgehen wollen, wären doch diese zweibeinigen Aggressoren, die in ihren Hütten auf einer Insel im Schwarzen Meer leben, nicht so dermaßen regressiv. Natürlich hat Regisseur und Autor Isaiah Saxon nichts anderes im Sinn, als eine Parabel auf Vorurteil und ethnisch motoviertem Hass zu gestalten, in der kitschigen Ausgestaltung eines mehrfach übermalten und üppigen Bilderbuchs, das, wenn man genauer hinsieht, wirkliche Kreativität aber vermissen lässt. Die Settings wirken wie naive Kunst, ein bisschen Schaukasten, wie ihn Wes Anderson befüllt, und etwas Retro-Flair, der sich einem völlig aus der Zeit gefallenen Analogismus hingibt, ohne so recht zu wissen, auf welche Weise.

Helena Zengel, verwachsen mit ihrem gelben Parka, hat all die althergebrachten Glaubenssätze hinter sich gelassen. Sie findet ein niedliches Affenbaby weitab von seiner Familie in einem hohlen Baumstamm, um es nach dem schwierigen Prozedere einer Annäherung mit nach Hause zu nehmen. Nur, um es dann wieder seiner Familie zurückzubringen. Dass sie dabei zur Erkenntnis gelangt, es mit einer weitaus höher entwickelten Spezies zu tun zu haben als mit von niederem Instinkt getriebenen Wilden, weiß das Publikum schon lange, bevor das erste Konterfei eines solchen Wesens die Leinwand entert. Kennern der Primatologie kommen bei deren Anblick unweigerlich jene Stumpfnasenaffen in den Sinn, die in China auch als Goldaffen weltberühmt sind. Viel Kreativität hat Saxon dabei nicht in seine magischen Wesen gelegt, sondern lediglich im Lexikon der Zoologie geblättert.

Das aber ist nicht das Hauptproblem eines Creature Features mit Versöhnungsbotschaft. Die Legende von Ochi, ein immerhin in Rumänien gedrehtes, US-amerikanisches Drama, dass sich an Fake-Mythen versucht und dabei auf die titelgebende Legende vergisst, hängt in einem pittoresken Gemälde-Kolorit fest, ohne zu wissen, das es außerhalb des patinierten Rahmens noch etwas gibt, das nicht abgebildet werden kann und sich mitunter Seele nennt. Die Story selbst schwelgt zu selbstverliebt in seiner Optik, Dafoe und Emily Watson bleiben gerade mal flache Randfiguren, was sie nicht sollten, während Zengel, sobald sie ihre gutturalen Laute auspackt, nicht nur seltsam befremdet, sondern auch ordentlich auf die Nerven fällt.

Vielleicht liegt das Missgeschickliche an diesem Film auch am großzügigen Verzicht auf das gesprochene Wort (Finn Wolfhards Text hat man fast ganz gestrichen), vielleicht ist das Kontemplative viel zu konstruiert und gewollt, um die Idee eines kraftvollen Naturdramas umzusetzen. Die analog animierten Wesen sind zweifelsohne top, die Künstlichkeit von allem anderen treibt ein schwachatmiges Märchen vor sich her, das an seiner Möchtegern-Verschrobenheit halb erstickt und so tut, als könnte es osteuropäischen Spirit vermitteln, während sich die goldenen Affen von Shaanxi dabei ins Fäustchen lachen.

Die Legende von Ochi (2025)

The Rule of Jenny Pen (2024)

DIE PUPPENTRICKS ÄLTERER HERREN

7/10


© 2024 Shudder


LAND / JAHR: NEUSEELAND 2024

REGIE: JAMES ASHCROFT

DREHBUCH: ELI KENT, JAMES ASHCROFT, NACH DER KURZGESCHICHTE VON OWEN MARSHALL

CAST: JOHN LITHGOW, GEOFFREY RUSH, GEORGE HENARE, IAN MUNE, THOMAS SAINBURY, MAAKA POHATU, HOLLY SHANAHAN, PAOLO ROTONDO, GINETTE MCDONALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Geoffrey Rush hat man schon länger nicht mehr auf großer Leinwand gesehen. Der Oscarpreisträger (für die David Helfgott-Biopic Shine) und langjährige Piratenkapitän Barbossa, der Johnny Jack Sparrow Depp nicht nur einmal herausgefordert hat, erleidet als Richter Stefan Mortensen in vorliegendem Psychothriller während des Ausübens seiner juristischen Pflicht einen Schlaganfall. Geistig noch komplett bei Sinnen, körperlich jedoch schwer eingeschränkt, fristet er von nun an seinen unterfordernden Lebensabend in einer stinklangweiligen, biederen Altersresidenz, in der geistiger und körperlicher Verfall in jeder Ecke daran erinnern, dass man, um länger zu leben, einfach nur auf irgendeine Weise alt werden muss. Wäre die tägliche Routine, in der sich Mortensen so ausgeliefert fühlt wie seinerzeit Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest, nicht ohnehin schon Strafe genug für ein Leben, würzt die ganze umnachtete Idylle noch das psychopathische Verhalten eines ewig lästigen Mitbewohners, der schon eine Ewigkeit an diesem Ort sein Dasein fristet, und von dem man nicht weiß, ob er tatsächlich nichts in der Birne hat oder nur so tut, als wäre er verrückt. Dieser Jemand ist John Lithgow als Dave Crealy, der untertags wie Todd Philipps Joker gackernd durch die Gegend lacht, das Mittagessen in sich reinschaufelt und des Nächtens in die Zimmer anderer Leute schleicht, um sie zu schikanieren – und um sie daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat. Es ist Jenny Pen, eine Handpuppe, die entfernte Verwandte von Annabel, mit leeren Augenhöhlen und einem Dauergrinsen im Gesicht, das schon mal einer grimmigen Mimik weicht. Diese Puppe ist die Geißel des Altersheims. Umso unverständlicher und rätselhafter ist es, dass das Pflegepersonal niemals auch nur die geringsten Anstalten macht, Crealy zu maßregeln. Ganz besonders auf dem Kieker hat er Mortensen, denn der lässt sich, sofern seine Physis es ihm erlaubt, den Psychoterror des alten Aggressors nicht gefallen.

Filme, in denen alte Menschen austicken, gibt es zur Genüge. Da müsste man nur Ti Wests X hernehmen, The Owners mit Game of Thrones-Star Maisie Williams oder Old People. Was hierbei auffällt: Der Terror der Alten richtet sich hierbei stets gegen die Jugend. Hier, in James Ashcrofts bitterböser Komödie, steigen diesmal Alt gegen Alt in den Ring, und wer noch halbwegs atmen kann oder die Motorik seiner Extremitäten beherrscht, hat die Pole Position. Wäre ich selbst Geoffrey Rush, dem Diktat des Pflegesystems ausgeliefert und würde ich nicht für voll genommen werden, wenn des Gegners Intrigen mich der vermeintlichen Inkontinenz überführen – vor einem wie John Lithgow hätte ich eine Heidenangst.

Der Mann weiß das Handwerk des Bösen nicht von Ungefähr zu beherrschen. Ich kann mich noch gut an Russel Mulcahys düsteren Actionthriller aus den Neunzigern erinnern: Ricochet – Der Aufprall. Selbst ein blutjunger Denzel Washington konnte dem diabolischen Treiben Lithgows kaum etwas entgegensetzen. Und so, wie der Mime schon damals für Unwohlsein gesorgt hat (und als Hannibal Lecter wohl auch eine gute Figur gemacht hätte), tut er es wieder: Als alter, böser, manipulativer Irrer, dessen Wesen sich niemals ergründen lässt, dessen Beweggründe für seine Taten ein Mysterium bleiben, der wie ein sinistrer Geist die bedürftige Gesellschaft unterjocht.

Es wäre nur das halbe Vergnügen, würde ihm Geoffrey Rush als ebenbürtiges Schauspielschwergewicht nicht ordentlich Paroli bieten. Beide schenken sich nichts, machen in Worten und Taten keine Gefangenen. The Rule of Jenny Pen ist ein perfider Psychokrieg der alten Schule, um sich schlagend, sadistisch und gespenstisch. Er erklärt und ergründet nichts, sondern setzt sich mit einer destillierten Niederträchtigkeit auseinander, die in der zeitlosen Stasis eines betreuten Lebensabends ihre Saat keimen lässt.

The Rule of Jenny Pen (2024)

The Surfer (2024)

KEIN PLATZ AN DER SONNE
7/10


© 2024 Lionsgate


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, IRLAND 2024

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: THOMAS MARTIN

CAST: NICOLAS CAGE, JULIAN MCMAHON, NICHOLAS CASSIM, MIRANDA TAPSELL, ALEXANDER BERTRAND, JUSTIN ROSNIAK, RAHEL ROMAHN, FINN LITTLE, CHARLOTTE MAGGI U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die schönsten Strände der Welt finden sich wohl auch in Australien. Inmitten einer üppigen Natur, begleitet von den gackernden Lauten eines Kookaburra, die das Kreischen der Sittiche noch übertönen, begleitet vom Rauschen der Wellen und eingebettet in sattes Grün. Ein wahres Elysium für einen wie Nicolas Cage, der diese Gegend gut kennt, ist sie doch Teil seiner Kindheit – zumindest im Film. In The Surfer, dem neuen, perfiden Mindfuck-Streich von Lorcan Finnegan, der bereits schon mit seiner nihilistischen Lovecraft-Hommage Vivarium sein Publikum an nichts mehr glauben hat lassen, ist der im rötlichblonden Haar- und Bart-Look erstrahlende Superstar des bizarren Genrekinos einer, der am Strand seiner Träume auf Ausgrenzung stößt. Gerade dort, auf diesem Fleckchen Erde, an welchem Wellen brechen, auf denen man wie nirgendwo sonst dahinschippern kann. Dieses Damals, in welchem die Figur des namenlosen Mannes schwelgt, soll auch Teil von dessen Sohn werden – also bringt der Vater seinen Filius hierher, um ihm zu zeigen, wie ein Sport wie dieser gelebt werden kann. Allerdings: „You don’t live here. You don’t surf here.“ Dieser Strand ist in fester Hand einer lokalen Männerrunde, die niemanden sonst hier aufs Meer lässt, der nicht auch hier wohnt. Cage tut das nicht, also wird er aufs Gröbste vertrieben. Kann einer wie er so eine Abfuhr auf sich sitzen lassen? Ist diese Diskriminierung etwas, die man ganz einfach wegsteckt?

Vor allem, wenn Papa ohnehin plant, das Haus seiner Kindheit hier oben am Hang zurückzukaufen, um wieder so zu tun, als wären alle eine intakte Familie, als würde auch die Ehefrau reumütig wieder zurückkehren, um am Balkon mit Blick aufs Meer Feste zu feiern. Diese Vision hat Cage im Kopf, und dieser Vision opfert er schließlich auch jegliches rationale Empfinden, jegliche Vernunft und jegliche Planung. Als er den gedemütigten Sohn daheim absetzt, kehrt der Surfer zurück. Er will alles versuchen, um seinen Platz an der Sonne zu erstreiten. Auch wenn es ihm alles kostet. Seinen Besitz, seine Würde, seine Selbstachtung.

Das mag vielleicht alles nach einem hoffnungslosen Grenzgang klingen, den seinerzeit schon Michael Douglas in Falling Down unternommen hat – und ja: tauscht man die urbanen Gefilde gegen den Busch, gibt es Parallelen hinsichtlich dessen, wie Nicolas Cage immer mehr verfällt, immer mehr von Instinkten getrieben wird und in einer schier verzweifelten Hoffnungslosigkeit gegen Windmühlen ankämpfen muss, die aus mobbenden Youngsters und halbstarken Machos bestehen, die sekkanter nicht sein können. Immer schmerzlicher wird es, dabei zuzusehen, wie der zähneknirschende Cage die Kontrolle verliert und all die anderen mit ihm tun können, wonach es sie gelüstet. Die psychosoziale Schikane nimmt die grotesken Ausmaße einer Verschwörung an, und so gnadenlos der Abstieg auch anmutet, so kurioser wird Nicolas Cages exaltierte Performance. Was soll man anderes tun, als sich daran zu ergötzen, wie sich die existenzverlustierende Figur des Gescheiterten in hysterischer Verzweiflung suhlt. Versifft, verschwitzt, verwundet, verdurstend – und doch hat alles einen Grund. Womit wir bei Lorcan Finnegans perfider Erzählweise von Geschichten wären, die mysteriöser kaum sein können.

Zwischen reaktionärem Männerkult und traumatischer Bewältigung quält sich Cage in genüsslichem Overacting bis zum Gipfel der Selbstaufgabe. Weder ist The Surfer dabei Rachedrama, Action oder Thriller – Finnegan rührt in einem mysteriösen Potpourri, stört die Wahrnehmung und hinterfragt Identitäten. Das Unklare in dieser erfrischend kurzweiligen Studie der Beharrlichkeit weckt an den Haaren herbeigezogene Mutmaßungen. Man staunt, man spekuliert, man ekelt sich. Und obwohl Cage auch noch so leidet: Das, was kein anderer Akteur eigentlich sonst darf, reicht zur Etablierung eines tragikomischen Wutbürgers, der um sein Recht auf Erfüllung fuchtelt. Die gallige Schadenfreude Finnegans unter tropisch heißer Sonne, die alles Denken ausdörrt, während die Tierwelt von Down Under in ignoranter Langeweile ihre Integrität in einem toxischen Ökosystem feiert, lässt den Surfer wie einen modernen Tantalus ungern an die gedeckte Tafel. So hell die Sonne dabei strahlt, so dunkler sind die Schatten in diesem hämischen Lamento um verpasste Träume, das sich gewöhnlichem Plot-Denken entzieht.

The Surfer (2024)

The Black Hole (2024)

EXKURS IN DIE BALTISCHE TWILIGHT ZONE

8/10


© 2024 Amrion


ORIGINALTITEL: MUST AUK

LAND / JAHR: ESTLAND, FINNLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MOONIKA SIIMETS

CAST: URSEL TILK, LINNA TENNOSAAR, REA LEST, DORIS TISLAR, ANNE REEMANN, EVA KOLDITS, KRISTO VIIDING, JEKATERINA LINNAMÄE, LAINE MÄGI, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Erst kürzlich wurde bestätigt, dass in 124 Lichtjahren Entfernung der Planet K2-18b konkrete Anzeichen von Leben birgt. Ihn dafür als einen Ort zu betrachten, um auszusteigen, neu anzufangen und ein besseres Leben zu führen, mag noch etwas verfrüht sein. Vielleicht aber liegt das späte Lebensglück ja im Andromeda-Nebel. Obwohl deutlich weiter weg als K2-18b, wäre diese Vorstellung noch realistischer. Warum? Weil nicht wir dorthin müssen, sondern weil jene, die dort leben, zu uns kommen. Mag ja sein, dass sich dafür eine Mitfahrgelegenheit ergibt, ganz so wie beim jungen Peter Quill, dem späteren Star Lord der Guardians of the Galaxy. Doch von Marvel ist der kuriose Episodenfilm The Black Hole dann doch weiter entfernt als gedacht. Hier kommen ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner in den Genuss einer Begegnung der dritten Art, sondern ganz normale Leute aus dem schönen Estland.

Ehrlich gesagt: Wie oft hat unsereins schon einen estnischen Film gesehen? Die Anzahl dieser Produktionen lässt sich an einer halben Hand erfassen. Doch was sich rar macht, kann, wenn es entdeckt wird, ungeahnt gut werden. Ausfindig machen lässt sich The Black Hole im Rahmen des frühlingshaften Slash ½ Filmfestivals, einer dreitägigen Vergnügungsreise in die Tiefen des fantastischen Genres, zu welchem auch Perlen aus dem Festival Crossing Europe, das jährlich in Linz abgehalten wird, dazustoßen können. The Black Hole ist so eine, und Regisseurin Moonika Siimets lässt dabei scheinbar verlorene Seelen des tristen estnischen Alltags dem Übernatürlichen, Paranormalen, Fremdartigen begegnen, wovon aber am Absonderlichsten gar nicht mal das Auftauchen tentakelbewährter, schleimiger Intelligenzbestien im wahrsten Sinne des Wortes ist, sondern vielleicht ein in krachlederne Tracht gezwängter Ur-Österreicher, der den Staubsauger des Jahrtausends an die nichtsahnende Mama bringen will, die daheim ihren introvertierten Sohn verköstigt, der wiederum eine sinnliche Femme fatale vergöttert, die ihr eigenes Süppchen kocht.

Derlei Dinge passieren, und auch die beiden reiferen Damen, die sich, so wie alle anderen hier auch, einfach nur danach sehnen, gebraucht zu werden, willigen gar ein, sich physikalisch scheinbar unmöglicher Experimenten zu unterziehen, die den Aliens hoffentlich die richtigen Erkenntnisse zur Spezies Homo sapiens bringen. Siimets bedient sich dabei den literarischen Vorlagen aus der Kurzgeschichtensammlung von Armin Kõomägi and Andrus Kivirähk. Ihr Film vermengt dabei drei dieser Stories miteinander, die jeweils inhaltlich aber nur wenig miteinander zu tun haben, dafür aber auf kluge Weise von einer Erzählung zur anderen überleiten – das muss auch chronologisch gar nicht akkurat sein, und genau durch diese zeitliche Aufhebung bekommt The Black Hole noch einen zusätzlichen dramaturgischen Drall, der dieses Filmerlebnis zu etwas Besonderem macht. Diese Wertschätzung erlangt die baltische Twilight Zone aber ganz alleine durch einen ungehemmt skurrilen, lakonischen Humor, der finnische Urstände feiert – gerade als Österreicher muss man sich mehrmals auf die gar nicht ledernen Schenkel klopfen, wenn das eigene Land so karikiert wird. Zwischen diesem schrägen Irrsinn gibt es aber immer wieder zarte Nuancen von Sehnsucht, Liebe und dem angenehm warmen Gefühl der Zugehörigkeit, und obwohl The Black Hole auch seine düsteren, gewalttätigen Seiten hat – die makabre Komik im Stile alter Jack Arnold-Filme, schmerzfreier Body-Horror, Portalreisende und kuschelige Arachniden, die nur begrenzt Spinnenangst hervorrufen, sind auf liebevolle, herzblutende Weise mit- und untereinander arrangiert.

Im Subtext lässt sich herauslesen, wie sehr Siimets ihre Gestalten gar nicht mehr so gerne in eine ungewisse Zukunft entlassen will, doch auch hier muss irgendwann Schluss sein, wie bei jedem kinematographischen Werk. Und The Black Hole weiß genau, wo das urbane Märchen sein Ende findet, und das nicht, ohne überall eine durch und durch und betont feministische Zuversicht zu streuen. Die Welt scheint nur darauf zu warten, dass das Paranormale über sie hereinbricht. Und wenn es nur ein Apfelkuchen ist, der den Andromeda-Nebel ein bisschen näher heranrücken lässt.

The Black Hole (2024)

Was Marielle weiß (2025)

DIE RECHENSCHAFT DER ELTERN

6/10


© 2025 Alexander Griesser / Walker + Worm Film; DCM


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: FRÉDÈRIC HAMBALEK

CAST: JULIA JENTSCH, FELIX KRAMER, LEANI GEISELER, MEHMET ATEŞÇI, MORITZ TREUENFELS, SISSY HÖFFERER, VICTORIA MAYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Gewalt ist auch keine Lösung – und niemals gut. Sie führt zu Gegengewalt, und ist auch als solche zu bezeichnen, wenn sie nur verbal passiert. So gesehen ist es Marielle gewesen, die angefangen hat und ihre Freundin als Schlampe bezeichnet. Daraufhin setzt es eine Ohrfeige, die nachhaltiger nicht sein kann. Das dreizehnjährige Mädchen kann plötzlich alles sehen und hören, was ihre Eltern tun und sagen. Niemand will das, genauso wenig Marielle, die nicht weiß, wie ihr geschieht. Da es in ihrer Familie anscheinend Usus ist, Probleme relativ zeitnah anzusprechen, werden auch Mama und Papa davon unterrichtet – die sich prompt fremdschämen müssen, weil sie an genau jenem Tag beide Dinge getan haben, auf die sie nicht stolz sind. Wäre an sich kein Problem, Geheimnisse gehören zum Miteinander dazu, es sei denn sie verletzten das Vertrauen zueinander, denn dann ist der Spaß vorbei. Bei Julia Jentsch und Felix Kramer steht dieses Werte-Empfinden an der Kippe, vorallem bei Jentsch, die verbalen Sex in der Rauchpause als etwas erachtet, was man unter den Tisch fallen lassen könnte. Würde Marielle nicht alles wissen. Um schon bald dieses Wissen gegen ihre Eltern anzuwenden. Um sie zu zwingen, das Richtige zu tun.

Was Marielle weiß (und sie weiß vieles) will Satire sein, zieht dabei aber keine klaren, scharfen Konturen. Als Mysterydrama lässt sich Frédéric Hambaleks zweite Regiearbeit wohl am ehesten betrachten, als intellektuelle, subversive Uminterpretation des amerikanischen Geschlechterrollen-Leichtgewichts Was Frauen wollen. Was Eltern tatsächlich wollen, darüber ist Marielle so ziemlich erschüttert. Der Kleinen, die es faustdick hinter den Ohren hat, wird nur allzu spät bewusst, dass sie einen familiären Kleinkrieg angezettelt hat. Eine Krise, die individuelle Bedürfnisse hervorgräbt, die in einer Gemeinschaft nicht gelebt werden können, die aber für den Einzelnen, der ungebunden und frei sein will, anwendbar scheinen. Da krachen Lebensentwürfe und Begehrlichkeiten aufeinander, ähnlich wie in Babygirl mit Nicole Kidman. Der offene Dialog, fußend auf Vertrauen, wird dabei zum No-Go. Hambalek schafft eine unbequeme Stimmung, die sich mit Leichtigkeit nicht ganz so gut auskennt. Ein Wohlfühlfilm ist das Ganze nicht, das Konzept eines Rollentauschs, wenn die Eltern in einer Lage stecken, die normalerweise der Nachwuchs innehat, schafft schmerzliche Umstände, in denen gesagt wird, was einem später sehr wohl leidtun wird.

Was Marielle weiß ist somit eher eine über das Familienverhältnis hinausgehende Experimentierstudie über die Wahl der Worte, über deren Wirkung, die Faustschlägen gleichkommt; über den Anstand und die Kunst, das Richtige zu sagen. Da sich in gesellschaftlichen Zeiten wie diesen der oder die Einzelne vermehrt um sich dreht, und gegenseitige Kompromisse, die das Zusammenleben erst möglich machen, als Einschränkung des Individualismus angesehen werden, führt das reuelose Stillen von Bedürfnissen in Was Marielle weiß zu einer beklemmenden Eigendynamik, deren Ausmaß nicht allen bewusst wird. Jentsch und Kramer sowie die präzise aufspielende Jungschauspielerin Leanie Geiseler wagen den Sprung ins kalte Wasser, in einer Versuchsanordnung, die einiges auf den Kopf stellt, den Kopf aber nicht frei bekommt von Kränkung und Unzufriedenheit. Es bleibt das Gefühl eines verkomplizierten Konflikts, wobei es weniger um die Wahrheit geht als darum, wie man mit der Wahrheit, die man selber weiß und der andere nicht, umgeht. Das Phantastische in Hambaleks Film bleibt angenehm unerklärt und dient als Metapher in einem pragmatischen, wenig wärmenden Film, der letztlich alles in zynischem Licht erscheinen lässt, als wäre die glückliche Familie längst ausgestorben.

Was Marielle weiß (2025)

Drop – Tödliches Date (2025)

LEG DOCH MAL DAS HANDY WEG

3,5/10


© 2025 Universal Pictures. All rights reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CHRISTOPHER LANDON

DREHBUCH: JILLIAN JACOBS, CHRIS ROACH

CAST: MEGHANN FAHY, BRANDON SKLENAR, VIOLETT BEANE, JACOB ROBINSON, REED DIAMOND, GABRIELLE RYAN, JEFFERY SELF, TRAVIS NELSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wenn so manche Leute nur am Handy hängen, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen und sich schlimmstenfalls auch noch niederfahren lassen, weil sie beim Überqueren einer Straße weder nach links noch nach rechts blicken, dann könnte es sein, dass diese Scheuklappengänger einen Drop bekommen haben. Ein Drop, was ist das? Sowas wie eine Email ohne Briefkasten, ein Pop-Up-Fenster, das sich über das ganze Smartphone-Interface legt, meist lästig, nervtötend, trivial. Manche wollen ein Spielchen spielen, manche wollen andere damit erpressen – wie in vorliegendem Date-Thriller, der in luftiger Höhe in einem Nobelschuppen für Partnertreffs seine Bühne findet und eine alleinerziehende Blondine bis an die Grenzen der Belastbarkeit bringt. Nichts wäre passiert, hätte Violet ihr Mobiltelefon lieber daheim gelassen oder vielleicht gar in der Tasche des vorne an der Rezeption abgegebenen Mantels. Natürlich muss Violet immer wieder aufs Handy schielen, denn schließlich fungiert ihre jüngere Schwester als Babysitterin, und die kann man ja mit einem fünfjährigen Dreikäsehoch nicht unbeaufsichtigt lassen. Vielleicht muss Violet erst lernen, wie das ist, sich nach dem Tod des gewalttätigen Gatten wieder mit andere Männern einzulassen. Ihr gegenüber sitzt schließlich ein fescher Bartträger namens Henry – gelassen, entspannt, aufmerksam und wirklich smart. Doch apropos Smart: Das mobile Teil von Violet sendet Drops, die unangenehmen Inhalts sind. Scheinbar werden daheim Schwester und Sohn bedroht, und der aufdringliche Fremde, der sich innerhalb des Restaurants aufhalten muss, sonst funktioniert die Sache mit den Drops nämlich nicht, zwingt Violet zu kriminellen Taten. Sonst, so heisst es, würde daheim das Blut fließen.

Letzte Weihnachten lief auf Netflix ein Film mit ähnlicher Prämisse – nur statt eines hochgelegenen Speisesaals ist es im Actionthriller Carry-On mit Taron Egerton ein Flughafen. Beide Schauplätze assoziiert man mit einem anderen Franchise: Stirb langsam. Damals noch herrlich analog, sucht sich das Subgenre des Spannungsfilms auf engstem Raum nun zeitgemäße Interpretationen im Digitalzeitalter. Bei Carry On wurde Egerton via Headset dazu genötigt, einen mit brandgefährlichen Materialien bestückten Koffer am Package-Scan durchzuwinken. In Drop – Tödliches Date muss Meghann Fahy (The White Lotus, Ein neuer Sommer) ihrem Strahlemann von vis á vis so einiges antun. Klar wehrt sie sich, und der Erpresser wird zunehmend sauer. Womit wir schon den gesamten Plot umrissen haben. Was soviel heisst wie: Das Rad hat Christopher Landons (Happy Deathday) knapper Nägelbeisser wirklich nicht neu erfunden. Ganz im Gegenteil. Dass Fahy die ganze Zeit am Handy klebt, könnte einen Außenstehenden wie Henry zur Weißglut treiben.

Und sonst? Sonst regiert in Drop – Tödliches Date der Leitsatz: You See is What You Get. Inhaltsleer und keinesfalls doppelbödig, wodurch Hitchcock sich wohl langweilen würde, schmeißt Landon zumindest anfangs den Suspense-Motor an. Um in der zweiten Hälfte des Films – der ohnehin nicht allzu lange dauert, denn noch mehr in die Länge ziehen kann man das Ganze wirklich nicht – das Bisschen an Handlung so hinzubiegen, dass diese auch tut, was sie tun muss. Das hat großzügige Unwahrscheinlichkeiten zur Folge, angesichts derer man sich ersparen kann, überhaupt noch groß mitzufiebern, folgt doch das Szenario ohnehin seiner eigenen Logik. Die Kompromisse im Skript sind dreist, Meghann Fahy völlig unglaubwürdig, alles zusammengenommen haben wir es hier mit einem trivialen, teils unfreiwillig komischen Zwickmühlen-Thriller zu tun, der auf der Kinoplattform filmstarts als die Wiedererweckung eines totgeglaubten Genres bejubelt wird. Was hier als Widergänger einen fröhlichen Throwback feiert, war zu Recht totgeglaubt. Herausholen lässt sich mit diesen Versatzstücken nichts Neues mehr. Und Digital Detox wäre Meghann Fahys Filmfigur dringend anzuraten.

Drop – Tödliches Date (2025)

Das Licht (2025)

NAHTOD EINER FAMILIE

7,5/10 


© 2025 X-Verleih AG


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TOM TYKWER

CAST: NICOLETTE KREBITZ, LARS EIDINGER, TALA AL-DEEN, ELKE BIESENDORFER, JULIUS GAUSE, ELYAS ELDRIDGE, TOBY ONWUMERE, RUBY M. LICHTENBERG, KARL MARKOVICS, LIV LISA FRIES, VOLKER BRUCH, MUDAR RAMADAN, JOYCE ABU-ZEID U. A.

LÄNGE: 2 STD 42 MIN


Das Schicksal ist bei Tom Tykwer kein mieser Verräter. Niemand ist dabei ausschließlich für sich selbst verantwortlich, das Schicksal gehört ihren Seelen auch nicht ganz alleine. Die eine ist mit der anderen verknüpft und umgekehrt. Das Verhalten des oder der Einzelnen beeinflusst das Leben zum Teil völlig fremder Menschen. Wir alle, so meint Tom Tykwer stets, hängen alle im selben Geflecht aus Ursache und Wirkung, aus Geben und Nehmen, aus fahrlässiger Beeinflussung und gezielter Manipulation. Alles hängt irgendwie immer zusammen, niemand ist niemals eine Insel. Das war schon bei Winterschläfer und Lola rennt so – wir erinnern uns, und ja, es ist lange her. Franka Potente musste da spielfilmlang ihre Kondition trainieren, die peripher in ihrem äußeren Blickwinkel liegende Gesellschaft konnte davon profitieren oder auch nicht. Jedes Tun und Lassen verändert also das Schicksal der anderen. Mit Cloud Atlas ließ sich Tykwer auf eine fulminante Ko-Produktion mit den Geschwistern Wachowski ein. Tom Hanks, Halle Berry und Ben Wishaw begnügen sich dabei nicht nur mit jener Raumzeit, in der sie gerade leben, sondern verschränken ihre Schicksale über mehrere Epochen. Selbst die vierte Dimension will Tykwer sprengen, gerade über dieses Mysterium der Zeit arbeiten sich seine Filme hinweg – das ganze Universum, wenn man so will, ist gleichzeitig vergangen und zukünftig, die Metaphysik unserer Existenz ist ein komplexes, der Entropie erhabenes Miteinander.

Tykwer spinnt seine Ideenwelten weiter und dringt mit Das Licht noch tiefer in sozialphilosophische Abhängigkeiten vor. Er will dafür das System einer Neuzeit-Familie sprengen, die sich nichts mehr zu sagen hat und gleichzeitig so viel. Die aneinander vorbeifokussiert und verlernt hat, Bedürfnisse zu artikulieren. Vom dialogstarken Drama rund um einen schief hängenden Haussegen will dieses Epos aber nichts wissen. Es nutzt manches Genre, um auf dessen Schultern woanders hin zu gelangen – es spannt den Bogen bis in dem vom Kriege geschüttelten Nahen Osten. Es wird politisch, aber nicht zu sehr. Auch dieser Faktor ist nur ein Pflasterstein auf dem Weg zu etwas viel Universellerem. Zu etwas, das sich auf alles und jeden übertragen lässt. Das uns vereint und an unsere Grenzen bringt: Der Tod. Oder, um es etwas mehr zu spezifizieren: Der Nahtod.

Lars Eidinger, Nicolette Krebitz und die beiden vielversprechenden Jungdarsteller Elke Biesendorfer und Julius Gause werden zur experimentellen Spielwiese für die aus Syrien stammende Haushälterin Farrah (Tala Al-Deen), die sich nicht nur bei Familie Engels anstellen lässt, um hinter ihnen herzuräumen. Sie hat etwas ganz anderes im Sinn, durchaus etwas Eigennütziges, und streckt ihre manipulativen Fühler aus, die aber nicht böswilligen Ursprungs sind, sondern aus einem tiefen, selbst empfundenen Schmerz heraus arbeiten. Dieses Vorhaben aber setzt ganz andere Dynamiken in Gang, die nicht unwesentlich mit einer seltsamen Lichttherapie zu tun haben. Das Licht wird zum starken Symbolismus in einer metaphysischen Realität. Es wird zur Verlockung am Ende des Tunnels, bedient sich existenzialistischen Mysterien, bleibt aber wohltuend geerdet, obwohl Tom Tykwer so einige Spielereien wagt, welche die Art, eine Geschichte wie diese zu erzählen, auflockern und illustrieren soll. Mitunter wird getanzt, manchmal gesungen. Der jüngste der Familie, Dio, sieht sein Leben wie einen Cartoon dahingleiten, untermalt von Queens Bohemian Rhapsody. Tykwer weiß aber, seinen ohnehin schon vielschichtigen Film nicht zu überfrachten. Ganz vorne steht immer noch das Schauspiel eines Ensembles, das begriffen hat, worum es geht: Um das Niederreißen verkrusteter Automatismen, um den Grenzgang auf dem schmalen Grat zwischen Dies- und Jenseits – einzig und allein, um das Wesentliche wieder zu erkennen, das ein immerwährender, sintflutartiger Regen verschleiert. Um auf dem Fundament der nackten Existenz Neues aufzubauen.

Am Anfang, so könnte man sagen, war das Licht. Der Weg dorthin zurück wird zur Odyssee eines progressiven und leidenschaftlichen Künstlers, dessen Welten längst schon die Filmwelt Europas bereichert haben. Weil ihn ihnen gewagt wird, was andere für verschwurbelt halten.

Das Licht (2025)

Bird (2024)

GEFIEDERTE FREUNDE

8/10


© 2024 House Bird Limited


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: ANDREA ARNOLD

CAST: NYKIYA ADAMS, FRANZ ROGOWSKI, BARRY KEOGHAN, JASON BUDA, JAMES NELSON-JOYCE, JASMINE JOBSON, FRANKIE BOX, RHYS YATES, JOANNE MATTHEWS U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Sie singen alle gemeinsam Coldplays Love Song Yellow nach, damit die vermaledeite Kröte endlich ihren halluzinogenen Schleim spuckt. Barry Keoghan als viel zu junger Vater Bug, verziert mit allerlei Tattoos aus Brehms Tierleben, Band Insekten und Gliederfüßer, hält das Amphib dicht vor seinem entblößten Oberkörper, ein anderer hält dem Tier eine Glasscheibe vor. Mit diesem animalischen Auswurf, so Bug, will er sich und seine Familie finanziell sanieren. Und im Übrigen seine kurz bevorstehende Hochzeit ausrichten. Dieser Figur eines völlig aus dem Leben geworfenen und allmählich wieder zurückfindenden Menschen gibt Keoghan (oscarnominiert für The Banshees of Inisherin, Saltburn) Leben, schenkt ihm Liebe und Echtheit. Obwohl der Mann vieles nicht auf die Reihe bekommt. Schon gar nicht die Erziehung seines Nachwuchses. Das sind Hunter (Jason Buda), der in die Fußstapfen seines kumpelhaften Vaters tritt und seiner Freundin ein Kind macht – und Bailey (Nykiya Adams), ein zwölfjähriges Mädchen, das sich ihrer sexuellen Identität noch nicht ganz bewusst ist oder aber diesen Geschlechterrollen bis dato keine Beachtung geschenkt hat, da es dafür wirklich keinerlei Zeit und Raum gab, um sich selbst zu definieren.

Bailey ist die zentrale Protagonistin des Films, Andrea Arnold folgt ihr auf Schritt und Tritt, ohne sie zu bedrängen, allerdings auch, ohne sie loszulassen. Dieser soziale Käfig aber, oft als abstrakte Gitterstruktur im Bild, ist wieder ein anderer: Bird schildert schließlich die niederschmetternde soziale Tristesse in der Hafenstadt Gravesend nahe London. Von allerlei Graffiti beschmierte Wände sind die Schmuckstücke dieser Gegend, wohl auch, weil mitunter so manche Weisheiten zu lesen sind, die das Leben bejahen und seine womöglich sozial benachteiligten Leser dazu auffordern, nicht aufzugeben. Immer wieder streut Arnold gesprayte Oneliner ins Bild, ob auf dem Fenster des Linienbusses, in Baileys Zimmer oder am Bahnhof der Stadt. Diese Worte schnappt das Mädchen immer wieder auf. Und noch etwas: Es sind die Vögel dieser Stadt, die ihm wohlgesonnen sind. Ob Möwe, Krähe oder anderes: Baileys ungerufene gefiederte Begleiter scheinen Hoffnungs- und Freiheitsträger zu sein – diese Metapher setzt Arnold nicht nur ins Verhältnis zu des Vaters Affinität für niedere Tiere, die seinen sozialen Status determinieren. Bailey will und kann mehr. Und da setzt das soziale Märchen ein, die Poesie sickert in diese entbehrungsreiche Verwahrlosung aus allerlei Defiziten, die längst das Jugendamt hätten alarmieren sollen. Diese Welt ist aber frei von Regeln, es ist der sich selbst überlassene Untergrund, den die gutsituierte Gesellschaft neben die Mülltonne stellt.

Da erscheint Franz Rogowski, einzigartiger Schauspielexport aus Deutschland, eine schillernde, nonkonforme Person, in all seinen Rollen, konstant ausgestattet mit einer charakterlichen Metaebene, von der man meinen könnte, sie sei nicht von dieser Welt. Hier ist er titelgebender Bird, ein heimatloser Vagabund ohne Zugehörigkeit. Entkoppelt, entrückt, melancholisch. Bailey gewinnt ihn als Freund, der seinen Vater sucht. Bald scheint es, Bird ist mehr als das. Bird hat eine Aufgabe, eine Bedeutung. Ist er vielleicht nur Illusion? Nicht nur für Bailey selbst, sondern auch für alle anderen, die Hoffnung suchen oder Grenzen brauchen?

Andrea Arnolds analoger Filmstil ist die richtige Klaviatur in einem metaphysischen Sozialdrama, das niemanden kalt- oder seinem Schicksal überlässt. Hier ist das Gute am Werk, menschliche Werte, Wärme und überhaupt: Die Geborgenheit. Wie Bailey ihren Weg durch all diese Widrigkeiten findet, an ihrer Seite der seltsame Vogelmensch, der stets auf den Dächern sitzt und über seinen Schützling wacht, mag an Wim Wenders Der Himmel über Berlin erinnern. Und anders als das Betroffenheitskino des Ken Loach zaubert Arnold eine urbane Ballade der Heimatsuchenden und Heimatlosen auf die Leinwand, die imstande sind, ihr Leben umzugestalten. Bailey bekommt vieles in die Hand gegeben, zwar nicht durch ihre Familie, aber durch sich selbst – und durch die Obhut höhere Mächte.

Bird (2024)