The Lost Bus (2025)

NONSTOP DURCHS FLAMMENMEER

7/10


© 2025 Apple Originals


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: PAUL GREENGRASS

DREHBUCH: PAUL GREENGRASS, BRAD INGELSBY, BASIEREND AUF DEM BUCH VON LIZZIE JOHNSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: MATTHEW MCCONAUGHEY, AMERICA FERRARA, YUL VAZQUEZ, ASHLIE ATKINSON, DANNY MCCARTHY U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN



Paul Greengrass hat jede Menge Erfahrung mit Männern in Not. Jason Bourne zum Beispiel, ein desperater Geheimdienst-Charakter, die filmgewordene Generalüberholung eines Rollenbildes, welches James Bond lange Zeit vorgegeben hat. Zu seinem Meisterwerk zählt zweifelsohne Captain Phillips, eine packende Chronik moderner Piraterie, basierend auf wahren Ereignissen, und Hollywoods Good Guy Tom Hanks hätte dafür längst seinen dritten Oscar abholen sollen. Jetzt ist wieder so ein Kerl so ziemlich mit allem konfrontiert, was nicht nur das eigene Leben, sondern auch das vieler anderer gefährden könnte. Diesmal ist Oscarpreisträger Matthew McConaughey inmitten einer sich anbahnenden Katastrophe zu sehen, und er ist nicht gerade ein Typ der Sorte tougher Alltagsheld, sondern ganz im Gegenteil.

Die Relativität misslicher Lagen

Privat scheint es für Kevin McCay mies zu laufen, das Verhältnis zum Sohnemann, der lieber bei Muttern abhängt als beim mehr ab- als anwesenden Vater, ist so katastrophal wie die Wetterverhältnisse hier in Nordkalifornien, die von Wind, Hitze und Trockenheit geprägt sind. Und die vor allem eines begünstigen: den Waldbrand. Dazu muss man wissen: McKay fristet sein berufliches Dasein als Schulbusfahrer, die Leidenschaft für diesen Job steht ihm täglich ins Gesicht geschrieben. Da an besagtem Tag im November des Jahres 2018 aber die Hölle über den kleinen Ort Paradise hereinbricht (bekannt wurde diese Katastrophe als Camp Fire), wird der Scheiß-Drauf-Phlegmatismus rasch durch einen gewissen anderen Ehrgeiz abgelöst: Nämlich jenen, junge Menschenleben zu retten – eine Schulklasse von Kindern aus einem Ring of Fire zu evakuieren, der sich in rasender Gier immer weiter zusammenzieht und über alles und jeden hinwegfegt, der sich bei drei noch nicht in irgendein Gewässer gerettet hat. Selbst da bringt die immense Rauchentwicklung immer noch Schaden genug.

Wie also mit einem Schulbus – wohlgemerkt einem blechverkleideten, mehr schlecht als recht funktionierenden Vehikel, das nach Generalüberholung schreit und die Hitze anzieht wie Metall eben Hitze leitet – wie also mit einem Schulbus raus aus diesem Inferno, das eine Finsternis mit sich bringt, die an Mordor erinnert? Die Straßen sind verstopft oder gesperrt, die Kinder schmeißen logischerweise eins nach dem anderen die Nerven. Zum Glück hat McConaughey den Support von America Ferrara als bei der Sache bleibende Lehrkraft, die weiß, wie man Kinder am besten beruhigen kann, auch wenn alles danach aussieht, als würde es der letzte der Busse garantiert nicht schaffen, diesem glutheißen Schraubstock zu entkommen.

Menschliches gegen natürliches Chaos

Paul Greengrass weiß: Er muss zuallererst mal McConaugheys Figur bekannt genug machen, um auch das menschliche, nicht nur das effektvolle Drama spürbar werden zu lassen. Es gelingt ihm –  dank eben seines Stars, der verzweifelt, desillusioniert und beharrlich genug wirkt und das emotionale Durcheinander auch gekonnt gegen das Durcheinander an Flammen, Verheerung und Panik ausspielt. Neben McConaughey sind es aber weniger die Kinder noch America Ferrara noch sonst irgendwer, der es mit ihm aufnehmen kann: Es bleibt das phänomenal ins Bild gebrachte Feuer, dieser züngelnde Irrsinn, diese Dunkelheit, dieser Rauch, dieses unberechenbare Verzehren alles Brennbaren. Anders als Joseph Kosinski in seinem an die Nieren gehenden Feuerwehrdrama No Way Out – Gegen die Flammen, der einer menschlichen Tragödie während ähnlich verheerender Waldbrände in Arizona ein Denkmal setzt, hat The Lost Bus weniger Ensemble und spielt weitaus deutlicher auf der Klaviatur eines actionlastigen Katastrophenfilms mit einer Brise Sozialtristesse und unheilvollem Abenteuer. „Speed im Flammenmeer“ ist vielleicht ein Vergleich, aber es wäre nicht Paul Greengrass, wäre sein Film nicht neben all der schnell ermüdenden Feuersbrunst, die irgendwann immer die gleichen Bilder liefert, nicht eben auch das große Drama menschlichen Über-Sich-Hinauswachsens.

Heldenmut im Alltag ist eine Sache, dieses Pathos nicht zu erhöhen eine andere. Greengrass schafft es, seine Figuren nicht zu verkitschen. Dass er sich nicht allzu sehr auf die Effekte verlässt, reißt The Lost Bus raus aus einem semidokumentarischen Mittelmaß, das verbissen darum kämpft, einen gewissen Überblick zu bewahren in einer wohl knifflig umzusetzenden Chronik der Ereignisse.

The Lost Bus (2025)

Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

The Rip (2026)

ONKEL DAGOBERT BEI DER DROGENFAHNDUNG

5/10

 

© 2026 Netflix Inc.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JOE CARNAHAN

KAMERA: JUAN MIGUEL AZPIROZ

CAST: MATT DAMON, BEN AFFLECK, STEVEN YEUN, TEYANA TAYLOR, SASHA CALLE, CATALINA SANDINO MORENO, SCOTT ADKINS, KYLE CHANDLER, LINA ESCO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die BFFs Matt Damon und Ben Affleck stehen wiedermal gemeinsam vor der Kamera. Was passt da besser als eine raue Bullen-Pistole unter der Regie von Joe Carnahan, dessen markiger Nachname die raubtierhafte Grundstimmung zwischen Nacht, Nebel und blinkenden Lichtern in der Nachbarschaft bereits vorwegnimmt. The Rip (im Polizeijargon unter anderem das Beschlagnahmen von Drogengeld) nennt sich der neue Buddy-Actioner, eben erst taufrisch auf dem Streamer Netflix erschienen, der sich damit wiedermal unentbehrlich machen will, denn Affleck und Damon sehen viele schließlich gern. Affleck nicht unbedingt als Batman, aber als einer, der gerne im Zwielicht hantiert, den harten Mittfünfziger macht und dabei noch nicht zum alten Eisen gezählt werden will, während Damon, der Charakterkapazunder der beiden, mit dem Feingespür eines Theaterschauspielers in der Interpretation seiner Rolle vieles unbeantwortet lässt – was die Lust natürlich steigert, vor allem Damons Intensionen auf den Grund gehen zu wollen. Beide ergänzen sich prächtig, und das ganze als Bromance zu bezeichnen das einzig vernünftige.

Carnahan steckt sie also in die Berufsmontur polizeilich ermittelnder Drogenfahnder der Spezialeinheit TNT, welche, irgendwie anders als die DEA, womöglich mehr Freiheiten genießt. Was die TNT also stets am Radar haben sollte, ist deponiertes Drogengeld. Ihr Ziel: Den Mammon sicherzustellen, abzuzählen und dem Staat zu übergeben.

Die Exekutive zählt Dollars

Wir haben alle, wirklich alle, aus dem Genre des amerikanischen Polizeifilms gelernt: Den Tango Korrupti tanzen nicht nur Politiker, sondern auch Polizistinnen und Polizisten – meistens dann, wenn sie bei ihrer eigenen Gewerkschaft kein Gehör finden, sich selbst als unterbezahlt betrachten oder einfach der Versuchung erliegen, den nicht erhaltenen Lottogewinn vielleicht im Wegschneiden gefundener Vermögen zu kompensieren, deren Summe bei den Behörden noch nicht durchgesickert ist. Gerne passiert es, und so mancher Bulle ist mit den Drogenkartellen auf du und du. Eben, weil leicht verdientes Geld durchaus schmutzig sein darf. In diesem Dunstkreis möglicher Machenschaften stochern Damon und Affleck sogar noch nach Dienstschluss, weil ohne Fleiß kein Preis, in den vier Wänden eines Hauses herum, dessen Adresse von verlässlichen Informanten als heiß zugespielt wurde. Besser noch ein Nest ausheben als die Beine vor dem Fernseher hochlagern. Und so fallen den Bros und ihrem Team weitaus mehr Kohle in den Schoß als vermutet.

Packend wie ein Kassasturz

Gelegenheit macht Diebe, nur wer lässt sich als solche überführen? Joe Carnahans selbst verfasster Actionkrimi legt falsche Fährten und lädt zum Mitraten ein. Der über weite Strecken des Films eng gefasste Schauplatz unterstreicht dabei das Gefühl, einer Art Whodunit beizuwohnen, bei dem es auf jedes Detail ankommt. Doch der Schein der Taschenlampen, die durchs Dunkel brechen, trügt etwas. The Rip hat rein konzeptionell durchaus eine gewisse Klasse, auch dank der illustren Besetzung, die über Affleck und Damon hinausgeht. Doch obwohl wendungsreich, eiert die Story um sich selbst herum, als läge ihr ein ausgeklügeltes Skript zugrunde. Wenn dem so wäre: wie kommt es dann, dass trotz der durchdachten Handlung zuviel Salz in der Suppe fehlt, um dem Film seine USP zu verpassen? Die mangelnde Würze ist einer gewissen fehlenden Nahbarkeit geschuldet. Die Figuren des Ensembles bleiben flach und austauschbar. Ohne entsprechende Vibes, ohne Zwischentöne bleibt das alles etwas kalt und knurrig. Handwerklich sauber, das muss man zugestehen. Doch dieser Umstand bringt trotz der düsteren, zumindest moralisch nicht ganz astreinen Grundstimmung eine Sterilität zuwege, die The Rip im besseren Mittelfeld belässt, was Streamingfilme angeht, die so tun, als hätten sie ins Kino gehört.

Säße man genau dort, wäre man wohl enttäuscht. So aber ist es nur Streaming, das die Toleranzgrenze für verlorene Lebenszeit deutlich höher setzt. Davon ist man natürlich doch noch ein Stückchen entfernt, aber dennoch: Netflix und Co wissen schon ganz genau, was sie auf die große Leinwand bringen und was nicht.

The Rip (2026)

Hedda (2025)

IT’S MY PARTY AND I CRY IF I WANT TO

7,5/10


© 2025 Amazon


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: NIA DACOSTA, NACH DEM BÜHNENSTÜCK VON HENRIK IBSEN

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: TESSA THOMPSON, NINA HOSS, IMOGEN POOTS, TOM BATEMAN, MIRREN MACK, NICHOLAS PINNOCK, SAFFRON HOCKING, MARK OOSTERVEEN, FINBAR LYNCH, KATHRYN HUNTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 7 MIN



Ich beginne meine Reviews des Öfteren spontan und assoziativ. Bei Hedda fiel mir natürlich als erstes jener angestaubte Stammtischwitz ein, den schon die Spitzbuben zum Besten gegeben hatten. „Kennen Sie Ibsen?“ – „Leider nein. Ich kenn nur Schnapsen“

Den großen skandinavischen Dichter mit einem weiteren eher möglichen, aber unbekannten Tischkartenspiel zu verwechseln, mag letztlich ein Armutszeugnis sein, was das Allgemeinwissen betrifft, kommt doch die Literatur einfach nicht ohne diesen Herren aus, der das nordische Drama so wie August Strindberg wie kaum ein anderer geprägt hat. Einige seiner Stücke tragen recht sperrige Namen, zum Beispiel John Gabriel Borkman. Wie angenehm unwerblich – so ein Name holt niemanden vom Sofa oder lockt die Massen an. Gut so. Kunst muss nicht gefallen und sich schon gar nicht den Marketingtrends unterwerfen. Ein weiteres Stück Ibsens nennt sich Nora oder ein Puppenheim: Feminismus, Selbstwert, Kritik an der Ehe und dem Patriarchat – Ibsens wohl bekanntestes Werk. Und dann noch Hedda Gabler. Hedda ist da zugegeben schon schmissiger, und dennoch ist es wieder der Name einer völlig Unbekannten, die man aber, wenn man Ibsen und vielleicht schon Nora kennt, gerne kennenlernen würde, verbirgt sich doch dahinter meist ein Schicksal, das weite Kreise in der Gesellschaft zieht. Mit dieser hatte Ibsen stets ein Hühnchen zu rupfen. Mit dieser und den Erwartungen, den Normen und Regeln, die genau vorgaben, wer wann wo und wie jene Bedeutung erlangt, die von den anderen akzeptiert wird.

Ringen um Reputation

Frauen sind zu diesem  Zeitpunkt – wir schreiben das ausgehende Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – zumeist hinter dem aristokratischen Göttergatten positioniert, deren Strahlkraft davon abhängt, welche Reputation er genießt. Hat man als Frau so einen Mann geheiratet, ist Selbstverwirklichung zwar kein Thema mehr, die freie Hand zum Lenken so mancher Geschicke aber bleibt – damit der Gatte sein Ansehen noch verbessern, damit er höher steigen kann, und damit auch die Frau dahinter. Klar kommt da Langeweile auf, und was tut man, wenn einem der Müßiggang in schönen Kleidern zusetzt? Man feiert Partys. Eine solche kommt gerade recht, als Heddas Ehemann George Tesman (Tom Bateman) die Chance erhält, eine löblich bezahlte Professur zu ergattern, die beiden das schmucke Eigenheim bezahlen könnte, für das sie sich verschuldet haben. Schließlich ist das etwas, wovon keiner wissen darf, denn nach außen hin hält die Fassade des Reichtums und des Einflusses, obwohl von beidem gar nichts mehr da zu sein scheint.

Wie es das Schicksal aber will, ist George nicht der einzige, der diesen Posten in Aussicht hat. Es bewirbt sich auch noch die resolute und selbstbewusste, weitaus intelligentere und scharfsinnige Eileen um diese Stelle. Was Hedda dazu veranlasst, ihr Spinnennetz an Lügen und Manipulation so sehr zu verdichten, dass keiner mehr hindurchkommt. Was folgt, ist ein Abend der geschickten, scharfen Zungen, die Leidenschaft, Wahrheit und Emotionen zur falschen Zeit am falschen Ort auf die Probe stellen.

Frischzellenkur für einen Klassiker

Ibsens Stücke sind eine Herausforderung, weil es darin selten um große klare Umwälzungen geht, sondern das Drama unscheinbare Fallhöhen schafft, die man erst nur am Ende als solche erkennt. Plakative Wendungen gibt es keine, sondern nur welche zwischen den Zeilen, die da gesprochen und von Nia DaCosta, die eben erst im Kino mit ihrem Zombie-Sequel 28 Years Later: The Bone Temple die Verantwortung von Danny Boyle für ein wirkungsvolles Franchise übertragen bekam, so punktgenau entrümpelt und in Form gebracht werden.

Was die neue Hedda von Henrik Ibsens Original unterscheidet, sind die Rollen, sind die verbogenen Beziehungen und gesellschaftlichen Problemzonen, die sich in den gegenwärtigen Zeitgeist integrieren. Homosexualität, Rassismus, Feminismus – obwohl letzteres von Ibsen schon vorweggenommen, hat DaCosta ihre Stück-Adaption dermaßen aufgefrischt, dass zwar immer noch Ibsens tragischer, dunkler Stil erhalten bleibt, sich das Setting aber fast schon in einer zeitlosen, chronologisch schwer deutbaren und sprachlich äußerst eloquenten Modernisierung verorten lässt. So sollte, so muss Theater für die Leinwand adaptiert werden, vor allem klassische Dramen wie dieses. Gelungen ist dabei auch die Besetzung von Tessa Thompson in einer äußerst schwierigen Rolle, die sich, wie viele Rollen in Ibsens Stücken, nicht gerade trivialen Gefühlszuständen hingibt. Was also bleibt hinter der Fassade der Reichen und Schönen verborgen, was darf ausbrechen und vor allem wann?

Alles dreht sich schwindelerregend um die zurecht für diese Rolle Golden-Globe-nominierte Hauptdarstellerin, die dieser undurchschaubaren Charakterstudie atemberaubendes Charisma verleiht und in Nina Hoss einem Konterpart begegnet, der zwischen brüchiger und intakter Fassade gefahrvoll switcht. Hedda entwickelt sich als edel gefilmtes, üppiges Psychospiel und schenkt ihrer Kämpferin deutlich mehr Chancen als Ibsen ihr jemals zugestanden hätte.

Hedda (2025)

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

DIE GEMEINDE LÄSST BITTEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: RIAN JOHNSON

KAMERA: STEVE YEDLIN

CAST: DANIEL CRAIG, JOSH O’CONNOR, JOSH BROLIN, GLENN CLOSE, MILA KUNIS, JEREMY RENNER, KERRY WASHINGTON, ANDREW SCOTT, CAILEE SPAENY, DARYL MCCORMACK, THOMAS HADEN CHURCH, JEFFREY WRIGHT,  JAMES FAULKNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Schön ist das, wenn man als Regisseur freie Hand bei einem Franchise hat und sowohl für Skript als auch für die Umsetzung verantwortlich sein darf. Und das, obwohl Star Wars VIII: Die letzten Jedi (für mich aus völlig unerfindlichen Gründen) kaum auf Gegenliebe stieß. Dennoch: Bei Knives Out hat Rian Johnson für beide Seiten alles richtig gemacht. Also lässt er schon zum dritten Mal seinen bunten Haufen an Verdächtigen im Upstate New York zusammenkommen, irgendwo zwischen New York und Long Island, einem tristen Pflaster, wenn man obendrein noch voller Reue im christlichen Glauben die Absolution sucht. In dieser Gegend lassen sich Geheimnisse gut verstecken und Mordfälle nur schwer aufklären. Und wenn dann doch einer passiert, dann vorzugsweise in heiligen Hallen, wenn geht während des Gottesdienstes, und während Monsignor Jefferson Wicks (Josh Brolin mit dichter, grauer Haarpracht) wie üblich seine Gardinenpredigt hält. Der Verdacht fällt auf den strafversetzten Priester Jud (Josh O’Connor, The Mastermind), der mit den Methoden des Gemeindepfarrers überhaupt nicht zurechtkommt. Er nimmt diesem zwar die Beichte ab, doch stellt er selbst Nachforschungen an, um herauszufinden, was es mitunter auf sich hat, dass in der Apsis der Kirche kein Kreuz mehr hängt. Dabei stößt er auf eine zurückliegende, düstere Familientragödie rund um Vermögen, Erbe und einem versteckten Schatz. Als sich der Disput zwischen den Geistlichen zuspitzt, lässt sich der durchaus aggressive Jud zu Morddrohungen hinreissen – die folglich gegen ihn verwendet werden. Und gerade dann, wenn alles aussichtslos und der Mord an Jefferson Wicks unlösbar scheint, tritt Benoit Blanc auf den Plan. Ein Schnüffler in edlem Zwirn und herrlich distinguiert, der frappant an Peter Ustinovs Darstellung des Hercule Poirot erinnert, gemixt mit Dreitagebart und blonder Mähne, die seinem Alter anachronistisch zuwiderläuft und obendrein an Oscar Wilde erinnert. Dieser Benoit Blanc steht ebenfalls auf der Leitung, was den Fall betrifft. Jeder könnte wie üblich verdächtig sein und für jeden gilt es, Indizien zu sammeln. Währenddessen ereignen sich weitere mysteriöse Dinge, sogar eine Auferstehung von den Toten erfüllt den Filmtitel geradezu wortwörtlich.

Der Schnüffler als Nebenrolle

Rian Johnson hat diesmal, nach trautem Familienheim und einsamer Insel, den heiligen Ort der Kirche erwählt – und zugegeben, das Setting ist für einen Whodunit zwar nicht neu, hat aber noch jede Menge Potenzial. Hinzu kommt, dass man mit dem Entdecken bekannter Gesichter fast nicht nachkommt. In Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery sammelt sich wieder mal erlesene Schauspielzunft, um in diesem Ensemblestück etwas oder auch gar nichts im Schilde zu führen oder nur so zu tun, als ob. Die Stimmung, das neogotische Gewölbe, die dunklen Gänge, der labyrinthartige Garten – alles klassische Versatzstücke, die funktionieren. Nur diesmal steht Benoit Blanc vollends im Schatten all der anderen. Die Conclusio lautet gar: Daniel Craig in seiner zweiten Paraderolle nach James Bond – man hätte ihn nicht gebraucht. Denn O’Connor und Brolin, die beiden Joshs, geigen auf, da verkommt der Rest des Ensembles sowieso nur zur Staffage, und auch Benoit Blanc fehlt komplett die Durchsetzungskraft eines charismatischen Privatermittlers.

Schließlich ist es auch so, dass Blanc den Fall gar nicht mal richtig lösen muss. Die Challenge der Beweisführung zeigt überraschend früh Ermüdungserscheinungen, da Rian Johnson in seinem Skript so sehr darauf aus ist, einen unmöglich entschlüsselbaren Tatbestand zu ersinnen, dass die prickelnde Dynamik seines Filmes bis zum großen Paukenschlag an Kraft verliert. Mit anderen Worten: Die Lust an der kriminologischen Genialität steht sich selbst im Weg und hemmt die Ermittlungen. Am Ende öffnet Johnson das einzig mögliche Ventil, um den Kopf freizubekommen.
Was man danach mitnehmen kann, ist das feine Spiel des Ensembles und das ans Paranormale grenzende Mysteriöse – die Mörderjagd selbst ist, statt von Ehrgeiz gekrönt, kein Gipfelstürmer.

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

Best of 2025

DIE TOP 30 VON FILMGENUSS






Noch mehr ins Kino gehen geht nicht. Echt nicht. Dieses zurückliegende Jahr 2025 kann ich in vielerlei Hinsicht als Triumph bezeichnen. Das beginnt schon bei der Watchlist, die ja, rein theoretisch, vielleicht eine bis ins Astronomische gehende, unrealistische Benchmark beinhaltet, die man als Berufstätiger samt Familie und Partnerschaft niemals würde umsetzen können. Diese Watchlist wird zur konkreten Planungsliste, und wie durch ein Wunder deckt sich wie in keinem anderen Jahr Wunsch mit Wirklichkeit so dermaßen, dass man sich als Filmnerd in einem Paradies wähnt, das niemals würde enden mögen. Das lag zum Teil daran, dass ich meine bessere Hälfte zu vielen der Filme, die auf der Liste standen, mitnehmen durfte. Gemeinsam im Kino ist besser als einsam, noch dazu, wenn man kuscheln kann. Zum anderen daran, dass mein Kleiner schon groß genug ist, um keiner Aufsicht mehr zu bedürfen. Und drittens daran, dass ich Festivals wie Slash oder Viennale ohne dem Einfluss höherer Mächte durchziehen konnte, auch wenn ich mir manchmal dachte, ich schaffe es nicht.

Status Quo unserer Existenz

So waren die Highlights des Jahres natürlich die beiden konzentrierten Ausnahmewochen im Herbst. Die eine – das fantastische Festival Slash für Nerds, von Nerds und mit Nerds im Genre des Horrors, der Sci-Fi und der Fantasy, bei welchen ich innerhalb einer Woche 14 Filme mitnehmen konnte. Die andere – die Viennale im Oktober, bei der ich wie sonst niemals zuvor bei 22 Filmen mittendrin in vollbesetzten Kinos saß. Die Qualität ließ dieses Jahr wirklich nicht zu wünschen übrig. Dabei machte sich ein Trend bemerkbar, der stärker noch als im Vorjahr 2024, grundlegende, elementare Themen des Menschseins und der Existenz an sic, in den Vordergrund rückte. Anstatt den Eskapismus zu predigen und ein Kino der Unterhaltung und der Zerstreuung zu hofieren, hatten viele Filmemacher und Autoren so einiges zu sagen, was mit abstrakten und wenig greifbaren Begriffen wie Schönheit (Parthenope, A Different Man) Hoffnung (All We Imagine as Light, Amrum), Glaube (The Holy Boy), Liebe (Oslo Stories: Sehnsucht, Einsamkeit (U Are the Universe, Memoir of a Snail) und Wahrnehmung der eigenen Existenz zu tun hat – so gesehen in The Life of Chuck und In die Sonne schauen.
Werke wie Weapons, Blood & Sinners und Das Verschwinden des Josef Mengele konnten auf innovative Weise die dunklen Seiten, das Störrische, Magische und Mysteriöse, vor den Vorhang holen. Alles Filme, die ordentlich tief schürfen, das eigene Denken motivieren und als wertvolle Beiträge des Mediums Film einen Auftrag erfüllen, der über reine Information hinausgeht. Vieles davon bündelt das exorbitant sprachgewaltige und ästhetische Drama Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes nochmal unter dem Strich zusammen. Ein Film als gute Gelegenheit, das Jahr ausklingen zu lassen.

Zur Lage des Studiofilms

Wiedermal wird auch klar, dass Studiofilme mittlerweile schon wie Fast Food vielleicht während des Betrachtens attraktiv sind, doch weniger nachhaltigen Mehrwert aufbringen können als einige Jahre noch zuvor, als das MCU mit ihrer Infinity-Saga zu Ende ging. Superhelden sind zwar nach wie vor zugegen, aber brillieren mehr im Serienformat als im Kino, denn viel zu generisch, unbeweglich und auf Nummer sicher gehend agieren die großen Filmkonzerne, ohne den Horizont zu erweitern. Maximal noch darf James Gunn sich selbst als jemand bezeichnen, der mit seinem grotesk-charmanten Satire-Stil inklusive so einiger Schauwerte so ziemlich im Alleingang den Comic-Drachen reitet. Sonst aber müssten Disney und Co langsam die Zügel etwas lockerer lassen, oder nicht ganz so viel Budget in den Rachen diverser Projekte werfen, denn je mehr Geld man hat, desto bequemer wird man, und gibt es völlig auf, zu improvisieren und nachzudenken, wie es anders auch gehen könnte. Meine Devise: Einsparen und dadurch Kreativität fördern. Somit wäre das Risiko auch nicht so groß, wenn man an den Kassen scheitert. Dafür hat man aber Filme, zu denen man unbeirrt stehen kann, einfach, weil sie um ihretwillen gemacht wurden.

In diesem Sinne: Auf ein nicht weniger intensives und überraschendes Kinojahr 2026. Gerne mit unbequemen Themen, vielen Kreaturen (weil ich diese doch so liebe) und prachtvollen Synergien aus Cast und Crew. Denn Film ist so vieles.

Was folgt, ist nun mein Ranking der aus meiner Sicht 30 besten Werke. Viel Vergnügen beim Checken und Vergleichen mit den eigenen Top-Lists.

PLATZ 1: ALL WE IMAGINE AS LIGHT (2024)

Gleich Anfang des Jahres den ersten Neuner. Ein immersives, metaphysisches Gedankenspiel auf mehreren Ebenen, das Hoffnung und Illusion gleichschaltet und die heilende Kraft der Imagination feiert. Als rauschendes, zartfühliges Erlebnis bleibt dieses Werk in Erinnerung.  9/10 Punkte.

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PLATZ 2: THE LIFE OF CHUCK (2025)

Besser lässt sich Stephen King nicht verfilmen. Noch dazu handelt es sich hierbei nicht um Horror, sondern um etwas ganz Elementares, Tiefschürfendes, Bewegendes – um nichts weniger als die Bedeutung des Individuums und der eigenen Welt, wie wir sie wahrnehmen. Erkenntniskunde für Erwachsene, die philosophische Märchen lieben. 9/10 Punkte.

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PLATZ 3: LIKE A COMPLETE UNKNOWN (2024)

Wohl die einzige richtige Biografie unter den 30 besten Filmen. Das liegt vor allem an der mitreissenden Darstellung von Thimothée Chalamet, von welchem man glauben hätte können, er hätte die Rollen tatsächlich mit einem wie Bob Dylan getauscht, so nah kommt man diesem rätselhaften Charakter. Vereint mit der unvergesslichen, zeitlosen Musik und der kraftvollen Regie James Mangolds ergibt das 9/10 Punkten.

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PLATZ 4: IN DIE SONNE SCHAUEN (2025)

Ein Film, der Raum und Zeit sprengt. Und das ist nicht nur so daher gesagt. Lässt man sich fallen und taucht hier ein, ohne viel nachzudenken, so entwickelt sich ein traumschön-gespenstisches Meisterwerk, so avantgardistisch wie gewagt. 100 Jahre umspannend, und doch gefühlt das Erlebnis eines einzigen tragenden Moments. 9/10 Punkte.

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PLATZ 5: PARTHENOPE (2024)

Einer der aus meiner Sicht am Meisten unterschätzte Film des letzten Jahres. Paolo Sorrentino hat es scghließlich wieder einmal geschafft, Ästhetik und Schönheit in ästhetischen und wunderschönen bildern zu hinterfragen – in einer betörenden Parabel über das Äußerliche. 9/10 Punkte.

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PLATZ 6: THE HOLY BOY (2025)

Das Beste, was jemals während eines Slash Festivals zu sehen war. Allerdings fürchte ich, dass dieser irre Sozial-und Gesellschaftshorror rund um Religion, Glaube und Sektenhörigkeit hierzulande keinen Verleih finden wird. Bildgewaltig, verstörend, erhellend. 9/10 Punkte.

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PLATZ 7: BLOOD & SINNERS (2025)

Lange schon nicht mehr haben Vampire so sehr überzeugt wie in Ryan Cooglers innovativem Mix aus Musikfilm, Gangsterdrama und blutigem Südstaatenhorror. Ganz großes Kino mit irren Einlagen, starkem Schauspiel und Blutsaugern, wie sie sein sollen. Ganz ohne Funkeln. 8,5/10 Punkte.

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PLATZ 8: WEAPONS – DIE STUNDE DES VERSCHWINDENS (2025)

Zach Cregger hat es wieder getan – und das Genre des Horrorfilms von Stereotypen und Mustern befreit. In progressiver Stilkomposition und überraschenden Wendungen, die kaum jemand kommen sieht, beherrscht dieser gespenstische Trip so ziemlich alles, was Kleinstadtschrecken ausmacht. 8,5/10 Punkte.

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PLATZ 9: LEIBNIZ – CHRONIK EINES VERSCHOLLENEN BILDES (2025)

Was ist Kunst, was ist das Schaffen, was das eigene, über den Tod hinausgehende Portrait von einem selbst? Diese und andere existenzielle Fragen erörtern Edgar Selge als Philosoph und Aenne Schwarz als Malerin in Edgar Reitz humanistisch-klugem Weltbildkino.  8,5/10 Punkte.

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PLATZ 10: BLUE MOON (2025)

Richard Linklater hats drauf. Und nicht nur er: auch Ethan Hawke in der besten Rolle seiner ganzen Karriere. Ein wortgewaltiges Kammerspiel über das Scheitern und der Selbstignoranz eigener Stärken. Gesehen auf der Viennale, kommt dieser Streifen bei uns erst ins Kino. 8,5/10 Punkte.

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PLATZ 11: SENTIMENTAL VALUE (2025)

Familie passiert immer wieder von Neuem. Joachim Triers verknüpft sein gefeiertes Generationendrama mit der Metaebene einer Familienaufstellung und lässt einen beeindruckenden Stellan Skarsgård von der Leine.  8,5/10 Punkte.

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PLATZ 12: U ARE THE UNIVERSE (2025)

Einsamkeit, Endzeit, Hoffnung auf Liebe. Dieser ukrainische Science-Fiction-Film ist so bezaubernd wie beklemmend, so romantisch wie spannend. Ein Meisterwerk europäischen Weltraumkinos. 8/10 Punkte.

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PLATZ 13: DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE (2025)

Wie das Böse die Welt sieht: Mit der Nachkriegsbiografie um den Horrorarzt von Auschwitz gibt August Diehl wirklich alles, während einem klar wird, das störrisch-destruktive Ansichten niemals ganz ausgelöscht werden können. Desillusionierend und erhellend. 8/10 Punkte.

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PLATZ 14: HELDIN (2025)

Ein Tag im Leben einer Krankenschwester: So intensiv, atemlos und authentisch ist deutsches Kino selten. Eine tiefe Verbeugung und Würdigung vor einem heillos unterbezahlten job, der uns allen irgendwann mal das Leben retten wird.  8/10 Punkte.

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PLATZ 15: DIE FARBEN DER ZEIT (2025)

Bezaubernd, märchenhaft, epochenübergreifend: Cedric Klapisch feiert die Nostalgie, das neunzehnte Jahrhundert und die Verbindung durch gemeinsame Vorfahren. Ein prachtvolles Werk.  8/10 Punkte.

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PLATZ 16: OSLO STORIES: SEHNSUCHT (2024)

Das hier ist ein Film, der im kontroversen Dialog ans Eingemachte geht. Themen wie Partnerschaft, Vertrauen und Sexualität werden so direkt wir nirgendwo sonst auf die Probe gestellt. 8/10 Punkte.

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PLATZ 17: FRANKENSTEIN (2025)

Das Monster lebt! Und mit Jacob Elordi hat es auch den notwendigen Schritt ins neue Jahrtausend getan. Guillermo del Toro taucht diese bewegenden Figur in eine Parabel voller fantastischer Bilder, die dem Gothic-Drama mehr als gerecht werden. 8/10 Punkte.

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PLATZ 18: MEMOIR OF A SNAIL (2024)

Knete mit Tiefgang: Diese Trickfilmballade aus Down Under ist düster, verstörend und bizarr. Und gleichzeitig auch so unendlich liebenswert und warmherzig. 8/10 Punkte.

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PLATZ 19: NOUVELLE VAGUE (2025)

Richard Linklater die Zweite: Und was für ein Film! Die Entstehungsgeschichte des Klassikers Außer Atem feiert das Kino der Improvisation und der Avantgarde jenseits jeglicher Kontrolle. Ein wildes, spaßiges Abenteuer vor und hinter der Kamera. 8/10 Punkte.

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PLATZ 20: A DIFFERENT MAN (2024)

Was ist Schönheit, und wo ist das Monster? Dieser ganz besondere Hybrid aus Komödie und Psychodrama dreht den Spieß um, wenn es um Ideale, Äusserlichkeiten und Klischees geht. Einfach unverwechselbar. 8/10 Punkte.

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Auf den Rängen 21 bis 30 finden sich – mit der Bewertung 8 – die letzten drei mit der Bewertung 7,5:



22) A House of Dynamite (2025)

22) Dragonfly (2025)

23) Amrum (2025)

24) Vermiglio (2024)

25) Bird (2024)

26) The Black Hole (2024)

27) Der Meister und Margarita (2024)

28) Miroirs No. 3 (2025)

29) Wenn der Herbst naht (2025)

30) Superman (2025)

Best of 2025

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

Frankenstein (2025)

DER WERT GANZ GLEICH WELCHEN LEBENS

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

DREHBUCH: GUILLERMO DEL TORO, NACH DEM ROMAN VON MARY SHELLEY

KAMERA: DAN LAUSTSEN

CAST: OSCAR ISAAC, JACOB ELORDI, MIA GOTH, CHRISTOPH WALTZ, FELIX KAMMERER, LARS MIKKELSEN, DAVID BRADLEY, CHRISTIAN CONVERY, CHARLES DANCE, NIKOLAJ LIE KAAS, LAUREN COLLINS, RALPH INESON, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Dass Netflix Guillermo del Toros überbordendes Frankenstein-Drama in Österreich nicht auf die Leinwand brachte, grenzt ja fast schon an Banausentum. Was in Deutschland und anderswo zumindest eine kurze Zeit lang gewährt wurde, hat man hierzulande nicht umgesetzt. Und das, obwohl Frankenstein hinter dem bald erscheinenden dritten Avatar wohl der visuell stärkste Film des Jahres ist. Doch wie die Release-Politik funktioniert, bleibt im Dunst der Unverständlichkeit verborgen. Wirtschaftliche Interessen hin oder her: der Kunst seinen Raum zu geben wäre nur natürlich.

Das Monster als visuelle Variable

So bleibt uns nur der Platz vor dem Fernseher, der zum Glück groß genug ist, um ein bisschen etwas von der Wirkung abzubekommen, die der Film noch hätte entfalten können. Die ist selbst im Kleinformat stark genug, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Denn einer, der Filme wie Hellboy, Pans Labyrinth oder The Shape of Water zustande brachte und der selbst mit der Mystery-Noir-Nummer Nightmare Alley visuell alle Stückchen gespielt hat, darf nun bei Mary Shelleys Schauerroman auffahren, was geht.

Die Latte liegt bei diesem Stoff natürlich hoch – einer wie Boris Karloff in Gestalt von Frankensteins Monster ist so sehr Teil der Filmgeschichte und der Popkultur, das es unmöglich scheint, eine denkwürdige Interpretation entgegenzusetzen, die den Quadratkopf Karloffs auch nur irgendwie verdrängt. Das hat schon Kenneth Branagh probiert. Seine Frankenstein-Verfilmung ist zweifelsohne ein gelungenes Stück Theaterkino, und Robert De Niro als das Monster keine schlechte Wahl, nur blieb der Oscarpreisträger abgesehen von seinem Erscheinungsbild auch als die künstliche Person, die erschaffen wurde, hinter dem möglichen Spektrum an Empfindungen zurück. Bei Dracula selbst liegen die Dinge schon etwas anders, Dracula hat die Variabilität für sich gepachtet, Frankensteins Monster nicht. Doch nun, so viele Jahre später, schlüpft Jacob Elordi in die Kreatur – und schenkt ihm ungeahntes, schmerzliches, mitleiderregendes Leben, wie man es bei Karloff, De Niro und sonstigen Darstellern, die diese Rolle innehatten, vergeblich sucht. Dabei entfernt sich del Toro radikal vom gedrungenen, schweren, unbeholfenen Körper eines denkenden Zombies. Dieser hier ist ein wie aus Lehm geformtes Patchwork-Wesen aus einer anderen Dimension – ein Mann, der vom Himmel fiel. Ein Körper mit dem Geist eines Kindes, das vor den Entdeckungen seines Lebens steht. Die Beschaffenheit der Figur, ihr zusammengeflickter Leib, strotzt vor Anmut, physischer Stärke und verbotener Schrecklichkeit. Kein Wunder, dass Mia Goth als des Wissenschaftlers Schwägerin fasziniert ist von dieser Erschaffung. Denn wir, oder zumindest ich selbst, bin es ebenso.

Über Leichen gehender Ehrgeiz

Ihm gegenüber der Zynismus in Reinkultur – ein vom Ehrgeiz getriebener Möchtegerngott namens Viktor Frankenstein. Überheblich, getrieben, rastlos. Ein Visionär als Metapher für eine vor nichts haltmachenden Wissenschaft, die keine Moral, keine Ethik und kein Mitgefühl kennt, sondern nur sich selbst, den eigenen Ruhm und nicht mal das Wohl aller, welches durch eine Erkenntnis wie diese erlangt werden könnte. So wohlbekannt die Geschichte, so ausstattungsintensiv die Bilder dazu, und zwar von einer farblichen, strahlenden Intensität, dass man es schmecken, riechen und greifen kann. Frankenstein ist ein waschechter del Toro, getunkt in seine Farbpalette aus schwerem Rot, Aquamarin und giftigen Grüntönen. In diesem Bildersturm gelingt aber vor allem genau das, was Filme, die auf Schauwerte setzen, gerne hinter sich lassen: Die Tiefe der Figuren, die Metaebenen der Geschichte. Oscar Isaac kehrt Victor Frankensteins Innerstes nach außen, Jacob Elordi lässt das scheinbar gottlose Wesen als Konsequenz von Diskriminierung und Ablehnung in Rage geraten – als hätte es die Macht, sein eigener Gott zu sein. Frankenstein beginnt und endet im ewigen Eis, in einem Niemandsland ohne Zivilisation. Der richtige Ort, um über das Menschsein zu sinnieren. Dann passiert es, und im Licht der Polarsonne wird das Phantastische zum Welttheater.

Frankenstein (2025)

Cleaner (2025)

SCHLIERENFREI DIE WELT RETTEN

3/10


© 2025 SquareOne


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: MARTIN CAMPBELL

DREHBUCH: SIMON UTTLEY, PAUL ANDREW WILLIAMS, MATTHEW ORTON

KAMERA: EIGIL HENSEN

CAST: DAISY RIDLEY, MATTHEW TUCK, CLIVE OWEN, TAZ SKYLAR, FLAVIA WATSON, RUTH GEMMELL, RAY FEARON, HOWARD CHARLES U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wenn es nach alteingesessenen Star Wars-Fans geht, die mit der originalen Trilogie aufgewachsen sind, so sollte es J. J. Abrams‘ Sequel-Trilogie eigentlich gar nicht geben, so sehr soll sich Disney blamiert haben. Eine Meinung, der ich by the way nicht teile. In diesen bildgewaltigen Filmen spielt das Naturtalent eines Jedi die tragende Rolle – ihr Name: Rey Skywalker. Es stellt sich dabei die Frage, ob es nun ein einmaliges Glück war, das Daisy Ridley diese Rolle ergattern konnte, oder eben ein nachhallendes Stigmata, denn auch Mark Hamill hatte damals das Pech, mit Star Wars zwar weltberühmt und umjubelt zu werden, jedoch niemals wirklich aus diesem tonnenschweren Franchise-Schatten heraustreten zu können. Einmal Star Wars, immer Star Wars, vor allem dann, wenn man davor noch gänzlich unbekannt war. Zu sehr klebt der Hype, als dass man ihn loswerden könnte, um sich umzudisponieren und die Chance zu erhalten, ganz andere Saiten aufzuziehen. Daisy Ridley bemüht sich seitdem unentwegt, ihr Schauspiel unter Beweis zu stellen – die wirklich tragfähigen Angebote bleiben allerdings aus. Für Daniel Radcliffe zum Beispiel, einst der Junge mit der Narbe, hat sich die Mühe mittlerweile gelohnt. Für Ridley muss die Rechnung noch aufgehen.

Erfolgsrezept von damals 

Bis dahin zeugen Filme wie Magpie von ihrem darstellerischen Können, andere wiederum reichen als Lückenfüller, um die Stromrechnung zu bezahlen. Einer davon: Cleaner, ein Reißer von der Stange mit schalem Skript und uninspirierter Regie, obwohl hier einer am Werk war, der 2006 Daniel Craig in der furiosen Bond-Neuauflage Casino Royale reüssieren hat lassen. Martin Campbell hat seitdem wenig dazu beigetragen, die Filmwelt innovativ zu bereichern. Das Meiste landet direkt auf dem Streamer, Kinoauswertungen will sich damit niemand wirklich antun. Jüngstes Beispiel ist die Neubesetzung von John McLane aus der Stirb langsam-Reihe mit einer weiblichen Actionheldin, diesmal eben Daisy Ridley. Und nein, es ist nicht wirklich ein Reboot und hat auch nichts mit Bruce Willis‘ Paraderolle zu tun, allerdings fallen narrative Elemente wie ein von Terroristen gekapertes Hochhaus und eine zur falschen Zeit am falschen Ort befindliche Ex-Elitesoldatin insofern auf, da sie an einen Actionklassiker aus den Achtzigern erinnern, der nach wie vor unerreicht bleibt und der in seiner straffen Inszenierung und seinem abgegrenztem Setting alles richtig gemacht hat – bis hin zu den verblüffenden Tricks, die uns glauben ließen, ein brennender Helikopter stürze wirklich vom Dach des Nakatomi-Building in Los Angeles.

Lieblinge des Publikums

In Cleaner hängt Daisy Ridley anfangs noch in aufgeweckter Manier und einnehmendem Grinsen in einer Gondel an der Fensterfront eines ganz anderen Gebäudes. Längst nicht mehr beim Militär, darf sie jetzt, nach einer unehrenhaften Entlassung, einem sinistren Energiekonzern den Durchblick gewähren. Aufgebrummte Überstunden führen dazu, dass Ridley immer noch an der Glasfront klebt, als Öko-Aktivisten eine Party aufmischen, darunter Clive Owen, der sich wie seinerzeit Steven Seagal in der weitaus ansehnlicherem Actiongranate Einsame Entscheidung nach rund zehn Minuten Screentime verabschieden muss. Was folgt, ist der obligate Tritt einer moralisch integren Heldenfigur zwischen die Beine böser Buben. Den Drehbuchautoren fiel es dabei schwer, ihren Figuren charakterliche Tiefe zu verleihen, einzig Ridley boxt sich durch wie schon in ihren Star Wars-Filmen, für deren Ambivalenz sie wahrhaftig nichts kann. Der Antagonist bleibt dabei fade, genauso wie die leidenschaftslos abgespulte Handlung, die sich stets vorhersehen lässt und kaum mehr zu liefern imstande ist als in einem B-Movie dieser Art üblich.

Im Zuge dieser Feststellung fragt man sich schon, wie es Ex-King of Queens-Liebling Kevin James geschafft hat, mit seinem Guns Up die Kinos zu entern – und Cleaner eben nicht. Womöglich sind es die Beliebtheitswerte: Bei „Doug Heffernan“ vs. „Rey Skywalker“ gewinnt deutlich ersterer, während Daisy Ridley ihr Star Wars-Ruhm trotz Wachsfigur bei Madame Tussauds immer noch vor die Füße fällt.

Cleaner (2025)

Night Always Comes (2025)

BARGELDLOS DURCH DIE NACHT

5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BENJAMIN CARON

DREHBUCH: SARAH CONRADT, NACH DEM ROMAN VON WILLY VLAUTIN

KAMERA: DAMIÁN GARCÍA

CAST: VANESSA KIRBY, JENNIFER JASON LEIGH, ZACK GOTTSAGEN, RANDALL PARK, STEPHAN JAMES, JULIA FOX, MICHAEL KELLY, ELI ROTH U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Neben dem omnipräsenten Pedro Pascal ist wohl Vanessa Kirby spätestens seit ihrer Oscar-Nominierung für Pieces of a Woman in gefühlt jeder zweiten Filmproduktion dabei. Gerade eben durfte sie als Sue Storm den wasweißichwievielten Versuch, die integren Fantastischen Vier endlich mal erfolgreich auf die Leinwand zu bringen, tatkräftig unterstützen. Zwischendurch widmet sich die gebürtige Londonerin aber nach wie vor dem Arthouse-Film und produziert auch gerne selbst das eine oder andere Projekt – ganz besonders schien ihr die Verfilmung des Romans Night Always Comes von Willy Vlautin am Herzen gelegen zu haben, der eine Frauenfigur in den Fokus rückt, die ambivalent genug ist, um sie schauspielerisch ordentlich auszufüllen. Nichts eindimensionales, sondern facettenreich und mit einer ordentlichen Portion Verzweiflung, denn ohne diese würde Night Always Comes gar nicht erst mal in die Gänge kommen. Prämisse ist also eine ausweglose Situation, und wie in den meisten ausweglosen Situationen, wenn es sich dabei nicht um eine Krankheizt oder einen Survival-Unfall handelt, geht es folglich um den Mammon. Dieses ist nicht da, oder besser gesagt: wäre da, wenn Mutter Jennifer Jason Leigh nicht das notwendige Kleingeld für einen Neuwagen verprassen würde, das eigentlich dafür bestimmt war, die familiäre Immobilie zu sichern. Schließlich ist auch noch der nach besonderen Bedürfnissen verlangende Bruder Kenny mit von der Partie, der rund um die Uhr Betreuung braucht.

Dass die ganze Familie auf der Straße steht, ist ein No-Go. Und Lynette, so die Rolle der verzweifelten jungen Frau, die eine zwielichtige Vergangenheit mit sich herumschleppt, muss binnen einer Nacht ein ganz schönes Sümmchen auftreiben, damit das Undenkbare nicht passiert. Wie sie das macht, hätte ich dieser Person gar nicht zugetraut. Und auch während sie versucht, mit dem Mut der Verzweiflung sogar in die kriminelle Düsternis Portlands einzutauchen und so einige Straftaten zu begehen, natürlich alles für den guten Zweck: Kirby ist all das nicht zu glauben. Vielleicht liegt es an dieser Sanftmütigkeit, mit der sie ihre Rolle untermauert. Die dunklen Jahre minderjähriger Prostitution und Abhängigkeit hinterlassen im Charakterbild Kirbys keine Spuren, letztlich fehlt es an der notwendigen Portion Zynismus, um zu glauben, was man sieht. Ähnlich vage bleibt Jennifer Jason Leigh als dem Schicksal die kalte Schulter zeigende Zynikerin, die keine Vorstellung von einer grimmigen Zukunft hat. Einerseits wirkt sie versoffen, dann wieder völlig resignierend wie jemand, der im White Trash-Milieu nichts mehr zu verlieren hat – was aber nicht den Tatsachen entspricht. Wohin Benjamin Caron (u. a. Sharper mit Julianne Moore) seine Familie positioniert, mag diffuses Terrain sein. Einzig Zach Gottsagen, der Schauspieler mit dem Down-Syndrom, der schon an der Seite von Shia LaBeouf in The Peanut Butter Falcon brilliert hat, wirkt wie ein stoischer Fels in der Brandung, der von allen Beteiligten, obwohl orientierungslos, noch die beste Orientierung hat.

Zu sehr gefällt sich Kirby in der Rolle der Verzweifelten, im nachtschwarzen Milieu zwischen Drogen, Geldraub und längst nicht verjährter Traumata. Sie selbst hat sich von Arbeiten wie Good Time der Gebrüder Safdie und dem deutschen One-Shot Victoria inspirieren lassen – beiden Filmen fehlt aber das Gemächliche, die bausteinartige Struktur, die dem Chaos einer Nacht zuwiderläuft. Kirbys Erlebnisse greifen nicht ineinander, sondern folgen nacheinander, Virtuosität weicht gefälligem Existenzialismus, der wohl lieber die Emanzipation aus der Verantwortung probt als sich dem Thrill zu unterwerfen. Der Effekt dabei: Night Always Comes unterhält zwar und hat einige Spitzen auf Lager, die dicht genug sind, um dranzubleiben und nicht wegzudriften. Im Ganzen aber bleibt diese Nacht trotz seiner prekären Abenteuer eine unter vielen.

Night Always Comes (2025)