Mosul

WOFÜR ES SICH ZU KÄMPFEN LOHNT

6,5/10


mosul© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: MATTHEW MICHAEL CARNAHAN

CAST: SUHAIL DABBACH, ADAM BESSA, WALEED ELGADI, THAER AL-SHAYEI, BEN AFFAN, HAYAT KAMILLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Ungefähr zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen Wien und Mosul, der zweitgrößten Stadt im Irak. Nur zweieinhalbtausend Kilometer, mit dem Auto eine Fahrt von 36 Stunden. Das ist gar nicht mal so weit, das geht sich an einem Wochenende gerade mal noch aus, wenn man nonstop durchfährt. Was ich damit sagen will: lediglich so weit müsste man reisen, um in die Hölle auf Erden zu gelangen. Mosul ist mittlerweile keine Reise mehr wert, es sei denn, man hat vor, in absehbarer Zeit das Zeitliche zu segnen. Mosul ist wie das Ende des Humanismus, ist wie die pure Anarchie, ist Mord und Brand zwischen Ruinen und vor verbarrikadierten Straßen. Mittendrin: der auf dem Rückzug befindliche IS, neben Boko Haram wohl das größte Übel dieser Welt. Auch noch mittendrin: ein Haufen verrückter Hunde, quasi eine Suicide Squad in Echt, nämlich das Nineveh SWAT Team, eine zusammengewürfelte Miliz aus Polizisten, Ex-Soldaten und sonstigen wehrfähigen Männern, die wie wütende Rächer durch den Wahnsinn pflügen.

Dabei basiert dieser Kriegsfilm auf wahren Begebenheiten, um genau zu sein auf einem Zeitungsartikel, veröffentlicht im New Yorker. Ist also nichts Erfundenes, nicht vorrangig ein Actionkino für Liebhaber des pfeifenden Projektils, obwohl diese Klientel getrost hier fündig werden kann. Mosul ist ein Drama, kein zart erklingendes wohlgemerkt, sondern ein finsteres Roadmovie über Schicksale in Zugzwang, die ihre Pflichterfüllung im Kampf gegen das Böse sehen. Die bis an die Zähne bewaffnet, verbittert, traumatisiert, aber dennoch stolz und mit sich selbst im Reinen, zwar kein Pferd, aber immerhin den Panzerwagen besteigen, um ins Land der Gesetzlosen zu breschen. Erinnert irgendwie ans Mittelalter? Das tut es – und wenn wir uns nun Bomben und Granaten wegdenken und statt Gewehren scharfe Schwerter und Bögen einsetzen, ist es alles, was wir brauchen, um die von uns fälschlich romantisierten Zeiten wieder aufleben zu lassen, in der man für Familie, Ehre und Vaterland in den Kampf auf freiem Feld gezogen war.

Das freie Feld ist einem Häuser- und Straßenkampf gewichen, bei dem an scheinbar jeder Ecke Scharfschützen sitzen. In einem solchen umkämpften Viertel findet das Nineveh SWAT Team einen in die Bredouille geratenen Polizisten, der allerdings sagenhaft gut mit dem Schießeisen umgehen kann. Kurzerhand wird er rekrutiert und zieht mit, hat aber Probleme damit, Teil der Gruppe zu werden. Währenddessen verfolgen die „Inglourious Basterds“, wenn man so will, ein unbekanntes Ziel. Klar ist nur, sie rücken in ein Gebiet vor, dass noch in festen Händen der Islamisten weilt.

Mosul ist dreckig, staubig und brutal. Eine archaische, explizite Momentaufnahme aus einem Erdteil ohne Zukunft (gedreht wurde natürlich nicht vorort, sondern in Marokko). Was den Film ertragen lässt, sind die Werte, die die „Guten“ durch die Widrigkeiten schleppen. Zwischendurch lässt Matthew Michael Carnahan eine gewisse Liebe zum Detail erkennen, räumt Verschnaufpausen ein und lässt Gruppenführer Jasem aus einem inneren Zwang heraus herumliegenden Müll einsammeln, als würde er den Wiederaufbau seines eigenen Landes vorwegnehmen. Dann geht die Odyssee durchs Heilige Land wieder weiter, streng einem Codex folgend, und freilich nicht ohne Verluste. Als klar wird, worum es eigentlich geht, hat die menschliche Tragödie das kernige Kriegsgetümmel einige eingestürzte Häuserzeilen weit abgehängt.

Mosul

Joyride – Spritztour

EIN FALL VON SELBER SCHULD

6/10


joyride© 2001 Twentieth Century Fox Deutschland


LAND: USA 2001

REGIE: JOHN DAHL

CAST: PAUL WALKER, STEVE ZAHN, LEELEE SOBIESKI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Womit hat sich J. J. Abrams eigentlich herumgeschlagen, bevor er das Kultkino der 80er fürs 21. Jahrhunderts salonfähig gemacht hat? Er hat Drehbücher geschrieben. Zum Beispiel für das Amnesiedrama In Sachen Henry mit Harrison Ford. Oder für Forever Young, dem Kryonik-Drama mit Mel Gibson. Wohl eher weniger bekannt ist seine Vorlage für den Autobahn-Psychothriller Joyride – Spritztour von Genrespezialist John Dahl (Red Rock West). J. J. Abrams ist ja irgendwie so ein verspielter Kerl wie Steven Spielberg es zu seinen besten Zeiten gewesen war. Dessen Lebenswerk dürfte Abrams mit Sicherheit auch inspiriert haben, da braucht man sich nur Super 8 anzusehen. Der Mann hat ein Händchen für Suspense und Spannung, für Figuren und deren Beziehung untereinander. Seine Filme wirken lebendig, und nicht wie aufgewärmte Variationen etablierter Klassiker. Abrams hat auch den Mut, neues zu wagen. Aber nicht immer. Sein Script zu Joyride ist eine deftigere Version des 70er-Fernsehthrillers Duell von – wie kann es anders sein ­- eben Steven Spielberg, der damit eines der besten Genrestücke abgeliefert hat, die mit wenig Budget größtmögliche Wirkung erzielen. Für die, die das Szenario nicht kennen: ein Mann fährt mit seinem Auto den Highway entlang und wird von einem schwarzen Truck verfolgt, dessen Fahrer man nie zu Gesicht bekommt. Mehr ist es nicht – doch das reicht schon, um mit Spaß an der Freude und den Versatzstücken aus Paranoia und dem Unberechenbaren herumzujonglieren. Macht und Ohnmacht wurde selten so gnadenlos gut auf grobe Muster reduziert.

Joyride ist ähnlich. Auch hier jagt bald ein dunkler Truck die formschöne Karre von Paul Walker und Steve Zahn. Diesmal aber, im Gegensatz zu Duell, aus gutem Grund: die beiden Brüder erlauben sich einen schlechten Scherz mit einem Trucker, der glaubt, das Date seines Lebens zu verbuchen. Walker tut nämlich auf leichtes Mädchen und lockt den Unbekannten, dessen Funk-Pseudonym „Rostiger Nagel“ lautet, um Mitternacht in ein Motel. Natürlich ist dort vom Date keine Spur. Solche Spielchen kann man treiben – muss man aber nicht. Und wenn doch, sollte man in Betracht ziehen, dass manche einen ganz anderen Sinn für Humor an den Tag legen als die, die andere bis zur Peinlichkeit triezen wollen. Durchaus kann es passieren, dass dieser andere gar einer ist, der nicht ganz so eine gesunde Psyche an den Tag legt wie du und ich.

Was folgt, ist ein Katz- und Mausspiel. Falsche Fährten und gemeine Finten wechseln sich ab, irgendwann ist auch noch Leelee Sobieski mit dabei. Das alles ist schön auf Zug inszeniert, doch das Nachsetzen des Psychopathen ist eine hausgemachte Sache, nicht so eine völlig ungeahnte Katastrophe, die aus heiterem Himmel kommt wie bei Duell. Abrams und Dahl machen aus diesem David gegen Goliath-Konzept einen handfesten Thriller mit allem, was dazugehört, von verstörender Gewalt bis zum eskalierenden Showdown. Von perfiden dramaturgischen, aber doch halbwegs zu erahnenden Hakenschlägen bis zur Anonymität des Bösen. Joyride ist ein Fall von selber schuld – ohne Chance auf ein klärendes Gespräch.

Wenn ihr erst kürzlich den Thriller Unhinged mit Russel Crowe gesehen habt, der ungefähr in dieselbe Kerbe schlägt, könnt ihr John Dahls Reißer schon mal richtig einordnen. Im Grunde ein ähnlicher Film, nur das Böse hat dort Star-Appeal.

Joyride – Spritztour

Mank

MASTERMINDS, MÄCHTIGE UND MONETEN

5/10


mank© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: DAVID FINCHER

CAST: GARY OLDMAN, LILY COLLINS, AMANDA SEYFRIED, CHARLES DANCE, TOM PELPHREY, ARLISS HOWARD, TOM BURKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mir Orson Welles Citizen Kane aus cinophilem Pflichtbewusstsein heraus angesehen habe. Und ja, das Werk ist zweifelsohne bemerkenswert, wunderbar gefilmt und erzählerisch, vor allem für die damalige Zeit, recht innovativ. Als besten aller Filme, wie viele Kritiker und Experten behaupten, sehe ich ihn dennoch nicht. Da hat für mich Orson Welles Film Noir Im Zeichen des Bösen deutlich mehr Grip. Aber das nur nebenbei. Was Citizen Kane mit David Finchers neuester Arbeit Mank zu tun hat? Das Drehbuchgenie dahinter. Einem Mastermind, dem des Öfteren der Hochprozentige näher war als der Schreibstift: Herman Mankiewicz. Ein Alkoholiker unter dem Herrn, in klaren Momenten scharfer Denker und mutiger Dramaturg, der für Citizen Kane gar den Oscar erhielt. Dabei war gar nicht mal sicher, ob Citizen Kane überhaupt in den Kinos gezeigt werden dürfe, da sich das Script ganz deutlich das Leben von William Randolph Hearst zur Brust nahm, eines Medien-Tycoons und Zeitungsmogul, der sich in dem Werk diffamiert sah. Zeitgleich gab’s in den dreißiger Jahren politisch gesehen jede Menge ruheloses Blut, da gab’s die Sozialisten und die Kapitalisten, da gab’s einen Schriftsteller namens Upton Sinclair, der in Finchers Film regelmäßig genannt wird. Wer aber all diese politischen Bezüge, Hintergründe und vor allem: wer Citizen Kane nicht mal ansatzweise kennt oder weiß, was das für ein Film ist, der wird, salopp gesagt, mit Finchers sehr speziellem Werk nicht viel anfangen können.

Mank sollte im Doppel- oder gar im Dreierpack präsentiert werden. Als Prolog könnte man vielleicht gleich den ganzen Citizen Kane mit einbeziehen. Zwischendurch vielleicht eine aufschlussreiche Dokumentation über die Zeit von damals, über William Randolph Hearst vielleicht und dessen politischer wie gesellschaftlicher Bedeutung? Diese ach so nostalgischen frühen Jahre Hollywoods, was waren die eigentlich? Ein Völkerballspiel der freien Kräfte, die da waren MGM oder Universal oder Paramount oder Warner. Hinter all diesen Studios saßen die steinreichen Mächtigen mit viel Einfluss, die Stars erschufen oder wieder vernichteten, die eng mit der Politik kokettierten und um Einfluss gierten. Eine schöne Zeit war das keine, eine Zeit der Abhängigkeit viel mehr. Fincher dreht in Schwarzweiß, um zumindest optisch mit Kolorit, Stimmung und Atmosphäre das Damals zu verklären. Zugegeben, seine Bilder sind erlesen, die Kameraarbeit erste Sahne, auch schauspielerisch geben alle ihr Bestes. Ja, auch Gary Oldman, obwohl er die meiste Zeit nur devastiert herumliegt und wenn er nicht herumliegt, besoffen und verschwitzt durch Peinlichkeiten torkelt.

Was das von David Finchers mittlerweile verstorbenem Vater Jake Fincher verfasste Script zu Mank bereithält, ist, um es wohlwollend zu formulieren, nur bedingt interessant und hat obendrein ein massives Prioritätenproblem. Mank ist ein Film, der, hätte Netflix ihn nicht veröffentlicht, wohl nie ins Kino gekommen wäre. Der Film wäre, so wage ich zu prognostizieren, ein Flop geworden. Warum? Weil die Story, die erzählt wird, hauteng zugeschnitten ist auf ein Publikum der Experten, versierten Politkenner und eingelesenen Medienhistoriker. Ein Film für spezielle Nerds, die all diese Namen kennen und zuordnen können, die diesen mehr als zweistündigen Redeschwall auseinanderdividieren und zeitgleich zum Gesehenen all die Fußnoten vor dem geistigen Auge einfügen können. Zugegeben: ich konnte das nicht. Womöglich sind mir viele Bezüge durch die Lappen gegangen, ich kenne Hearst und Mankiewicz maximal dem Namen nach, Orson Welles ist natürlich ein Begriff, Upton Sinclair? Puh…sagt mir was, aber da müsste ich, um ins Detail zu gehen, irgendwo nachschlagen (was ich auch getan habe). Mank macht es Zusehern wie mir nicht leicht, an Bord zu kommen. Politischer Smalltalk, Männer im Anzug noch und nöcher, die sich treffen und die wieder auseinandergehen: ein Fall von geschmackvoller Eintönigkeit. In Sachen Erzählstil versucht Fincher – ähnlich wie Citizen Kane selbst – mit Rückblenden frischen Wind reinzubringen, er lässt Mankiewicz zurückdenken ans Damals der Dreißigerjahre, wo dieser maximal als Zaungast neben den Dingen stand, die da passiert sind. Übrigens: Louis B. Mayer, ja den kenn‘ ich auch noch.

Mank setzt ein Vorwissen voraus, welches das Gezeigte überhaupt erst lebendig macht. Herrscht hier ein Defizit, bleibt vieles unbeweglich, bruchstückhaft, nicht relevant genug, um wirklich zu begeistern. Von seinen historischen Figuren gibt Mank wenig Preis. Er macht sie zu Personen auf Fotografien, die auf ihren Einsatz warten. Von der eigentlich sehr wichtigen Rolle des Zeitungsmagnaten Hearst (Charles Dance) zum Beispiel bleibt wider seiner Notwendigkeit nicht viel mehr als eine zugerufene Schlagzeile. Hat man allerdings dieses Vorwissen zu all den Begebenheiten und Biographien, kann Mank durchaus mitreißend sein – das würde auch das Kritikerlob erklären. Für mich jedenfalls ist David Finchers Liebhaber – und Herzensfilm eine ausgebügelte, aus dem Kontext gerissene Making Of-Anekdote mit angehängtem Stückwerk aus Politik und Gesellschaft, das diese hauchdünne edle Patina an Bildern bemüht ist zu tragen.

Mank

Fatman

SANTA SPRICHT DAS NACHTGEBET

5/10


fatman© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: ESHOM & IAN NELMS

CAST: MEL GIBSON, WALTON GOGGINS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, CHANCE HURSTFIELD, SHAUN BENSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zur stillsten Zeit des Jahres tummeln sich in Film und Fernsehen neben traditionellen Klassikern und lieblichem Süßkram auch allerhand Skurriles. Zu erwähnen sei hier auf alle Fälle einmal das finnische Fantasyabenteuer Rare Exports oder auch Krampus mit Toni Colette. Geena Davis durfte es zur Weihnachtszeit auch schon ordentlich krachen lassen und Stirb langsam wird ebenfalls als jährliches Pflichtprogramm angesehen, obwohl dort Weihnachten nur als stille Bühne im Hintergrund fungiert. Zynisch und ungehobelt war Billy Bob Thornton als Bad Santa unterwegs. Und jetzt greift sogar noch Mel Gibson, seines Zeichens einmal großer Actionheld und exzentrischer Regisseur, recht desillusioniert nach der pelzumsäumten roten Mütze. Setkollege Kurt Russel hat es ja auch schon getan – heuer schon das zweite Mal. Beide tragen ihren grauweißen Swiffer stolz im Gesicht, das alleine reicht doch schon, um Santa Clause mal im diesseitigen Filmuniversum irgendwo zu positionieren.

In Fatman, einem brandneu erschienenen „Weihnachtsfilm“, darf sich ein um die Existenz bangender Mythos nun mit einem diabolischen Killer herumschlagen. Denn ein versnobter, ungeliebter und garstiger Junge, der unterm Christbaum nichts anderes als Kohle findet und darüber sehr erbost ist, will den Weihnachtsmann tot sehen. Klingt grotesk? Ist es allerdings auch. Dabei ist Fatman genretechnisch längst kein astreiner Actionfilm, genausowenig ein ernstzunehmender Thriller. Die Brüder Eshom und Ian Nelms haben hier einen vorweihnachtlichen Punsch zusammengerührt, der vor allem auch die Komponente des Fantasyfilms in sich trägt, als alkoholstarke Note wohlgemerkt. Hier tummeln sich spitzohrige Elfen mit Glockenschuhen genauso wie das amerikanische Militär, das die Geldprobleme des Weihnachtsmannes ausnutzt, um dessen freie Ressourcen für den Waffenbau zu nutzen. Der Glaube an eine artige Next Generation ist in Fatman auch längst hinfällig – zu böse, zu egomanisch, zu fies sind die Kids von heute, dass Santa um seine Arbeit bangen muss und zusehends nur noch Kohle verschenkt. Verheiratet ist er diesmal auch, und mit zwei rustikalen Knarren weiß auch er sich vor vergrämten Sterblichen zu verteidigen, die es zu ihm in den Norden schaffen.

Mel Gibsons glorreiche Zeiten scheinen tatsächlich vorbei zu sein, da kann er Bruce Willis die Hand reichen. Zumindest fällt dem gebürtigen Australier noch das eine oder andere originelle Script zu, aber als originell würde ich Fatman auch wieder nicht bezeichnen. Das mitunter blutige Fantasy-Abenteuer, gespickt mit Shootouts und Santas Gier auf Milch und Kekse, stapft als hanebüchener Murks durch den Schnee. Dabei genießt Walton Goggins jede noch so kleine arrogante Eigentümlichkeit seines akkuraten Antagonisten und zieht sein Image des obligaten Finsterlings mitunter freudvoll durch den Kakao. Gibson bleibt im Gegenzug recht flach. Bärbeißig zwar, aber flach. Doch wie man sieht: der American Way of Christmas lässt sich auf alle Arten ausleben – sogar im Stile eines Italowesterns mit Holzhammermoral.

Fatman

The Night Clerk

MENSCHEN IM HOTEL

4/10


nightclerk© 2020 EuroVideo


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL CRISTOFER

CAST: TYE SHERIDAN, ANA DE ARMAS, HELEN HUNT, JOHN LEGUIZAMO, JOHNATHON SCHAECH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


In Philipp Noyces urbanem Erotikthriller Sliver konnte Feschak William Baldwin den ganzen Tag damit zubringen, die Bewohner eines Hochhauses mit versteckten Kameras zu observieren, darunter auch die sinnliche Sharon Stone. So ein Spechtler, könnte man meinen. Bei Tye Sheridan als autistischer Nachtportier Bart liegt die Sache da schon anders. Denn der hat – von sich aus gesehen – guten Grund, seine Hotelgäste zu bespitzeln. Was nicht heißt, dass dieser daraufhin brühwarm alles Gesehene weitererzählt. Nein. Aus dem Verhalten der beobachtenden Personen versucht er, soziale Kommunikation zu erlernen. Wie man wann was sagt, wie und wann welche Phrasen Verwendung finden. Einfach, um Teil der Gesellschaft zu werden. Denn als Autist ist man alles andere als das. Da fällt es selbst schwer, gemeinsam mit Mama an einem Tisch zu sitzen. Mutter Helen Hunt bringt ihm sein Essen stets in den Keller, wo er lebt, beobachtet und vor sich hin sinniert.

Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, damit aus The Night Clerk den Sprung vom Psychodrama zum Thriller macht: denn irgendwann wird Bart Zeuge eines Mordes. Die Ermittler tappen im Dunklen, ahnen nichts vom Kamera-Geheimnis des eigenwilligen, aber zuverlässigen Angestellten, der sich bald darauf versetzen lässt, um dem Tatort nicht mehr nahe sein zu müssen. Im neuen Hotel angekommen, trifft er auf die liebreizende Ana de Armas, in die er sich Hals über Kopf verliebt – die aber, nichts ahnend, mit dem Mörder im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke steckt.

The Night Clerk ist der klare Fall einer Direct-to-DVD-Premiere. Angesichts einer viel stärkeren Genre-Konkurrenz hat dieser Film hier von Michael Cristofer (u. a. Original Sin mit Angelina Jolie) keine schlagkräftigen Argumente, um eine Kinoauswertung zu rechtfertigen. Als einer, der am Asperger-Syndrom leidet und sozial integrer werden will, macht Tye Sheridan (der Star aus Ready Player One) keine schlechte Figur. Das Krimikonstrukt rund um Sheridan ist allerdings ein völlig liebloser und oberflächlich hingeschluderter Mordfall, den selbst Columbo lieber delegieren würde. Hinten und vorne fehlt hier jede Menge Biss. John Leguizamo als Ermittler bleibt hölzern, die selten zu sehende Helen Hunt hat womöglich mangels anderer Filmangebote für dieses schale Projekt ihre Zusage erteilen müssen, um irgendwie wieder vor die Kamera zu kommen – so sehr sieht man ihr diese Notwendigkeit an. Die Sache mit dem Autismus hat schon so manches Filmprojekt vor dem totalen Absturz bewahrt und entbehrt nicht einer gewissen zynischen Bühnenpräsenz, die sich in stereotypen Verhaltensmustern überall leicht darstellen lässt. Einen ganzen Film kann diese Entwicklungsstörung aber auch nicht tragen, vor allem, wenn dieser sonst nichts hergibt. Alternative gefällig? Funktioniert hätte das ganze als Love Story zwischen Sheridan und de Armas, ganz ohne Krimiplot.

The Night Clerk

Greenland

WIR, DIE NEUEN DINOS

7/10


greenland© 2020 Tobis


LAND: USA 2020

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORENA BACCARIN, SCOTT GLENN, ROGER DALE FLOYD, DAVID DENHAM, HOPE DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Irgendwann, und zwar sehr bald, wird die Natur zurückschlagen. In welcher Form auch immer, das hat bereits die liebe Greta prophezeit, dabei fiel sogar das Wort Krankheit. Das ist spooky, denn 2020 war’s dann wirklich soweit und eine nun weltbekannte Pandemie hat des Menschen Freiheitsliebe schon mal ordentlich ausgebremst. Nicht auszudenken, was wäre, wenn Homo sapiens mit einem Kometen jonglieren müsste. War schon den Dinos vor 65 Millionen Jahren der Himmel auf den Kopf gefallen, blüht das jetzt, eine ganze Weile später, dem Homo prosperitas innerhalb von 48 Stunden. Denn in Greenland, einem waschechten Katastrophenfilm, hat sich der aus der Fremde heraneilende Komet Clarke vorgenommen, unserer lieben Terra körpernahe Avancen zu machen. Das Besondere an Clarke: er ist nicht nur ein Komet, sondern ein ganzes Sammelsurium an Brocken, die allesamt herabregnen wollen. Mittendrin Gerald Butler als Hochbau-Profi, der von der Homeland Security ausgewählt wird, samt Familie in einen Flieger zu steigen, der sie in einen Schutzbunker nach Grönland bringen soll. Nur: leichter gesagt als getan. Auf dem Weg in Abrahams Schoß stellt sich der Mensch, als solcher verhaltensauffällig in Extremsituationen wie diese, in den Weg.

Roland Emmerich würde wohl angesichts dieses Szenarios schnell und nebenbei bemerken: He, das ist doch der Stoff, aus dem meine Filme sind? 2012 ist noch gut in Erinnerung. Der dort explodierende Yellowstone-Supervulkan ebenso. Da wir 2020 sowieso schon als No-Go-Jahr abgeschrieben haben, zeigt der Komet zumindest auf der Leinwand, dass es noch schlimmer hätte kommen können. Und wer nun vermuten würde, hier Emmerich’sche Verhältnisse vorgesetzt zu bekommen, wird sich, angenehmen überrascht, so ziemlich irren. Greenland hat nicht vor, das Effekt-Bummbumm einschlagender Trümmer und in üppiger CGI-Slowmotion kaputtgehende urbane Welten zu komponieren. Auch starten keine grotesken Nerds wie in Michael Bays Armageddon gen Asteroiden. Es gibt auch keine verkannten Wissenschafter mit Kassandra-Komplex, auf die niemand hört. Ric Roman Waugh (u. a. Angels has Fallen, ebenfalls mit Butler) lässt die Beschaffenheit der Apokalypse außen vor. Von ihm aus könnte der Untergang auch anders gelagert sein. Der Komet ist nur eine Variable. Im Fokus stehen viel mehr unterschiedliche menschliche Verhaltensmuster, die zum Zug kommen, wenn es keine oder nur noch vage Hoffnung gibt. Der im Chaos wild rudernde Mensch wird brutal, panisch, agiert irrational, resigniert, feiert Partys oder tut alles, um nochmal mit Nächstenliebe sein Karma aufzubessern. Alle Schattierungen sind hier irgendwo zu finden. Dem Menschen steht frei, sein ganz eigenes Not-Programm zu wählen. Das zu beobachten, ist interessant, zeitweise beklemmend und faszinierend. Und vor allem eines: immens aufwühlend.

Greenland

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND

4/10

 

strange-but-true© 2019 Tiberius Film

 

LAND: KANADA 2019

REGIE: ROWAN ATHALE

CAST: MARGARET QUALLEY, AMY RYAN, GREG KINNEAR, NICK ROBINSON, BRIAN COX, BLYTHE DANNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Tarantinos Hippie-Girl aus Once Upon a Time… in Hollywood, Margaret Qualley, hat es auch in dieser Retail-Premiere eines Mysterydramas faustdick hinter den Ohren. Als ehemalige Freundin von Amy Ryans verstorbenem Sohn steht die Gute fünf Jahre nach dessen Tod vor der Türschwelle der trauernden Mutter, um ihr eine völlig absurde, fast schon kränkende Kuriosität unter die Nase zu reiben: das Bäuchlein, das Melissa nämlich vor sich herträgt, soll auf die Kappe des Verunglückten gehen. Wie das? Theoretisch und auch rein praktisch gar nicht möglich, oder? Naja, meint Melissa, dem Jenseits sei auch im Diesseits manchmal Tür und Tor geöffnet. Amy Ryan hört sich das natürlich nicht länger an und jagt das Mädchen aus dem Haus. Aber was in Dreiteufelsnamen ist da dran? Künstliche Befruchtung vielleicht? Mit einer postmortalen Spermaprobe? Mutter Ryan forscht nach. Und stößt, wie der Subtitel des Films schon vermuten lässt, auf dunkle Geheimnisse.

Roman Polanski, wo bist du, wenn man dich mal braucht? Dieses Script wäre doch ein Fall für den mittlerweile geächteten polnischen Filmemacher gewesen. Der hat aber schon mit Rosemaries Baby einen so gruseligen wie obskuren Film rund um eine ähnlich rätselhafte Schwangerschaft vorgelegt, da braucht es nicht noch so ein Werk. Womöglich wäre dieses Werk aber besser geglückt, denn mit Suspense kennt sich Regisseur Rowan Athale nicht ganz so gut aus. Basierend auf dem Roman von John Searles trommelt dieser immerhin einen ganz brauchbaren Cast zusammen, wobei es Richtung Nebenrollen immer austauschbarer wird. Und die Story selbst? Die fängt zwar vielversprechend an, stolpert aber in der zweiten Hälfte durch einen hemdsärmeligen, überkonstruierten Schubladenthriller, der seine anfangs sorgsam gesponnenen Charakterbilder in stereotype Verhaltensschablonen zwängt. Einzige Ausnahme bleibt Margaret Qualley, die lange geheimnisvoll bleibt, die zu Mutmaßungen anregt, die sich natürlich auch etwas an Mia Farrows naiver Figur der Rosemary aus Polanskis Film orientiert.

In Strange But True ist vieles seltsam, aber wahr. Besser wäre der Film aber mit folgendem Titel beraten: Zu seltsam, um wahr zu sein. Searles Roman weiß wahrscheinlich all die dunklen Geheimnisse besser auszuerzählen. Die Verfilmung hingegen scheint mit dem wuchtigen Unterbau der langsam ans Licht kommenden Geheimnisse öfters ziemlich überfordert zu sein.

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

Die schwarze Katze

UNIVERSAL-IKONEN IM CLINCH

5/10


the-black-cat© 1934 Universal Pictures


LAND: USA 1934

REGIE: EDGAR G. ULMER

CAST: BELA LUGOSI, BORIS KARLOFF, DAVID MANNERS, JULIE BISHOP, LUCILLE LUND, EGON BRECHER, JOHN CARRADINE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 6 MIN


Frankensteins Monster gegen Graf Dracula? Schön wär’s. Der aus Österreich-Ungarn stammende Edgar G. Ulmer, seines Zeichens Multitasker beim Film – vom Bühnenbild über die Regie bis hin zur Produktion – trug den Begriff B-Movie fast schon als dritten Vornamen. Zweitklassige Filme, in denen es an allen Ecken und Enden mangelte. Oft schrieb Ulmer seine Drehbücher selbst. Hin gehudelt während des Frühstücks oder am Lokus. Innerhalb weniger Tage waren diese Filme dann auch schon abgedreht. Doch was zählte, war die Resonanz des Publikums, und die war gut. Bei Die schwarze Katze geradezu phänomenal. Mit der gleichnamigen Erzählung von Edgar Alan Poe hat dieser nette Versuch eines Psychothrillers aber nichts zu tun, obwohl dieser im Vorspann steht. Den beiden Universal-Ikonen mag das egal gewesen sein, die waren damit beschäftigt, in diesem kruden Streifen aufeinander loszugehen. Und Ulmer? Der huldigt hier seiner alten Heimat Österreich-Ungarn. Schauplatz ist das Land der Magyaren, manch eine Biographie der Figuren hat österreichischen Bezug.

Worum es also geht? Um ein Ehepaar auf der Hochzeitreise durch Ungarn, das aufgrund eines Autounfalls bei Regen die Hilfe des obskuren Dr. Werdegast annehmen muss, der wiederum jemanden kennt, der eine neumodische Villa auf dem Hügel einer kriegshistorisch bedenklichen Ruhestätte errichtet hat. Dort suchen sie Zuflucht, während sich die Gattin auskuriert. Dieser Herr im Haus, genannt Poelzig, ist noch rätselhafter als Werdegast. Bald wird klar: letzterer ist dem Hausherrn nicht gut gesonnen – ganz im Gegenteil: er sinnt nach Rache aufgrund vergangener Schmach. Den beiden frisch Vermählten hingegen dämmert bald, das irgendetwas in diesen vier Wänden verhindert, dass die beiden wieder weiterreisen.

Boris Karloff ist ein Charakter, so einen gibt’s auch kein zweites Mal. Der grimmige, diabolische Blick, das bedächtige Wandeln durch den Flur. Längst nicht so grobschlächtig wie als Frankenstein, mehr wie der untote Pharao aus Die Mumie. Bela Lugosi hingegen gibt den Geschmeidigen, den Gutmenschen. Der Moment, wenn sich die beiden dann in die Haare geraten, ist sehenswert. Der Schauplatz – eine moderne Villa im Stil der Neuen Sachlichkeit, mitsamt morbid-musealem Kellergewölbe, ebenso. Sonst aber bietet der lediglich 66 Minuten lange Streifen recht behäbige Unterhaltung. Die schwarze Katze ist ein Film, der seine Zeiten nicht ganz so schadlos überdauert hat wie manch anderer Klassiker. Aus gegenwärtiger Sicht betrachtet, ist sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch jede Menge Luft nach oben. Immer dann, wenn’s pikant wird, leiten grobe Schnitte zur nächsten Szene über. Vieles sieht man erst gar nicht, obwohl es stattfindet, vielleicht aus Kostengründen eingespart. Das geht fast schon in Richtung Ed Wood, von Liebe zum Detail kann man nicht gerade schwärmen. Das Frauenbild ist fragwürdig, ja geradezu sexistisch. Die Prise Teufelskult verleiht dem Thriller auch nicht die Würze, die er aus heutiger Sicht vielleicht gebraucht hätte.

Die schwarze Katze ist insofern kurios, da die Hintergründe zum Film, dessen Stars und Regisseur wohl interessanter sind als das Werk selbst.

Die schwarze Katze

Klaus

DER WEIHNACHTSMANN ALS MENSCH

7/10 


klaus© 2019 Netflix


LAND: SPANIEN, USA 2019

REGIE: SERGIO PABLOS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SCHWARTZMAN, J. K. SIMMONS, RASHIDA JONES, JOAN CUSACK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


In Tagen wie diesen wird wieder vermehrt Weihnachtliches am Bildschirm konsumiert. In Ermangelung eines gemütlichen Kinobesuchs in der Adventzeit habe ich nun die letztjährig für den Oscar als bester Animationsfilm nominierte Tragikomödie Klaus einer Sichtung unterzogen. Für alle, die allerdings schon die Nase voll haben von Ho Ho Ho und sonstigem Nordpol-Kitsch, der ja in Dosen genossen durchaus anheimelnd wirkt, schnell aber wie ein Unmaß an Süßkram zu Unwohlsein führen kann – für alle also, die da schon die Nase voll haben, bevor es überhaupt so richtig angefangen hat, die könnten mit dieser Interpretation des Santa Clause-Mythos wohl am ehesten warmwerden. Denn die Richtung, die Klaus einschlägt, ist für einen Weihnachtsfilm, wie er normalerweise sein soll, eher auf dem geheimen Schleichweg unterwegs. Klar führt beides ans selbe Ziel, nämlich zum Weihnachtsmann mit all seinen Marotten und Gepflogenheiten, dem fliegenden Schlitten und den Rentieren und dem Kamin und so weiter und so fort. Doch wie sich Regisseur Sergio Pablos dorthin durcharbeitet, ist erstaunlich frei von aufgerüschtem Pathos.

Noch dazu beginnt die Geschichte irgendwo, nur nicht am Nordpol. Jasper ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Taugenichts unter der Sonne und einer, der dem stolzen Papa, seines Zeichens Befehlshaber aller auszubildenden Postboten weit und breit, schwer auf der Tasche liegt. Zwecks Läuterung wird dieser kurzerhand an den Allerwertesten der hier bekannten Cartoonwelt verbannt – in das schräge Kaff Zwietrachtingen. Kenner des Asterix-Comics Nr.25 – Der große Graben – werden sich an vergnügliche Lesestunden zurückerinnert fühlen. In diesem Dorf gibt es genau woe dort zwei Parteien, die sich schon Generationen lang bekriegen. Gute Stimmung herrscht hier trotz winterlichem Ambiente keine. Die 6000 Briefe, die Jasper verschicken soll, sind unerreichbare Zukunftsmusik. Wäre da nicht jenseits des Waldes ein alter, griesgrämiger Holzfäller und -Spielzeugschnitzer, der die ganze verfahrene Situation vielleicht doch noch geradebiegen könnte.

Animiert und gezeichnet ist Klaus schlichtweg grandios. Angelehnt an die 2D-Optik klassischer Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney, schafft es Pablos durch das Hinzuziehen von Schattierungen eine eigenwillig schimmernde Tiefe zu erzeugen. Das ist keine akkurate 3D-Optik wie bei Pixar. Die Charakterdesigns heben sich angenehm anders vom üblichen Animationsbrei ab, eben auch diese Mixtur aus Tiefe und Skizze verleiht dem Film eine ganz eigene Note, an der man sich lange nicht sattsehen kann, die immer neu erstaunt, die erfrischend bleibt bis zum Abspann. Das Dorf Zwietrachtingen trägt sogar ein bisschen Tim Burton-Kolorit – so liebevoll karikiert sind dessen Bewohner, so überhöht und überspitzt dessen Proportionen. Auch die Story selbst verspricht, mit launigem, keinesfalls infantilem Humor und durchaus auch ernsten Momenten eine Origin-Story rund um den Weihnachtmann auf die Beine zu stellen, die das Menschliche und durchaus nicht immer Perfekte dieser verehrten Figur in seinen Fokus nimmt. Der Weihnachtsmann ist hier längst nicht nur eine dickliche, kekseliebende und vergnüglich brummende Gestalt – sondern ganz einfach ein Individuum mit plausibler Biographie. Da auch Postbote Jesper nicht perfekt ist – und schlichtweg überhaupt niemand in diesem kauzigen Märchen rund um die Eigendynamik guter Taten – fühlt man sich als Zuseher ganz gut aufgehoben in diesem verspielten, bewegten Mikrokosmos eines liebevoll bizarren Werteparcours. Auch wenn die Apotheose von Holzmeister Klaus allzu plötzlich kommt – und gar nicht notwendig gewesen wäre.

Klaus

Flucht aus Pretoria

DIE SCHLÜSSEL ZUR FREIHEIT

7/10


Flucht_Pretoria© Koch Films 2020


LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: FRANCIS ANNAN

CAST: DANIEL RADCLIFFE, DANIEL WEBBER, IAN HART, MARK LEONARD WINTER, NATHAN PAGE, GRANT PIRO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Was waren das nicht für Ausbruchsszenarien! Steve McQueen zum Beispiel, der von der Teufelsinsel floh. Packend inszeniert im Streifen Papillon. Oder Clint Eastwood auf der Flucht von Alcatraz – eine unvergleichlich präzise Chronik tatsächlicher Ereignisse. Und natürlich nicht zu vergessen Tim Robbins Pin-Up-Girl-Trickserei in Die Verurteilten – fiktiv zwar, aber einfach genial. Jetzt, nach langen Jahrzehnten halbgarer Ausbruchsfilme, unter ferner Liefen zum Beispiel Escape Plan mit Stallone und Schwarzenegger, gibt es jetzt endlich wieder ein Werk, dass sich geschnäuzt und gekämmt auf Augenhöhe mit eingangs erwähnten Klassikern begeben kann: Flucht aus Pretoria. ein australischer Film, rekapituliert die unglaubliche, aber wahre Geschichte der Politaktivisten Tim Jenkinund Stephen Lee, die in den aufwühlenden Zeiten der südafrikanischen Apartheid mit Flugzettelbomben das unterdrückte Volk zum Ungehorsam aufwiegeln wollten. Pech für die beiden: sie werden erwischt und wandern für geraume Zeit hinter schwedische Gardinen. Zum Glück nicht auf Robben Island, auf welcher zur selben Zeit Nelson Mandela seine lebenslange Haft absitzen muss. Hinter Schloss und Riegel kommen die beiden im Staatsgefängnis von Pretoria, wie der Titel schon sagt. Wobei keiner der beiden nur eine Sekunde ernsthaft daran denkt, die aufgebrummte Zeit abzusitzen. Ganz im Gegenteil – kaum im Häfen, schmiedet Tim Jenkin – souverän verkörpert vom brillen- und barttragenden Daniel Radcliffe – einen Fluchtplan. Dabei wählt er die offensichtlichste aller Methoden., um Tür und Tor für die Freiheit zu öffnen – er fertigt Schlüssel an.

Wie und wann er das macht, wie er diese Schlüssel testet, wie er überhaupt an die Originalvorlagen herankommt, und wer ihm dabei hilft oder nicht hilft – das wird zum spannenden, packenden und enorm konzentrierten Spießrutenlauf, zum Balanceakt ohne Netz und doppeltem Boden. Dabei geht Regisseur Francis Annan natürlich keinerlei Risiken ein, was seine Verfilmung angeht: Flucht aus Pretoria ist routiniertes, handwerklich sauberes Kino ohne Firlefanz. Hier ist das, was man sieht genau das, was man bekommt. Metaebenen, Psychostudien oder sonstiges sind hier maximal in der Besuchszeit gestattet – und auch dann nicht, denn Annans Film konzentriert sich auf eigentlich recht trockene, aber kuriose Fakten, die das Leben zum besten Storyteller machen. Was braucht es da nämlich sonst noch außer Radcliffe und Co dabei zuzusehen, wie sie das Unmögliche wagen, wie sie ihre politische Motivation, im Menschenrecht zu sein, zu einem dermaßen frechen Escape Plan verleitet, der allen Kerkermeistern Südafrikas die lange Zunge zeigt. Nicht umsonst zog Jenkins und Lees Ausbruch die größte Polizeiaktion des Staates nach sich. Flucht aus Pretoria ist gewitztes True Story-Kino auf Nadeln. Für Freunde von Knastfilmen, die nicht zwingend den Mikrokosmos gnadenloser Ganglandschaften untersuchen, sondern lieber mit den Motiven eines pragmatischen Handwerk-Thrillers spielen, für dessen Helden Selbstmitleid ein Fremdwort ist, weil sie lieber Köpfchen haben.

Flucht aus Pretoria